Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 12
Der Bretone ließ ihn nicht fortfahren. Er zog sein breites Schwert und stürzte unter furchtbaren Schmähungen auf ihn los. Auch Johann hatte sich kampfbereit gemacht und schwur blutige Rache. Aber dazu kam es nicht. Schon blitzten die beiden Klingen bereits im Lampenschein, und alles kündete unvermeidliches Blutvergießen, als ein anderer Krieger in die Stube trat.
Seine stolzen und gebieterischen Blicke auf die Streitenden machten ihn sogleich als Vorgesetzten kenntlich. Sowie die Soldaten seiner ansichtig wurden, verstummten die Flüche und Scheltworte, und die Schwerter fuhren schleunigst in die Scheiden.
Johann und der Bretone kündeten einander durch Blicke an, daß der Kampf nur aufgeschoben sei, und traten mit den anderen zu ihrem Vorgesetzten, der sie fragte:
»Seid ihr bereit, Leute?«
»Wir sind fertig, Herr de Cressines!« klang es zurück.
»Beobachtet die größte Stille,« nahm de Cressines das Wort, »und vergeßt nicht, daß das Haus, in das uns dieser Bürger führt, unter dem Schutz unseres Feldherrn Châtillon steht. Der erste, der irgend etwas anrührt, wird es bitter bereuen. Man folge mir.«
Der Bürger, der den französischen Kriegsknechten als Führer diente, war eben jener Meister Brakels, der Leliaert, der aus der Weberzunft ausgestoßen worden war. Als die Söldner mit ihrem Anführer auf der Straße waren, ging Brakels schweigend voran und führte sie durch die Finsternis in die spanische Straße zur Tür von Herrn van Nieuwlands Wohnung. Hier stellten sich die Söldner längs der Mauer auf und atmeten kaum, damit man ihre Gegenwart nicht bemerkte. Meister Brakels ließ den Klopfer des Tores leise niederfallen. Nach einigen Augenblicken kam eine Dienstmagd in den Gang und fragte mißtrauisch, wer so spät anklopfe.
»Öffnet rasch,« gab Brakels zur Antwort, »ich komme von Meister de Coninck mit einer eiligen Nachricht für Jungfrau Machteld van Bethune. Zögert keinen Augenblick; denn die Jungfrau ist in großer Gefahr.«
Die Dienstmagd war weit entfernt, Verrat zu argwöhnen. Sie zog den Riegel weg und öffnete die Tür rascher als sonst wohl. Aber wie groß war ihre Bestürzung, als acht französische Soldaten hinter dem Vlaemen her in den Gang drangen. Ihr gellender Schrei scholl bis in die entlegensten Gemächer des Hauses, und sie wollte sich durch die Flucht retten. Aber Cressines hielt sie zurück.
»Wo ist Eure Gebieterin, Machteld van Bethune?« fragte Cressines mit kalter Ruhe.
»Gräfin Machteld hat sich schon seit zwei Stunden zur Ruhe begeben, und nun schläft sie,« stammelte die erschrockene Magd.
»Geht zu ihr,« sprach der Befehlshaber, »und sagt ihr, sie möge sich ankleiden; denn sie muß auf der Stelle dieses Haus verlassen und uns folgen. Seid gehorsam, denn es täte mir leid, wenn ich Gewalt anwenden müßte.«
Die Magd lief in angstvoller Eile die Treppe hinauf und weckte Adolfs Schwester.
»Ach, Herrin,« rief sie, »steht schnell auf, das ganze Haus wimmelt von Soldaten!«
»Himmel,« sagte Maria mit bebender Stimme, »was sagst du? Soldaten in unserem Hause? Was wollen sie?«
»Sie wollen die Gräfin van Bethune sofort wegführen. Bitte eilt, denn sie schläft noch -- ich fürchte, die Soldaten könnten in ihr Zimmer dringen.«
Hastig, ohne Antwort warf die erschrockene Maria ein weites Gewand über und ging mit der Magd zu Herrn de Cressines, der noch auf dem Gange stand. Zwei Diener des Hauses waren auf das Geschrei der Magd herbeigelaufen und standen entmutigt zwischen den französischen Soldaten. Man hatte sie gepackt und festgehalten.
