Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 14

Chapter 143,791 wordsPublic domain

Endlich einigten sie sich, den Graben neben der Brücke mit Holz zu füllen. Dann wollte man versuchen, die Mauer zu übersteigen. Der Obmann ging rastlos zwischen den vielen Gesellen umher, die damit beschäftigt waren, Stauden und kleine Bäume umzuhauen und in Bündel zu binden. Sobald er sich überzeugt hatte, daß es ihnen nicht an Leitern fehle, gab er den Befehl zum Aufbruch. Die Fleischer verließen das Gehölz, um Schloß Male zu zerstören.

Den Chroniken zufolge waren es ihrer siebenhundert; und dennoch waren sie so einig in ihrer Rachegier, daß sich nicht ein einziger unvorsichtiger Laut aus dieser Menge vernehmen ließ. Man hörte nur das Rascheln des Reisigs, das man nachschleifte, und das Bellen der Hunde, die von dem ungewohnten Geräusch aufgeschreckt wurden. Einen Bogenschuß vom Schlosse blieben sie stehen, und Breydel ging mit einigen Gesellen voraus, um die Feste zu erkunden. Die Torwache hatte das Geräusch ihrer Schritte gehört; so lauschte sie, da sie noch im Zweifel war, mit größerer Aufmerksamkeit und kam auf den Wall heraus.

»Warte,« sprach einer der Gesellen Breydels, »ich werde den lästigen Wächter da einmal heimschicken.«

Damit spannte er seine Armbrust und zielte auf die Schildwache. Er erreichte sein Ziel, doch der Pfeil zersplitterte an dem Panzer des Franzosen. Der lief, durch diesen Schlag erschreckt, zurück und schrie aus voller Kraft:

»Frankreich! Der Feind! Zu den Waffen! Zu den Waffen!«

»Vorwärts, Genossen!« rief Breydel. »Vorwärts! Hierher mit den Bündeln!«

Die Fleischer warfen einer nach dem andern ihre Bündel in den Graben; bald war er hinlänglich ausgefüllt, um über ihn hin wie über eine Brücke zum Fuß der Mauer gelangen zu können. Die Leitern wurden angesetzt, und ein Teil der Vlaemen erstieg die Mauer, ohne Gegenwehr zu finden. Auf den Ruf der Schildwache war die Besatzung aus den Betten gesprungen, und in wenigen Augenblicken waren mehr denn fünfzig bekleidet und gewappnet. Die Zahl verstärkte sich rasch. Besser noch als der Ruf der Wache hatte das Geschrei der Fleischer die Schlafenden geweckt.

Jan Breydel befand sich mit nur dreißig seiner Gesellen innerhalb des Schlosses, als eine große Schar Ritter und Söldner gegen ihn anstürmte. Anfangs fiel gar mancher Fleischer; denn da sie keine Panzerhemden hatten, konnte nichts die Pfeile der Franzosen hemmen. Doch das dauerte nicht lange; in kurzer Zeit waren alle Vlaemen innerhalb der Mauern.

»Seht, Brüder,« rief Breydel, »ich beginne das Schlachten! Mir nach!«

Wie sich ein Pflug selbst eine Spur in die Erde gräbt, so bahnte sich Breydel einen Weg durch die Franzosen. Jeder Schlag mit seinem Beil kostete einem Feind das Leben, und das Blut seiner Schlachtopfer strömte in Bächen von seinem Wams. Wütend wie er warfen sich die anderen Vlaemen von allen Seiten auf die Söldner, und ihr Jauchzen übertönte das Todesgeschrei der Franzosen.

