Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 39
Der Vezier selbst war begierig, ihn zu sehen, »und die aufgehende Sonne des Krieges«, der junge Kaimakam Kara-Mustapha, der für Kriegsruhm und wilde Krieger schwärmte, gewann ihn lieb. Beide fragten ihn lebhaft aus über die Republik, über den Hetman, über die Heere, über Kamieniez und freuten sich über seine Antwort, aus der sie sahen, daß der Krieg leicht sein werde, daß dem Sultan der Sieg, den Lechen die Niederlage zufallen müsse, und daß er ihnen beiden den Zunamen Ghazi, d. h. Eroberer, eintragen werde. So hatte Asya denn späterhin oft Gelegenheit, vor dem Vezier sein Knie zu beugen, an der Schwelle des Zelts des Kaimakam zu sitzen und von beiden reichliche Geschenke an Kamelen, Pferden und Waffen zu empfangen.
Der Großvezier schenkte ihm einen Kaftan aus silberfarbigen Lamafellen, dessen Besitz ihn in den Augen aller Lipker und Tscheremissen hoch erhob. Krytschynski, Adurowitsch, Morawski, Grocholski, Tworkowski, Alexandrowitsch, kurz, alle Hauptleute, die einst in der Republik gelebt und ihr gedient hatten und jetzt zum Sultan zurückgekehrt waren, stellten sich ohne Widerspruch unter Tuhaj-Beys Kommando, indem sie gleichzeitig in ihm die fürstliche Abstammung und den Krieger ehrten, der den Kaftan empfangen hatte. Er ward also ein bedeutender Mirza, und über zweitausend Krieger, weitaus tüchtiger als die Tataren sonst, gehorchten seinem Winke. Der herannahende Krieg, in dem es dem jungen Mirza leichter als irgend einem anderen war, sich auszuzeichnen, konnte ihn hoch emporbringen, er konnte Würde, Ruhm und Macht erwerben.
Und doch trug Asya Gift im Busen. Zunächst kränkte seinen Stolz, daß die Tataren den Türken, besonders den Janitscharen und Spahis gegenüber, nicht viel mehr bedeuteten, als die Jagdhunde neben den Jägern. Er selbst hatte große Bedeutung, aber die Tataren im allgemeinen betrachtete man als niedrigen Troß. Der Türke brauchte sie, fürchtete sie bisweilen, aber im Lager verachtete er sie. Als Asya das bemerkte, schloß er seine Lipker von der großen Masse der Tataren aus wie einen besonderen, besseren Teil des Heeres; doch dadurch erzürnte er die anderen Massen der Dobrudscha und Bialogrods und vermochte doch nicht den verschiedenen türkischen Offizieren die Überzeugung einzuflößen, daß die Lipker wirklich etwas Besseres seien als die Männer der Horde. Andererseits konnte er, der in christlichen Landen erzogen war, unter Adel und Rittertum, sich an die Sitten des Orients nicht gewöhnen. In der Republik war er nur ein gewöhnlicher Offizier und nicht gerade vornehmen Ranges gewesen, und doch brauchte er, wenn er mit den Vorgesetzten, mit dem Hetman selbst zusammentraf, sich nicht so zu erniedrigen wie hier, wo er ein Mirza und der Führer aller Lipker war. Hier vor dem Vezier mußte man auf das Gesicht fallen, in dem befreundeten Zelte des Kaimakam das Knie beugen, vor den Paschas, den Ulemas und dem obersten Aga der Janitscharen zur Erde sinken. Asya war dessen ungewohnt, er konnte nicht vergessen, daß er der Sohn eines Kriegshelden war, sein Busen war voll wilden Stolzes, der so hoch strebte, wie der Flug des Adlers, und das verursachte ihm tiefen Schmerz.
