Der Krieg im Westen

Part 7

Chapter 73,719 wordsPublic domain

Eine Schlucht wie ein tiefer, runder Brunnen. Ein breiter Erdhügel hebt sich daraus, nahezu hoch bis zur Straße, Sand, Erde, Schmutz, Moder. Darunter liegen sie. Man mußte sie aus dem Wege räumen und warf sie hinein, die Schwarzen, es waren viele. Chlorkalk und Erde darauf, und fertig war die Sache. Unten bei Berry-au-Bac sah ich an zweitausend Schwarze vor unsern Stellungen liegen. Sie waren noch unbeerdigt. So ist der Krieg. Eine Fliege kommt aus dem Brunnen und brummt mich an. Sie wohnt da unten bei ihnen. Ich fahre zurück. Grauen und Entsetzen trägt die schmutzige Fliege auf ihren kleinen Flügeln mit herauf. Sie ist die Seele der Schwarzen und kommt herauf, um Protest zu erheben dagegen, daß ich hinuntersehe. Fort mit dir! An meinem Schritt schon hat sie erkannt, daß hier ein Weißer kommt. Sie ist zornig und hartnäckig und treibt mich in die Flucht. Ich lasse die Schwarzen allein mit ihrer Fliege. Sie ist alles, was sie haben.

Gräber. Eine ganze Reihe. Es sind die Unsrigen. Die Granaten haben in letzter Zeit die Kreuze etwas zerzaust und schief geschlagen. Das ist den Toten einerlei. Die Höllenmaschinen dieser Erde können ihnen nichts mehr anhaben.

Dicht neben dem Friedhof hat sich ein Major eine Baude gezimmert. Die Decke, der Plafond besser gesagt, besteht aus zwei gehäkelten Bettdecken, die eine Art Baldachin bilden. Ein vergoldeter Sessel, Empire, sehr nobel. An der Wand ein Öldruck: _Salut aux blessés_. Französische Offiziere, hoch zu Roß, an einer Landstraße. Ein Trupp deutscher Gefangener wird vorbeigeführt. Die Gefangenen sind große, blonde Männer, verwundet, die Offiziere lüften das Käppi. Der Major ist ein Mann von Welt und zieht sofort eine Flasche auf. Leider kann er uns keine Zigarren anbieten. Sitzt er da gestern hier in seinem Sessel, sein Wachtmeister dort, auf dem Tisch stehen die Zigarren, kommt ein Granatsplitter angefegt und zerschlägt ausgerechnet die Zigarren. An der Wand sind Bretter und Stäbe zersplittert.

Mein Hauptmann entschließt sich nun doch, das Auto stehen zu lassen. Er kann schließlich nicht bis in die Gräben fahren. Es geht bergan. Wegweiser, Holzbrettchen mit Aufschriften: Batterie X, Geschütz Y, Beobachtungsstand Z. Dahin wollen wir. Auf Schleichwegen gelangen wir ans Ziel.

Der Beobachtungsstand Z. ist keineswegs so nobel wie die Baude des Majors unten. Er ist ein dunkles Erdloch. Eine Ruhebank, ein Stuhl, ein Telephonapparat, das ist die ganze Einrichtung. Zwei Schatten hausen in der dunklen Höhle. Ein Offizier und ein Soldat. Verbeugungen gegenseitig, ein Händedruck, wir sind zu Hause.

Hier ist es kühl und schattig.

Durch einen Spalt, einen knappen Meter lang und eine Spanne hoch, fällt das Licht des Tages. Vor dem Schlitz steht das Scherenfernrohr. Wie ein eleganter Teufel auf dünnen Spinnenbeinen, mit grauen, dicken Hörnern.

Und da unten, zum Greifen nahe, liegt _Soissons_!

