Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen

Part 3

Chapter 33,620 wordsPublic domain

STARODUM. Nur in einem: wenn er innerlichst überzeugt ist, daß sein Dienst dem Vaterlande keinen direkten Nutzen bringt. Dann mag er gehn!

PRAWDIN. Sie zeigen mir, worin das wahre Wesen der Pflichten eines Adeligen besteht.

STARODUM. Nachdem ich meinen Abschied genommen, kam ich nach Petersburg. Dort führte mich der blinde Zufall dahin, wohin ich’s mir nie im Leben habe träumen lassen.

PRAWDIN. Nämlich?

STARODUM. An den Hof. Was sagst du dazu?

PRAWDIN. Und was fanden Sie dort?

STARODUM. Manches Merkwürdige. Vor allen Dingen fand ich’s merkwürdig, daß fast niemand den geraden breiten Weg dorthin wählt, sondern einen Umweg macht, in der Hoffnung, früher anzukommen.

PRAWDIN. Ist denn wenigstens der Umweg geräumig?

STARODUM. Dermaßen geräumig, daß, wenn sich zwei begegnen, sie einander nicht ausweichen können. Einer reißt den andern zu Boden, und derjenige, der auf den Füßen stehn bleibt, hebt nie den Liegenden auf.

PRAWDIN. Die Eigenliebe hat hier –

STARODUM. Nicht die Eigenliebe, sondern die Selbstliebe. Man liebt sich ganz außerordentlich, sorgt nur für sich, denkt nur an die gegenwärtige Stunde. Denke dir nur: ich sah dort eine Menge Menschen, die in keinem Lebensfall ihrer Ahnen oder ihrer Nachkommen gedacht.

PRAWDIN. Doch jene Ehrenmänner, die bei Hofe sind und doch dem Vaterlande dienen?

STARODUM. O, die verlassen den Hof nicht, weil sie ihm Nutzen bringen; und die andern verlassen ihn nicht, weil der Hof ihnen Nutzen bringt. Ich gehörte nicht zur Zahl der ersteren und wollte auch nicht zur Zahl der letzteren gehören.

PRAWDIN. Man hat Sie am Hofe natürlich verkannt.

STARODUM. Zu meinem eigenen Besten. Es gelang mir, mich ganz ohne Ungelegenheiten zurückzuziehen; andernfalls hätte man mich auf die eine von zwei Arten entfernt.

PRAWDIN. Auf welche?

STARODUM. Vom Hofe, mein Freund, entfernt man einen auf zwei Arten: entweder man wird dir böse, oder man macht dich böse. Ich habe weder den einen noch den andern Fall abgewartet, denn ich war zur Einsicht gekommen, daß es sich besser im eigenen Stübchen leben läßt als in einer fremden Antichambre.

PRAWDIN. Und Sie verließen den Hof mit leeren Händen? (Öffnet seine Tabaksdose.)

STARODUM (nimmt eine Prise). Wieso mit leeren Händen? – Zu einem Kaufmann kamen zwei Käufer und handelten eine Tabatière, deren Preis fünfhundert Rubel war. Der eine zahlte das Geld und brachte die Tabatière nach Hause; der andre kam ohne Tabatière heim. Und du glaubst, daß dieser andre mit leeren Händen heimgekehrt sei? Du irrst: er brachte seine fünfhundert Rubel unversehrt nach Hause ... Ich verließ den Hof, ohne Dörfer, Bänder und Ehrentitel erhalten zu haben. Aber mein Eigentum brachte ich heim: meine Seele, meine Ehre und meine Grundsätze.

PRAWDIN. Männer mit Ihren Grundsätzen müßte man bei Hofe nicht entlassen, sie im Gegenteil an den Hof rufen.

STARODUM. Rufen? Aus welchem Grunde?

PRAWDIN. Aus demselben Grunde, aus welchem man einen Arzt zum Kranken ruft.

