Part 8
»Ja! Gestern hat er gschrien. Ganz laut hat er gschrien. Du! Da bin ich derschrocken.«
»Aber geh, du Dapperl!« Dem Alten versagte fast die Stimme. »Der Wald kann doch net schreien.«
»Aber ja! Ganz a groß Maul hat er aufgrissen im Boden drin. Und gschrien hat er. Den Wald, den mag ich nimmer, na!«
Michel wußte kein Wort zu sagen. Dieses Schweigen schien Jetterl als einen Zweifel zu deuten, denn sie bestätigte: »Ja, Ahnlvater! So hat er's gmacht!« Sie sperrte das rosige Mäulchen auf, so weit sie konnte. Dann lachte sie. »Aber ich hab mich gar net gforchten. Bloß der Xandi! Weißt, der tut sich noch fürchten, weil er so a kleins Büberl is.« Freilich, der Xandi war um ganze zehn Monate jünger als sie! »Ich hab mir halt denkt, daß er Hunger hat, der Wald, weil er sein' Schnabel so weit aufreißt.«
Der Simmerauer hatte die Arme um die beiden Blondköpfe gelegt und tauschte einen Blick mit Mutter Katherl, die leis zu ihm sagte: »Gelt! Allweil hab ich's schon gmeint: der Wald is nimmer sicher. Laß mir die Kinder nimmer in Wald ummi!«
»Na! Kein Schrittl nimmer in Wald!«
»Ahnlvater?« fragte das Bürschl. »Dürfen wir net lieber die Zickizotterln hüten auf der Wiesen droben? So viel schön tut d' Sonn da droben scheinen.«
»Ja, mein Schatzerl, ja! Geh, Katherl, laß ihnen die Zickizotterln aus'm Stall! Ich muß zur Arbeit schauen.«
Mit lautem Jubel rannten die Kinder der Großmutter voran und verschwanden in der Stalltür. Kreischend kamen sie wieder zum Vorschein, jedes mit einer Ziege am Strickl, und das ging über den Hof und hulterdiwulter über die Wiese hinauf -- bald zerrten die Kinder die beiden bockenden Ziegen hinter sich her, bald wieder schleiften die trippelnden Tiere ihre Hüter durch die Bodenfurchen, daß die zwei Knirpse unter Lachen einen Purzelbaum um den andern schlugen.
Der linde Sonnenschein kam über den Berghang heruntergeschlichen, schmolz den Reif von den welken Gräsern und ließ im auftauenden Schlamm die dünnen Eisscheiben langsam zerfließen.
Mutter Katherl schleppte die Ruten, die Vroni geputzt hatte, durch den Garten zum Verhau. Hier waren Michel und Mathes bei der Arbeit; der Alte hielt die hohen Pfosten fest, auf die der Bursche, der oben auf der Böschung stand, mit der Holzkeule losdrosch. Als die Balken eingeschlagen waren, kam Mathes herunter, und nun begannen sie die Ruten durcheinanderzuflechten und die Hohlräume dahinter mit Steinen auszufüllen. Um den Vater abzulenken, begann Mathes über allerlei Dinge zu sprechen. Einmal, als er eine Weile geschwiegen hatte, fragte er unvermittelt: »Du? Vater? Neulich am Abend, wie ich beim Wagner unsere Axten stielen hab lassen, sind a paar Leut in der Werkstatt gwesen. Da haben s' so gredt mitanander. Vom Purtscheller.«
»Was denn?«
»Daß er schlecht wirtschaften tät, und daß der Purtschellerhof nimmer stünd wie sonst. Is da ebbes dran, Vater?«
»Ah na! Weißt ja doch, wie d' Leut sind! Allweil reden s' mehr, wie s' verantwortigen können. So a gscheider Mensch wie der Herr Purtscheller wird doch sein' Verstand beinand haben. Die unguten Leut sind ihm halt neidisch um sein Glück.« Michel bog eine Rute übers Knie, um sie geschmeidiger zu machen. »Aber ich vergunn's ihm. Schon der Linerl z'lieb!« Er begann die Rute einzuflechten. »Freilich, brauchen tut er viel. Aber ich kann mir doch net denken, daß a verstandsamer Mensch tiefer aus'm Hafen schöpft, als der Boden is. Oder es müßt einer so a narrischer Lüftikus sein wie der Daxen-Schorschl. So ebbes glaub ich net vom Herrn Purtscheller.« Michel griff nach einer neuen Rute. »Dem sein Haus und Hof steht fest. Unter dem lauft der Boden net davon. Eins, freilich, will mir net gfallen --«
»Was?«
»Daß er so gachzornig is, wie seine Dienstleut verzählen, und den ärgsten Unmut allweil an der Linerl auslaßt. Dös gfallt mir gar net. Hast ihn ja neulich reden hören. Krank, meint er, wär 's Linerl. Ja, mein! Kümmern tut sie sich halt! Dö hat so a Blümerlgmüt, so a feins, und vertragt halt söllene Schimpfereien net. Und allweil schlechter schaut s' aus. Tätst es schier gar nimmer kennen, ja!«
Mathes gab keine Antwort. Während er eine störrische Rute hinter den Pfosten preßte, fielen ihm ein paar rote Tropfen von der Hand.
