Part 4
Nur der Winter war immer hart gewesen. Durch den hohen Schnee der weite Weg in die Schule! Da wäre sie oft steckengeblieben, wenn ihr der Mathes nicht geholfen und das schwere Ränzl getragen hätte. »So a guter Kerl!« Aber wenn der Föhn den Berghang vom Schnee gesäubert hatte und unter den Hecken das erste Veilchen blühte, war alle Not des Winters vergessen. Dann der Sommer und die Ferienzeit! Da waren sie unzertrennlich den ganzen Tag und lachten und tollten, bis am sinkenden Abend der Vater über die Wiesen herüberschrie: »Linerl! Komm!« Oder bis vom Haus des Simmerauer die Zenz gelaufen kam, um ihre zwei kleinen Geschwister heimzuholen. »Die arme Zenz!« Wie elend die zugrunde gegangen war! Hatte ihr Herz an einen leichtsinnigen Menschen gehängt und war gegen den Willen der Eltern mit ihm in die Stadt gezogen. Dort hatte der Lump sie sitzenlassen mit ihren zwei Kindern. Gealtert in jungen Jahren, eine Sterbende, war sie ins Dorf zurückgekehrt. Aber das hatte sich später zugetragen. Damals, in jener schönen Kinderzeit, war die Zenz ein sechzehnjähriges, hübsches, lustiges Mädel gewesen.
Tonerl streckte sich in den Kissen und lallte im Halbschlaf: »Bitt schön, Mammi, Liedi singen!«
Karlin atmete tief und sang mit leiser Stimme:
Vogerl am kühlen Bach Zwitschert so süß! Zwitschert Bach auf und ab, Bis ich mein Schatzerl hab. Vogerl am kühlen Bach Zwitschert so süß!
Sie fühlte, daß der Druck der kleinen Finger, die ihre Hand umschlossen hielten, sich lösten. Eine Weile blieb Karlin noch sitzen, dann verließ sie auf den Fußspitzen die Schlafstube. Im Wohnzimmer zündete sie über dem Tisch die Hängelampe an. Eine richtige Herrenstube! Die Wände bis zu halber Höhe getäfelt, hübsche Möbel aus rötlichem Zirbenholz, ein altdeutsches Sofa und große, mit Leder gepolsterte Lehnstühle; überall Geweihe, ausgestopfte Vögel und hinter dem Ofen der mit Jagdgerät und Waffen behangene Gewehrrechen.
Karlin deckte den Tisch. Dann ging sie hinunter, stellte sich unter die Haustür und spähte über die dämmerige Straße hinaus, ob ihr Mann nicht käme?
Ein weicher Glockenton schwoll durch die dunstige Luft; man läutete den Abendsegen.
So weich und zerflossen, wie jetzt im Nebel, hatte sie die Glocke immer gehört, wenn sie am Abend dort oben unter der Haustür saß, als Kind, die Ärmchen unter die Schürze eingehuschelt. Und genau so hatte es geklungen, als man ihrem Vater den Weg in den Himmel eingeläutet hatte. Im Steinbruch, beim Sprengen der Felsen, war ihm ein Brocken an die Stirn geflogen. Vier Jahre früher hatte sie schon die Mutter verloren. Damals war sie noch so klein gewesen, daß sie nicht begriff, was sterben heißt. Doch als sie den Vater liegen sah, stumm und starr, mit der blutenden Stirnwunde, verstand sie den Tod. Vom Abend bis zum Morgen blieben der Simmerauer und Mutter Katherl bei ihr und beteten, während sie weinend in einem Winkel kauerte, mit ihr der Mathes, der den Arm um ihren Nacken geschlungen hielt.
Dann wurde das Haus an den Gaßner verkauft. Schulden waren zu bezahlen -- seit die Mutter gestorben, war dem Vater das Wirtschaften übel geraten -- und für das neunjährige Kind blieben als Erbe kaum hundert Mark zurück. Der alte Pfarrer erbarmte sich der Waise und gönnte ihr im Stübchen seiner Haushälterin einen Platz. In dem großen, schwermütigen Pfarrhof, der dicke Mauern hatte, wurde aus dem fröhlichen Linerl die stille, ernste Karlin. Oft stand sie da an einem vergitterten Fenster, blickte über den sonnigen Berghang empor, meinte manchmal, sie hätte auf einem beleuchteten Wiesengrat den Mathes erkannt, wie er grüßend gegen den Pfarrhof sein Hütl schwenkte.
