Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen

Part 2

Chapter 23,699 wordsPublic domain

SOPHIE. Heute übrigens hat die Frau vom Hause zum erstenmal mir gegenüber einen andern Ton angeschlagen. Als sie erfuhr, daß mich der Onkel zu seiner Erbin eingesetzt, verfiel sie aus Grobheit und Zanksucht in kriechende Liebenswürdigkeit, und ich ersehe aus allen ihren Anspielungen, daß sie mich ihrem Sohne als Braut zugedacht hat.

MILON (ungeduldig). Und du hast ihr nicht alsbald deine vollste Verachtung ausgesprochen?

SOPHIE. Nein ...

MILON. Hast ihr nicht gesagt, daß dein Herz bindende Pflichten hat, daß –

SOPHIE. Nein ...

MILON. O, nun seh’ ich mein Verderben! Ich habe einen beglückten Nebenbuhler! ... Nun, ich zweifle ja gar nicht an seinen Vorzügen: er ist gewiß klug, aufgeklärt, liebenswürdig; aber daß er sich mit mir in meiner Liebe messen könnte –

SOPHIE (lächelnd). Gott, wenn du ihn sähest – du würdest rasen vor Eifersucht!

MILON (grimmig). Ich kann mir alle seine Vorzüge vorstellen!

SOPHIE. Nein, du kannst sie dir gar nicht alle vorstellen! Er zählt zwar erst sechzehn Jahre, hat jedoch schon die höchste Sprosse der Vollkommenheit erklommen und kann gar nicht mehr höher steigen.

PRAWDIN. Wie kann er nicht höher steigen, Fräulein? Er hat ja bald die Fibel ausgelernt und wird wohl alsbald zum Psalmbuch übergehen.

MILON. Von solcher Beschaffenheit also ist mein Nebenbuhler?! ... Ach, Sophie, warum quälst du mich, und sei’s auch nur im Scherz! Du weißt, wie einem Liebenden selbst der geringste Verdacht Leiden macht! ... Nun sage mir, was du ihr geantwortet hast. (In diesem Augenblick geht Skotinin nachdenklich über die Bühne, ohne von jemand bemerkt zu werden.)

SOPHIE. Ich sagte ihr, daß ich vom Willen des Onkels abhänge, daß er bald selber herkommen werde – was ich aus dem Briefe schließe, den (zu Prawdin) Sie dank dem Herrn Skotinin nicht haben zu Ende lesen dürfen.

MILON. Skotinin!

SKOTININ. Hier!

Dritter Auftritt.

DIE VORIGEN und SKOTININ.

PRAWDIN. Sie haben also gelauscht, Herr Skotinin? Das hab’ ich von Ihnen nicht erwartet!

SKOTININ. Ich ging zufällig vorbei und antwortete, da man mich anrief. Das ist so meine Art: wer „Skotinin!“ ruft, dem antwort’ ich „Hier!“ Ich habe in der Garde gedient und erhielt als Korporal meinen Abschied: rief man nun auf dem Versammlungsplatz laut: „Taras Skotinin!“ so brüllte ich: „Hier!“

PRAWDIN. Wir haben Sie nicht angerufen, und Sie können nun gehn, wohin Sie gehen wollten.

SKOTININ. Ich wollte nirgendhin gehn, ich schritt nur so in Gedanken auf und ab. Es ist so meine Art: sitzt mir mal ein Gedanke im Kopfe fest, so läßt er sich mit keinem Pflock austreiben – sitzt was drin, so sitzt es fest. Dann denk’ ich nur dieses Etwas und seh’ es im Traum wie in der Wirklichkeit und in der Wirklichkeit wie im Traum.

PRAWDIN. Und was beschäftigt Sie gegenwärtig?

SKOTININ. Ach, bester, teuerster Freund! Wunderdinge passieren mir. Meine Schwester ließ mich schnell – schnell aus meinem Dorfe herkommen – und wenn sie mich ebenso schnell aus ihrem Dorfe heimschickt, so kann ich vor der ganzen Welt mit reinem Gewissen behaupten: leer gekommen, leer zurückgekehrt.

