Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 13
Breydel erreichte nach einer halben Stunde das Dorf Male. Die Herrschaft Male liegt eine kleine Meile von Brügge entfernt. Zur Zeit unserer Erzählung bestand sie vornehmlich aus ungefähr dreißig Strohhütten, die hier und da auf dem Gebiet des Schlosses zerstreut lagen. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern rings um das Dorf waren durch Fleiß die fruchtbarsten Äcker erstanden. Da die Erde jener Gegend ihren Bewohnern dankbar schien und mit reicher Ernte lohnte, hätte man annehmen sollen, daß die Bauern von Male in Wohlstand lebten. Und doch zeigte ihre Kleidung, ihre ganze Erscheinung größte Dürftigkeit. Knechtschaft und Bedrückung waren an ihrer Armut schuld. Der Schweiß ihres Angesichts rann weder für sie noch für ihre Familie. Alles kam dem Lehnsherrn, ihrem Gebieter, zugute, und sie schätzten sich glücklich, wenn ihnen nach Abzug der Steuer und Lehnsabgaben noch genug blieb, um ihren Körper während des Jahres für die schwere Arbeit zu stärken.
Unweit des Schlosses befand sich ein viereckiger Platz, um den etwas dichter einige steinerne Gebäude errichtet waren. In der Mitte stand eine steinerne Säule, und daran hing eine Kette mit einem eisernen Halsband. Dies war das Wahrzeichen der gräflichen Rechtspflege und die Säule der bekannte Pfahl, an dem man die Missetäter ausstellte. An der einen Seite war eine kleine Kapelle erbaut, deren Kirchhof seine Mauern einige Schritte auf den Platz hin dehnte.
Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder das Wirtshaus, da man Wein und Bier ausschenkte. Der Name der Herberge war über der Tür dargestellt, aber so schlecht und ungeschickt, daß man kaum den heiligen Martin in diesem steinernen Bilde erkennen konnte. Der Flur des untersten Stockwerkes war so weit, wie es die Außenmauern erlaubten. Ein breiter, sehr großer Herd ragte einige Fuß vor und füllte den Hintergrund des Raumes aus; er ließ nur an jeder Seite einen kleinen Winkel übrig, in dem Samen und Pflanzenwurzeln zum Trocknen hingen. Die anderen Wände waren mit Kalk geweißt und mit allerlei hölzernem und zinnernem Küchengerät behängt. Ein Schlachtbeil und eine Anzahl großer Messer in ledernen Scheiden hingen an einem dafür bestimmten Platz. Der Rauch, der beständig vom Herd in die Stube drang, hatte die Balken der Decke ganz geschwärzt. Das Zimmer erhielt dadurch ein ungemütliches Aussehen. Obgleich die Sonne sehr hell schien, war es darin doch ziemlich düster; denn die halb romanischen, halb gotischen Fenster waren fast sieben Fuß über dem Boden und bestanden aus kleinen Scheiben. Schwere Sessel und noch klumpigere Tische standen in der Stube herum. Die Wirtin lief hin und her, um die zahlreichen Gäste zu bedienen und ihnen einzuschenken. Die zinnernen Kannen und Becher standen nicht still, und dadurch wurde die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu einem unverständlichen Summen. Am Herde kündete männlich-kräftiger Klang, daß Vlaemisch gesprochen wurde, während in der Stube mehr weibische, lispelnde Töne die französische Sprache verrieten. Unter denjenigen, welche sich dieser fremden Sprache bedienten und zur Besatzung des Schlosses gehörten, war ein Kerl namens Leroux, der wie ein Vorgesetzter zu seinen Genossen sprach; doch war er ein einfacher Krieger wie sie; nur seine ungewöhnliche Stärke hatte ihm diesen Vorrang verschafft.
Während die französischen Kriegsknechte ihre Kannen unter heiteren Gesprächen leerten, kam ein anderer Söldner in den Krug und sprach zu ihnen:
»Holla, Kameraden, ich bringe euch gute Kunde. Wir werden das verwünschte Flandern verlassen, und wahrscheinlich sehen wir schon morgen unser schönes Frankreich wieder.«
Die Söldner staunten über seine Worte und blickten den Boten verwundert an.
