Part 7
Als Schorschl allein war und sein Zorn verrauchte, überkam ihn eine Niedergeschlagenheit, daß er am liebsten geheult hätte. Ein Schritt weckte ihn. Es war der Bauer, dessen Leiterwagen in der Werkstätte auf das Beschläg wartete. »Wann krieg ich denn mein' Wagen?«
Schorschl erhob sich, um nachzusehen, wie weit der Gesell die Arbeit schon gebracht hätte. »Komm halt am Abend wieder! Ich mein', daß ich ihn fertig bring.«
»No, da bin ich neugierig! Da mußt deim Gsellen fleißig helfen!«
»So? Meinst?«
»Ja!« Der Bauer ging.
Man läutete die Elfuhrglocke, als Schorschl die Arbeit begann. In seinem Eifer übersah er den Gesellen, der mit seinem Ranzen über den Hof spazierte.
Steffel verließ seinen Dienst, ohne dem Meister einen letzten Gruß zu sagen. Drüben im Wirtshaus trank er sein ›Abschiedsmaßerl‹ und erzählte, daß ihm die ›Lumpenwirtschaft‹ in der Daxenschmiede endlich zu dick geworden, und daß er dem Schorschl aufgesagt hätte, um bei einem ›repadierlichen‹ Meister Arbeit zu suchen.
»Ui jegerl«, meinte der Wirt mit halbem Erbarmen, »jetzt hat er kein' Gsellen nimmer, der d' Arbeit für ihn macht! Da schwimmt er aber bald, der Schorschl!«
Das hörte der alte Rufel, der hinter dem Ofen saß und den Gebetriemen um die Hand legte. Er seufzte und wiegte den grauen Kopf zwischen den Schultern.
Dazu tönte es immer von der nahen Schmiede herüber: kling, kling, kling, kling! Und wenn die Hammerschläge für kurze Weile aussetzten, wirbelte dicker Rauch aus dem Schornstein der Esse.
Zur Mittagszeit schwieg der Lärm im Dorf, und auf der Straße rasselte kein Wagen mehr; nur in der Schmiede wollten die Hammerschläge nicht ruhen: kling, kling, kling, kling!
Als gegen sechs Uhr abends der Bauer um seinen Wagen kam, war die Arbeit schon seit einer Stunde fertig, und Schorschl schmiedete ein paar Hufeisen in Vorrat.
»Was bin ich schuldig?« fragte der Bauer.
Schorschl stieß die Zange in die Glut und zog den Blasbalg. »Z'erst schau dir d' Arbeit an, ob z'frieden bist.«
Bedächtig schritt der Bauer rings um den Wagen, untersuchte die Eisenreifen der Räder und prüfte das Beschläg der Deichsel. »Sauber is alles gmacht. Respekt! Wann er mag, dein Gsell, versteht er sei' Sach.«
»Den Gsellen hab ich davongjagt in der Fruh.«
»Was?« Der Bauer riß Mund und Augen auf. »Schorschl! Is der Heilig Geist niedergflogen über dich? No also, was bin ich schuldig?« Er zog den ledernen Beutel hervor.
»Die ganze Zeit hast im andern Dorf arbeiten lassen. Oder net?«
»Dös hat seine guten Gründ ghabt.«
»Freilich! Wann 's dir net pressiert hätt mit deim Wagen, wärst eh net zu mir kommen, gelt?«
»Na!«
»Was hast denn drüben zahlt?«
»Vierundzwanzg Mark für an Wagen.«
»So zahl mir zwanzg. Wann ich d' Leut wieder einizügeln will zu mir, muß ich besser arbeiten wie die andern, und billiger.«
Schmunzelnd suchte der Bauer aus seinem Beutel zwei Zehnmarkstücke hervor und legte sie auf den rußigen Werktisch. »Ich hätt schon noch a bißl Arbeit für dich.«
»Sei so gut und bring mir's!«
»Ja, morgen! Hilfst mir den Wagen aussischieben?«
Der Bauer faßte die Deichsel und Schorschl ein Rad. Mit Rasseln und Holpern rollte der Wagen über die Torschwelle in den Hof hinaus. Draußen hatte der Bauer ein leichtes Ziehen, die Straße ging bergab.
