Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 10

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Die bewaffneten Zunftleute waren noch um die Burg geschart, als die Nachricht von dem heranrückenden feindlichen Heere sie überraschte. Sie ließen einige Mannschaften auf dem Platze zurück, um einen Ausfall der verschanzten Leliaerts zu verhindern, liefen eiligst zu den Wällen und verteilten sich auf den bedrohten Mauern. Als sie sahen, wie die französischen Söldner bereits die Balken zu den furchtbaren Werkzeugen zusammenfügten, ward ihnen um ihre Vaterstadt bange. Die Belagerer arbeiteten in ziemlicher Entfernung von den Mauern der Stadt und waren außer dem Bereich der Pfeile, die ihnen von dort zugeschleudert wurden. Ruhig setzten sie ihre Arbeiten fort, während Châtillon mit seinen Reitern jeden Ausfall der Bürger verhinderte. Alsbald erhoben sich denn auch schon im Lager der Franzosen hohe Türme mit Fallbrücken; Sturmrammen und Ballisten waren auch fast fertig, und alles kündigte den Brüggern ein furchtbares Schicksal an. Trotz der großen Gefahr war den Mienen der Zunftleute keine feige Furcht anzumerken. Starr und regungslos blickten sie auf den Feind. Ihre Herzen schlugen rascher, und ihr Atem flog; aber das war nur der erste Eindruck beim Anblick des feindlichen Lagers. Bald strömte das Blut freier in ihren Adern, ohne daß sie die Augen vom Feinde abzuwenden brauchten; mannhaftes Feuer glühte auf ihren Wangen, und die Herzen sämtlicher Bürger waren von Rachedurst und Heldenmut beseelt.

Ein einzelner Mann stand heiter und froh auf dem Walle. Seine Lebhaftigkeit, sein zufriedenes Lächeln ließ annehmen, daß er einer glücklichen Stunde entgegensah. Bisweilen wandte er sein flammendes Auge vom Feinde auf das Schlachtbeil, das in seiner starken Faust blitzte, und dann streichelte er den Mordstahl mit zärtlicher Liebe. -- Es war der unverzagte Jan Breydel.

Die Obmänner der Zünfte versammelten sich bei De Coninck und erwarteten schweigend seinen Rat und seine Befehle. Wie gewöhnlich bedachte der Obmann der Weber sich lange und blickte träumerisch zum französischen Heere hinüber. Das dauerte dem unruhigen Breydel zu lange, und er rief ungeduldig:

»Nun, Meister De Coninck, was befehlt Ihr denn? Sollen wir einen Ausfall machen und die französischen Snakkers überfallen, oder sollen wir sie auf unsern Wällen totschlagen?«

Der Vorsteher der Weber antwortete nicht; er starrte noch immer in tiefem Nachdenken auf die feindlichen Arbeiten und zählte genau die großen Sturmwerkzeuge.

Obgleich die anderen seine Gedanken auf seinem Gesicht zu lesen suchten, konnten sie doch nichts als kaltes Wägen darin wahrnehmen. Ruhe und Besonnenheit erfüllten De Conincks Herz, doch keine Hoffnung auf ein glückliches Gelingen. Er sah ein, daß es unmöglich war, der Gewalt der Feinde zu widerstehen; denn die riesigen Ballisten und hohen Türme machten die Feinde den Brüggern allzu überlegen, da diese nicht mit so gewaltigen Kriegswerkzeugen ausgerüstet waren. Als er sich genau überzeugt hatte, daß die Stadt, wenn es zum Sturme käme, durch Feuer und Schwert vernichtet werden würde, entschloß er sich zu einem traurigen Mittel; er wandte sich zu den Obmännern und sprach langsam:

»Genossen, die Not drängt; unsere Stadt, die Blume von Flandern, war verkauft gewesen, ohne daß wir es wußten. In dieser Lage kann uns nur Vorsicht helfen. Muß euch auch solch Opfer eurer edelsten Gefühle schmerzen, so bedenkt, bitte, wohl, daß zwar der Held, der sein Blut für die Rechte seiner Mitbürger vergießt, zu preisen ist, doch daß der Tollkühne törig handelt, der sein Vaterland kühnlich in Gefahr bringt. Hier nützt kein Kampf ...«

