Der laufende Berg

Part 3

Chapter 33,889 wordsPublic domain

»Da kannst recht haben.«

»Jetzt machst mich aber neugierig. Sag: was denkst dir denn von mir?«

»Dös is gschwind gsagt.« Vroni ließ das Beil sinken und richtete ihre blitzenden Augen auf den Burschen. »Schorschl, du bist a Lump!«

In der ersten Verblüffung machte der Daxen-Schorschl ein furchtbar dummes Gesicht. Dann fuhr ihm das Blut in die Stirn. Merkwürdig, daß so ein kurzes Wort den ›lüftigen‹ Schorschl so erregen konnte! Er hatte dieses Wörtl doch schon häufig genug zu hören bekommen, um sich an seinen Klang zu gewöhnen. Aber die anderen, drunten im Dorf, die hatten es immer lachend gesagt: »Ja, Schorschl, du bist a Lümperl!« Und immer hatte er mitgelacht. Jetzt zum erstenmal hatte er dieses Wort auf eine neue Art gehört, ernst, von einer zornigen Stimme gesprochen. Und von so roten Lippen! Er suchte nach einer Antwort. Da sagte Vroni: »Geh zum Brunnen und wasch dich! Steht dir ja 's Blut auf die Händ!« Ruhig wandte sie ihm den Rücken und schwang das Beil.

Schorschl stand noch eine Weile und betrachtete ratlos seine übel zugerichteten Hände; dann verzog er den Mund wie ein gescholtenes Kind, das nicht zu mucksen wagt, und ging auf den Brunnen zu. Während er sich wusch, unter Prusten und Plätschern, kam einer der Gemeinderäte, welche die Kommission begleitet hatten, am Haus vorüber. Als der Simmerauer ihn erblickte, fuhr ihm die Erregung in die Hände, daß er die Säge verbog. »Leitner! He!« rief er mit erstickter Stimme den Bauer an, humpelte auf ihn zu und faßte ihn am Joppenzipfel. »Seid's schon fertig droben? Wo gehst denn hin?«

»Ins Ort muß ich abi, 's Mittagessen bstellen für die Kammissoni.«

Mutter Katherl trippelte auf einem Balken durch den Schlamm, Vroni verließ den Hackstock, das Beil in der Hand, und Mathes kam, mit dem Schlägel auf der Schulter. So standen sie alle viere um den Bauer her, mit scheuen Augen.

»Und --« Michel brachte die Frage kaum heraus, »was sagen s' denn, dö studierten Herrn?«

Der Bauer machte ein ernstes Gesicht. »Was sollen s' denn sagen? Helfen können s' net! Daß wir wissen, wie 's Unglück kommen is, dös macht uns auch net gscheider.« Er sah gegen die Felswänd hinauf. »Wie im Sommer droben im Seekar der Almsee gahlings ausglaufen is, ohne daß man gsehen hat, wo 's Wasser hinkommt -- dös wär der Anfang gwesen, sagen s', dö Herrn. 's Wasser hätt an unterirdischen Durchgang gfunden, und wie der Weg amal offen war in die Darm vom Berg eini, is dem Seewasser 's ganze Regen- und Schneewasser dö Zeit her nachgronnen. Und der Berghang tät auf schiefem Letten[1] liegen, sagen s'. Den wascht 's versunkene Wasser schön langsam aus, und natürlich, wann dös Luderwasser unt drin a Loch ausgschwemmt hat, muß der obere Boden nachsinken. Verstehst?«

»Ja, ja!« Mit zitternden Händen strich der Simmerauer das weiße Haar in die Schläfe. »Ja, ja! Natürlich! Der Boden muß nachsinken, wann unt drin a Loch is.«

»So sagen s', dö Herrn! Wer weiß, ob s' recht haben? Einischauen in Boden können s' auch net.«

»Und sonst sagen s' gar nix, dö Herrn?«

»Na! Nix!«

»Gar nix, wie z'helfen wär?«

»Na! Nix! Drunt im Tal sollt man dem Wasser den Auslauf net verwehren. Eh net der ganze Letten unten drin schön sauber ausgschwabt is und d' Löcher wieder ausgfüllt sind mit feste Steiner, eh hört der Berg sein Laufen net auf und gibt kein' Fried. Oder es müßt 's untrische Wasser wieder in d' Höh steigen ans Licht. Verstehst?«

