Der Krieg im Westen

Part 8

Chapter 83,718 wordsPublic domain

Ich beginne von gleichgültigen Dingen zu sprechen, um ihn abzulenken, von Marseille, von den südlichen Provinzen Frankreichs, aber in den nächsten Minuten sind wir von selbst wieder beim Krieg und der Politik angelangt. Es geht nicht anders. Unsere Debatte wird lebhafter. Langsam finde ich mich in seinen Zügen zurecht. Ich taste mich zu seinem früheren Gesicht durch, wie es aussah, bevor er mit Gewehr und Spaten arbeiten lernte. Es ist weniger das Gesicht eines außergewöhnlich klugen, als vielmehr eines aufrichtigen Menschen.

„Glauben Sie,“ frage ich ihn, „daß das Verhältnis zwischen dem deutschen und dem französischen Volk in absehbarer Zeit wieder freundschaftliche Formen wird annehmen können?“

Er schüttelt den Kopf und verzerrt die Lippen. „Nein,“ sagt er, „ich glaube es nicht, leider. Ich kenne Deutschland, ich war in Stuttgart, München, Dresden. Aber nein. Jahre, Jahre wird es dauern.“

„Veröffentlicht Ihre Regierung noch immer keine Verlustlisten? Wie kommt es, daß Frankreich sich so etwas gefallen läßt?“

„Man klagt viel darüber. Aber man hat sich damit abgefunden. Es ist ein Opfer wie manches andere, aber das französische Volk ist bereit, dieses Opfer zu bringen.“

„Und wie ist die Stimmung im allgemeinen? In Paris? Im Volk?“

Er bleibt stehen. „Die Stimmung? Paris? Ich bin seit dem Januar nicht wieder nach Paris gekommen. Seit ich an der Front bin, seit vier Wochen habe ich überhaupt nichts mehr gehört. Wir werden hin und her geworfen und sind seit Wochen ohne jede Verbindung mit der Heimat. Ich weiß nicht, was in den letzten vier Wochen vor sich ging, von rein kriegerischen Ereignissen abgesehen. Ich weiß nur, daß unser Volk mutig ist und unerhörte Opfer bringt, weil es sein muß. Auch bei Ihnen zu Hause wird die Stimmung ja keineswegs rosig sein, wir haben den Feind im Lande, wir leiden mehr unter dem Krieg, das ist nur natürlich. Dieser Krieg hat Frankreich sehr unglücklich gemacht, ich brauche Ihnen das nicht erst zu sagen. Die Stimmung bei uns, mein Herr, soweit ich urteilen und beobachten kann, ist – nun, sie ist keineswegs glücklich.“

Eine Viertelstunde später stehe ich vor einem gefangenen französischen Offizier. Er ist rasiert, gewaschen und gebürstet, ein schöner junger Mann mit edel gezeichnetem Gesicht und klaren, klugen Augen. Man erzählte mir, daß er sich hervorragend geschlagen habe.

Klar, ohne Pose, ohne den leisesten Verdacht von Hochmut und Provokation, im schlichtesten und natürlichsten Ton der Welt versichert mir dieser Offizier: „Die Stimmung in Frankreich ist ausgezeichnet. Nie war sie besser. Wir werden uns bis zum letzten Mann schlagen. Vergessen Sie nicht, mein Herr, daß unser Heer nicht mehr jenes vom Anfang des Krieges ist. Es ist reformiert, es wird besser mit jedem Monat!“

Die Grabenkämpfe bei Souchez

Im Juni

Ich habe sie gesehen und gesprochen, sie, die sich da draußen schlagen, in den Gräben von Souchez. Sie sind in Ruhe. Heute nacht müssen sie wieder hin. Die Straßen und Wege liegen nachts unter Feuer. Die Granaten krachen und flammen wie Höllengeister. Da müssen sie hindurch. Dann sind sie in Souchez. Was ist Souchez? Es ist ein Nest, ein Dorf, das niemand kannte und das nun viele nie mehr vergessen können. Es ist gezeichnet für immer, wie Gravelotte und Wörth. Wenn die Hölle Buch führt, so wird sie auch den Namen Souchez eingetragen haben, denn er kann sich sehen lassen neben den andern.