Während solcherart im Vorhof und auf den Wällen gekämpft wurde, hatte der Burgvogt, Herr von Saint-Pol, in aller Eile einige Pferde satteln lassen. Als man ihm verkündete, daß keine Hoffnung mehr wäre, und daß die meisten Söldner erschlagen seien, ließ er das Tor öffnen. Dann wurde mit Gewalt ein weinendes Mädchen aus dem Gebäude geschleppt, und nachdem sie in den Armen eines Söldners auf einem der Pferde Platz gefunden hatte, durchschwammen alle Reiter den Graben und verschwanden zwischen den Bäumen des Waldes. Es war den Franzosen unmöglich, der Gewalt der Fleischer zu widerstehen, zumal ihnen letztere an Zahl überlegen waren. Eine Stunde später war keiner mehr in Male, der nicht sein Leben auf vlaemischem Boden empfangen hatte. Man durchsuchte über zwei Stunden mit Fackeln alle Gemächer und Keller des Schlosses, doch traf man nirgends mehr einen Feind, denn wer nicht getötet worden war, hatte sich durch's Nottor ins Freie geflüchtet.

Nachdem sich Breydel von einem Diener des Schlosses genau alle Räume hatte zeigen lassen, nahm er mit Recht an, daß die Jungfrau Machteld fortgeführt war. Nun überließ er sich ganz seiner Wut und steckte das herrliche Schloß an allen vier Ecken in Brand. Während die Flammen zum Himmel aufloderten und schon ein großer Teil der Mauern krachend zusammenstürzte, hieben die Fleischer Bäume, Brücken und alles, was vernichtet werden konnte, nieder, bis das Schloß ein Bild gänzlicher Zerstörung darbot. Die Glocken der umliegenden Dörfer läuteten Brand, und die Bauern verließen ihre Hütten, um das Feuer zu löschen, aber es war zu spät. Von der gräflichen Burg stand nichts mehr als die vier glühenden Mauern.

Ja, ja, mag denn die morgige Sonne vergebens nach dem Schloß von Male suchen!

Da nunmehr die Rache vollzogen war, kamen die Fleischer wieder zusammen und verließen die Brandstätte mit siegesfrohem Gesang: sie sangen das Lied vom schwarzen Löwen.

XIII.

Als die Franzosen während des Krieges 1296 ganz Westflandern besetzten, leistete ihnen Schloß Nieuwenhove hartnäckigen Widerstand. Zahlreiche vlaemische Ritter hatten sich unter Robrecht van Bethune darin eingeschlossen und wollten es nicht übergeben, solange sich auch nur einer von ihnen noch verteidigen konnte. Aber die Überzahl der Feinde machte ihren Heldenmut nutzlos; sie blieben fast alle auf den Mauern der Feste. Die Franzosen drangen durch die zerstörten Wälle ein, aber sie fanden nur Leichen; und da sie ihre Wut nicht an Feinden auslassen konnten, steckten sie das Kastell in Brand, rissen die Mauern nieder und füllten die Gräben mit Schutt aus.

Die Überreste von Nieuwenhove lagen ungefähr zwei Meilen von Brügge nach Kortrijk zu. Inmitten eines dichten Waldes, fern von den Wohnstätten der Landleute, wurden diese Trümmer selten besucht, zumal das beständige Krächzen der Nachtvögel bei den abergläubischen Dorfbewohnern den Glauben erweckt hatte, daß die Geister der gefallenen Vlaemen hier um Rache oder Genugtuung riefen.

Hatte auch der Brand das ganze Schloß in Flammen gesetzt, so war es doch nicht völlig zerstört, und die Mauerreste ließen seine ursprüngliche Form noch erkennen. Das Gebäude stand, war aber mit unzähligen Spalten und Rissen gelockert. Die Dächer waren eingestürzt, und von den zerstörten Fenstern war nur noch die steinerne Einfassung übrig. Alles trug den Stempel eiliger Zerstörung; denn einige Teile waren unversehrt geblieben, während andere sorgfältig vernichtet waren. Auf dem Vorhof, den die halb geborstene Festungsmauer umschloß, lagen hier und da Schutthaufen, wie sie der Zufall aufgetürmt hatte.

Nun waren schon sechs Jahre seit der Zerstörung Nieuwenhoves verflossen. Die Gewächse, die der Wind zwischen das umherliegende Gestein gesät hatte, waren mit der Zeit immer zahlreicher geworden. Üppiges Gras sproßte überall auf, und wie Lieblingskinder der wilden Natur wiegten Feldblumen ihre silbernen Kelche auf den Rändern der Trümmer. Das braune Gemäuer des Gebäudes wurde von mächtigen Efeuranken erklettert, die in den ausgebrannten Spalten wurzelten. Andere Gewächse, wie wilde Weinreben und Geißblatt, rankten sich von einer Mauer zur anderen und breiteten so über die tiefen Risse ein Gewebe von herrlichem Grün.