Eine Stadt! Dicht aneinandergedrängt stehen Häuser und Giebel, schiefergrau und staubig rostgelb. Man blickt in Straßen hinein, kann an den Krümmungen der Giebelreihen das Gewimmel von Straßen, Gassen und Plätzen haarscharf erkennen. Aus der Stadt erheben sich Kirchen und Türme, auffallend hoch, denn selten sieht man eine Stadt aus der Höhe. St. Jean des Vignes, zwei spitze Türme, einer etwas niedriger als der andre, Gotik, alles ganz genau. Rechts davon die Kathedrale. Sie scheint einfacher gehalten zu sein. Der stumpfe Turm leuchtet in der Sonne. Oben rechts ein weißer Fleck. Ein Loch? Durch das Glas sieht man, daß eine Granate in den Kantenpfeiler gefahren ist. Es ist weiter nicht schlimm. Regierungsgebäude, langgestreckt und ehrwürdig grau, Schuppendächer beim Bahnhof, Fabriken. Mit bloßem Auge sieht man die einzelnen Fenster, mit dem Glas die Fensterkreuze. Die Stadt aber ist tot. Kein Fenster blinkt beim Schließen oder Öffnen, kein einziger der Kamine auf den Giebeln raucht. Auch nicht eine Spur von Leben, und doch hausen Tausende von Menschen in der stillen Stadt. Sie stellt sich tot, nur in der Nacht, wenn es ganz finster ist, kann sie ein wenig Atem holen. Die Vororte strahlen von ihr aus in das grüne Tal der Aisne. Neue Häusergruppen, Schuppen, Fabriken. Eine leuchtend gelbe Fabrik auf dem ansteigenden Hang hinter der Stadt, blendend in der Sonne wie ein Schloß.

Breit und sonnig liegt das Flußtal. Ein paar Krümmungen der Aisne blitzen in der Sonne. Erlengebüsche, Baumgruppen, Dörfer und die Hügel, grün, zum Teil bewaldet. Hoch oben und fern ein paar Häuser. Alles schweigt. Ein paar Geschütze feuern zuweilen, sonst regt sich nichts. Unten, in Deckung, hantieren Leute, so groß wie Fliegen. Es sind Feldgraue. Einer sägt Holz. Straßen, staubige Landstraßen, die sich aus Soissons emporwinden, ohne Leben. Ich streiche mit dem Scherenfernrohr die Hügel ab, die Landstraße, Hänge und Wäldchen, vielleicht sehe ich einen Menschen von Baum zu Baum huschen, oder einige – eins, zwei, drei und hinüber. Nichts.

„Sehen Sie denn nichts?“ frage ich den Offizier.

„Nein, gar nichts. Vor einer Viertelstunde sah ich einen Mann im Feld. Heute morgen hoch oben ein Reiter.“

Wo der Fluß blinkt, im Feld, sind die Gräben. Man sieht die gelben Striche mit dem bloßen Auge. Aber selbst mit dem ausgezeichneten Glas kann man keine Spur von Leben in den Gräben entdecken. Bei der Baumschule dort, an einer Telegraphenstange, hängt eine französische Flagge. Sie wurde heute nacht angebracht.

Plötzlich aber entdecke ich doch etwas! Aus einem grauen Dorf, gerade gegenüber, einem Vorort, steigt eine runde Wolke wie von Wasserdampf. Aber nichts regt sich, keine Seele. Das Dorf scheint verlassen. Die Wolke verdichtet sich, reckt sich höher, es kommt Leben in sie, Nahrung, die Granate hat gezündet. Fünf Minuten und sie wächst und wächst. Plötzlich aber wird sie rasch kleiner und kleiner: es sind also doch Menschen dort in dem toten Dorf! Französische Reserven liegen dort.

Es kracht in der Nähe. Abschuß! Eine Granate rauscht und gurgelt über unsre Köpfe hinweg, hinüber nach Soissons. Die Sekunden vergehen. Wo wird sie aufschlagen? Eine weiße Wolke, dort bei den roten, neuen Schuppen. Dann erst der scharfe Knall des Aufschlags. Die Schuppen sind die letzten Häuser des Vororts St. Paul. Nichts regt sich, kein Mensch erscheint, um nachzusehen, was die Granate hier bei den Schuppen will. Die weiße Wolke zerstiebt.

Abschuß! Mächtig schleift die Granate durch die Luft. Sie schlägt vor den Schuppen in eine Baumgruppe ein. Die Bäume rauchen. Plötzlich röhrt und rauscht es näher über dem Unterstand. Bekommen wir Antwort? Nein. Der Abschuß fiel mit dem Krach der einschlagenden Granate zusammen. Eine graue Wolke hängt über der Baumgruppe, ein gespenstischer, grauer Oktopus, der seine Fangarme langsam nach den Bäumen ausstreckt. Ein Schrapnell.

