Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 1
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Anmerkungen zur Transkription:
Gesperrt gedruckte Passagen im Originaltext sind hier durch _Unterstriche_ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.
Hendrik Conscience
Der Löwe von Flandern
ein historischer Roman aus Alt-Belgien
1916
Wilhelm Borngräber Verlag Berlin
Die Bearbeitung dieses Werkes besorgte im Auftrage des Flaminganten-Ausschusses Kurt L. Walter van der Bleek auf Grund des vlaemischen Originals. Alle Rechte daran sind vom Verleger gewahrt
11. bis 20. Tausend
Seiner Exzellenz dem Herrn Generaloberst Freiherrn v. Bissing Generalgouverneur von Belgien
An den Stamm der Vlaemen:
Suche nicht das Heil im Westen! In der Fremde wohnt kein Glück: Suchst du deines Glückes Festen, Kehre in Dich selbst zurück! Aus der Tugend Deiner Ahnen Mußt Du Deine Burgen bau'n, Und der Löw' auf Deinen Fahnen Lehre Dich, Dir selbst vertrau'n.
Treu bewahr' in Deiner Mitte Vor dem welschen Übermut Deine Sprach' und Deine Sitte, Deiner Väter Gut und Blut. Dann erst kannst Du rühmend sagen, Daß Du lebst in unsrer Zeit, Daß erblüht in unsern Tagen Deine alte Herrlichkeit.
Hoffmann v. Fallersleben.
I.
Langsam ließ die rote Morgensonne ihr Nachtwolkengewand fallen, und jeder Tautropfen strahlte siebenfarbig ihr leuchtendes Bild zurück. Blaue Dunstwolken stiegen von der Erde auf, ruhten zögernd in den Baumwipfeln, und in zagender Liebe erschlossen sich taufeuchte Blumenkelche den ersten Strahlen des jungen Tages. Immer wieder hatte die Nachtigall ihr sanftes Lied erklingen lassen, aber das verworrene Zwitschern der anderen Waldsänger ließ ihre schmelzenden Töne verstummen.
Ein kleiner Trupp Ritter zog schweigend nach Rousselare[1]. Ihr Rossestampfen und Waffengeklirr störten den schweigenden Waldesfrieden. Ein Hirsch wurde aus seiner Einsamkeit aufgeschreckt, schoß aus dem Buschholz hervor und floh schneller als der Wind vor der drohenden Gefahr.
[1] Eine kleine Stadt in Westflandern.
Gewänder und Waffen der Ritter waren so kostbar, daß man beim ersten Blick darauf schließen konnte, daß man Grafen oder noch höhere Herren vor sich hatte.
Ein seidener Waffenrock fiel in wallenden Falten von ihren Schultern, und ein versilberter Helm mit purpurnen und blauen Federn schmückte ihr Haupt. Die Stahlschuppen ihrer Panzerhandschuhe und die Goldmaschen ihrer Knieplatten blitzten in der flammenden Morgensonne. Die kühnen Schlachtrosse waren mit weißem Schaum bedeckt und ließen sich nur schwer bändigen. Bei ihren heftigen Bewegungen funkelten Silberknöpfe und Seidentroddeln ihres reichen Zaumzeuges in glitzerndem Farbenspiel.
Obgleich die Ritter keine Harnische angelegt hatten, waren sie doch gegen feindliche Überfälle auf der Hut.
Die gepanzerten Arme sahen aus dem Wams hervor. Gewaltige Schlachtschwerter hingen an ihren Sätteln. Knappen folgten mit mächtigen Schilden. Auf der Brustseite des Gewandes trug jeder Ritter sein gesticktes Wappen, so daß man auf den ersten Blick Geschlecht und Familie erkennen konnte. --
Die Morgenfrische hatte ihnen die Lust zum Sprechen genommen. Dämmerung lag schwer auf ihren Augenlidern; nur mit Mühe kämpften sie gegen den Schlummer, der sie einhüllen wollte.