Souchez ist heute zusammengeschossen. Die Häuser verließen ihren Platz und sprangen auf die Straße. Man räumt die Trümmer zur Seite, aber es sind immer wieder neue Trümmer da. Durch Souchez fließt ein Bach, der Carencybach. Die Granaten haben sein Bett zerwühlt, durch das er hundert Jahre lang und länger friedlich rieselte und gluckste, sie haben die Ufer zerstampft, so daß er verzweifelt sein Bett verließ und sich einen neuen Weg durch die Granattrichter suchte. Trüb und lehmig ist er geworden. Er verbirgt seine Geheimnisse.

Sind die Grauen durch den Schlamm gewatet, so sind sie noch lange nicht da. Die Gräben liegen ein paar hundert Meter ab vom Dorf. Hier liegt ein Feuerriegel. Die Erde öffnet sich und speit haushoch Feuer und Qualm. Da müssen sie hindurch! Hier gibt es keine Annäherungsgräben, er da droben auf der Lorettohöhe läßt es nicht zu. Übers freie Feld heißt es hier und hinein in den Graben. Nun erst sind sie da!

Aber vorläufig haben sie noch ein paar Stunden Zeit und machen sich keine Gedanken. Sie sind alle sauber gewaschen und gebürstet, braun wie Nüsse, und die Hitze schält ihnen die Haut von Nase und Ohren. Ihre Uniformen sind eine Geschichte für sich. Sie waren alle einmal grau, nun aber sind sie verschossen, ausgewaschen und ausgeschwefelt. Bei Gott, man sieht es ihnen an, daß sie nicht in der Etappe saßen! Der rote Streifen der runden Mützen ist mit grauem Tuch vernäht, die Mützen sitzen alle tief in der Stirn, so gehört es sich. Es sind Grabenleute. Der Feldwebel aber sieht aus, als käme er gerade vom Schneider. Kein Flecken. Seine Hände sind gepflegt, und mit dem spitzen Nagel des kleinen Fingers zeigt er mir auf der Karte ihre Stellung. Vielleicht war er in seinem früheren Leben Lehrer oder Kaufmann, ich weiß es nicht. Er ist jetzt Soldat, und er ist so sehr Soldat, daß ich ihn zu fragen vergaß.

„Hier also ist unsere Stellung. Dieser Graben.“ Es ist ein rechter Winkel, und sein Fingernagel deutet auf den der Lorettohöhe zugewandten Schenkel. „Wir bekamen schweres Artilleriefeuer, Wirbelfeuer, den ganzen Tag über lag es auf dem Graben. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends. Achtundzwanziger! Der Graben sah aus, als wenn ein Dampfpflug ihn eingeebnet hätte. Wir sahen nichts mehr und wir hörten nichts mehr. Wir hatten natürlich Verluste. Anders geht es nicht. Zurück gibt es nicht! Eine 28er schlägt neben mir ein, jagt in die Höhe. Es ist nicht so schlimm. Der Graben ist zugeschüttet. Auch ich bin verschüttet. (Er war also verschüttet, aber keinem seiner Fingernägel hat es etwas getan!) Niemand glaubt, daß noch ein menschliches Wesen im Graben existieren kann. Um neun Uhr springt das Feuer zurück, hinter den Graben, damit keine Reserven herankommen können. Aha! Es geht los! Unser Leutnant, noch keine neunzehn Jahre alt, schreit. Es ist wie in einem Ameisenhaufen. Überall krabbelt es. Sie kommen alle heraus. Die meisten Gewehre sind unbrauchbar geworden. Also Handgranaten. Die Franzosen kommen heran. Es fällt hier ziemlich ab, und sie kommen rasch herunter. Die Handgranaten fliegen. Wir stehen hier, in den Granatlöchern, und der Rauch ist so dick, daß keiner den andern mehr sieht. Eine neue Kolonne stürmt. Sie denken, wir sind erledigt, aber wir, wir schreien Hurra! Wir brüllen und johlen, ja wir jodeln und lachen. Da stutzen sie doch. Nun aber sehe ich, daß sie von da her kommen, sehen Sie!“ Er deutet auf den Scheitelpunkt des Winkels. Hier stoßen die beiden deutschen Gräben zusammen, rechtwinklig, der Schenkel zur Lorettohöhe und der Schenkel gegen die Zuckerfabrik. Man darf aber nicht glauben, daß es mit dem Scheitelpunkt zu Ende ist! Dort ist eine Barriere, und dahinter setzt sich der Graben fort. Dieser Abschnitt gehört den Franzosen. So ist es hier! Aber, wie gesagt, aus diesem Abschnitt klettern die Franzosen heraus. Er sieht sie, im Rauch, wie sie herausquellen ...