Das gewahrte der Simmerauer. »Hast dich grissen?«
»A bißl. An der Ruten.« Mathes schleuderte das Blut von der Hand und arbeitete weiter.
Immer höher stieg die Sonne.
Um zehn Uhr ging Mutter Katherl ins Haus und holte den Milchkrug. Das erste Glas, das sie einschenkte, reichte sie der Tochter. »Warum bist denn so stad heut? Was hast denn?«
»Ich? Was soll ich denn haben?« Vroni leerte das Glas. »Vergelts Gott!« Lächelnd nickte sie der Mutter zu und nahm die Arbeit wieder auf.
Als Katherl in den Garten zu den Männern ging, fuhr mitten in dieser sonnigen Luftstille ein sausender Windstoß über die Simmerau. »Was is denn?« fragte Michel. »Wo kommt denn der Wind so gahlings her?« Alle blickten zum blauen Himmel auf. Nun hörten sie über die Wiesen her, aus der Gegend des Purtschellerwaldes, ein klapperndes Rauschen, als wäre irgendwo ein riesiger Haufen Schindeln auseinandergefallen. Im gleichen Augenblick tönten von der sonnigen Höhe herunter die schreienden Stimmen der Kinder: »Da schau! Der Wald! O jegerl! Der Wald lauft davon!« Mathes kletterte über den Verhau hinauf, Michel machte humpelnd einen Umweg, um die Böschung zu ersteigen, und Vroni kam aus dem Hof gerannt, während Mutter Katherl, die Milch verschüttend, ihrem Manne nachlief und im ersten Schreck das Gesicht bekreuzte.
Sie spähten nach dem Gehölz hinüber, und während ein zweiter Windstoß ihnen das Haar und die Kleider zauste, sahen sie, daß ein großes Stück des Waldes in gleitender Bewegung war. Die grünen Wipfel schwankten durcheinander, als wären die hundert Bäume betrunken. Und plötzlich war die grüne, laufende Waldscholle verschwunden; an ihrer Stelle dehnte sich ein brauner Fleck, als hätte eine unsichtbare Riesenfaust dieses Stück Wald wie ein Spielzeug in eine braune Holzschachtel eingestrichen und den Deckel zugeklappt.
Wieder tönte jenes prasselnde Rauschen und endete mit einem dumpfen, nachdröhnenden Schlag, wie er beim Sturz einer schweren Lawine zu hören ist. Dann war Stille.
Die vier Menschen standen mit erblaßten Gesichtern. Ihre ersten Blicke galten dem Haus und zugleich den Kindern. Das kleine Haus lag ruhig in der Sonne, und die beiden Kinder standen sorglos auf der Wiese und schwatzten.
Michel sprach das erste Wort. »Den Wald hat er schreien lassen, die unschuldigen Kinder hat er gwarnt. Da soll mir noch einer sagen, daß er auf seine Leut net Obacht gibt, der da droben!« Er faßte die Hand seines zitternden Weibes. »Tu dich net sorgen, Mutter! Der da droben hilft. Komm, gehn wir wieder an d' Arbeit!« Hand in Hand stiegen die beiden Alten über die Böschung hinunter.