PRAWDIN. Wie ich Sie bedauere, Herr Skotinin! Ihre Schwester spielt mit Ihnen wie mit einem Ball.

SKOTININ. Wie mit einem Ball? Gott schütze vor Unglück! Will ich doch selber sie so weit schleudern, daß das ganze Dorf sie eine ganze Woche lang umsonst suchen soll!

SOPHIE. Ach, wie Sie zornig sind!

MILON. Was ist Ihnen?

SKOTININ. Bitte urteilen Sie selbst – Sie sind ein vernünftiger Mensch. Also, meine Schwester hat mich herkommen lassen, damit ich heirate. Nun zieht sie sich zurück mit dem Vorwand: „Wozu brauchst du, Bruder, eine Frau, wenn du nur ein gutes Schwein hast.“ Nein, Schwester – ich will mir auch eigene Ferkel anschaffen! Auf _den_ Leim geh’ ich nicht!

PRAWDIN. Auch mir will es scheinen, Herr Skotinin, daß Ihre Schwester eine Heirat im Sinne hat, nur nicht die Ihrige.

SKOTININ. Mag sie doch – ich stehe keinem im Wege: heirate jeder seine Braut. Ich werde mich an einer fremden nicht vergreifen, aber auch Fremde sollen sich an der meinigen nicht vergreifen. (Zu Sophie.) Fürchte nichts, mein Schatz: niemand wir dich mir entreißen.

SOPHIE. Was soll das heißen?

MILON (aufschreiend). Welche Frechheit!

SKOTININ (zu Sophie). Nun, worüber bist du denn so erschrocken?

PRAWDIN (zu Milon). Wie kann man einem Skotinin zürnen!

SOPHIE (zu Skotinin). So ist es denn beschlossen, daß ich Ihre Frau werde?

MILON. Mit Mühe halt’ ich an mir!

SKOTININ. Niemand entgeht seinem Schicksal, mein Herz! Sünde ist’s, daß du wider dein Glück murrst. Das herrlichste Leben wirst du an meiner Seite haben. Zehntausend hast du Revenuen! Welch ein Glück! Eine solche Summe hab’ ich in meinem Leben nicht einmal gesehen! Donnerwetter, für dieses Geld kann ich mir ja alle Schweine auf der Welt kaufen! Ja, jeder Mund soll in die Trompete stoßen: bei Skotinin ist das Paradies der Schweine!

PRAWDIN. Wenn allein die Schweine bei Ihnen ein paradiesisches Leben führen, so wird Ihre Frau vor Ihnen und selbigen Schweinen wenig Ruhe haben.

SKOTININ. Wenig Ruhe? Ei, hab’ ich denn zu wenig Raum in meinem Hause? Sie soll für sich allein das Eckzimmer mit dem Divan haben! Freundchen, wenn schon jetzt jedes meiner Schweinchen einen besonderen Koben hat, so wird sich für meine Frau schon ein Zimmerchen finden.

MILON. Welch ein viehischer Vergleich!

PRAWDIN (zu Skotinin). Nichts wird daraus, Herr Skotinin. Ich will’s ihnen nur gerade heraus sagen: Ihre Schwester will Fräulein Sophie mit Mitrofan verheiraten.

SKOTININ (zornig). Was, wie? Der Neffe soll den Onkel ausstechen! Alle Rippen will ich dem Kerl eindrücken, sobald ich ihn sehe! Und ein Schweinesohn will ich sein, wenn ich nicht Sophiens Mann werde oder den Bengel zum Krüppel schlage!

Vierter Auftritt.

DIE VORIGEN. JEREMEJEWNA und MITROFAN.

JEREMEJEWNA. Du solltest doch ein ganz klein wenig lernen!

