Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 42
Inzwischen waren sie ganz in die Nähe von Raschkow gekommen; sie betraten das felsige Land, das die Nähe des Dniestr ankündigte. Asya war gegen Abend in einen fiebernden Zustand bei halbem Bewußtsein verfallen, in dem sich Phantasie und Wirklichkeit vermischten. Es war ihm, als seien sie am Ziel, als machten sie Halt, als hörte er, wie sie zu einander sagten: »Raschkow, Raschkow!« Dann wieder hörte er dumpf den Widerhall von Äxten, die Bäume fällten.
Plötzlich fühlte er, daß man ihm den Kopf mit kaltem Wasser spüle, dann goß man ihm lange, sehr lange, Branntwein in den Mund. Er kam zu vollem Bewußtsein. Über ihm breitete sich die sternenhelle Nacht aus, um ihn schimmerten zahlreiche Fackeln. An sein Ohr schlugen die Worte:
»Bei Bewußtsein?«
»Bei Bewußtsein; er sieht klar ...«
In diesem Augenblick bemerkte er über sich Luschnias Gesicht.
»Nun, Brüderchen,« sagte der Wachtmeister mit ruhiger Stimme, »deine Zeit ist gekommen.«
Asya lag auf dem Rücken und atmete regelmäßig, denn seine Arme waren zu beiden Seiten des Kopfes ausgestreckt, so daß seine mächtige Brust freieren Spielraum hatte, als da er auf den Rücken des Pferdes gebunden war. Die Hände konnte er nicht bewegen, sie waren hinter seinem Haupte an einen mit beteertem Stroh umwundenen Baumstamm gebunden, auf dem er selbst ausgestreckt lag. Asya begriff sofort, weshalb dies geschehen war, und bemerkte zugleich noch andere Vorbereitungen, die ihm verkündeten, daß seine Qualen lang und furchtbar sein würden. Von der Mitte seines Körpers bis zu den Füßen war er entkleidet, und da er ein wenig seinen Kopf aufrichtete, nahm er zwischen seinen Knieen eine frisch bearbeitete Pfahlspitze wahr; das stärkere Ende dieses Pfahles war gegen den Baumstamm gestützt. An jeden seiner Füße war ein Strick mit einem Wagholz befestigt, und vor jedes Wagholz war ein Pferd gespannt. Asya sah beim Scheine der Fackeln nur den Hinterteil der Pferde und die beiden Männer an ihrer Seite, die sie offenbar am Halfter hielten. Der unglückselige Recke erfaßte mit einem Blick all' die Vorbereitungen, dann schaute er, Gott weiß warum, gen Himmel und erblickte über sich die Sterne und die glänzende Sichel des Mondes.
-- Sie werden mich pfählen -- dachte er.
Er biß die Zähne so kräftig zusammen, daß ein Krampf seine Kinnladen erfaßte. Schweiß trat auf seine Stirn, und zugleich fühlte er eine eisige Kälte im Kopf, denn alles Blut war daraus gewichen. Dann war es ihm, als entzöge sich ihm der Halt unter dem Rücken, als sinke sein Körper endlos in eine unergründliche Tiefe. Einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem, was um ihn her vorging; der Wachtmeister sperrte wieder seine Zähne mit dem Dolch auseinander und goß ihm Branntwein in den Schlund.
Asya hustete und spie die brennende Flüssigkeit aus; aber zum Teil mußte er sie verschlucken. Da verfiel er in einen seltsamen Zustand: er war nicht betrunken, im Gegenteil, nie war sein Unterscheidungsvermögen klarer, sein Denken geschärfter; er sah, was um ihn her vorging, er begriff alles, und es erfaßte ihn eine unwiderstehliche Erregung, eine qualvolle Ungeduld, daß dies alles so lange währe und nicht in Tätigkeit treten wolle.