‚Ein Mann vor mit Handgranaten!‘

Nun, ein Mann geht vor, zum Scheitelpunkt, und wirft Granate um Granate in die herausquellenden Franzosen.

„Wer war es doch gleich? Ist er nicht hier?“

„Ich war es.“

„Na, dann erzähle du!“

Es ist ein schlesischer Landwirt, ein Bauer, und seine Uniform ist olivengrün geworden da draußen.

„Ja, also, ich nehme den Arm voll Handgranaten und pfeffere hinein, wie es eben trifft. Sobald sie wiederkommen, schmeiße ich. Dann bin ich fertig mit den Handgranaten, und nun heißt es: fort! Ich laufe quer über das Feld, ohne jede Deckung. Sie schießen hinter mir her, sie treffen mich aber nicht. Ich springe hinten in den Graben.“

Gut hat er seine Sache gemacht, man muß es ihm lassen! Hoffentlich bekommt er das Kreuz! Er erzählt schlecht, er stottert, er schämt sich, zu berichten, was er tat, weil alle ihn ansehen und grinsen.

„Na, nun war nichts mehr zu machen. Nun kamen sie.“ Der Feldwebel mit den gepflegten Fingernägeln und blanken Augen blickt sich im Kreise um. „Wer hat übrigens das Grabenstück besetzt gehabt? War das nicht die –?“

„Wir!“ Ein junger Bursche mit runden Augen, knapp zwanzig, die Mütze bis zur Nasenwurzel, Flaum auf den braunen Backen, tritt vor.

„Warum habt ihr das Grabenstück geräumt? Ihr habt ja das Loch aufgemacht!“ Die Augen des jungen Feldwebels blicken vorwurfsvoll auf den Bauernjungen.

Der Bauernjunge bekommt einen roten Kopf. Er ist Soldat und hat seine Ehre. „Wir waren zusammengeschossen, Herr Feldwebel. Der Graben war – es war überhaupt nichts mehr da.“

Der Feldwebel wird spöttisch. „Aber das ist doch kein Grund zurückzugehen?“

„Wir waren nur noch zwölf. Wenn wir so viel waren.“

„Zwölf? Ja, wieviel glaubt ihr denn, daß wir waren? Wenn ihr natürlich gleich das Loch aufmacht –?“

„Wir hatten Befehl –“

„Na, schön. Bei uns gibt es das nicht. Also nun kamen sie, durch das Loch, das die da (!) aufmachten – nun kamen sie also. Sie kamen ganz langsam daher. Sie dachten, die Sache ist in Ordnung und es ist weiter nichts zu tun. Aber unser Leutnant sagt sich, na, wartet mal, ihr Kerle! Acht Mann mit Gewehr hinaus aus dem Graben! Hinaus aufs Feld. Sie klettern und rutschen also raus und schwärmen aus und setzen sich in Granatlöcher und fangen an zu feuern. Die Franzosen kommen in so dichten Reihen daher, daß jeder Schuß treffen muß. Eine Schwarmlinie und eine Sturmkolonne. Sie haben furchtbare Verluste, denken Gott weiß, wieviel da feuern, und gehen zurück. Ja, so wurde das gemacht. Bei uns verliert man nicht gleich den Kopf. Es waren also, wie gesagt, nur sechs oder acht Mann. Dann kamen ein paar mehr aus dem Graben. Unterdessen hielten wir aber den Angriff von vorn ab. Sie wären uns in den Rücken gekommen, ja, sie waren schon im Rücken ... Maschinengewehre bauten sie schon auf.“

„Na, also jetzt, weiter unten. Wie war es denn da weiter unten? Wer war da weiter unten?“

Er meint in dem Graben gegen die Zuckerfabrik, der sich weiter entfernt von dem durchbrochenen Grabenstück befand.