Schritte hallten auf der Straße, und Frau Karlin hörte die Stimme ihres Mannes. »Gott sei Dank! Endlich kommt er!« Sie rief in den Flur: »Nannei! 's Essen für'n Herrn!« Dann ging sie durch den Garten hinunter.
Purtschellers Stimme ließ vermuten, daß der ›Herr‹ nicht in guter Laune nach Hause kam. Er hielt dem Jagdgehilfen, der ihn begleitete, eine mit Scheltworten gespickte Predigt über einen ›Kerl‹, der ihn geärgert haben mußte. Wäre Karlin nicht mitten auf der Treppe gestanden, er hätte sie in seinem Groll übersehen. »Grüß Gott!« sagte er so verdrießlich, als wäre sie mitschuldig an seinem Ärger.
»Guten Abend, Toni! Lang bist ausblieben. Schau, ich bin schon in Sorg gwesen.« Das sagte sie ruhig und herzlich, ohne jeden Vorwurf.
Scheltend fuhr er auf: »Natürlich! Beim ersten Schritt ins Haus geht d' Nörglerei schon wieder an! Ich hab dir's hundertmal schon gsagt, daß man bei der Jagd 's Heimkommen net am Schnürl hat wie der Slowak sein' Affen. Und jedsmal machst mir wieder so a Metten her! Da kunnt der gmütlichste Mensch aus der Haut fahren.«
»Aber Toni!« mahnte sie leis. »Wir sind net allein.«
»Ah, was! Ich sag nix Unrechts. Was ich sag, kann jeder hören.« Er stieß mit dem Ellbogen die Büchse zurück und stieg durch den Garten hinauf, während ihm Karlin schweigend folgte. Vor der Haustür wandte er sich und sagte mit beschwichtigender Milde: »Aber schau, Linerl! In aller Fruh bin ich schon am Heimweg gwesen. Und da kommt mir der Daxen-Schorschl nachgrennt, der Tagdieb, der verruckte! -- Wo is er denn blieben?« Diese Frage war an den Jagdgehilfen gerichtet.
»Droben in der Simmerau is er weg von mir«, erwiderte der Jäger, »und hat uns nimmer eingholt.«
Purtscheller wandte sich wieder zu seiner Frau. »Kommt mir nachgrennt und sagt, er hätt den starken Hirsch am Schnürl. Was will ich machen? Hab ich halt die drei Stund wieder auffisteigen müssen. Beim besten Wind haben wir den Trieb eingstellt, und richtig is er drin gwesen, der Hirsch! Aber was der Schorschl heut ghabt hat, weiß ich net. Ganz verdraht is er gwesen. Der Hirsch is abgfahren, und ich, der gute Herr Purtscheller, natürlich, ich hab mich ärgern können, daß mir's den Magen schier umkehrt hat!« Er seufzte schwer und rief dem Jäger zu. »Gut Nacht, Sepp! Schau halt, daß den Hirschen kriegst!«
»Ja, Herr Purtscheller! Gut Nacht!«
Toni trat ins Haus. »Was macht denn mein Prinz?«
»Er schlaft schon. Und gut.«
»Schon wieder amal? So?« Purtscheller lachte. »In der Fruh, wann ich fortgeh, schlaft er. Am Abend, wann ich heimkomm, schlaft er. A Vater hat viel von seim Buben, dös muß ich sagen!« Er wollte über die Treppe hinauf, doch Karlin hielt ihn am Ärmel zurück.