MITROFAN. Sprich noch ein Wort, alte Hexe, so will ich’s dir eintränken: werde mich wieder bei der Mutter beklagen, und sie wird dich, wie gestern, durchwalken!

SKOTININ. Komm mal her, Freundchen.

JEREMEJEWNA. Geh zum Onkel, Kind.

MITROFAN. Guten Tag, Onkel ... Was bist du so borstig?

SKOTININ. Mitrofan, blicke mir frei und gerade in die Augen.

JEREMEJEWNA. Thu’s, mein Süßer!

MITROFAN (zu Jeremejewna). Was ist denn der Onkel für ein Wundertier, daß ich ihn angucken soll?

SKOTININ. Noch einmal: blicke mir frei und gerade in die Augen!

JEREMEJEWNA. Erzürne doch den Onkel nicht! Sieh nur, mit welchen Glotzaugen er dich anstarrt! ... Nun, glotz ihn ebenso an! (Skotinin und Mitrofan blicken aufeinander mit weit aufgerissenen Augen.)

MILON. Das ist ein absonderliches Zwiegespräch!

PRAWDIN. Was es wohl für ein Ende nehmen wird?

SKOTININ. Mitrofan, dein Leben hängt an einem Haar. Sprich die volle Wahrheit! Wenn ich die Sünde nicht scheute, so würde ich, ohne weitere Worte zu verlieren, dich bei den Beinen packen und deinen Schädel an der Wand zerschmettern. Doch möchte ich nicht meine Seele verderben, indem ich einen Unschuldigen richte.

JEREMEJEWNA (zitternd). Wehe, er tötet ihn! Wehe meinem armen Kopfe!

MITROFAN. Bist du toll, Onkel? Ich habe keine Ahnung, wofür du über mich herfällst!

SKOTININ. Ich warne dich: leugne nicht, damit ich dir nicht im Jähzorn den Todesschlag versetze – deine Hände werden dich wenig schützen. Ich nehm’s auf mich und werde Rechenschaft geben Gott und Kaiser. Doch auch unschuldig nimm keine Schuld auf dich, um nicht unverdient geprügelt zu werden!

JEREMEJEWNA. Gott schütze vor unverdienten Prügeln!

SKOTININ. Möchtest du heiraten?

MITROFAN (schmachtend). Schon längst, Onkelchen ...

SKOTININ (stürzt auf Mitrofan). Ach, du verwünschter Racker!

PRAWDIN (Skotinin zurückhaltend). Herr Skotinin, keine Handgreiflichkeiten!

MITROFAN. Amme, decke mich!

JEREMEJEWNA (stellt sich vor Mitrofan, wütend mit erhobenen Fäusten). Krepieren will ich auf der Stelle, aber dem Kinde laß ich kein Haar krümmen! Komm du nur, die Augen kratz’ ich dir aus dem Kopfe!

SKOTININ (zitternd und mit der Faust drohend, ab). Ihr sollt an mich denken!

JEREMEJEWNA (ihm nach). Meine Krallen sind scharf genug!

MITROFAN (dem Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’ dich der Geier!

Fünfter Auftritt.

DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA und PROSTAKOW.

FRAU PROSTAKOWA (zum Mann). Lüg du nur! Bist zeitlebens ein Maulaffe gewesen!

PROSTAKOW. Er und Prawdin sind wie in die Erde gesunken! Bin ich schuld?

FRAU PROSTAKOWA (zu Milon). Ach, Herr Offizier! Ich habe Sie im ganzen Dorfe gesucht; mein Mann hat sich die Beine ablaufen müssen, um Ihnen meinen tiefsten Dank für das vortreffliche Kommando auszusprechen.

MILON. Wofür denn, gnädige Frau?

FRAU PROSTAKOWA. Wie denn, wofür? Ihre Soldaten sind prächtige Menschen: haben bis jetzt mit keinem Finger etwas angerührt. Zürnen Sie nicht, bester Herr, daß diese Mißgeburt (auf den Mann zeigend) mit seinem ewigen Gaffen Ihnen nicht wie nötig begegnet ist. Er war von Kindheit an ein Tölpel.