»Ja, ja!« Der Simmerauer wollte an seinem Hemd den Halskragen schließen und nestelte immer, ohne zu merken, daß der Knopf abgerissen war. »'s Wasser! Freilich! 's Wasser müßt wieder in d' Höh! Da tät er an Fried geben, der Berg!« Er blickte umher, als müßte er schon irgendwo das steigende Wasser sprudeln sehen. »Und sag? Was alles noch abi muß, eh 's Wasser wieder steigen kann? Da haben s' gar nix gsagt, dö Herrn?«

Langsam kam die Antwort. »Ja! Da haben s' schon a bißl ebbes gsagt. Der ganze Purtschellerwald, meinen s', müßt abi. Und 's Häusl vom Gaßner, der grad ausräumt. Und die ganzen Wiesen zwischendrin. Und --« Der Bauer stockte, und vier Menschen hielten in banger Sorge den Atem an. »Es wird mir hart, daß ich dir's sagen muß. Aber es is allweil besser, man weiß, wie man dran is. Dös ganze Gratl da, wo dein Häusl steht, wird abi müssen, haben s' gsagt, dö Herrn.«

»Abi? So? Abi müssen?« wiederholte der Simmerauer mit erloschenem Ton.

»Trag mir's net nach, Michel, daß ich dir so a harte Botschaft hab bringen müssen!« Der Bauer legte dem Simmerauer die Hand auf die Schulter. »Laß dir an guten Rat geben, schau! Räum aus, Michel! Räum aus, solang's noch Zeit is! Nimm Vernunft an!«

Sie waren mit dem Leitner ihrer fünfe beisammen gestanden. Als der Bauer den Hofraum verlassen hatte, waren es wieder fünfe, denn der Daxen-Schorschl war wortlos vom Brunnen gekommen. Er hatte das ›Saubermachen‹ nicht zu Ende gebracht. Die nassen Haare klebten ihm an Stirn und Schläfen, trauernd hing ihm der durchweichte Schnurrbart über den Mund, und in dicken Tropfen rann ihm das schlammige Wasser über den Hals und von den Händen. Sein Gesicht war bleich, nur die Wunde rot, die er sich beim Sturz in die Wange gerissen hatte.

Eine Weile wurde kein Laut gesprochen. Mutter Katherl streifte mit hilflosem Blick den Mathes und die Vroni, dann sahen sie alle drei den Vater an. Gerne hätten sie ihm den Rat des Leitners wiederholt: »Räum aus, so lang's noch Zeit is!« Aber sie hatten nicht das Herz, ihm das zu sagen. Mathes sprach das erste Wort. »Komm, Vater, schaffen wir wieder! Was dö Herrn sagen, glaub ich net!«

»Ja! Schaffen wir wieder!« fiel Vroni ein und ging zum Hackstock.

Michel faßte seinen Buben am Hemdärmel. »Mathes?«

»Was, Vater?«

»Dös viele Wasser schau an!« Der Simmerauer deutete auf die Pfützen in Hof und Garten. »Meinst net, es kommt von unt auffi?«

»Ja, Vater! Kunnt schon sein!« Die Stimme des Burschen klang ruhig; doch in Unruh glitt sein Blick zum Verhau hinüber, aus dessen Flechtwerk lautlos die dünnen Wasserfäden rieselten.

»Wann's von unt auffi käm! So a Glück!« Der Simmerauer bückte sich und tauchte die Hand in eine der Pfützen, so ehrfürchtig, als stünde ein Weihwasserkessel vor seinen Füßen. »Also! Schaffen wir halt wieder!« Er trat zum Sägbock und suchte mit zitternden Händen das verkrüppelte Eisenband der Säge zu strecken. Dann plötzlich schlug er die Fäuste vors Gesicht.

Vroni war die erste bei ihm. »Aber Vater!« Sie legte ihm den Arm um die Schulter und stellte sich so, daß der Daxen-Schorschl, der noch immer wie angewurzelt stand und die Sprache verloren zu haben schien, den Alten nicht sehen konnte.

»Abi? So? Abi, sagen s'? Abi wird's müssen?« raunte Michel vor sich hin. »A rechtschaffener Mensch bin ich gwesen mein Leben lang. Und so sollt er mich auszahlen können? Der sell da droben?« Langsam hob er die Augen zum Himmel. »Na, Kinder! So ebbes glaub ich net von ihm. Schenieren müßt er sich! Wann ich auffikomm zu ihm und tät ihn fragen: wo is denn mein Häusl, du? Und er kunnt net sagen: drunten steht's, wo's allweil gstanden is? Schenieren müßt er sich! Vor'm alten Michel müßt er sich schenieren!« Mit den Fäusten wischte er über die Backen und schüttelte den weißen Kopf. »Na, Kinder! Na! So ebbes tut er net. Der halt fest! Der sell da droben! Aber mithelfen müssen wir. Mithelfen! Komm her, Alte! Mathes, komm her! Und du, mein Madl! Gebts mir d' Händ drauf, daß wir unser Häusl halten bis zum letzten Schnaufer! Nur net auslassen, sag ich! Schaffen, allweil schaffen!«

Da klangen über die Wiese her in drolliger Disharmonie die Stimmchen der beiden Kinder, die sich zum Heimweg ein Liedl sangen, das sie von Vroni gelernt hatten:

Vogerl im grünen Wald Zwitschert so hell! Zwitschert Wald aus und ein, Wo wird mein Schatzerl sein? Vogerl im grünen Wald Zwitschert so hell!

Dem Simmerauer glitt ein Lächeln über die welken Züge. »Wie s' lustig sind! Und dö zwei Hascherln? 's einzige, was mir blieben is von meiner armen Zenz? Dö sollen 's Dach verlieren müssen, unter dem s' ihr Ruhstatt haben? Du, Mathes, bist a gwachsener Mensch und weißt dir an Weg in der Welt. Du, Madl, findst schon ein', der dir gut is und a Heimatl hat für dich! Aber wohin denn mit die armen Wuzerln? Wann unser Häusl abi müßt? Ah na! So ebbes gibt's net. Nur net auslassen! Kommts, Kinder! Fangen wir wieder an! Und laßts um Gottes willen dö armen Hascherln nix merken von unserer Sorg!«

Der Simmerauer wollte zur Säge greifen. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und eine würgende Stimme fragte: »Michel? Kannst mich net brauchen? Geh, laß mich mithelfen!«

Der Alte schien seinen Augen nicht zu trauen. »Schorschl! Du?«

»Schau, ich hab Zeit! Und verlang nix. In der Fruh komm ich, auf'n Abend geh ich wieder, und 's Essen bring ich mir mit. Schlag ein, Michel! Und ich fang gleich an.«

In der ersten Freude, einen Helfer gefunden zu haben, wollte der Simmerauer schon die Hand strecken. Vroni zog ihn zurück. »Na, Vater! Wann wir allein unser Häusl net halten können? ~Der~ da hilft 's uns gwiß net halten. Dem lauft ja 's eigene Haus davon! Was er anrührt, schwimmt. Der hat keine guten Händ. Bleiben wir lieber allein, Vater!«

»Wann d' meinst!« sagte der Simmerauer kleinlaut und warf einen scheuen Blick auf Schorschl. Und Mutter Katherl schien einen bösen Auftritt zu befürchten. Sie stotterte: »Aber Madl! Wie kannst denn so ebbes reden!« Ihre Sorge war überflüssig; der Daxen-Schorschl stand ruhig auf seinem Fleck; erst nach einer Weile, als die dunkle Röte, die ihm in die Stirn geschossen, schon wieder abzublassen begann, sagte er: »Vroni! Jetzt hast mir aber eini griffen! Daß ich für mich selber nix taug, hab ich schon lang glauben müssen. Aber daß ich auch für andere nix mehr wert bin, hätt ich mir doch net denkt. No ja, jetzt weiß ich's! Pfüe Gott!« Er schleuderte die letzten Wassertropfen von den Händen und verließ den Hofraum. Als er die Böschung überstiegen hatte und seinen Hut und Bergstock auflas, begegneten ihm die beiden Kinder, die ihr Lied zu Ende sangen:

Vogerl am kühlen Bach Zwitschert so süß! Zwitschert Bach auf und ab, Bis ich mein Schatzerl hab. Vogerl am kühlen Bach Zwitschert so süß!

Als die Kinder das kleine Haus erreichten, zog der Simmerauer schon wieder die Säge, und Mathes drosch mit dem Schlägel auf einen Pfahl. Nur Vroni stand untätig. Ihr Blick irrte über den Berghang empor.

Die Stimme des Vaters weckte sie aus ihrem Sinnen. »Vronerl? Was hast denn?«

»Nix!«

Sie griff nach einer Stange und schwang das Beil, daß die Splitter flogen.

Drittes Kapitel

Die kühlen Schatten des Abends waren über das Tal gefallen. Droben auf den steilen Felswänden lag noch ein letzter Schein des versinkenden Tages. In der Tiefe spann sich schon ein bläuliches Zwielicht um das welke Laub der Bäume und um die Dächer, aus deren Kaminen der Rauch sich langsam hervorkräuselte. Von den Wiesen, die der breite Bach durchrann, kamen dünne Nebel gezogen; ihre Schleier mischten sich mit dem Rauch der Dächer und umwoben den Giebel des Purtschellerhofes, der, auf einer Anhöhe gelegen, alle Häuser des Dorfes stolz überragte.

Ein stattliches Gebäude! Von der Straße führte eine aus roten Steinen gemauerte Treppe durch einen Vorgarten zum Wohnhaus, dessen lange Front den Wirtschaftshof mit seinen Ställen und Scheunen verdeckte. Früher war der Purtschellerhof das richtige Bauernhaus gewesen, mit niederer Tür und kleinen Fenstern. Als der Toni nach seines Vaters Tod die Herrschaft übernommen und die Karlin heimgeführt hatte, waren ihm die alten Stuben nicht schön genug gewesen, um sein junges Glück zu beherbergen. Einen Sommer lang hatte man gebaut, hatte das Dach gehoben, alle Zimmer des oberen Stockes geräumiger gemacht, ihnen neue Türen mit geschnitzten Aufsätzen und große Fenster mit gewölbten Spiegelscheiben gegeben. In den Flur wurde eine neue Treppe eingebaut, und während Toni mit seiner Frau die neuen ›Herrenzimmer‹ bezog, wurden im unveränderten Erdgeschoß die kleinen Stuben, in denen Tonis Eltern sich wohlgefühlt hatten, dem Gesinde als Wohnräume überlassen.

Im Erdgeschoß die kleinen Fenster und im oberen Stock die großen. Das hatte so übel ausgesehen, als hätte man die Hälften zweier Häuser, eines neuen und eines alten, übereinandergeschachtelt. Um diesen Schönheitsfehler des Purtschellerhofes auszugleichen, hatte man auch im Erdgeschoß die kleinen Fenster in große verwandelt, nicht in wirkliche, nur in gemalte. Am Fuß der Mauer hatte man Spalierobst, Jerichorosen und wilde Reben angepflanzt, und die üppig aufgeschossenen Ranken, an denen jetzt die welken Blätter alle Farben spielten, waren der täuschenden Malerei zu Hilfe gekommen, so daß es wirklich den Anschein hatte, als wäre am Purtschellerhof kein Fehl und Schaden.

Neben der Haustür war eine steinerne Bank, überdacht von einem Laubengitter, von dessen Latten die Ranken des wilden Weins mit roten Blättern herunterhingen. Hier saß Frau Karlin, das junge Weib des Purtscheller-Toni, und vor ihr, auf dem Backsteinpflaster, trippelte ihr Knabe umher, ein vierjähriges Kind, bleich und schwächlich. Während das Büblein still ein hölzernes Pferd hinter sich herschleifte und sein Spielzeug, sooft es auch umkippte, geduldig wieder auf die mit Rollen versehenen Füße stellte, hatte die Mutter die Hände mit der Häkelarbeit im Schoß liegen und hielt den Kopf an die Mauer gelehnt. Sie war städtisch gekleidet, weil es ihr Mann so haben wollte. Die schmächtige, zartgegliederte Gestalt hätte die Herkunft aus dem Bauernhaus wohl verleugnen können. Sogar weiße Hände hatte sie bekommen. Der Purtscheller-Toni fand es unter der Würde seiner Frau, daß sie grobe Arbeit tat und in der Wirtschaft mithalf. Sie hatte, wie ihr Mann den Leuten zu erzählen liebte, ein Leben, um das eine Gräfin die Purtschellerin beneiden könnte. Dennoch fühlte sie an jedem Abend eine Müdigkeit in allen Gliedern, als hätte sie während des ganzen Tages schwer gearbeitet.

