Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 43

Chapter 433,539 wordsPublic domain

Am lebhaftesten aber wandte sich die Aufmerksamkeit der Menge dem Einzuge Bärbchens zu. Es gab gewiß viele höher gestellte Frauen in Kamieniez, aber es gab keine, deren Gatten ein größerer Kriegsruhm umstrahlte. Man hatte in Kamieniez von der Gattin Wolodyjowskis als von einer tapferen Frau gehört, die sich nicht gescheut hatte, in der Würstenwarte inmitten einer verwilderten Bevölkerung zu wohnen, die mit ihrem Gatten Kriegszüge unternahm, die von dem Tataren entführt, ihn zu Boden geschlagen und heil aus seinen räuberischen Händen entkommen war. Auch ihr Ruhm war groß; aber diejenigen, die sie bisher nicht gekannt und gesehen hatten, stellten sich vor, sie müsse eine Riesin sein, die Hufe zerbrechen und Panzer zerreißen könne. Wie groß war daher ihr Erstaunen, als sie ihr vorgeneigtes, zierliches, halb kindliches Gesichtchen erblickten. »Ist das die Frau Oberst selber oder nur ihre Tochter?« ging es von Mund zu Mund fragend durch die Menge. »Sie ist es selbst!« antworteten diejenigen, die sie kannten, und verwundert blickten die Bürger, die Frauen, die Geistlichen, die Soldaten. Mit nicht geringerer Verwunderung betrachtete man das unüberwindliche Kommando von Chreptiow, die Dragoner, an deren Spitze ruhig lächelnd, mit abwesendem Blick, Nowowiejski ritt, und die furchtbaren Gesichter der Banditen, die in die ungarische Infanterie umgewandelt waren. Es geleiteten Bärbchen aber auch etliche hundert vortreffliche Krieger von Beruf, so daß bei ihrem Anblick der Mut wuchs. »Das ist eine ungewöhnliche Macht, die können den Türken dreist in die Augen sehen!« rief man in der Menge. Einige von den Bürgern, ja auch von den Soldaten, besonders vom Regiment des Bischofs Trebizki, das soeben nach Kamieniez gekommen war, dachten, Herr Michael selbst befinde sich im Zuge, und sogleich erhoben sich Rufe:

»Es lebe Herr Michael Wolodyjowski!« »Es lebe unser Verteidiger, der Ruhm der Ritterschaft!« »Vivat Wolodyjowski, vivat!«

Bärbchen hörte es, und ihr Herz schwoll, denn nichts schmeichelt einer Frau mehr, als der Ruhm ihres Mannes, besonders wenn der Mund des Volkes in einer großen Stadt von ihm widerklingt. »So viele Ritter sind hier, -- dachte Bärbchen -- und keinem gelten die Rufe als meinem Michael!« Am liebsten hätte sie selbst mit im Chor geschrieen: Vivat Michael Wolodyjowski! -- aber Sagloba hielt sie zurück; sie müsse sich würdevoll benehmen, wie es einer Person ihrer Bedeutung zieme, und nach beiden Seiten grüßen, wie die Königinnen tun, wenn sie in die Residenz einziehen. Er selbst grüßte auch, bald mit der Mütze, bald mit der Hand, und wenn die guten Bekannten auch in einen Vivatruf zu seiner Ehre ausbrachen, wandte er sich sprechend zur Menge.

»Meine Herren, wer Sbarasch überstanden hat, wird auch Kamieniez überstehen!«

Nach Herrn Michaels Instruktion hielt der Zug vor dem neuerbauten Kloster der Dominikanerinnen. Der kleine Ritter hatte ein eigenes Häuschen in Kamieniez; weil aber das Kloster an einem steilen Orte lag, wo die Kanonenkugeln nicht leicht hinschlagen konnten, zog er es vor, hier sein liebes Bärbchen unterzubringen, um so mehr, als er, ein Wohltäter des Klosters, gute Aufnahme erwarten durfte. Die Oberin, Mutter Viktoria, die Tochter Stephan Potozkis, des Wojewoden von Brazlaw, empfing denn auch Bärbchen mit offenen Armen; ebenso Tantchen Makowiezka, die sie schon seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Beide weinten, auch der Truchseß von Latytschow, dessen Liebling Bärbchen immer gewesen war, weinte. Kaum hatten sie die Tränen der Rührung getrocknet, da eilte Christine Ketling herbei, und es begannen neue Begrüßungen; dann umringten Bärbchen die Schwestern und die Adelsfräuleins, Bekannte wie Unbekannte. Die einen, wie Frau Bogusch, fragten nach den Männern, andere, was Bärbchen von dem türkischen Riesenheer denke, und ob Kamieniez nach ihrer Meinung sich werde halten können. Bärbchen nahm mit großer Freude wahr, daß man sie für eine Art Autorität in Kriegssachen hielt und aus ihrem Munde Trost erwarte. Darum war sie auch nicht karg damit: »Es ist gar nicht daran zu denken,« sagte sie -- »daß wir den Türken nicht standhalten sollten; Michael kommt ja her, heute, morgen, spätestens in einigen Tagen; wenn er die Verteidigung übernimmt, dann könnt ihr ruhig schlafen, denn auch die Festung ist tüchtig, ich versteh' mich darauf, Gott sei Dank.«

Bärbchens Zuversicht erfüllte die Herzen der Frauen mit Trost, besonders beruhigte sie die Zusage von Michaels Ankunft. Sein Name war so hochgeehrt, daß sogleich, obwohl es Abend war, die Offiziere des Ortes mit dem üblichen Ehrengruß zu Bärbchen kamen; und alle fragten gleich nach der ersten Begrüßung, wann der kleine Ritter zurückkehre, und ob er sich wirklich in Kamieniez einzuschließen denke. Bärbchen empfing nur den Major Kwasibrozki, der das Fußvolk des Bischofs von Krakau führte, den Herrn Schreiber Rschewuski, der jetzt an Stelle des Herrn Lontschynski an der Spitze des Regiments stand, und Ketling. Vor den anderen öffnete sich an diesem Tage die Tür nicht mehr, denn die Herrin war müde vom Wege und mußte sich überdies Herrn Nowowiejski widmen. Dieser unglückselige Jüngling war unmittelbar vor dem Kloster vom Pferde gestürzt und bewußtlos in eine Zelle gebracht worden. Man holte sofort den Medikus herbei, denselben, der Bärbchen in Chreptiow behandelt hatte; er sagte eine schwere Krankheit des Gehirns voraus und gab wenig Hoffnung auf Leben. Bis zum späten Abend sprachen Bärbchen, Muschalski und Sagloba über dieses Ereignis und erwogen das Schicksal des unglücklichen Ritters.

»Der Medikus hat mir gesagt,« sprach Sagloba, »wenn er es überlebt, so werde nach wirksamen Aderlässen sein Verstand klar sein, und er werde dann mit leichterem Herzen das Unglück tragen.«

»Für ihn gibt es keinen Trost mehr,« antwortete Bärbchen.

»Oft würde es für den Menschen besser sein, er besäße kein Bewußtsein,« bemerkte Muschalski, »aber die Tiere sind auch davon nicht frei.«

Der Alte aber schalt den berühmten Bogenschützen ob dieser Bemerkung:

»Wenn Ihr kein Bewußtsein hättet, dann könntet Ihr nicht zur Beichte gehen, dann wäret Ihr den Lutherischen gleich und des höllischen Feuers wert. Euch hat auch schon Priester Kaminski ob Eurer Lästerung gerügt, -- aber lehr' den Wolf das _pater_, er will doch lieber die _mater_, besonders wenn es eine Ziegenmutter ist.«

»Ich -- ein Wolf?« entgegnete der treffliche Bogenschütze, »Asya, das war der Wolf.«

»Habe ich das nicht gleich gesagt?« fragte Sagloba. »Wer hat zuerst gesagt, er ist ein Wolf? Nowowiejski hat mir erzählt,« sagte Bärbchen, »er höre Tag und Nacht, wie Evchen und Sophie ihm zurufen: »Rettung!« Ja, wo gibt es hier Rettung! Es hat so enden müssen, denn solchen Schmerz hätte niemand ertragen. Ihren Tod hätte er überlebt, ihre Schmach wird er nicht überleben.«

»Nun liegt er da, wie ein Stück Holz, und weiß von Gottes Welt nichts,« sagte Muschalski, »und das ist schade, denn er ist ein so vortrefflicher Krieger.«

Das Gespräch wurde durch einen Burschen unterbrochen, der mit der Nachricht kam, daß in der Stadt ein ungeheurer Lärm herrsche; die Menschen laufen zusammen, um den General von Podolien zu sehen, der soeben mit einem bedeutenden Gefolge und mit dem Fußvolk eingezogen ist.

»Das Kommando ist sein,« sagte Sagloba. »Es ist recht von Herrn Nikolaus Potozki, daß er es vorzieht, hier zu sein, als wo anders, aber ich sähe lieber, er wäre nicht hier. Ha, er war ein Gegner des Hetmans und glaubte nicht an den Krieg, und nun, weiß Gott, ob es ihm nicht den Kopf kosten wird.«

»Vielleicht kommen auch die anderen Herren Potozki ihm nach,« sagte Muschalski.

»Dann sind auch die Türken nicht mehr weit,« antwortete Sagloba, -- »im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes! O, wäre der General ein zweiter Jeremias, und Kamieniez ein zweites Sbarasch!«

»So muß es sein, sonst sterben wir,« sagte eine Stimme an der Schwelle.

Bärbchen sprang bei dem Klang dieser Stimme auf, rief: »Michael!« und stürzte dem kleinen Ritter in die Arme.

Michael brachte viele wichtige Nachrichten mit, die er erst, ehe er sie im Kriegsrat kundgab, seiner Gattin in der stillen Zelle mitteilte. Er selbst hatte einige kleinere Tatarenscharen bis auf den letzten Mann aufgerieben und war mit großem Ruhm bis ganz in die Nähe des Krimschen und Doroschenkos Lager herangeschlichen. Er hatte auch eine Anzahl Gefangener mitgebracht, von welchen man Nachricht über die Streitkräfte des Khans und Doroschs erlangen konnte.

Die anderen Streifzügler hatten weniger Glück gehabt; der Herr von Podlachien, der an der Spitze bedeutender Streitkräfte stand, war in einer mörderischen Schlacht aufgerieben worden; Herrn Motowidlo, der die Walachische Heerstraße gezogen war, hatte Krytschynski mit Hilfe der Horde von Bialogrod und des Restes der Lipker, die sich nach der Niederlage bei Tykitsch geflüchtet hatten, geschlagen. Michael hatte, ehe er nach Kamieniez gekommen war, einen Umweg über Chreptiow gemacht; noch einmal wollte er, wie er sagte, diesen Ort seiner Glückseligkeit schauen.

»Ich war dort,« sagte er, »unmittelbar nach Eurer Abreise. Noch war Euer Platz warm, und ich hätte Euch leicht erreichen können, aber ich setzte in Uschyz ans Moldauische Ufer hinüber, um dort in der Steppe Kundschaft einzuziehen. Einige Scharen waren bereits vorüber, und sie fürchteten bei Pokuta auf »Unerwartete« zu stoßen; andere gehen in der Vorhut des türkischen Heeres und werden bald hier sein. Es wird eine Belagerung geben, mein süßes Täubchen, da hilft nichts, aber wir werden standhalten, denn hier verteidigt man nicht nur sein Vaterland, sondern auch sein eigenes Gut.« Dabei schloß er sein Weib in die Arme und küßte sie auf die Wangen.

An diesem Tage sprachen sie nicht mehr. Am anderen Morgen wiederholte Michael seine Neuigkeiten bei dem Bischof von Landskron vor dem Kriegsrat, zu welchem außer dem Bischof noch der General von Podolien, der Kämmerer von Podolien, der podolische Schreiber Rschewuski, der Fahnenträger Humiezki, Ketling, Makowiezki, der Major Kwasibrozki und einige Militärs gehörten. Zunächst mißfiel Herrn Michael, daß der General von Podolien erklärte, er wolle das Kommando nicht übernehmen, sondern vertraue es dem Rate an. »In unvorhergesehenen Fällen muß ein Kopf und ein Wille sein,« hielt ihm der kleine Ritter entgegen; »bei Sbarasch waren drei Regimentarier, welchen von Amts wegen die Macht zustand; und doch legten sie dieselbe in die Hände des Fürsten Jeremias, weil sie mit Recht sagten, in der Gefahr sei es besser, einem zu gehorchen.«

Aber diese Worte fruchteten nichts. Vergeblich wies der gelehrte Ketling auf die Römer als Muster hin, die als die größten Krieger der Welt die Diktatur ersonnen haben, -- der Bischof von Landskron, der Ketling nicht sonderlich leiden mochte, weil er sich, Gott weiß warum, einbildete, er müsse als Schotte im Grunde seiner Seele ein Ketzer sein, erwiderte: »Die Polen brauchen nicht von Fremden Geschichte zu lernen; sie brauchen aber auch nicht, da sie ihren eigenen Verstand haben, den Römern nachzuahmen, denen sie übrigens an Mut und Beredsamkeit in nichts oder doch nur wenig nachstehen.« »Wie ein ganzes Bündel Holz,« sagte er, »eine größere Flamme gibt, als ein Scheit, so sind auch viele Köpfe klüger als einer«, und er lobte die ›Bescheidenheit‹ des Generals von Podolien -- zwar meinten andere, es sei dies nur Scheu vor der Verantwortung -- und riet seinerseits zu Verhandlungen. Als dies Wort gefallen war, sprangen die Soldaten, wie von der Tarantel gestochen, von ihren Sitzen auf; Wolodyjowski, Ketling, Makowiezki, Kwasibrozki, Humiezki, Rschewuski begannen mit den Zähnen zu knirschen und mit den Schwertern zu rasseln. »Meiner Treu!« ließen sich Stimmen vernehmen, »nicht zum Verhandeln sind wir hergekommen!« -- »Den Vermittler schützt sein geistliches Gewand.« Kwasibrozki schrie sogar: »In die Kirche, nicht in den Rat!« und ein ungeheurer Lärm entstand. Da erhob sich der Bischof und sagte mit mächtiger Stimme: »Ich wäre der erste, der bereit ist, sein Leben hinzugeben für die Kirche und für meine Herde, und wenn ich von Verhandlungen spreche und Verzögerung wünsche, so geschieht es, Gott ist mein Zeuge, nicht, um die Festung zu übergeben, sondern um dem Hetman Zeit zur Heranziehung von Hilfstruppen zu gewähren. Sobieskis Name ist den Heiden ein Schrecken, und wenn er auch die nötigen Streitkräfte nicht hätte, wenn nur das Gerücht umläuft, daß er kommt, so werden die Türken Kamieniez meiden.« Als er dies mit mächtiger Stimme gesagt hatte, schwiegen alle, manche freuten sich sogar, da sie hörten, daß der Bischof an Übergabe nicht gedacht hatte.

Da sprach Michael: »Ehe der Feind Kamieniez belagert, muß er erst Swaniez niederwerfen oder in Trümmer legen, denn unmöglich kann er das befestigte Schloß im Rücken liegen lassen. Nun denn, mit Erlaubnis des Herrn Kämmerers von Podolien erkläre ich mich bereit, mich in Swaniez einzuschließen und mich genau so lange Zeit dort zu halten, als der Herr Bischof mit Hilfe von Verhandlungen zu gewinnen denkt. Ich nehme sichere Leute mit, und, solange ich am Leben bin, so lange wird auch Swaniez stehen.«

Da riefen alle: »Das darf nicht sein, du bist hier nötig. Ohne dich läßt der Bürger den Mut sinken, ohne dich werden die Soldaten nicht mit gleicher Lust kämpfen, das darf keineswegs geschehen. Wer hat hier die größte Kriegserfahrung, wer hat Sbarasch mitgemacht? Wer soll die Führerschaft haben, wenn es zu einem Ausfall kommt? Du wirst für Swaniez untergehen, und wir werden ohne dich hier untergehen.«

»Das Kommando hat mir zu gebieten,« antwortete Michael.

»Nach Swaniez könnte man irgend einen jungen, kecken Ritter schicken, der mir zur Seite stände,« versetzte der Kämmerer von Podolien.

»So mag Nowowiejski hingehen,« riefen einige Stimmen.

»Nowowiejski kann nicht fort, sein Kopf brennt,« erwiderte Herr Michael; »er liegt zu Bett und weiß von Gott und der Welt nichts.«

»Indessen laßt uns beraten, an welchen Platz ein jeder stehe, und welches Tor er verteidigen soll,« sagte der Bischof.

Aller Augen wandten sich auf den General von Podolien; der aber sprach: »Ehe ich Befehle erteile, höre ich gern die Ansichten erfahrener Krieger, und da Herr Michael Wolodyjowski an Kriegserfahrung allen hier voransteht, so rufe ich ihn zuerst zum Worte auf.«

Wolodyjowski riet zunächst, die Schlösser, die vor der Stadt lagen, zu besetzen, weil er glaubte, daß gerade gegen diese Schlösser sich der Hauptangriff der Feinde richten werde. Auch andere traten seiner Meinung bei; man verfügte über zehntausend Mann Fußvolk, die man so verteilte, daß Myslischewski die rechte Seite des Schlosses, Humiezki, berühmt durch seine Taten bei Chozim, die linke Seite besetzte; in der Richtung auf Chozim, am gefährlichsten Punkte, sollte Wolodyjowski selbst Stellung nehmen, weiter unten wurde die Abteilung der Serdjuken aufgestellt, die Sinkowiezer Seite schützte Major Kwasibrozki, den Süden Herr Wonsowitsch und die Schloßseite Kapitän Bukar mit den Leuten des Herrn Krasinski. Es waren dies alles nicht etwa Freiwillige, sondern Soldaten von Beruf, treffliche, ausdauernde Krieger, die das Kanonenfeuer leichter ertrugen, als mancher andere den Brand der Sonnenstrahlen. Sie hatten überdies im Dienste der Republik, deren Heere immer gering an Zahl waren, von Jugend auf gelernt, zehnfach überlegenen Feinden Widerstand zu leisten, und hielten dies für etwas Selbstverständliches. Die Oberaufsicht über die Artillerie des Schlosses hatte der schöne Ketling, der in der Kunst, die Kanonen zu richten, alle anderen übertraf. Das Oberkommando im Schlosse sollte in den Händen des kleinen Ritters liegen, dem der General von Podolien sogleich volle Freiheit gab, Ausfälle zu unternehmen, so oft die Notwendigkeit oder Gelegenheit sich darbieten würde. Die anderen freuten sich, da sie erfuhren, wie einem jeden sein Platz angewiesen war; sie erhoben ein lautes Geschrei, schlugen mit Getöse an die Rapiere, um so ihre Zustimmung und Kampfeslust zu bezeigen. Als der General von Podolien das hörte, sagte er zu sich selber:

-- Ich habe nicht geglaubt, daß wir imstande sein werden, uns zu verteidigen; ohne Hoffnung kam ich hierher, nur meinem Gewissen folgend, -- und doch, wer weiß, ob es uns mit solchen Kriegern nicht gelingen wird, den Feind zurückzuschlagen. Großer Ruhm wird mir werden; als einen zweiten Jeremias wird man mich begrüßen; wer weiß, ob mich nicht ein glücklicher Stern hierher geführt hat. -- Und wie er bisher an der Verteidigung gezweifelt, so begann er nun an der Einnahme von Kamieniez zu zweifeln; sein Mut wuchs, und er begann schon eifriger über die Besetzung der Stadt Rat zu pflegen.

Es wurde also beschlossen, daß in der Stadt selbst, am reußischen Tore, Makowiezki stehen sollte, mit einem Häuflein adliger polnischer Bürger, die in der Schlacht standhafter waren als andere, ferner mit einer Anzahl Armenier und Juden. Das Tor von Luzk wurde Herrn Grodezki überwiesen, den Befehl über die Kanonen übernahmen Schuk und Matschynski. Die Platzwache vor dem Rathaus bekam Lukas Dsiewanowski, und Chozimirski übernahm jenseits des reußischen Tores die Führerschaft über das lärmende Volk der Zigeuner. Von der Brücke bis zum Schlosse des Herrn Sinizki führte die Wache Herr Kasimir Humiezki, der Bruder des tapferen Laurentius; weiter hinauf sollten Stanischewski am lechischen Tore, Martin Bogusch an der Bastei von Spisch, Georg Skarschynski und Jazkowski unmittelbar am Bialoblodsker Loch ihre Quartiere einnehmen. Dubrowski und Pietraschewski erhielten die Bastei von Rscheschnik, die große Stadtschanze ward Tomaschewitsch, dem Schulzen polnischer Gerichtsbarkeit, übertragen, die kleinere Jazkowski. Es erging noch der Befehl, eine dritte aufzuschütten, von der aus später ein Jude, ein geübter Bogenschütze, den Türken viel zu schaffen machte.

Nachdem dies festgestellt war, kamen alle freudig zur Abendmahlzeit bei dem Herrn Hetman von Podolien zusammen. Dieser ehrte besonders während der Festlichkeit Herrn Michael sowohl durch den Platz, den er ihm anwies, als durch Wein, Gerichte und durch eine Rede, in der er voraussagte, daß die Nachwelt dem Beinamen des kleinen Ritters nach der Belagerung den Titel eines Hektors von Kamieniez hinzufügen werde. Herr Michael aber erklärte, er hoffe, ehrlichen Ritterdienst zu leisten, und wolle sich zu diesem Zwecke mit einem bestimmten Gelübde im Dome binden; darum bat er den Bischof, es möge ihm gestattet sein, dies morgen zu tun. Der Bischof, welcher einsah, daß dieses Gelübde dem Gemeinwohl Nutzen bringen werde, sagte gern zu.

Am anderen Tage war großer Gottesdienst im Dome. Mit Andacht und Begeisterung lauschten die Ritter, der Adel, die Soldaten und das Volk. Michael und Ketling lagen knieend vor dem Altar, Christine und Bärbchen knieten am Gitter und weinten, denn sie wußten, daß dieses Gelübde das Leben ihres Gatten in Gefahr bringen mußte. Nach Beendigung der Messe wandte sich der Bischof mit der Monstranz zum Volke. Da erhob sich der kleine Ritter, kniete auf den Stufen des Altars nieder und sagte mit gerührter, wenn auch ruhiger Stimme:

»Für die besondere Güte und die ungewöhnliche Huld, die ich von Gott dem Herrn und seinem eingeborenen Sohne empfangen habe, fühle ich mich zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet und gelobe und schwöre, daß, wie er und sein Sohn mir beigestanden, auch ich bis zum letzten Atemzuge das heilige Kreuz verteidigen werde und, da mir das Kommando des alten Schlosses übertragen ist, daß ich, solange ich lebe und Hände und Füße rühren kann, keinen heidnischen Feind in das Schloß einlassen werde, daß ich von den Mauern nicht weichen, daß ich die weiße Fahne nicht aufstecken werde, und sollte ich unter den Trümmern des Schlosses begraben werden. So helfe mir Gott und das heilige Kreuz -- Amen!«

Eine feierliche Stille herrschte in der Kirche; dann ertönte Ketlings Stimme:

»Für die besondere Güte,« sagte er, »die ich in diesem Vaterland erfahren habe, gelobe ich, bis zum letzten Blutstropfen das Schloß zu verteidigen und mich unter seinen Trümmern begraben zu lassen, ehe der Feind den Fuß über seine Schwelle setzt. Und so wahr, wie ich aus reinem Herzen und aus reiner Dankbarkeit diesen Eid schwöre, so wahr helfe mir Gott und das heilige Kreuz -- Amen!«

Hier neigte der Priester die Monstranz und reichte sie erst Michael, dann Ketling zum Kusse dar. Bei diesem Anblick erhoben die anwesenden Ritter Lärm in der Kirche, es ertönten die Rufe: »Wir schwören alle!«, »Wir sterben einer nach dem anderen!«, »Die Feste wird nicht fallen!«, »Wir schwören -- wir schwören!« »...Amen, amen, amen!« Die Säbel und Rapiere flogen mit Geklirr aus den Scheiden, und die Kirche erglänzte vom Widerschein der gezückten Schwerter. Der Schimmer fiel auf die drohenden Gesichter, auf die glühenden Augen, und ein gewaltiger, unbeschreiblicher Feuereifer erfaßte den Adel, die Krieger, das Volk. Alle Glocken läuteten, die Töne der Orgel schwollen mächtig, und der Geistliche intonierte: »_Sub tuum praesidium_.« Hundert Stimmen fielen machtvoll ein, und so betete man für die Feste, welche die Schutzwarte der Christenheit, der Schlüssel der Republik war.

Nach Beendigung des Gebets gingen Ketling und Michael Arm in Arm aus der Kirche. Man sandte ihnen Segenswünsche nach, denn niemand zweifelte daran, daß sie eher sterben als das Schloß ausliefern würden. Und doch, nicht der Tod schien über ihnen zu schweben, sondern Sieg und Ruhm, und unter der ganzen großen Menge wußten wohl nur sie allein, mit welchem furchtbaren Eidschwur sie sich gebunden. Vielleicht ahnten auch zwei liebende Herzen die große Gefahr, die über ihren Häuptern schwebte, denn weder Bärbchen noch Christine konnten sich beruhigen, und als Michael sich endlich im Kloster bei seiner Frau einfand, flüchtete sie schluchzend und weinend wie ein kleines Kind an seinen Busen und sagte in abgerissenen Worten:

»Michael ... Michael! ... wenn ... Gott behüte! ... ein Unglück dich trifft ... so ... so ... weiß ich nicht ... was ... mit mir ... geschieht!«

Ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Schluchzen. Auch der kleine Ritter war tief bewegt; endlich sagte er:

»Bärbchen, ... es mußte sein.«

»Ich möchte lieber sterben,« sagte Bärbchen.

»Still, Bärbchen, still!« wiederholte der kleine Ritter immer wieder, um sein über alles geliebtes Weib zu beruhigen.

»Denkst du noch, als dich mir der liebe Gott zurückgegeben hatte, was ich da dachte? Ich sagte: ›Was du, Herrgott, auch von mir forderst, ich will es geben. Nach dem Kriege, wenn ich ihn überlebe, will ich eine Kapelle erbauen, aber während des Krieges muß ich etwas Großes tun, um dir nicht mit Undank zu lohnen.‹ Was bedeutet das Schloß! Wenig genug für so große Wohltaten. Nun ist die Zeit gekommen; ziemt es sich, daß der Erlöser sage: ›Versprochen und nicht gehalten?‹ Eher mögen mich die Mauern des Schlosses begraben, ehe ich das Ehrenwort, das ich Gott gegeben, breche. Es muß sein, Bärbchen; und damit genug. Vertrauen wir auf Gott!«