Soissons aber liegt und regt sich nicht. Wie die Gazelle vor den Augen des Tigers liegt es da.

Fliegerangriff auf Fesselballone

Im Juli

Gegen sieben Uhr abends fahren wir, der Rittmeister v. B. und ich, in das Arbeiterdorf X. Y. ein. Wir haben hier zu tun. Der Rittmeister läßt halten, um nebenher einem Bekannten guten Tag zu sagen. Kaum ist er fort, so gibt es einen Knall. Was ist los? Ringsum schlagen die Geschütze, und ich beachte den Knall nicht weiter. Aber Leute und Kinder laufen zu einer Stelle neben der Straße. Oben brummt ein Motor. Ein Flieger hat eine Bombe geworfen! Sie fiel zweihundert Meter vor dem Auto nieder, und es ist gut, daß wir zufällig hielten. Ein Arbeiter wird weggeführt. Erschrocken und verstört sieht er aus. Ein Splitter hat ihn am Arm verletzt. Er rauchte gerade seine Feierabendpfeife ganz friedlich und dachte an nichts. Da kam die Bombe aus der Luft. „Ist die Verletzung schwer?“ frage ich einen Arzt. „Nein, nein, eine Kleinigkeit.“

Ein Rudel von Kindern hockt um das Loch herum, das die Bombe schlug. Sie graben mit ihren schwarzen Pfoten, hastig und gierig wie Hunde, ob sich nicht irgend etwas findet. Die Splitter haben Fetzen aus den geschwärzten Backsteinmauern geschlagen. Eine Mauer ist wie von scharfen Krallen zerkratzt. Man kann genau den Streuungskegel feststellen. In zwanzig Meter Entfernung schlugen die Splitter einen knappen Meter hoch ein.

Der Rittmeister kommt zurück. „Was ist los?“

„Ein Flieger hat eine Bombe geworfen.“

„Nicht möglich!“ Er lacht vergnügt und gleichmütig und blickt durch das Monokel zum heißen Himmel empor, wo eine Gruppe von Schrapnellwölkchen steht. Er hat nicht einmal den Knall gehört. Wir trennen uns. Ich will einen Regimentskommandeur besuchen, und der Rittmeister hat Geschäfte irgendwo in der Nähe. Die Kinder wühlen noch immer in dem Bombenloch. Ich bin keine hundert Schritte an ihnen vorbei, als mich ein Offizier anruft. „Nehmen Sie Deckung. Ein Flieger kommt. Er wird gleich werfen.“ Ah, schon wieder einer! Er hält direkten Kurs auf mich zu, ganz, als wolle er mich persönlich aufsuchen. Schon hört man seinen Motor summen, gleichmäßig und wundervoll brummen die hundert Pferde da oben! Aber ein Schrapnell platzt dicht vor seiner Nase, und er biegt aus. Dem Rittmeister indessen hat er, wie ich später erfuhr, eine Bombe in den Garten geworfen.

Dieses X. Y. ist ein Bombennest ersten Ranges. Ich wußte es, man hatte es mir erzählt, aber ich hatte nicht recht daran geglaubt. Weshalb gerade dieses Arbeiterdorf? Nun, überall bilden sich Gewohnheiten aus! Es liegt auf dem Wege Souchez-Douai, genau in der Mitte, und die Luftstraße geht darüber hin. Es bekommt seine Bomben, früh und abends, und die Bomben gehören zu X. Y., ganz wie der Geschützdonner und das Schnarren und Trompeten der Automobile. Wenn die Franzosen nach Douai fliegen, so werfen sie eine Bombe ab, und alles, was sie in Douai nicht an den Mann bringen konnten, aus irgendeinem Grunde, bekommt X. Y. auf dem Rückwege. Das schmutzige und schwarze Fabrikdorf hat im Grunde genommen nur eine einzige, schnurgerade Straße, die Chaussee. Diese Chaussee steuern die Flieger an, und wenn sie in genauem Kurs darüberliegen, so werfen sie den Vogel über Bord. X. Y. hat seine Bombe. Da man aber den Trick kennt, so nimmt man Reißaus, und infolgedessen passiert verhältnismäßig wenig. Freilich, wenn man seine Feiertagspfeife raucht und gemächlich auf der Chaussee herumstochert, so kann die Sache schlecht ausgehen.

