Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 47
In den Schlössern wurden die Kapellenglocken geläutet, die Trommelwirbel ertönten von allen Seiten. Im Zwielicht, da die Nacht sich vom Tage schied, und die Stadt verhältnismäßig ruhig war, klangen diese Töne geheimnisvoll und feierlich. In demselben Augenblick bliesen die Türken die Reveille. Von einer Kapelle sprang es zur anderen über, und wie ein Echo durchflog es das ungeheure Lager. Der heidnische Ameisenhaufen begann sich zwischen den Zelten zu regen. Als der Tag anbrach, tauchten aus dem Dunkel die terrassenförmigen Schanzen, die Aufschüttungen und Gräben auf, die sich in langer Zeile um das Schloß herumzogen. Bald brüllten in der ganzen Länge die schweren türkischen Kanonen, mit donnerndem Echo antworteten ihnen die Felsen von Smotrytsch, und das Toben wuchs so entsetzlich an, daß es schien, als hätten am Firmament alle Blitze, die dort lagerten, gezündet und prasselten mitsamt dem Himmelsgewölbe zur Erde. Es war ein Artilleriekampf. Die Stadt und die Schlösser gaben mächtig Antwort; bald verdeckten die Rauchwolken die Sonne, man sah weder die türkischen Befestigungen, noch Kamieniez, man sah nur noch eine riesige, graue Wolke, in der es donnerte und krachte. Aber die Stimme der türkischen Kanonen war dröhnender als die der städtischen. Bald begann der Tod in der Stadt seine Ernte. Einige Kartaunen waren zerstört; von der Bedienung beim groben Geschütz fielen sie zu zweien, zu dreien; dem Franziskaner, der die Schanzen entlang ging und die Kanonen segnete, wurde die Nase und ein Teil vom Munde fortgerissen, neben ihm sanken zwei Juden, kühne Männer, die beim Richten halfen, tot zu Boden.
Aber hauptsächlich trafen die Kanonen in die Schanzen der Stadt. Dort saß Kasimir Humiezki, einem Salamander gleich, im größten Feuer und Rauch; die Hälfte seiner Leute war gefallen, die übrigen waren fast alle verwundet. Er selbst hatte die Sprache und das Gehör verloren, aber er hatte mit Hilfe des polnischen Schulzen die feindliche Batterie wenigstens so lange zum Schweigen gezwungen, bis man an Stelle der alten Kanonen neue gebracht hatte.
Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, und das entsetzliche »_Colloquium_« der Geschütze ruhte nicht einen Augenblick. Bei den Türken wechselten die Kanoniere viermal am Tage; in der Stadt aber mußten dieselben Männer ohne Schlaf, fast ohne Speise aushalten, vom Rauch halb erstickt, viele von ihnen von den herumfliegenden Steinen und den Splittern der Lafetten verwundet. Die Soldaten hielten aus, aber den Bürgern sank der Mut; man mußte sie endlich mit Stöcken zu den Kanonen treiben, bei welchen übrigens viele als Leichen niedersanken. Zum Glück wandte sich am Abend und in der Nacht zum dritten Tage, von Donnerstag auf Freitag, der Hauptangriff gegen die Schlösser.
Beide, besonders das alte, wurden mit einem Granatenregen aus den Mörsern überschüttet, der indessen keinen Schaden anrichtete, da in der Finsternis jede Granate sichtbar ist, und der Mensch ihr leicht entrinnen kann. Erst am Morgen, als die Leute eine so große Ermattung erfaßte, daß sie vor Müdigkeit nicht mehr stehen konnten, fielen sie in dichten Haufen.
Der kleine Ritter, Ketling, Myslischewski und Kwasibrozki antworteten auf das türkische Feuer von den Schlössern. Der General von Podolien sah von Zeit zu Zeit nach ihnen und schritt mitten durch den Kugelregen hin, vergrämt und der Gefahr nicht achtend.
Gegen Abend, als das Feuer noch ärger wurde, trat der General Potozki an Michael heran.