Mathes stand noch immer auf dem gleichen Fleck. »Vroni!« sagte er und deutete mit dem Rutenmesser, das er in der Hand hielt. »Da is a schöner Brocken Purtschellergut ins Wasser abigrutscht. Dös druckt ihr wieder an Kummer auf d' Seel.«
Vroni nickte. Und wortlos kehrten die Geschwister in den Hof zurück.
Seit Wochen war es immer so gewesen: wenn irgendwo auf dem Hang des laufenden Berges ein großer Brocken in Bewegung geraten war, hatten sie es auch in der Simmerau zu spüren bekommen. Daran dachten sie, und deshalb verloren sie den Kopf nicht, als es kam. Im Innern der Erde ein matter, plumpsender Hall. Dann rann ein Zittern durch den Grund, auf dem sie standen. »Mutter!« stammelte der Simmerauer, umklammerte den Arm seines Weibes und schrie: »Die Kuh is unter Dach!«
Vroni und Mathes warfen die Werkzeuge weg und rannten zur Stalltür. »Bleib draußen!« keuchte Mathes, stieß die Schwester mit der Faust von der Tür zurück und sprang in den matt erhellten Raum. Brüllend zerrte die Kuh an der Kette; Mathes konnte die Ringe nicht lösen. Von der niederen Decke fiel ihm Mörtel auf den Kopf, während er mit Anspannung aller Kraft den eisernen Bolzen, an dem die Kette hing, aus dem Futterbarren riß. Schnaubend, mit gestrecktem Schweif, die klirrende Kette schleifend, galoppierte das befreite Tier zum Stall hinaus und tollte in bockenden Sprüngen über die Wiese.
Mathes taumelte, als er über die Schwelle ins Freie sprang; wieder schwankte der Boden. Krachend zersplitterte ein Riegel des den Grund durchziehenden Balkenrostes, und während sich die beiden Stümpfe aus dem Boden hoben, kam die ganze Erde rings um das Haus und um die Scheune her in träge Bewegung. Ein paar schwere Steine rollten vom Schindeldach herunter, und gackernd flogen überall die Hühner auf.
»Zu mir her!« kreischte Michel mit bleichen Lippen. Als Mathes und Vroni bei ihm standen, wurde er ruhiger. In diesem Augenblick des Schweigens konnte man hören, daß die beiden Kleinen auf der Wiese droben lustig sangen.
Mutter Katherl klagte: »Jesus Maria! Jesus Maria!«
»Macht nix!« stammelte der Simmerauer. »Es is net 's erstemal. Nur net verzagen! Und auffischreien, daß er uns hören muß!« Er faltete die Hände, hob sie über den Kopf empor und schrie: »Allgütiger du im Himmel! Tu net auslassen!«
Ein zweiter Balken des Rostes sprang und bäumte sich knirschend. Aus dem Garten scholl ein schwerer, dumpfer Klatsch; Schlamm und Wasser spritzte in dicken Strahlen von der Böschung über den Hofraum. Dann war alles wieder ruhig. Nur ein paar losgewordene Schindeln glitten mit leisem Rascheln über das Dach herunter.
»Allweil steht's noch, unser Häusl! Er hat schon wieder gholfen. Auf den is Verlaß!« sagte Michel und wischte sich den Schlamm ab, der ihm ins Gesicht gespritzt war. »Wenn unt drin a Loch is, freilich, da muß ebbes abifallen. Dös kann er selber net anders machen. Aber oben halt er fest. Da laßt er net aus.« Während Vroni die Mutter, der vor Schreck völlig übel war, zu einem Holzblock führte, wollte Mathes in den Garten, um bei der Böschung nachzusehen. Michel hielt ihn am Ärmel fest. »Z'erst a Vergelts Gott sagen, Mathes! Er hat's verdient um uns.« Mit lauten Stimmen sprachen sie ein Vaterunser und den Glauben an Gott. »So! Und jetzt speggalieren wir, wie's ausschaut! Viel is net passiert. Und du, Vronerl, sei so gut, lauf auffi und schau, was die kleinen Hascherln machen!«
»Dö singen ja, Vater!« sagte Vroni. Man merkte es an ihrer Stimme, daß ihr das Herz bis an den Hals herauf schlug. »Hörst es net?«
Der Simmerauer lauschte. Obwohl sein Gesicht so weiß wie Kalk war, glitt ihm doch ein Lächeln über den farblosen Mund. »Dö singen! Gott sei Dank! Dö haben wieder gar nix gmerkt.«
Während Michel mit Vroni und Mathes im Hof umherging, um den Schaden zu besehen, den der Erdrutsch angerichtet hatte, las Mutter Katherl die Scherben des Milchkruges auf, den sie im Schreck hatte fallen lassen. »Jetzt is der auch hin! Der schöne Krug!«
Das erregte Gackern der Hühner begann zu verstummen, und über dem Rand der Böschung erschien die Kuh mit der baumelnden Kette. Sie brummte ihren tiefsten Ton, sah mit großen Glotzaugen über Haus und Garten nieder und ließ in wiedergefundener Seelenruhe die zottige Schweifquaste pendeln.