„Ich!“ Ein Polacke, Unteroffizier, mit grünen Augen tritt auf.

„Ihr habt den Graben gehalten?“

„Haben wir gehalten, Herr Feldwebel, jawohl. Haben wir bis zuletzt gehalten.

Haben wir Feuer gehabt, den ganzen Tag. Haben wir gesessen und gewartet. Graben ganz kaputt. Sind die Franzosen gekommen. Haben wir sie gesehen kommen durch den Rauch. Haben wir geschossen, bis Gewehr heiß war. Haben wir in Flanke geschossen. Haben wir Barrikade gebaut, daß Franzose nicht hereinkam zu uns. Haben wir Handgranaten geworfen. Hin und her. So sind sie geflogen, immerzu, daß Stiele in der Luft tanzen, so. Alles Rauch. Ist Morgen gekommen. Hat Franzose einen Graben gebaut, so, hier hat er gebaut, quer.“

Die Franzosen, heißt das, haben einen Graben vorgetrieben, der senkrecht stand zu dem Graben des Polacken, von dem eroberten Grabenstück aus, und im Rücken des Grabens lief, den der junge Feldwebel mit den blanken Augen hielt.

Der Polacke fährt fort: „Haben wir gesagt, Franzose hat Graben gebaut. Haben wir Handgranaten geworfen, immerfort. Wenn wir was sehen, daß Sand aufgeschüttet wird, warfen wir gleich. Plötzlich bekommen wir Feuer von Granaten. Ein paar Stunden lang, gleich furchtbares Feuer. Die Sandsäcke fliegen. Ich war gar nicht mehr zu sehen! (Grinsen ringsum!) Plötzlich bekommt auch er Feuer. Artillerie schießt in seinen Graben, wo er gebaut hat in der Nacht. Jeder Schuß mitten im Graben! Jeder! Habe ich gesehen! Französische Artillerie schießt auf unseren Graben, unsere Artillerie schießt auf französischen Graben. Wie weit? Nicht hundert Meter! Der Fähnrich wird verwundet. Sagt: Unteroffizier, übernehmen Sie den Zug! Wie komm ich dazu, den Zug zu übernehmen? (Grinsen ringsum!) Nu, gut, ich übernehme Zug. Ein Volltreffer nach dem anderen in französischen Graben. Die Franzosen kommen näher her zu uns. Wollen Schutz suchen. Ich steh ganz vorn. Jeden einzelnen seh ich. Peng! Weg! Sie flüchten vor deutschen Granaten, kommen näher. Peng! Seh ich einen, trägt Verwundeten auf dem Rücken. Peng! Beide fallen sie. Sandsäcke fliegen. Peng! Handgranaten. Franzosen kriechen aus dem Graben. Wir schießen. Kommt die Nacht. Schweres Artilleriefeuer auf uns. Seh ich in der Nacht Franzosen schleichen. Ganz deutlich. Leuchtrakete geht hoch, sehe ich sie kommen. Sie kommen nicht diesen Weg, diesen Weg kommen sie –“

Er deutet auf die Karte.

„Welchen Weg?“

„Diesen Weg!“

„Das ist ja Blödsinn!“ Man hört sofort, daß der nüchterne Feldwebel spricht!

Der Polacke wird unsicher, gibt nach. „Diesen Weg, ja. Wir schießen. Ich höre sie röcheln und schreien. Einer ruft. Ganz nahe. Ich verstehe nicht, was er will. Was soll ich tun? Soll ich hinaus, ihn holen? Ich denke, vielleicht macht er uns Schwierigkeiten (!) und werfe Handgranate. Am Tag sehe ich ihn, es war ein Schwarzer. Er war tot. Am Morgen wieder Granaten. Eine neben die andere. Wir müssen zurück –.“

„Was müßt ihr –?!“ Der Feldwebel, der das Zurückgehen nicht schmecken kann!

