Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 15

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Bei Adolfs Namen wurden die krampfhaften Züge Machtelds leichter. Ein sanftes Lächeln verscheuchte den schmerzlichen Ausdruck ihres Angesichts, und sie antwortete mit ruhiger Stimme:

»Adolf habt Ihr gesagt? Adolf ist fort, um den Löwen zu holen. Habt Ihr ihn gesehen? Er hat Euch von der unglücklichen Machteld erzählt, nicht wahr? O ja, er ist mein Bruder! Er hat ein Gedicht für mich gemacht ... Still! Ich höre die Klänge seiner Harfe ... Welch schönes Lied! Aber was ist das?... Ja, mein Vater kommt; ich sehe schon einen Strahl ... ein heiliges Licht ... weg, Ehrloser!«

Nun gingen ihre Worte in dumpfe Laute über, und ihre Rede wurde unverständlich. Ein schwermütiger Ausdruck verdüsterte ihre Züge.

Der Ritter erschrak bei diesen drohenden Blicken. In seiner argen Pein wußte er nicht, was tun, und fühlte, daß ihm der Mut schwand. Ohne zu sprechen, faßte er die Hand seines kranken Kindes und benetzte sie mit Tränen der Liebe und des Schmerzes; doch sie riß schnell die Hand aus der seinen und rief:

»Diese Hand ist nicht für einen Franzosen! Ein falscher Ritter, ein Räuber, wie Ihr, darf sie nicht berühren. Eure Tränen sind Flecken, die der Löwe mit Blut tilgen wird. Erschreckt, Schlange! Bebt, denn der Augenblick naht! Seht Ihr dies Blut auf meinem Gewande? Das ist auch französisches Blut -- wie schwarz!«

Der Ritter konnte diese Folterqualen nicht mehr ertragen. Flehentlich fiel er vor der Jungfrau nieder und schluchzte:

»Um der Liebe des Herrn willen, meine unglückliche Machteld, weise die Liebe Deines Vaters nicht länger von Dir. Laß meine traurige Reise nicht vergebens sein. Kannst Du meine Tränen so gleichgültig anschauen, hat Deine teure Stimme nicht ein einzig tröstendes Wort für mich? Soll ich denn vor Schmerz zu Deinen Füßen sterben?«

Die Jungfrau sah ihn mit Abscheu an.

»Ein Wort!« fuhr der Ritter fort; »nenne mich Deinen Vater, stoße ihn nicht mehr von Dir. Ach, wüßtest Du, mein unglückliches Kind, welche Schmerzen mir Deine Verachtung verursacht, könntest Du doch die Angst Deines Vaters sehen! Aber nein, Du bist außer Dir, die Verfolgung der Franzosen hat Deinen Geist verwirrt! O Jammer!«

Er wollte sein unglückliches Kind in die Arme schließen, doch sie erschrak bei diesem Versuch und rief heftig mit gellender Stimme:

»Hinweg! Streckt Eure Arme nicht so nach mir aus! Es sind Schlangen, die das Gift der Schande in sich tragen. Ha! Berührt mich nicht, haltet ein, Bösewicht! Hilfe! Hilfe!«

Durch eine rasche Bewegung riß sie sich aus den Armen des Ritters und sprang laut jammernd vom Bett auf. In ihrer Angst lief sie nach dem Ausgang des Saales und wollte entfliehen. Der Ritter erbebte und warf sich ihr ängstlich in den Weg, um sie zurückzuhalten. Wie schrecklich war dies Schauspiel, wie unermeßlich der Schmerz des Ritters! Er umfaßte seine Tochter mit banger Sorge und versuchte, sie zum Bette zurückzubringen; aber sie in ihrer Verwirrung hielt ihn für ihren Feind und kämpfte mit furchtbarer Heftigkeit gegen ihren verzweifelten Vater. Mit fast übernatürlicher Anstrengung entwand sie sich mehrmals seinen Händen, und er mußte ihr im Saale nachsetzen; sie schrie laut auf und schlug bei ihrem Widerstreben mit unglaublicher Kraft um sich. Um sie an der Flucht zu hindern, sah ihr Vater sich genötigt, sie mit größerer Gewalt zurückzuhalten und sie fest in seine Arme zu drücken. Er machte von seiner Kraft Gebrauch, hob das klagende Mägdelein empor und trug es auf das Bett zurück. Sie betrachtete ihn mit zornigen Blicken und begann bitterlich zu weinen.