Im Hofe fand der Simmerauer den halben Balkenrost aus den Fugen getrieben und verschoben; neben den zwei zersplitterten Balken waren ein paar andere krumm gebogen und fast geknickt. »Macht nix! Den Schaden haben wir in zwei, drei Tag wieder gutgmacht. Gelt, Kinder, helfen wir halt wieder ordentlich zamm!«
»Ja, Vater!« sagte Vroni, während Mathes schweigend nickte.
Nun gingen sie hinter das Haus und zur Böschung. Da sah es noch schlimmer aus. Ein Wust von Erde und Felsbrocken war über den Garten niedergebrochen und hatte den schweren Verhau zu Boden gedrückt wie ein Kartenblatt. »Müssen wir halt an andern machen! Zeit haben wir ja. Acht Tag, mein ich, gibt er jetzt wieder an Fried, der Berg.« Als Michel die Bruchstelle näher untersuchte, gewahrte er neben dem Haufen des niedergebrochenen Schuttes einen schmalen, frischen Erdstreif, der sich wie ein Band am Fuß der unversehrt gebliebenen Böschung entlang zog. Diese Entdeckung brachte den Alten aus seiner vertrauenden Ruhe. Mit den gespreizten Fingern maß er die Breite des Bandes und sagte: »An halben Schuh sitzen wir wieder tiefer drunt!« Schwer atmend richtete er sich auf und fuhr sich mit den Fingern ins Gesicht, als hätte er Haare vor den Augen. »Mathes! Da müssen wir uns tummeln, daß wir den Verhack wieder in d' Höh bringen. Sonst rutscht uns bald a fester Brocken über'n Garten eini. Fangen wir gleich an! Geh, Madl, hol mir d' Axt!«
Vroni lief gegen den Hof; mit ersticktem Schrei blieb sie stehen und starrte auf die Rückwand des Hauses.
Michel und Mathes blickten auf. »Was is denn?«
»Vater! Da schau! Unser Haus!«
Die beiden kamen gelaufen und sahen, daß neben Vronis Kammerfenster ein im Zickzack verlaufender Riß die Mauer von der Erde bis über die Fensterhöhe durchzog. Mathes nickte wortlos vor sich hin. Während der Simmerauer die zitternden Hände nach der weißen Mauer streckte und an den Rändern des entzweigerissenen Mörtels umhertastete, sagte er: »Mathes! Da hast jetzt deine Mäus!«
»Aber geh! Wegen dem bißl Riß! Deswegen brauchst dich net sorgen! So was passiert in alte Häuser oft, daß a Riß durch d' Mauer geht.«
»Net so laut«, fiel Vroni flüsternd ein, »damit's d' Mutter net hört!«
»Erfahren muß sie's alleweil!« sagte der Simmerauer; aber auch er dämpfte die Stimme. »Kannst ja heut in der Nacht nimmer schlafen in deiner Kammer. Mußt dich wohl in d' Stuben ummi legen. Dös kann net gschehen, ohne daß d' Mutter ebbes merkt davon.« Wieder starrte er die Mauer an, atmete schwer und fragte: »Was meinst, Mathes?«
»Daß der Riß kein neuer is! Der kann schon lang in der Mauer gsteckt sein und hat dem Häusl gar nix gschadt. Jetzt, freilich, bei dem bißl Rumpler hat halt auswendig der Mörtl auch nachgeben.« Mathes begann den Schaden genau zu untersuchen. »Es is schon so! An alter Riß! Vater, da kannst dich verlassen drauf! Als Maurer muß ich so ebbes verstehn!«
»Ja, ja! Da muß ich's glauben.« Michel wandte sich zu Vroni. »So a Glück, daß der Mathes d' Maurerei glernt hat! Jetzt kann er uns helfen. Meiner Seel, ich wüßt mir jetzt kein' Rat net. Und gschehen muß doch ebbes. So kann man doch dö arme Mauer net stehn lassen. Was meinst denn, Bub?«
Mathes hatte seine Meinung schon fertig: der schlechte Mörtel wird abgeschlagen, mit eisernen Schlaudern wird der ›alte‹ Riß zusammengezogen, und über alles wird ein neuer Verputz gelegt. »Dös mach ich so fein, Vater, als ob in der Mauer nie a Schaden net gwesen wär.«
