Part 12
Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?!
In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen. Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube.
»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender Locken trug.
»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur Besprechung. Wer wünscht das Wort?«
»Ich bitte ums Wort.«
»Ich auch.«
»Ich auch.«
Von allen Seiten klang's.
»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der anderen Bewerber.
»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg. So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« -- Der Sprecher schlug sein Notizbuch auf -- »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus. Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch aufgefallen ist, hat er sich beim +a-tempo+-Hieb ganz deutlich zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar nicht mit dem Kopf gemuckt, das nicht, aber die Augen zugekniffen und das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.«
»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste.
»Überhaupt nicht.«
»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.«
Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig:
»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen. Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir sehr schlecht gefallen.«
»Silentium für Dettmer!«
»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde, Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.«
»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen bekommen haben.«
Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus.
Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei.
»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is, der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen 'ch.«
»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten, Krusius, daß du einen ents--prechenden Antrag s--tellst.«
»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick ein jähes Frösteln durch die Versammlung.
»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben -- so daß also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?«
»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest.
»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?«
»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte es mit markiger Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das, tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen Knabengesichtern stand.
»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv, war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst vergangener Ansichten und Auffassungen herabsahen, welche sich in den Alten Herren verkörperten.«
Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein verständnisinniges Schmunzeln.
»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen -- wenigstens möchte Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen. Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das ist ein herausgeschmissener Korpsstudent -- herausgeschmissen, weil er sich auf der Mensur feige benommen hat!! -- Und das wird der Mann sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu werfen!! -- Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder genannt haben, so ins Leben hinausstoßen --? Hat er das verdient?!«
Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen, Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen, die jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn zuzujubeln.
»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie, meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab' das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ... aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?«
»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille hinein.
»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich, dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.«
»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede Bewegung bei seiner Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken: es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht so?!«
Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu sühnen.
»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat --«
»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf.
»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder, Ihren Antrag anzunehmen.«
»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit zurück,« sagte Krusius.
»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission auf unbestimmte Zeit des C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der jüngste Korpsbursch. Also bitte?«
»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!« ging's von Mund zu Munde.
Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben, ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband gerettet hatte. -- --
Oben hatte es ~allen~ dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch dem guten, teilnahmsvollen Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am Fenster stand: »Sie komme!«
Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen ... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!«
Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit den gleichen formelhaften Worten:
»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission aufgehoben ist. Gratuliere!«
Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete.
Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges, doch lächelnden Mundes:
»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's schon!«
Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte ihm dabei selig zu:
»Du ... Marie --!!«
Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles? warum?!
Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen -- aber er war es nicht.
II.
Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen geblieben.
Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele, wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ...
Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten, lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der Versuchung hinweg ...
Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte stellten sich ein, die immer wieder nach Sättigung schrien ... und manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd.
Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser, kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb.
Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden, machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens. Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren, führte er sie stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte.
Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte ... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten, die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen am Golde.
Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den trug seine Liebe, seine junge, heilige Liebe über den Schlamm der Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein einziges Mal von Elfrieden gehört hätte:
Mein Süßer! Mein Geliebter! --
O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die Straßen von Marburg gerannt ...
Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft, und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie ablösen würden.
Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit.
»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!«
Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes, in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist, dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte, knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte.
Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein hübscher, doch zu schmächtiger Bursche, eine unbedeutende, der baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur.
Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell- und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren, um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim Feste imposanter zu gestalten.
Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte.
»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!«
»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit Achenbach gehen.«
Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser.
Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene Banner im Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das Korps das Symbol seines Bundes.