»Mein Herr,« fragte Maria den Anführer, »wollt Ihr mir sagen, warum Ihr so zur Nachtzeit in meine Wohnung dringt?«
»Ja, edle Dame,« bekam sie zur Antwort, »es geschieht auf Befehl des Landvogts. Gräfin Machteld van Bethune, die hier wohnt, muß uns unverzüglich folgen. Fürchtet nicht, daß sie schlecht behandelt wird. Ich verpfände Euch meine Ehre, daß kein Wort sie kränken soll.«
»O mein Herr,« rief Maria, »wüßtet Ihr, welches Los Ihr dem Mägdelein bereitet, Ihr würdet unverrichteter Sache wieder fortgehen; denn ich entnehme Euren Worten, daß Ihr ein ehrenwerter Ritter seid.«
»Ihr habt recht, ich bin kein Freund solcher Unternehmungen, aber den Befehl meines Feldherrn muß ich pünktlich ausführen. Wollet mir also die Jungfrau Machteld ausliefern; wir können nicht länger warten. Erspart mir strenge Maßregeln.«
Maria sah wohl, daß nichts diesen Schlag abwenden konnte; doch verhehlte sie ihre tiefe Betrübnis vor den fremden Kriegsknechten und weinte nicht. Mit sichtlichem Abscheu schaute sie auf den Vlaemen, der in einem Winkel des Ganges stand, und ihre Blicke schienen ihm seinen Verrat vorzuwerfen. Meister Brakels war nicht kühn genug, dem entrüsteten Mägdelein in die Augen zu sehen. Zitternd ward er sich nun bewußt, welche Rache ihn verfolgen würde, und wich einige Schritte zurück, als ob er fliehen wollte.
»Man bewache diesen Vlaemen,« rief Cressines seinen Leuten zu; »laßt ihn nicht fort; denn wer wie er seine Freunde verrät, ist zu allem fähig.«
Meister Brakels wurde beim Arm gepackt und mit Gewalt zwischen die Soldaten gedrängt. >Verräter< ward er geschmäht, und die Verachtung der Männer, denen er gedient hatte, war sein Lohn.
Maria verließ den Gang und trat bekümmerten Herzens in Machtelds Schlafgemach; wie erstarrt blieb sie vor dem Bette stehen und betrachtete das unglückliche Mägdelein, das so sanft schlief. Eine helle Träne glänzte unter seinen Wimpern, und der Atem ging schwer und fiebrig. Plötzlich zog es die Hand unter der Decke hervor und reckte sie, als wollte es ein Schreckbild verscheuchen. Aus dem unverständlichen Gemurmel tönte mehrmals Adolfs Name wie ein Hilferuf.
Tränen brachen aus Marias Augen; der Anblick griff ihr tief ins Herz, und ihr Mitleid wuchs noch bei dem Gedanken an das Leid, das das arme Mägdelein fürder erdulden sollte. Doch so sehr sie sich auch quälte, ihrer unglücklichen Freundin die Nachricht zu bringen, sie durfte nicht zögern, die Zeit war kostbar. Jeden Augenblick konnten die Söldner in das Zimmer treten, und welchen Schrecken, welchen Kummer hätte dann die edle Machteld erlebt! In dieser Erkenntnis ergriff sie die Hand ihrer Freundin und weckte sie mit den Worten:
»Meine liebe Machteld, wachet auf, ich habe Euch etwas Eiliges zu sagen.«
Die Berührung Marias hatte das Mägdelein heftig erschreckt; weit öffnete sie die Augen und zitterte, während sie ihre Freundin unsicher anschaute.