»Herr Oberst,« sagte er, »wir werden uns hier nicht halten können.«
»Solange sie nur schießen,« antwortete der kleine Ritter, »werden wir uns halten, aber sie werden uns durch Minen in die Luft sprengen, denn sie graben rüstig.«
»Graben sie wirklich?« fragte der General beunruhigt.
Michael antwortete: »Siebenzig Kanonen sind in Tätigkeit, und der Lärm wird kaum einen Augenblick unterbrochen; aber es gibt doch Momente der Ruhe. Wenn ein solcher kommt, so spitzt nur recht das Ohr und Ihr werdet hören.«
Sie brauchten auf einen solchen Augenblick nicht lange zu warten. Ein Zufall kam ihnen zu Hilfe. Eine von den türkischen Sturmkanonen platzte; das rief eine Verwirrung hervor. Von den anderen Schanzen schickte man hin, um anzufragen, was geschehen sei, und so entstand eine Unterbrechung im Schießen. Da traten Potozki und Michael an das äußerste Ende einer der Ausbuchtungen und horchten. Nach kurzer Zeit drang an ihre Ohren ziemlich deutlich der laute Widerhall von Spitzhacken, die in die Felswand eindrangen. »Sie arbeiten,« sagte Potozki. »Sie arbeiten,« wiederholte der kleine Ritter.
Dann verstummten sie beide. Auf dem Antlitz des Generals lag große Sorge. Er erhob die Hände und umfaßte seine Schläfen. Michael aber sagte:
»Das ist ein gewöhnliches Ding bei jeder Belagerung. Bei Sbarasch haben sie Tag und Nacht unter uns gewühlt.« Der General erhob den Kopf: »Und was hat Wischniowiezki getan?«
»Wir haben uns von den entfernteren Wällen auf die engeren zurückgezogen.«
»Und was müssen wir tun?«
»Wir müssen die Kanonen und mit ihnen, was sonst möglich ist, nach dem alten Schloß bringen, denn das alte ist auf solchen Felsen erbaut, die nicht unterminiert werden können. Ich war immer der Ansicht, daß das neue nur dazu dienen wird, dem Feinde den ersten Widerstand zu leisten, dann werden wir es selbst von fernher in die Luft sprengen müssen, und die rechte Verteidigung wird erst im alten beginnen.«
Ein kurzes Schweigen trat ein, und der General senkte wieder sorgenvoll den Kopf.
»Wenn wir aus dem alten Schlosse werden weichen müssen -- wohin?« fragte er mit gebrochener Stimme. Der kleine Ritter reckte seine winzige Gestalt in die Höhe und wies mit dem Finger zu Boden.
»Ich nur dorthin!« sagte er.
In diesem Augenblick brüllten die Kanonen von neuem los, und ein Hagel von Granaten flog in das Schloß. Da bereits Dämmerung eingetreten war, sah man sie ganz deutlich. Michael reichte dem General die Hand zum Abschied und ging die Mauern entlang von einer Batterie zur anderen, überall anfeuernd und Rat erteilend. Endlich traf er Ketling und sagte: »Nun?«
»Die Granaten erleuchten alles taghell,« erwiderte dieser, indem er die Hand des kleinen Ritters drückte; »sie kargen nicht mit dem Feuern.«
»Eine mächtige Kanone ist drüben geplatzt, hast du sie in die Luft gesprengt?«
»Ja, ich.«
»Mich schläfert furchtbar.«
»Mich auch, aber es ist jetzt nicht Zeit.«
»Bah,« sagte Wolodyjowski, »auch unsere armen Frauen müssen in Sorge sein; bei solchen Gedanken flieht uns der Schlaf.«
»Sie beten für uns,« sagte Ketling und richtete die Augen auf die vorüberfliegenden Granaten.
»Schenke Gott der meinen und der deinen Gesundheit! Unter allen Frauen,« begann Ketling, »gibt es keine ...«
Er beendete seine Rede nicht, denn plötzlich wandte sich der kleine Ritter dem Innern des Schlosses zu und schrie mit lauter Stimme: »Um Gottes willen, was seh' ich!«
Und er tat einen weiten Satz. Ketling sah sich erstaunt um; in der Entfernung von einigen Schritten sah er auf dem Schloßhofe Bärbchen in Begleitung Saglobas und des Smudzers Pientka.