»Toni? Hast du 's Gwehr ausgladen?«
»Aber natürlich!«
»Geh, ich bitt dich, schau nach!«
»No also, meintwegen, bloß daß ich an Fried hab!« Er nahm die Büchse herunter, klappte die Läufe auf und brummte: »Jetzt hab ich's heut richtig vergessen ghabt! Natürlich, im Ärger halt!« Während er über die Treppe hinaufstieg, zog er die beiden Patronen aus dem Gewehr und schob sie in die Hosentasche. Als er die helle, schöne Stube betrat, tat er einen tiefen Atemzug. »Aaah! Daherinn is halt gmütlich. Und daheim is gut sein.«
Mit stiller Geschäftigkeit nahm ihm Karlin die Büchse und den Rucksack ab, zog ihm den Samtflaus herunter, knöpfte ihm die Gamaschen auf und stellte ihm die Pantoffel vor die Füße. Purtscheller schien sich wohlzufühlen. Die letzte Spur seines Ärgers verflog, als er auf dem gedeckten Tisch die Suppe dampfen und in der Glasflasche den roten Tiroler blinken sah. Zärtlich legte er den Arm um Karlins Schulter. »Bist a guter Kerl! Schaust halt doch auf mich! Und gern hast mich! Gelt? -- Geh, lach a bißl!«
Sie lächelte, und warme Röte stieg ihr in die Wangen. So gingen sie zum Tisch. Karlin legte ihrem Mann die Suppe vor. Er schnalzte mit der Zunge, als er gekostet hatte. »A nobles Süpperl!« Neugierig beugte er sich über den Teller seiner Frau. »Was hast denn du da?«
»A bißl was Kalts von Mittag noch.«
Da wurde er bös. »Aber Linerl! Wie oft hab ich dir's gsagt: dös is Sparsamkeit am falschen Fleck! Wie sollst denn gut ausschauen, wann dich net nähren tust? Und d' Frau soll's net schlechter haben wie der Mann. Ich bin einer von die Aufklärten, ich geh mit der Zeit.« Er schob den Teller mit dem kalten Fleisch in die Fensternische. »Weg da mit dem Schmarren!« Behäbigen Schrittes holte er einen Teller und ein Weinglas von der Kredenz, füllte den Teller mit Suppe, das Glas mit Rotwein! »So, Schnaberl! Jetzt iß und trink!«
Karlins Wangen brannten. »Vergelts Gott, lieber Toni!« Und wie sie sich freute, daß sie ihm nun auch eine freundliche Nachricht sagen konnte. »Du, Toni, rat, wen ich heut gsehen hab?«
»Wen denn?«
»Den Mathes! Der is wieder daheim.«
»Ich weiß schon. Hab ihm schon Grüß Gott gsagt droben in der Simmerau.«
»Geh? In der Simmerau bist gwesen? Wie schaut's denn aus droben?«
»Mein, schlecht! 's Häusl sinkt halt schön langsam ein.«
»Jesus Maria!« Karlin legte den Löffel fort. »Und laßt sich da gar nimmer helfen?«
»Na! Da hat 's Helfen an End. Der Berg lauft halt, bis er drunt is.« Toni seufzte. »Und mein Wald lauft mit!«
Karlins Erbarmen für die Leute in der Simmerau verstummte vor der Sorge um ihren Mann. Sie rückte an seine Seite und legte schüchtern den Arm um seinen Hals. »Geh! Dein schöner Wald!« Kaum vermochte sie zu sprechen.
»Da verlier ich viel Geld, ja!« Purtscheller füllte seinen Teller wieder und zuckte in stolzer Resignation die Schultern. »Bei so was muß man zeigen, daß man anders is wie die andern. Da muß man dastehn wie der Baum und muß sagen in aller Ruh: Wie Gott will, jetzt nimmt er, an andersmal gibt er wieder. Aber geh, laß mich essen!« Er richtete sich halb auf, so daß Karlins Arm, der ihm hinderlich war, von ihm niederglitt. »Der arme Michel droben erbarmt mich. Dem gönn ich's, daß der Mathes wieder daheim is. Wie der Bursch da droben schafft, so was muß man sehen!«
Karlin nickte. »Der Mathes, ja! So is er allweil gwesen, als kleins Büberl schon.«
»Und wie ich ihm so zugschaut hab, is mir a guter Einfall kommen. Und gleich hab ich zugriffen. A bißl Reden wird's halt noch kosten, und der Mathes kommt als Knecht zu mir. An bessern kann ich mir gar nimmer wünschen.«
»Ja, Toni, da hast an ~guten~ Einfall ghabt!« Karlin glühte vor Eifer. Sie strich ihrem Mann das Haar aus der Stirn und sah so froh zu ihm auf, als wüßte sie ihn jetzt geborgen vor einer großen Gefahr. »Schau, Toni, oft schon hätt ich gern a Wörtl drüber gredt, wie's zugeht bei uns in der Wirtschaft. A Schaffer, wie der Mathes, wär lang schon not gwesen im Purtschellerhof.« Sie stockte, wie in Sorge, daß dieses Wort ihn verletzt haben könnte.