Als Schorschl in die Werkstätte zurückkam, wog er die beiden Goldstücke ehrfürchtig auf der Hand. »Die müssen fort! Und gleich! Sonst reißt's mich am Abend ins Wirtshaus ummi. Ich kenn mich.« Die Faust mit dem Geld in die Hosentasche grabend, lief er zum Krämer hinüber. Es war ein verschämter Stolz in seinem Blick, als er die zwei Goldstücke mit festem Daumendruck auf die Ladenbudel legte und zur Krämerin sagte: »Da! Mehr hab ich net. Mit dem andern mußt halt noch a bißl zuschauen.«
Die Frau wurde vor Überraschung rot im Gesicht. »No, no, gar so pressieren tut's doch net. Bist mir ja gut! Sonst nix gfällig?«
Schorschl zögerte. »Mehl und Schmalz zum Kochen tät ich brauchen. Schreibst mir denn noch was auf?«
»Wer zahlt, hat Kredit. Sonst brauchst nix? Kein' Tabak?«
»Na!« Das Wort hatte den Daxen-Schorschl Überwindung gekostet. An einem Pfeifl hing ihm das Herz. Deshalb fügte er kleinlaut bei: »Meinetwegen! Kannst mir a Packerl geben. Aber bloß an einzigs.«
»Vom guten?«
»Na, vom Stinkadores. Der tut's schon für mich.«
Als Schorschl mit der großen Papiertüte, in die ihm die Krämerin alles eingepackt hatte, über die Straße schritt, bekam er einen Anfall von Reue. »Wann ich ihr bloß d' Hälfte zahlt hätt, wär's fürs erstemal auch gnug gwesen. Und ich hätt a bißl ebbes auf der Hand bhalten.« Dann lachte er und schüttelte den Kopf. »Ah was! Gott sei Dank! Zahlt is zahlt!« In seiner Werkstätte legte er den Pack in eine Fensternische. Es begann schon zu dämmern; aber eine halbe Stunde konnte er immer noch arbeiten; er hatte in den Fäusten ein so merkwürdiges Zucken, das ihm keine Ruhe ließ. »D' Arbeit muß a Krankheit sein«, meinte er, »wann die amal ein' packt, so laßt s' nimmer aus.«
Während er den Blasbalg trat, um die eingesunkene Glut wieder zu beleben, verfinsterte sich das Tor, und eine Mädchenstimme klang: »Guten Abend!«
Schorschl fuhr auf, als hätte er sich den Ellbogen angestoßen und das Mäuschen geweckt.
Auch Vroni, die auf der Schwelle stand, einen Spaten über der linken Schulter und das Beil in der rechten Hand, schien ihren Augen nicht zu trauen und glühte über das ganze Gesicht. Oder war's nur der Widerschein der Essenglut? Denn sie sagte ruhig: »Ah, da schau! Du? Hab gmeint, dein Gsell is bei der Arbeit. An dich hätt ich net denkt.«
»Sonst wärst am End gar net eini? Was?« Schorschls Fuß, der den Blasbalg trat, kam in rascheres Tempo.
Vroni nahm den Spaten ab. »Unser Grabscheit is verbogen und hat die richtig Härten nimmer. Und am Beil hab ich mir die halbe Schneid ausgsplittert. Kannst mir's heut noch machen?«
»Ja!« Er verließ die Esse.
»Ich hab noch an Weg«, sagte sie, »zum Kramer, ja, und komm wieder vorbei.«
»Magst net lieber warten?« fragte Schorschl hastig.
»Na!«
Er lachte merkwürdig. »Fürchst dich vor mir?«
Da sah sie ihn groß an. »Ich? Warum denn?« Mit dem Fuß stülpte sie einen Wasserzuber um und setzte sich. »Wann d' meinst, kann ich auch warten.«
»Ja, es is besser! Ich kunnt davonlaufen und zusperren.« Seine Stimme bekam einen Ton, als hätte er was Bitteres geschluckt. »So a Lump, wie ich einer bin, halt's net lang bei der Arbeit aus.«
»Ich glaub's.«
»Gelt?« Er trat mit dem Beil zum Fenster und besah den Schaden. »Da mußt aber grob zughaut haben?«
»Es braucht's halt.«
»Freilich!« Seine Stimme klang wieder freundlich. »Wie steht's denn droben?«
»Allweil im gleichen. Es hat sich nix gändert über Nacht.«
Da guckte er langsam über die Schulter. »No, wer weiß, vielleicht doch a bißl ebbes.« Er löste vom Beil den Stiel ab, nahm das Eisen zwischen die Backen einer großen Zange, wühlte sie unter die Glut hinein und versetzte dem Blasbalg einen so ausgiebigen Tritt, daß eine Sprühgarbe von Funken in den Kamin hinaufloderte.