»Seid Ihr es, Maria?« fragte sie und rieb die tränenfeuchten Augen; »was führt Euch zu so ungewöhnlicher Stunde zu mir?«
»Ach, meine arme Machteld,« rief Maria weinend aus, »steht auf. Hier ist Euer Kleid, -- steht rasch auf, ein großes Unglück steht Euch bevor.«
Erschrocken sprang Machteld auf und blickte Maria ängstlich an; die weinte bitterlich, während sie Machteld ankleidete. Erst als sie ihr ein langes Reitkleid reichte, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer:
»Ihr geht auf Reisen, edle Dame, der heilige Georg beschütze Euch!«
»Aber warum dieses Reitkleid, meine teure Maria? Ach, jetzt sehe ich, welches Los meiner harrt! Mein böser Traum ist wahr geworden: als Ihr mich wecktet, sah ich mich in Frankreich, vor Johanna von Navarra. O Gott, nun ist alle Hoffnung dahin! Ich werde das schöne Flandern nicht wiedersehen, und Du, mein teurer Löwe, du lieber Vater, wirst Dein Kind vielleicht nicht mehr in dieser Welt wiedersehen ...«
Maria hatte sich gramverzehrt in einen Sessel niedergelassen und schluchzte schweigend. Sie brachte es nicht über sich, die Befürchtungen ihrer Freundin zu bestätigen. Nach einigen Augenblicken warf sich ihr die geängstigte Machteld um den Hals und sagte:
»Weinet nicht so um mich, liebe, teure Freundin. Schon längst bin ich mit Unglück und Elend vertraut; für das Haus Flandern ist alle Ruhe, alle Freude dahin.«
»Unglückliches, edles Mägdelein,« schluchzte Maria, »Ihr wißt nicht, daß drunten französische Söldner Eurer harren, daß man Euch auf der Stelle fortführen wird.«
Das bleiche Mägdelein erschauerte bei diesen Worten.
»Söldner?« rief sie. »Soll ich der Roheit unedler Mietlinge ausgesetzt sein? O liebe Maria, schützet mich ... O Gott, könnte ich jetzt sterben! Robrecht, Robrecht, wüßtet Ihr, welche Schmach Eurem Kinde widerfährt!«
»Erschreckt nicht so; ein ehrenwerter Ritter ist bei ihnen.«
»So ist denn die Unglücksstunde gekommen; ich muß Euch verlassen, Maria, und die böse Königin von Navarra wird mich, wie meinen Vater, einkerkern. Doch es sei! Es gibt einen Beschützer im Himmel, der mich nicht verlassen wird ...«
»Zieht rasch Euer Reitkleid an, ich höre die Tritte der Söldner.«
Während Machteld das Kleid anzog, öffnete sich die Tür. Die Magd trat ein und sagte:
»Der französische Edelmann läßt fragen, ob das Fräulein van Bethune bereit sei, und ob er vor ihr erscheinen dürfe.«
»Er mag kommen!« war Marias Antwort.
Herr de Cressines war der Magd gefolgt und trat unmittelbar darauf in das Zimmer. Er verbeugte sich vor der Jungfrau, und man las in seinen mitleidigen Blicken, daß er diesen Auftrag widerwillig ausführte.
»Gräfin,« sprach er, »deutet es mir nicht übel, wenn ich Euch ersuche, mir auf der Stelle zu folgen. Ich darf keinen Augenblick mehr säumen.«
»Ich werde mich gehorsam fügen,« antwortete Machteld, die ihre Tränen zurückhielt. »Ich hoffe, mein Herr, daß Ihr mich vor aller Schmach bewahren werdet.«
»Ich versichere Euch, edle Dame,« rief Cressines, den des Mägdeleins Ergebung rührte, »daß Euch kein Leid zugefügt werden soll, solange Ihr unter meinem Schutze steht.«
»Aber Eure Söldner, mein Herr?«
»Meine Söldner, Fräulein, sollen Euch kein Wort sagen. Diese Versicherung mag Euch genügen.«
Die beiden Mädchen umarmten sich zärtlich und vergossen viele Tränen. Immer aufs neue wiederholten sie die bitteren Worte der Trennung, immer wieder fielen sie sich um den Hals. Endlich folgten sie dem Ritter in den Gang.