STARODUM. Du irrst, mein Freund. Umsonst ist es, den Arzt zu einem unheilbaren Kranken zu rufen: ihm wird er nicht helfen, nur gar sich selber anstecken.

Zweiter Auftritt.

DIE VORIGEN. SOPHIE.

SOPHIE (zu Prawdin). Ganz erschöpft hat mich ihr Schreien.

STARODUM (beiseite). Ganz die Gesichtszüge ihrer Mutter. Das ist meine Sophie!

SOPHIE (Starodum anblickend). Gott, er hat meinen Namen genannt! Mein Herz täuscht mich nicht –

STARODUM (sie umarmend). Nein, du bist die Tochter meiner Schwester, bist die Tochter meines Herzens!

SOPHIE (ihn stürmisch umarmend). Onkelchen, ich bin außer mir vor Freude!

STARODUM. In Moskau, teure Sophie, erfuhr ich, daß du hier wider deinen Willen lebst. Ich bin sechzig Jahre alt. Oft gab es Fälle, wo ich mir zürnte, oft auch war ich mit mir zufrieden. Nichts marterte mein Herz mehr als der Anblick einer Unschuld in den Netzen der Arglist, und nie war ich mit mir selbst zufriedener, als wenn es mir gelungen war, ein solches Opfer den Krallen des Lasters zu entreißen.

PRAWDIN. Wie wohl muß es thun, auch nur Zeuge dabei sein zu können!

SOPHIE. Onkelchen, Ihre Güte –

STARODUM. Du weißt, daß nur du mich ans Leben bindest. Du mußt der Trost meines Alters sein, und meine Fürsorge soll dein Glück begründen. Als ich meinen Abschied nahm, legte ich den Grund zu deiner Erziehung; doch ich konnte dein Wohl nicht anders begründen, als indem ich mich von deiner Mutter und dir trennte.

SOPHIE. Ihre Abwesenheit kränkte uns unaussprechlich.

STARODUM (zu Prawdin). Um ihr Leben vor dem Mangel am Notdürftigsten zu sichern, beschloß ich, mich für einige Jahre in jenes Land zurückzuziehen, wo man Geld erwirbt, ohne sein Gewissen dafür in den Tausch zu geben, wo man nicht durch Kriecherei emporsteigt, wo man das Vaterland nicht beraubt; in jenes Land, wo man das Geld der Erde selbst abverlangt, die, gerechter als die Menschen, keine Parteilichkeit kennt und nur die Arbeit gewissenhaft und reich belohnt.

PRAWDIN. Sie hätten, wie ich gehört, ungleich reicher werden können.

STARODUM. Und wozu?

PRAWDIN. Um ebenso reich zu sein wie die andern.

STARODUM. Reich! Wer ist denn reich? Weißt du auch, daß, um die launischen Gelüste eines einzigen Menschen zu befriedigen, das ganze Sibirien nicht hinreichen würde? Mein Freund, das alles ist nur Einbildung! Folge dem Beispiel der Natur, und du wirst niemals arm sein; gib acht auf das Gerede der Menschen, und du wirst nie reich werden.

SOPHIE. Onkelchen, wie wahr sprechen Sie!

STARODUM. Ich habe so viel erworben, daß die Armut eines rechtschaffenen Bräutigams deiner Verbindung mit ihm kein Hindernis in den Weg legen wird.

SOPHIE. Zeit meines Lebens wird Ihr Wille Gesetz für mich sein.

PRAWDIN. Sodann wär’s nicht übel, gleichfalls für die Kinder einiges beiseite zu legen.

STARODUM. Für die Kinder? Den Kindern Reichtümer hinterlassen? Das fehlte noch! Sind sie klug, so werden sie auch ohne Reichtum fortkommen; dummen Kindern aber kann der Reichtum nur schaden. Ich habe Bursche gesehen in goldenen Kaftanen und mit bleiernen Köpfen. Nein, mein Freund: bares Geld ist noch nicht bare Tugend! Ein goldner Klotz ist und bleibt nur ein Klotz.