»Was? Was?« rief Breydel, »hier nützt kein Kampf? Wer gibt Euch diese Worte ein?«

»Vorsicht und Liebe zu meinem Geburtsort,« antwortete De Coninck. »Wir mögen als Vlaemen auf den Trümmern unserer Stadt mit den Waffen in der Hand sterben; wir würden gern zwischen den blutigen Leichen unserer Brüder jauchzend niedersinken: wir sind ja Männer. Aber unsere Frauen -- unsere Kinder -- sollten wir wehrlos der zügellosen Rachsucht unserer Feinde ausliefern? Nein, der Mut ist dem Manne verliehen, um seine schwächeren Mitmenschen zu beschirmen ... Wir müssen die Stadt übergeben!«

Die Umstehenden erschraken bei diesen Worten, als wäre ein Blitz zwischen ihnen niedergefahren, und sie schauten den Obmann mit zornigen Blicken an. Die Schmach schien ihnen zu groß, und alle riefen in höchster Erregung:

»Die Stadt übergeben? -- Wir?«

De Coninck ertrug kalt ihre vorwurfsvollen Blicke und antwortete:

»Ja, Genossen, mag es auch euren freiheitliebenden Herzen mißfallen, es ist dennoch der letzte Ausweg, der uns bleibt, um unsere Stadt vor der Zerstörung zu retten.«

Jan Breydel hatte diese Worte mit bitterem Ingrimm vernommen. Als er merkte, daß schon viele Obmänner schwankend wurden und zur Unterwerfung neigten, trat er leidenschaftlich vor und rief:

»Den ersten, der noch von Übergabe zu sprechen wagt, strecke ich als Verräter zu meinen Füßen nieder! Lieber sterbe ich lachend auf der Leiche eines Feindes, als daß ich ehrlos am Leben bleibe. Was denkt ihr denn -- daß meine Fleischer vor der Gefahr beben? Seht sie dort mit ihren aufgestreiften Ärmeln! Ihr Herz pocht wild, ungestüm verlangen sie den Kampf, und ich soll ihnen sagen: übergebt die Stadt! Bei Gott, solche Sprache verstehen sie nicht. Ich sage euch: wir beschützen die Stadt, und wer sich fürchtet, der gehe heim zu Weib und Kind. Die Hand, die das Tor öffnet, reckt sich zum letztenmal -- mein Beil soll die Feigheit richten!«

Wutentbrannt eilte er zu seinen Genossen und schritt hastig vor ihren Gliedern auf und ab.

»Die Stadt übergeben! -- Wir die Stadt übergeben!« wiederholte er nochmals voll zorniger Verachtung.

Einige Anführer der Zunft hatten das gehört und fragten ihn erstaunt, was er damit sagen wolle; da brach er los:

»Gnade uns der Himmel, ihr Männer! Mein Blut kocht in den Adern -- o über den Schimpf, den unerträglichen Schimpf! Die Weber wollen die Stadt an die Snakkers übergeben. Ich aber beschwöre euch, Brüder, bleibt bei mir, wir wollen als echte Vlaemen sterben. Sehet den Boden, darauf wir stehen, -- hier fielen unsere Väter! Wohlan, hier sei auch mein Grab! Ja, dies sei unser Grab und das der Franzosen! Unser Tod mag den feigen Webern zur ewigen Schande gereichen. Wer kein echter Fleischer ist, mag heimgehen. -- Sprecht, wer geht mit mir in den Tod?«

Die Fleischer erhoben ein erschreckliches Geheul, und dreimal erdröhnte das furchtbare Wort: Tod! gleich einem Stöhnen aus unheilschwangerem Abgrund. »In den Tod!« erscholl es aus siebenhundert wütenden Kehlen, und in die Rufe mengte sich das furchtbare Getöse der Schlachtbeile, die sie auf dem stählernen Pfriem schliffen.