Vroni runzelte ernst die Brauen; sie mußte aus Schorschls letzten Worten etwas Ungemütliches herausgehört haben, und es spielte um ihren Mund, als müßte sich dieser Ärger entladen. Ihre Augen schossen einen spöttischen Blick zur Esse hinüber. Unter leisem Lachen fragte sie: »Bist gut heimkommen?«
Schorschl schob eine kleinere Zange mit einem fingerlangen Stahlstäbchen in die Glut. »Heimkommen? Wann denn?«
»Heut nacht.«
»Ah so? Ja, ja, ganz gut! Siehst es ja, an Haxen hab ich mir net brochen.«
»Da kannst von Glück sagen. So a Weg in der Nacht is hail.«
»Fest hintreten muß man, nachher rutscht man net.« Mit raschem Schwung hob Schorschl die beiden Zangen aus der Esse und faßte den schweren Hammer, um die neue Stahlschneide an das ausgesplitterte Beil zu schweißen. Wie ein zerdrücktes rotes Herz lag das glühende Eisenstück zwischen dem Griff der Zange. Der Amboß tönte wie eine Glocke, und sternhell flogen bei jedem Hammerschlag die Funken in den großen dämmerigen Raum; sie leuchteten nur und brannten nicht; sie flogen dem Schmied ins Gesicht, in die Haare, an die nackten Arme, an die offene Brust und sprühten hinüber bis in den Schoß des Mädels. Vroni rückte immer weiter zurück; die Funken flogen ihr nach. Das gewahrte Schorschl, und immer emsiger drosch er mit dem Hammer, so daß an seinem kräftigen Arm alle Muskeln spielten.
Die Glut des geschweißten Eisens drohte zu erlöschen, und Schorschl schwang die Zange wieder in die Esse hinüber. Während er den Blasbalg trat, umsäumte der Feuerschein seine ganze Gestalt, sein Haar und sein Gesicht mit roten Linien. Draußen vor dem Bogen des Tores dunkelte es immer mehr, und am fahlen Himmel zitterte schon mit blassem Schein der Abendstern.
Ob Schorschl die brennende Röte auf Vronis Wangen und den Glanz ihrer staunenden Augen richtig deutete? Oder ob es ihm die eigene Arbeitsfreude auf die Lippen legte? »Gelt«, sagte er, »in der Schmieden is schön?«
»Ja, da gfallt's mir.«
»Möchtest net hausen herin?« Das fragte Schorschl lachend, in jener Art, in der man vom Wetter zu reden pflegt.
Im gleichen Ton antwortete Vroni: »Warum denn net? Der Schmied müßt halt an andrer sein.«
»No, wer weiß, vielleicht wird noch amal an anderer aus mir.«
»Wer's glaubt!«
»Du vielleicht net?«
»Na! Und so hab ich's net gmeint.«
»Ah so? An ~ganz~ andern meinst?« Schorschl hob die Zange auf den Amboß. »Freilich, ich weiß, viel halten tust net von mir!« sagte er, immer ein paar Worte nach jedem Hammerschlag einschiebend. »Kannst auch recht haben, daß die beste Schneid an mir schon Fransen kriegt hat. Grad so wie dein Beil! Aber der richtige Schmied, mein' ich, kunnt den Schaden vielleicht doch wieder ausgleichen.« Mit der Zange hielt er dem Mädel das rotglühende Eisen hin. »Schau! Da hat's wieder die schönste Schneid, dein Beil! Bloß härten muß ich's noch.« Er schob die Zange wieder in die Glut und zog den Blasbalg. »Ja, Vroni! Über mich müßt die richtige Schmiedin kommen.«
»Such dir s' halt!«
Er lachte. »Da fang ich mit'm Suchen gleich an. Tätst es net riskieren mit mir?«
»Na! Ich dank schön!«
»Geh, probier's!«
»Aufs Probieren laß ich mich net gern ein. Ich geh lieber sicher.«
»So heirat mich halt! Dös wär 's Allersicherste. Von dir ließ ich mir ebbes sagen.«
»Da weiß ich mir was Bessers.«
»Du bist aber heikel!«
»Für gwöhnlich net. Beim Heiraten schon.«
»Ja, hast recht! An neuen Hut, wann er ein' druckt, kann man fürs halbe Geld der Nachbarin aufhängen. Aber a Mann bleibt eim. Dös muß von Anfang gleich der Richtige sein.«