Es war vier Uhr morgens; schwachgelbe Dämmerung erhellte den Osten, und ein Kranz goldener Lichtstrahlen erglänzte als Vorbote der Sonne am Horizont. Die Ruinen von Nieuwenhove freilich waren noch in graue Schatten gehüllt; in ungewissem Farbenkleid schlummerte die Natur, während der erwachende Tag sich bereits am blauen Himmel spiegelte. Hier und da glitt noch eine träge Nachteule aufgeschreckt nach ihrer Höhle und krächzte verdrießlich über den Glanz, der sie vertrieb.

Da saß ein Mann auf einem der Schutthaufen inmitten der Trümmer. Ein Helm ohne Federbusch war mit Sturmriemen auf seinem Haupte befestigt. Ein Harnisch umschloß die kräftige Brust, und Stahlplatten bedeckten die übrigen Glieder. Er stützte sich mit seinem eisernen Handschuh auf einen Schild, darauf man vergebens ein Wappenzeichen suchte; nichts war darauf als ein brauner Querstreifen. All seine Waffen, selbst der lange Speer neben ihm, waren schwarz. Wahrscheinlich hatte sich dieser Ritter in tiefer Trauer also gewappnet. Nicht weit von ihm stand ein Pferd, das noch schwärzer war als der Ritter; da es auch ganz mit Eisen bedeckt war, konnte es nur mit Mühe den Kopf zur Erde neigen, um die feuchten Spitzen der Kräuter abzurupfen. Das Schlachtschwert am Sattel war ungewöhnlich groß und schien für eine Riesenhand bestimmt zu sein.

Während Totenstille über den Trümmern lastete, seufzte der Ritter oft und tief und bewegte die Hände, als ob er mit jemandem spräche. Von Zeit zu Zeit wandte er sein Haupt mißtrauisch nach dem Gebüsch und den Wegen, die das Schloß umgaben, und als er sicher war, allein zu sein, schlug er das Visier seines Helmes zurück. Nun konnte man sein Gesicht erblicken.

Es war ein Mann von höherem Alter mit gefurchten Wangen und grauem Bart. Wohl hatte langer Kummer seine Züge gezeichnet, aber es lohte noch genugsam Feuer in seiner Brust, um seinen Augen ungewöhnliche Lebhaftigkeit zu verleihen.

Nachdem er einige Augenblicke auf die Ruinen von Nieuwenhove gestarrt hatte, glitt ein bitteres Lächeln über seine Wangen. Er senkte das Haupt, als ob er etwas auf dem Boden suche -- Tränen glänzten auf seinen Wimpern und rollten perlend zur Erde. -- Dann sprach er:

»O Helden, meine Brüder! In diesen Mauern ist euer edles Blut geflossen, mir zu Füßen ruhen eure Leichen im endlosen Todesschlaf; und die einsamen Blumen umranken wie Märtyrerkronen eure Gebeine. Glücklich ihr, die ihr das schmerzenreiche Leben dem Vaterland habt opfern können, denn ihr habt die Knechtschaft Flanderns nicht gesehen. Frei und herrlich seid ihr gestorben, eure Seelen tragen nicht die Schande, wie sie die Fremdlinge auf das Haupt der Vlaemen gehäuft haben! Das Blut dessen, dem ihr den stolzen Namen >der Löwe< gegeben habt, strömte mit dem eurigen auf diesen Boden. Sein Schwert war ein versengender Blitz, sein Schild eine Mauer -- und nun, o Schmach! nun sitzt er seufzend wie ein Verworfener auf euren stillen Gräbern; ohnmächtige Tränen fließen wie aus den Augen einer schwachen Frau über seine Wangen!«