»O mein Herr,« rief Maria, »sagt mir doch, wohin Ihr meine unglückliche Freundin führt!«
»Nach Frankreich,« sagte Cressines; und den Soldaten gebot er:
»Achtet auf meine Worte! -- Wer in Gegenwart dieser Dame ein unziemendes Wort sagt, wird streng bestraft. Ich will, daß man sie ihrem durchlauchtigen Stande gemäß behandelt. Führt die Pferde vor!«
Machteld weinte still unter dem Schleier, der ihr Gesicht bedeckte. Maria hielt eine Hand gefaßt, und beide standen bewegungslos wie Bildsäulen da. Worte reichten nicht hin, ihren herben Abschiedsschmerz auszudrücken.
Als die Pferde vor die Tür gebracht waren, half Herr de Cressines Machtelden auf einen leichten Traber. Meister Brakels und die Diener wurden freigelassen, und der Zug entfernte sich rasch durch die Straßen von Brügge. Einige Augenblicke später waren sie auf freiem Felde, auf Wegen, welche Machteld nicht erkennen konnte. Die Nacht war düster, und feierliche Stille lag auf der schlummernden Natur. Herr de Cressines blieb stets an Machtelds Seite. Weil er sie in ihrer Betrübnis nicht stören wollte, sprach er nicht mit ihr und würde vielleicht die Reise schweigend zurückgelegt haben, wenn ihn nicht die junge Machteld zuerst angeredet hätte.
»Ist es mir erlaubt, mein Herr, etwas über mein zukünftiges Schicksal zu wissen, und darf ich fragen, von wem der Befehl stammt, der mich aus meiner Wohnung reißt?«
»Der Befehl ward mir durch Herrn de Châtillon gegeben,« antwortete de Cressines. »Wahrscheinlich kommt er von höherer Seite, denn das Ziel Eurer Reise ist Compiègne.«
»Ja,« schluchzte das betrübte Mägdelein, »Johanna von Navarra erwartet mich. Meinen Vater und alle meine Blutsverwandten einzukerkern genügte nicht; ich fehle ihr noch. Jetzt ist ihre Rache vollständig. O mein Herr, Ihr habt eine böse Königin!«
»Ein Mann hätte mir das nicht sagen dürfen. Es ist wahr, edle Frau, unsere Königin behandelt die Vlaemen sehr strenge, und ich hege innigstes Mitleid für Herrn van Bethune; aber ich kann nicht mit anhören, daß man meine Fürstin schmäht.«
»Vergebt! Eure ritterliche Treue verdient meine Achtung. Ich werde über Eure Königin nicht mehr Klage führen und schätze mich glücklich, in meinem Unglück einen so ehrenwerten Ritter zum Führer zu haben.«
»Es wäre mir ein wahres Vergnügen, Euer Edeln bis nach Compiègne zu begleiten; aber diese Ehre ist mir nicht zugedacht. In einer Viertelstunde bekommt Ihr eine andere Gesellschaft, aber das kann Eure Lage in nichts ändern; die französischen Ritter vergessen nie, was sie den Frauen schuldig sind.«
»Es ist wahr, mein Herr, die französischen Ritter sind sehr höflich und ehrerbietig gegen uns; aber wer bürgt mir dafür, daß ich immer eine Begleitung haben werde, die meinem Stande angemessen ist?«
»O! das wird sicher der Fall sein. Ich bringe Euch nach Schloß Male und muß Euch dem Herrn von Saint-Pol übergeben. Soweit geht mein Auftrag.«
Sie plauderten noch einige Zeit, bis sie vor der Brücke des Schlosses anlangten. Bei ihrem Nahen rief die Torwache sie an, und das Fallgitter ging hoch. Kurz darauf fiel die Brücke rasselnd nieder, und der ganze Zug ritt in das Schloß.
XII.