»Ihr habt die Kräfte eines Mägdeleins niedergezwungen, falscher Ritter,« schluchzte sie. »Was zaudert Ihr nun? Niemand sieht ja Euer Verbrechen als Gott allein. Aber dieser Gott hat den Tod zwischen uns gestellt! Ein Grab gähnt zwischen uns! Darum weint Ihr.«

Der unglückliche Vater war so schmerzzerrissen, daß er diese Worte nicht hörte. Wiederum setzte er sich gramerfüllt nieder und betrachtete sein weinendes Kind mit irrem Blick; unbeschreibliche Qualen nagten an ihm und raubten ihm den Mut; sein Haupt sank kraftlos auf die Brust.

Währenddessen hatten sich Machtelds Augen geschlossen, und sie schien zu schlafen. Ein lichter Hoffnungsschimmer drang in das Vaterherz; diese Ruhe konnte sein Leiden und die Schmerzen seiner Tochter lindern. In diesem Gedanken verhielt er sich ganz still, um den Schlaf des Mägdeleins nicht zu stören. Er betrachtete sie mit liebevollem Blick, und trotz allen Schmerzes empfand er doch noch eine wehmütige Freude.

XIV.

Einige Zeit, nachdem Breydel das zerstörte Schloß verlassen hatte, kam er mit seinen Genossen nach Saint-Kruis. Schon unterwegs waren ihm viele Brügger entgegengekommen und hatten ihm mitgeteilt, daß die französische Besatzung der Stadt gewaffnet bereit stünde, um ihn in Empfang zu nehmen. Noch siegestrunken von dem errungenen Erfolge hörte er auf keine Warnungen und hielt sich für stark genug, den Franzosen zum Trotz Brügge zu betreten; aber einige Schritte hinter dem Dorfe Saint-Kruis ward er mit seinen Fleischern durch ein unerwartetes Hindernis aufgehalten.

Der Weg bis zum Stadttor wimmelte so von Menschen, daß man unmöglich durch die dichten Scharen dringen konnte. Trotz der noch herrschenden Dunkelheit konnte man aus dem Gebraus der Tausende von Stimmen die unzählbaren Massen ermessen, die aus der Stadt strömten. Mit staunender Verwunderung betrachtete Breydel diese Menge, die wie ein wogender See vorwärts drängte, und wich mit seinen Leuten zur Seite des Weges aus. Die Flüchtlinge liefen nicht verwirrt durcheinander, sondern jede Familie hielt sich für sich, ohne sich unter die anderen zu mischen. Fast in jedem Trupp war eine weinende Frau; auf die Schulter der einen lehnte sich ein greiser Vater, eine andere trug einen Säugling an der Brust und führte ihre schreienden, müden Kinder an der Hand. Dahinter kamen die älteren Söhne, die unter der Last des Hausgeräts und des Bettzeugs gebückt dahinzogen. Solcher Gruppen gab es unendlich viele. Manche hatten kleine Wagen voll Waren, die sie in Sicherheit brachten, etliche saßen zu Pferde; doch Lasttiere hatten nur sehr wenige.

Breydel hätte gern die Ursache dieses seltsamen Zuges erfahren und fragte viele Flüchtlinge, wohin sie strebten, und weshalb sie ihre Stadt verließen; aber die Klagerufe der Frauen gaben ihm keine Lösung dieses Rätsels.

»O Herr!« rief die eine, »die Franzosen wollen uns lebendig verbrennen, wir entfliehen qualvollem Tode!«

»Ach, Meister Breydel,« rief eine andere noch schmerzvoller, »wenn Euch Euer Leben lieb ist, geht nicht nach Brügge; denn für Euch steht ein Galgen über dem Schneidertor!«

Als Breydel durch eine zweite Frage sich die Sache aufklären wollte, ertönte aus dem Zuge eine kräftige Stimme gleich dem Geheul des Wolfes und schrie:

»Vorwärts! Vorwärts! Wir Ärmsten! Die französischen Reiter verfolgen uns!«

Und alle stürzten verzweifelt weiter, und mit unglaublicher Schnelligkeit flüchtete die Menge in der Finsternis vorbei. Da erschollen gleichzeitig mehrere Klagerufe:

»Wehe, wehe! Sie verbrennen unsere Vaterstadt! Seht, die Flammen steigen über unseren Dächern auf. O wehe, wehe!«

Breydel war bis dahin erstaunt stehen geblieben. Nun wandte er den Blick nach der Stadt und gewahrte rote Flammen und Rauchwirbel über den Wällen. Wut und Schmerz lohten in seiner Brust auf. Er wies nach der Stadt und rief:

»O Leute, gibt es Feiglinge unter euch, die ihre Stadt so verwüsten lassen? Nein! Sie sollen sich nicht an diesem Freudenfeuer ergötzen! Auf, auf, werft alles aus dem Weg! Wir müssen durch!«

Gefolgt von seinen Genossen warf er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in die Menge und trieb die erschreckten Familien auseinander. Ein furchtbarer Lärm, ein schreckliches Geheul entstand, und die Flüchtlinge liefen eilig nach allen Seiten aus dem Wege, denn sie glaubten, daß die französischen Reiter ihnen nach dem Leben trachteten. Es fiel Breydel nicht schwer, durch die flüchtenden Frauen und Kinder zu dringen, und er kam rasch genug vorwärts. Während er sich noch verwunderte, keine streitbaren Leute oder Zunftgenossen anzutreffen und vergebens nach ihnen ausspähte, stieß er unerwartet auf eine geordnete Rotte. Es waren viele Gesellen von der Weberzunft, und alle bewaffnet, wenn auch gar kunterbunt: sie trugen Armbrüste, Messer, Beile oder was sie sonst an Waffen gefunden hatten. Ein Hauptmann ging strammen Schrittes vor ihnen her und sperrte so den Weg wie mit einem Schlagbaum. Immer mehr solche Scharen kamen nach und nach aus der Stadt, und die Zahl der Bewaffneten betrug fast fünftausend Mann. Breydel wollte sich dem Hauptmann nähern, aber jetzt hörte er etwas weiter eine Stimme, die das Geräusch der Waffen beherrschte. Er erkannte De Coninck an seinen Worten:

»Behaltet nur Ruhe und Mut im Herzen, meine Gesellen! Daß niemand sein Glied verläßt! Und geht nicht hastig vorwärts, damit ihr nicht in Unordnung kommt. Vorwärts die dritte Rotte, schließt auf den Troß! Hauptmann Lindens, brecht Euren linken Flügel!«

»Aber was bedeutet das?« rief Jan Breydel, indem er zu De Coninck trat. »Ihr ergötzt euch an schönen Übungen und duldet, daß man unsere Stadt verbrennt? Wollt ihr als Memmen euren Frauen und Kindern auf der Flucht folgen? Ach, was seid ihr für jämmerliche Feiglinge!«

»Immer hitzig, immer leidenschaftlich!« entgegnete De Coninck. »Was redet Ihr nur von Brennen? Seid ganz ruhig, die Franzosen werden schon nichts verbrennen.«

»Aber, Meister Peter, seid Ihr denn blind? Seht Ihr denn nicht die Flammen über unseren Mauern?«

»Schön. Das ist das Stroh, das wir angezündet haben, um unsere Troßwagen ungehindert durch das Tor zu bringen. Die Stadt ist nicht in Not, mein Freund. Kommt mit mir nach Saint-Kruis zurück, ich habe Euch wichtige Geheimnisse mitzuteilen. Jetzt ist die Zeit da. Ihr wißt, daß ich die Sache kaltblütig beurteile und deshalb oft Recht behalte. Folgt meinem Wunsch und stellt Eure Fleischer geordnet an die Spitze. Wollt Ihr?«

»Ich muß wohl, denn ich weiß ja nicht, was im Werk ist. Laßt Eure Weber einen Augenblick haltmachen.«

De Coninck befahl den Anführern, ihre Leute haltmachen zu lassen. Dann rief Jan Breydel mit erhobener Stimme:

»Genossen! Stellt euch in Reih und Glied an die Spitze des Zuges! Jeder zu seiner Abteilung; macht schnell!«