Ein junger Führer schritt der edlen Schar voran. Langes, blondes Haar wallte auf seine breiten Schultern herab. Feurige blaue Augen sprühten unter dichten Brauen hervor. Leichter Flaum beschattete sein Kinn. Um sein wollenes Gewand hatte er einen Gürtel geschlungen, und als Waffe trug er ein »Kreuzmesser« in einer ledernen Scheide.
In seinen Zügen konnte man leicht lesen, daß die Gesellschaft, die er führte, ihm keineswegs angenehm war. Man konnte sogar glauben, daß er einen geheimen Plan gegen sie im Schilde führte; denn von Zeit zu Zeit warf er einen Seitenblick auf die ihm folgenden Ritter. Er war von hoher, ungewöhnlich kräftiger Gestalt. Sein fester Schritt war so schnell, daß die Pferde nur mit Mühe folgen konnten.
So trabte der kleine Troß seit kurzer Zeit vorwärts, als plötzlich das Roß eines Ritters über einen Baumstumpf strauchelte und stürzte, so daß der Ritter mit der Brust auf den Nacken seines Pferdes fiel und beinahe aus dem Sattel kam.
»Was soll das bedeuten?« rief er in französischer Sprache. »Ich glaube, mein Gaul ist im Trab eingeschlafen!«
»Herr von Châtillon,« rief ihm sein Begleiter lachend zu, »einer von beiden hat sicher geträumt.«
»Lache nur, soviel Du willst, Du schlechter Spötter,« entgegnete ihm der Graf von Châtillon, »es ist darum nicht weniger wahr, daß ich nicht schlief. Denn schon seit zwei Stunden blicke ich unverwandt nach jenen Türmen, die sich anscheinend immer weiter entfernen, je mehr wir ihnen näher kommen wollen. Aber es ist leichter, an den Galgen zu kommen, als einmal von Dir ein freundliches Wort zu erhalten.«
Während die beiden Ritter spöttisch miteinander scherzten, machten sich ihre Begleiter vergnügt auf Kosten des Grafen lustig, und der leichte Unfall hatte die Müdigkeit des ganzen Truppes verjagt.
Herr von Châtillon, der sein Roß wieder emporgerissen hatte, konnte die Anzüglichkeiten, die auf ihn gemünzt waren, nicht länger ruhig mit anhören, und in seinem plötzlich aufwallenden Zorn stieß er seinem Pferd den scharfen Sporn tief in die Weichen. Der Schmerz machte das Tier wild, es bäumte sich hoch auf und schoß dann wie ein Pfeil zwischen den Bäumen dahin. Aber nach einigen hundert Schritten stürmte es gegen den Stamm einer alten Eiche und stürzte, schwer verletzt, zu Boden.
Glücklicherweise war der Graf beim Anprall aus dem Sattel gesprungen oder geschleudert worden; nichtsdestoweniger mußte er sich ernstlich die Seite verletzt haben, denn er blieb einige Augenblicke regungslos liegen.
Als ihn seine Begleiter eingeholt hatten, stiegen sie alle von ihren Pferden, richteten ihn auf und bewiesen ihm das wärmste Mitgefühl.
Der Ritter, der mit den Spötteleien begonnen hatte, schien jetzt am meisten beunruhigt zu sein, und tiefe Trauer lag auf seinem Gesicht.
»Lieber Châtillon, ich bedauere Dich von ganzem Herzen. Verzeih' mir meine unbesonnenen Reden,« bat er, »ich wollte Dich nicht beleidigen.«
»Laßt mich in Ruh'!« rief Châtillon aus und riß sich aus den Armen seiner Begleiter los; »meine Herren, ich bin noch nicht gestorben. Glaubt Ihr denn, die Sarazenen hätten mich geschont, damit ich später wie ein Hund im Walde verenden könnte! Nein, bei Gott, noch lebe ich, und Du solltest Deine Spötteleien auf der Stelle büßen, Saint-Pol, wenn ich mich an Dir rächen dürfte.«
»Aber, beruhige Dich doch,« entgegnete Saint-Pol. »Du bist verwundet, lieber Bruder; das Blut rinnt ja durch Dein Panzerhemd.«
Châtillon streifte den rechten Panzerärmel hoch und sah, daß ein Zweig die Haut leicht geritzt hatte.