Unterdessen hatten sich die meisten Obmänner durch De Coninck überzeugen lassen, daß sein trauriger Vorschlag die einzige Rettung war und hätten die Stadt gern übergeben, wenn Breydels Widerspenstigkeit es nicht unmöglich gemacht hätte. Angesichts der vielen schrecklichen Sturmwerkzeuge, die beim feindlichen Heere emporragten, beschlossen sie endlich, ohne Rücksicht auf Breydels Widerstand, mit dem Feind in Unterhandlungen zu treten. Als der gereizte Breydel ihre Absicht merkte, brüllte er vor Wut wie ein verwundeter Löwe und stürmte mit einem unverständlichen Geschrei auf De Coninck los. Die Fleischer sahen den Zorn ihres Obmannes und folgten ihm in Unordnung und voller Rachegier.

»Tod! Tod!« heulte der rasende Haufe, »Tod dem Verräter De Coninck!«

De Conincks Leben schwebte in großer Gefahr; dennoch sah er die wütende Schar herankommen, ohne die geringste Furcht zu verraten. Wie man Wahnsinnige mitleidig anschaut, so blickte er mit verschränkten Armen, fest und unerschüttert den anstürmenden Fleischern entgegen. Mitten aus der wogenden Menge ertönte immer heftiger der schreckliche Ruf: »Tötet ihn, den Verräter!« und schon schwebte das Beil über dem Haupte des großen Mannes. Er stand ungebeugt wie eine Rieseneiche, die der Gewalt des Sturmwindes trotzt, und von dem Bollwerk, darauf er stand, beherrschte er die Menge wie ein König.

In diesem Augenblick vollzog sich in Jan Breydels Zügen eine seltsame Wandlung. Als wäre er jählings aller Kraft beraubt, ließ er das Beil schlaff an seiner Seite niedersinken. Er bewunderte die Größe des Mannes, dessen Ratschläge er nicht hatte annehmen wollen. Doch nur einen Augenblick; denn alsbald sah er, in welcher Gefahr der Freund schwebte. Er warf den Fleischer, der schon sein Beil über De Conincks Haupte schwang, zu Boden und schrie:

»Halt, ihr Männer! Haltet ein!«

Anfangs wurde dieser Befehl nicht gehört, denn in dem wirren Mordgeheul konnte eine einzelne Stimme nicht durchdringen. So stellte sich Breydel drohend vor den Weberobmann und ließ zornig sein Beil kreisen. Nun erst begriffen seine Gehilfen, daß er De Coninck beschirmen wollte; sie senkten die Waffen und harrten mit drohendem Murren, was kommen würde.

Während sich Breydel bemühte, sie zur Ruhe zu bringen, kam ein Herold aus dem französischen Lager zum Fuß der Mauer, auf der sie standen. Die Aufmerksamkeit der erregten Bürger wandte sich daher dem feindlichen Boten zu. Der rief den Belagerten zu: »Im Namen des mächtigen Königs Philipp von Frankreich läßt euch aufrührerische Untertanen mein Feldherr Châtillon fragen, ob ihr die Stadt auf Gnade oder Ungnade übergeben wollt? Gebt ihr nicht binnen zehn Minuten entsprechende Antwort, so wird eure Feste durch Sturmwerkzeuge zerstört und alles durch Feuer und Schwert vernichtet.«

Alle richteten ihre Blicke auf De Coninck. Ihn, den sie eben noch töten wollten, schienen sie nun um Rat zu bitten. Selbst Breydel schaute ihn fragend an; doch keiner erhielt die gewünschte Antwort. De Coninck stand schweigend unter ihnen, als ob ihn dies alles gar nichts anginge.

»Nun, Freund De Coninck, wozu ratet Ihr denn?« fragte Breydel.

»Daß man die Stadt übergibt,« kam es kalt zurück.

Aufs neue begannen die Fleischer zu murren und zu toben. Doch ein gebieterisches Zeichen Jan Breydels brachte sie zur Ruhe.

»Glaubt Ihr nicht, De Coninck,« fragte er, »daß wir mit unverzagtem Mut die Stadt verteidigen können? Läßt hier auch größte Tapferkeit keinen Erfolg erwarten? O unselige Stunde!«

Deutlich konnte man bei dieser Frage den tiefen Schmerz in Breydels Zügen lesen. Hatten seine Augen auch vordem in Kampfeslust geglüht, jetzt war aller Heldenmut darin erloschen.

De Coninck erhob nun seine Stimme und sprach zu der umstehenden Menge:

»Ihr alle seid meine Zeugen, daß nur Liebe zum Vaterland mich leitet. Für meine Vaterstadt gab ich mich eurer tollen Wut preis, und so wäre es mir auch nicht schwer gefallen, durch Feindeshand zu fallen; aber der Schutz der Perle Flanderns ist mir heilige Aufgabe. Schmäht mich, verhöhnt und verspottet mich wie einen Verräter; ich kenne meine Pflicht. Nichts, und mag es auch noch so schmerzlich sein, kann mich von diesem Ziel abbringen; aber einst werde ich euch befreien, wenn ich auch jetzt nicht nach euren Wünschen handle. Zum letzten Male sage ich es euch: es ist unsere Pflicht, die Stadt zu übergeben.«

Wer bei dieser kurzen Ansprache Breydels Mienen beobachtet hätte, hätte die verschiedensten Regungen wahrgenommen: Trotz, Mut und Kummer wechselten darin, und sein Händeringen verriet den Kampf mit seiner Leidenschaftlichkeit. Als die Worte: »Wir müssen die Stadt übergeben« noch einmal wie ein Todesurteil an sein Ohr schlugen, umfing ihn inniger Gram, und er stand eine Weile wie in Gedanken verloren.

Die Fleischer und die anderen Zunftleute blickten in tiefem Schweigen abwechselnd die beiden Obmänner an.

»Meister Breydel,« rief De Coninck, »wenn Ihr an unserem Untergang nicht schuld sein wollt, so sagt rasch ja. Dort kommt der Herold der Franzosen zurück; die zehn Minuten sind vorüber!«

Breydel erwachte plötzlich aus tiefem Sinnen und sagte traurig:

»Ihr wollt es, Meister? Muß es so sein? Wohlan, so übergebt die Stadt!«

Bei diesen Worten ergriff er gerührt De Conincks Hand; zwei Tränen innigen Schmerzes entfielen seinen Augen, und ein dumpfer Seufzer schlich über seine Lippen. Die beiden Obmänner sahen sich mit einem Blick an, darin sich ihr ganzer Seelenzustand widerspiegelte. Sie verstanden sich und schlossen einander gerührt in die Arme.

So lagen die zwei größten Männer Brügges -- Heldenmut und Vernunft -- Brust an Brust, in gegenseitige Bewunderung versunken.

»O tapferer Bruder!« rief De Coninck, »Ihr besitzt eine große Seele! Welch inneren Kampf habt Ihr durchlebt! Aber Ihr habt ihn bestanden!«

Bei diesem rührenden Anblick ging ein Freudenblitz durch die ganze Schar, und alle Uneinigkeit schwand aus den Herzen der tapferen Vlaemen. Auf De Conincks Befehl ertönte dreimal schmetternd das Horn der Weber, und ihr Herold rief dem französischen Boten zu:

»Gibt Euer Feldherr unserem Gesandten freies Geleit?«

»Er gibt sicheres Geleit, nach Kriegsgebrauch, bei seiner Treue,« lautete die Antwort.

Auf diese Zusicherung hin wurde das Fallgatter aufgezogen, die Brücke niedergelassen, und zwei Bürger verließen die Stadt: De Coninck und der Herold der Zünfte. Als sie ins französische Lager kamen, wurden sie in das Zelt des Feldherrn Châtillon geführt. De Coninck nahte sich mit kühner Miene dem Landvogt und sprach:

»Herr von Châtillon, die Bürger von Brügge lassen Euch durch mich, ihren Gesandten, verkünden, daß sie nicht nutzlos Menschenblut vergießen wollen und deshalb beschlossen haben, Euch die Stadt zu überliefern; da aber nur dies edle Gefühl sie zur Unterwerfung drängt, lassen sie Euch folgenden Vertrag anbieten: Daß die Kosten des königlichen Einzugs nicht durch eine neue Belastung des dritten Standes beschafft werden, daß der Magistrat abgesetzt und keine Untersuchung der Gründe des Aufruhrs angestellt wird. Wollet mir nun sagen, ob Ihr auf diese Bedingungen eingeht!«

Die Züge des Landvogts verfinsterten sich.

»Was bedeutet diese Sprache,« rief er, »wie wagt Ihr es, mir Bedingungen zu stellen, da ich nur meine Sturmwerkzeuge vorzubringen brauche, um eure Mauern in Trümmer zu verwandeln?«

»Das mag sein,« erwiderte De Coninck, »aber ich sage es Euch und wäge meine Worte wohl: ehe ein Franzose unsere Wälle besteigt, sollen die Gräben unserer Stadt mit den Leichen Eurer Leute gefüllt werden. Es fehlt uns keineswegs an Kriegsgerät, und die Geschichte bezeugt, daß die Brügger für ihre Freiheit zu sterben wissen.«

»Ja, ich weiß, daß ihr euch immer durch eure Starrköpfigkeit ausgezeichnet habt; aber die kümmert mich wenig, denn der Mut der Franzosen kennt keine Hindernisse. Ich will die Stadt auf Gnade oder Ungnade haben, das ist meine Antwort.«

Châtillon war beim Anblick der vielen Zunftleute und ihrer trotzigen Haltung auf den Wällen im Hinblick auf die bevorstehende Schlacht von banger Sorge erfüllt worden. Aus Vorsicht war ihm die Übergabe der Stadt erwünscht. Er kannte die Unerschrockenheit der Brügger, und er war daher sehr froh, als die Ankunft De Conincks seinen Wunsch zu künden schien; aber die vorgeschlagenen Bedingungen gingen ihm wider den Strich. Dennoch würde er sie vielleicht zugestanden haben mit dem Hintergedanken, ihrer Erfüllung sich später irgendwie zu entziehen; aber er mißtraute dem Obmann der Weber und zweifelte an der Aufrichtigkeit seiner Worte. Um festzustellen, ob sich die Brügger wirklich bis zum Äußersten verteidigen wollten, gab er mit lauter Stimme den Befehl, die Sturmwerkzeuge in Tätigkeit zu setzen.

Während der Verhandlung hatte De Coninck unverwandt die Züge des Feldherrn beobachtet und Unentschlossenheit und Verstellung darin gelesen. So gewann er die Überzeugung, daß Châtillon einen Kampf nicht wünschte. Er bestand daher auf seinen Vorschlägen ungeachtet der Anstalten, die schon für den Sturmlauf getroffen wurden. Die kalte Standhaftigkeit De Conincks täuschte den französischen Feldherrn. Er glaubte nun sicher, daß die Brügger ihn nicht fürchteten und ihre Stadt hartnäckig verteidigen würden; und weil er nicht sein ganzes Heer samt Flandern um dieses einzigen Handels willen aufs Spiel setzen wollte, so begann er, mit De Coninck über die Bedingungen der Übergabe zu unterhandeln. Nach langem Hin- und Herreden einigten sie sich endlich dahin, daß der Magistrat im Amte bleiben solle; die übrigen Punkte wurden den Brüggern zugestanden. Der Landvogt machte seinerseits zur Bedingung, daß er beliebig viel Soldaten in die Stadt legen könne.

Als der Siegelbrief von beiden aufgesetzt und unterzeichnet war, kehrte De Coninck mit dem Herold der Weber zur Stadt zurück. Die Bedingungen wurden in allen Straßen verkündet. Eine halbe Stunde später hielt das französische Heer mit Posaunenschall und fliegenden Bannern siegprunkenden Einzug; die Zunftleute dagegen zogen sich voll Schmerz und Kummer in ihre Wohnungen zurück. Nun kam auch der Magistrat mit den Leliaerts aus der Burg hervor, und scheinbare Ruhe breitete sich über die Stadt.

X.

Da sich die Stadt Brügge jetzt ganz in der Macht der Franzosen befand, so begann Châtillon, ernstlich an die Erfüllung der Wünsche der Königin zu denken. Sie hatte ihn angewiesen, die junge Machteld van Bethune nach Frankreich zu schleppen. Daran schien ihn nichts zu hindern, weil seine Kriegsknechte die Stadt besetzt hielten. Aber Gründe der Klugheit hielten ihn vorerst davon zurück. Vor allem wollte er seine Macht in Brügge befestigen, die Zünfte knechten, ein Kastell bauen[26]. Dann erst gedachte er, die Tochter des Löwen von Flandern gefangenzunehmen und der Königin auszuliefern.

[26] Man fing in der Tat mit dem Bau des Kastells dort an, wo jetzt die Wassermühlen stehen; jedoch wurde er nicht vollendet.

Adolf van Nieuwland war beim Einzug der Franzosen um Machteld höchlichst besorgt gewesen, da er sie jetzt schutzlos den Feinden preisgegeben glaubte. De Conincks tägliche Besuche und seine ununterbrochene Wachsamkeit vermochten ihn anfangs nicht zu beruhigen, und erst als die Franzosen mehrere Wochen hindurch nichts Feindseliges unternommen hatten, begann er anzunehmen, daß sie das Edelfräulein van Bethune vergessen hatten und ihr kein Leid antun würden. Sein kräftiger Körper und die sorgfältige Behandlung Meister Rogaerts hatten seine Wunden zur Heilung gebracht; er bekam wieder Leben und Farbe, aber eine tiefe Traurigkeit lag noch auf seinem Antlitz. Der unglückliche Ritter sah die Tochter seines Fürsten und Wohltäters täglich bleicher werden, von trüben Gedanken gepeinigt siechte Machteld matt und krank dahin, wie eine welkende Blume. Und er, der ihrer aufopfernden Pflege das Leben verdankte, konnte ihr nicht helfen, sie nicht trösten. Waren auch seine Worte noch so freundlich, sie vermochten nichts bei dem gebeugten Mägdelein, das beständig um den Vater seufzte und weinte. Noch keine Kunde hatte sie bisher von ihm erhalten, und sie sah sich für immer von ihrer teuren Familie getrennt. Adolf suchte ihren Gram zu verscheuchen; er dichtete Verse und Lieder für sie, spielte auf der Harfe oder besang Robrechts Heldentaten; aber das alles beeinflußte die Stimmung des Mädchens nicht, ihre düsteren Gedanken waren durch nichts zu bannen. Sie war sanft, freundlich und dankbar, doch ohne Leben, ohne Empfindung oder irgendeine Neigung; selbst ihr Falke trauerte einsam und vergessen.

Wenige Wochen nach seiner völligen Genesung wagte sich Adolf langsamen Schrittes aus der Stadt und wandelte sinnend bei Sevecote[27] durch die Felder. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und der Westen flammte in leuchtenden Farben. Gesenkten Hauptes, von bitteren Gedanken erfüllt schritt Adolf weiter, ohne auf den Weg zu achten. Eine Träne des Schmerzes feuchtete sein Auge, und zuweilen hob ein Seufzer seine Brust. Tausenderlei Mittel bedachte er, um das Los der jungen Machteld erträglicher zu gestalten, doch seine Verzweiflung nahm nur zu, denn er fand keinen Trost für sie. Er sah sie täglich weinen, immer mehr dahinsiechen, ohne daß man ihr raten, helfen konnte. Für einen mutigen Ritter wie er, war das Gefühl solcher Ohnmacht peinigend, und bisweilen knirschte er erbittert mit den Zähnen -- aber was nützt das? Nur eines blieb ihm: Tränen des Schmerzes zu weinen und von besseren Tagen zu träumen.

[27] Ein Weiler bei Brügge.