Derweil lief er zwischen den Fleischern auf und ab und stellte sie an ihre Plätze. Als das geschehen war, kam er wieder zu de Coninck und sagte:

»Wir sind fertig, Meister, Ihr könnt nun die Befehle geben!«

»Nein, Breydel,« antwortete der Obmann der Weber, »ich lasse Euch den Oberbefehl. Gebietet Ihr dem Zug, Ihr genießt mehr das Ansehen eines Heerführers als ich.«

Der Obmann der Fleischer freute sich sehr über diese Anerkennung und rief mit donnernder Stimme:

»Fleischer und Weber! In gemessenem Schritt -- -- vorwärts marsch!«

Auf diesen Befehl setzten sich die Rotten in Bewegung, und das kleine Heer zog langsam des Wegs dahin. Bald stießen sie bei Saint-Kruis auf die Frauen und Kinder, die dort mit Hab und Gut hockten. Seltsam sah es auf diesem wirren Lagerplatze aus. Unzählige Familien hatten sich auf einem ausgedehnten Felde niedergelassen. Die Nacht war so düster, daß man kaum einige Schritte vor sich etwas unterscheiden konnte. Aber man hatte schon etliche Feuer angezündet, so daß man die traurigen Familien beisammensitzen sah. Die Flammen beleuchteten mit rötlichem Schein die bekümmerten Züge der Mütter und zeigten, wie sie mit banger Liebe den Säugling an die beklemmte Brust drückten. Andere Kinder lagen ermüdet auf den Knien und weinten vor Hunger und Durst gar bitterlich; aber man konnte ihnen nichts zur Erquickung bieten. Wie schwer mußten die armen Mütter bei diesem schmerzlichen Anblick leiden! Das Geräusch auf dem Lagerplatz klang bei der Dunkelheit und dem Leuchten des Feuers noch unheimlicher. Das Geschrei der Kinder und die unterdrückten Klagen der Frauen griffen tief in die Seele, wie das letzte Gebet am Freundesgrab. Durch alles dieses tönte der ängstliche Ruf der Kinder, die ihre Mütter verloren hatten, und das Heulen der Hunde, welche vergeblich ihre Herren in dieser Verwirrung suchten.

De Coninck ging mit Breydel in ein Haus am Wege und ließ sich von den Bewohnern ein Zimmer anweisen. Mit der größten Ehrerbietung räumten ihm die Landleute ihre ganze Wohnung ein und führten die beiden berühmten Brügger in eine kleine Kellerkammer zu ebener Erde. De Coninck nahm der Frau, welche sie dorthin führte, die Lampe aus der Hand. Als sie das Zimmer verlassen hatte, schloß er die Tür fest zu, damit sie niemand belauschte oder überraschte. Dann gab er Breydel einen Zettel und setzte sich neben ihn. Während der Fleischer ihn neugierig ansah, begann er:

»Erst will ich Euch erklären, warum wir die Stadt in der Nacht wie Flüchtlinge verlassen. Daran seid Ihr schuld mit dem unvorsichtigen Racheakt, den Ihr gegen Euer Gelübde an der Besatzung von Male begangen habt. Als die Flammen himmelhoch über dem Wald emporlohten, wurden die Sturmglocken in der Stadt gezogen, und alle Einwohner liefen ängstlich zusammen. In diesen traurigen Zeiten sehen sie ja immer den Tod vor sich. Herr von Montenay hatte seine französischen Söldner, und zwar nur um der eigenen Sicherheit willen, auf dem Markte versammelt. Man wußte nicht, was vorging; aber als einige Eurer Schlachtopfer von Male herbeieilten und laut schrien, man müsse an den Brüggern Rache nehmen, da waren sie nicht mehr zu halten; sie wollten alles verbrennen und ermorden, und Herr von Montenay mußte ihnen mit dem Tode drohen, um mit ihnen fertig zu werden. Ihr könnt Euch denken, daß ich angesichts dieser Lage meine Weber versammelt hatte und mich zu blutiger Gegenwehr bereit machte. Vielleicht wäre es uns geglückt, die Franzosen zu verjagen, aber das hätte uns nur geschadet; ich werde Euch das gleich beweisen. Ich ging dann unter freiem Geleite zu Herrn von Montenay und erlangte von ihm, daß er nichts wider die Stadt unternehme unter der Bedingung, daß wir alle stehenden Fußes fortzögen. -- Bei Sonnenaufgang wird er alle in der Stadt verbliebenen Klauwaerts hängen lassen.«

Breydel fuhr heftig auf, als er den Obmann der Weber diese schändlichen Bedingungen so kaltblütig erzählen hörte.