»An die Mauer, an die Mauer!« schrie der kleine Ritter und zog sie, so schnell er konnte, unter die Turmzinnen. »Um des Himmels willen!...«
»Ha!« sagte Sagloba keuchend und in abgerissenen Worten, »werde du mal fertig mit der! -- Ich bitte sie, ich rede ihr zu: du richtest mich und dich zugrunde! -- ich kniee -- alles hilft nichts! Sollte ich sie allein gehen lassen, wie?... Uff! Es hilft gar nichts --: Ich will hingehen ... was soll ich tun?«
Auf Bärbchens Antlitz lag die Angst, und ihre Lider bebten wie vor dem Weinen. Nicht die Granaten fürchtete sie, nicht das Donnern der Kanonen, nicht die umherfliegenden Steine, sondern den Zorn ihres Gatten, und sie faltete ihre Hände wie ein Kind, das Strafe fürchtet, und rief mit schluchzender Stimme:
»Ich konnte nicht anders, Michael, so wahr ich dich liebe, ich konnte nicht anders; mein lieber Michael, zürne nicht! Ich kann doch nicht still sitzen, während du hier in Gefahr schwebst, ich kann nicht, ich kann nicht!«
Er zürnte tatsächlich und rief:
»Bärbchen, fürchte doch Gott!«
Aber bald ergriff ihn die Rührung, die Stimme stockte ihm in der Kehle, und erst, als das teure, süße Köpfchen an seiner Brust ruhte, sagte er:
»Mein treuer Gefährte bis in den Tod ... mein Lieb!« Und er umfaßte sie mit seinen Armen.
Sagloba hatte sich unterdessen in einen Vorsprung der Mauer gedrängt und sagte hastig zu Ketling:
»Auch deine wollte mitkommen; wir haben ihr aber gesagt, daß wir nicht hergingen, -- wie wär's auch möglich bei ihrem Zustand! Ein General der Artillerie wird dir geboren, -- ein Schelm will ich sein, wenn's kein General ist ... Auf der Brücke vor der Stadt zum Schloß fallen die Granaten wie die reifen Birnen ... Ich dachte, ich müsse bersten vor Wut, nicht vor Angst ... Ich bin auf die scharfen Scherben gepurzelt und habe mir das Fell zerrissen; eine ganze Woche werde ich dran zu leiden haben. Die Nonnen müssen mich mit Salbe schmieren und ihre Keuschheit beiseite lassen ... Uff! Diese Schufte schießen, daß sie das Donnerwetter hole ... Herr Potozki will mir das Kommando übergeben ... Gebt den Soldaten zu trinken, denn sie halten's nicht mehr aus ... seht die Granate da -- wahrhaftig, sie wird ganz in der Nähe niederfallen, -- schützt Bärbchen! wahrhaftig, ganz nah!«
Doch die Granate fiel nicht in der Nähe nieder, sondern auf das Dach der Lutherischen Kapelle im alten Schloß. Weil die Kuppel eine sehr starke war, hatte man hier die Munition untergebracht; aber der Schuß hatte jene durchbohrt, und das Pulver entzündet. Ein mächtiger Knall, stärker als der Donner der Kanonen, erschütterte die Grundmauern beider Schlösser. Auf den Zinnen ertönten Schreie des Entsetzens, und die polnischen und die türkischen Kanonen verstummten.
Ketling ließ Sagloba, Michael Bärbchen stehen, und beide eilten, so schnell sie laufen konnten, auf die Mauern. Einen Augenblick hörte man beide mit keuchender Brust Befehle erteilen, aber ihr Kommando wurde von den Trommeln auf den türkischen Verschanzungen übertönt.
»Sie werden zum Angriff schreiten,« sagte leise Sagloba.