»Vergelts Gott, Bub!« nickte Michel. »Aber der Fleck, freilich, der bleibt! So schön und sauber schaut sich d' Mauer nimmer an wie sonst.«
»Aber na, Vater! Da tu ich die ganze Wandseiten überweißnen, und morgen, bis der Kalch auftrücknet, merkst kein Fleckl nimmer. Wie der Schnee muß sich d' Mauer anschauen!« Mathes zog den Maßstab hervor, den er in der Tasche trug, und nahm an der Mauer die Maße ab. »Vier eiserne Schlauderbänder brauchen wir, anderthalb Meter, und vier gsunde Schrauben dazu, jede an halben Meter lang, mit feste Muttern.«
»Mit feste Muttern, ja!« wiederholte der Simmerauer. »Was Mutter heißt, is allweil ebbes Guts. Fangen wir nur gleich an! 's Häusl is d' Hauptsach. Da muß der Hof und der Garten zruckstehn. Ich rühr derweil an Kalch ein. Du, Mathes, packst d' Mauer an. Und 's Madl lauft zum Schmied abi und laßt die Schlaudern machen. Hast dir 's Maß ordentlich gmerkt, Vronerl?«
»Gnau, Vater!«
»So lauf, Madl, lauf, was d' laufen kannst!«
Vroni rannte; schon nach wenigen Sprüngen hielt sie wieder inne. Das Gesicht von heißer Röte übergossen, sah sie ratlos den Vater an.
Der Simmerauer meinte diesen Blick zu verstehen. »Grad hab ich mir's selber denkt. A starks Madl bist freilich. Aber so viel Eisen kannst net auffischleppen über den ganzen Berg.«
Vroni senkte die Augen. Da sagte Mathes: »Ja, Vater, laß ~mich~ abi!« Als er an Vroni vorüberging, legte er die Hand auf ihre Schulter und flüsterte: »Hast recht! Denk an unser Schwester!« Vroni schien ein trotziges Wort auf der Zunge zu haben; doch als ihre Augen dem ernsten Blick des Bruders begegneten, nickte sie und schwieg.
Ohne Hut und Joppe, barfuß, eilte Mathes davon, während ihm der Vater nachrief: »Vergiß net: ~recht~ feste Muttern! Wann d' Mutter net gut is, taugt die ganze Schrauben nix!« Nach dieser Mahnung fiel dem Alten eine neue Sorge aufs Herz. »Mar' und Josef! Zu so was ghört a richtiger Schmied. Auf so an Lüftikus, wie der Daxen-Schorschl, is kein Verlaß.«
»Sorg dich net, Vater!« sagte Vroni erregt. »So viel hab ich gestern gmerkt: sei' Sach versteht er, der Schorschl, wann er mag.« Dann richtete sie sich auf. »Weis mir d' Arbeit zu! Wo fangen wir denn an?«
»Komm, hilf mir die Kalchgrub aufdecken!«
Als sie durch den Hof gingen, blickte Michel über das Gehäng hinunter. »Schau nur! Den halben Berg is er schon drunt!« Der väterliche Stolz hauchte dem Alten ein bißchen Farbe über das erschöpfte Gesicht. »Ja, mein Mathes! Der is gut schicken, wann's pressiert. Auf den is Verlaß.«
Wer gemächlich ging, hatte von der Simmerau bis ins Dorf hinunter eine halbe Stunde zu marschieren. Der Mathes brauchte keine zehn Minuten. Freilich, als er aus dem letzten Wäldchen auf die Talwiesen heraustrat, war er so atemlos, daß er ein paar Augenblicke rasten mußte. Gerade gegenüber, auf dem anderen Ufer des Baches, lag der stolze Purtschellerhof, an dem die Dorfstraße vorüberführte. Mathes hing, solang er rastete, mit spähenden Augen an dem stattlichen Haus. Dann trocknete er mit dem Handrücken die nasse Stirn und wandte sich ab. Er folgte der Straße nicht, obwohl sie der nächste Weg zur Schmiede gewesen wäre, sondern schwang sich über die Gartenzäune und eilte hinter den Häusern an den Hecken entlang. Schließlich fand er einen Fußpfad, der in der Nähe der Schmiede auf den Marktplatz mündete. Schon wollte er auf die Straße treten. Erschrocken fuhr er zurück und verbarg sich hinter den halbentlaubten Büschen.