Plötzlich stand der Ritter auf, ließ hastig das Visier seines Helmes herab, wandte den Blick nach dem Wege und schien aufmerksam auf etwas zu lauschen. Ein Geräusch wie Pferdegestampf klang von ferne herüber. Als er sicher war, sich nicht zu täuschen, nahm er seinen Speer vom Boden auf, lief rasch zu seinem Pferde, legte ihm das Gebiß an, sprang in den Sattel und ritt hinter eine bergende Mauer. Aber er war noch nicht lange in diesem Versteck, als noch andere Töne zu ihm herüberschallten. In das Geklirr der Waffen und das Schnauben der Rosse klang das Wehklagen einer weiblichen Stimme. Als der Ritter diesen Notschrei hörte, erblaßte er unter seinem Helm. Nicht Furcht trieb die Farbe von seinen Wangen -- Furcht war ihm unbekannt; aber Ehre und Ritterpflicht geboten ihm, der Klagenden zu Hilfe zu eilen; schon erglühte sein kühnes Herz in dem Wunsche, die Unglückliche zu retten, während wichtigere Gründe und ein feierliches Gelübde ihm verboten, sich von irgend jemand erkennen zu lassen. Er bebte bei dem inneren Kampfe mit sich selbst. Bald kam der Zug näher, und die Klagerufe des Mägdeleins wurden ihm nun verständlicher.

»O mein Gott, mein Vater!« rief es in unverkennbarem Schmerz.

Nun waren alle Bedenken des Ritters geschwunden. Die Stimme hatte etwas unbeschreiblich Rührendes für ihn. Er preßte seinem Rosse den Sporn in die Seite und sprengte über die Trümmerhaufen in den Weg. In kurzer Entfernung sah er den Zug nahen. Sechs französische Reiter ohne Speer, aber sonst wohlbewaffnet, sprengten mit verhängten Zügeln heran. Einer von ihnen hatte eine Dame vor sich, die er fest umschlang. Sie wehrte sich verzweifelt, die Luft hallte von ihren Hilferufen wider. Der schwarze Ritter blieb mitten auf dem Wege stehen und legte seinen Speer an, um die Räuber zu erwarten. Erstaunt über das unvorhergesehene Hindernis, zügelten die Ritter ihre Pferde und betrachteten den schwarzen Krieger nicht ohne geheimes Bangen. Derjenige, der unter ihnen zu gebieten schien, ritt voraus und rief:

»Aus dem Weg, Herr Ritter! Aus dem Weg, oder wir reiten Euch nieder!«

»Ich fordere euch, ihr falschen und ehrlosen Ritter, auf, diese Dame freizugeben. Wenn ihr's nicht tut, so erkläre ich mich für ihren Streiter.«

»Vorwärts! Vorwärts!« rief der Anführer seinen Leuten zu.

Der schwarze Ritter ließ ihnen keine Zeit, heranzukommen. Er beugte sich auf den Nacken seines Pferdes und stürmte plötzlich mitten zwischen die erstaunten Franzosen. Mit dem ersten Stoße seiner Lanze durchbohrte er die Sturmhaube und den Kopf eines Feindes und warf ihn tödlich verwundet aus dem Sattel. Aber während es ihm geglückt war, einen seiner Feinde zu besiegen, hatten die übrigen die Schwerter gegen ihn gezückt, hatte der Anführer Saint-Pol bereits mit einem fürchterlichen Hiebe die Schulterplatte an der Rüstung des schwarzen Ritters zerschmettert. Beim Angriff so vieler Feinde ließ der seinen Speer fallen und zog sein Riesenschwert aus der Scheide; er umfaßte den Griff mit beiden Händen und schlug so wild um sich, daß ihm kein Franzose zu nahen wagte; denn jeder Hieb seiner Waffe fiel wie ein schmetternder Hammerschlag auf die Rüstung der Gegner. Der Reiter, der die Jungfrau hielt, wehrte sich mit einem langen Degen und umfaßte mit dem anderen Arm das unglückliche Mädchen. In dieser gewaltigen Erregung, von Schrecken und Hoffnung durchtobt, fehlte es der geraubten Jungfrau an Kraft, zu sprechen oder zu klagen. Unbeweglich starrten ihre Augen im Kopf, und die zarten Wangen waren krampfhaft verzerrt. Zuweilen streckte sie ihre Arme flehend nach dem Unbekannten aus, der sie erretten wollte, doch bald hingen sie wieder schlaff und kraftlos über dem Rücken des Pferdes.