»Hätt gar net glaubt, daß d' so gscheid bist!«
»Freilich, mancher schaut dümmer aus, als er is.«
Da lachten sie alle beide, als wäre ihnen der harmlose Spaß nach Wunsch geraten. Dann schwiegen sie; und während Vroni, die von der strahlenden Wärme des Essenfeuers belästigt schien, mit der Hand über Stirn und Wangen fuhr, haschte Schorschl den Schnurrbart zwischen die Zähne und trat mit ungestümem Fuß die Stange des Blasbalges. Plötzlich riß er die Zange aus der Glut. »Herrgott, jetzt hätt ich den Stahl bald überhitzt!«
Vroni hatte die Ellbogen auf die Knie gelegt und blickte finster zum verlöschenden Glanz des Himmels und zu dem zitternden Gefunkel des immer heller brennenden Sternes auf. Schorschl stand vor dem Amboß; weil es in der Werkstätte schon dunkel war, mußte er Vroni den Rücken kehren, um die Helle des Essenfeuers für die Arbeit zu nützen. Grau zeichnete sich seine hohe, breitschulterige Mannsgestalt in den roten Schein. Unter achtsamen Schlägen gab er der Schneide des Beils mit einem kleinen Hammer die glatte Form. Dann tauchte er den glühenden Stahl in den mit schwarzem Wasser gefüllten Löschbottich, rasch und kurz, so daß es kaum zischte und nur ein kleines, rot beleuchtetes Dampfwölkchen aufstieg. Und als der nun äußerlich abgekühlte Stahl von innen heraus wieder matt zu glühen begann, versenkte Schorschl die Schneide langsam in das Ölbad. Er schien das Bedürfnis zu fühlen, dem Mädel diese Hantierung zu erklären. »Wann einer z'grob mit'm kalten Wasser kommt, dös kann den besten Stahl verderben.« Seine Stimme klang anders als früher. »Aber je feiner einer 's Öl braucht, so besser wird d' Schneid!« Vroni blickte auf und sah wieder zum Tor hinaus.
Der Spaten machte geringe Arbeit: eine kurze Glut und ein paar Streiche mit dem Hammer. Schorschl erledigte das, ohne ein Wort zu sagen. Diese Stille schien Vroni unbehaglich zu berühren; plötzlich fragte sie: »Daß ~du~ heut arbeitst? Wo is denn dein Gsell?«
»Den hab ich davongjagt in der Fruh.«
»Was? Warum denn?«
»Weil er a Lump is.«
Vroni wollte lachen. Bei dem funkelnden Blick, der sie aus Schorschls Augen traf, blieb ihr die Heiterkeit in der Kehle stecken. Nach einer Weile fragte sie gereizt: »Daß einer a Lump is? Seit wann gfallt dir denn so ebbes nimmer?«
»Gar lang is's noch net her. Gestern, mein' ich, wär's noch anders gwesen.« Ruhig lehnte er den Spaten an den Türpfosten. »Soll ich dir's Beil schleifen?«
Jähe Röte war über Vronis Wangen geflogen; nun schüttelte sie den Kopf und griff in die Tasche; sie mußte sich räuspern, ehe sie fragen konnte: »Was bin ich schuldig?«
»Nix. Is gern gschehen.«
Da fuhr sie auf, so grob, als hätte er ein böses Wort gesagt. »Du! Schenken laß ich mir nix!«
»Und ich verlang nix. Arbeit nach Feierabend mach ich bloß zur Rekrazion. Dös is kein Geschäft nimmer.«
»Und ~ich~ will nix gschenkt haben. Wann mir net sagst, was verdient hast, muß ich halt selber schätzen. Vier Mark kriegt einer, der ordentlich arbeit den ganzen Tag. Macht vierzg Pfennig d' Stund. Und dös halbe Stündl da? Bin ich dir halt zwanzg Pfennig schuldig.«
Daß sie so genau rechnete, ärgerte ihn. »Billig machst es! Da kunnt a Schmied auskommen! Bei deiner Rechnerei! Der Stahl, meinst, kostet gleich ~gar~ nix?«
»Mehr als zwei Fünferln wird dös Bröckl net wert sein! Da hast deine dreißg Pfennig!« Vroni legte das Geld auf den Amboß, packte das Beil und den Spaten und schritt ohne Gruß zum Tor hinaus.