»Ist es möglich!« rief er; »wie konntet ihr das so feigherzig annehmen? Ihr laßt euch wie eine Herde dummer Schafe vertreiben? Wäre ich zur Stelle gewesen, ihr hättet Brügge nicht verlassen!«

»Oho, wäret Ihr dagewesen! Wißt Ihr, was dann geschehen wäre? Die Straßen von Brügge lägen voller Leichen, verheerende Flammen hätten unsere Häuser bereits in Asche gelegt. Aber, mein leidenschaftlicher Freund Jan, ich muß Euch erst die Lage noch besser klarmachen; dann werdet Ihr mir sicher recht geben. Solange die anderen Städte des Landes von den Fremden geknechtet werden, kann die Stadt Brügge nicht frei und unabhängig bleiben; denn alsdann hocken unsere Feinde dauernd unter unseren Wällen. Man darf auch nicht das Vaterland über die Geburtsstadt vergessen. Die Ketten der französischen Zwingherrschaft können wir nur mit Hilfe der anderen Städte Flanderns brechen, weil in jedem Orte Feinde wohnen, die alles darauf anlegen würden, uns die errungene Freiheit wieder zu rauben. Gewiß habt auch Ihr daran wohl schon gedacht, aber in Eurer aufbrausenden Hitze springt Ihr über die Hindernisse, ohne sie aus dem Wege zu räumen. Etwas weit Bedeutsameres ist Euch entgangen; wollt Ihr mir, bitte, auf die Frage antworten: Wer gab uns das Recht, zu morden und zu brennen? Wer hat solchen Taten, die auf Erden mit dem Tod, bei Gott mit Verdammnis bestraft werden, bei uns Gesetzesrechte verliehen?«

Breydel blickte De Coninck unwirsch an und entgegnete:

»Aber, Meister, ich glaube, Ihr sucht mich mit hochtrabenden Reden zu verwirren. Wer gab uns das Recht, zu morden und zu brennen? Sagt, wer gab es denn den Franzosen?«

»Wer? Ihr König Philipp der Schöne und ihr Feldherr Châtillon. Die Fürsten tragen auf ihren gekrönten Häuptern auch Lohn oder Strafe für ihre guten oder bösen Anordnungen; durch Treue und Gehorsam kann ein Untertan nicht sündigen. Das vergossene Blut zeugt wider den Herrn, der gebietet, nicht wider den Diener, der gehorcht. Aber wir, die wir ohne Befehl, nur aus freiem Willen zu Werke gehen, sind auch vor Gott und der Welt verantwortlich für unsere Taten; auf unsere Häupter fällt das durch uns vergossene Blut zurück.«

Das ging dem Obmann der Fleischerinnung innerlich nahe. De Conincks Darlegung fiel ihm schwer aufs Herz, und wenn er nicht viel dagegen einzuwenden wußte, so quälte es ihn doch sehr, daß er sie so hinnehmen sollte.

»Aber, Meister,« rief er aus, »Ihr scheint hinterher Reue zu empfinden; das wäre doch eine Schande. Haben wir nicht unser Leben und unsere Rechte verteidigt, hat uns nicht die Liebe zu unserem gesetzmäßigen Herrn, dem Löwen, dazu getrieben? Ich weiß mich frei von aller Missetat; -- und ich hoffe bestimmt, daß mein Beil noch nicht sein letztes Schlachtopfer gesehen hat. Wohl bin ich zuweilen geneigt, Euer unbegreifliches Verhalten zu tadeln, so wage ich es doch nicht, weil Eure Wege geheimer sind als die anderer Sterblicher.«