„Wir waren nur noch _vier_, Herr Feldwebel –.“

Wem gehörte nun der Graben? Den Franzosen oder den tapferen Grauen? Das ist die Frage. Die Wahrheit aber ist die: er gehörte niemand.

Ein anderer Grauer tritt vor, der zuweilen blinzelt und einen eigentümlichen scharfen Blick hat. „Ich bin heute nacht draußen gewesen,“ sagt er, „ich sollte nachsehen – Befehl. Ich kam durch den Bach und kroch über das Feld. Es ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Ich steige in den zerschossenen Graben. Niemand ist hier. Tote. Sandsäcke und zerschlagene Gewehre. Aber kein Mensch. Ich gehe bis hinauf in die französische Sappe und hier liegt alles voller Leichen, kein lebendes Wesen. Der Franzose hat den Graben geräumt. Daraufhin haben wir ihn wieder besetzt.“ –

So geht es also dort zu, in den Gräben bei Souchez, wohin sie heute nacht wieder gehen müssen. Ich habe die tapferen Grauen selbst sprechen lassen, denn sie erzählen zehnmal besser, als ich es je könnte.

Der Kirchhof von Souchez

Im Juli

Der Oberst ist ein großer, breitschulteriger Mann mit ernsten, nachdenklichen Zügen. Er trägt die Verantwortung für viele tausend Männer, und das Gewicht auf seinen Schultern ist nicht leicht. Es könnte ja sein, daß einer, einer seiner Feldgrauen des Nachts im Schlafe zu ihm käme und fragte: Oberst, warum hast du nicht an mich gedacht? – Für jeden einzelnen der Grauen, die aus allen Teilen des Reiches stammen, muß er Sorge tragen wie ein Vater. Es ist fast zu viel für einen Mann, der sich der Größe seiner Pflicht klar bewußt ist.

Liebenswürdig begrüßt er mich in der Halle seines Quartiers, aber der Ernst weicht nicht aus seinem starken, wetterbraunen Gesicht. Er sagt: „Wir haben heute nacht angegriffen. Der Ausgang des Gefechts ist noch nicht bekannt.“

Es ist der Angriff auf den Kirchhof von Souchez. Es ist neun Uhr. Noch nichts bekannt? Wird noch gekämpft, wie fielen die Würfel? Nur wer weiß, wie es dort zugeht, was es mit diesen Grabenkämpfen bei Souchez auf sich hat, kann begreifen, daß noch keine Nachricht eingelaufen ist. Dort gibt es keine Gräben mit elektrischem Licht und einer Telephonleitung, durch die man ohne jede Mühe glatt mit Berlin sprechen kann. Die Drähte werden in jeder Nacht ein paarmal entzweigeschossen. Die Gräben sind zusammengetrommelt. Es kann sein, daß zehn Leute einen Granattrichter halten, mit einem Maschinengewehr, oder nur mit Gewehren, oder nur mit Handgranaten, daß sie, sage ich, dieses Erdloch halten, vierundzwanzig, achtundvierzig Stunden, bis Verstärkung kommt oder eine Sappe zum Trichter vorgetrieben werden konnte. So sieht es dort aus. Es ist unmöglich, den Kopf herauszustrecken, geschweige denn den Graben zu verlassen, um Nachricht zu geben.

Souchez ist eine böse Ecke. Unsere Stellungen umklammern es in weitem Bogen, und die Regimenter sind entschlossen, diesen Bogen, diesen Riegel, zu halten. Keinen Meter Boden soll der Franzose haben! Zudem böte der Besitz von Souchez den Franzosen noch größere Vorteile der Beobachtung, als sie sie jetzt schon mit der Lorettohöhe besitzen. Ich war oben im Fesselballon und habe es mit eigenen Augen gesehen: flach wie eine Pfanne läge die Ebene dann vor ihnen. Um jede kleine Bodenwelle wird dort gekämpft, um jedes Gebüsch, um jeden Straßengraben. Der Franzose weiß recht wohl, was er will, und macht einen Vorstoß nach dem andern. Es war ihm auf Tage gelungen, sich da und dort in unserm Bogen festzusetzen. Südlich von Souchez, gegen Givenchy zu, hatte er seine Stellungen vorgeschoben (das sogenannte große Franzosennest), im Kirchhof hatte er sich festgebissen und westlich von Souchez, gegen die Zuckerfabrik und Lorettohöhe, hatte er sich vorgewühlt (das kleine Franzosennest).