»Es ist nicht der Rede wert,« sagte er, »nur eine kleine Schramme. Aber ohne Absicht hat uns dieser verdammte Vlaeme nicht diesen widerlichen Weg geführt. Ich werde es schon herausbekommen. Und ich will nicht mehr Châtillon heißen, wenn ich den Schurken nicht an einem Ast dieser verwünschten Eiche aufhängen lasse.«
Der Vlaeme, der auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen wurde, tat, als verstände er die französische Sprache nicht; doch sah er auf und blickte Châtillon kühn ins Auge.
»Meine Herren,« rief da der Ritter aus, »seht nur den unverschämten Blick dieses Bauernlümmels. -- Hierher, Schurke!«
Langsam kam der junge Mann näher. Sein Haupt war stolz erhoben; aber in seinen Augen lag ein sonderbarer Zug, ein Ausdruck, der Wut mit List vereinigte und so düstere Drohungen enthielt, daß sich Châtillon von einer beklemmenden Unruhe ergriffen fühlte.
In diesem Augenblick brachte plötzlich einer der Ritter, der diesem Auftritt beigewohnt hatte, sein Pferd in Trab, verschwand bald hinter den mächtigen Bäumen und gab dadurch deutlich genug seinen Unwillen zu erkennen.
»Nun also!« herrschte Châtillon den Führer an. »Sage mir, weshalb hast Du uns auf diesen Weg geführt, und warum hast Du uns nicht auf den Baumstamm aufmerksam gemacht, der da im Wege lag?«
»Herr,« antwortete der Vlaeme in gebrochenem Französisch, »ich kenne keinen anderen Weg nach Schloß Wijnendaal, und ich wußte nicht, daß Ew. Edeln die Gewohnheit haben, zu Pferd zu dieser Tageszeit zu schlafen.«
Als der Führer diese Worte aussprach, huschte ein Lächeln über sein Gesicht, das zugleich Hochmut und Ironie verriet. Man hätte meinen können, er wolle den Zorn des Grafen reizen, um ihm dann zu trotzen.
»Unverschämter Lümmel!« schrie ihn Châtillon an, »wagst Du es etwa, Dich über mich lustig zu machen! Holla! Leute! Hängt mir diesen Burschen. Die Raben sollen ihn fressen.«
Das spöttische Lächeln des jungen Mannes wurde unverhohlener. Seine Mundwinkel zuckten immer verräterischer, und seine Wangen entfärbten sich.
»Einen Vlaemen wollt ihr hängen?« stieß er leise hervor. »Da wartet nur, meine Herren!«
Er sprang einige Schritte zurück, stemmte sich gegen einen Baumstamm, streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den Schultern auf und zog seinen blitzenden Dolch aus der Scheide. Die Muskeln seines nackten Armes spannten sich, und sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Löwen. »Weh dem, der mich anrührt!« rief er ihnen mit dröhnender Stimme zu. »Flanderns Raben fressen keinen Vlaemen! Sie fressen lieber Franzosenfleisch!«
»Ergreift ihn!« rief Châtillon aus, »ergreift den Lumpen! Seht die Feiglinge! Ihr fürchtet euch wohl vor seinem Messer? Meine Hände kann ich mit seinem Blut nicht besudeln, denn ich bin aus edlem Hause. Das ist eure Aufgabe. Pack gegen Pack! Werft euch auf ihn!«
Einige Ritter suchten Châtillon zu beruhigen. Aber den meisten wäre es nur zu recht gewesen, wenn man den Vlaemen gehängt hätte. -- Die Waffenträger, die durch ihren Herrn aufgereizt waren, hatten sich gerade auf den jungen Mann stürzen wollen, als unvermutet der Ritter hinzukam, der, in Gedanken versunken, vorausgeritten war[2]. Die Kostbarkeit seines Gewandes und seiner Rüstung übertraf die der anderen Ritter bedeutend. Das gestickte Wappen auf seiner Brust enthielt drei goldene Lilien in blauem Felde unter einer Grafenkrone. Das war ein Zeichen dafür, daß königliches Blut in seinen Adern rollte.