»Ihr habt recht, es steckt noch etwas anderes dahinter, und das ist der Knoten, den ich Euch lösen will. Ihr habt immer gedacht, Meister Jan, daß ich zu langsam in unserer Sache gewesen bin; aber hört, was ich tat, während Ihr aus Rachsucht das Blut der Feinde nutzlos vergosset. Ich habe unseren Grafen Gwijde von unseren Bemühungen zur Befreiung des Vaterlandes in Kenntnis gesetzt, und er hat sie durch seine fürstliche Billigung bekräftigt. Jetzt sind wir keine Meuterer mehr, mein Freund, jetzt sind wir gesetzliche Feldobersten unseres Landesherrn.«

»Dank Euch, Meister,« rief Breydel begeistert aus, »nun versteh' ich Euch. Wie klopft mir das Herz bei diesem Ehrennamen! Ja, ich war ein Meuterer, und ich wußte es, aber nun bin ich ein würdiger Krieger. Die Franzosen sollen die Wandlung spüren.«

»Von dieser Billigung unseres Fürsten habe ich Gebrauch gemacht,« erzählte De Coninck weiter, »alle Freunde des Vaterlands zum allgemeinen Aufstand aufzustacheln, und das ist mir geglückt. Auf den ersten Ruf werden in allen Städten Flanderns mutige Klauwaerts aus dem Boden wachsen!«

Der Obmann der Weber empfand ein glückhaftes Ahnen; eine Träne blinkte an seinen Wimpern, und er drückte Breydels Hand, während er fortfuhr:

»Und dann, mein heldenmütiger Freund Breydel, dann soll die Sonne der Freiheit nicht einen lebenden Franzosen mehr bescheinen, und aus Furcht vor unserer Rache werden sie uns den Löwen wiedergeben! Uns, uns, Brügges Söhnen, wird Flandern seine Freiheit verdanken! Wird Euer Geist nicht bei diesem Gedanken von edlem Stolz erfüllt?«

Breydel umarmte De Coninck mit ungestümer Freude.

»Mein Freund, o mein Freund!« rief er, »wie greifen mir doch Eure Worte ans Herz. Ein unbeschreibliches Gefühl hebt mich empor, ich bin der glücklichste Mensch auf Erden! O Vaterland, wie groß machst Du die Seelen derer, die Dich lieben! Seht, Meister Peter, in diesem Augenblick würde ich den Namen eines >Vlaemen< nicht gegen die Krone Philipps des Schönen vertauschen!«

»Ihr wißt noch nicht alles, Meister. Der junge Gwijde von Flandern und Johann, der Graf van Namen, haben sich uns angeschlossen; Herr Jan Borluut soll die Genter führen; in Oudenaarde haben wir Herrn Arnold; in Aalst Herrn Balduin van Papenrode. Herr Johann van Renesse versprach uns all seine Vasallen aus Seeland, und noch eine ganze Reihe mächtiger Lehensherren wird uns beistehen. Was sagt Ihr nun von meiner Langsamkeit und Geduld?«

»O, ich bewundere Euch, teurer Freund, und danke innerlich Gott, daß er Euch so viel Verstand gegeben hat. Nun ist es mit den Franzosen aus! Auch für das Leben des letzten gebe ich keine sechs Grooten mehr.«

»Heute morgen um neun Uhr werden die vlaemischen Herren zusammenkommen, um den Tag der Rache zu bestimmen. Der junge Gwijde bleibt als Feldherr unter uns; die übrigen kehren geradeswegs nach ihren Gütern zurück und halten ihre Leute bereit. Es wäre ratsam, daß auch Ihr mitginget, damit Ihr die getroffenen Maßregeln nicht etwa aus Unkenntnis vereitelt. Wollt Ihr mit mir zum Weißbusch bei Dale gehen?«

»Wenn Ihr es wünscht, Meister; aber was werden unsere Genossen zu unserer Abwesenheit sagen?«

»Dafür ist schon gesorgt; ich habe sie von meiner Abreise in Kenntnis gesetzt und den Oberbefehl dem Obmann Lindens übertragen. Er wird sich mit unseren Leuten nach Damm begeben, um uns dort zu erwarten. Kommt, wir reisen sofort ab, denn schon graut der Tag!«

In aller Eile wurden zwei gesattelte Pferde vorgeführt, und nachdem Breydel seinen Fleischern die nötigen Befehle gegeben hatte, verließen die beiden Obmänner das Dorf Saint-Kruis. Während ihres schnellen Rittes konnten sie nicht viel reden. Immerhin beantwortete De Coninck Breydels Fragen in abgerissenen Sätzen und legte ihm den großen Entwurf der allgemeinen Befreiung dar. Nachdem sie so eine ganze Stunde mit verhängtem Zügel dahergeritten waren, sahen sie die zerstörten Türme von Nieuwenhove über die Bäume ragen.