PRAWDIN. Trotz alledem sehen wir, daß Reichtum oft zu Rängen führt und Ränge zu Würden und Würden zu Hochachtung.

STARODUM. Hochachtung? Nur eine Hochachtung muß dem Menschen schmeichelhaft sein – diejenige, welche seiner Seele gezollt wird. Und nur der ist dieser Seelenhochachtung wert, dessen Ränge nicht dem Gelde, dessen Würden nicht den Rängen ihre Entstehung verdanken.

PRAWDIN. Dagegen läßt sich nichts einwenden.

STARODUM. Ei, was ist denn das für ein Lärm?

Dritter Auftritt.

DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA, SKOTININ und MILON. (Letzterer trennt Frau Prostakowa von Skotinin.)

FRAU PROSTAKOWA. Laß mich, laß! Bis zur Fratze nur, bis zur Fratze –

MILON. Ich lasse Sie nicht, Madame.

SKOTININ (zornig, die Perücke ordnend). Kleb ab, Schwester! Oder ich biege dich, daß dir alle Gelenke knacksen!

MILON (zu Prostakowa). Und Sie haben vergessen, daß es Ihr Bruder ist?

FRAU PROSTAKOWA. Ich bin wütend, ich muß mich sattprügeln!

MILON (zu Skotinin). Ist das nicht Ihre Schwester?

SKOTININ. Ja, leider stammen wir von Einer Brut, und dennoch heult sie wider mich.

STARODUM (der sein Lachen nicht mehr zurückhalten kann, zu Prawdin). Ich befürchtete zornig zu werden und muß nun lachen!

FRAU PROSTAKOWA. Lachen? Über wen lachen? Was ist denn das für ein Vogel?

STARODUM. Nimm mir’s nicht übel: aber zeit meines Lebens hab’ ich nichts Lächerlicheres gesehn.

SKOTININ (sich den Nacken reibend). Der hat gut lachen! Mir ist halbwegs nicht lächerlich zu Mut.

MILON. Hat ein Schlag getroffen?

SKOTININ. Das Gesicht hab’ ich mir mit den Händen geschützt, und da hat sie sich mir ins Genick eingekrallt.

PRAWDIN. Schmerzt es?

SKOTININ. Zerkratzt hat sie mich. (Während der folgenden Worte der Frau Prostakowa wird Milon von Sophie durch Blicke bedeutet, daß vor ihnen Starodum stehe; Milon versteht sie.)

FRAU PROSTAKOWA. Zerkratzt! ... Nein, Bruder, ein Heiligenbild kauf dir auf den Namen des Herrn Offiziers: hätt’ er dich nicht beschützt – du wärst mir nicht mit heiler Haut davongekommen! Wenn ich den Sohn verteidige, werde ich meinen leiblichen Vater nicht schonen! (Zu Starodum.) Und daran ist gar nichts Lächerliches! Ich habe ein Mutterherz in der Brust. Ist’s erhört, daß eine Hündin ihre Jungen preisgibt? ... Kommt da weiß Gott wer und weiß Gott zu wem –

STARODUM (auf Sophie weisend). Gekommen ist ihr Onkel Starodum.

FRAU PROSTAKOWA (erschrocken). Wie? Du bist’s? ... O, hochwillkommener Gast! Ich Thörin, ich Närrin! War das ein Empfang für einen Vater, auf dem unsre ganze Hoffnung ruht, der uns teuer ist wie unser Augapfel?! ... Verzeihe, verzeihe mir Närrin! ... Ich kann gar nicht zu mir kommen! ... Wo ist mein Mann? ... Wo ist mein Sohn? ... Es ist ja, als wärest du in ein unbewohntes Haus gekommen! Gottes Strafgericht! Den Kopf haben alle verloren! ... He, Magd, Magd, Palaschka, Magd!