Im vergangenen Winter war sie dreiundzwanzig geworden. Man nahm sie für älter, für eine Dreißigjährige. Wohl hatte ihr schmales Gesicht noch jene sanfte Schönheit, die den Stolz des Purtschellers so klein gemacht hatte, daß er sich die Karlin aus der Gesindestube des Pfarrers holte. Und wie eine Krone lagen ihr noch immer die vollen, braunen Flechten um die Stirn. Aber ein Zug des Leidens war um ihren stillen Mund gegraben, und eine zehrende Schwermut redete aus ihren Augen.

Auf der Straße ging eine Bäuerin vorüber und rief einen Gruß. Die junge Frau erwachte aus ihrem Sinnen. Langsam strich sie mit der Hand ein Büschel Haare von der Schläfe hinters Ohr; das war eine Gewohnheit von ihr. Dann nahm sie die Häkelarbeit auf, nestelte ein paar Maschen, und wieder lehnte sie den Kopf an die Mauer, tief atmend, als empfände sie erquickend die Kühle des Abends.

Wie still und schön dieser Abend war, mit seinem träumerisch ziehenden Nebel, mit dem verglimmenden Licht auf den Bergen! Aus der ebenerdigen Stube klangen die Stimmen der Dienstboten, die beim Abendessen saßen. Das Dorf war schon in halber Ruhe; nur manchmal ein lauter Ruf in den Gärten; irgendwo das Knarren eines Scheunentores, das geschlossen wurde; zuweilen auch der kurze Anschlag eines Hundes; dazu die Töne der Dorfmusik, die im Wirtshaus eine Probe hielt; die Sache hatte keinen rechten Klang, es fehlte die führende Stimme der C-Trompete, die der Daxen-Schorschl sonst zu blasen pflegte. Wenn der Abendwind ein wenig stärker zog, verschwammen die Geigen- und Klarinettentöne mit dem dumpfen Rauschen des Wassers, das im tieferen Tal aus dem unterhöhlten Berg hervorströmte.

Karlin lauschte dem fernen Rauschen und blickte über das Gehäng des laufenden Berges empor. »Die armen Leut!« Zu ihrem Mitgefühl gesellte sich eine schmerzliche Erinnerung. Dort oben stand auch das Haus, in dem sie ein fröhliches Kind gewesen war, als ihre Eltern noch gelebt hatten. Es war das Haus, das der Gaßner vor vierzehn Jahren gekauft hatte, und das er jetzt räumen mußte.

Da hörte die junge Frau ein Klirren vor ihren Füßen. Das Bübchen hatte sein Pferdl umgeworfen und bückte sich, um es wieder aufzurichten. »Tonerl?« fragte die Mutter. »Magst net schlafen gehn? Schau, es wird schon finster! Bald wird der Sandmann klopfen. Da müssen brave Kinder im Bett sein. Geh, komm schlafen!«

Das Kind schüttelte das Köpfl. »Vaterl warten!«

Karlin spähte über die dämmerige Straße hinaus. In der Gesindestube wurden Bänke und Stühle gerückt, und die Dienstboten begannen mit monotonem Gehaspel den Abendsegen zu beten: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft.« Dann kamen die Knechte heraus mit den Pfeifen. Sie zogen den Hut, als sie an Frau Karlin vorübergingen. Hinter ihnen kam ein dralles, hübsches Mädel, das sich für den Abendplausch in den Nachbarhäusern schmuck aufgeputzt hatte. »Guten Abend!« Dabei zuckte ein merkwürdiges Lächeln um den vollen Mund.

»Guten Abend, Zäzil!« erwiderte die junge Frau; ihre Stimme klang ruhig, doch eine matte Röte stieg ihr in die Wangen.

Zäzil ging durch den Garten, pflückte eine der spätblühenden Nelken und steckte sie ans Mieder. Kaum hatte sie die Straße betreten, als ihre Stimme klang: »Jeh! Du? Seit wann bist denn wieder daheim? Recht schön guten Abend!« Sie hatte den Schritt verhalten, als sollte nun ein lustiges Geplauder beginnen. Doch der Bursch, dem ihr Gruß gegolten, sagte kurzen Dank und ließ sie stehen. Der Klang dieser Männerstimme machte Frau Karlin aufblicken. Auf der Straße sah sie einen vorübergehen, der mit Joppe und blauer Soldatenhose bekleidet war und zwei Äxte mit neuen, weißen Holzstielen auf der Schulter trug; Frau Karlin erkannte ihn erst, als er schon hinter der Hecke verschwinden wollte. »Der Mathes!« Sie sprang auf, warf ihre Häkelarbeit auf die Bank und eilte zur Treppe hinunter. »Mathes!«

Er schien sie nicht zu hören, beschleunigte seinen Schritt und bog hastig in den zum Gehäng des laufenden Berges führenden Weg ein.

Frau Karlin legte die Arme über den steinernen Treppenpfeiler und blickte ihm nach. Fünf Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Seit sie die Frau des Purtscheller-Toni geworden. Wenige Tage vor ihrer Hochzeit hatte er das Dorf verlassen, weil ihm draußen im Unterland eine gute Stelle angeboten wurde. So hatte Vroni ihr damals gesagt. Und jetzt war er wieder daheim. Gewiß hatte ihn die Sorge, die seine Eltern um ihr Haus trugen, zurückgerufen? Da war es nicht schön von ihm, daß er so vorüberging wie ein Fremder. Er hätte doch zusprechen können, um dem Nachbarskinde von einst und der Schulkameradin ein Grüßgott zu bieten! Um ihr zu sagen, wie es da droben stünde in der Simmerau! Von den Leuten im Dorfe hörte sie wenig. Vor Wochen, als der Berg über Nacht das Laufen angefangen hatte, war freilich im Dorf ein großer Lärm gewesen. Doch schon nach wenigen Tagen, als die Dorfbauern merkten, daß die Bewegung des laufenden Bodens das tiefere Tal nicht bedrohte, hatte ihre Sorge sich beschwichtigt. Ihre eigenen, kostbaren Häuser waren sicher, nur die billigen Hütten da droben standen in Gefahr.

Die junge Frau blickte auf die von Dämmerung umwobenen Büsche, hinter denen Mathes verschwunden war. »Gott sei Dank für den alten Michel, weil der Mathes daheim is! Der hat zwei feste Arm!« Sie strich die Härchen von der Schläfe hinters Ohr und atmete auf, als wäre ihr, seit sie den Mathes gesehen hatte, der Gedanke an den armen Simmerauer leichter geworden.

Während sie durch den Garten zurückkehrte, vernahm sie einen Schrei ihres Kindes. In Sorge begann sie zu laufen, und als sie die Steinbank erreichte, sah sie ein schattenhaftes Tier, wie eine kleine Fledermaus, mit Sumsen um den Kopf ihres Kindes flattern. Erschrocken schlug sie mit der Hand und traf. Das Tier fiel zu Boden, ein großer Nachtfalter. Karlin hob das weinende Bürschl auf ihre Arme und streichelte ihm Haar und Wange. »Geh, Tonerl, bist erschrocken! Schau, es is bloß a Schmetterling gwesen! Der tut dir nix.«

Schmetterling! Dieses Wort schien das Kind zu trösten; es blickte mit nassen Augen umher und streckte die Hände. »Den Meckerling haben möcht ich!«