Da wurden schwere Schritte vernehmbar, und Nowowiejski stand neben ihm. Bei diesem Anblick pochten dem Tataren alle Adern. Luschnia fürchtete er nicht, er verachtete ihn zu sehr; aber Nowowiejski konnte er nicht verachten, vielmehr erfüllte jeder Blick in sein Gesicht Asyas Seele mit abergläubischer Angst, mit Widerwillen und Entsetzen. Der Gedanke: »Ich bin in seiner Gewalt«, bemächtigte sich seiner ganz, er fürchtete ihn, und das war ein so schreckliches Gefühl, daß Asyas Haare sich sträubten.
Nowowiejski sagte: »Für das, was du getan hast, sollst du in Qualen enden.«
Der Lipker antwortete nichts, er keuchte nur laut.
Nowowiejski trat zurück, es wurde still rings umher, nur Luschnia brach das Schweigen.
»Gegen die Herrin hast du deine Hand erhoben,« sagte er mit ruhiger Stimme, »aber die Herrin ist jetzt schon bei dem Herrn in der Kammer; du aber bist in unserer Hand, deine Zeit ist gekommen.«
Bei diesen Worten begann für Asya die Pein. Dieser entsetzliche Mensch erfuhr in der Stunde des Todes, daß sein Verrat und alle seine Verbrechen fruchtlos gewesen waren; wenn wenigstens Bärbchen auf dem Wege gestorben wäre, so hätte er den Trost gehabt, daß sie, wenn nicht sein, so doch keines anderen war. Nein, auch diesen Trost hatte man ihm jetzt genommen, da der Pfahl eine Elle von ihm entfernt war; alles war vergeblich gewesen, soviel Blutvergießen, Rachehoffnungen -- um nichts, um gar nichts ... Hätte Luschnia geahnt, um wieviel schwerer diese Worte den Tod für Asya machten, er hätte sie während des ganzen Weges wiederholt. Aber jetzt war keine Zeit mehr zu Seelenqualen, denn alles mußte weichen angesichts der Exekution. Luschnia neigte sich herab, erfaßte mit beiden Händen Asyas Hüften und rief den Leuten zu, welche die Pferde hielten:
»Vorwärts, langsam, beide zugleich!«
Die Pferde zogen an; die gespannten Stricke zerrten an Asyas Füßen, sein Körper ward einen Augenblick gehoben und traf auf den spitzigen Holzpfahl; die Spitze drang in den Leib, und nun geschah etwas Entsetzliches, der Natur und allen menschlichen Empfindungen Zuwiderlaufendes. Die Knochen des Unglückseligen dehnten sich auseinander, sein Körper wurde nach zwei Seiten gezerrt, und ein unsäglicher Schmerz, so entsetzlich, daß er an ungeheuerliche Wollust grenzte, durchschauerte seinen Körper. Der Pfahl drang tiefer und tiefer. Asya biß die Kinnbacken zusammen, aber endlich verließ ihn seine Kraft; die Zähne traten hervor, und röchelnd schrie er »Ah ... ah ... ah!« dem Krächzen eines Raben ähnlich.
»Langsam!« kommandierte der Wachtmeister.
Asya wiederholte seinen entsetzlichen Schrei immer schneller.
»Krächzest du?« fragte der Wachtmeister, dann rief er den Leuten zu:
»Halt! -- da hast du's,« fügte er, zu Asya gewandt, hinzu; aber dieser war plötzlich verstummt, und atmete nur noch röchelnd.
Schnell spannte man die Pferde aus; dann richtete man den Pfahl auf, ließ sein dickes Ende in eine Grube hinab und begann sie mit Erde zu füllen. Asya sah von der Höhe herab dieser Tätigkeit zu, er war bei Bewußtsein. Diese entsetzliche Art der Strafe war um so grauenhafter, weil die Opfer, die auf dem Pfahle steckten, bisweilen noch drei Tage hindurch lebten. Asyas Kopf hing auf die Brust herab, seine Kiefer bewegten sich lallend, als kaue er etwas. Er fühlte eine namenlose Schwäche, und sah einen endlosen, weißlichen Nebel vor sich, der ihm entsetzlich schien, ohne daß ihm klar war weshalb. Aber durch den Nebel unterschied er die Gesichter des Wachtmeisters und der Dragoner, wußte er, daß er auf dem Pfahle stecke, fühlte er, wie er durch die Last des Körpers immer tiefer in den Pfahl sank. Endlich begannen seine Füße zu erstarren, und er wurde wieder unempfindlich gegen den Schmerz.