Er löffelte ruhig seine Suppe. »Ja, ja! Natürlich, wann einer so anbunden is auf alle Seiten wie ich!«
»Gott sei Dank, jetzt kann ich aufschnaufen, Toni! Auf den Mathes kannst dich verlassen. Der bringt alles wieder auf guten Weg! Alles!« Karlin erschrak vor einem Gedanken, der sich wie eine schwarze Mauer vor ihre helle Freude stellte. »Aber? Toni? Wie können denn wir vom Michel den Mathes verlangen?«
»Ah so? Wegen droben meinst?«
»Der Mathes kann doch jetzt net fort von daheim.«
»Jetzt net! Na! Aber lang dauert die Gschicht da droben nimmer.« Purtscheller schluckte den letzten Löffel Suppe. »Ich hab dem Mathes an Anbot gmacht, verruckt müßt er sein, wann er net zugreifen tät! Aber was ich fragen will? Is mit der Post nix kommen?«
»Jesses ja!« Karlin erhob sich. »An eingschriebener Brief.«
»Aber, Linerl! Den hättst mir doch auf der Stell geben sollen. Es kunnt ja ebbes Wichtigs sein, was kein' Aufschub leidt.«
»Tu mir net zürnen! In der Freud, daß du so gut mit mir gwesen bist, hab ich ganz drauf vergessen.« Sie riß einen Wandschrank auf und brachte den Brief. »Wann nur für dich kei' Sorg net drinsteht!«
Verwundert betrachtete Purtscheller die dem Kuvert aufgedruckte Geschäftsadresse. »Vom Schloßbräu in der Stadt? Was will denn der? Am End will er gar mein' Bräunl kaufen, mit dem ich beim letzten Trabrennen sein' Amerikanerschimmel gschlagen hab?« Lachend öffnete er das Kuvert. »Aber na, Brüderl! Fünftausend Mark kannst mir hinlegen, und der Schnabel bleibt dir noch allweil sauer!«
Karlin wollte die leere Suppenschüssel vom Tisch tragen. Da sah sie, daß jähe Blässe über das Gesicht ihres Mannes rann. »Toni?« stammelte sie und setzte die Schüssel nieder.
»So a hinterlistiger Heiduck, so a gottverdammter!« schrie Purtscheller und schmetterte seine Faust auf die Tischplatte.
»Jesus Maria! Toni?«
»In Ruh laß mich!« Er stürzte ein Glas Wein hinunter, stieß den zerknüllten Brief in die Hosentasche und wanderte durch die Stube. Vor einem Fenster blieb er stehen, starrte hinaus in die sinkende Nacht und nagte an seinem Schnurrbart.
Es währte eine Weile, bis Karlin zu sprechen wagte. »Toni? Sag mir doch, über was dich kümmern mußt! Schau nur, wie ich mich sorgen tu!«
»Sorgen?« schrie er über die Schulter. »Misch dich net in alles, was dich nix angeht!«
Ein müdes Lächeln zuckte um ihren Mund. Sie wollte schweigen und suchte eine Beschäftigung am Tisch. Dann wieder blickte sie zu ihrem Mann hinüber und trat auf ihn zu. »Schau, Toni, ich red ja eh die ganze Zeit her kein Wörtl nimmer, wann's mir gleich oft 's Herz abdruckt, daß ich alles bei uns so laufen sehen soll, wie's lauft.«
»Was lauft denn bei uns? Da droben lauft der Berg. Bei uns lauft gar nix.«
»Sag so was net! Bei uns lauft viel ins Wasser abi.«
»Ah! Du gfallst mir!«
»Ich kann dir net sagen, wie hart ich's trag, daß ich als Frau im Haus net mit gsunde Arm zugreifen soll und diemal bei dir a Wörtl zum Guten reden.«
»So? Meinst vielleicht, daß ich an Schulmeister brauch? Dank schön für die Predigt!« Er schob sie mit dem Ellbogen von sich. »So was möcht ich mir verbitten!«
»Ich will dir ja im Gschäft nix dreinreden«, stammelte sie und suchte seine Hand zu haschen, »aber dös eine sollst mir doch net verwehren, daß ich dir als Frau deine Sorgen tragen hilf!«
»Der Purtscheller? Und Sorgen? Zum Lachen!«
»Aber Toni!« Sie umklammerte seine Hand. »Ich hab dir's ja doch vom Gsicht abglesen --«
»In Ruh laß mich!« Er befreite seine Hand mit jähem Ruck. »Und ~wann~ ich mir was aufgladen hab, so trag ich's selber. Da brauch ich ~dich~ net dazu.«
»Schau, Toni, 's Härteste tragt sich leichter, wann eins mittragen hilft. Und daß mir's verheimlichen willst, macht mir doppelt Angst. Ich bitt dich, sag mir, was in dem Brief steht?«
»Jetzt laß mir mein' Fried, oder --« Vom Hall seiner Stimme zitterten die Fensterscheiben.