»Ja,« fuhr der fort, »morgen geht es mit der schönen Edeldame fort, die uns heut nacht so zur Unzeit besucht hat.«
»Ist das wahr, was Ihr da sagt?« fragte Leroux.
»Natürlich ist es wahr, unser Herr de Saint-Pol hat mich geschickt, Euch davon zu benachrichtigen.«
»Ich glaube Euch, denn Ihr seid immer ein Unglücksbote,« rief Leroux.
»Aber warum erbittert Euch diese Nachricht? Kehrt Ihr nicht gern nach Frankreich zurück?«
»Durchaus nicht, wir genießen hier die Früchte des Sieges, und ich habe keine Lust, sie sobald im Stiche zu lassen.«
»O, dann erschreckt nicht so sehr, wir kommen in wenigen Tagen wieder zurück. Wir müssen Herrn de Saint-Pol nur bis Rijssel begleiten.«
Als Leroux eben antworten wollte, öffnete sich die Tür und ein Vlaeme trat ein. Er betrachtete die Franzosen mit kühnem Stolz, setzte sich allein an einen Tisch und rief:
»Wirt! einen Krug Bier und rasch, denn ich bin eilig.«
»Sogleich, Meister Breydel,« war die Antwort.
»Das ist ein schöner Vlaeme,« flüsterte ein Söldner Leroux in das Ohr. »Er ist zwar nicht so groß wie Ihr; aber welch kräftiger Körper und was für eine Stimme; das ist kein Bauer!«
»Wahrlich,« antwortete Leroux, »es ist ein prächtiger Kerl. Er hat Augen wie ein Löwe. Ich würde mich gern mit ihm anfreunden.«
»Wirt,« rief Jan Breydel und stand auf, »wo bleibt Ihr, die Kehle brennt mir fürchterlich.«
»Sagt, Vlaeme,« begann Leroux, »könnt Ihr Französisch?«
»Mehr, als mir lieb ist,« antwortete Breydel in derselben Sprache.
»Schön. Ich sehe, Ihr seid ungeduldig und habt Durst. Hier biete ich Euch meine Kanne an. Trinkt, und wohl bekomm's!«
Breydel nahm die Kanne mit einem Zeichen des Dankes aus der Hand des Söldners und sprach, indem er sie zum Munde führte:
»Auf Eure Gesundheit und Glück im Kriege.«
Doch kaum hatten nur einige Tropfen seinen Mund benetzt, so setzte er den Becher mit Widerwillen auf den Tisch.
»Was ist das? Fürchtet Ihr Euch vor dem edlen Trank? Die Vlaemen sind das nicht gewohnt,« rief Leroux lachend.
»Das ist französischer Wein,« antwortete Breydel so gleichgültig, als wäre der Widerwille ganz natürlich.
Die Söldner sahen einander verwundert an, und sichtlicher Ärger verfinsterte Leroux' Züge. Doch bestimmte ihn Breydels kalter Ausdruck, den Vlaemen ohne Auseinandersetzung zu seinem Sitz zurückzulassen. Mittlerweile hatte der Wirt das verlangte Bier gebracht, und der Obmann der Fleischer tat mehrere Züge, ohne auf die Franzosen zu achten.
»Nun denn, Kameraden,« rief Leroux und hob den Becher, »laßt uns noch ein Glas leeren, damit man nicht sagen kann, wir verreisten mit trockener Kehle. Auf die Gesundheit der schönen Edelfrau.«
Jan Breydel kämpfte bei diesen Worten mit Mühe seine Aufregung nieder.