Auf Augenblicke hüllte Dunkelheit den entsetzlichen weißen Nebel ein; dann blinzelte Asya mit seinem einen Auge, um alles zu beobachten und zu sehen bis zum Moment des Todes. Sein Blick schweifte mit sonderbarer Hartnäckigkeit von Fackel zu Fackel, es war ihm, als bilde sich um diese Flammen ein siebenfarbiger Lichtkreis.
Aber noch waren die Qualen für ihn nicht erschöpft. Bald trat der Wachtmeister an den Pfahl heran mit einem Bohrer in der Hand und rief den Umstehenden zu:
»Hebt mich in die Höhe!«
Zwei stämmige Burschen hoben ihn auf; Asya sah ihn ganz nahe, blinzelte beständig mit dem Auge, als wollte er erkennen, wer der Mensch sei, der zu seiner Höhe hinaufklettere. Der Wachtmeister aber sagte:
»Unsere Herrin hat dir ein Auge ausgeschlagen, ich habe gelobt, dir das andere auszubohren.«
Bei diesen Worten senkte er die Spitze des Bohrers in den Augapfel, drehte ihn ein und das andere Mal, und als das Lid und die zarte Bindehaut sich um die Windungen des Bohrers legten, riß er ihn zurück.
Da drangen aus beiden Augenhöhlen Asyas zwei Quellen Blutes hervor und flossen über seine Wangen herab.
Sein Gesicht wurde bleich und immer bleicher. Die Dragoner löschten schweigend die Fackeln, als erfasse sie Scham, daß das Licht so entsetzliche Taten beleuchte, und nur von der Mondsichel fielen silberne, nicht allzu helle Strahlen auf Asyas Leib. Sein Kopf war ganz über die Brust herabgesunken; nur die Hände, die an das Holz gebunden und mit beteertem Stroh umwunden waren, starrten in die Höhe, als rufe dieser Sohn des Ostens die Rache des türkischen Halbmondes auf seine Häscher herab.
»Aufs Pferd!« ertönte Nowowiejskis Stimme.
In dem Augenblick, da sie aufsaßen, zündete der Wachtmeister als letzte Fackel die erhobenen Hände des Tataren an; dann ritt die Abteilung auf Jampol zu, und mitten unter den Schutthaufen Raschkows, in Nacht und Wüste, blieb allein auf hohem Pfahle Asya, der Sohn des Tuhaj-Bey, -- und leuchtete, leuchtete.....
21. Kapitel.
Drei Wochen später, um die Mittagsstunde, hatte Nowowiejski Chreptiow erreicht. Der Weg von Raschkow hatte darum so lange gedauert, weil er noch häufig auf die andere Seite des Dniestr hinübersetzte, um die Tataren und Perkulaben, die den Fluß entlang in den verschiedenen Grenzwarten standen, zu überraschen. Diese erzählten dann den heranrückenden Heeren des Sultans, daß sie überall polnische Trupps gesehen, und daß sie von großen Heeren gehört, die sicherlich, ohne den Anmarsch der Türken gegen Kamieniez abzuwarten, ihnen in den Weg treten und sich in einer Hauptschlacht mit ihnen messen würden. Der Sultan, dem man immer wieder die Ohnmacht der Republik geschildert hatte, war sehr erstaunt und rückte, die Lipker, die Walachen und die Donauhorden vor sich hersendend, langsam vorwärts, denn trotz seiner ungeheuren Macht scheute er doch eine Schlacht mit den regulären Heeren der Republik sehr.
In Chreptiow traf Nowowiejski Herrn Wolodyjowski nicht an, denn der kleine Ritter war Motowidlo gefolgt und mit dem Heere von Podlachien gegen die krimschen Horden und gegen Doroschenko ausgezogen. Dort fügte er immer neuen Ruhm zu dem alten und vollbrachte große Taten. Den grausamen Korpan demütigte er und ließ seinen Leichnam dem wilden Getier zum Fraße auf dem Felde, ebenso den drohenden Drost, den tapferen Malyschka, die beiden Brüder Siny, berühmte kosakische Streifzügler, und viele kleinere Banden und Scharen.