»Um Gotts willen, Toni«, Karlins Worte erstickten fast, »so laß doch in Ruh mit dir reden und tu net so laut! In der Kammer schlaft unser Kind, und drunt hören dich alle Dienstboten. Die tragen's wieder um im ganzen Dorf.«
»Sollen mich umtragen, wie s' mögen!« schrie er. »Ich bin's ja gwöhnt! Fünf Jahr lang schon! Was schaust mich denn an? Meinst, ich schenier mich, daß ich dir's amal ins Gsicht sag? Selbigsmal, wie mir der verruckte Einfall kommen is, daß ich am Pfarr seiner Dienstbotenstub ans Fenster klopft hab -- selbigsmal hat man dem guten Herrn Purtscheller sein' Namen 's erstemal umtragen in alle Körbln.«
Karlin griff an ihre Brust, als wäre ihr dieses Wort wie ein Stich ins Herz gegangen. »Toni! Tu mir net so weh!«
Diese Worte wirkten auf Purtscheller, als hätte ihm seine Frau den größten Schimpf ins Gesicht geschrien. Er ballte die Fäuste. »Ich tu dir was? ~Ich?~ So? Und was man ~mir~ tut? Dös is alles Wurst. Gelt? Alles Wurst!«
»Aber Toni!«
»Ruh will ich haben! Und wann ich mir im Guten mein' Fried net schaff, so weiß ich mir z' helfen.« Mit zornigem Griff umklammerte er Karlins Arm und zerrte sie zur Tür.
»Heiliger Jesus! Toni!«
»So!« Er hatte die Tür aufgerissen und schob seine Frau in den dunklen Flur hinaus. »Jetzt will ich sehen, ob ich mein' Fried net hab!« Er warf die Tür zu, daß hinter der Täfelung der Mörtel rieselte. Aufatmend, als hätte sein Jähzorn Erleichterung gefunden, fuhr er sich mit allen Fingern durch die Haare.
In der Schlafstube war das Kind erwacht und weinte.
Purtscheller hörte das klagende Stimmchen nicht. Er schleuderte die Pantoffel in einen Winkel, fuhr mit den Füßen in die Schuhe und riß den Samtflaus vom Gewehrrechen. »So an Hausfrieden hab ich! Ins Wirtshaus muß ich laufen, wann ich a paar Minuten Ruh haben will. Kreuz Teufel noch amal! Is dös a Leben!« Wütend stülpte er den Hut übers Haar und stapfte zur Tür hinaus.
Von der finstern Bodenstiege klang ihm ersticktes Schluchzen entgegen. Er tastete mit der Hand nach dem Treppengeländer, als überkäme ihn ein Schwindel. Dann fuhr er zornig auf: »So was! Und da soll man noch gut bleiben können! Hockt s' daher auf die Bodenstieg! Hörst du! Geh eini in d' Stuben!« Ohne abzuwarten, ob sein Befehl vollzogen würde, stieg er die Treppe hinunter. Im Hausflur begegnete ihm die alte Magd mit einer Schüssel in den Händen.