»Ja, Herzerl! Wart, den such ich dir gleich! Schau, da is er schon!« Mit zitternden Schwingen kroch der Falter über die Pflastersteine. Karlin bückte sich. Von einer abergläubischen Regung erfaßt, zog sie die Hand zurück. Deutlich hatte sie auf dem dicken Leib des Falters die unheimliche Zeichnung erkannt. Es war ein Totenkopf. Sie wollte das Tier zertreten. Da hob sich der Falter mit einem zirpenden Ton von der Erde; schwirrend stieß er gegen eine Fensterscheibe und verschwand unter den roten Blättern der wilden Reben. Mit beiden Armen preßte Karlin ihr Kind an die Brust. »Komm, Schatzerl, laß dich schlafen bringen!«

Das Bürschl begann wieder zu weinen. »Meckerling haben möcht ich! Nitti schlafen! Vaterl warten!«

»Geh, sei z'frieden, Tonerl! Der Vater kommt schon. Droben im Betterl darfst warten auf ihn.«

»Tust mir Liedi singen?«

»Ja, liebs Herzerl!« Karlin faßte eine Weinranke und rüttelte an ihr. Surrend schoß der Falter aus dem Laub hervor und schwirrte davon. »Gott sei Dank!«

Als Karlin das Haus betrat, kam eine alte Magd aus der Küche und fragte: »Wie soll ich's denn mit dem Essen halten, Frau? Von Mittag is alles noch übrig, der Herr is net heimkommen, und Sie haben nix gessen. Soll ich die Sachen aufwärmen?«

»Für mich, ja! Für'n Herrn mußt frisch was machen, 's Aufgwärmte mag er net.«

»Was soll ich denn richten?«

»Fladlsuppen. Die ißt er gern. Und an ausgsuchts Stückl Wildbret bratst ihm ab. Wann alles fertig is, mußt es am Feuer halten, damit er sein Essen gleich haben kann, wann er heimkommt. Sonst muß er sich wieder ärgern.«

Frau Karlin stieg über die Treppe hinauf, mit dem Bürschl, das vom versiegenden Schluchzen noch ein bißchen gestoßen wurde. Im Flur des oberen Stockes herrschte schon tiefe Dämmerung. Die Blätter des Efeus, der die Wände übersponnen hatte, hingen wie kleine Schatten an der weißen Mauer und an den Stangen der Hirschgeweihe. Frau Karlin durchschritt das große Wohnzimmer. Ohne in der Schlafstube Licht zu machen, entkleidete sie unter zärtlichem Geplauder das Kind und wusch ihm das von Tränen nasse Gesicht. Das Bübl lag noch kaum in den Kissen, da mahnte es die Mutter schon an ihr Versprechen: »Liedi singen, Mammi!«

Die junge Frau zog einen Stuhl an das Bett, und während sie ihre Hand den spielenden Fingern des Kindes überließ, sang sie, was ihr gerade einfiel:

Vogerl im grünen Wald Zwitschert so hell! Zwitschert Wald aus und ein, Wo mag mein Schatzerl sein? Vogerl im grünen Wald Zwitschert so hell!

Da mußte sie lächeln. Wie merkwürdig, daß ihr gerade dieses Lied, an das sie viele Jahre nicht mehr gedacht hatte, auf die Lippen kam? Das war wohl nur geschehen, weil sie den Mathes wieder gesehen hatte. Denn dieses Lied hatten sie miteinander gesungen unter den blühenden Hecken und im dunklen Purtschellerwald da droben, damals, als sie noch Kinder waren, sie, der Mathes und die Vroni.

Es war in der Stube dunkel. Doch Karlin sah einen sonnigen Berghang, über ihm die leuchtenden Felswände und über allem den blauen Himmel. Im Rauschen der silbernen Gießbäche, die damals noch nicht in den Berg versunken waren, hörte sie ihre eigene Stimme, hell und lustig wie das Gezwitscher eines Vogels. Neben ihr saß der Mathes, der zwei Jahre älter war als sie, und schnitzte aus einem Weidenzweig eine Pfeife, um ihr die Weise des Liedes vorzublasen. Auf der andern Seite saß das Vronerl und flocht aus Butterblumen einen schönen Kranz, den das Linerl aufsetzen mußte. Und da hatte der Mathes sie angestaunt und hatte ganz ernst gesagt: »Linerl! Du bist so schön wie d' Mutter Gottes in der Kirchen drunt!«

Langsam strich Frau Karlin die Härchen hinters Ohr und seufzte: »O du liebe Zeit!«