»So? So?« schrie Schorschl mit einer Stimme, die ihm kaum aus der Kehle wollte. »Da kauf ich mir jetzt grad an Schnaps dafür. Grad mit Fleiß!« Zornig nahm er das Geld und schob es in die Tasche. »Dürsten tut mich eh, daß mir einwendig alles wie Fuier is!« Wütend faßte er den Wasserzuber, füllte ihn aus dem Bottich und löschte mit einem Guß die Glut der Esse. Dann wusch er Gesicht und Hände. Darüber schien er seines durstigen Vorsatzes vergessen zu haben; aus einem Wandschrank nahm er seine +C+-Trompete und ging hinters Haus in den Garten. Hier saß er und spähte erwartungsvoll nach dem Weg, der zum Gehäng des laufenden Berges führte. Plötzlich hob er die Trompete an den Mund; aber sei es, daß ihm von der Kühle des Abends die Finger steif geworden, oder sei es, daß er die richtige ›Amboschur‹ nicht hatte -- er mußte ein paarmal ansetzen, bevor er einen klaren, schönen Ton zuwege brachte. Und da blies er nun mit schmachtenden Klängen:
Du, du liegst mir im Herzen, Du, du liegst mir im Sinn, Du, du machst mir viel Schmerzen, Weißt nicht, wie gut ich dir bin. Jaaa, jaaa ...
Ohne das Lied bis ans Ende zu blasen, setzte Schorschl die Trompete ab und ließ sie zwischen den Knien baumeln. »Mir scheint gar, ich bin in dös Madl verliebt!« Er hatte in seinem ganzen Leben noch kein so dummes Gesicht gemacht wie jetzt, da diese Erkenntnis in ihm auftauchte. »Sakra! Da bin ich schön angrumpelt!« Langsam erhob er sich, kraute sich hinter den Ohren und seufzte tief. »Da schaut nix Guts net aussi!« Es befiel ihn die Versuchung, über sich selbst zu lachen. »Schorscherl, Schorscherl«, sagte er mit der Stimme der Bäckenmahm, »du bist a ~narrisches~ Luder!«
Langsam trat er ins Haus, kochte das Nachtmahl, und auf dem Herd sitzend, löffelte er den Schmarren aus der Pfanne. Nachdem er im Hof an der Brunnenröhre getrunken hatte, schloß er Werkstatt und Haustür, zündete sein Pfeifl an und setzte sich in der dunklen Stube auf die Ofenbank. Bei jedem Paffer, den er vor sich hinblies, krabbelte ihm eine Sorge über den Rücken. Doch einem, der sich am Tage müd gearbeitet, erscheinen alle Sorgen um so leichter, je schwerer ihm die Glieder werden. Als die Glut in der Pfeife erloschen war, erhob sich der müde Daxenschmied, um sein Lager zu suchen. Kaum hatte er sich ausgestreckt, da fiel ihm der Schlaf über die Augen.
Sechstes Kapitel
Weißer Reif schimmerte auf allen Wiesen des Berghanges, als Michel früh am Tag aus der Haustür trat, mit übernächtigen, müden Zügen. Beim Anblick der kleinen, blinkenden Eisscheiben, die wie gläserne Augen aus dem erstarrten Schlamm hervorlugten, atmete er erleichtert auf. »Mathes!« rief er und klopfte an das Stubenfenster.