Wirklich glaubten die Türken, da sie den Knall hörten, beide Schlösser seien in Trümmer gegangen, und die Verteidiger zum Teil im Schutte begraben, zum anderen Teile vom Schrecken gelähmt. Darum rüsteten sie sich zum Sturm. Die Törichten! Sie wußten nicht, daß nur die Lutherische Kapelle in die Luft geflogen war, und daß die Entzündung des Pulvers außer der gewaltigen Erschütterung keinen Schaden angerichtet hatte, ja daß nicht einmal eine einzige Kanone auf dem neuen Schloß aus der Lafette gefallen war. Das Gerassel der Kanonen auf den Schanzen wurde immer stärker, Haufen von Janitscharen stürmten die Schanzen herab und liefen im Schnellschritt gegen das Schloß. Die Feuer auf dem Schlosse und in den türkischen Gräben erloschen zwar, aber die Nacht war hell, und bei dem Licht des Mondes konnte man die dichte Masse der weißen Janitscharenmützen sehen, die im Laufe hin und her wogten wie sturmbewegte Wellen. Einige tausend Janitscharen waren es, und einige hundert »Dschamaken«. Viele von ihnen sollten nie mehr die Minarets von Stambul, die hellen Gewässer des Bosporus und die dunklen Cypressen seines Friedhofes sehen; aber jetzt stürmten sie wütend dahin, die Hoffnung des sicheren Sieges im Herzen.
Michael lief, so schnell er konnte, die Mauern entlang.
»Nicht schießen, das Kommando abwarten!« rief er bei jeder Kanone.
Die Dragoner legten sich mit den Musketen platt auf die Zinnen und keuchten vor Wut. Stille trat ein, nur der Widerhall des schnellen Schrittes der Janitscharen tönte herauf wie gedämpfter Donner. Je näher sie kamen, desto sicherer glaubten sie, mit einem Streiche beide Schlösser zu nehmen. Viele meinten, die Überreste der Verteidiger hätten sich schon in die Stadt zurückgezogen, und auf den Zinnen sei alles menschenleer. Als sie an die Laufgräben gekommen waren, warfen sie Strauchhölzer und Strohsäcke hinein, und im Augenblick waren sie verschüttet. Auf den Mauern herrschte beständig vollkommene Ruhe. Aber als die ersten Reihen in den Laufgraben traten, knallte an einer Stelle der Turmzinne ein Pistolenschuß, und eine gellende Stimme rief:
»Feuer!«
Gleichzeitig erglänzten alle Scharten in einem langen, flammenden Blitz. Kanonendonner erfüllte die Luft, Musketen und Feuergewehre krachten, das Geschrei der Angreifer antwortete ihnen. Wie wenn ein Speer, mit kräftiger Hand geworfen, bis zur Hälfte in den Leib des Bären eindringt und das Tier sich zusammenballt, brüllt und tobt, dann wieder sich reckt und von neuem sich zusammenballt -- so drängten sich die Haufen der Janitscharen und Dschamaken zusammen. Nicht ein Schuß der Gegner fehlte. Die Kanonen, die mit Kartätschen geladen waren, streckten die Menschen wie die Ähren hin, die ein gewaltiger Sturmwind mit einem Wehen niederlegt. Diejenigen, die auf die Ausbuchtungen losgestürmt waren, welche die Forts miteinander verbanden, befanden sich zwischen zwei Feuern. Von Entsetzen erfaßt, drängten sie sich in der Mitte zu einem ungeordneten Haufen zusammen, sanken tödlich getroffen nebeneinander nieder und bildeten so förmliche Leichenhügel. Ketling ließ die Kartätschen aus zwei Kanonen kreuzweise in den Haufen schießen, und als sie endlich zu fliehen begannen, verschloß er mit einem Regen von Eisen und Blei den schmalen Ausgang zwischen den Ausbuchtungen.
Der Angriff wurde auf der ganzen Linie zurückgeworfen. Als nun die Janitscharen und Dschamaken, den Laufgraben verlassend, wie wahnsinnig mit einem Gebrüll des Entsetzens flohen, begann man von den türkischen Verschanzungen brennende Teerfässer zu werfen und künstliche Pulverfeuer zu entzünden, so daß die Nacht zum Tage wurde, um den Fliehenden den Weg zu beleuchten, und in dem erwarteten Ausfall die Verfolgung zu erschweren.