SKOTININ (beiseite). Soso! Er ist’s, der Onkel!

Vierter Auftritt.

DIE VORIGEN. JEREMEJEWNA.

JEREMEJEWNA. Was steht zu Befehl?

FRAU PROSTAKOWA. Bist du die Magd, du Hundetochter? Hab’ ich im Hause außer deiner elenden Fratze eine Magd? Wo ist Palaschka?

JEREMEJEWNA. Erkrankt, liegt seit dem Morgen zu Bette.

FRAU PROSTAKOWA. Sie liegt? Ach, die Bestie! Liegt, als wenn sie eine Adelige wäre!

JEREMEJEWNA. Sie hat starkes Fieber und phantasiert unaufhörlich.

FRAU PROSTAKOWA. Die Bestie phantasiert! Als wenn sie eine Adelige wäre! So rufe den Mann, den Sohn! Sage ihnen, daß durch Gottes Güte unsre Erwartung in Erfüllung gegangen ist: der teure Onkel unsrer lieben Sophie ist angekommen, unser zweiter Vater ist bei uns zu Besuch, gedankt sei dem Himmel! Nun, mach fort, rühr dich! (Jeremejewna schnell ab.)

STARODUM. Wozu der Lärm? Gottes Güte hat mich nicht Ihr Vater werden lassen, und dank der Güte Gottes bin ich Ihnen auch gar nicht bekannt.

FRAU PROSTAKOWA. Dein plötzliches Erscheinen, Väterchen, hat mich um den Verstand gebracht. So laß dich doch wenigstens ordentlich umarmen, du unser Wohlthäter!

Fünfter Auftritt.

DIE VORIGEN. PROSTAKOW, MITROFAN und JEREMEJEWNA.

(Während der nachfolgenden Worte Starodums haben sich Prostakow und Sohn, die durch die Mittelthür eingetreten waren, hinter den Rücken Starodums gestellt. Der Vater will ihn umarmen, sobald die Reihe an ihn kommt, der Sohn – die Hand küssen. Jeremejewna hat seitwärts Platz genommen und steht mit übers Kreuz geschlagenen Armen regungslos da, die Blicke starr auf Starodum gerichtet und jedes seiner Worte mit kriechender Aufmerksamkeit verfolgend.)

STARODUM (ungern die Prostakowa umarmend). Ganz überflüssige Güte, Madame, ohne die ich recht gut auskommen könnte! (Reißt sich aus der Umarmung und wendet sich nach der Seite Skotinins, der schon mit ausgebreiteten Armen dagestanden und ihn nun umfängt.) Zu wem bin ich nun geraten?

SKOTININ. Ich bin’s, meiner Schwester Bruder.

STARODUM (der noch zweie bemerkt, mit Ungeduld). Und wer ist das?

PROSTAKOW (ihn umarmend). Ich bin der Mann meiner } (Zugleich.) Frau. } } MITROFAN (seine Hand küssend). Und ich meiner Mutter } Söhnchen. }

MILON (zu Prawdin). Jetzt werde ich mich nicht vorstellen.

PRAWDIN (zu Milon). Ich werde Gelegenheit finden, dich später vorzustellen.

STARODUM (Mitrofan die Hand entziehend). Dieser sucht die Hand zu küssen: man sieht, welch edle Seele in ihm herangebildet wird!

FRAU PROSTAKOWA. Sprich, mein Liebling: „Wie sollt’ ich, Herr, deine Hand nicht küssen – du bist ja mein zweiter Vater.“

MITROFAN. Wie sollt’ ich, lieber Onkel, deine Hand nicht küssen – du bist ja mein Vater! (Zur Mutter.) Welcher war’s doch?

FRAU PROSTAKOWA. Der zweite.

MITROFAN. Der zweite? Der zweite Vater, lieber Onkel.

STARODUM. Ich bin, mein Bester, weder dein Vater noch dein Onkel.