Die furchtbaren Schwerthiebe wider die Helme und Schilde hallten dröhnend rings im Walde wider, und das Blut quoll unter den Harnischen hervor; doch in der Hitze des Gefechts achteten die Streiter nicht darauf und kämpften wütend weiter. Schon waren die Rüstungen an vielen Stellen zerschlagen und zerbrochen, und Saint-Pols Pferd hatte eine klaffende Wunde im Nacken; deshalb ließ es sich nicht mehr willig von seinem Herrn lenken, und der hatte die größte Mühe, den Schlägen des schwarzen Ritters auszuweichen. Als er sah, daß das Gefecht für die Franzosen eine ungünstige Wendung nahm, gab er dem Söldner, der die Dame hielt, ein Zeichen. Der Reiter verstand diesen Wink und versuchte, dem Befehl zu gehorchen und vom Schlachtfeld zu fliehen; aber der schwarze Ritter merkte seine Absicht, drückte seinem Rosse den Sporn in die Seite und sprengte plötzlich vor den Söldner. Geschickt wich er den Schlägen der übrigen Feinde aus, und er rief:

»Setzt die Dame zur Erde, wenn Euch Euer Leben lieb ist!«

Ohne auf diesen Zuruf zu achten, wandte der Söldner sein Roß auf die Seite und suchte vorbeizukommen; aber das Schwert des schwarzen Ritters sauste mit doppelter Kraft auf seinen Helm nieder und spaltete ihm das Haupt bis auf die Schulter. Sein Blut strömte zurück auf den Kopf und das weiße Kleid des Mägdeleins; ihre schönen blonden Locken wurden davon völlig genäßt und dunkelrot gefärbt. Gleich darauf gaben sie die Arme des Erschlagenen frei, und beide stürzten zur Erde.

Währenddes hatte der Ritter noch einen anderen Franzosen zu Boden geworfen, und nun blieben nur noch drei Gegner. Das Gefecht schien jetzt noch hitziger zu werden; die Pferde wurden hin und her geworfen und schnaubten bei jedem Schlage, der auf ihre eiserne Rüstung fiel. Das Mägdelein lag bewußtlos unter ihnen. Da sie zuerst aus dem Sattel geglitten war, lag die blutende Leiche des Söldners über ihr. Es war merkwürdig, daß die Pferde sie nicht verletzten; sie traten um und neben sie, ohne sie zu berühren. Nur warfen sie die Erde hoch und bedeckten so die Wangen des Mägdeleins mit Staub und Schmutz.

Die Streiter schöpften Atem und waren allesamt durch schwere Wunden oder Blutverlust gelähmt und geschwächt. Plötzlich wich das Roß des schwarzen Ritters einige Schritte zurück und blieb stehen. Die Franzosen freuten sich innerlich, als sie dieses scheinbaren Rückzuges ihres Feindes gewahr wurden. Sie glaubten, er bedürfe der Ruhe und würde den Kampf aufgeben; aber sie täuschten sich, denn jählings fiel er sie mit verhängtem Zügel an, und sein Schlag war so wohl berechnet, daß das Haupt des vordersten Söldners mit dem Helm auf den Weg flog. Staunend und durch diese Wundertat erschreckt, floh Saint-Pol mit dem einzig verbliebenen Genossen in aller Eile vom Schlachtfeld; sie trieben ihre Pferde schnell voran und verließen den schwarzen Ritter in dem festen Glauben, daß er mit dem Teufel im Bunde stehe.

Das Gefecht hatte nur einige Augenblicke gewährt, denn die Schläge der Kämpfer waren unaufhaltsam niedergeprasselt; deshalb stand die Sonne auch noch nicht über dem Horizont, aber die Nebel erhoben sich bereits über dem Wald, und die Wipfel der Bäume erglänzten in lieblichem Grün.

Als der Ritter sich als Herrn des Schlachtfelds sah und keine Feinde mehr gewahrte, stieg er vom Pferd, band es an einen Baum und näherte sich dem regungslosen Mägdelein. Es lag ausgestreckt unter der Leiche des Söldners und gab kein Lebenszeichen von sich; der Boden um sie her war von den Pferden zerstampft und zertreten. Der schwarze Ritter konnte ihre Züge nicht erkennen, das Blut des Franzosen war auf ihren Wangen mit Erde vermengt geronnen, und ihre langen Locken waren von den Rossen in den Grund gestampft. Ohne lange Untersuchung hob der Ritter das unglückliche Mägdelein vom Boden auf und trug es in seinen Armen in die Ruinen von Nieuwenhove; hier legte er es sanft auf dem Vorhof ins Gras und ging in den noch erhaltenen Teil des Gebäudes. Zwischen den ragenden Mauern fand er glücklicherweise einen Saal, dessen Decke noch nicht eingefallen war und der als Zufluchtsort dienen konnte. Zwar waren die Scheiben der Fenster von dem Brande zersprungen und geschmolzen, aber das übrige war noch erhalten; lange Stücke zerrissener Tapeten hingen an der Wand, und Reste zerbrochener Kasten und Betten lagen zerstreut auf dem Boden. Der Ritter raffte einiges zusammen und legte Bretter darauf und stellte so eine Art Feldbett her; dann riß er die Teppiche von den Wänden und legte sie über die Bretter.

Froh, daß er diesen günstigen Ort gefunden hatte, kehrte er zu der ohnmächtigen Jungfrau zurück und trug sie in den Saal. Mit ängstlicher Sorge bettete er sie auf dies seltsame Lager und legte noch ein Stück Teppich unter ihren Kopf. Nur edle Menschenliebe und Ritterpflicht trieb ihn zu diesen Mühen und Sorgen. Um sich zu überzeugen, daß sie nicht verwundet sei, betrachtete er genau ihre Kleider und stellte zu seiner größten Freude fest, daß nur ihr oberstes Gewand befleckt war und ihr Herz noch fühlbar klopfte. Nachdem er ihr Mund und Augen von Staub gereinigt hatte, verließ er das Gemäuer und kehrte zu dem Wege zurück, da die Leichen seiner Feinde lagen. Einem der toten Franzosen nahm er den Helm ab und schöpfte ihn an einem Bache, der am Kampfplatz vorbeifloß, voll Wasser. Dann ergriff er den Zaum seines Pferdes und brachte es in einen Winkel des Schlosses. Als er zu der Jungfrau in den Saal zurückkam, riß er ein Stück von dem Wams, das er unter dem Harnisch trug, und benutzte es als Tuch, um das Gesicht des Mägdeleins damit zu waschen. Schon nahte der Tag, und die Felder prangten bereits in klaren Farben. Aber im Gewölbe dieses Saales war es noch düster, und der Ritter konnte nicht sehen, ob die Wangen des Mädchens gehörig von Staub und Blut gesäubert waren. Er wusch ihr Kopf, Hals und Hände und bedeckte sie gegen die Kälte mit einem großen Teppich, den er zu diesem Zwecke von der Wand riß. Als er so alles Erdenkliche getan hatte und überzeugt war, daß die Jungfrau noch lebte, überließ er sie kräftigender Ruhe und kehrte zu seinem Rosse zurück; er reinigte die Rüstung mit Kräutern, um die blutigen Spuren des Kampfes möglichst zu verwischen, und ging dann in den Vorhof, um Gras für sein Pferd zu sammeln. Das dauerte eine gute Weile; doch er ließ es sich nicht verdrießen, und demütig gebrauchte er seine edlen Hände zu dieser niedrigen Arbeit. Endlich brachte er seinem Pferde einen Arm voll saftigen Futters.