[2] Karl, der zweite Sohn Philipps des Kühnen, war Graf von Valois, von Alençon und von Perche. Er empfing von seinem Bruder Philipp dem Schönen, König von Frankreich, den Oberbefehl über die französische Armee und eroberte Flandern.
»Halt!« rief er den Waffenträgern streng zu, und dann wandte er sich an den Grafen von Châtillon:
»Herr von Châtillon, Ihr scheint zu vergessen, daß ich Flandern von meinem königlichen Bruder Philipp von Frankreich zu Lehen erhalten habe. Der Vlaeme ist mein Vasall, und nur mir allein gehört sein Leben.«
»Dieser verächtliche Bürger soll mich also ungestraft beleidigen dürfen!« entgegnete Châtillon voll Zorn. »Graf, es ist tatsächlich unglaublich, daß Ihr das niedere Volk immer gegen den Adel verteidigt. Dieser Vlaeme soll sich also rühmen dürfen, ungestraft einen französischen Ritter verhöhnt zu haben? Hat er den Tod nicht verdient?«
»Herr von Valois,« sagte Saint-Pol, »gönnt meinem Bruder die kleine Genugtuung, diesen Vlaemen hängen zu sehen. Was kümmert Eure Königliche Hoheit das Leben dieses starrköpfigen Burschen?«
»Meine Herren,« rief Karl von Valois mit zorniger Stimme, »versteht mich recht, ich untersage es euch, in meiner Gegenwart derart zu sprechen. Ich schätze das Leben meiner Untertanen höher ein. Lassen Sie den jungen Mann gehen. Zu Pferd! meine Herren. Wir verlieren sonst zu viel Zeit.«
»Steig' auf,« flüsterte Saint-Pol seinem Bruder zu, »antworte nicht, nimm das Pferd Deines Schildknappen und komm. Herr von Valois ist ein unverbesserlicher Volksfreund.«
Inzwischen hatten die Schildknappen ihre Schwerter in die Scheide gesteckt und führten nun die Pferde ihren Gebietern vor.
»Seid ihr fertig, meine Herren?« fragte Graf von Valois, »dann beeilt euch, bitte, sonst werden wir zu spät zur Jagd kommen. Und Du, Vasall, bleib' an unserer Seite und entferne Dich nicht vom Weg! Wie weit ist es noch bis Wijnendaal?«
Der junge Mann nahm höflich die Mütze ab, verbeugte sich vor seinem Retter und erwiderte: »Noch eine knappe Stunde, gnädiger Herr.«
»Der Bursche ist mir verdächtig!« sagte Saint-Pol. »Ein Wolf in Schafskleidern.« --
»Das habe ich mir schon lange gedacht,« fügte der Kanzler Pierre Flotte hinzu. »Er beobachtet uns tatsächlich wie ein Wolf und spitzt die Ohren wie ein Hase, wenn wir sprechen.«
»Aha! nun weiß ich, wer's ist!« rief Châtillon aus. »Meine Herren, habt ihr nicht von einem Weber gehört, der Peter de Coninck heißt und in Brügge wohnt?«
»Das ist ein Irrtum,« warf Raoul de Nesle ein, »ich habe in Brügge persönlich mit dem berüchtigten Weber gesprochen, und obwohl er diesen hier an Schlauheit und Arglist weit übertrifft, muß ich Ihnen sagen, daß er nur ein Auge hat, während unser Führer zwei sehr schöne besitzt. Ohne Zweifel liebt er den alten Grafen von Flandern und sieht uns als seine Besieger scheel an. Das ist's! Nehmt ihm die Treue nicht übel, die er seinem unglücklichen Fürsten hält.«
»Jetzt haben wir dieses Thema aber zur Genüge erörtert!« sagte Châtillon. »Gibt's denn gar keinen anderen Gesprächsstoff? Halt,« fügte er hinzu, »wißt ihr übrigens, was unser allergnädigster König Philipp mit diesem edlen Flandern vorhat? Auf mein Wort: hält unser erhabener Herrscher seine Schatzkammern ebenso verschlossen wie Herr von Valois seinen Mund, so wird man uns am Hofe magere Kost reichen.«
»Das sagt Ihr so,« antwortete Pierre Flotte, »aber der König spricht auch, wenn's ihm gefällt. Reitet etwas langsamer, meine Herren, und ich will euch etwas mitteilen, wovon ihr euch nichts träumen laßt.«
Neugierig kamen die Ritter dicht an ihn heran und ließen den Grafen von Valois etwas vorausreiten. Als er weit genug entfernt war, so daß er sie nicht mehr hören konnte, ergriff der Kanzler wieder das Wort:
»Also hört: die Beutel unseres allergnädigsten Königs Philipp des Schönen sind leer. Enguerrand von Marigny hat ihm aufbinden lassen, Flandern sei eine wahre Goldgrube. Und er hat gar nicht so unrecht. Denn dies Ländchen hier besitzt allein mehr Gold und Silber als ganz Frankreich.«
Die Ritter lächelten und nickten wiederholt zustimmend.