Frau Wolodyjowska machte sich gerade in dem Augenblicke, als Nowowiejski eintraf, mit dem Rest der Leute und der Wagenburg auf den Weg nach Kamieniez, denn Chreptiow mußte aufgegeben werden. Nur ungern verließ sie das Blockhaus, in dem sie zwar manches Schwere durchgemacht, in dem sie aber auch die glücklichsten Tage ihres Lebens verbracht hatte, -- an der Seite ihres Mannes mitten unter berühmten Kriegern, die ihr herzlich ergeben waren. Nun sollte sie auf ihre eigene Bitte nach Kamieniez reisen, einem unbekannten Schicksal und Gefahren entgegen, wie sie die Belagerung mit sich brachte. Ihr mutiges Herz ergab sich der Wehmut nicht; sie wachte über allen Vorbereitungen, über den Soldaten und dem Gesinde. Sagloba, der in jeder Fährlichkeit alle anderen an Verstand übertraf, war ihr bei alledem behilflich, auch Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, der tapfere und erfahrene Krieger.
Sie alle waren hocherfreut über Nowowiejskis Ankunft, obwohl sie gleich aus dem Gesichte lasen, daß er weder Evchen noch die anmutige Sophie aus der Gefangenschaft befreit habe. Bärbchen vergoß bittere Tränen über das Schicksal der beiden Mädchen, denn nun mußte sie diese schon für verloren halten; verkauft an einen Unbekannten, mochten sie schon vom Markte in Stambul nach Kleinasien fortgeschleppt sein, nach den Inseln, die unter türkischer Herrschaft standen, oder nach Ägypten, und dort im verschlossenen Harem leben. In diesem Falle aber konnte man sie nicht auslösen, ja, es war unmöglich, überhaupt etwas über sie zu erfahren, und Bärbchen weinte, es weinte der besonnene Sagloba, es weinte Muschalski, der unvergleichliche Schütze, -- nur Nowowiejski hatte trockene Augen, denn er hatte keine Tränen mehr.
Als er zu erzählen begann, wie er hinausgezogen sei, zur Donau hin bis nach Tykitsch, wie er dort die Lipker in unmittelbarer Nähe der Horde und des Sultans auseinandergesprengt, wie er den furchtbaren Asya gefangen, da schlugen die alten Ritter an die Säbel und riefen:
»Bring' ihn her, hier in Chreptiow soll er sein Ende finden!«
Nowowiejski erwiderte: »Nicht in Chreptiow, in Raschkow hat er den Tod gefunden, denn dort kam es ihm zu; und Qualen hat ihm der Wachtmeister ersonnen, die wahrlich nicht leicht waren.«
Nun erzählte er, welchen Todes Asya, Tuhaj-Beys Sohn, gestorben war, und sie hörten voll Entsetzen, aber ohne Mitleid zu.
»Daß Gott die Verbrechen verfolgt, weiß jeder,« sagte Sagloba, »aber wunderbar ist es, daß der Teufel seine Diener so schlecht behütet.«
Bärbchen seufzte fromm auf, hob die Augen gen Himmel und sagte nach kurzer Überlegung:
»Weil ihm die Macht fehlt, der Kraft Gottes standzuhalten.«
»O, Ihr habt das Richtige getroffen, Herrin!« rief Muschalski, »denn wenn der Teufel, was Gott verhüte, stärker wäre als der liebe Herrgott, so würde alle Justiz, und mit ihr die Republik, in ein Nichts versinken.«
»Darum fürchte ich auch die Türken nicht; erstens sind sie Teufelskinder, und zweitens Kinder Belials,« versetzte Sagloba.
Alle schwiegen. Nowowiejski saß auf einer Bank mit gefalteten Händen und sah gläsernen Auges auf den Boden. Da wandte sich Muschalski zu ihm:
»Es hat doch wohl Erleichterung gebracht,« sagte er, »denn es gewährt unendlichen Trost, eine derartige Rache zu vollführen.«
»Sagt, hat es Euch wirklich Trost gebracht, ist Euch jetzt besser?« fragte Bärbchen in mitleidigem Tone.