Ich blieb eine halbe Stunde bei dem Regimentskommandeur, und als ich wieder auf die Straße trat, war eine wütende Knallerei ausgebrochen. Der ganze Himmel stand voll Schrapnellwolken. Was war geschehen? Ja, auf den ersten Blick konnte man es sehen: Während ich bei dem Kommandeur saß und plauderte, waren zwei Fesselballone hochgegangen und feindliche Flugzeuge griffen sie an. Der eine der Ballone stand etwa einen Kilometer weit entfernt, der andere aber stand nahezu über meinem Kopfe, etwas westlich vom Dorf. Er war drei- bis vierhundert Meter hoch, vielleicht höher, und leuchtete hell in der Abendsonne. Die Luftströmung hatte ihn herübergetrieben, ich sah zuweilen das schrägstehende Drahtseil aufblitzen, das ihn festhielt. Deutlich sah ich den Korb, und daraus kam etwas Rundes hervor, das war der Kopf des Beobachters. Da saß er nun hoch oben, beobachtete die Einschläge der Geschosse, telephonierte, dirigierte. Ganz wie er, saß drüben der andere, und beide lasen in den feindlichen Höhenzügen wie in einem aufgeschlagenen Buch. Das war ihnen ein bißchen zuviel! Augenblicklich kamen ihre Flieger herbei. Zuerst sah ich nur einen. Winzig, wie eine goldene Libelle, kam er auf den entfernteren Ballon zugeflogen. Jeden Moment verlor ich ihn aus den Augen, so stand er im Licht. Die platzenden Schrapnelle, hoch oben, nicht größer als ein Kopf, zeigten seine Bahn. Es waren zwanzig, dreißig, er sollte auf keinen Fall herankommen und den Beobachter im Korb stören! Eine ganze Wiese von Schrapnellwölkchen stand da oben. Sie entstehen ganz urplötzlich am blauen Himmel, haarscharf ausgeschnitten, sind rund wie eine Kugel, aus der langsam der Rauch tropft, schimmern und opalisieren wie feinster Zigarettenrauch. Lieblich und unschuldig sehen sie aus, oft berauschend schön. Die goldene Libelle aber flog näher, unbekümmert und frech, in dreitausend Meter Höhe. Plötzlich, nahe über dem entfernteren Ballon angelangt, blitzte sie breit und golden auf. Sie hatte eine Kurve gemacht, stach in die Tiefe und schoß nun direkt auf unseren Ballon zu. Aber unsere Kanoniere schliefen nicht! Die Granaten fauchten über das Dorf hoch, eine hinter der anderen her, immer rascher und wütender, und ein Dutzend blitzender Messer und Dolche, wie von einer Kanone hochgeschossen, zuckten um die Libelle auf. In der nächsten Sekunde schon hatten sie sich in schöne, grünlich schimmernde Wölkchen verwandelt. Die Libelle wich nach Norden aus, überflog in rasender Fahrt, brummend und surrend, das Dorf und stieg in einer großen Spirale hoch. Die Dolche folgten ihr blitzend und funkelnd, sie stieg und stieg und nahm Reißaus. Plötzlich aber drehte sie bei und kam mit direktem Kurs zurück!

„_Voilà un autre!_“

Das ganze Dorf steht auf der Straße und sieht zu. Ein Arbeiter in Hemdärmeln, unter der Tür einer Kneipe, deutet in die entgegengesetzte Richtung. Seht an, ein zweiter! Ich sehe nur das Feld von Schrapnellwölkchen, ein Rudel, zu dem immer neue kommen, aber der Arbeiter hat die Maschine gefunden. Rechts neben dem Schlot, über den drei kleinen Wolken, die dicht beisammen stehen! Richtig. Klein und zart wie eine Schwalbe zieht sie näher. Sie hat es nicht auf unsern Ballon abgesehen, sondern auf den anderen. Sie bekommt Feuer von allen Seiten, und ein Streifen des blauen Himmels ist wie mit Lämmerwölkchen bedeckt. Sie kann nicht heran und zieht meilenweite Kreise. Unten an der Straße verschwinden die Leute in den Häusern: es sind Sprengstücke von den Abwehrgeschützen heruntergekommen.