»Hört weiter! Unsere Königin Johanna ist auf die Vlaemen sehr erbittert. Sie haßt dieses hochmütige Volk unaussprechlich. Sie sagte vor einiger Zeit in meiner Gegenwart, daß sie den letzten Vlaemen am Galgen sehen wollte.«
»So spricht nur eine Königin,« rief da Châtillon aus, »sollte ich je Statthalter dieses Landes werden -- was mir ja meine hochherzige Nichte versprochen hat --, so gelobe ich euch, meine Herren, daß die Landeskasse Geld speien wird, und daß es mir schon gelingen wird, mich dieses Peters de Coninck mitsamt seiner Gilden zu entledigen und die Plunderwirtschaft der Volksregierung abzuschaffen. Aber warum lauscht denn dieser dreiste Lump auf unsere Unterhaltung!«
Der Vlaeme, der ihnen als Führer diente, hatte sich unbemerkt näher herangeschlichen und gespannt die Äußerungen, die die Ritter fallen ließen, verfolgt. Als er sah, daß man es entdeckt hatte, schoß er pfeilschnell in den Wald zurück. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. In einiger Entfernung blieb er stehen und zog den Dolch aus der Scheide.
»Herr von Châtillon,« rief er diesem drohend zu, »seht Euch diese Klinge genau an, daß Ihr sie wiedererkennen könnt, wenn sie Euch zwischen Hals und Nacken fährt!«
»Ist denn kein einziger unter meinen Leuten, der mich rächt?« schrie Châtillon wutentbrannt.
Kaum hatte er das gesagt, als ein gewaltiger Krieger vom Pferde sprang und sich mit bloßem Degen auf den jungen Mann warf. Dieser steckte in aller Ruhe seinen Dolch, anstatt sich mit ihm zu verteidigen, in die Scheide zurück, ballte die Fäuste und erwartete seinen Feind.
»Stirb, verfluchter Vlaeme!« schrie der Waffenträger und zückte die Klinge nach dem Führer.
Der Jüngling antwortete nicht; aber er heftete seine großen Augen, in denen ein unheimliches Feuer leuchtete, fest auf seinen Gegner. Dieser, dem der Blick durch und durch ging, senkte die Waffe, als versagte ihm der Mut.
»Schlag ihn nieder!« schrie ihm Châtillon zu.
Aber der Vlaeme wartete nicht, bis der Feind sich ihm genähert hatte. Mit einem Satz hatte er den Waffenträger erreicht und ihm sein Schwert entrissen. Nun preßte er ihn mit starken Armen an sich und schleuderte ihn mit dem Kopf so unbarmherzig gegen den Baumstamm, daß der Unglückliche entseelt zu Boden sank.
Ein gellender Todesschrei hallte durch den Wald, und die Augen des Franzosen schlossen sich für immer.
Ein triumphierendes Lachen entrang sich der Brust des Vlaemen. Er näherte die Lippen dem Ohr des Toten, und mit beißendem Spott sagte er: »Bestelle Deinem Gebieter, daß Jan Breydels[3] Fleisch nicht den Raben zugedacht ist: das Blut der Fremdlinge ist viel geeigneter für sie.«
[3] Breydel war Hauptanführer der Schlächter in Brügge.
Mit diesen Worten lief er quer durch das Buschholz und verschwand im Dunkel des Waldes.