»Aber Herr? Wohin denn? Ich bring ja 's Wildbret.«
»Dös kann der Hund fressen! So hat er an guten Tag. Und hat's besser als ich.« Purtscheller verließ das Haus, stürmte durch den Garten und hätte auf der Straße fast die Zäzil niedergerannt, die von ihrem Abendplausch nach Hause kam -- freilich, sie hatte es nicht allzu eilig, ihrem Herrn den Weg frei zu geben. Mit dem Ellbogen schob er sie auf die Seite. »Geh weg da!«
Zäzil schien an solche Behandlung nicht gewöhnt, machte große Augen, sah ihm nach und lachte leis vor sich hin. »Ui jegerl! Heut hat er sich an der Frau wieder an Zahn ausbissen!«
Mit vorgebeugtem Kopf, die Hände in den Taschen, folgte Purtscheller der vom Nebel umflorten Straße. Einmal blieb er stehen und machte zwei Fäuste, fiel wieder in raschen Schritt und schob den Hut zurück, als wäre ihm schwül. »Dös hat er mir bloß aus Bosheit tan, weil mein Bräunl sein' Schimmel gschlagen hat!« An diesen Gedanken schloß sich ein anderer, der das Quälendste seiner Sorge beschwichtigte: »Ah was! Ich hab a Vierteljahr lang Zeit! Und wann der Schloßbräu 's Geld nimmer geben will, gibt's an andrer! Freilich, da wird's halt wieder heißen, a paar Tausender drauflegen!« Er seufzte, aber sein Schritt wurde ruhig.
Nun hatte er ein Ohr für den Gruß der Leute, die ihm ab und zu auf der stillen Straße begegneten. Und wenn er an Häusern vorüberkam, guckte er in die erleuchteten Fenster, deren Schein im Nebel zerfloß.
Der Weg zum Wirtshaus führte an der Daxenschmiede vorüber; alle Fenster waren schwarz, doch an Haus und Schmiede stand Tür und Tor geöffnet, und in der Tiefe der dunklen Werkstätte glostete das erlöschende Essenfeuer, von dessen Widerschein der polierte Amboß mit roten Lichtlinien umsäumt war. Purtscheller trat unter das Tor und rief in das stille Haus: »He, Schorschl!« Keine Antwort kam. »Er muß noch net daheim sein!« Purtscheller kehrte auf die Straße zurück. Aber der Gedanke an das unbewachte Haus ließ ihn wieder umkehren. »Na, so a Mensch, wie der Schorschl! Strawanzt auf die Berg umanand! Und sein Gauner von Gsell, natürlich, der sitzt im Wirtshaus und sauft. Und da lassen sie 's Haus mit offenen Türen stehn, daß jeder davontragen kunnt, grad was er möcht!«
Unter diesem Selbstgespräche drückte Purtscheller die Haustür zu, schloß die beiden Flügel des Werkstattores, und im Bewußtsein, für den ›lüftigen‹ Schorschl ein gutes Werk getan zu haben, ging er seiner Wege.
Viertes Kapitel
Heller Vollmondschein lag über den zerrissenen Gehängen des laufenden Berges und über den schiefen Wipfeln des Purtschellerwaldes. In der Tiefe der Erde gurgelte das versunkene Wasser, und zwischen den Bäumen ließ von Zeit zu Zeit ein Käuzl seinen klagenden Schrei vernehmen.
In dem schwarzen Schatten, den der Waldsaum warf, saß Schorschl an einen Baum gelehnt, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen. Er blickte bald hinunter ins Tal, in dem der vom Mondschein beleuchtete Nebel sich ansah wie ein langgestreckter See; bald spähte er hinüber gegen die nahe Simmerau, von welcher noch immer der Hall der rastlosen Schläge herübertönte; dann wieder starrte er brütend vor sich nieder, nickte bedächtig mit dem Kopf und sagte sich laut und langsam die fünf Worte vor: »Schorschl! Du bist a Lump!« Diese Wahrheit hatte ihm das Geleit gegeben von der Simmerau bis hinauf zu den Felswänden und bis ins Latschendickicht, in dem der ›ausgemachte‹ Hirsch seinen ahnungslosen Mittagsschlummer hielt. Was der Daxenschmied auf diesen Wegen auch immer dachte und in Gedanken sich vorredete, alles lief auf diese kurze Weisheit hinaus: »Schorschl! Du bist a Lump!« Der Tritt seiner Schuhe, das Klirren des Bergstockes, das Rollen der Kiesel, die sein stolpernder Fuß in Bewegung brachte, alles hatte den Klang dieser fünf verflixten Worte. Und als er in seiner ›blinden Narretei‹ den sicheren Hirsch ›verpatzt‹ hatte, und das aufgescheuchte Wild, statt den von Purtscheller besetzten Wildsteig anzunehmen, in rasender Flucht durch das Latschenfeld hinunterstürmte, klang es bei jedem Sprunge deutlich im Takt: »Schorschl -- du bist -- a Lump -- a Lump!«