Draußen auf der Straße ging die Purtschellerin vorüber, mit ihrem Bübchen plaudernd, das sie auf den Armen trug.
Mathes regte sich nicht. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Als läge ein drückender Stein auf seiner Brust, so beklommen atmete er.
Nun war sie vorüber.
Hastig trat Mathes auf die Straße hinaus. »Karlin!« rief er mit heiserer Stimme, und erblaßte, als sie das Gesicht wandte.
Sie war schon an die fünfzig Schritte von ihm entfernt. Dennoch erkannte sie ihn gleich. »Mathes! Du! Grüß dich Gott!« Sie wollte zurückkommen.
Da rief er: »Ich hab net Zeit! Bloß sagen will ich dir, daß der Purtscheller im Wald droben nachschauen soll. Der Berg hat a bißl ebbes umgworfen. Dös hab ich dir sagen ~müssen~! Pfüet dich Gott wieder! Pfüet dich Gott, Linerl!«
»Aber Mathes! Mathes!«
Er hörte nicht.
Karlin schüttelte verwundert den Kopf, und während sie ihm nachblickte, schien sie gar nicht zu fühlen, daß ihr das Kind mit zausenden Händen die Zöpfe fast von der Stirne riß.
Siebentes Kapitel
In der Schmiede klangen die Hammerschläge. Schorschl stand vor dem Amboß und hämmerte wütend auf ein glühendes Hufeisen los. Dann tauchte er das noch rote Eisen in den Kühlbottich, daß zischend der Dampf aufging, und ließ es aus der Zange zu Boden fallen, wo schon ein paar Dutzend auf einem Häufl beisammen lagen. Nun besann er sich, als wüßte er nicht, was er weiter beginnen sollte? Noch ein Hufeisen schmieden? Er mußte die Eisenstangen sparen; gar viele hatte er nimmer in der Ecke stehen, und der Vorrat an Hufeisen, der da am Boden lag, reichte für einen Monat und drüber. Früh am Tage hatte er begonnen, hatte Hufeisen um Hufeisen geschmiedet, nur um die Zeit hinzubringen, bis andere Arbeit käme. Die ließ auf sich warten. Nur der Schneider war gekommen, um seine vierunddreißig Mark zu fordern, und Schorschl hatte seine ganze Überredungskunst aufwenden müssen, um den Ungeduldigen zu vertrösten. »Herrgott! 's Bravsein macht ein' schwitzen!« brummte er, als der Meister Schneider glücklich wieder zum Tor draußen war.