Der Riese schwieg noch eine Weile, als ränge er mit seinen eigenen Gedanken; endlich sagte er, gleichsam mit großer Verwunderung und so leise, daß man ihn kaum hörte:
»Denkt Euch, bei Gott, ich habe selbst geglaubt, es werde mir besser sein, wenn ich ihn erst vernichtet habe, und ich habe ihn selbst am Pfahl stecken sehen, ich habe es mit angesehen, wie ihm das Auge ausgebohrt wurde, ich habe mir selbst eingeredet, daß mir besser sei, -- aber es ist nicht wahr, es ist nicht wahr ...«
Hier faßte Nowowiejski seinen Kopf mit beiden Händen und sprach durch die zusammengebissenen Zähne:
»Leichter war ihm auf dem Pfahle, leichter mit dem Bohrer im Auge, leichter mit dem Feuer an den Händen, als mir mit dem, was in mir ist, was in mir sinnt und grübelt. Nur der Tod bringt mir Trost, nur der Tod, der Tod!«
Als Bärbchen das hörte, erhob sie sich plötzlich, legte dem Unglückseligen ihre Hand aufs Haupt und sagte:
»O, gäbe Gott dir doch den Tod -- bei Kamieniez, denn du hast recht, er ist der einzige Trost.«
Und er schloß die Augen und sagte: »So ist's. Gott vergelt's Euch!«
Noch am selben Abend rückten sie alle nach Kamieniez aus.
Bärbchen sah lange, nachdem sie über die Wassermühle hinausgelangt waren, nach dem Blockhaus zurück, das im Lichte des Abendrots strahlte, und sagte endlich, indem sie ein Kreuz über der Brust schlug: »O, kehrten wir noch einmal mit Michael zu dir zurück, liebes Chreptiow! Gebe Gott, daß unser nichts Schlimmeres harre!«
Und zwei Tränen fielen über ihre rosigen Wangen. Eine seltsame Betrübnis bedrückte aller Herzen -- und sie ritten schweigend weiter. Inzwischen war es dunkel geworden.
Langsam rückten sie vorwärts, denn die Wagenburg bewegte sich schwerfällig; die Wagen, die Herden der Pferde, Rinder, Büffel, Kamele und das Gesinde, das die Herden bewachte, folgten nach. Viele aus dem Gesinde und von den Soldaten hatten sich in Chreptiow beweibt, und so fehlte es auch an Frauen nicht in der Wagenburg. Die Zahl der Soldaten war so groß wie die Nowowiejskis, außer zweihundert ungarischen Fußsoldaten, die Abteilung, die der kleine Ritter auf eigene Kosten ausgerüstet und kriegstüchtig gemacht hatte. Ihre Protektorin war Bärbchen, ihr Führer ein tüchtiger Offizier, Kaluschewski. Echte Ungarn waren in dieser Abteilung gar nicht; sie hieß nur deshalb die ungarische, weil sie magyarische Uniform führte. Unteroffiziere waren »gediente« Dragoner; die Gemeinen rekrutierten sich aus den früheren »Räubern« und Fahrenden, die von den beutemachenden Banden eingefangen und zum Strange verurteilt waren. Man hatte ihnen das Leben geschenkt unter der Bedingung, daß sie zu Fuß dienten und durch Treue und Tapferkeit ihre alten Verbrechen vergessen machten. Auch an Freiwilligen fehlte es unter ihnen nicht, die die Schluchten und Felsen und ähnliche Räuberunterschlupfe aufgegeben hatten und vorzogen, in den Dienst des »kleinen Falken von Chreptiow« zu treten, statt sein Schwert über ihrem Haupte zu wissen. Es war ein Völkchen mit geringer Zucht und geringer Kriegstüchtigkeit, aber tapfer, an Mühsale, Gefahren und Blutvergießen gewöhnt. Bärbchen liebte diese Abteilung sehr, weil sie ein Werk Michaels war, und in den wilden Herzen dieser Männer war schnell die Anhänglichkeit an die wunderschöne, gute »Herrin« erwachsen. Jetzt gingen sie rings um ihren Wagen, die Gewehre auf der Schulter, die Säbel an der Seite, stolz darauf, die Herrin zu bewachen, bereit, sie wütend zu verteidigen, wenn eine Tatarenschar ihnen den Weg verlegen sollte.