Nun waren schon Monate seit der Übergabe der Stadt Brügge verflossen. Herr de Châtillon hatte Herrn von Mortenay[28] zum Stadtvogt ernannt und war nach Kortrijk zurückgekehrt; denn er traute den Brüggern nicht genug, um unter ihnen zu wohnen. Die Söldner, welche er in der eroberten Stadt gelassen hatte, begingen allerlei Ausschreitungen und setzten den Bürgern gar boshaft zu. Dieses Druckes müde, kehrten fast alle fremden Kaufleute in ihr Vaterland zurück, und der Handel ging von Tag zu Tag zurück. Die Zünfte sahen mit Schmerz und innerer Erbitterung ihren Wohlstand dahinsinken; doch die Maßregeln der Franzosen waren hinreichend streng, um einstweilen ihre Wut zu zügeln. Ein großer Teil der Festungswerke wurde geschleift und ein starkes Kastell gebaut, um die Stadt im Zaume zu halten.
[28] Der vlaemische Text enthält eine doppelte Form für diesen Namen: >Mortenay< und >Montenay<.
Zur großen Verwunderung seiner Mitbürger ließ De Coninck all das ohne Widerstreben geschehen und ging ruhig und anscheinend gleichgültig durch die Straßen; nur in den Versammlungen der Weber verkündete er die Befreiung des Vaterlandes und hielt so die Hoffnung in den Herzen seiner Brüder wach.
Breydel war gar nicht mehr wiederzuerkennen. Düsteres Brüten hatte seine jugendlichen Züge alt gemacht. Seine Augenbrauen hingen tief herab, das stolze Haupt des tapferen Vlaemen war gebeugt wie unter einer drückenden Last. Die Herrschaft, der Anblick der aufgeblasenen Franzosen war für ihn wie eine Natter, die sein Herz fest umschlungen hielt und grausam zerfleischte. Alle Freude, alle Zufriedenheit war für ihn dahin. Selten verließ er seine Wohnung; denn das eroberte Brügge war ihm ein Kerker, dessen Luft ihn erdrückte. Dieser edle Schmerz verließ ihn keinen Augenblick, und seine Brüder vermochten ihn durch nichts zu trösten oder aufzumuntern. In den Augen jedes Franzosen las er gleich einem Vorwurf das Schandwort: Sklave!
Eines Morgens war er sehr früh in seinem Laden und setzte die Träumereien der Nacht fort, mit der linken Hand auf einen Hauklotz gestützt. Seine unsteten Blicke glitten über die Fleischstücke an der Wand, doch er sah sie nicht; seine Seele war mit anderen Gedanken beschäftigt. So stand er geraume Zeit regungslos da, bis seine rechte Hand unwillkürlich ein Schlachtbeil ergriff, das, viel größer als die anderen, besonderen Zwecken bestimmt schien. Als er den glänzenden Stahl gewahrte, glitt ein seltsames Lächeln über seine grimmen Züge, und lange starrte er das Mordwerkzeug an. Plötzlich wurde sein Angesicht finster und traurig. Er blickte düster vor sich hin und sagte klagend: »Vorbei! Keine Hoffnung mehr auf Befreiung! Wir müssen das Haupt beugen und weinen über unser besiegtes Vaterland. Da laufen täglich diese frohblickenden Franzosen durch die Stadt, spotten, verhöhnen jeden -- und wir, wir Vlaemen, wir müssen es dulden, müssen es ertragen! O Gott, wie grausam nagt die Verzweiflung an meinem Herzen!« Er packte krampfhaft das Beil und betrachtete es: »Und du, meine treue Waffe, wozu wirst du mir fürder dienen? Es gibt kein Vaterland mehr zu rächen, kein fremdes Blut mehr zu vergießen. Tränen der Scham benetzen dich, Breydel flennt wie ein Weib ...«
Alsbald ergriff ihn heftige Wut. Er warf das Beil zu Boden und trat mit dem Fuße darauf. »Geh!« rief er, »ein Sklave bedarf keiner Waffen!« Und dann sank seine Hand wieder auf die Bank nieder.
Die Tür des Ladens tat sich auf, und Breydel erkannte nun verwundert De Coninck.