»Das ist gewiß Nieuwenhove, wo der Löwe so viel Franzosen erschlagen hat?« fragte Breydel.

»Ja, noch eine halbe Meile vom Weißbusch.«

»Ihr müßt zugeben, daß man unseren Herrn Robrecht nicht besser taufen konnte. Er ist wahrhaft ein Löwe, wenn er das Schwert in der Faust führt.«

Dabei waren sie zu der Stelle gekommen, wo der schwarze Ritter mit den Entführern Machtelds gekämpft hatte; sie sahen die blutigen Leichen am Boden liegen.

»Franzosen,« murmelte De Coninck im Vorbeireiten, »vorwärts, Meister, wir dürfen uns nicht aufhalten.«

Breydel weidete sich an dem gräßlichen Anblick mit innerer Freude; mehrmals trieb er sein Roß über die ausgestreckten Leichen, ohne auf De Conincks Ruf zu achten. Der Obmann der Weber mußte wider seinen Willen zu ihm zurück.

»Aber, Meister Breydel,« rief er, »was treibt Ihr? Um Gottes willen, hört auf, Ihr nehmt ehrlose Rache.«

»Laßt mich«, antwortete Breydel. »Ihr wißt nicht, daß dies die Söldner sind, die mir ins Gesicht geschlagen haben. Aber was ist das? Horcht! Vernehmt Ihr nicht dort hinten aus den Ruinen von Nieuwenhove einen Laut wie die Klagen einer Frau? O, welcher Gedanke kommt mir da; sie haben die Jungfrau Machteld aus Male hierhergebracht!«

Jählings sprang er vom Pferde, und ohne es anzubinden, lief er in aller Eile nach den Ruinen.

Sein Freund folgte ihm; doch Breydel war schon auf dem Vorhof des Schlosses, ehe noch De Coninck vom Pferd gestiegen war. Der brauchte zu dem noch einige Augenblicke, um die Rosse am Wege anzubinden. Je näher Breydel den Ruinen kam, um so deutlicher vernahm er die Klagerufe. Da er nicht rasch genug den Eingang zu dem Orte fand, von dem der Ruf scholl, so stieg er auf einen Haufen Steine und blickte durch ein Fenster in den Saal. Er erkannte Machteld auf den ersten Blick; den schwarzen Ritter aber mußte er natürlich für einen Feind halten. Darob riß er das Beil unter seinem Wams hervor und sprang in den Saal.

»Schändlicher Räuber!« rief er dem schwarzen Ritter zu; »ehrloser Franzose! Ihr habt lange genug gelebt! Ihr sollt Euch nicht ungestraft an der Tochter des Löwen, meines Herrn, vergriffen haben.«

Der Ritter stand wie versteinert ob dieser plötzlichen Erscheinung und hörte die Drohungen Breydels mit Staunen. Bald jedoch faßte er sich und erwiderte:

»Ihr täuscht Euch, Meister Breydel, ich bin ein Sohn Flanderns. Seid ruhig, die Tochter des Löwen ist gerächt.«

Breydel wußte nicht, was er denken sollte. Noch bebte er vor Wut; aber die Worte des Ritters, der ihm vlaemisch antwortete und seinen Namen nannte, hatten Macht genug, ihn zurückzuhalten. Machteld war bei Breydels Erscheinen durchaus nicht erschrocken; in ihrer Verwirrung war sie sicher, daß der schwarze Ritter einer ihrer Räuber sei, sie lachte froh auf und rief:

»Tod ihm! Er hat meinen Vater eingekerkert und will mich zu der bösen Johanna von Navarra bringen. Der Heuchler! Warum rächt Ihr nicht das Blut Eurer Grafen, Vlaeme?«

Der Ritter betrachtete die Jungfrau mit schmerzlichem Mitleiden, und Tränen strömten aus seinen Augen.