Aber der Weg war noch frei, denn Wolodyjowski war vorsichtiger als alle anderen, und er liebte überdies seine Frau zu sehr, als daß er sie durch Verzögerung unnütz einer Gefahr hätte aussetzen sollen. Die Reise ging also ruhig von statten. Sie waren um Mittag aus Chreptiow abgereist, waren bis zum Abend unterwegs, dann die ganze Nacht, und am Nachmittag des folgenden Tages erblickten sie schon die ragenden Felsen von Kamieniez.
Bei ihrem Anblick und angesichts der Bollwerke und Türme der Festung, welche die Spitzen der Felsen krönten, erfüllte Mut die Herzen; es schien unmöglich, daß eine andere Hand als die Gottes diesen Adlerhorst zerstören könne, der hier auf der Felsspitze, rings umgeben von den Abhängen des Flusses, eingenistet war. Es war ein wunderbarer Sommertag; die Spitzen der Kirchen leuchteten wie Riesenlichter, Friede, Ruhe und Heiterkeit lagerte über den hellen Fluren.
»Bärbchen,« sagte Sagloba, »schon oft haben die Horden sich an diesen Mauern die Schädel eingerannt, -- ha, wieviel Male habe ich selbst gesehen, wie sie sich davonmachten und sich die Köpfe hielten, weil sie ihnen weh taten; gäbe Gott, daß auch diesmal also geschehe!«
»Ja gewiß!« antwortete Bärbchen strahlend.
»Ist doch schon einer von ihren Sultanen hier gewesen: Osman. Ich erinnere mich, als ob es heute wäre. Es war im Jahre 1621, da kommt er, der Bube, von Chozim her, jenseits Smotrytsch; er sperrt die Glotzaugen auf, reißt das Maul auf und glotzt, und glotzt. Endlich sagt er: ›Wer hat die Festung so aufgebaut?‹ -- ›Gott!‹ antwortet ihm der Vezier. -- ›So mag sie Gott erobern, ich bin kein Narr,‹ sprach's und wandte sein Pferd.«
»Ja, sie hatten's sogar eilig, ihre Pferde umzudrehen,« warf Muschalski ein.
»Weil wir sie mit unseren Lanzen in den Weichen kitzelten,« fügte Sagloba hinzu, »und mich trug die Ritterschaft damals auf ihren Händen zu Lubomirski.«
»So, wart Ihr bei Chozim?« fragte der unvergleichliche Bogenschütze; »man sollte gar nicht glauben, wo Ihr überall dabei gewesen seid, und was Ihr nicht alles getan habt!«
Sagloba war ein wenig gekränkt und antwortete:
»Nicht bloß dort gewesen bin ich, ich habe auch eine Wunde empfangen, die ich Euch _ad oculos_ vorführen kann, wenn Ihr neugierig seid, aber ein wenig abseits, denn in Gegenwart der Frau Hauptmann ziemt es mir nicht, mich damit hervorzutun.«
Der berühmte Bogenschütze sah bald ein, daß er gefoppt wurde. Da er sich aber nicht kräftig genug fühlte, mit Saglobas Witz zu wetteifern, hörte er auf zu fragen und wandte das Gespräch anderen Dingen zu.
»Es ist wahr, was Ihr sagt. Wenn man so in der Ferne hört, wie die Leute schwatzen, Kamieniez sei nicht gerüstet, Kamieniez müsse fallen, so erfaßt einen ein Schrecken. Wenn man aber Kamieniez sieht, so ist man gleich mit Mut erfüllt.«
»Und wenn erst Michael in Kamieniez sein wird!« rief Bärbchen.
»Herr Sobieski muß Hilfe schicken.«
»Gott sei Dank, es steht nicht so schlimm! Ja, es stand schon schlimmer, und wir gaben nicht nach.«
»Und wäre es noch so schlimm, die Hauptsache ist, nicht den Mut verlieren! Sie haben uns nicht gefressen und werden uns nicht fressen, solange der Geist der Tapferkeit in uns ist,« schloß Sagloba.