»Wenn während unserer Abwesenheit nur nichts vorfällt!« meinte Leroux anzüglich, »die Brügger beginnen wieder zu murren und unruhig zu werden. Man müßte die Stadt einmal plündern, während wir in Frankreich sind.«
Breydel knirschte vor Wut mit den Zähnen, aber er hatte sein Gelübde und die Warnung De Conincks noch nicht vergessen. Er horchte noch gespannter, als Leroux fortfuhr:
»Den Schaden würden wir der schönen Edeldame zu danken haben ... Aber wer mag es nur sein? Ich für meinen Teil glaube, es ist die Frau eines mächtigen Meuterers, und sie wird zu den anderen nach Frankreich geführt. Sie wird noch bitteres Brot essen ...«
Der Vorsteher der Fleischer war von seinem Sessel aufgestanden, und während er lässig in der Stube auf und ab ging, um seine Aufregung zu verbergen, brummte er mit leiser Stimme einige Worte eines Volksliedes:
Seht ihr den schwarzen Leu'n sich recken So stolz in reichem, goldnem Feld? Seht seine mächt'ge Riesenklaue Mit der _ein Schlag_ den Gegner fällt! Seht ihr sein blutig Auge blitzen: Seht ihr der Mähne wirre Pracht? -- Der Leu ist unser Leu von Flandern, Des _Rast_ die Welt noch bangen macht.
Als die Franzosen diese Töne hörten, waren sie äußerst erstaunt.
»Hört,« sagte einer, »das ist das Lied der Klauwaerts; welche Frechheit! Wagt es der Vlaeme, in unserer Gegenwart so etwas zu singen!«
Breydel hatte diese Worte wohl gehört. Aber er sang ruhig weiter, ja, er hob sogar seine Stimme, als ob er den Franzosen trotzen wollte:
Vor seiner Klauen Schlag im Osten Der Feinde zitternd Heer entfleucht; Die ungestümen Sarazenen, Den Halbmond hat sein Blick verscheucht. Dann zog er wiederum gen Westen, Verlieh, der Tapferkeit zum Lohn, Dem unverzagt'sten seiner Söhne Den Königs- oder Kaiserthron.
»Aber was bedeutet dieser Gesang, den ihr ewig im Munde führt?« fragte Leroux einen Vlaemen aus dem Schloß, der bei ihm saß.
»Nun, er besagt, daß der schwarze Löwe von Flandern seine Klauen in den Halbmond der Sarazenen geschlagen und Graf Boudewyn zum Kaiser gemacht hat.«
»Hört mal, Vlaeme,« rief Leroux Breydel zu, »Ihr müßt doch zugeben, daß der schreckliche schwarze Löwe vor dem Lilienbanner unseres mächtigen Fürsten, Philipps des Schönen, fliehen mußte; jetzt ist er sicher für immer tot.«
Meister Jan lächelte und antwortete mit verächtlichem Spott:
»Das Lied hat noch einen Schlußvers, hört nur:
Nun schlummert er. -- Der Welschen König Schlug ihn in eisern Kerkerband. So drangen feige Räuberbanden Tief in des Leuen Vaterland ... Wenn er erwacht -- dann weh euch, Räuber! Die Klaue bringt euch schlimmen Tod: Die stolze Pracht der weißen Lilie Besudelt er mit Blut und Kot.
Fragt nun, was das bedeutet!«
Als Leroux sich den Sinn dieser Worte hatte erklären lassen, warf er heftig seinen Sessel um, schenkte seinen Becher bis zum Rande voll und rief:
»So will ich denn doch mein Leben lang eine feige Memme sein, wenn ich Euch nicht den Hals breche, falls Ihr noch ein Wort sagt!«
Jan Breydel lachte spöttisch bei dieser Drohung und antwortete:
»Schwört nicht solche Sachen, Ihr macht die Rechnung ohne den Wirt. Denkt Ihr, ich werde vor Euch schweigen? Vor allen Franzosen der Welt würde ich auch nicht ein einziges Wort unterdrücken. Und, um Euch das zu beweisen, trinke ich auf die Ehre des Löwen, -- und ich verachte die Franzosen, hört Ihr es?«
»Kameraden,« sagte Leroux wutbebend, »laßt mich allein mit dem Vlaemen kämpfen, er soll durch meine Hand sterben.«
Dann trat er an Breydel heran und sprach:
»Ihr lügt! Es lebe die Lilie!«
»Ihr selbst lügt! Und Heil dem schwarzen Löwen von Flandern!« schrie Breydel ihm ins Gesicht.
»Kommt heran,« fuhr der Franzose fort, »Ihr seid stark; ich will Euch beweisen, daß die Lilie vor keinem Löwen zu weichen braucht. Wir kämpfen bis auf den Tod!«
»Versteht sich, aber laßt uns schnell machen. Es freut mich, einen mutigen Feind gefunden zu haben; das ist der Mühe wert!«
Schon waren sie außerhalb des Kruges und schritten zwischen den Bäumen hin. Als sie einen bequemen Platz gefunden hatten, trat jeder einen Schritt zurück, und beide richteten sich zu einem furchtbaren Kampfe. Breydel warf seinen Dolch auf die Erde und streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den Schultern auf; seine muskelstrotzenden Arme setzten die Söldner in Erstaunen, die abseits standen, um das Ringen mit anzusehen. Da Breydel keine andere Waffe als den Dolch hatte, warf Leroux seine Waffen ebenfalls von sich. Er wandte sich zu seinen Kameraden und sprach:
»Achtung, was auch geschehen mag, ich will nicht, daß man mir hilft. Dieser Kampf muß ehrlich abgemacht werden, denn mein Gegner ist ein tapferer Vlaeme.«
»Seid Ihr fertig?« rief Breydel.
»Ich bin bereit!« war die Antwort.
Nun zogen die Kämpfer die Köpfe zwischen die Schultern, die Augen blitzten unter den gefalteten Brauen, Zähne und Lippen preßten sich hart zusammen, und so stürzten sie wie zwei rasende Stiere aufeinander los. Von jeder Seite fiel ein schwerer Faustschlag auf des Gegners Brust, wie ein Hammer auf einen Amboß, und beide Streiter taumelten zurück; aber das entflammte sie zu noch größerer Wut. Sie stießen ein dumpfes Geheul aus und umschlangen sich mit den Armen wie mit zwei eisernen Gürteln; jetzt drückten sie sich gegenseitig mit furchtbarer Gewalt nieder. Arme, Beine, Schenkel -- alle Glieder zeigten ungewöhnliche Kraft; denn sie preßten sich furchtbar widereinander, und manchmal stöhnten die Streiter ob der quälenden Quetschungen infolge dieses erbitterten Ringens. Das Feuer der Raserei brannte in ihren grimmen Zügen, und ihrer Augen Weiß war ganz mit Blut unterlaufen. Doch keiner konnte den andern aus seiner Stellung bringen; es war, als wären ihre Füße am Boden festgewurzelt. Breydels Adern waren so geschwollen, daß sie wie Bänder auf seinen Armen lagen. Dampfender Schweiß troff strömend von den Wangen der Kämpfer, und ihr Atem ward kurz und abgerissen. Ihre Brust senkte und hob sich rasch; aber man hörte nichts als einige Flüche, und dazwischen dumpfes Stöhnen.
Nachdem sie solcherart einige Zeit miteinander gerungen hatten, trat der Franzose etwas zurück, umschlang Breydels Hals und drückte ihm den Kopf unwiderstehlich vornüber, so daß er wankte und sich niederbeugte. Leroux ließ ihm keine Zeit, sich aufzurichten. Er benutzte seinen Vorteil -- nun noch ein kräftiger Druck, und Breydel mußte seine Knie unter dieser furchtbaren Gewalt beugen.
»Da kniet der Löwe schon,« rief Leroux und versetzte Breydel einen so entsetzlichen Schlag auf den Kopf, daß dem das Blut aus dem Munde stürzte.
Aber dabei hatte er Breydel mit einer Hand loslassen müssen. Als er eben die Hand reckte, um dem Vlaemen den Garaus zu machen, sprang dieser auf und wich drei Schritt zurück. Schnell, wie der Blitz, schnellte er brüllend auf den Franzosen los und umfaßte ihn mit solcher Wut, daß ihm die Rippen im Leibe krachten. Aber auch der schlang seine Glieder wie Schlangen um Breydels Körper mit einer Kraft, die noch durch Übung und Gewohnheit gesteigert wurde. Der junge Vlaeme fühlte, daß sich seine Beine unter den Knien des Franzosen bogen und den Grund verloren. Dies anhaltende Ringen, darin er zum erstenmal in seinem Leben seinen Mut zuschanden werden sah, war ihm qualvoller als die Hölle. Schaum trat auf seine Lippen, und er wurde ganz toll vor Wut; plötzlich riß er sich von dem Franzosen los, senkte sein Haupt gegen die Brust und warf sich ihm entgegen. Wie eine Sturmramme gegen eine Mauer stieß Breydels Stirn gegen die Brust seines Feindes, also daß dieser wankend zurückwich und nun auch ihm das Blut aus Nase und Mund stürzte. Ehe er sich wieder erholen konnte, fiel des Vlaemen Faust wie ein Stein zerschmetternd auf sein Haupt, und er stürzte mit einem Schmerzensschrei zu Boden.
»Ihr habt des Löwen Klauen gespürt,« keuchte Breydel.
Die Söldner, welche diesem Ringen beiwohnten, hatten ihren Genossen durch Worte und Zurufe ermutigt, sich jedoch in den Kampf nicht weiter eingelassen. Während sie den röchelnden Leroux vom Boden aufhoben, verließ Breydel langsamen Schrittes den Platz und kehrte in das Wirtshaus zurück. Er verlangte einen anderen Krug Bier und tat mehrere Züge, um seinen Durst zu löschen. Er saß eine Weile an dem Tisch, und seine Müdigkeit begann zu schwinden, als sich die Tür hinter seinem Rücken auftat. Ehe er sich umdrehen konnte, um zu sehen, wer hereinkam, ward er von starken Männern gepackt und zu Boden geworfen. In einem Augenblick wimmelte das ganze Haus von bewaffneten Franzosen. Breydel kämpfte lange mit nutzloser Anstrengung gegen seine Feinde. Macht- und kraftlos blieb er endlich still liegen und betrachtete die Franzosen mit giftigem Blick wie einer, der töten will oder den Tod erwartet. Gar mancher Söldner bebte beim Anblick des dahingestreckten Vlaemen; denn während sein Leib regungslos am Boden lag, rollten seine flammenden Augen so gar stolz und drohend, daß die Herzen der Umstehenden banges Ahnen durchschauerte.
Ein Ritter, dem man an der Kleidung den Anführer ansehen konnte, näherte sich Breydel vorsichtig. Er befahl, ihn in jeder Bewegung zu hindern, und sagte zu dem Vlaemen:
»Wir kennen uns schon längst, schändlicher Bursch! Im Walde von Wijnendaal habt Ihr den Schildknappen des Herrn von Châtillon erschlagen und uns Ritter mit dem Messer zu bedrohen gewagt. Nun untersteht Ihr Euch wieder, auf dem Grund und Boden meines Rechtsgebieters einen meiner besten Leute zu ermorden. Euch soll nach Euren Taten geschehen; noch heute soll man Euch einen Galgen auf den Mauern von Male errichten, damit die Brügger Meuterer sich an Euch ein Beispiel nehmen.«
»Ihr seid ein Verleumder!« rief Breydel, »ich habe ehrlich um mein Leben gekämpft, und wenn Ihr mich nicht mit verräterischer Gewalt daran hindert, so würde ich Euch beweisen, daß ich keine Reue habe!«
»Ihr habt Frankreichs Wappen zu lästern gewagt!«
»Ich habe den schwarzen Löwen meines Vaterlandes gerächt und würde es wieder tun. Aber laßt mich nicht wie einen geschlachteten Ochsen hier auf dem Boden liegen, -- oder ermordet mich auf der Stelle. Ich werde mich geduldig führen lassen.«
Ohne ihn loszulassen, ließen ihn die Söldner auf Befehl Saint-Pols aufstehen, und man brachte ihn mit aller Vorsicht an die Tür. Der gefangene Vlaeme ging langsam zwischen den Kriegsknechten vorwärts; zwei der stärksten hielten ihn an den Armen, vier andere gingen vor und hinter ihm, so daß es ihm unmöglich war, zu entwischen. Das war aber auch nicht seine Absicht. Getreu seinem Versprechen leistete er nicht den geringsten Widerstand. Während die Söldner dann mit dem Gefangenen des Weges schritten, ergingen sie sich in höhnenden Scherzen über ihn. Breydel erfaßte ob ihres Spottes eine unaussprechliche Wut, und innerlich wünschte er sich den Tod. Doch er bekämpfte seine leidenschaftliche Aufwallung, bis einer zu ihm sagte:
»Hört mal, schöner Vlaeme, wenn Ihr morgen am Strick so lieblich vor uns tanzt, werden wir die Raben von Eurer Leiche fortjagen.«
Der Obmann der Fleischer warf einen verächtlichen Blick auf den Söldner, der seines Mißgeschickes spottete. Der fuhr fort:
»Betrachtet mich doch nicht immer, verwünschter Klauwaert, oder ich zerschlage Euch das Gesicht.«
»Feigling!« rief Breydel; »das sieht euch ähnlich! einen gefangenen Feind verhöhnt und verspottet ihr; unedle Mietlinge eines verächtlichen Herrn ...«
Ein Backenstreich des Söldners unterbrach ihn. Er schwieg plötzlich und neigte sein Haupt, als ob er den Mut sinken ließe; aber das war es nicht. Furchtbare Wut kochte in seiner Seele, und gleich dem Feuer im Schoße des Vulkans flammte rasende Rachsucht im Herzen des Vlaemen auf. Die Söldner fuhren fort, ihn zu schmähen, und sein Schweigen reizte sie noch mehr. Aber an der Brücke des Schlosses fand ihr Lachen ein jähes Ende, und ihre Gesichter erbleichten vor Angst und Schrecken. Breydel raffte in diesem Augenblick all seine Kräfte, die ihm die Natur so freigebig verliehen hatte, zusammen und riß sich von seinen Wächtern los. Wie ein Leopard stürzte er sich auf die beiden Söldner, die ihn am meisten gereizt hatten, und krallte seine Hände um ihre Kehlen.
»Für Dich, Du Löwe von Flandern, will ich sterben, aber nicht am Galgen, nicht ohne Rache!«
Mit diesen Worten drückte er die Gurgel der Söldner so fest zu, daß ihre Wangen bleich und bleifarben wurden; mit unwiderstehlicher Gewalt schüttelte er die Körper seiner Feinde hin und her und schlug ihre Köpfe mit furchtbarer Kraft widereinander. Durch das Würgen betäubt, leisteten sie keinen Widerstand, und ihre Arme hingen schlaff an ihrem Körper herunter. Die Tat war unbeschreiblich schnell vollbracht. Als die übrigen Franzosen ihre Genossen in Gefahr sahen, liefen sie fluchend herbei. Aber Breydel ließ die Erwürgten zu Boden fallen und floh eiligst davon. Er wurde von den Söldnern bis an einen breiten Graben verfolgt. Gewohnt, auf Wiesen und Weiden seinem Gewerbe nachzugehen, sprang Breydel wie ein Hirsch über das Wasser und lief weiter nach Saint Kruis. Zwei Söldner versuchten es, ihm nachzutun, aber sie fielen bis an den Hals hinein und mußten die Verfolgung aufgeben. -- Der Obmann der Fleischer eilte voll Wut nach Brügge und ging stracks nach seiner Wohnung. Er fand nur einen jungen Gesellen dort vor, der sich just anschickte, auszugehen.
»Wo sind meine Gesellen?« rief Breydel ungeduldig.
»Nun, Meister,« antwortete der Bursche, »die sind nach dem Pand, denn die Fleischer sind eiligst zusammengerufen.«
»Was ist denn wieder geschehen?«
»Ich weiß nicht recht, Meister, aber der Stadtbote hat vor dem Rathaus einen Befehl verlesen, daß alle Bürger, welche ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände Arbeit gewinnen, jede Woche am Samstag einen Silberpfennig von ihrem Arbeitslohn an die Zollknechte zahlen müssen. Es heißt allgemein, dies sei die Veranlassung zu der Zunftversammlung, die der Obmann der Weber angeordnet hat.«
»Bleib du hier und schließe den Laden,« hieß ihn Breydel; »sage meiner Mutter, daß ich diese Nacht nicht nach Hause komme. Sie braucht sich nicht zu ängstigen.«
Er nahm sein gewohntes Beil von der Wand. Als er es unter seinem Wams verborgen hatte, verließ er seine Wohnung und begab sich nach dem Pand seiner Zunft. Sobald er in den Saal trat, verbreitete sich ein freudiges Gemurmel unter den Gesellen, und sie riefen:
»Ha! Da ist Breydel, unser Obmann.«
Jeder, der einstweilen seinen Platz eingenommen hatte, stand auf und bot ihm den großen Sessel an. Aber Breydel setzte sich nicht wie gewöhnlich an das obere Ende, sondern nahm einen kleineren Stuhl und ließ sich mit bitterm Lächeln darauf nieder.
»O meine Brüder,« rief er, »kommt, reicht mir die Hand, denn ich habe eure Freundschaft nötig. Mir und unserer Zunft ist heute eine tiefe Schmach widerfahren.«
Meister und Gesellen drängten sich um Breydels Sessel. Nie hatten sie eine so tiefe Bestürzung und Betrübnis an ihm bemerkt; er schien unsagbaren Folterqualen zu erliegen. Aller Augen richteten sich fragend auf ihn; nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort:
»Ihr echten Söhne von Brügge habt nun schon zu lange mit mir diese Schmach erduldet, auch ihr könnt die Sklaverei nicht ertragen. Aber, o Himmel, wüßtet ihr, was mir heute widerfahren ist, so würdet ihr wie Kinder weinen. O über die unerhörte Schande! Ich wage nicht, es auszusprechen, die Schmach quält mich zu sehr.«
Schon waren die gebräunten Gesichter all dieser Männer von Wut gerötet. Noch kannten sie nicht den Grund ihres Zornes, und doch ballten sie schon krampfhaft die Fäuste und stießen furchtbare Flüche aus.
»Hört,« fuhr Breydel fort, »und erliegt nicht der Scham. Hört wohl, tapfere Brüder! Die Franzosen haben euren Obmann ins Gesicht geschlagen, und diese Wange ist durch einen schmählichen Backenstreich entehrt.«
Unbeschreiblich war die Wut, die den Fleischern bei diesen Worten aufstieg. Unerhörtes Rachegebrüll stieg zur Decke des Saales empor, und jeder schwur bei sich, diese Schmach zu rächen.
»Und womit«, fragte Breydel, »wäscht man solchen Schandfleck ab?«
»Mit Blut!« schrien alle.
»Ihr versteht mich, Brüder,« fuhr der Obmann fort, »ja, Blut allein kann mich rächen. Wisset denn, daß die Besatzung des Schlosses Male mich also behandelt hat. Sprecht denn mit mir: Morgen soll die Sonne kein Schloß von Male mehr finden!«
»Sie soll es nicht mehr finden!« wiederholten alle Fleischer mit wilder Rachegier.
»Kommt,« sprach Breydel, »laßt uns gehen. Jeder kehrt nach seiner Wohnung zurück, macht sich bereit und nimmt sein bestes Beil. Besorgt euch womöglich auch andere Waffen und Gerätschaften, denn wir müssen das Schloß ersteigen. Gegen elf Uhr in der Nacht werden wir uns alle im Elsterbusch hinter Saint Kruis zusammenfinden.«
Nachdem er den Ältesten noch einige besondere Anordnungen erteilt hatte, verließ er den Pand, und auch seine Genossen gingen bald heim. Noch ehe jene Stunde auf dem Turm von Saint Kruis geschlagen hatte, konnte man nächtlings beim schwachen Scheine des zunehmenden Mondes zwischen den Bäumen und auf allen Pfaden um das Dorf einen Haufen Menschen erblicken. Alle eilten derselben Richtung zu und verschwanden einer nach dem andern im Elsterbusch. Einige von ihnen trugen Armbrüste, andere Keulen; doch die meisten hatten keine sichtbaren Waffen. Jan Breydel stand in der Mitte des kleinen Gehölzes und beratschlagte mit den Meistern der Zunft, von welcher Seite man den Angriff auf das Schloß wagen sollte.