Part 11
»Auf höfliche Frage eine grobe Antwort. Na, Geschmacksache! Herr Nachtrat, da in der Straßenrinne liegt ein unglücklicher Mitmensch, den offenbar der Schlag gerührt hat. Tot ist er aber nicht, wir haben schon gehorcht.«
»Wird wohl besuffe sinn!«
»Das haben wir auch geglaubt, aber aus seinem Munde geht kein Hauch von Alkohol. Überzeugen Sie sich nur.«
»Ich hann kee Zeit -- ich muß hier de Gefangene transpottiere!«
»Und wenn der arme Jüngling nun stirbt?! Jeder Augenblick kann kostbar sein.«
»Wir machen Sie verantwortlich für das Leben dieses Menschen!«
»Nu sähn Se, Herr Nachtrat, das is doch wahrhaftig wicht'ger, als mich ins Kittchen zu bring'n?«
So redeten Dammer, Achenbach, Dettmer auf den unglücklichen Beamten ein.
Böhnke stöhnte inzwischen schauerlich.
»Da sehn Sie's! er stirbt, wenn Sie nicht sofort anfassen! Wir helfen Ihnen!«
»Ich loof nich fort, Herr Nachtrat! ich loof nich fort!« --
Der Nachtwächter verlor die Fassung. Er ließ Dammer los: »Na, da fasse Se an die Bein an, meine Herre, ich nemm en obbe!«
Er bückte sich über den Röchelnden ... in diesem Augenblick versetzte der ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und im Hui waren der Sterbende, die beiden Samariter und auch der Arrestant verschwunden.
»Bande, verfluchte!«
Der Beamte klopfte seine Mütze ab, die in den Staub gefallen war, und befühlte seine schmerzenden Glieder.
»Die Cimbre sinns gewese! aber wenn ich nur tät wisse, welche! es sinn doch Stücker vierzig ihre hier!«
Aber er beschloß, reinen Mund zu halten. Er würde sonst nur den Spott seiner Kollegen ernten ... und wenn ihm morgen nacht auf einmal ein paar Biermarken in die Tasche regneten, dann würde er ja auch wissen, woher die kämen.
XII.
Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und Lachen, es mußte noch etwas geschehen.
»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!«
Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die Westen stecken und die Röcke zuknöpfen.
Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht. Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann im Nachthauch. Fern raunte die Lahn.
Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im tiefen Schatten einer Blutbuche geborgen. Und da war keiner unter ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut, dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens.
Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht:
»Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht, Stumm irr ich und träumend umher, Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht, Es taumeln die Wellen ins Meer. Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen Altan, Hell flattert im Winde ihr Haar, Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan, Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar! Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell, Nie hab ich die Dirne geschaut -- -- Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell -- Was lacht sie und küßt mich so traut?!«
Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's; hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug, um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises Kichern klang doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war, zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch die Adern.
Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an; es schloß:
»Seh ich ein Haus von weitem, Wo ein lieb Mädel träumt, Sing ich zu allen Zeiten Ein Lied ihr ungesäumt. Und wird's im Fenster helle, Wär es auch noch so spat, So weiß ich auf der Stelle, Wie viel's geschlagen hat.«
Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ...
»Die Mademoiselle! die revidiert!«
Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen, in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus:
»Nachtwächter --! Nachtwächter!!«
Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus -- hielten's dann aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt, dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen.
Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen seinen Pfad.
»Was lacht sie und küßt mich so traut?« »Und wird's im Fenster helle -- -- So weiß ich auf der Stelle, Wie viel's geschlagen hat ...«
Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder hinein in ein einsames Knabenstübchen.
Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen gewesen ...
Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes stillen, die Wonne der Jugend auskosten ...
Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines Herzens ...
Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung des Augenblicks dräuend geschwebt hatte:
»Kinder -- wir gehn zur Lina!!«
Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte:
»Wir sind doch in Couleur!«
»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer. »Die Lina wohnt draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab' ich schon öfter so gemacht!«
»Na, denn in Deibels Namen!«
Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend. Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den Nacken der Schreitenden.
Zeit genug, nachzudenken ...
Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn -- und im Nacken klatschte die Geißel.
Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich erfüllen, nun würde er wissend werden ...
Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten wirren Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend sich an ihn schmiegte -- Rosaliens glühende Brüste, die sich aus blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten --
Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten -- ein grünlich schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll winkende Gottheit ... Elfriede ...
Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ...
Und das würde nun das Ende sein -- Lina ... irgendeine Lina.
Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen.
Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün. Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen.
Dettmer klopfte.
Nichts rührte sich.
Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig. Er hätte sterben mögen.
Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. --
Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte und rief halblaut:
»Lina!«
Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen vorsichtig geöffnet.