Als Herr Wolodyjowski den in die Enge getriebenen Feind sah, rief er seine Dragoner zusammen und stürmte auf ihn los. Noch einmal versuchten die Unglücklichen, sich durch den Ausgang zu drängen, aber Ketling überschüttete sie mit einem so furchtbaren Kugelregen, daß er von einem Leichenhügel wie von einem hohen Walle verstopft ward. Wer noch am Leben geblieben war, mußte sterben, denn die Verteidiger wollten keine Gefangene machen; sie mußten sich also verzweifelt wehren. Tüchtig, wie sie waren, verdichteten sie sich zu kleinen Häufchen, zu zweien, dreien und fünfen, deckten sich mit den Schultern und hieben mit Speeren, Yataganen, Säbeln und Streitäxten rasend um sich. Die Angst, das Entsetzen, der sichere Tod, die Verzweiflung hatten sich in ein Gefühl rasender Wut verwandelt. Eine mächtige Kampfbegeisterung hatte sie ergriffen; manche warfen sich einzeln in blinder Selbstvergessenheit auf die Dragoner, und im Augenblick waren sie von den Schwertern zerrissen. Es war ein Kampf zweier Furien, denn auch die Dragoner erfüllte vor Mühsalen, Schlaflosigkeit und Hunger eine tierische Wut gegen diesen Feind. Da sie aber im Kampf mit blanker Waffe den Gegner bedeutend übertrafen, richteten sie ein furchtbares Blutbad an. Ketling, der das Schlachtfeld erleuchten wollte, befahl gleichfalls Pechtonnen anzuzünden, und in ihrem Scheine sah man die unbezähmbaren Masuren mit den Janitscharen einen Säbelkampf führen, indem sie einander bei den Köpfen und bei den Bärten hielten. Besonders wütete der furchtbare Luschnia, einem wilden Stiere ähnlich. Am Ende des zweiten Flügels kämpfte Michael selber, und da er wußte, daß Bärbchen von der Mauer ihm zuschaute, übertraf er sich selbst. Wie das bissige Wiesel, wenn es in den Getreideschober eindringt, den ein Rudel Mäuse bewohnt, ein fürchterliches Blutbad darin anrichtet, so stürzte der kleine Ritter, dem Geiste des Verderbens gleich, unter die Janitscharen. Sein Name war schon bekannt unter den Türken aus den vorangegangenen Kämpfen und aus den Erzählungen der Türken von Chozim. Schon war allgemein die Ansicht verbreitet, daß kein Mensch, der ihm im Kampfe begegne, dem Tode entgehe -- darum versuchte, wenn er ihn vor sich sah, mancher der Janitscharen, die jetzt zwischen die Vorsprünge eingekeilt waren, gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern er schloß die Augen und starb unter dem Streiche des Rapiers, das Wort »Kismet« auf den Lippen. Endlich erlahmte der Widerstand; der Rest warf sich dem Wall von Leichen entgegen, der den Ausgang hemmte, und fand hier seinen Tod. Die Dragoner kehrten jetzt über die ausgefüllten Laufgräben mit Gesang und Geschrei zurück; sie dampften, und der Hauch des Blutes haftete an ihnen. Dann wurden noch einige Kanonenschüsse von den türkischen Schanzen und vom Schlosse gegeben, und endlich verstummte alles. So endete jener Kanonenkampf, der einige Tage gedauert und den der Sturm der Janitscharen beschlossen hatte.
»Gott sei Dank!« sagte der kleine Ritter; »wenigstens bis zur Reveille morgen früh werden wir Ruhe haben, -- sie kommt uns redlich zu.«
Aber diese Ruhe war nur bedingt, denn als noch tiefere Nacht eintrat, hörte man durch die Stille den Klang der Spitzhämmer, die in die Felswand eindrangen.
»Das ist schlimmer als die Kanonen,« sagte Ketling aufhorchend.
