Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 11
»So hört denn aufmerksam zu. Ich bin dem Hause Gwijde von Flandern ob mancher Wohltat die größte Dankbarkeit schuldig; Liebe und Erkenntlichkeit, wie ich sie stets für meinen gnädigen Fürsten hegte, trieben mich an, ihm in seiner Bedrängnis beizustehen. Mit diesem Vorsatz verließ ich mein Kloster und zog nach Frankreich. Dort ermöglichten mir Bitten, Geld und mein geistlicher Stand, zu all den edlen Gefangenen Zutritt zu erlangen, und so überbrachte ich dem Vater die Worte des Sohnes, dem Sohne den Segen des Vaters. Im Kerker des Louvre habe ich mit der armen Philippa geseufzt und geweint. Derart habe ich ihre Pein gelindert, ihre Einsamkeit für kurze Zeit unterbrochen. Ganze Nächte hindurch bin ich gereist; oft wurde ich verjagt, geschmäht und verhöhnt. Aber des achtete ich nicht, angesichts des Glückes, meinem rechtmäßigen Fürsten in seiner Bedrängnis dienen zu können. Die Tränen der Dankbarkeit, die bei meinem Kommen flossen, waren mir ein Lohn, den alle Güter der Welt nicht aufwiegen können.«
»Seid gesegnet, edelmütiger Priester,« rief Adolf, »der Himmel wird es Euch lohnen; aber sagt mir, ich bitte Euch, wie geht es Herrn van Bethune?«
»Er sitzt in einem Turme zu Bourges, im Lande Berry. Sein Los ist nicht zu schlimm, denn er ist von Banden und Ketten frei. Sein Gefangenenwärter ist ein alter Soldat, der im sizilischen Kriege mannhaft unter dem Banner des schwarzen Löwen gefochten hat. So ist er eher Herrn Robrechts Freund als sein Wächter.«
Adolf lauschte mit größter Aufmerksamkeit; mitunter wollte er seine Freude in Worten künden, doch er hielt an sich. Der Mönch fuhr fort:
»Seine Gefangenschaft würde ihn weniger hart bedünken, wenn ihn nicht sein Herz von hinnen zöge; er ist Vater und trübe Ahnungen quälen sein Herz. Seine Tochter ist in Flandern geblieben, und er fürchtet, die tückische, grausame Königin von Navarra wird auch dieses Kind verfolgen und schwere Leiden über sie verhängen. Dieser schmerzliche Gedanke foltert den zärtlichen Vater, und sein Kerker wird ihm unerträglich; bitterste Verzweiflung durchtobt sein Herz, und jeder Tag seines Lebens gleicht den Qualen einer verdammten Seele. Überlegt Euch nun, ob Ihr wirklich entschlossen seid, Euer Leben für den Löwen, Euren Herrn, zu wagen. Der Kastellan von Bourges will ihn gegen Ehrenwort für einige Zeit in Freiheit setzen, falls ein treuer, opferbereiter Untertan sich aus Liebe zu ihm an seiner Statt einkerkern lassen will.«
Der junge Ritter warf sich vor dem Priester nieder und küßte ihm ehrfürchtig die Hand.
»O selig die Stunde!« rief er, »da ich Machteld diesen Trost verschaffen kann. Sie soll ihren Vater sehen, o Gott! und ich soll diese heilige Sendung vollbringen? Wie pocht mein Herz so froh! Der glücklichste Mensch auf Erden sitzt zu Euren Füßen, ehrwürdiger Priester! Wißt Ihr, in welche Seligkeit, in welch reine Freude mich Eure Worte stürzen? Ja, dankbar will ich die Ketten wie einen kostbaren Schmuck entgegennehmen. Nichts soll mir über diese eisernen Fesseln gehen! O Machteld, Machteld! Könnten dir doch die Lüfte diese Freudenbotschaft künden.«
Der Mönch unterbrach die Begeisterung des Ritters nicht und stand auf; langsam schritt Adolf hinter ihm her, der Stadt zu.