»Wer is es denn?«
»Ich bin's -- der Theodor!«
»Bist denn allein?«
»Nein -- ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!«
»Oh, ne -- wann du nit allein bist ... ich bin müd -- was kommt ihr auch so spät in der Nacht -- geh nach Haus!«
»Du bist verrückt, Lina -- schnell mach auf -- sonst komm ich nicht so bald wieder!«
»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang -- ich bleib in meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du ja.«
»Is jut, riegle man auf.«
Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut. Eine Tür knallte.
Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten die beiden andern Korpsburschen.
Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien.
Renonce Achenbach war verschwunden.
* * * * *
Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein -- das durfte nicht das Ende sein!! Das nicht!!
Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende Sehnsucht da drinnen ...
Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie brüllte wilder denn je ...
Aber so nicht -- so nicht!
Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! --
Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und so begehrenswert ...
Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ...
Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen ...
Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete --
Und bald sollte es sein -- vielleicht schon morgen -- übermorgen ...
Mochte daraus werden, was wollte ...
Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte -- er mußte!!
Aber nicht bei der da oben -- nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im Pfuhl! ...
Rosalie! -- Rosalie! -- --
Hell schien am Himmel noch der Vollmond.
Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen.
Und Werner schritt zu Tal.
Rosalie -- -- Rosalie -- -- --
Zweites Buch
I.
Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen.
Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer Freundin nach Frankfurt gefahren sei. -- -- --
Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende, breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen, taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück.
Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner, dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier, eine Lodenjoppe mit lose baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen, daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und Korrektheit legte.
Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben, überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog Werner die Mütze und hielt den Schritt an.
Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke, ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen Namen:
»Achenbach!«
»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?«
»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn Partien.«
»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.«
»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?«
»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.«
»Auf der Durchreise?«
»O nein -- -- na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ... ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.«
»Ach? Das -- davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher Fakultät, wenn ich fragen darf?«
Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind wohl Mediziner?«
»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.«
»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser, und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...«
Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner.
»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei Brander.«
»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es Ihnen?«
»Oh -- selbstverständlich wundervoll -- großartig.«
»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?«
Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.«
»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.«
»Dann -- fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie. Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann Guestphaliae Dritten.«
»Wird's da was zu sehen geben?«
»Nun -- besondere Fechter sind die beiden gerade nicht. Aber dann -- dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war ... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten Reinigungsmensur.«
»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?«
»Allerdings.«
Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern.
»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ... der besteht noch immer? Aber na -- darüber werd ich mich mit den Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann? Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut abschneidet?«
»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein bester Freund im Korps.«
»Ach -- sieh da. Also ein guter und braver Kerl?«
»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.«
»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art --« Wieder schwieg der Professor.
Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt. Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ...
Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß mit einem ernsten Blick des Einverständnisses.
»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz seltsamen Tone an Werners Ohr.
»Das -- o -- das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.«
Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen Knabenantlitz.
»Ihre Flamme wohl, wie?«
»Nein, meine nicht ...«
»Aber?«
»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ... Braut.«
»Ach?! Seine Braut? Offiziell?«
»Offiziell natürlich nicht --«
»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?«
»Einundzwanzig.«
»Und -- sie?«
»Auch einundzwanzig -- meines Wissens.«
»Kinder, Kinder!! -- Und er -- welche Fakultät?«
»Mediziner.«
»Vor dem Staatsexamen?«
»Nein -- hat das Physikum noch vor sich.«
»Und dann -- Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet ... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte Marie an Klauser vorbei -- er zog den Hut tief, sie neigte das flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ...
Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die Begrüßung.
»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl --?«
»Ja -- das ist Klauser.«
Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam auf dem Wege zur -- Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend ... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das letzte halb zu sich selbst gesprochen.
»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ... das ist heiliger Ernst --!«
»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch schöner, mit ~so einem~ Mädchen anders als in heiligem Ernst ... Wollen wir nicht auf Klauser warten?«
»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht, verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.«
»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder eingewöhnen.«
Einen Augenblick schwiegen beide und sannen.
Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln.
»Na -- nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg ... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken, daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut >hab' ich Semester und heiß altes Haus< ... aber das da, das Schloß da oben und diese wunderbaren Berge ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie, Herr Korpsbruder, erzählen Sie!«
Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps ... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören würde.
Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu.
Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen.
»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?«
»Ja -- so heißt sie.«
»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ... mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.«
»Das ist der Vater der jungen Dame.«
»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter. Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht gewöhnen Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft etwas genießbar machen könnte.«
»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja ganz schön -- aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde einem dann viel besser schmecken.«
»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen, und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude aneinander erleben.«
»Das wäre herrlich, Herr Professor!«
»Von wegen Verschwindens des >Moralischen<, nicht wahr?«
»Nein -- überhaupt, Herr Professor, überhaupt!«
* * * * *
Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes verfolgt. Er hatte noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht, um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der jugendlichen Richter.
Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine Stunde gedauert hatte, endlich verkündete:
»Silentium -- zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren Sekundanten noch Erklärung? -- Silentium. Mensur ex --!«