»Ja, könnte man einen Ausfall machen,« bemerkte der kleine Ritter, » -- aber es ist unmöglich. Die Mannschaften sind zu ermüdet, sie haben weder geschlafen noch gegessen, obwohl es an Essen nicht fehlte; aber die Zeit war zu kurz, und überdies steht bei den Mineuren immer eine Wache von gewöhnlich tausend Dschamaken und Spahis, damit sie von unserer Seite nicht behindert werden. Wir können nichts anderes tun, als selbst das neue Schloß in die Luft sprengen und in dem alten Schutz suchen.«
»Heute noch nicht,« antwortete Ketling. »Sieh', die Leute sind wie die Garben hingesunken und schlafen einen eisernen Schlaf. Die Dragoner haben nicht einmal die Säbel abgewischt.«
»Bärbchen, geh' in die Stadt und schlafe!« sagte plötzlich der kleine Ritter.
»Gut, lieber Michael,« antwortete Bärbchen demütig, »ich will gehen, -- wie du befiehlst. Aber das Kloster dort ist schon verschlossen, -- so möchte ich lieber hierbleiben und über deinem Schlafe wachen.«
»Seltsam,« sagte der kleine Ritter; »nach solcher Mühe flieht mich der Schlaf, -- ich habe gar keine Lust, mich hinzulegen.«
»Weil dein Blut in Wallung ist durch das Spiel mit den Janitscharen,« sagte Sagloba. »So ging es mir auch immer, nach der Schlacht konnte ich nie schlafen. Was aber Bärbchen betrifft, -- ehe sie in der Nacht zu der verschlossenen Pforte gehen soll, -- so mag sie schon lieber hierbleiben bis zum Morgen.«
Bärbchen umarmte Sagloba vor Freude. Der kleine Ritter aber sagte, als er sah, wie sehr es ihr darum zu tun war:
»So laßt uns in die Kammern gehen!«
Sie gingen hinein; aber hier war alles voll Kalkstaub, den die Kugeln aufgetrieben hatten. Es war unmöglich, darin zu verbleiben, und Bärbchen kehrte mit ihrem Gatten nach einiger Zeit wieder auf die Mauer zurück. Sie ließen sich in einer Nische nieder, die nach dem Zumauern des alten Tores geblieben war.
Sie schmiegte sich an ihn, wie ein Kind an die Mutter. Die Augustnacht war warm und mild, der Mond beleuchtete mit seinem Silberglanz die Vertiefung, so daß das Gesicht des kleinen Ritters und Bärbchens in Glanz gebadet war. Unten im Schloßhof erspähte man die schlafenden Soldaten, und auch die Leichen der Gefallenen lagen noch da, denn man hatte noch keine Zeit gefunden, sie zu bestatten. Das stille Licht des Mondes glitt über die Leichenhaufen hin, als wollte der himmlische Einsiedler erfahren, wer nur vor Ermüdung, und wer zur ewigen Ruhe entschlummert sei. Weithin war die Mauer des Hauptgeländes sichtbar, deren schwarzer Schatten über die Hälfte des Hofes fiel. Von außerhalb der Mauer, wo zwischen den Vorsprüngen die vom Schwerte erschlagenen Janitscharen lagen, drangen menschliche Stimmen herein. Die Knechte und diejenigen von den Dragonern, welche den Raub dem Schlafe vorzogen, plünderten die Leichen. Ihre Laternen schimmerten über das Schlachtfeld wie Johanniskäfer. Manchmal riefen sie leise einander zu, und einer sang mit halber Stimme ein liebliches Lied, das wenig zu der Beschäftigung paßte, der sie im Augenblick oblagen:
Was frag' ich viel nach Gold und Tand, Was gilt der Reichtum mir! Und stürb' ich auch am Wiesenrand -- Bist du, Lieb', nur bei mir.
Aber nach einiger Zeit wurde es draußen ruhiger, und endlich trat vollkommene Stille ein. Nur der entfernte Widerhall der Spitzhämmer, die den Felsen brachen, und die Rufe der Wachen auf den Mauern störten die Ruhe. Diese Stille, das Licht und die herrliche Nacht berauschten den kleinen Ritter und Bärbchen. Es ward ihnen bang zumut; sie wußten nicht warum: sie waren traurig in ihrer Seligkeit. Bärbchen erhob zuerst ihre Augen zu ihrem Gatten, und da sie sah, daß er die Lider nicht geschlossen hielt, fragte sie: »Michael, schläfst du nicht?«
»Seltsam, ich bin gar nicht schläfrig.«
»Und ist's dir hier wohl?«
»Gewiß! Und dir?«
Bärbchen wandte ihm ihr blondes Köpfchen zu.