MILON. Bitte, nicht im geringsten –

FRAU PROSTAKOWA. Er ist manchmal wie vor den Kopf geschlagen – steht stundenlang mit starr aufgerissenen Augen. Was hab’ ich schon alles mit ihm versucht, was hat er alles von mir aushalten müssen – nichts wirkt auf seine dicke Haut. Und geht mal sein Klotzzustand vorüber, so beginnt er ein solches Blech zu schwätzen, daß man zu Gott fleht, er möchte ihn nur wieder vor den Kopf schlagen!

PRAWDIN. Sie wenigstens, gnädige Frau, können nicht über seinen Charakter klagen: er ist sanftmütig –

FRAU PROSTAKOWA. Wie ein Kalb, bester Herr, wie ein Kalb! Deshalb auch sind alle bei uns im Hause so verwöhnt. Denn um Strenge walten zu lassen und die Schuldigen gehörig zu bestrafen – dazu ist er zu dämlich! Muß alles selbst thun, lieber Herr. Vom Morgen bis zum Abend hat weder meine Zunge noch meine Hand einen Augenblick Ruhe: bald muß ich schimpfen, bald hauen; nur auf solche Weise kann ich das Haus halten.

PRAWDIN (für sich). Es wird bald anders gehalten werden.

FRAU PROSTAKOWA (zu Sophie). Habe die Zimmer für deinen lieben Onkel in stand gesetzt. Ach, wie möcht’ ich ihn sehen, den ehrwürdigen Greis! Ich habe viel Gutes von ihm vernommen. Selbst böse Menschen behaupten, er sei nur ein wenig griesgrämig, doch außerordentlich klug; wen er einmal liebt, den liebt er von ganzer Seele.

PRAWDIN. Und wen er nicht liebt, der ist ein schlechter Mensch. (Zu Sophie.) Ich selber habe die Ehre, Ihren Onkel zu kennen. Ich habe manches über ihn vernommen, das mir aufrichtige Hochachtung für ihn ins Herz flößte. Was man so seine Griesgrämigkeit, seine Grobheit nennt, ist nur der Eindruck seiner Geradheit. Nie im Leben hat seine Zunge „Ja“ gesagt, wenn seine Seele ein „Nein“ fühlte.

SOPHIE. Dafür hat er auch nur mit großer Mühe sein Glück machen können.

FRAU PROSTAKOWA. Gott segnet uns, indem er seine Bemühungen mit Erfolg segnete. Nichts wünscht’ ich sehnlicher als sein väterliches Wohlwollen für meinen Mitrofan! ... Sophiechen, mein Herz, willst du nicht des Onkels Zimmer in Augenschein nehmen? (Sophie ab; zu Prostakow.) Hast du schon wieder Maulaffen feil? Begleite sie, die Beine sind dir nicht abgefallen.

PROSTAKOW (im Fortgehen). Nicht abgefallen, jedoch eingeknickt.

FRAU PROSTAKOWA. Meine einzige Sorge, meine einzige Freude ist – Mitrofan. Ich habe gelebt, er muß erst leben und Mensch werden. (Hier erscheinen Kutejkin mit einer Fibel und Zyfirkin mit einer Schiefertafel und einem Griffel. Beide fragen durch Zeichen Jeremejewna, ob sie eintreten dürfen. Sie winkt herein, Mitrofan – heraus.) Nun, Gott wird wohl gnädig sein, wird ihn mit Glück segnen.

PRAWDIN. Sehen Sie sich um, gnädige Frau, was hinter Ihrem Rücken vorgeht.

FRAU PROSTAKOWA. Ach, das sind Mitrofans Lehrer; Ssidorytsch, Kutejkin –

JEREMEJEWNA. Und Pafnutjitsch, Zyfirkin.

MITROFAN (beiseite). Hole sie der Henker mitsamt der Jeremejewna!