Aber wir haben die Libelle ganz außer acht gelassen. Plötzlich steht sie wieder über dem Dorf. Sie ist von hinten heimtückisch wieder herangeschlichen. Unsere Kanoniere aber behielten sie wohl im Auge. Über dem Dorf bekommt sie Feuer und muß höher gehen. Sie biegt aus, kommt in einem kühnen Bogen zurück, und es gelingt ihr, unseren Ballon zu überfliegen. Aber in solch enormer Höhe, daß es sinnlos von ihr wäre, eine Bombe zu werfen. Das ist ja der Sinn der Beschießung. Trifft man sie auch nicht, so sollen sie wenigstens hochgehalten werden. Sie macht sich davon wie das erstemal, klein wie ein Punkt sieht sie jetzt aus, aber sie kehrt wiederum zurück.

Nach Süden zu, noch ferne, erscheinen ebenfalls Gruppen von Schrapnellwölkchen. Zwei Striche, ja nichts anderes als zwei feine Gedankenstriche untereinander, kommen heran. Ein Doppeldecker. In unerhört rascher Fahrt zieht er näher. In den heißen Luftschichten scheint er manchmal etwas höher und manchmal etwas tiefer zu stehen. Durch irgendwelche höllische Künste gelingt es ihm, sich streckenweise vollkommen unsichtbar zu machen. Unsere Geschütze legen eine Barriere von Schrapnellen vor ihn, aber das ist ihm ganz einerlei. Er kommt heran, unwiderstehlich und kühn, fliegt zwischen den Ballonen hindurch und fegt in abenteuerlicher Höhe über meinem Kopf hinweg. Über dem Dorfe macht er halt! Das heißt, er legt sich in die Kurve, daß er nahezu auf den Flügelkanten steht, und kommt, ehe die Geschütze sich neu einstellen können, den gleichen Weg zurück. Eine ganze Lage sitzt falsch! Er überfliegt unsern Ballon und stürzt sich auf den anderen. Man muß es zugeben, es sind _Leute_, die da oben in den Apparaten sitzen!

Nunmehr ist aber auch die Libelle zurückgekommen. Grau und unscheinbar sieht sie aus. Sie fliegt viel niedriger und scheint es nun ernst zu meinen.

Der Kampf geht weiter. Die Schrapnelle platzen, und die Geschütze speien ganze Kurven von blitzenden Dolchen in den blauen Himmel. Die Flugzeuge suchen ein Loch, um durchstoßen zu können, um ihre Bombe anbringen zu können mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Kühn und großartig versuchen sie es wieder und wieder, man muß es ihnen lassen.

Gleichgültig und stumpf stehen die Ballone währenddessen am Himmel, als gehe sie die ganze Sache nichts an. Sie rühren sich nicht. Sie sind wie fliegende Elefanten, denen es gegeben ist, an Ort und Stelle in der Luft stehen zu bleiben. Die Beobachter sitzen und telephonieren und dirigieren, während die Geschütze feuern. Sie würden sitzen und beobachten, wenn der Himmel über sie herabbräche. Es muß sein, und so tun sie es, ohne überhaupt ein Wort darüber zu reden.

Die Libelle scheint, wie ich sagte, nunmehr ernste Absichten zu haben. Sie steuert unseren Ballon kaltblütig und tollkühn an, in zweitausend Meter Höhe, trotz des wütenden Feuers. Plötzlich platzt ein Schrapnell unmittelbar rechts von ihr. Sie blitzt golden auf, wendet und zieht schnurstracks nach Hause! Sie ist getroffen. Ja, die Libelle ist fertig. Sie streckt die Flügel, so sehr es geht, aber es gelingt ihr doch nicht mehr, über unsre Linien zu kommen. Sie muß landen und ist gefangen.