Schon hatte die Sonne sich über den Horizont erhoben, und ihre Strahlen leuchteten hell über die Fluren. Durch die Fenster des Saales fiel jetzt gleichfalls hinlänglich Licht, um alle Gegenstände auf dem Boden zu unterscheiden. In der Hoffnung, das Mädchen nun besser betrachten zu können, trat der Ritter in den Saal. Die Jungfrau saß aufgerichtet und starrte entsetzt auf die schwarzen Wände ihres grausigen Aufenthalts. Die Augen waren weit aufgerissen, und sie glich einer Wahnsinnigen; denn ihre Wimpern senkten sich nicht, sondern blieben regungslos offen. Sobald der Ritter ihr sein Angesicht zuwandte, ergriff ein jähes Zittern seinen ganzen Körper; er erbleichte und fühlte, daß ihm die Beklemmung die Sprache raubte; statt Worte kamen nur unverständliche Laute aus seinem Mund. Derart erregt eilte er auf die Jungfrau zu und drückte sie mit feuriger Liebe an sein Herz.

»Mein Kind, meine unglückliche Machteld,« rief er in Verzweiflung, »mußte ich mein Gefängnis verlassen, um dich nun in den Armen des Todes wiederzufinden!«

Das Mädchen stemmte seine Hand mit Widerwillen gegen die Brust des Ritters und stieß ihn leidenschaftlich von sich.

»Verräter,« sprach sie, »wie dürft Ihr die Tochter des Grafen von Flandern antasten? Ihr schämt Euch nicht, ein wehrloses Mägdelein gewaltsam fortzuführen? Aber Gott beschützt mich. Es gibt noch Blitze des Himmels; hört Ihr? Eure Strafe naht -- horcht, wie der Donner grollt, Bösewicht!«

Als der Ritter diese Worte hörte, entströmten Tränen seinen Augen; er riß den Helm ungestüm von seinem Haupt, und nun konnte man die Zähren über seine Wangen fließen sehen.

»O meine vielgeliebte Machteld,« rief er, »erkenne mich doch, ich bin Dein Vater Robrecht, den Du so lieb hast, der sich so sehr in der Gefangenschaft um Dich gegrämt hat. Himmel! Du stößt mich von Deiner Brust!«

Mit einem wilden Lachen entgegnete das Mägdelein:

»Jetzt bebt Ihr, ehrloser Räuber. Nun packt Euch das Bangen des Bösewichts. Aber für Euch gibt es keine Gnade. Der Löwe, mein Vater, wird mich rächen, und Ihr werdet nicht ungestraft das gräfliche Blut von Flandern gekränkt haben. Still!... Ich höre das Gebrüll des Löwen ... Mein Vater naht -- horch! Die Erde dröhnt unter seinen Schritten. Für mich einen Kuß, für Euch den Tod!«

Jedes Wort drang wie ein Pfeil in das Herz des Ritters. Alle Qualen der Hölle durchtobten sein Inneres, und unaussprechliche Betrübnis ergriff ihn; heiße Tränen rannen über seine gefurchten Wangen, und voll Verzweiflung schlug er sich an die Brust.

»So erkenne mich doch, armes Kind,« rief er, »bring' mich nicht um, lache nicht so bitter; Deine Blicke geben mir den Tod. Ich bin der Löwe, den Du liebst, der Vater, den Du rufst.«

»Ihr der Löwe?« antwortete Machteld mit Verachtung, »Ihr der Löwe? O Lästerer! Nein, der Löwe spricht vlaemisch! Höre ich etwa nicht, daß Ihr die Sprache der Königin Johanna redet? Die Sprache, die schmeichelt und verrät? Auch der Löwe ist fort -- man sagt ihm, komm! -- und eine Kette ... ein Kerker -- ein goldenes Gefäß und Gift. O Frankreich! Frankreich! sein Blut!... und auch ich -- ich, sein Kind! Aber Ihr bedenkt nicht, daß das Grab eine Zuflucht bietet. Bei Gott im Himmel kann eine Seele nicht mehr entehrt werden!«

Der Ritter konnte seiner Verzweiflung nicht Herr werden; er umarmte sie nochmals und rief:

»Hörst Du denn nicht, mein Kind, daß ich die Sprache unserer Väter spreche? Was für ein bitteres Leid hat Dich gefoltert, daß sich Dein Geist verwirrte? Erinnere Dich, daß unser Freund, Herr Adolf van Nieuwland, mich befreien wollte, und nenne mich nicht mehr Verräter und Bösewicht, denn Deine Worte durchbohren mein Herz!«