Hin und her geht der Kampf um zerstampfte Gräben und Granattrichter. Dieser Kirchhof von Souchez, wohlverstanden, ist über seine Ufer getreten, genau wie der Carency-Bach, seine Mauern sind gefallen und er wächst und wächst.

Zwischen dem 21. und 24. Juni wurde das „große Franzosennest“ ausgehoben. Es waren wütende Nachtkämpfe! Der Angriff wurde von allen Seiten durch Sappen vorgeführt und das tiefeinschneidende Franzosennest abgeschnürt. Damit war das große „Franzosennest“ erledigt. Ein großer Erfolg! Ein paar Tage später – ich spreche hier nur von größeren Kämpfen, gekämpft wird hier Tag und Nacht! – griffen die Franzosen wütend unsere Gräben bei der Zuckerfabrik an. Aber unsere Grauen warfen sie zurück, so oft sie kamen. Die Kämpfe wurden rasender und rasender. Am siebenten verschwanden unsere Grauen unter einem Hagel von Stahl. Es half nichts, sie mußten zurück und die Franzosen besetzten 800 Meter zusammengetrommelte Gräben. Am achten warfen unsere Grauen sie wieder hinaus, räumten Gräben und Sappen und Trichter bis auf ein Grabenstück von 150 Metern, das der Franzose halten konnte. Die Gräben waren Ketten von Granattrichtern geworden, man wußte oft nicht, saßen Franzosen im Trichter drüben oder die Unsrigen. Um die 150 Meter wird seitdem erbittert gekämpft, hin und her, Vorstoß auf Vorstoß. Zäh und toll schlägt sich der Gegner. Die Handgranaten fliegen hinüber, herüber ...

In der Nacht vom 11. auf den 12. kam der Kirchhof an die Reihe.

Ich habe im Tagebuch eines Gefangenen geblättert. Der letzte Eintrag lautet: „Heute ist mein Geburtstag. Wir liegen im Kirchhof von Souchez, die Granaten schlagen ein und die Kreuze und Marmorblöcke und Gerippe fliegen nur so in der Luft herum. Diesen Geburtstag werde ich nie vergessen, solange ich lebe.“ Ein hübscher Geburtstag, alle Wetter! Es ist ja immerhin schon merkwürdig, seinen Geburtstag auf einem Kirchhof zu verbringen, aber auf einem Kirchhof unter Granatfeuer, das ist eine Sache, die nicht oft vorkommt.

Es sind unsere Granaten, die, wie man aus dem zerweichten, verblaßten Tagebuch des _piou-piou_ ersehen kann, den Tanz eröffnen. Sie kommen in ganzen Schwärmen an, in Schwärmen heulender und zischender Geister, die aus der Luft stürzen, auf die feindlichen Gräben. Sie krachen, der Kirchhof erbebt bis hinab zu den Särgen. Schwarze und rostbraune Wolken wälzen sich zwischen den Grabsteinen. Die Steine fliegen in die Luft, die Blechkränze und Holzkreuze. Es wird Ernst, kein Zweifel! Bis hinab zu den Särgen fressen sich die Granaten. Nun kommen die Bretter. Die Toten da unten hören nichts, sie liegen in tiefem, tiefem Schlaf. Aber dann kommen sie doch herauf, selbst die Toten erweckt dieser Lärm. Sie kommen herauf, um nachzusehen, was es gibt. Das Jüngste Gericht, ist das Jüngste Gericht gekommen? Konnten die Lebenden, diese Toren, die das Geheimnis und die Weisheit da unten unter der Erde nicht ahnen, konnten sie sich nicht einen andern Ort aussuchen, wenn sie etwas unter sich auszumachen hatten? Schrecklich, dreimal schrecklich eine Welt, in der man selbst im Sarge nicht zur Ruhe kommt! Die Gerippe, die sich zwischen den Grabhügeln und Blechkränzen aufrichten, zerstieben. Weg damit! Der Granate ist der Tote im Weg, sie sucht den Lebendigen und sie wiehert über die anmaßende Philosophie der Skelette. Weg, fort! Sie hat nur einen schrecklichen Willen: zu töten!