Hastig kam Mathes aus dem Flur gerannt. »Is ebbes passiert?«
»Na! Gfroren hat's in der Nacht! Da schau!«
Mathes bückte sich, drückte mit dem Finger eine der Eisscheiben ein und prüfte die Härte des Bodens. »Arg tief geht's net. Bloß oben hat's a bißl anzogen.« Er sah, wie es über das Gesicht des Vaters zuckte, und fügte mit raschen Worten bei: »Aber fester is der Boden doch wie gestern. Ja, ja, Vater, es wird kälter mit jeder Nacht. Ich mein', daß der richtige Frost bald einfallen sollt.«
»Kannst schon recht haben, Bub!« Nickend hob Michel die Augen zum Himmel. »Er hat mein Sprüchl halt doch verstanden!« Bei aller Hoffnung befiel ihn wieder eine neue Sorge. »Wann aber mit Gottes Willen der Boden gfriert und 's untrische Wasser möcht in d' Höh, so kann's ja nimmer durch, wann der Boden steinhart is? Und hast es doch ghört, daß die Kammissoni gsagt hat: 's untrische Wasser müßt wieder steigen, wann alles gut sein sollt?«
»Da tu dich net sorgen, Vater! Gfriert der Boden, so gfriert 's Wasser mit, und von die Wänd abi lauft kein neus Wasser nimmer zu.«
»Der liebe Gott soll's geben!« Schwer atmend strich der Simmerauer mit den Händen übers Haar. Im Flur wurden die beiden Kinder laut, und Vroni kam aus der Tür, mit dem Beil in der Hand. Ihr Gesicht hatte nicht die frischen Farben wie sonst, ein Schatten lag um ihre Augen. Aber sie nickte dem Vater lächelnd zu und deutete auf die gefrorenen Pfützen. »Gut, Vater, gut schaut's aus!« Sie ging zum Hackstock, um die Arbeit zu beginnen.
Der Simmerauer sah seine Tochter prüfend an; etwas an ihr schien ihm nicht zu gefallen. Doch ihn drückte noch was anderes, und das schien ihm wichtiger. »Komm«, sagte er zu Mathes, »speggalieren wir a bißl umanand, ob sich nix grührt hat in der Nacht.« Er ging seinem Buben voran in den Garten. An der Hausecke strich er zärtlich mit der Hand über die weiße Mauer und seufzte. Aufmerksam spähte er an den Wänden hinauf, dann über den Boden hin. Alles war unverändert. Nirgends in der Erde ein Riß oder eine Senkung. Der Balkenrost, den sie mit angestrengter Arbeit am vergangenen Abend vollendet hatten, schien seine Schuldigkeit zu tun und den ganzen Grund um das Haus her fest zusammenzuhalten. Jetzt mußte nur der Verhau an der Böschung noch verstärkt und dichter verflochten werden. Am verwichenen Abend, während Vroni das Beil und den Spaten in die Schmiede getragen hatte, waren Michel und Mathes in den Wald gegangen, um die für das Flechtwerk nötigen Äste von den Bäumen zu schlagen; der ganze Haufen, den sie heimgebracht, lag im Hof, und Vroni putzte mit dem Beil die kleinen Zweige von den Ruten.
Als Mathes und der Alte im Garten waren, sah Michel über die Schulter, wie in Sorge, daß Mutter Katherl oder Vroni ihnen nachgegangen wäre. Dann sagte er leis: »Mathes? Hast nix ghört in der Nacht?«
»Heut net. Ich bin steinmüd gwesen und hab gschlafen. Warum?«
»Heut nacht hat's mir gar net gfallen. Kein Stündl hab ich gschlafen vor Angst. Wann halt doch ebbes passieren tät? Ich glaub's net. Na! Aber es müßt halt doch einer da sein, der d' Mutter weckt und die Kinderln packt. Und die ganze Nacht hat's allweil bröckelt in der Mauer drin. Im Fundament muß's gwesen sein. A bißl hat's allweil ausgsetzt, aber gleich hat's wieder angfangt. Erst wie's Tag worden is, hat's aufghört.«
»Aber geh, Vater«, sagte Mathes ruhig, »da hast dich anführen lassen in der Angst. D' Mauer is fest. Ich denk mir halt, daß d' Mäus unter die Bretter grabelt haben.«
»D' Mäus?« Im Gesicht des Alten kämpfte Sorge mit dem Wunsch, zu glauben. »D' Mäus? Ja, ja! Dös hätt ich mir selber schon gern eingredt, aber --«
»Schau, es hat ja doch aufghört, wie's Tag worden is. Geh, sorg dich net! Es is schon so. D' Mäus sind's gwesen.«
»Ja, ja! Möglich kunnt's schon sein. D' Mäus? Dös wär kein schlechts Anzeichen net. Man sagt allweil: eh a Haus fallt, ziehen d' Mäus aus. Ja, Mathes! Dös wär a Glück: wann d' Mäus noch allweil ihr Sicherheit haben. Da kann's doch so schlecht net stehn um unser Häusl?«
»Gott bewahr! Gut steht's, Vater! Komm, fangen wir 's Arbeiten wieder an!«
Während sie in den Hof zurückkehrten, spähte Mathes, der hinter dem Vater ging, mit Sorge über das Fundament der Mauer.