»Guten Tag, Meister,« sprach er, »welch schmerzliche Neuigkeit bringt Ihr mir so früh?«
»Freund Jan,« erwiderte De Coninck, »ich frage Euch nicht, weshalb Ihr so traurig seid, ich kenne Eure edle Seele; der Gedanke an die Sklaverei bringt Euch um, ich sehe es wohl.«
»Schweigt, Meister, schweigt davon; mir ist, als ob die Wände meines Hauses dieses schmachvolle Wort wiederholen. O mein Freund, wäre ich doch auf den Mauern unserer Stadt gestorben, dann hätte ich mir solch bittere Pein erspart. Wieviel feindliche Franzosen hätten dann neben mir ihr Grab gefunden! Aber diese glorreichen Tage sind vorüber.«
De Coninck betrachtete den Obmann der Fleischer mit Rührung; er ermaß an seinen eigenen Leiden, wie tödlich dieser Schmerz für eine Seele, wie die Breydels, sein mußte und antwortete:
»Tröstet Euch doch, edler Freund! Bedenkt: das Feuer, welches unter der Asche glimmt, ist noch nicht erloschen. Einst kehren die ruhmreichen Tage zurück; die dunstige Luft der Knechtschaft klärt sich auf; schon hat die Freiheitssonne einige Strahlen zu uns niedergesandt. Ihr wißt es nicht, aber Ihr könnt mir glauben, die Stunde der Freiheit naht. Noch sind wir nicht schwer genug gedrückt, die Bande der Sklaverei müssen noch schmerzlicher auf uns lasten, damit selbst den Feiglingen die Kette unerträglich wird. Dann, tapferer Bruder, dann wird unsere teure Vaterstadt wieder den schwarzen Löwen von Flandern hochtragen vor allem Volke.«
Breydel betrachtete den Obmann der Weber bei diesen Worten mit seltsamem Ausdruck. Ein Lächeln der Hoffnung verklärte sein Gesicht, und sein bedrücktes Herz erleichterte sich durch einen tiefen Seufzer. Er ergriff De Conincks Hand, drückte sie an sein Herz und sprach:
»Ihr allein, mein Freund, kennt mich, Ihr allein könnt mich rühren und trösten.«
»Aber,« fuhr De Coninck fort, »mein Besuch hat einen anderen Zweck, Meister Jan. Ihr wißt, daß wir gelobt haben, die junge Machteld zu beschützen.«
»Was gibt's?« rief Breydel ungestüm. Bange Ahnung verfärbte seine Wangen. »Freund, bringt Ihr eine schreckliche, schmähliche Kunde?« rief er aus.
»Die Franzosen haben die Tochter unseres Herrn gefangengenommen und fortgeführt!«
Breydel trat einen Schritt vorwärts, hob das Beil vom Boden und schwang es wütend in seiner Faust. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus seinem Mund; endlich rollten zwei glänzende Tränen über seine Wangen, Tränen der Wut und Rachsucht.
»O Löwe von Flandern!« keuchte er, »so gehen sie mit Deinen Kindern um; und das sollte ich dulden? Nein, nein, jetzt ist's vorbei, De Coninck, es ist vorbei! Ich höre auf nichts; heute muß ich Blut sehen, viel Blut, oder ich sterbe!«
»Ruhig, mein Freund,« antwortete De Coninck, »ruhig, und nehmt Vernunft an: Euer Leben schuldet Ihr dem Vaterland und dürft es nicht nutzlos wagen.«
»Ich will nichts hören,« fuhr Jan Breydel fort. »Ich danke Euch für Euren weisen Rat, aber ich mag und kann ihn nicht befolgen. Spart Eure Worte, sie sind fruchtlos.«
»Aber, Meister Jan, laßt Euch nicht so hinreißen; Ihr könnt die Franzosen doch nicht allein verjagen.«
»Das kümmert mich nicht, so weit denke ich nicht. Rache für die Tochter des Löwen, und dann den Tod! O, jetzt bin ich glücklich! Mein Geist riß sich wieder empor, mein Herz schlägt wieder kühn und stark! Aber ich will mich beruhigen; sagt mir nur, was Ihr wißt.«