Nun saß er hier seit langen Stunden, immer auf dem gleichen Fleck, immer mit diesem Wort. Es hatte sich in seinen Gedanken festgeklammert, und dennoch wollte er diesen fünf verwünschten Silben nicht glauben. Er zählte sich an den Fingern seine guten Eigenschaften vor; suchte jeden tollen Streich zu entschuldigen, den er auf dem Gewissen hatte; machte alle äußerlichen Dinge, die den Leichtsinn in ihm genährt hatten, für seine ›Lüftigkeit‹ verantwortlich und redete sich ein, daß er doch eigentlich bis heut nicht die geringste Verpflichtung gehabt hätte, ein ordentlicher Mensch zu sein. Aber bei dieser schweißtreibenden Gedankenmühe kam er immer wieder zu dem gleichen Schluß: »Schorschl! Du bist a Lump!«
Ein Lump? Ja! »Aber ~gar~ so arg, wie sie's gmeint hat, kann's ja doch net sein!« Eine Weile noch brütete er vor sich hin; dann sprang er auf und bürstete mit dem Ärmel seinen Hut. »Es laßt mir kei' Ruh nimmer. Ich muß dös Madl heut noch fragen.«
Drunten im Tal schlug die Kirchenuhr die neunte Stunde, während Schorschl über die Wiesen rannte und mit hohen Sätzen alle Klüfte übersprang. Als er die Böschung beim Haus des Simmerauer erreichte, hielt er ratlos inne und zog sich scheu zurück, um nicht gesehen zu werden. Im Hofraum, über dem sich das Mondlicht mit dem zuckenden Schein zweier Kienfackeln mischte, standen Michel, Mathes und Vroni noch bei der Arbeit. Doch eben jetzt -- die Fackeln waren schon zu kurzen Stümpfen niedergebrannt -- ließ der Simmerauer die Säge ruhen. »Kommt's, Kinder«, sagte er, »endlich müssen wir doch Feierabend machen! D' Nacht hat der liebe Gott für'n Schlaf erschaffen. Den brauchen wir.«
Sie trugen ihre Werkzeuge zur Hausbank und gingen zum Brunnen, um den Schlamm von ihren Füßen zu waschen. Michel faßte den Schwengel, und schon nach wenigen Zügen plätscherte ein dicker Wasserstrahl in den Trog. »Schau nur, Mathes! Soviel Wasser! Kaum daß ich zum Ziehen anfang! Es muß doch 's Wasser schon wieder gstiegen sein? Meinst net?«
»Ja, Vater! Und 's Brunnenwasser kommt von unt auf.«
»Ja! Von unt auf wann's käm, dös wär a Glück!« Der Simmerauer pumpte, bis der Trog überlief. Er konnte sich an dem vielen Wasser gar nicht satt sehen.
Eins nach dem anderen stellte die Füße auf den Trogrand und schöpfte Wasser mit der Hand. Mathes löschte die niedergebrannten Fackeln aus; vor der Haustür blieb er stehen und blickte über das mondbeglänzte Gehäng hinunter ins Tal; dort unten hatte sich der Nebel geteilt und war in die Seitentäler auseinandergeflossen, so daß man die höher liegenden Häuser des Dorfes matt unterscheiden konnte. »Die da drunt haben's gut«, sagte Mathes zu seiner Schwester, als sie vom Brunnen kam, »überall schlafen s' schon und alle Häuser sind finster.« Nach einer stummen Weile fügte er mit versunkener Stimme bei: »Bloß im Purtschellerhof brennt noch a Lichtl.« Er blickte zu Vroni auf und fragte zögernd: »Meinst, ihr Kindl is krank?«
»Gott soll's verhüten!« Die Schwester legte ihm den Arm um die Schulter. »Aber denk an uns, Mathes! Denk net an andre!«
»Ja, hast recht!« Er strich mit der Hand über die Stirn und trat in den Flur. »Aber ~dir~, Vronerl, kunnt ich heut auch ebbes sagen!«
»Was denn?«
»Seit der Schorschl dagwesen is, studierst mir z'viel!«