FRAU PROSTAKOWA. Väterchen, der liebe Junge prophezeit sich vielleicht sein Glück: wer weiß, mit Gottes Hilfe könnte er ja dein Neffe werden.

SKOTININ. Wirklich? Und ich bin zu schlecht für den Neffen? O Schwester!

FRAU PROSTAKOWA. Ich will, Bruder, mich mit dir nicht herumbeißen. (Zu Starodum.) Noch nie im Leben, Väterchen, hab’ ich mit jemand gezankt. Mein Charakter ist: und werd’ ich noch so sehr beschimpft, nie sag’ ich ein Wort dagegen. Gott wird’s denjenigen schon heimzahlen, die mich Arme beleidigen!

STARODUM. Das hab’ ich gleich bemerkt, als du nur zur Thür hereintratst.

PRAWDIN. Ich bin schon drei Tage Zeuge ihres sanften Charakters.

STARODUM. Dieses Vergnügen werd’ ich nicht so lange genießen können. Liebe Sophie, morgen fahren wir mit dir nach Moskau.

FRAU PROSTAKOWA. O Väterchen, wofür zürnst du uns?

PROSTAKOW. Wofür diese Ungnade?

FRAU PROSTAKOWA. Wie? Wir sollten von Sophiechen scheiden, unserm Herzenskinde? Ich werde vor Kummer Hungers sterben!

PROSTAKOW. Das ist mein Tod! Schon fühl’ ich –

STARODUM. Da ihr sie so liebt, so muß ich euch eine Freude bereiten: ich bringe sie nach Moskau, um dort ihr Glück zu gründen. Mir ist ein sehr würdiger junger Mensch als Bräutigam für sie empfohlen worden; ihn auch soll sie heiraten.

FRAU PROSTAKOWA. Er bringt mich um! } } MILON. Was hör ich? (Sophie ist bestürzt.) } } SKOTININ. Saubere Bescherung! (Prostakow schlägt } (Gleichzeitig.) die Hände über dem Kopf zusammen.) } } MITROFAN. Da haben wir’s! (Jeremejewna nickt } traurig mit dem Kopfe. Prawdin scheint erstaunt } und erzürnt.) }

STARODUM (die Bestürzung aller gewahr werdend). Was heißt das? (Zu Sophie.) Liebe, gute Sophie, auch du scheinst bestürzt? Hat dich wirklich mein Plan gekränkt? Ich vertrete Vaterstelle an dir, und glaube mir, daß ich meine Rechte kenne. Sie gehen nicht weiter, als eine unglückbringende Neigung der Tochter abzuwenden; die Wahl eines würdigen Mannes jedoch hängt ganz von ihrem eigenen Herzen ab. Beruhige dich, mein Freund! Ein Mann, der deiner würdig ist – er mag sein, wer er will – wird stets einen aufrichtigen Freund an mir haben. Heirate nach eigener Wahl. (Die Mienen aller verklären sich.)

SOPHIE. Onkelchen, zweifeln Sie nicht an meinem Gehorsam.

MILON (für sich). Der Ehrenmann!

FRAU PROSTAKOWA (fröhlich). Das ist ein Vater! Ein Freude, ihn zu hören! Heirate nach eigener Wahl, nur muß der Mann deiner würdig sein. Ganz recht, Väterchen, ganz richtig! Man muß nur den Bräutigam nicht verpassen! Hat man einen Edelmann vor sich, einen jungen Menschen –

SKOTININ. Der längst kein Kind mehr ist –

FRAU PROSTAKOWA. Dessen Vermögen zwar nicht groß –

SKOTININ. Dessen Schweinezüchterei jedoch ansehnlich –

FRAU PROSTAKOWA. Dann Glück auf den Weg und fort in } (Zusammen.) die Erzengelkirche! } } SKOTININ. Ein fröhlicher Schmaus und die Hochzeit } gefeiert! }

STARODUM. Eure Ratschläge sind uneigennützig, seh’ ich.

SKOTININ. Lerne mich nur näher kennen und du wirst dein Wunder sehn! Du siehst selbst – hier herrscht ja Sodom und Gomorra. Darum will ich nach einem Stündchen bei dir allein vorsprechen, und dann schließen wir das Geschäft ab! Ohne Ruhm zu sagen – solcher wie ich gibt’s wenige! (Ab.)

STARODUM. Das will ich gern glauben!

FRAU PROSTAKOWA. Wundere dich nicht über den Bruder –

STARODUM. Er ist Ihr Bruder?

FRAU PROSTAKOWA. Mein leiblicher Bruder, Väterchen: auch ich bin ja eine geborne Skotinin. Mein seliger Vater heiratete meine selige Mutter; ihr Familienname war Priplodina. Wir waren unser achtzehn Geschwister, doch alle, mit Ausnahme von mir und meinem Bruder, sind nach dem Willen Gottes gestorben: ein paar hat man tot aus der Badstube gezogen; dreie verendeten, nachdem sie Milch aus einem kleinen kupfernen Kessel getrunken hatten; zweie stürzten zu Pfingsten vom Glockenturm, und die übrigen starben von selbst.

STARODUM. Ich kann mir vorstellen, was Ihre Eltern für Menschen waren.

FRAU PROSTAKOWA. Leute aus der guten alten Zeit. Ja, das waren damals andre Zeiten! Wir erhielten gar keine Bildung. Manchmal kamen die Nachbarn und quälten, quälten den Vater, daß er doch wenigstens den Bruder zur Schule schickte – aber umsonst: der teure Verstorbene wehrte sich dagegen mit Händen und Füßen, Gott hab’ ihn selig. Mitunter schrie er: „Ich verfluche das Kind, welches irgend etwas diesen heidnischen Federfüchsen ablernt, und will nicht Skotinin heißen, wenn ich nicht jedem meiner Kinder die Lust zum Lernen ausprügele.“

PRAWDIN. Wie kommt’s denn, daß Sie Ihren Sohn aus diesem und jenem unterrichten lassen?

FRAU PROSTAKOWA. Wir leben in einer andern Zeit, mein Bester. (Zu Starodum.) Den letzten Bissen vom Munde opfern wir, damit nur unser Sohn alles erlerne. Tagelang sitzt mein armer Mitrofan über den Büchern. Mein Mutterherz blutet, aber ich tröste mich mit dem Gedanken: dafür ist er auch mit der Zeit ein gemachter Mann! Am heiligen Nikolaus-Tage im Winter wird er sechzehn Jahr alt. Ein Bräutigam wär’ er, wie man sich keinen bessern wünschen kann, aber noch immer kommen Lehrer, lassen keine Stunde unbenutzt vergehn; so warten auch jetzt zweie im Flur. (Macht Jeremejewna ein Zeichen, sie hereinzurufen.) Und in Moskau haben wir gar einen Ausländer auf sechs Jahre engagiert und einen Kontrakt in der Polizei abgeschlossen, damit ihn nicht andre zu sich herüberlocken. Er erbot sich, Mitrofan aus allem, das wir nur wünschen, zu unterrichten; wir jedoch sind der Ansicht, er solle daraus unterrichten, was er selber versteht und kennt. Ja, unsre Elternpflicht haben wir durchaus erfüllt: haben einen deutschen Hauslehrer, dem wir das Geld für drei Monate vorausbezahlen. Von Herzen gern würd’ ich es sehn, wenn du selber, Väterchen, dich überzeugen wolltest, was unser Mitrofan alles gelernt hat.

STARODUM. Ich bin hierin kein Kenner.

FRAU PROSTAKOWA (Kutejkin und Zyfirkin erblickend). Da sind auch die Lehrer. Hab’ ich’s nicht gesagt, daß mein armer Mitrofan weder Tag noch Nacht Ruhe hat? Ich will mein eigenes Kind nicht loben, aber eines kann ich sagen: glücklich das Mädchen, das ihn zum Manne bekommt!

PRAWDIN. Das ist alles ganz schön: aber vergessen Sie doch nicht, daß unser Gast soeben erst aus Moskau angekommen ist und weit mehr der Ruhe bedarf als der Lobeserhebungen Ihres Sohnes.

STARODUM. Ja, ich gestehe, daß ich sowohl von der Reise ausruhen möchte als auch von all dem, das ich gehört und gesehn.

FRAU PROSTAKOWA. Ach, Väterchen, alles ist bereit; ich selber habe dir das Zimmer in Ordnung gebracht.

STARODUM. Ich danke. Sophiechen, begleite mich.

FRAU PROSTAKOWA. Wie, und wir? Erlaube, Väterchen, daß sowohl ich als auch mein Sohn und mein Mann dich begleiten! Zu Fuß wollen wir alle nach Kijew pilgern und dort für deine Gesundheit beten, wenn nur unser Geschäftchen zu stande kommt!

STARODUM (zu Prawdin). Wann sehen wir uns? Nach einem kurzen Schläfchen bin ich wieder hier.

PRAWDIN. So werde ich auch die Ehre haben, Sie hierselbst zu sehn.

STARODUM. Das freut mich. (Erblickt Milon, der ihn ehrfurchtsvoll grüßt, und erwidert höflich den Gruß.)

FRAU PROSTAKOWA. Also bitte, bitte. (Alle gehen ab: Prawdin und Milon nach der einen Seite, die übrigen nach der andern. Die Lehrer bleiben.)

Sechster Auftritt.

KUTEJKIN und ZYFIRKIN.

KUTEJKIN. Eine Satanswirtschaft das! Von früh an treib’ ich mich hier zwecklos herum. Auf solche Art muß jeder Morgen hier verwelken und verdorren.

ZYFIRKIN. Unsereiner hat’s seine Lebtage nicht anders: blutwenig gibt’s für uns zu thun. Ein Unglück aber ist, daß wir so schlecht gefüttert werden, wie es denn beispielsweise heute zu Mittag an Proviant mangelte.

KUTEJKIN. Hätte mich nicht der Herr erleuchtet, auf dem Hierherwege bei unsrer Hostienbäckerin einzukehren, ich würde jetzt heulen wie ein Hund.

ZYFIRKIN. Unsre Brotherrn sind mir nette Herrschaften!

KUTEJKIN. Hast du gehört, Bruderherz, welch ein Leben das hiesige Gesinde hat? Wohl hast du gedient, bist in mancher Schlacht gewesen, doch Furcht und Zittern würde dir ankommen und Grauen dich befallen, wenn –

ZYFIRKIN. Bah, ob ich’s gehört? Mit eigenen Augen sah ich hier ein stundenlanges Lauffeuer. (Seufzend.) Ach, traurig wird mir zu Sinn!

KUTEJKIN. Wehe mir Sünder!

ZYFIRKIN. Worüber seufzest du, Ssidorytsch?

KUTEJKIN. Auch dein Herz ist betrübt, Pafnutjitsch?

ZYFIRKIN. Unwillkürlich wird man schwermütig. Da hat mir Gott einen Schüler beschert, einen Edelmann. Das dritte Jahr nun quäl’ ich mich mit ihm ab, und noch kann er keine drei zählen.

KUTEJKIN. So haben wir beide Einen Kummer. Das vierte Jahr kastei’ ich meinen Leib. Keine neue Zeile kann der Junge aus der Fibel lesen, ist nur im stande, das Gelesene zu repetieren, und auch hierbei sogar kaut er die Worte ohne Sinn und Verstand.

ZYFIRKIN. Und wer ist schuld? Kaum hat er den Griffel in der Hand, erscheint der Deutsche in der Thür. Den Jungen erlöst man von der Schiefertafel, und mich möchte man vor die Thür setzen.