»O, nicht viel. Heute ganz früh hat mich ein Diener des Herrn van Nieuwland geweckt. Von ihm erfuhr ich, daß die edle Machteld in der Nacht fortgeführt worden ist, und daß der Verräter Brakels den Franzosen zum Führer gedient hat.«
»Brakels!« rief Breydel; »noch einer mehr für mein Beil; der soll den Franzosen nicht mehr dienen!«
»Wohin man die Jungfrau gebracht, weiß ich nicht; vermutlich nach Schloß Male; denn der Diener hat diesen Namen zweimal von den Söldnern nennen hören. Ihr seht wohl, Breydel, es wäre besser, Genaueres abzuwarten, statt so unbesonnen zu Werke zu gehen. Ja, es ist fast gewiß, daß die edle Jungfrau bereits nach Frankreich gebracht worden ist.«
»Ihr pocht an eines Tauben Tür,« rief Breydel; »ich sage Euch, nichts kann mich mehr wankend machen. Ich will und muß fort, vergebt mir, daß ich Euch stehenden Fußes verlasse.«
Er barg das Beil unter seinem Wams und wandte sich hastig nach der Tür; aber De Coninck hatte ihm rasch der Weg vertreten. Wie ein Tiger, der in der Schlinge hängt, spähte Breydel im Laden umher, als suchte er einen Ausgang. Sein Körper neigte sich vor, seine Muskeln waren gespannt, wie wenn er sich auf etwas stürzen wollte, das seine Flucht hemmte.
»Laßt die nutzlosen Versuche,« redete ihm De Coninck zu, »ich versichere Euch, Ihr werdet mit dem Beil nicht ausgehen. Ihr seid mir zu teuer, und ich halte es für meine Pflicht, Euch vor Unheil zu bewahren.«
»Laßt mich durch, Meister Peter,« rief der Obmann der Fleischer, »ich bitte Euch, laßt mich fort. Ihr quält mich grausam.«
»Nein, hierin bin ich unerbittlich; glaubt Ihr, Ihr wäret Euer eigener Herr, daß Ihr Euer Leben nach Belieben wagen dürftet? O nein, Meister, Gott hat Euch eine tiefere Seele geschenkt, und das Vaterland hat in Euch einen kräftigen Mann gefunden, um Euch zum Schutz für unsre Freiheit am Leben zu erhalten. Bedenkt diese hohe Sendung, Meister, und vergeudet Eure Kräfte nicht durch nutzlose Rache.«
Während De Coninck so sprach, besänftigte sich die Aufregung des Fleischers. Seine Haltung wurde ruhig, und man hätte glauben können, daß er durch die weise Rede seines Freundes überzeugt worden sei. Das war zwar nicht Verstellung, aber auch nicht der wahre Ausdruck seiner Gefühle. Er schwankte zwischen Rachsucht und Besonnenheit, ohne innerlich zur Ruhe zu kommen.
»Ihr habt recht, mein Freund,« sprach er, »ich lasse mich zu leicht hinreißen; aber Ihr wißt, es gibt Leidenschaften, deren Drängen man nicht widerstehen kann. Ich will meine Waffe da wieder an die Wand hängen; nun werdet Ihr mich doch herauslassen; ich muß ja heute noch nach Thourout, um Vieh zu kaufen.«
»Gut, ich will Euch nicht länger zurückhalten, obgleich ich weiß, daß Ihr nicht nach Thourout gehen werdet.«
»Gewiß, Meister, ich habe kein Vieh mehr im Stalle und muß mir noch vor Abend welches beschaffen.«
»Ihr könnt mich nicht täuschen, Meister Jan, ich kenne Euch zu lange. Durch Eure Augen blicke ich bis ins Innerste Eurer Seele; Ihr geht geradeswegs nach Male.«
»Ihr seid ein Zauberer, Meister Peter, denn Ihr kennt meine Gedanken besser als ich. Ja, ich gehe nach Male, aber glaubt mir, nur, um nach der unglücklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich gelobe Euch, die Rache bis auf einen günstigeren Tag zu verschieben.«
Die beiden Obmänner gingen zusammen hinaus und trennten sich vor der Tür nach kurzem Gespräch.