Ein paar Leute waren unter das Tor getreten und hatten dem Daxenschmied eine Weile ungläubig bei der Arbeit zugesehen, um lachend wieder davonzustapfen. Niemand hatte Arbeit gebracht. Auch der Bauer, dessen Leiterwagen Schorschl tags zuvor beschlagen hatte, war ausgeblieben. »Der Tropf! Und so fest hat er mir Arbeit zugsagt!«
Auf dem Amboßblock lag noch ein Stück Eisenstange, das knapp für ein Hufeisen reichen konnte. Das nahm er in die Zange. »Machen wir halt noch eins!« Er bohrte das Eisen in die Essenglut. Ingrimmig begann er den Blasbalg zu treten. Da lachte er und griff in die Hosentasche. Achtsam rollte er ein geschwärztes Stück Zeitungspapier auseinander, in das die dreißig Pfennige eingewickelt waren, die ihm Vroni auf den Amboß gelegt hatte. Immer wieder schob er mit dem rußigen Finger die paar Nickel durcheinander und blinzelte sie mit vergnügten Augen an. »Die heb ich mir auf. Wart nur, du!« Sorgfältig rollte er das Papier wieder zusammen. Da trat Mathes in die Werkstätte, schwer atmend und wortlos. Schorschl fragte verwundert: »~Du~, Mathes? Was willst denn?«
»Pressante Arbeit hätt ich.«
»Arbeit bringst mir?« Schorschl lachte, daß in seinem rußfleckigen Gesicht die Zähne blinkten. »Gestern d' Vroni und heut wieder du! Ah, da schau! Jetzt sind gar die Simmerauer Leut mei' beste Kundschaft.« Flink nahm er die Zange aus der Esse und ging auf Mathes zu. »Was brauchst?«
»Schlaudern. Die Schrauben mit feste Muttern!« Mathes nannte die Maße.
»Schlaudern?« Schorschl erschrak. »Is am Häusl ebbes passiert?«
»Ah na!«
»Aber red doch a bißl! Wie steht's droben?«
»Net schlechter, als wie's sein kann. Dem Vater z'lieb denk ich, daß wir uns durchschlagen über'n Winter.«
»Aber im Fruhjahr?«
»Da wird er harte Zeit haben, der Vater. Aber fang lieber d' Arbeit an! Es pressiert.«
Schorschl holte von seinem kleinen Eisenvorrat nach langem Wählen aus der Ecke hervor, was er nötig hatte. Mathes prüfte die Stangen. »Vergelts Gott! Ich merk: 's beste Eisen hast ausgsucht.«
Rührig begann Schorschl die Arbeit, und Mathes, der nicht müßig stehen konnte, half mit. Während sie, um die Gewinde in die Eisenstangen zu schneiden, am Schraubstock standen und zu zweit an den langen Hebeln der Schneidkluppe zogen, versuchte Schorschl die Rede auf Vroni zu bringen. Aber da wußte Mathes, der sonst mit Worten so sparsam war, immer von anderen Dingen zu schwatzen. Schließlich stellte Schorschl verdrossen das Fragen ein und ließ den heißen Unmut, der in ihm rumorte, an der Arbeit verdampfen.
Als die Mittagsglocke geläutet wurde, fragte Mathes: »Mußt Mahlzeit halten?«
Schorschl schüttelte den Kopf. »Mich hungert net.«
Zwei Stunden später war die Arbeit fertig. Die Schrauben hatten Muttern wie Fäuste so groß.
»Bist z'frieden, Mathes?«
»Besser hätt's keiner gmacht. Wieviel bin ich schuldig?«
Schorschl wollte keinen Preis sagen. »Was meinst denn, daß ich verdient hab?«
»No, mit'm Eisen schätz ich acht Mark.«
»Sagen wir fünfe! Is eh schon viel.«
»Geh, da zahlst ja drauf.«
»Gott bewahr, da verdien ich.«
»No also, vergelts Gott halt! Aber zahlen muß ich an andersmal. Ich bin gahlings droben fortgrennt und hab nix bei mir.«
»Bist mir ja gut. Pfüet dich Gott! Und grüß mir --« Schorschl stockte. »Grüß mir deine Leut!«
»Ja.« Mathes lud die schweren Stangen auf seine Schultern und verließ die Werkstätte.
Langsam trat Schorschl unter das Tor und sah ihm nach. »Gleich gar net reden hat er mögen von der Vroni. Schorscherl, Schorscherl! Da schaut's schlecht aus.« Mit diesem Stoßseufzer ging er ins Haus, um das versäumte Mittagsmahl nachzuholen. Bei seinen sorgenvollen Gedanken hatte er wenig acht auf die Kocherei und ließ den Schmarren anbrennen. Weil er ein zweites Mal nicht kochen wollte, mußte er sich mit einem Rinken Brot begnügen. »Wann net bald Arbeit kommt, muß ich mich eh ans Brotbeißen gewöhnen.« Er kehrte in die Werkstatt zurück. »Herrgott! Herrgott! Wo nimm ich denn 's Geld her?«