KUTEJKIN. Auch nicht meine Schuld ist’s. Kaum nehm’ ich den Bleistift zwischen die Finger, tritt mir der Heide vor die Augen. Dem Schüler wird der Kopf gestreichelt und dem Lehrer eins ins Genick versetzt.

ZYFIRKIN (eifrig). Ein Ohr ließe ich mir abhauen, könnt’ ich diesem Schmarotzer nach Soldatenart Räson beibringen.

KUTEJKIN. Geißeln ließe ich mich, könnt’ ich dem Barbaren den Hals brechen.

Siebenter Auftritt.

DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA und MITROFAN.

FRAU PROSTAKOWA. Derweilen er schläft, solltest du doch wenigstens zum Schein etwas lernen, mein Liebling, damit es zu seinen Ohren komme, wie fleißig du bist.

MITROFAN. Nun, und dann?

FRAU PROSTAKOWA. Und dann heiratest du.

MITROFAN. Höre, Mutter: ich will dir das Vergnügen machen, werde ein wenig lernen – doch soll’s das letzte Mal sein, noch heute muß die Verlobung stattfinden!

FRAU PROSTAKOWA. Die Stunde wird kommen, wenn Gott will, wo –

MITROFAN. Die Stunde ist gekommen, wo ich will! Ich will nicht lernen, will heiraten! Du selber hast mich so weit gebracht, schreib’s dir selber zu ... Nun, da sitz’ ich. (Zyfirkin spitzt den Griffel an.)

FRAU PROSTAKOWA. Und ich will mich hier nebenan setzen und dir ein Beutelchen stricken, damit du etwas hast, wohin Sophiechens Geld zu legen.

MITROFAN. Nun, her mit der Tafel, du Garnisonratte! Was soll ich schreiben?

ZYFIRKIN. Ew. Gnaden beißen sich immer ohne Ursache herum.

FRAU PROSTAKOWA (arbeitend). Du mein Gott! Der gute Junge darf Pafnutjitsch kein einziges Scheltwort sagen – gleich wird der Mann böse!

ZYFIRKIN. Böse? Nicht doch, Ew. Gnaden. Ein russisches Sprichwort sagt: Bellt der Hund, verweht’s der Wind.

MITROFAN. Nun, was soll ich repetieren? Rühr dich!

ZYFIRKIN. Beim ewigen Repetieren kann man nicht avancieren.

FRAU PROSTAKOWA. Ist nicht deine Sache, Pafnutjitsch. Es ist mir sehr lieb, daß Mitrofan nicht avancieren will: mit seinem Verstande und hoch avancieren – Gott verhüt’ es!

ZYFIRKIN. Die Aufgabe lautet: Du und ich gingen mal auf der Landstraße und mit uns – nun, sagen wir – Ssidorytsch. Wir fanden alle drei –

MITROFAN (schreibt). Drei.

ZYFIRKIN. Unterwegs dreihundert Rubel.

MITROFAN (schreibt). Dreihundert.

ZYFIRKIN. Darauf ging’s ans Teilen ... Nun berechne mal, wieviel ein jeder von uns zu bekommen hat.

MITROFAN (rechnet flüsternd). 1 × 3 = 3; 1 × 0 = 0 ... 1 × 0 = 0 ...

FRAU PROSTAKOWA. Was, was wird da geteilt?

MITROFAN. Gefundene dreihundert Rubel sollen unter drei Personen geteilt werden.

FRAU PROSTAKOWA. Unsinn, mein Herz! Hast du Geld gefunden, so teil’s mit keinem, behalt alles! Lerne nicht diese blödsinnige Wissenschaft, mein Junge!

MITROFAN. Hörst du, Pafnutjitsch? Ein andres Exempel!

ZYFIRKIN. Nun, schreibe. Für den Unterricht bekomm’ ich jährlich zehn Rubel.