Der rasche Doppeldecker und die kleine Schwalbe, die ich immer wieder aus den Augen verlor, setzen die Angriffe fort. Nur noch wenige Minuten, dann kommt ein neuer, sehr rascher Doppeldecker dazu. Er überfliegt in großer Höhe das Dorf, unsern Ballon – aber er bekommt kein Feuer. Es ist einer von uns, ein Kampfflugzeug. Die Franzosen haben ihn gesehen, er ist rascher und stärker als sie, es wäre Unsinn, sich mit ihm einzulassen. Zwei von den ihrigen hat er schon ohne viele Umstände heruntergeschossen. Ehe er noch nahekommen kann, geben sie Fersengeld. Sie entfliehen in einer Gabel, der Doppeldecker nach Westen, die Schwalbe nach Südwesten. Der Kampfflieger jagt in der Mitte hinter ihnen her, um einen, wenn möglich, abzuschneiden. Die Schwalbe wird zu einem dunkeln Punkt, der Doppeldecker zu zwei goldenen, feinen Strichen. Der Kampfflieger verblaßt.

Nun aber bekommt er Feuer, von der Lorettohöhe herüber. Schmutziggraue Tupfen stehen unter ihm. Es hat keinen Zweck mehr, er macht kehrt. In toller Fahrt, brummend und summend, fliegt er über das Dorf zurück. Wie eine Bulldogge, die ein paar Kläffer in die Flucht schlug und nun höchst zufrieden nach Hause galoppiert. Die Schrapnellwölkchen zerfließen am Himmel.

Im Westen, ferne, steht ein Feld safrangelber Schrapnelltupfen. Ein später Flieger, der Feuer bekommt.

Über die Lorettohöhe steigt die erste bleiche Leuchtkugel empor. Die Geschütze schlagen lauter. Die Nacht kommt.

Der gefangene Sozialist

Im Juli

„Ist der Schriftsteller hier? Er soll vortreten!“

Der Knäuel der Gefangenen kommt in Bewegung. Ein brauner, breitschulteriger Soldat in verstaubtem, blaugrauem Mantel tritt vor. Sein derbes Gesicht ist heiß und schmutzig, seine Hände sind hart und groß. Sein Blick ist fragend und fest auf mich gerichtet. Er sieht aus wie ein Soldat, ganz wie die anderen, keineswegs wie ein Mann der Feder.

„Sie sind Schriftsteller?“ – „Ja, mein Herr. Ich bin Journalist.“ – „Ich bin ein Kollege von Ihnen und möchte mit Ihnen sprechen.“ – „Zu Ihrer Verfügung.“

Die andern sind stumm und hingerissen vor Neugierde. Sie verlieren vollkommen ihre militärische Haltung und verwandeln sich in Bauern und Handwerker, die zuhören wollen und ihre Neugierde nicht verbergen. Sogar der mit dem verbundenen Kopf ist herbeigekommen und dreht neugierig den Hals, soweit es seine Verwundung erlaubt.

„Gehen wir ein wenig.“ Ich winke den französischen Kollegen heran, und wir gehen in dem heißen Hofe hin und her.

„Wann wurden Sie gefangengenommen?“ – „Gestern abend. Im Labyrinth. Wir waren in den deutschen Graben eingedrungen und wurden abgeschnitten. Wir konnten weder vor noch zurück. Es war nichts mehr zu machen.“ – „Wie haben unsre Soldaten euch aufgenommen?“ – Er sieht mich an. – „Sie haben uns als Soldaten behandelt, ganz wie es bei uns zu sein pflegt, wenn wir deutsche Gefangene machen.“

Da vorn, ganz vorn, wo Mann gegen Mann steht, lernt der Soldat den Gegner achten. Ich sprach einen Feldgrauen, von einem badischen Regiment, der vierundzwanzig Stunden in französischer Gefangenschaft war. Er wurde bei einem Patrouillengang abgeknüpft. Wie es ihm drüben erging? Es ging ihm glänzend! Die Aufnahme war die allerherzlichste. Man brachte ihn in einen Unterstand, gab ihm Zigaretten, Kognak, Kaffee und Suppe. Man hänselte ihn ein wenig, aber das kümmerte den Schwaben nicht, denn er verstand keine Silbe. Es war auch nicht böse gemeint, das konnte er sehen, alle lachten vergnügt. Ein Offizier fragte ihn, wie der Kommandeur seines Regiments hieß? Der Schwabe weigerte sich, es zu sagen. „Na schön,“ sagte der Offizier, „ein rechter Soldat verrät nichts, hier, rauchen Sie!“ Dem Schwaben ging es, wie gesagt, gut. Fußtritte und Faustschläge sind auf jeden Fall nicht die Regel.