»Ach, Michael, so wohl, ach, so wohl! Hast du gehört, was der dort gesungen hat?«
Hier wiederholte sie die letzten Worte des Liedes:
Und stürb' ich auch am Wiesenrand -- Bist du, Lieb', nur bei mir.
Wieder trat eine Pause ein, die der kleine Ritter unterbrach.
»Bärbchen, höre nur!«
»Was, Michael?«
»Nicht wahr, uns beiden ist sehr wohl miteinander; ich denke, wenn eines von uns fiele, das andere müßte über die Maßen bangen.«
Bärbchen begriff sehr wohl, daß der kleine Ritter, da er, »wenn eines von uns fiele« sagte, statt »stürbe«, nur sich meinte. Ihr kam der Gedanke, daß er vielleicht nicht hoffe, lebendig dieser Belagerung zu entkommen, daß er sie mit dem schweren Gedanken vertraut machen wolle; eine entsetzliche Ahnung schnürte ihr Herz zusammen, sie faltete die Hände und sagte:
»Michael, habe Erbarmen mit mir und mit dir!«
Die Stimme des kleinen Ritters klang ein wenig bewegt, wenn auch ruhig.
»Siehst du, Bärbchen, daß du nicht recht hast,« sagte er, »denn wenn man's recht erwägt -- was bedeutet dieses Leben? Wem könnte hier Glückseligkeit und Liebe zur Genüge werden, wenn alles morsch ist wie ein welker Zweig?«
Aber Bärbchen schüttelte sich vor Weinen und rief ein über das andere Mal:
»Ich will nicht -- ich will nicht -- ich will nicht!«
»So wahr ich Gott liebe, du hast nicht recht,« wiederholte der kleine Ritter. » -- Sieh, dort in der Höhe hinter dem stillen Mond, dort ist das Land der ewigen Glückseligkeit. Von solchem Glück wollen wir sprechen. Wer an jenen Rastort gelangt, erst der ruht aus, wie nach einer langen Reise und weidet friedlich. Wenn meine Zeit kommt -- und die kommt bei einem Krieger schnell -- so mußt du dir sagen: Michael ist fortgereist, gewiß weit, sehr weit, weiter als von hier nach Litauen, -- aber das tut nichts, denn ich reise ihm nach. Nicht doch, Bärbchen, still, weine nicht, wer zuerst abreist, der wird dem anderen ein Quartier bereiten -- das ist alles.«
Es kam über ihn wie ein Schauen der Zukunft, er hob die Augen zum glänzenden Mond und sprach weiter: »Was ist alles Irdische! Denken wir, ich sei schon dort und es klopft jemand an die Himmelstür; der heilige Petrus öffnet, ich blicke hin -- wer ist's? Mein Bärbchen! Ums Himmels willen! Ich eile auf sie zu, ich schreie auf ... lieber Gott, die Worte versagen mir, es gibt kein Weinen, sondern ewige Freude, und es gibt keine Heiden und keine Kanonen, und keine Mine unter den Mauern, -- nur Friede, nur Glückseligkeit! Hörst du, Bärbchen?«
»Michael, Michael!« wiederholte Bärbchen, und wieder herrschte Stille, nur unterbrochen von dem fernen, eintönigen Klang der Spitzhacken. Endlich sagte Michael: »Bärbchen, sprechen wir ein Paternoster!«
Und diese beiden Seelen, rein wie Gold, begannen zu beten, und mit jedem Worte des Gebetes ergoß sich neuer Friede in ihre Herzen. Dann überwand sie der Schlummer, und sie schliefen bis zum ersten Morgengrauen.
Vor der ersten Morgenandacht führte Wolodyjowski Bärbchen bis zur Brücke, welche das alte Schloß mit der Stadt verband und sagte ihr beim Abschied: