Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 46

Chapter 463,567 wordsPublic domain

Hamdi hatte schon längst den kleinen Ritter bemerkt, aber da er seine Taten sah, erschrak er im ersten Augenblick. Er scheute sich, den großen Ruhm und das junge Leben gegen diesen Feind aufs Spiel zu setzen, und darum beachtete er ihn absichtlich nicht und ritt am anderen Ende des Feldes umher. Dort hatte er gerade Herrn Jalbrik und Herrn Kos ergriffen, als die verzweifelten Rufe »Hamdi, Hamdi!« an sein Ohr schlugen. Er sah ein, daß es unmöglich war, sich länger zu verbergen, daß er entweder unermeßlichen Ruhm zu gewinnen oder sein Leben zu verlieren habe, und er erhob einen so furchtbaren Schrei, daß alle Abhänge vom Echo widerhallten, und stürmte mit der Schnelligkeit des Windes gegen den kleinen Ritter los.

Wolodyjowski hatte ihn aus der Ferne bemerkt und gab seinem braunen Wallach die Sporen. Die anderen ließen die Waffen ruhen, und Bärbchen hinter den Zinnen des Schlosses ward, da sie alle Siege des furchtbaren Hamdi-Bey mit angesehen hatte, trotz des blinden Vertrauens in die unbesiegbare Kraft des kleinen Ritters ein wenig bleich. Sagloba aber war vollkommen ruhig.

»Ich möchte lieber der Erbe dieses Heiden sein, als er selber,« sagte er zu Bärbchen. Pientka, der getreue Smudzer, war seines Herrn so sicher, daß sein Antlitz auch nicht die geringste Sorge um ihn trübte. Ja, er summte, als er den heranstürmenden Hamdi erblickte, eine Volksweise vor sich hin:

Ei, du dummer, dummer Hund, Kommt der Wolf aus Waldesgrund, Und der Wolf ist fürchterlich, Trolle dich, sonst frißt er dich.

Die beiden Kämpfer waren mitten im Felde unter den Augen der zuschauenden Reihen zusammengetroffen. Aller Herzen standen für einen Augenblick still, -- da leuchtete ein schlangenartiger Blitz im hellen Sonnenschein über den Häuptern der Kämpfenden: der krumme Damascener war wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil Hamdis Händen entflogen, er selbst neigte sich auf seiner Satteldecke, als sei er vom Schwerte getroffen, und schloß die Augen. Michael aber faßte ihn mit der linken Hand im Nacken und trieb ihn, die Spitze des Rapiers in die Seite stemmend, zu den Seinigen. Hamdi leistete keinen Widerstand; er gab vielmehr selbst dem Pferde die Sporen, denn er fühlte die Spitze zwischen seinem Körper und der Rüstung -- und ritt wie betäubt dahin; die Hände hingen ihm kraftlos herab, und aus den Augen traten ihm die Tränen. Michael lieferte ihn in die Hände des schrecklichen Luschnia und wandte sich selbst zum Schlachtfeld zurück.

In den Reihen der Türken ertönten Trompeten und Pfeifen; das war für die Kämpfer das Zeichen, daß es Zeit sei, die Reihen zu schließen, und so eilten sie zu den ihrigen zurück, mit Schmach bedeckt, voll Grames und mit dem Andenken an den furchtbaren Reiter im Herzen.

»Das war der Satan!« sagten die Spahis und Mamelucken zueinander, »wer mit ihm zusammentrifft, dem ist der Tod gewiß,« -- »der Satan, kein anderer.« Die polnischen Reiter verweilten noch einen Augenblick, um zu zeigen, daß sie das Feld behauptet hatten; dann erhoben sie ein dreifaches Siegesgeschrei und zogen sich endlich unter dem Schutze der Kanonen, die Potozki wiederum in Tätigkeit treten ließ, zurück. Auch die Türken wichen weit zurück; einen Augenblick glänzten ihre Burnusse, ihre farbigen Kepis und die schimmernden Visiere in der Sonne, dann verdeckte sie der blaue Horizont. Auf dem Schlachtfeld blieben nur die Türken und die Polen, die das Schwert getroffen hatte. Die Knechte kamen aus dem Schlosse, um die Leichen zu sammeln und sie zu begraben, und zuletzt flogen die Raben herbei, um auch den gefallenen Heiden den letzten Dienst zu erweisen. Aber ihr Leichenschmaus währte nicht lange, denn noch an demselben Abend scheuchten sie neue Heerscharen des Propheten von ihrem Mahle auf. --

Am folgenden Tage ritt der Vezier selbst an die Mauern von Kamieniez heran an der Spitze eines zahlreichen Heeres von Spahis, Janitscharen und vom allgemeinen Aufgebot. Bei der großen Zahl seiner Truppen konnte man anfangs meinen, er werde einen Sturm versuchen; er wollte indessen nur die Mauern der Stadt in der Nähe besichtigen. Die Ingenieure, die ihn begleiteten, untersuchten denn auch die Festung und die Erdaufschüttungen. Diesmal trat dem Vezier Herr Myslischewski mit dem Fußvolk und einer Abteilung freiwilliger Berittener entgegen, und wieder kam es zu Einzelkämpfen, die für die Belagerten erfolgreich, wenn auch nicht so glänzend endeten wie am vergangenen Tage. Endlich befahl der Vezier den Janitscharen, zum Schein gegen die Mauern vorzurücken. Der Donner der Geschütze erschütterte Stadt und Schlösser, die Janitscharen kamen bis an das Quartier des Herrn Podtschaski heran und gaben unter ungeheurem Lärm alle gleichzeitig eine Salve ab. Aber da auch Herr Podtschaski von oben her mit wohlgezielten Schüssen antwortete, und zu befürchten stand, daß die Reiterei die Janitscharen seitwärts umgehen könne, so rückten diese ohne Zögern auf dem Wege von Swaniez ab und kehrten zum Hauptheer zurück.

Am Abend schlich sich ein Böhme in die Stadt, der bei dem Janitschar-Aga Pajuk diente und nach einer Geißelung entflohen war. Man erfuhr von ihm, daß der Feind sich bereits in Swaniez befestigt hatte und die weiten Felder vom Dorfe Dluschek ab in Besitz habe. Der Überläufer wurde eingehend über die Ansicht, die unter den Türken in bezug auf die Einnehmbarkeit von Kamieniez herrsche, ausgefragt. Er antwortete, daß im Heere ein guter Geist walte, und daß die Prophezeiungen günstig gewesen seien. Vor wenigen Tagen habe sich vor dem Zelte des Sultans plötzlich eine Rauchsäule vom Erdboden erhoben, unten dünn, oben immer breiter werdend, wie ein riesenhafter Blumenstrauß. Die Muftis deuteten die Erscheinung so, daß der Ruhm des Padischahs die Höhen des Himmels erreichen werde, und daß gerade er der Herrscher sei, der die bisher uneinnehmbare Feste von Kamieniez fällen werde. Dieses günstige Vorzeichen habe den Mut des Heeres sehr gehoben. Die Türken -- fuhr der Überläufer fort -- fürchten den Hetman Sobieski und seine Entsatzung; von alters her sei ihnen die Gefahr eines Kampfes auf offenem Felde mit den Herren der Republik in Erinnerung, und sie seien geneigter, mit den Venezianern, mit den Ungarn oder mit einem anderen Volke zusammenzutreffen. Da sie aber Kunde davon hätten, daß die Republik keine Heere besaß, so herrsche allgemein die Ansicht, daß Kamieniez, wenn auch nicht ohne Mühen, fallen werde. Der Kaimakam Kara-Mustapha habe geraten, die Mauern unverzüglich zu stürmen, aber der besonnenere Vezier ziehe es jetzt vor, mit regulären Arbeiten die Stadt zu umgeben und mit Geschossen zu überschütten. Der Sultan sei nach den ersten Scharmützeln der Ansicht des Veziers beigetreten, und darum sei eine ordnungsmäßige Belagerung zu erwarten.

Herrn Potozki schmerzte diese Mitteilung sehr; auch der Bischof, der Kämmerer von Podolien, Michael und die anderen Offiziere waren betrübt darüber. Sie hatten auf Stürmen gerechnet, und bei der Wehrhaftigkeit des Ortes gehofft, den Feind mit großem Verlust zurückzuwerfen. Sie wußten recht wohl, daß beim Stürmen der Belagerer empfindliche Verluste erleidet, daß jeder zurückgeworfene Angriff seinen Mut erschüttert, und die Zuversicht der Belagerten kräftigt. Ähnlich wie die von Sbarasch würden sich die Ritter an Widerstand, an Schlachten, an Ausfälle gewöhnt haben, und auch die Bürger von Kamieniez konnten Liebe zum Kampfe gewinnen, besonders, wenn jeder Angriff mit einer Niederlage der Türken, und mit einem Siege der Männer von Kamieniez geendet hätte. Eine reguläre Belagerung indessen, bei welcher die Herstellung von Gräben und Minen und die Aufstellung der Geschütze alles bedeutet, konnte die Belagerten nur ermüden, ihren Mut sinken lassen und sie zu Verhandlungen geneigter machen. Auf Ausfälle durfte man nicht rechnen, denn man konnte unmöglich die Mauern von Soldaten entblößen. Der Troß aber und die losen Truppen konnten außerhalb der Mauern den Janitscharen keinesfalls standhalten.

Bei diesen Erwägungen fühlten die älteren Offiziere bitteren Gram, und der Erfolg der Verteidigung schien ihnen zweifelhaft. Er war in der Tat auch wenig wahrscheinlich, nicht nur im Hinblick auf die Übermacht der türkischen Streitkräfte, sondern auch in bezug auf sie selber. Herr Michael war ein unvergleichlicher und ruhmbedeckter Krieger, aber ihm fehlte die Majestät der Größe; wer die Sonne in sich trägt, vermag alle zu erwärmen, wer aber eine Flamme bedeutet, und sei sie auch die glühendste, der erwärmt nur die allernächsten. Und so war es mit dem kleinen Ritter; er verstand und vermochte es nicht, Fernstehenden seinen hohen Mut einzuflößen, ebensowenig wie seine Gewandtheit im Einzelkampf. Herr Potozki, der oberste Führer, war kein Krieger; überdies fehlte ihm der Glaube an sich selbst, an andere und an die Republik. Der Bischof baute hauptsächlich auf die Verhandlungen; sein Bruder hatte eine schwere Hand und einen schwerfälligen Geist. Auf Entsatz konnte nicht gerechnet werden, denn der Hetman Sobieski, so bedeutend er war, war zurzeit ebenso machtlos wie der König und die ganze Republik.

Am 16. August kam der Khan mit der Horde, und Doroschenko mit seinen Kosaken heran; sie betrachteten die ungeheure Fläche der Felder von Oryni. Sufankas-Aga berief am selben Tage Herrn Myslischewski zu einer Unterredung und riet, die Stadt zu ergeben. Geschähe dies unverzüglich, so könne er so günstige Bedingungen erwirken, wie sie in der Geschichte der Belagerungen unerhört seien. Der Bischof hätte diese Bedingungen gern erfahren, aber man schrie ihn im Rate an und sandte eine abschlägige Antwort. Am 18. August begannen die Türken heranzuziehen, mit ihnen der Kaiser selbst.

Sie wogten heran, das polachische Fußvolk, Janitscharen und Spahis, wie das unermeßliche Meer. Jeder Pascha führte das Heer seines Paschaliks, und so drängten sie heran, die Bewohner Europas, Asiens und Afrikas. Ihnen folgte eine riesige Wagenburg mit Lastwagen, die von Mauleseln und Büffeln gezogen wurden. Wie ein tausendfarbiger Ameisenschwarm, in den mannigfaltigsten Rüstungen und Trachten, zog es endlos daher. Von der Morgendämmerung bis zum Abend rückten ohne Unterbrechung Heere heran, zogen von einem Ort zum anderen, schlugen bald hier, bald dort Zelte auf, und bedeckten eine so ungeheure Fläche, daß man von den Türmen und höchsten Orten in Kamieniez keine von Zeltdächern freie Stelle erspähen konnte. Die Leute meinten, es sei Schnee gefallen und habe die ganze Gegend bedeckt. Die Aufstellung der Wagenburg erfolgte unter dem Knalle der Büchsen, denn die Abteilung Janitscharen, welche den Arbeiten zur Deckung diente, hörte nicht auf gegen die Mauern zu feuern. Von den Mauern her ward ihnen Antwort durch ein ununterbrochenes Geschützfeuer; das Echo hallte die Felsen entlang, Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf und verdeckten das blaue Firmament. Bis zum Abend war Kamieniez so eingeschlossen, daß höchstens die Tauben heraus konnten; das Feuer verstummte erst, als die ersten Sterne am Himmel erglänzten.

Die folgenden Tage hindurch dauerte das Feuer von und nach den Mauern beständig mit großem Verlust für die Belagerer fort; sobald sich ein größerer Haufe von Janitscharen in Schußweite angesammelt hatte, erhob sich ein weißer Dampf auf den Mauern, die Kugeln fielen zwischen die Janitscharen, und diese stoben auseinander wie eine Schar Sperlinge, wenn jemand eine Handvoll Schrot unter sie schießt. Die Türken hatten, da sie offenbar nicht wußten, daß in beiden Schlössern und in der Stadt selbst weittragende Kanonen standen, ihre Zelte zu nahe aufgeschlagen; auf den Rat des kleinen Ritters hatte man sie gewähren lassen, und erst, als mit dem Herannahen der Rastzeit die Soldaten schutzsuchend vor der Sonne sich in das Innere der Zelte zurückzogen, erdröhnten die Mauern in ununterbrochenem Donner. Ein Schrecken entstand; die Kugeln zerrissen die Stäbe, verwundeten die Soldaten, warfen scharfe Felsstücke umher; die Janitscharen zogen sich in Verwirrung und Unordnung, unter großem Lärm weiter zurück, warfen auf der Flucht die entfernteren Zelte um und weckten überall Furcht und Sorge. Gegen die so in Verwirrung Gebrachten wagte Michael einen Ausfall mit der Reiterei und hieb unter sie, bis ihnen Hilfe von ihrer Reiterei ward. Ketling war es hauptsächlich, der das Geschützfeuer leitete; neben ihm hatte der lechische Schulze Cyprian die größten Verwüstungen unter den Heiden angerichtet. Er selbst neigte sich über jede Kanone, er selbst legte die Lunte an; dann hielt er die Hand über die Augen, sah nach dem Erfolg seines Schusses und freute sich im Herzen, daß er so glücklich wirke.

Die Türken legten Gräben an, errichteten Schanzen und besetzten sie mit schweren Kanonen. Ehe sie aber zu schießen begannen, kam ein Abgesandter der Türken an die Wälle herangeritten, steckte ein kaiserliches Schreiben an die Rohrlanze und zeigte es den Belagerten; die abgesandten Dragoner ergriffen sofort den Boten und brachten ihn auf das Schloß. Der Kaiser forderte die Stadt zur Übergabe auf, indem er seine Macht und seine Gnade in den Himmel erhob. -- Mein Heer -- schrieb er -- kann mit dem Laub an den Bäumen, mit dem Sande am Ufer des Meeres verglichen werden; schauet in den Himmel, und wenn Ihr die unzählbaren Sterne seht, so erwecket Furcht in Euren Herzen und saget einer zum anderen: Also ist die Macht der Gläubigen! Aber da ich über alle Könige ein gnädiger König und ein Enkel des lebendigen Gottes bin, darum beginne ich meine Handlungen mit Gott. Wisset denn, daß ich den Trotzigen hasse; widerstrebt also meinem Willen nicht und übergebet die Stadt. Wollt Ihr aber Trotz bieten, so kommt Ihr alle unter das Schwert, und gegen mich wird keine menschliche Stimme sich zu erheben wagen. --

Man pflog lange Rates, welche Antwort auf dieses Schreiben zu geben war -- und man verwarf den unhöflichen Rat Saglobas, einem Hunde den Schwanz abzuhacken und ihn als Antwort hinzusenden. Man schickte endlich einen gewandten Mann, Inriza, der gut türkisch sprach, mit einem Brief, der lautete wie folgt:

-- Wir wollen den Kaiser nicht kränken, aber auch ihm zu gehorchen ist nicht unsere Pflicht, denn wir haben nicht ihm, sondern unserem Herrn geschworen. Kamieniez geben wir nicht, denn uns bindet ein Eid, die Festung und die Kirchen bis zum Tode zu verteidigen. --

Nachdem die Antwort gegeben war, zerstreuten sich die Offiziere auf die Mauern; das benutzte der Bischof von Landskron und der General von Podolien, und sie sandten einen neuen Brief an den Sultan, in welchem sie um einen Waffenstillstand auf vier Wochen baten. Als die Nachricht von diesem Briefe bekannt wurde, begann ein Lärm und ein Säbelrasseln. »Ei, das wäre!« sagte der eine und der andere, »wir sollen uns hier bei den Kanonen schinden, und jene schicken hinter unserem Rücken Briefe ab, ganz ohne unser Wissen, obwohl wir zum Rate gehören?« -- Und nach der Abendparole gingen die Offiziere vereint zum General, geführt von dem kleinen Ritter und Herrn Makowiezki, die beide durch das Geschehene schwer gekränkt waren.

»Wie,« rief der Truchseß, »denkt Ihr schon an Ergebung, daß Ihr einen neuen Boten hingesandt habt? Warum ist dies ohne unser Wissen geschehen?«

»Fürwahr,« fügte der kleine Ritter hinzu, »wenn wir zum Rate berufen waren, ziemt es sich nicht, ohne unser Wissen Briefe abzuschicken; von Ergebung gestatten wir nicht zu reden, wer aber Ergebung wünscht, der trete ab von seinem Amte.« Drohend bewegten sich seine Lippen, denn er war ein Krieger von strengster Disziplin, und es schmerzte ihn tief, gegen die Vorgesetzten zu sprechen. Doch er hatte geschworen, das Schloß bis in den Tod zu verteidigen und glaubte so sprechen zu müssen.

Der General von Podolien antwortete verwirrt:

»Ich war der Meinung, es geschähe dies mit allgemeiner Zustimmung.«

»Keine Zustimmung, hier wollen wir untergehen!« riefen viele Stimmen.

»Das höre ich gern, denn auch mir ist der Glaube teurer als das Leben, und Feigheit ist mir fremd. Bleibet hier zum Abendbrot, Herren, so werden wir schneller zur Einigkeit kommen.« Aber sie wollten nicht bleiben. »An den Toren ist unser Platz, nicht am Tische,« versetzte der kleine Ritter.

Inzwischen war der Bischof herangekommen, und da er hörte, worum es sich handle, wandte er sich sogleich zu Herrn Makowiezki und an den kleinen Ritter.

»Brave Männer,« sagte er; »ein jeder fühlt im Herzen wie Ihr, und niemand hat von Ergebung gesprochen. Ich habe hingesandt, und um einen Waffenstillstand auf vier Wochen nachgesucht. Ich habe geschrieben, in dieser Zeit wollen wir zu unserem König senden und um Entsatz und Instruktionen bitten; und dann komme, was Gott uns schickt.«

Als das der kleine Ritter hörte, verzog er wieder drohend den Mund, diesmal aber, weil ihn gleichzeitig Wut und ein wüstes Lachen fortriß über solche Auffassung des Kriegsdienstes. Er, der von Kindesbeinen an Soldat war, traute seinen Ohren nicht, daß jemand dem Feinde einen Waffenstillstand vorschlagen wolle, um Zeit zum Entsatze zu gewinnen. Er blickte Herrn Makowiezki und die anderen Offiziere an, und diese wiederum sahen ihn an. »Scherz oder Ernst?« fragten einige, dann verstummten alle.

»Ehrwürden,« sagte endlich Herr Michael, »ich habe mit den Tataren, mit den Kosaken, mit den Moskowitern, mit den Schweden gekämpft -- aber von solchen Dingen habe ich nie gehört. Denn der Sultan ist hierhergekommen, nicht um uns, sondern um sich zu nützen, und wie soll er seine Zustimmung geben zu einem Waffenstillstand, wenn man ihm schreibt, daß man in dieser Zeit hübsch bequem auf Entsatz warten will!«

»Wenn er nicht darauf eingeht, so wird es eben sein, wie es jetzt ist,« antwortete der Bischof.

»Wer um Waffenstillstand bittet, der zeigt offenkundig seine Angst und seine Schwäche, und wer auf Entsatz rechnet, der traut den eigenen Kräften nicht; das hat der Heidenhund aus diesem Briefe ersehen, und das ist ein unberechenbarer Schaden,« antwortete Michael.

Als der Bischof das hörte, ward er sehr betrübt.

»Ich konnte wo anders sein,« sagte er, »und da ich in der Not meine Herde nicht verlassen habe, muß ich jetzt Vorwürfe ertragen.«

Dem kleinen Ritter tat es weh um den würdigen Prälaten, er umfaßte seine Kniee, küßte seine Hand und antwortete:

»Das verhüte Gott, daß ich hier Vorwürfe machte, aber da wir _consilium_ halten, sage ich, was meine Erfahrung mir vorschreibt.«

»Was soll geschehen? _Mea culpa_ denn, gut, wie läßt sich die Sache wieder gut machen?« fragte der Bischof.

»Gut machen?« wiederholte Michael.

Er sann ein wenig nach, dann hob er heiter den Kopf empor. »Nun es geht, folgt mir, meine Herren.«

Er ging, die Offiziere folgten ihm; eine Viertelstunde später erbebte Kamieniez von dem Donner der Kanonen. Michael machte mit den Freiwilligen einen Ausfall gegen die in den Gräben schlafenden Janitscharen und hieb unter sie, bis sie auseinanderstoben und nach der Wagenburg flohen.

Dann kehrte er zum General zurück, bei dem er noch den Bischof von Landskron traf.

»Ehrwürden,« sagte er freudig, »es ist gut gemacht!«

Die ganze Nacht hindurch wurde geschossen, wenn auch mit starken Unterbrechungen. In der Morgendämmerung wurde gemeldet, einige Türken ständen am Schlosse und wünschten, daß man ihnen jemand zu Verhandlungen entgegenschicke; man mußte auf alle Fälle erfahren, was sie wollten, und darum bestimmten die Oberen im Rate Herrn Makowiezki und Herrn Myslischewski, sich mit den Heiden zu verständigen.

Einen Augenblick später schloß sich ihnen Kasimir Humiezki an, und sie gingen hinaus. Drei Türken waren da: Muktar-Bey, Salomi, der Pascha von Rustschuk und Kosra, der Dolmetsch, als dritter. Sie trafen sich unter freiem Himmel hinter dem Schloßtor. Als die Türken die Abgesandten erblickten, begannen sie zu grüßen, indem sie gleichzeitig die Fingerspitzen an Herz, Mund und Stirn legten; die Polen begrüßten sie höflich und fragten, was sie brächten. Salomi sagte: »Meine Teuren, unserem Herrn ist ein großes Unrecht geschehen, das alle, welche Gerechtigkeit lieben, beweinen müssen, und für welches der Ewige euch bestrafen wird, wenn ihr es nicht bald gut macht. Habt ihr doch selbst Juriza abgeschickt, der vor unserem Vezier das Knie beugte und ihn um Waffenstillstand bat; und als wir dann, eurer Tugend vertrauend, die Verschanzung verließen, habt ihr die Geschütze gegen uns gerichtet, habt einen Ausfall aus den Mauern gemacht und den Weg mit Leichen gesäet bis zu dem Zelte des Padischah. Dies Vergehen kann nicht ohne Strafe bleiben, es sei denn, daß ihr sogleich Schloß und Stadt übergebt und Reue und Schmerz zeiget.«

Darauf antwortete Makowiezki:

»Juriza ist ein Hund, der die Instruktionen überschritten hat. Er ließ seine Knaben die weiße Fahne schwenken und wird dafür gerichtet werden. Der Herr Bischof hat privatim angefragt, ob ein Waffenstillstand möglich sei, da aber auch ihr nicht aufgehört habt, während jenes Briefwechsels die Schanzen zu beschießen, was ich selbst bezeugen kann, denn mich haben die herumfliegenden Steine ins Auge getroffen -- so hattet ihr auch kein Recht, von uns eine Unterbrechung im Schießen zu verlangen. Kommt ihr jetzt mit dem bewilligten Waffenstillstand, gut, wo nicht, so sagt eurem Herrn, daß wir wie bisher Mauer und Stadt verteidigen werden, bis wir zugrunde gehen, oder, was sicherer ist, bis ihr an diesen Felsen zugrunde gehet. Weiter, meine Lieben, haben wir euch nichts zu sagen, außer dem Wunsche, daß der Herr eure Tage vermehre und euch ein hohes Alter erreichen lasse.«

Gleich nach dieser Unterredung gingen die Abgesandten auseinander. Die Türken kehrten zum Vezier zurück, die polnischen Herren auf das Schloß, wo man sie mit Fragen bestürmte, wie sie die Boten abgefertigt hätten. Sie teilten den Bescheid der Türken mit.

»Ihr nehmt es nicht an, geliebte Brüder,« sagte Kasimir Humiezki, »in kurzen Worten, diese Hunde wollen, daß wir vor dem Abend die Schlüssel der Stadt ausliefern.«

Darauf antworteten zahlreiche Stimmen, eine beliebte Redewendung wiederholend: »Der Heidenhund soll an unserem Fleische nicht fett werden. Wir jagen ihn heim, wir wollen nicht!«

Nach diesem Beschluß gingen sie alle auseinander, und das Geschützfeuer begann sogleich wieder. Den Türken war es schon gelungen, viele schwere Geschütze aufzufahren, und ihre Kugeln fielen über die Brustwehr in die Stadt. Die Kanoniere arbeiteten in der Stadt und in den Schlössern im Schweiße ihres Angesichts den Rest des Tages und die ganze Nacht. Fiel einer, so konnte niemand für ihn eintreten; es fehlte auch an solchen, die Kugeln und Pulver herbeischafften. Erst vor der Abenddämmerung ließ das Getöse etwas nach. Aber kaum begann der Tag zu grauen, kaum zeigte sich am östlichen Himmel der rosige Goldstreif des Morgenrots, als in beiden Schlössern Alarm geblasen wurde. Wer schlief, erwachte; die schlaftrunkene Menge tummelte sich in den Straßen und horchte auf. »Der Sturm bricht los!« sagten die einen zu den anderen und zeigten auf das Schloß, und: »Ist Herr Michael dort?« fragten unruhige Stimmen. »Ja, er ist dort,« antworteten andere.