Schon weit ab von der Stadt setzte er sich, voll trüber Gedanken, am Rande des Weges nieder. Er starrte zu Boden und hing seinen traurigen Vorstellungen nach. Während er also schweren Herzens dasaß, kam ein Mann des Weges. Er trug eine baumwollene Mönchskutte, daran eine weite Kapuze die bis zum Rücken niederhing; ein Greisenbart wallte auf seine Brust herab, und starke Wimpern überschatteten die schwarzen Augen; seine hohlen Wangen waren gebräunt und die Stirn voll tiefer Falten.

Langsamen Schrittes, wie ein müder Reisender, nahte der Mönch mählich dem Platze, wo sich Adolf niedergelassen hatte, und blieb plötzlich vor ihm stehen. Freudige Überraschung belebte seine Züge; offenbar war ihm Adolf wohlbekannt. Aber sein Gesicht wurde gleich wieder ernst und kalt, als wollte er sich verstellen.

Adolf merkte erst jetzt die Anwesenheit des Mönches. Er stand auf und begrüßte ihn mit höflichen Worten.

»Mein Herr,« erwiderte der Mönch, »ich bin von einer weiten Reise ermüdet, Euer Sitz lockt auch mich zu ruhen. Bitte, laßt Euch durch mich nicht stören.«

Er ließ sich auf den Rasen nieder und winkte Adolf, ihm nachzutun. Der nahm voll Ehrfurcht, doch gern seinen vorigen Platz wieder ein und setzte sich neben den Fremdling. Freilich erregte dessen Stimme seine Aufmerksamkeit: es schien ihm, als hätte er sie schon öfters gehört. Doch er schlug sich diesen Gedanken aus dem Sinne, weil er sich nicht erinnern konnte, wo er diesen Priester gesehen hätte.

Der Mönch schaute den jungen Ritter eine Weile durchdringend an; dann fragte er:

»Ich habe Flandern schon vor geraumer Zeit verlassen; deshalb hätte ich gern von Euch gehört, was sich überhaupt in unserer Stadt Brügge zuträgt.«

»O mein Vater,« antwortete Adolf, »damit kann ich Euch gern dienen. In unserer Stadt Brügge sieht es schlimm aus: die Franzosen haben sie eingenommen.«

»Das scheint Euch nicht zu gefallen? Ich hörte aber doch, daß die meisten Adligen ihren rechtmäßigen Grafen verleugnet und die Fremden liebevoll empfangen haben.«

»Ach, das ist nur zu wahr! Der unglückliche Graf Gwijde ist von vielen seiner Untertanen verlassen, und gar mancher hat seinen alten Ruhm vergessen; aber nicht allen ist das vlaemische Blut in den Adern versiegt, noch gibt es Herzen, die den Fremdlingen nicht gewogen sind.«

Bei diesen Worten leuchtete sichtliche Freude aus den Zügen des Mönches, und er erwiderte:

»Eure Gefühle, Herr, sind löblich und meiner Achtung wert. Es freut mich aufrichtig, einen edlen Menschen zu finden, in dem noch nicht alle Liebe zu dem unglücklichen Landesherrn Gwijde erloschen ist. Gott lohne Euch Eure Treue.«

»O mein Vater,« rief Adolf, »wäre es Euch vergönnt, meinem Herzen auf den Grund zu schauen und zu fassen, welche Liebe ich für meinen unglücklichen Herrn Gwijde und die Seinen hege! Ich schwöre Euch: der glücklichste Augenblick meines Lebens wäre der, da ich den letzten Blutstropfen für ihn dahingeben könnte.«

Der Mönch kannte das Menschenherz genügend, um fest an die Worte des jungen Ritters und an seine innige Liebe zu dem gefangenen Gwijde zu glauben. Nach kurzem Sinnen hub er an:

»Wenn ich Euch Gelegenheit gäbe, diesem Eide gemäß zu handeln, würdet Ihr nicht zurücktreten, sondern als Mann allen Gefahren trotzen?«

»Bitte, Vater,« rief Adolf flehentlich, »bitte, zweifelt weder an meiner Treue noch an meinem Mute. Sprecht rasch, Euer Schweigen drückt mich ...«