„Waren Sie früher Soldat, oder wurden Sie erst im Laufe des Krieges ausgebildet?“ frage ich den Franzosen und reiche ihm meine Zigaretten hin.

„Danke!“ Er verbeugt sich leicht und sein warmer Blick trifft mich. Seine Hand, hart und derb von Gewehr und Spaten, zittert heftig. Mit der Wollust des Rauchers zieht er den Rauch in die Lunge und stößt ihn durch Mund und Nase heraus. „Ich wurde im Januar eingezogen, ich bin vierunddreißig Jahre alt. An der Front war ich vier Wochen. Soldat war ich nie gewesen, nein. Ich war froh, daß man mich seinerzeit nicht tauglich fand. Offen gestanden bin ich nie ein Freund von allem gewesen, was Militär heißt. Ich bin Sozialist.“

„Sie sind Sozialist?“

„Ja, ich schreibe für sozialistische Zeitungen und Revuen.“

„Vielleicht können Sie mir dann die Stellung erklären, die Ihre Kameraden und Parteifreunde diesem Kriege gegenüber einnehmen?“

„Das kann ich wohl, so in großen Umrissen natürlich nur. Es ist selbstverständlich, daß wir im Prinzip gegen jeden Krieg waren. Heute macht man uns Vorwürfe, ob mit Recht oder Unrecht, daß wir die Mittel zur nationalen Verteidigung beschnitten. Heute ist alles anders geworden, ohne Frage. Wer hielt diesen Krieg ernstlich für möglich? Niemand. Zwei Tage vorher lachte man noch darüber. Ich war im Süden, in Marseille, um die Sitten des Südens zu studieren. Nein, ich glaubte nicht daran. Wir kämpften gegen die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit. Wir taten alles, was in unserer Macht stand. Aber Sie, Sie rüsteten immer weiter.“

„Glauben Sie nicht, daß wir durch Ihr Bündnis mit Rußland und England dazu gezwungen wurden?“

„Unsere Bündnisse waren eine Folge – aber ich bin weit davon entfernt, Ihnen und nur Ihnen allein Schuld an dieser Katastrophe zuzuschreiben. Es wurden überall Fehler gemacht; bei allen beteiligten Völkern. Die Völker müssen noch viel lernen! Nachdem es zu spät war und die Katastrophe hereinbrach, waren wir natürlich verpflichtet, uns für unser Land zu schlagen, genau wie Sie es waren. Es war zu spät. Jaurès wurde ermordet. Aber auch er hätte das Unglück nicht mehr aufzuhalten vermocht. Ich wenigstens glaube es nicht. Nur ein Wunder, aber es gibt keine Wunder mehr in unserer Zeit! Alles ist fürchterlich.“

Er schweigt, und wir gehen stumm, jeder in sich versunken, über den heißen Hof. Müde und gebückt schlürft er neben mir einher, staubig und schmutzig, die zerknüllte Mütze unordentlich auf das schweißige Haar gedrückt. Seine Augen sind eingesunken und verquält. Plötzlich gähnt er. Lange und herzhaft. Und mit derselben erschöpften Miene und dem gleichen verquälten Ausdruck in den Augen sagt er: „Ich habe eine Frau und ein Kind. Ich werde sie wiedersehen.“ Nein, er atmet nicht auf bei diesem Gedanken, er, der die Hölle von Arras lebendig durchschritt, hat noch nicht die Kraft, sich zu freuen!

„Sie sind glücklicher als viele andere!“

„O ja, mein Herr, gewiß. Aber –“

Er findet, daß es zu wenig ist, was er aus diesem Leben gerettet hat, seine Frau, sein Kind – –