KUTEJKIN. Frieden der Herrin dieses Hauses und viele Jahre des Wohlseins ihr, den Kindern und Angehörigen!

ZYFIRKIN. Wir wünschen Ew. Wohlgeboren Gesundheit auf hundert Jahre, und noch zwanzig, und noch fünfzehn!

MILON. Ei, das ist ja unsresgleichen, ist Soldat! Wie kommst du her, mein Freund?

ZYFIRKIN. Diente in der Garnison, Ew. Wohlgeboren, und bin nun verabschiedet.

MILON. Wie verdienst du dir denn dein Brot?

ZYFIRKIN. Es geht schon zur Not, Ew. Wohlgeboren. Ich habe einige Begriffe vom Rechnen und verdiene meinen Groschen von den Beamten der Rechnungsexpedition. Nicht jeden hat der liebe Gott mit Bildung gesegnet: da bittet mich denn so einer, ihm eine Rechnung zu kontrollieren oder die Summe zu ziehen. Solcherart verdien’ ich mein täglich Brot, sitze nie die Hände im Schoß. In meinen Mußestunden erteil’ ich Kindern Unterricht. So unterricht’ ich auch bei Ihro Gnaden: schon das dritte Jahr quälen wir uns mit den Brüchen ab, aber es will und will nicht recht kleben. Natürlich: ein Mensch ist nicht wie der andre.

FRAU PROSTAKOWA. Was quasselst du da, Pafnutjitsch, ich habe nicht recht gehört?

ZYFIRKIN. Ich erklärte Sr. Wohlgeboren, daß man manchem Klotz in zehn Jahren das nicht einkeilen kann, was ein andrer im Fluge erhascht.

PRAWDIN (zu Kutejkin). Und du, Kutejkin, bist du nicht gar ein Studierter?

KUTEJKIN. Bin ein Studierter, Ew. Wohlgeboren. In dem Seminarium der hiesigen Eparchie kam ich bis zur Sekunda, machte jedoch laut dem Willen Gottes Kehrtum. Darauf hab’ ich ins Konsistorium eine Bittschrift eingereicht, so da zu lesen stand: „Der und der Seminarist, Sohn eines Kirchendieners, bittet, aus Furcht vor den Abgründen der Kenntnisse, ihn vom Studium der Wissenschaften zu dispensieren.“ Worauf denn auch alsbald eine gnädige Resolution einlief des Inhalts: „Den und den Seminaristen von jeglichem Studieren zu befreien, denn es stehet geschrieben: Ihr sollt nicht die Perlen vor die Säue werfen, auf daß sie dieselbigen nicht zertreten mit ihren Füßen.“

FRAU PROSTAKOWA. Wo ist denn unser Adam Adamytsch?

JEREMEJEWNA. Bin auch zu ihm gegangen, habe aber mit Mühe auf den Füßen stehen können: ganz eingehüllt war er in Rauchwolken. Ich bin beinah’ von diesem verfluchten Tabak erstickt. Ist das eine Sünde!

KUTEJKIN. Hat nichts zu sagen, Jeremejewna! Im Tabakrauchen finde ich keine Sünde.

PRAWDIN (beiseite). Kutejkin will klugsprechen!

KUTEJKIN. In vielen Büchern ist’s gestattet. Im Psalter steht wörtlich: „Saat zu Nutz den Menschen.“

PRAWDIN. Und wo noch?

KUTEJKIN. Auch in einem andern Psalter stehen dieselben Worte. Unser Priester hat einen in Oktavformat, und auch dort steht’s.

PRAWDIN (zu Frau Prostakowa). Ich will beim Lernen Ihres Sohnes nicht hinderlich sein; ergebenster Diener.

MILON. Noch ich, gnädige Frau.

FRAU PROSTAKOWA. Wohin denn, meine Herrn?

PRAWDIN. Ich werde ihn auf mein Zimmer führen. Freunde, die sich lange nicht gesehn, haben einander vieles mitzuteilen.

FRAU PROSTAKOWA. Und wo werden Sie essen – mit uns oder auf Ihrem Zimmer? Am Familientische sitzen nur wir und Sophiechen –

MILON. Mit Ihnen, mit Ihnen, gnädige Frau.

PRAWDIN. Wir beide werden die Ehre haben. (Beide ab.)

Sechster Auftritt.

FRAU PROSTAKOWA, MITROFAN, JEREMEJEWNA, ZYFIRKIN und KUTEJKIN.

FRAU PROSTAKOWA. Nun, mein Herz, wiederhole wenigstens, was du das letzte Mal russisch gelesen.

MITROFAN. Wiederholen? Danke bestens!

FRAU PROSTAKOWA. Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer was zu. Das ist eine alte Wahrheit, mein Freund.

MITROFAN. Wahrheit! Du solltest doch noch ein paar Onkel herschleppen!

FRAU PROSTAKOWA. Wie, was?

MITROFAN. Das! Jeden Augenblick muß ich gewärtig sein, durchgehauen zu werden, und nach den Prügeln soll ich noch die Fibel vornehmen? Nein, dafür dank’ ich: da mach’ ich lieber ein Ende!

FRAU PROSTAKOWA (erschrocken). Was, was willst du machen? Komm zu dir!

MITROFAN. Der Fluß ist ja nicht weit von hier. Ein Sprung – und weg bin ich!

FRAU PROSTAKOWA (außer sich). Du tötest mich! Gott, mein Gott!

JEREMEJEWNA. Der Onkel hat ihn so eingeschreckt: fast hätte er sich dem lieben Jungen in die Haare gekrallt. Und das für nichts und wieder nichts.

FRAU PROSTAKOWA (grimmig). Nun?

JEREMEJEWNA. Er drang in ihn, ob er heiraten wolle –

FRAU PROSTAKOWA. Nun?

JEREMEJEWNA. Und der liebe Junge verheimlichte es auch gar nicht: ja, lieber Onkel, ich habe schon lange Lust. Da geriet der Onkel in gräßliche Wut und stürzte sich –

FRAU PROSTAKOWA (zitternd). Nun ... und du, Bestie, bist zum Klotz geworden, hast dich dem Bruder nicht in die Fratze eingekrallt, hast ihm das Maul nicht bis an die Ohren aufgerissen –

JEREMEJEWNA. Ich wollte schon ... ich wollte, aber –

FRAU PROSTAKOWA. Aber ... Nicht wahr, es ist nicht dein Kind, Ungeheuer?! Du würdest es zu Tode schlagen lassen –

JEREMEJEWNA. Ach du grundgütiger Gott! Wäre er nicht in demselben Augenblick fortgegangen, so würde ich mich auf ihn gestürzt haben: stumpf ließe ich diese (zeigt auf die Nägel) werden, und auch die Zähne würde ich nicht schonen.

FRAU PROSTAKOWA. Alle seid ihr dienstfertig in Worten, ihr Kanaillen, wenn’s aber ans Handeln kommt –

JEREMEJEWNA (weinend). Ich bin nicht dienstfertig?! Da weiß ich nicht mehr, wie ich noch eifriger dienen soll ... gern würd’ ich ... der eigene Leib wird nicht geschont ... und immer kein Dank –

KUTEJKIN. Sollen wir heimkehren? } (Zusammen.) } ZYFIRKIN. Wohin lenken wir unsre Schritte, Ew. } Wohlgeboren? }

FRAU PROSTAKOWA. Und du heulst noch alte Hexe?! ... Geh, füttre sie ab und komme nach dem Essen sofort her. (Zu Mitrofan.) Komm mit mir, mein süßes Leben. Jetzt lass’ ich dich nicht aus den Augen ... Komm nur, ein Wörtchen will ich dir zuflüstern, daß dir von neuem das Leben lächeln soll. Nicht ewig, mein Herz, nicht ewig wirst du lernen: soviel verstehst du schon, Gott sei Dank, da du auch selber Kinderchen zeugen kannst! (Zu Jeremejewna.) Den Bruder will ich anders vorkriegen, als du es gethan. Die ganze Welt soll sehen, was eine Amme und was eine Mutter ist! (Ab mit Mitrofan.)

KUTEJKIN. Dein Leben, Jeremejewna, ist die wahre Hölle! Komm mal lieber zu Tisch und trink vor Kummer ein Gläschen.

ZYFIRKIN. Und dann das zweite – da haben wir gleich eine Multiplikation.

JEREMEJEWNA (weinerlich). Der Teufel wird mich schon nicht holen. Vierzig Jahre dien’ ich bereits, aber der Dank ist immer derselbe!

KUTEJKIN. Und wie hoch beziffert sich dieser Dank?

JEREMEJEWNA. Fünf Rubel jährlich und fünf Kopfnüsse täglich. (Kutejkin und Zyfirkin führen sie unter den Armen fort.)

ZYFIRKIN. Bei Tisch wollen wir’s ausrechnen, wieviel’s im Jahr ausmacht.

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

STARODUM und PRAWDIN.

PRAWDIN. Kaum war ich vom Tische aufgestanden, kaum ans Fenster getreten, so erblickte ich Ihren Wagen und eilte, ohne ein Wort verlauten zu lassen, Ihnen entgegen, um Sie von ganzem Herzen zu umarmen. Die Hochachtung, die ich Ihnen zolle –

STARODUM. Ich weiß sie zu schätzen, glaub es mir.

PRAWDIN. Ihre Freundschaft ist für mich um so schmeichelhafter, als Sie diese nur denen bieten –

STARODUM. Die so sind wie du. Ich spreche gerade heraus. Beginnt die Konvenienz, hat die Aufrichtigkeit ein Ende.

PRAWDIN. Ihre Art –

STARODUM. Sie wird von vielen verspottet, ich weiß es. Mag’s! Mein Vater hat mir die Erziehung seiner Zeit gegeben, und ich hab’ es nicht für nötig befunden, mich umzuerziehen. Er diente Peter dem Großen. Damals wurde der Mensch „du“ genannt und nicht „Sie“; damals machte man die Leute nicht hochmütig, so daß sich einer für viele hielt. Dafür auch sind heutzutage viele eines einzigen nicht wert. Mein Vater hat am Hofe Peters des Großen –

PRAWDIN. Ich hörte, daß er im Militärdienst stand.

STARODUM. Damals waren die Höflinge Krieger und die Krieger keine Höflinge. Die Erziehung, die mir mein Vater gegeben hat, war für jene Zeit eine vorzügliche. Damals war die Unterrichtsmethode keine komplizierte, und man verstand noch nicht die Kunst, einen leeren Kopf mit fremdem Verstande anzufüllen.

PRAWDIN. Die damalige Erziehung wurzelte in der That in einigen Grundsätzen –

STARODUM. In einem. Mein Vater wiederholte mir beständig nur: „Habe ein Herz, habe eine Seele, und du wirst zu jeder Zeit ein Mensch sein. Alles übrige unterliegt der Mode: Verstand und Kenntnisse sind Modeartikel wie Schnallen und Knöpfe.“

PRAWDIN. Sie sprechen wahr. Die Hauptzierde des Menschen ist die Seele.

STARODUM. Ja, ohne Seele ist der aufgeklärteste, klügste Mensch ein trauriges Geschöpf, und ein ungebildeten beschränkter Mensch – ein Tier. Das Geringste kann ihn zum Verbrecher machen. Zwischen seiner That und dem Zwecke dieser That gibt’s keine Wage. Und von solchen Tieren will ich jemand befreien, der –

PRAWDIN. Ihre Nichte ist. Ich weiß es. Sie ist hier; gehen wir.