Unter dem Eindruck dieser ermutigenden Gedanken verstummten sie. Aber das Schweigen wurde auf schmerzliche Weise unterbrochen. Plötzlich war Nowowiejski mit seinem Pferde dicht an Bärbchens Wagen herangekommen; sein Gesicht, das sonst furchtbar und düster war, lächelte und blickte heiter. Er richtete die Augen unverwandt auf das im Sonnenglanz gebadete Kamieniez und lachte unaufhörlich. Die beiden Ritter und Bärbchen sahen ihn erstaunt an, denn sie konnten nicht begreifen, wie der Anblick der Festung so plötzlich alle Last von seiner Seele genommen habe; er aber sagte:
»Gelobt sei der Herr! Groß war das Leid, aber auch die Freude ist uns bereitet.« Hier wandte er sich zu Bärbchen: »Sie sind beide bei dem polnischen Dorfschulzen Tomaschewitsch; es ist gut, daß sie sich dorthin geflüchtet haben, denn in einer solchen Festung wird ihnen der Mörder nichts tun können.«
»Von wem sprecht Ihr?« fragte Bärbchen beklommen.
»Von Sophie und Evchen.«
»Gott steh' dir bei!« rief Sagloba, »laß dich nicht vom Bösen umgarnen!«
Nowowiejski aber sprach weiter: »Was sie von meinem Vater sagen, daß ihn Asya abgeschlachtet, ist auch nicht wahr.«
»Er hat den Verstand verloren,« flüsterte Muschalski.
»Gestattet Ihr mir, Herrin,« sagte Nowowiejski, »vorauszureiten? Ich habe sie so lange nicht gesehen, und mir ist so bange. O, man sehnt sich, wenn man liebt!« Er nickte mit seinem riesigen Kopfe nach beiden Seiten, gab dem Pferde die Sporen und sprengte voraus.
Muschalski winkte einigen Dragonern und folgte ihm, um den Wahnsinnigen im Auge zu behalten. Bärbchen aber verbarg ihr rosiges Gesicht in den Händen, und heiße Tränen flossen durch ihre Finger. Da sagte Sagloba:
»Ein Bursch', so lauter wie Gold! Aber dies Unglück geht über menschliche Kraft ... und die Rache wird sein Herz nicht zur Ruhe bringen ...«
In Kamieniez rüstete man sich eifrig zur Verteidigung. An den Mauern des alten Schlosses und an den Toren, besonders am reußischen, arbeiteten die »Nationen«, welche die Stadt bewohnten, unter ihren Schulzen; unter diesen nahm der polnische Schulze Tomaschewitsch den ersten Platz ein, wegen seines unerschütterlichen Mutes und seiner Tüchtigkeit im Kanonenschießen. Man arbeitete mit Schaufel und Karre; Lechen, Reußen, Armenier, Juden und Zigeuner wetteiferten miteinander. Die Offiziere der verschiedenen Regimenter hatten die Aufsicht über die Arbeiten; die Wachtmeister und die Soldaten halfen den Einwohnern, selbst der Adel arbeitete mit und vergaß, daß Gott seine Hände nur für das Schwert geschaffen und jegliche andere Arbeit den Leuten »gemeinen« Standes überlassen habe. Herr Laurentius Humiezki, der Fahnenträger von Podolien, gab selbst das Beispiel und entlockte so den anderen Tränen, wenn er mit eigenen Händen den Karren mit Steinen schob. In der Stadt und im Schloß wogten die Arbeitenden. Zwischen den Gruppen gingen Dominikaner, Jesuiten, Franziskaner und Karmeliter umher und segneten das menschliche Bemühen. Frauen trugen den Arbeitern Speise und Trank zu, die schönen Armenierinnen, die Frauen und Töchter der reichen Kaufleute, und die noch schöneren Jüdinnen aus Karwasseri, Swanek, Sinkowiez und Dünaburg zogen die Augen der Soldaten auf sich.