Gespenster aus der Erde, Geister aus der Luft, es ist kein Wunder, daß das Herz des tapferen Franzosen schlägt.

Seine Leuchtraketen steigen. Hilfe! Seine Granaten tasten nach unsern Gräben. Unsicher. Er kann das Feuer nicht mehr dirigieren. Es ist Nacht. Der Sturm bläst und die Bäume rauschen, bis die Granate sie zerschmettert. Seine Leuchtkugeln steigen verzweifelt. Hilfe, Hilfe! O, jawohl, seine tapferen Kameraden, glaubt es mir, sie würden nicht zögern zu kommen, wenn sie könnten. Aber sie können nicht! Der ernste und nachdenkliche Oberst hat alles mit schrecklicher Genauigkeit vorbereitet, denn er denkt für seine Söhne. Es liegt Sperrfeuer auf den Verbindungswegen der Franzosen, furchtbares Feuer, nicht einmal ein Engel, ein unverwundbarer Engel käme durch den Feuerriegel! Sie sind verloren. Hier gibt es keine Wunder. Hier herrscht die Granate, Stahl, Sprengstoffe, nichts sonst. Sie sind umzingelt.

Das Feuer schweigt. Hurra! Vier Kompanien gehen vor zum Sturm. Wie Furien kommen sie daher. Tod oder Sieg! Es gibt nichts anderes.

Der Franzose aber ist nicht tot. Es wimmelt zwischen den Sandsäcken, es wühlt in den Gräben. Maschinengewehre, ein Schwarm zischender Spitzkugeln. Der schwere Fall von Männern, Handgranaten. Geschrei und Taumeln. Pardon! Pardon! Hände strecken sich aus den Gräben und Gräbern. Wir ergeben uns!

Der Kirchhof ist genommen!

Die Gefangenen werden abgeführt. Die Verwundeten schleppen sich davon. Die Krankenträger tragen die Schwerverletzten. Der Tag graut. Nebel. Der ernste und nachdenkliche Oberst geht in seinem Zimmer hin und her und wartet auf Botschaft.

Der Kirchhof hat neue Gäste bekommen. Was sind dagegen die paar Toten, die in ihrer Ruhe gestört wurden!

Hier liegen tausend Franzosen, hier liegen Feldgraue, alle Söhne von Müttern – –

„Der Kirchhof von Souchez ist erobert.“ Eine Zeile. Die Leute sagen: Nun ist der Kirchhof von Souchez wieder genommen worden, Gott sei Dank! Sie denken sich nicht viel dabei, sie ahnen es nicht –!

Es ist möglich, daß die Franzosen wieder ein Regiment opfern, um den Kirchhof zurückzugewinnen, es ist sicher, daß wir ihn dann wieder stürmen werden. So ist es hier.

Wir haben den Riegel um Souchez vorgeschoben, wir haben ihn fester geschweißt, die Feldgrauen schweißten ihn fester mit ihrem roten Blut.

Die Gefangenen marschieren durch Souchez. Die Überlebenden aus dem Kirchhof! Auch das Geburtstagskind ist darunter, er hat Glück gehabt, diesen Geburtstag zu überleben. Schwerverletzt liegt der französische Kapitän auf der Bahre. Noch sind sie keineswegs in Sicherheit, denn die französischen Granaten fegen in das Dorf. Aber sie hoffen wieder. Die Sonne geht auf.

Ich treffe den ernsten Oberst wieder. Die Gefangenen stehen in Reih und Glied. Er mustert sie schweigend. Er spricht kein Wort. Wozu? Ich trete an ihn heran, grüße und beglückwünsche ihn zu seinem Erfolg.

Er nickt. Ein höfliches Lächeln. Aber sofort ist sein starkes Gesicht wieder ernst und voll schwerer Gedanken. Viele seiner Söhne, für die er sorgte wie ein Vater, sind nicht wiedergekommen, zwei seiner tapferen Kompaniechefs sind gefallen!

Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez

Im Juli