Voll gespannter Furcht hatten die Ritter diesen schrecklichen Kampf mit angesehen. Aber er war so kurz gewesen, daß sie nicht ein einziges Wort hatten wechseln können. Kaum waren sie aus ihrer Bestürzung wieder zu sich gekommen, als Graf Saint-Pol ausrief: »Bruder, ich glaube tatsächlich, daß Du es mit einem Zauberer zu tun gehabt hast. Bei diesem Kampf ist's nicht mit rechten Dingen zugegangen.«
»Ein verwünschtes Land!« antwortete Châtillon zerknirscht. »Mein Pferd bricht den Hals; mein Diener bezahlt seine Treue mit dem Leben. Heut ist ein Unglückstag. Nun, Leute, nehmt euren Kameraden auf und bringt ihn, so gut es geht, zum nächsten Dorf, damit er geheilt oder -- bestattet werde. Bitte, meine Herren, sagt dem Grafen von Valois nichts von dem, was hier geschehen ist.«
»Das versteht sich von selbst,« gab Pierre de Flotte zur Antwort. »Aber, meine Herren, wir müssen unseren Pferden die Sporen geben und vorwärts kommen. Sehen Sie, Herr von Valois verschwindet schon hinter den Bäumen.«
Sie ließen ihren Rossen die Zügel schießen und waren bald bei dem Grafen, ihrem Feldherrn. Dieser ritt langsam weiter, ohne ihre Anwesenheit zu bemerken. In tiefem Nachsinnen saß er weit vorgebeugt im Sattel, und sein eiserner Panzerhandschuh ruhte achtlos mit dem Zügel auf der Mähne seines Pferdes. Die andere Hand umfaßte den Griff seines Schlachtschwertes, das am Sattel hing. Während ihn so seine Gedanken beschäftigten und sich die anderen Ritter wegen seiner düsteren Stimmung spöttische Blicke zuwarfen, tauchte plötzlich vor ihnen Schloß Wijnendaal mit seinen himmelhohen Türmen und riesigen Wällen auf.
»Noël!« rief Raoul de Nesle voll Freude, »dort ist das Ziel unserer Reise. Das ist Wijnendaal, trotz Teufel und Hexerei!«
»Ich möchte es in Brand setzen,« murrte Châtillon, »es kostet mich ein Pferd und einen treuen Diener.«
Nun wandte sich der Ritter, der die Lilien auf der Brust trug, um und sprach: »Meine Herren, dort wohnt der unglückliche Landesherr Gwijde von Flandern, ein Vater, dem man sein Kind entrissen hat, und dessen Land wir durch Waffenglück gewonnen haben. Ich bitte euch, zeigt ihm nicht, daß ihr als Sieger kommt, und vergrößert sein Leid nicht durch übermütige Worte.«
»Aber, Graf von Valois,« fiel Châtillon gekränkt ein, »glaubt Ihr etwa, daß wir nicht wissen, was man vom rechten Ritter verlangt. Wissen wir denn nicht, daß ein französischer Ritter sich nach dem Siege edelmütig zeigen soll?«
»Ich sehe also, daß Ihr's wißt,« erwiderte Graf von Valois mit Nachdruck, »ich ersuche Euch, nun auch danach zu handeln! Die Ehre besteht nicht in eitlen Worten, Herr von Châtillon. Was nützt es, die Gesetze der Ritterschaft auf der Zunge zu tragen, wenn sie Euch nicht von Herzen kommen. Wer sich aber seinen Untergebenen gegenüber nicht edelmütig erweist, wird es auch nicht im Umgange mit seinesgleichen sein.«
Dieser Vorwurf rief Châtillons Zorn wieder wach, und er wäre sicher in wütende Reden ausgebrochen, hätte ihn sein Bruder Saint-Pol nicht zurückgehalten und ihm zugeflüstert: »Schweig, Châtillon, schweig doch still, denn unser Feldherr hat ganz recht. Es gehört sich auch so, daß wir dem alten Grafen von Flandern kein Leid mehr zufügen. Er ist unglücklich genug.«
»Der untreue Vasall hat unserem Könige den Krieg erklärt und den Groll unserer Nichte Johanna von Navarra so heftig erregt, daß sie beinahe dadurch erkrankt wäre -- und da sollen wir ihm noch schonend entgegenkommen.«
»Meine Herren,« rief Graf von Valois ihnen nochmals zu, »ihr kennt meine Bitte. Ich glaube nicht, daß es euch an Edelmut fehlen wird. Nun, vorwärts, ich höre die Meute bellen. Man hat uns bereits bemerkt, denn die Brücke fällt, und die Sturmegge[4] wird aufgezogen!«
[4] Fallgatter.