STARODUM. Warte. Mein Herz kocht noch vor Zorn gegen dies unwürdige Gebahren dieser Menschen. Bleiben wir darum einen Augenblick. Ich halte mich an den Grundsatz: nie muß der erste Trieb eine sofortige Handlung zur Folge haben.

PRAWDIN. Nur selten verstehen andre diesen Ihren Grundsatz zu befolgen.

STARODUM. Meine Lebenserfahrungen machten ihn mir zur Gewohnheit. O, wenn ich früher die Selbstbeherrschung gekannt hätte – ich würde noch länger das Glück gehabt haben, dem Vaterlande zu dienen!

PRAWDIN. Wie das? Die Erlebnisse eines Mannes von Ihrer Gesinnungsart müssen für jedermann von Interesse sein. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir erzählen wollten –

STARODUM. Ich verhehle sie vor keinem, damit andre in ähnlicher Lage weiser handeln, denn ich es gethan. Als ich im Militärdienst stand, machte ich die Bekanntschaft eines jungen Grafen, dessen Namen sogar ich vergessen möchte. Im Dienst war er jünger als ich, war der Sohn eines Parvenüs, in der großen Welt erzogen und hatte Gelegenheit gehabt, das zu lernen, was in den Kreis unsers Unterrichts noch gar nicht aufgenommen war. Ich wandte alle Mühe an, mir seine Freundschaft zu erwerben, um durch beständigen Umgang mit ihm die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen. In derselben Zeit, da unsre Freundschaft sich festigte, erfuhren wir, daß der Krieg erklärt sei. Freudestrahlend stürzte ich in des Freundes Arme. „Lieber Graf – hier bietet sich Gelegenheit zur Auszeichnung! Treten wir sofort in die Armee, daß wir würdig werden des Adeltitels, den uns die Geburt verliehen!“ Da furchte sich seine Stirn, trocken umarmte er mich und sagte: „Glück auf den Weg; ich aber schmeichle mir mit der Hoffnung, daß mein Vater sich von mir nicht wird trennen wollen.“ Nichts kommt der Verachtung nahe, die ich in jenem Augenblick für ihn empfand. Hier erst sah ich, daß zwischen dem Parvenü und dem verdienten Manne ein unermeßlicher Unterschied besteht, daß es in der großen Welt sehr kleinliche Seelen gibt, und daß man sehr aufgeklärt und gleichzeitig verächtlich sein kann.

PRAWDIN. Sie haben vollkommen recht.

STARODUM. Ich verließ ihn und begab mich sofort dahin, wohin mich die Pflicht rief. Mehrfach hatte ich Gelegenheit, mich auszuzeichnen – meine Narben beweisen, daß ich dieselbe nicht unbenutzt habe vorbeigehen lassen. Die gute Meinung, welche die Vorgesetzten und Soldaten von mir hatten, war mir ein schmeichelhafter Lohn für meine Dienste. Da erfuhr ich, daß der Graf, mein ehemaliger Freund – dessen ich mich schämte zu gedenken – im Range gestiegen, ich jedoch umgangen sei, ich, der damals an Wunden schwer darniederlag! Eine solche Ungerechtigkeit zerfleischte mein Herz, und ich nahm meinen Abschied.

PRAWDIN. Was auch hätten Sie anderes thun können?

STARODUM. Ruhigen Blutes überlegen! Doch ich verstand es nicht, mich gegen die ersten Antriebe meines gekränkten Ehrgeizes zu wehren. Mein erhitzter Kopf vermochte damals nicht einzusehen, daß ein wahrhaft ehrgeiziger Mensch der Sache zuliebe, nicht des Ranges wegen, streben muß; daß die Rangerhöhung oftmals erbettelt wird, die echte Auszeichnung jedoch verdient werden muß; daß es viel ehrenhafter ist, schuldlos übergangen, als verdienstlos ausgezeichnet zu werden.

PRAWDIN. Darf denn ein Adeliger in keinem Falle seinen Abschied nehmen?