»Mein Herr,« begann jener schließlich, »Eure edlen Gefühle erfüllen mich mit berechtigter Bewunderung. Wohl zweifle ich nicht an Eurem Mute; aber habt Ihr auch bedacht, welchen Gefahren Ihr Euch aussetzt? Wenn die List entdeckt würde, müßtet Ihr Euer Opfer mit dem Leben büßen.«
»Ein vlaemischer Ritter fürchtet den Tod nicht,« entgegnete Adolf, »nichts kann mich schrecken. Wenn Ihr wüßtet, wie ich seit sechs Monden Tag und Nacht mein Gehirn martere, nach einer Gelegenheit suche, um für das Haus Flandern mein Leben zu wagen, -- Ihr würdet mir nicht von Furcht und Gefahr reden. Noch eben, da ich trostlos am Wege saß, bat ich um eine göttliche Eingebung, und durch Euch hat Gott zu mir gesprochen.«
»Wir müssen noch heute nacht fort von hier, damit man nicht hinter unser Geheimnis kommt.«
»Je eher, je lieber! Denn meine Gedanken weilen schon in Bourges bei dem Löwen von Flandern, meinem Herrn und Fürsten.«
»Ihr seid jung, Herr Ritter; aber sonst gleichen Eure Gesichtszüge wohl denen von Herrn Robrecht; nur im Alter seid Ihr gar verschieden. Dies soll uns jedoch nicht hindern; denn meine Kunst wird Euch schnell die fehlenden Jahre verleihen.«
»Was wollt Ihr damit sagen, Vater? Könnt Ihr mich älter machen, als ich bin?«
»O nein. Aber ich kann Euer Gesicht so verändern, daß Ihr Euch selbst nicht wiederkennen sollt. Dazu verwende ich Kräuter, deren Wirkungen ich kenne; denkt aber nicht, daß ich gottlosen Künsten fröhne. Doch nun sind wir ja dicht bei der Stadt: könnt Ihr mir sagen, wo ein gewisser Adolf van Nieuwland wohnt?«
»Adolf van Nieuwland?« rief der Ritter, »der bin ich ja, mit dem Ihr sprecht!«
Der Priester schien baß verwundert. Er blieb mitten auf dem Wege stehen und blickte den Junker mit geheucheltem Staunen an.
»Wie, Ihr seid Adolf van Nieuwland? Dann ist also Machteld van Bethune in Eurer Wohnung!«
»Diese Ehre ist meinem Haus zuteil geworden,« antwortete Adolf. »Eure Ankunft wird sie höchlich freuen. Fast kommt der Trost zu spät, den Ihr bringt; denn trauernd siecht sie dahin, als ob sie sterben wollte.«
»Hier, diesen Brief von ihrem Vater könnt Ihr Machteld geben; denn ich merke wohl, daß es Euch glücklich machen wird, ihr Trost zu bringen.«
Dabei holte er unter der Kutte ein Pergament hervor, das mit einem seidenen Faden und durch Siegel verschlossen war und übergab es dem Ritter. Der beschaute es schweigend in höchster Erregung. Seine Vorstellung trug ihn schon zu Machteld, und er spürte die eigne Freude an des Mägdeleins Glückseligkeit. Nunmehr ging ihm der Mönch viel zu langsam; er war immer etwas voraus, denn Ungeduld beflügelte seine Schritte. Als sie in der Stadt bei Adolfs Wohnung angelangt waren, betrachtete der Mönch das Haus, als wollte er es sich einprägen, und sprach:
»Gott mit Euch! Herr van Nieuwland! Heute abend, vielleicht ziemlich spät, komme ich wieder zu Euch. Richtet derweile Euer Gepäck.«
»Wollt Ihr nicht mit mir zu der Jungfrau gehen? Ihr seid so ermüdet: nehmt bitte mit meiner Wohnung vorlieb.«
»Ich danke Euch, Herr; meine Priesterpflichten machen mich anderen Orts nötig. Gegen zehn Uhr treffe ich Euch wieder. Gott nehme Euch in seinen Schutz!«
Damit verließ er den erstaunten Ritter und ging in die Wollstraße, wo er in De Conincks Hause verschwand. Voller Freude über dies unerwartete Glück, das ihm wie ein goldener Traum erschien, pochte Adolf mit heißer Ungeduld an seine Tür. Der Brief des Herrn van Bethune brannte ihm in der Hand, und als der Diener ihm öffnete, stürmte er ungestüm ins Haus.
»Wo ist Machteld? Wo ist Fräulein Machteld?« fragte er hastig.
»Im Saale an der Straße,« entgegnete der Diener.
Der Ritter flog die Treppe hinan und öffnete stürmisch die Tür des Saales.
»O edle Machteld,« rief er, »trocknet Eure Tränen. Nun lacht sonnige Freude, denn unser Unglück ist vorbei!«
Die junge Gräfin saß beim Eintritt Adolfs traurig am Fenster. Sie betrachtete den aufgeregten Junker mit Zweifel und Unglauben.
»Was sagt Ihr?« rief sie endlich, stand auf und setzte ihren Falken rasch auf den Stuhl, »unser Unglück ist vorbei?«
»Ja, edle Frau, nun harret Euer ein besseres Los. Hier ist ein glückbringendes Schreiben -- sagt Euer Herz Euch nicht, von welcher teuren Hand?«
Ehe er noch ausgesprochen hatte, lief Machteld in höchster Aufregung auf ihn zu und riß ihm den Brief aus den Händen. Ungewöhnte Glut färbte ihre Wangen mit flammendem Rot, und Freudentränen entströmten ihren Augen. Sie erbrach das gräfliche Siegel und las den Brief dreimal, ehe sie irgendein Wort zu verstehen schien -- ach nein, sie verstand ihn nur zu wohl, das unglückliche Mägdelein. Unaufhaltsam flossen ihre Tränen, aber es war nicht mehr Freude; herber Schmerz entlockte ihr diese Zähren.
»Herr Adolf,« rief sie schmerzbewegt, »Eure Freude zerreißt mir das Herz. Unser Unglück ist vorbei, sagt Ihr? Da -- leset selbst und beweint mit mir meinen unglücklichen Vater.«
Der Ritter ergriff den Brief aus Machtelds Hand und begann ihn gesenkten Hauptes zu lesen. Anfangs glaubte er, der Priester habe ihn betrogen und als Boten einer schrecklichen Nachricht gebraucht; als er aber den ganzen Inhalt des Schreibens kannte, schwand sein Argwohn. Einige Augenblicke sann er schweigend über seine unvorsichtigen Worte nach. Als ihn Machteld so bekümmert sah, bereute sie innerlich den Vorwurf, den sie ihm gemacht hatte; sie trat zu dem traurigen Junker und sagte freundlich:
»Vergebt mir, Herr Adolf. Seid nicht traurig und glaubt nicht, daß ich Euch gram bin, weil Ihr mir zu viel Glück verheißen habt. Ich weiß, wie glühend Ihr auf das Wohl eines armen Mägdeleins bedacht seid. Seid überzeugt, Adolf, daß ich für Eure edelmütige Aufopferung nicht undankbar bin.«
»Edle Machteld,« rief er, »ein großes Glück kann ich Euch verheißen. Nein, meine Freude ist nicht dahin. Den Inhalt des Briefes kannte ich; aber der war nicht der Grund meiner Freude. Trocknet Eure Tränen, Machteld; ich wiederhole Euch, grämt Euch nicht mehr, denn bald werdet Ihr lange an Eures Vaters Brust ruhen können.«
»O, welches Glück,« schluchzte Machteld, »sollte es wahr werden? Sollte ich meinen Vater sehen und sprechen? Aber warum quält Ihr mich, Herr Adolf? Weshalb klärt Ihr mir dies Rätsel nicht auf? Sprecht doch, damit meine Zweifel schwinden.«
Ein flüchtiger Schatten verdüsterte die heiteren Züge des Junkers. Er hätte Machtelden die geforderte Erklärung so gern gegeben, aber seine edle Seele duldete nicht, von den eigenen Verdiensten zu sprechen. Mit hörbarer Betrübnis erwiderte er:
»Vergebt es mir, bitte, edle Jungfrau, wenn ich schweige. Seid gewiß, daß Ihr Euren Durchlauchtigen Vater sehen werdet, daß er seine teure Tochter auf dem Boden der Heimat sprechen und umarmen wird; aber mehr darf ich Euch nicht sagen.«
Die junge Gräfin gab sich damit nicht zufrieden. Zweierlei drängte sie, dies Rätsel zu lösen: weibliche Neugier und die noch haftenden Zweifel. In sichtlichem Ärger preßte sie die Lippen aufeinander und sagte schließlich:
»Ach, Herr Adolf, enthüllt mir doch, was Ihr mir verbergen wollt; haltet mich nicht für so unbesonnen, daß ich es zu meinem eigenen Schaden preisgeben würde.«
»Ich darf, ich kann nicht.«
»Es würde mich doch so froh machen, Herr Adolf. Nun also glaube ich Euren Worten nicht. Ihr raubt mir die Freude, die ich erlebt hätte. Sagt mir es doch.«
»Ich bitte Euch, verschont mich, edles Fräulein, ich kann nicht.«
Bei jedem Wort des Ritters wuchs die Neugierde Machtelds. Immer wieder fragte sie ihn nach dem Geheimnis, -- vergebens. Endlich packte sie die Ungeduld: als alle Bitten nichts nützten, begann sie aus Ärger wie ein Kind zu weinen. Beim Anblick ihrer Tränen entschloß er sich endlich, ihr alles zu sagen, mochte ihm auch das Eingeständnis der eigenen Aufopferung noch so viel kosten. Machteld las in seinen Zügen ihren Sieg und nahte ihm in froher Erwartung, während er also zu ihr sprach:
»Hört denn, Machteld, wie wundersam ich den Brief und die frohe Nachricht erhielt. In tiefem Sinnen saß ich bei Sevecote und flehte in glühendem Gebet die Gnade des Himmels auf meinen unglücklichen Landesherrn herab. Wie groß war mein Staunen, als ich plötzlich einen Priester vor mir stehen sah! Sofort dachte ich, mein Gebet sei erhört und dieser Mann werde mir Trost bringen -- und so war es auch; denn aus seiner Hand empfing ich den Brief, aus seinem Mund vernahm ich die Kunde: Euer Vater kann sein Gefängnis auf einige Tage verlassen, aber ein anderer Ritter muß die Ketten für ihn tragen.«
»Welche Freude!« rief Machteld aus, »ich werde ihn sehen und sprechen. O mein Vater, mein teurer Vater! Wie dürstet meine Seele nach Eurer Umarmung! Adolf, Ihr macht mich überglücklich; Eure Worte tun so wohl! Aber wer wird die Stelle meines Vaters einnehmen wollen?«
»Der Mann ist schon gefunden,« gab der Ritter zur Antwort.
»Der Segen des Himmels komme über ihn!« rief die Jungfrau. »Welch Edelmut, meinen Vater solcherart zu befreien, mir das Leben wiederzugeben! O, stets werde ich diesen Mann lieben, allzeit ihm dankbar sein; er verdient noch mehr. Aber wer ist denn dieser edelmütige Ritter?«
Adolf ließ sich auf ein Knie vor der Jungfrau nieder und rief:
»Wer anders als Euer Diener Adolf, o edle Tochter des Löwen, meines Herrn!«
Machteld blickte den Jüngling voll inniger Rührung an, hob ihn vom Boden auf und sprach:
»Adolf, mein guter Bruder, wie kann ich Euch je Eure Hingabe lohnen? O, ich weiß, was Ihr alles getan habt, um mein Schicksal zu erleichtern. Es ist mir nicht entgangen: auf mein Wohlergehen war Euer ganzes Leben gerichtet. Nun wollt Ihr gar die Ketten meines Vaters auf Euch nehmen und geht vielleicht in den Tod, um mir einen glücklichen Augenblick zu schaffen. Ich unfrohes, trauriges Ding habe das nicht verdient.«
Seltsam feurig erglänzten die Augen des Ritters. Begeistert rief er:
»Fließt nicht das Blut meiner Grafen in Euren Adern, edle Frau? Seid Ihr nicht der teure Sproß des Löwen, des Fürsten, der meines Vaterlandes Ruhm verkörpert? Nie, niemals kann ich ihm seine Wohltaten vergelten; mein Blut, mein Leben habe ich Eurem Durchlauchtigen Hause geweiht. Alles, was der Löwe liebt, ist mir heilig!«
Während Machteld ihn bewundernd anschaute, meldete ein Diener den Priester, und dieser wurde auf Adolfs Geheiß in den Saal geführt.
»Seid gegrüßt, durchlauchtige Tochter des Löwen, unseres Herrn,« sprach er mit ehrerbietiger Verneigung, während er die Kappe seiner Kutte zurückwarf.
Machteld betrachtete forschend den Mönch und strengte ihr Gedächtnis an, um sich seines Namens zu entsinnen; denn seine Stimme griff ihr tief ins Herz. Plötzlich nahm sie seine Hand; ihre Augen glänzten vor Freude, und sie rief leidenschaftlich bewegt:
»O Gott! Der Herzensfreund meines Vaters -- Herr Dietrich! Ich glaubte, alle außer Herrn van Nieuwland hätten uns verlassen. Nun sei dem Himmel Dank, er hat mir einen zweiten Beschützer gesandt! Und ich -- ich wagte Euch in Gedanken der Untreue zu beschuldigen! Vergebt meinem bekümmerten Herzen diesen Irrtum, Herr Dietrich.«
Dietrich war ganz verdutzt, daß seine Kunst von einem Frauenauge durchschaut worden war. Ärgerlich legte er seinen Bart ab und erschien nun der Jungfrau in kenntlicherer Gestalt. Adolf erging sich in Danksagungen und drückte ihm mit inniger Freundschaft die Hand. Dann wandte sich Dietrich zu Machteld und sprach:
»Fürwahr, edles Fräulein, ich muß gestehen, Ihr habt ein scharfes Auge. Jetzt freilich heißt es wieder natürlich sprechen. Und doch wäre ich lieber unerkannt geblieben; denn die Maske, die Ihr durchschaut habt, ist für das Wohl meines Gebieters, des Löwen, unentbehrlich. Ich bitte Euch deshalb, nennt bei niemandem meinen Namen, das könnte mir das Leben kosten. Euer Antlitz, edle Jungfrau, trägt die Spuren Eures langen, tiefen Schmerzes; aber die sollen nicht dauern, wenn sich unsere Hoffnungen verwirklichen. Sollte sich jedoch die Gefangenschaft Eures Vaters gegen all' unsere Hoffnung länger hinziehen, so gebietet Euch die Religion, auf die Gerechtigkeit des Herrn zu vertrauen. Ich habe Herrn van Bethune gesehen und gesprochen. Sein Los ist durch das Wohlwollen des Kastellans erleichtert, und er ersucht Euch, seinetwegen nicht zu weinen.«
»Erzählt mir doch, was er Euch gesagt hat, Herr Dietrich. Beschreibt mir seinen Kerker, sein Leben. Nur seinen teuren Namen zu hören, tut meinem Herzen schon wohl.«
Dietrich der Fuchs begann eine eingehende Beschreibung des Turmes von Bourges und erzählte dem Mägdelein alles, was er wußte. Mit der größten Bereitwilligkeit beantwortete er jede kleinste Frage und tröstete sie durch erheuchelte Fröhlichkeit.
Inzwischen war Adolf aus dem Saal gegangen, um mit seiner Schwester Maria seine Reise zu besprechen und anzuordnen, daß man hierzu sein Pferd und seine Waffen instand setzte. Auch hatte er durch einen treuen Diener De Coninck und Breydel benachrichtigt und aufgefordert, über die junge Gräfin zu wachen. Das war freilich unnötig, da Dietrich der Fuchs schon mit geheimen Befehlen beim Weber gewesen war. Sobald Adolf zurückkam, erhob sich Dietrich von dem Sessel und sprach:
»Herr van Nieuwland, ich kann nicht länger bleiben. Geduldet Euch nun, bitte, nur ein wenig, damit ich Eurem Gesicht das nötige Alter verleihe. Fürchtet nicht, daß es Euch irgendwie schaden könnte, und laßt mich gleich beginnen.«
Der Ritter setzte sich vor Dietrich auf einen Sessel und lehnte sein Haupt zurück. Machteld, die dies alles nicht begreifen konnte, stand verwundert neben ihnen. Neugierig verfolgte sie, wie Dietrichs Finger auf Adolfs Gesicht zahlreiche graue Flecken und schwarze Linien zeichneten. Bei jedem Strich erstaunte das Mägdelein mehr; denn die Züge des Ritters veränderten sich und erinnerten an die ihres Vaters. Beim Anblick dieser Wunder pochte der Jungfrau Herz gar ungestüm. Als dann alle Linien recht dastanden, befeuchtete Dietrich Adolfs Wangen und Stirn mit einem bläulichen Wasser und ersuchte ihn, aufzustehen.
»Wir sind fertig,« sagte er, »Ihr gleicht Herrn van Bethune, als ob ihr beide Kinder desselben Vaters wäret. Und hätte ich Euch nicht selbst so umgestaltet, ich würde Euch mit dem Namen des durchlauchtigsten Löwen begrüßen. Ja, glaubt es mir, ich empfinde wirklich Ehrfurcht vor Eurem neuen Gesicht.«
Die junge Machteld stand sprachlos und wie von Sinnen vor Adolf. Sie konnte sich nicht sattsehen und betrachtete abwechselnd die beiden Ritter, wie man nach der Erklärung eines unbegreiflichen Vorganges fragt. Adolf glich Herrn van Bethune so genau, daß sie hätte glauben können, ihr Vater stände wirklich vor ihr.
»Herr van Nieuwland,« sagte Dietrich der Fuchs, »wenn Ihr Euer edles Vorhaben glücklich ausführen wollt, so ist es ratsam, daß wir schleunigst abreisen. Wenn Euch ein Feind oder ungetreuer Diener so erblickt, dann schwebt Ihr in der größten Gefahr, Euer Leben nutzlos aufs Spiel zu setzen.«
Adolf sah ein, daß er die Wahrheit sprach.
»Lebt wohl, edle Jungfrau,« rief er, »lebt wohl und denkt zuweilen an Euren Diener Adolf.«
Sie schluckte die Tränen herunter, die schon in ihren Augen glänzten, und löste ihren grünen Schleier.
»Hier,« sprach sie, »empfanget das aus den Händen Eurer dankbaren Schwester. Er mag Euch an mich erinnern, die Eure edle Tat nie vergessen wird. Es ist meine Lieblingsfarbe.«
Der Ritter sank auf ein Knie, als er dies Pfand empfing, und drückte es mit dankbarem Blick an seine Lippen.
»O Machteld!« rief er, »ich habe diese Gunst nicht verdient. Möchte dereinst der Augenblick kommen, da ich mein Blut für das Haus von Flandern vergießen kann: dann werde ich mich Eurer Freundschaft und Güte würdig zeigen.«
»Es ist Zeit; bitte, unterbrecht Eure Danksagungen,« bemerkte Dietrich.
»Lebt wohl, Machteld!«
»Lebt wohl, Adolf!«
Und der Ritter verließ rasch den Saal. Im Vorhof schwangen er und Dietrich sich in den Sattel; einige Augenblicke später hallten die einsamen Straßen der Stadt von dem Tritt zweier Pferde wieder, bis sie unter dem Genter Tor verschwanden.
XI.
Im Jahre 1280 hatte ein furchtbarer Brand die alte Halle am Markt völlig vernichtet. Dort war der hölzerne Turm mit allen Rechtsurkunden der Stadt Brügge in Flammen aufgegangen. Nur einige massive Mauern des untersten Stockwerkes waren verschont geblieben und mit ihnen einige Räume, welche bisweilen als Wachtstuben dienten. Die französischen Kriegsknechte hatten dies verlassene Gemäuer zum Sammlungsplatz erwählt, und hier verbrachten sie ihre freien Stunden mit Schwelgen und Spielen.
Einige Zeit nach der Abreise Adolfs van Nieuwland befanden sich acht französische Söldner in einem der entlegensten Räume der Brandstätte. Eine große tönerne Lampe beleuchtete die gebräunten Gesichter der Krieger, und kräuselnd stieg ihr Qualm zum Gewölbe empor. An den Wänden konnte man beim grellen Lampenschein noch einige Verzierungen im römischen Stile bemerken. Eine weibliche Statue ohne Hände, deren Gesicht mit der Zeit schon ganz entstellt war, stand in einer Nische des Gemachs. Vier Kriegsknechte saßen an einem schweren eichenen Tische und würfelten eifrig. Mehrere andere standen dabei und folgten aufmerksam dem Spiel. Offenbar waren diese Leute nicht zum Würfeln allein hierhergekommen: sie hatten Helme auf, und breite Schwerter hingen an ihrem Gürtel, als ob es zum Kampfe ginge.
Nach einigen Augenblicken stand einer der Spieler auf und warf ärgerlich die Würfel beiseite.
»Ich glaube, der alte Bretone hat keine sauberen Finger,« rief er. »Das wäre doch recht sonderbar, wenn ich unter fünfzig Würfen nicht einmal gewinnen sollte. Ich habe keine Lust mehr zum Spiel, ich höre auf.«
»Ihr wollt nicht mehr spielen!« rief der Gewinner frohlockend. »Was Teufel, Johann, Eure Tasche ist doch sicher nicht leer! -- Fliehet Ihr so vor dem Feind?«
»Wage es noch einmal,« meinte ein anderer, »vielleicht wendet sich das Glück.«
Der Söldner, der Johann genannt wurde, schwankte lange, ob er sein Glück noch einmal versuchen sollte; endlich griff er in sein Panzerhemd und zog einen glänzenden Schmuck hervor. Es war ein Halsschmuck von den feinsten Perlen mit goldenem Schloß.
»Da,« sprach er, »ich setze diese Perlen gegen euren Gewinn: die schönste Schnur, die je am Hals einer vlaemischen Frau geblinkt hat! Wenn ich diesmal wieder verliere, bleibt mir kein Härlein von der Beute.«
Der Bretone nahm den Schmuck in die Hand und betrachtete ihn neugierig.
»Gut, es gilt!« rief er; »in wieviel Würfen?«
»In zwei,« antwortete Johann, »werft Ihr zuerst.«
Ein Haufen Goldstücke lag auf der Tafel neben den kostbaren Juwelen. Aller Augen folgten in beklemmender Spannung den rollenden Würfeln, und die Herzen der Spieler klopften heftig. Beim ersten Wurf schien das Glück Johann zu lächeln, denn er warf zehn, sein Genosse nur fünf. Während er sich nun der Hoffnung hingab, sein Geld wiederzugewinnen, sah er, daß der Bretone die Würfel heimlich zum Munde führte und an einer Stelle benetzte. Als er merkte, daß Trug an seinem Verluste schuld war, jagte ihm Ärger und Rachsucht das Blut zu Kopfe. Er tat aber, als habe er nichts gesehen, und meinte:
»So werft; was zaudert Ihr? Seid Ihr bange?«
»Nein, nein!« rief der Bretone und ließ die Würfel rasch aus den Händen rollen. »Das Glück kann sich wenden -- seht Ihr wohl? Zwölf!«
Nun warf Johann die Würfel nachlässig auf den Tisch. Da er unglücklicherweise diesmal nur sechs bekam, nahm der Bretone mit Freudenrufen das Geschmeide an sich und barg es unter seinem Harnisch. Johann wünschte ihm mit erkünstelter Ruhe Glück zu seinem Gewinn und schien sich über den Verlust nicht sonderlich zu grämen. Aber in seiner Brust fraß geheimer Grimm, und er konnte sich nur mühsam zurückhalten. Während der frohe Gewinner mit einem anderen Genossen sprach, flüsterte Johann denen, die bei ihm standen, etwas ins Ohr und schien den Bretonen durch seine Blicke ihrer Aufmerksamkeit anzuempfehlen; dann rief er:
»Da Ihr mir alles abgewonnen habt, Kamerad, werdet Ihr es mir nicht abschlagen, das Glück noch einmal zu versuchen. Ich setze das Geld, das wir diesen Abend noch verdienen, gegen eine gleiche Summe. Tut Ihr mit?«
»Aber natürlich, ich weiche nie!«
Johann nahm die Würfel und warf achtzehn in zweimal. Während nun der andere die Würfel von der Tafel nahm und sie beim Sprechen ganz absichtslos in der Hand zu halten schien, gaben die Soldaten neben Johann genau darauf acht. Sie sahen deutlich, daß der Bretone die Würfel nochmals an seine Lippen führte, und dank dieser List einmal zehn und einmal zwölf warf.
»Ihr habt verloren, Freund Johann!« rief er.
Ein furchtbarer Faustschlag war die Antwort auf diesen Zuruf; Blut strömte aus seinem Mund, und einen Augenblick war er ganz betäubt, denn der Schlag hatte sein Hirn erschüttert.
»Ihr seid ein Schelm, ein Dieb!« schrie Johann; »ich habe gar wohl gesehen, wie Ihr die Würfel naß machtet und mich so um mein Geld betroget! Ihr sollt mir alles wiedergeben, oder ...«