Schloß Wijnendaal[5], das der edle Graf Gwijde von Flandern erbaut hatte, war eins der schönsten und stärksten Schlösser jener Zeit. Aus den breiten Gräben, von denen es umgeben war, stiegen gewaltige Mauern auf, an denen eine Anzahl Wachthäuschen hing. Durch die Schießscharten hindurch konnte man die Ausschau haltenden Armbrustschützen und ihre stählernen Lanzenspitzen sehen. Innerhalb der Wälle erhoben sich die Dächer des gräflichen Hauses mit den wehenden Wetterfahnen. Sechs runde Türme standen an den Mauerecken und in der Mitte des Vorhofes. Von hier aus konnte man mit allerlei Wurfgeschossen den heranziehenden Feind treffen und ihm so die Annäherung ans Schloß erschweren. Eine einzige Brücke verband diese befestigte Insel mit den umliegenden Tälern.
[5] Schloß Wijnendaal ist nun verfallen. Es liegt in der Nähe eines Dorfes gleichen Namens bei Thourout in Westflandern.
Sobald die Ritter ankamen, gab der Turmwächter der inneren Wache ein Zeichen, und sogleich kreischten die schweren Tore in ihren Angeln.
Unterdes erdröhnte hallendes Rossestampfen auf der Brücke, und die französischen Ritter zogen zwischen zwei Reihen vlaemischer Fußsoldaten in die Burg. Die Tore wurden hinter ihnen geschlossen. Die »Sturmegge« mit ihren eisernen Spitzen rasselte nieder, und die Brücke ging langsam in die Höhe.
II.
Die Luft war so klarblau, daß das staunende Auge vergeblich ihre unermeßbare Tiefe zu ergründen suchte. Strahlend stieg die Sonne am Horizont auf, und eine girrende Turteltaube trank die letzten Tautropfen von den grünen Blättern der Bäume. Aus Schloß Wijnendaal erscholl unaufhörlich das Kläffen der Meute. Das Wiehern der Pferde mischte sich mit den lieblichen Tönen des Jagdhorns. Aber die Zugbrücke war noch aufgezogen, und vorübergehende Landleute konnten nur raten, was da im Gange war. Zahllose Wachen mit Armbrust und Schild schritten auf den äußeren Wällen auf und ab, und durch die Schießscharten hindurch konnte man sehen, wie viele Waffenknechte innerhalb der Mauern geschäftig hin und her liefen.
Endlich erschienen einige Leute über dem Tor und ließen die Brücke herab. Da wurde es auch schon geöffnet, um den Jagdzug hinauszulassen. In dem stattlichen Zug, der langsam über die Brücke ritt, sah man folgende Damen und Herren:
Voran ritt der achtzigjährige Graf Gwijde[6] von Flandern auf einem Fuchs. Seine Haltung trug den Stempel stiller Ergebenheit. Alter und Unglück hatten sein stolzes Haupt schwer gebeugt. Seine schmalen Wangen waren tief gefurcht. Ein purpurnes Wams fiel von seinen Schultern bis auf den Sattel herab, und sein schneeweißes Haar war von einem gelbseidenen Tuche umwunden. Durch diese Hülle glich sein Haupt einem Silbergefäße mit goldenem Reif. Auf der Brust trug er in einem herzförmigen Schild den schwarzen springenden Löwen in goldenem Felde.
[6] Guy van Dampyere, der Sohn des alten Wilhelm van Dampyere, war der vierundzwanzigste Graf von Flandern. (Dits die excellente Cronike van Vlaenderen.)