Vroni hatte schon einen Stoß geputzter Ruten neben sich aufgeschichtet.
»Brav, Vronerl!« sagte Michel. Er sah dem Mädel ins Gesicht. »Was is denn mit dir? So viel blasselen tust mir heut. Hast net schlafen können in der Nacht?«
»Aber ja!« Leichte Röte huschte über Vronis Wangen. »Fest hab ich gschlafen.«
»Oder wird dir d' Arbeit a bißl z'viel?«
»Mir? Na, Vater! So bald noch net.« Rascher schwang sie das Beil, wie um dem Vater zu beweisen, daß ihre Arme keine Spur von Müdigkeit empfänden.
Mathes, der dieses Gespräch gehört hatte, wandte sich ab und lächelte.
Mutter Katherl erschien unter der Haustür, und an ihr vorüber stürmten die beiden Kinder ins Freie. Trotz der ärmlichen Kleidung, die sie trugen, sahen sie proper aus. Dem Buben waren die feuchten Haare mit der Bürste glatt an den Kopf gestrichen, und dem Mädel stand ein kurzes, fingerdickes Zöpfl steif vom Nacken weg. In den Händen hielten sie große Butterbrote, die zur Hälfte schon in den kleinen Schnäbeln verschwunden waren. Während der Bub sich auf die Erde kauerte, um eine der weißen Eisscheiben loszubrechen und als ›Zuckerl‹ auf das Butterbrot zu legen, hängte sich das Mädel an die blaue Leinwandhose des Großvaters. »Ahnlvater! Heut nacht hat mir ebbes träumt!« Das Kind grub die kleinen weißen Zähne in das Brot.
Michel beugte sich nieder. »Was denn, Jetterl? Verzähl mir's!«
»Feiertag is gwesen, und a schöne Musi haben wir ghört.«
»Wo is denn dö Musi gwesen? Drunt im Wirtshaus, gelt?«
Jetterl schüttelte das blonde Köpfl. »Na!« sagte sie und schluckte. »Gsehen hab ich s' net, dö Musi. Allweil hab ich in d' Höh auffischauen müssen, weil s' in die Lüft droben gwesen is, dö Musi.«
»Aber so was!« staunte Michel. »Du, Jetterl, da hast die lieben Engerln singen hören!«
Das Mädel machte ein ernstes Gesicht und besann sich. »Na! Gsungen haben s' net. Trumpeten haben s' blasen. Können denn die lieben Engerln Trumpeten blasen, sag?«
Beim Hackstock verstummten die Beilschläge, und Vroni blickte über die Schulter nach dem Kind.
»Aber gwiß!« beteuerte der Simmerauer. »Alle Instrumenter können s' blasen. Und Harpfen zupfen und Zithern schlagen. Aber verzähl, wie is denn nacher weiter gwesen?«
»So viel schön is gwesen, Ahnlvater! Soooo viel schön! Und zur Kirchen hat man gläut, und der Xandi hat sein neus Hösl anziehen dürfen und ich mein Röckerl, mein rots. Und auf Mittag hat's Dampfnudeln geben, hat mir träumt. Gelt, Ahnlvater, so a schöner Traum muß eintreffen?«
»Ja, mein Herzerl! Sei nur schön brav! Da kunnt's schon möglich sein, daß am Sonntag a bißl was eintrifft«, lächelnd kniff der Simmerauer das Mädel ins runde Kinn, »mit die Dampfnudeln, ja! Und du, Xanderl, komm her! Jetzt spazierts mitanand schön ummi in Purtschellerwald!«
»In Wald ummi? Na!« fiel das Bürschl dem Großvater in die Rede und strich die fetten Fingerchen, aus denen das Butterbrot verschwunden war, ein paarmal über das Höschen hin und her. »In Wald ummi mag ich nimmer.«
»Warum denn net?«
»Weil er so grantig is.«
»Was? Grantig? Der Wald?« fragte Michel, den bei diesem Kinderwort eine dunkle Sorge zu beschleichen schien.