Am meisten aber wütete in seinem Busen die Erinnerung an Bärbchen. Nicht, daß eine schwache Hand ihn vom Pferde geworfen, ihn, der bei Brazlaw, bei Kalnik und in hundert anderen Schlachten die gefürchtetsten saporogischen Kämpfer herausgefordert und zu Leichen gemacht hatte, nicht die Schande war es, die an ihm nagte -- was kümmerte ihn Schande! Aber er liebte dieses Weib grenzenlos, wahnsinnig. Er wollte sie in seinem Zelte haben, sie anschauen, schlagen, küssen dürfen. Hätte man ihm die Wahl gestellt, Padischah zu werden und die halbe Welt zu regieren, oder sie in seine Arme zu schließen, ihr warmes Blut an seinem Herzen zu fühlen, ihren Atem einzusaugen, seine Lippen auf die ihren zu drücken -- er hätte sie Stambul, dem Bosporus und dem Titel des Kalifen vorgezogen. Sie begehrte er, weil er sie liebte, sie begehrte er, weil er sie haßte, je ferner sie ihm war, je reiner, treuer, unantastbarer sie sich erwies, desto heftiger begehrte er sie. Manchmal, wenn er im Zelte saß und sich zurückerinnerte, daß er einmal im Leben nach der Schlacht gegen Asba-Bey ihre Augen geküßt, daß er bei Raschkow ihre Brust an die seine gedrückt hatte, da erfaßte ihn eine wahnsinnige Begier. Er wußte nicht, was mit ihr geschehen war, und ob sie unterwegs umgekommen sei; manchmal empfand er es wie eine Linderung seiner Schmerzen, daß sie gestorben sein könne, dann wieder erfaßte ihn ein unermeßliches Leid. Es gab Augenblicke, wo er dachte, es wäre besser gewesen, sie nicht zu rauben, Raschkow nicht in Flammen zu setzen, nicht hierherzukommen, sondern als Lipker in Chreptiow zu bleiben -- nur um sie anschauen zu dürfen.
Dafür war aber die unglückliche Sophie Boska bei ihm im Zelte. Ihr Leben ging in Sklavendiensten dahin, in Schmach, in beständiger Angst, denn in Asyas Herzen war auch nicht ein Fünkchen Mitleid mit ihr. Er peinigte sie, bloß weil sie nicht Bärbchen war. Ihr war die Süßigkeit und der Zauber einer Feldblume eigen, sie besaß Jugend und Schönheit, und darum sättigte er sich an ihrer Schönheit; aber oft stieß er sie ohne Grund mit den Füßen oder geißelte mit dem Ziemer ihren weißen Körper. In einer ärgeren Hölle hätte sie nicht leben können, denn sie lebte ohne Hoffnung. Ihr Leben war in Raschkow wie der Frühling erblüht, in der Liebe zu dem jungen Nowowiejski. Sie liebte ihn mit ganzer Seele, sie liebte die edle, ritterliche und zugleich biedere Natur, und hier war sie das Gespött und die Sklavin dieses blinden Ungeheuers. Zitternd wie ein geschlagener Hund mußte sie sich zu seinen Füßen krümmen, seine Blicke verfolgen, seine Hände beobachten, ob sie nicht nach der Geißel faßten, und ihren Atem, ihre Tränen zurückhalten.
Sie wußte wohl, daß es für sie kein Mitleid gebe und geben werde. Denn wenn sie auch ein Wunder diesen entsetzlichen Händen entrissen hätte, so war sie nicht mehr die frühere Sophie, weiß wie der erste Schnee und fähig, durch ihre Reinheit und Unberührtheit für Liebe zu entgelten. All das war unwiederbringlich verloren, und weil sie an dieser entsetzlichen Schmach, in der sie jetzt lebte, nicht die geringste Schuld trug, weil sie im Gegenteil bis dahin immer ein Mädchen, makellos wie ein Lämmchen, sanft wie eine Taube, vertrauensvoll wie ein Kind, schlicht und liebevoll gewesen war, begriff sie nicht, warum ihr dieses entsetzliche Unrecht geschehen, das nie wieder gut gemacht werden konnte, warum über ihr so unerbittlich der Zorn Gottes walte; dieser Seelenkampf vergrößerte ihren Schmerz, ihre Verzweiflung. So flossen ihr die Tage, die Wochen, die Monate dahin. Asya war im Winter auf das Feld von Kantschukar gekommen, und der Ausmarsch gegen die Republik begann erst im Juni; all' die Zeit war Sophie in Schmach, in Qual und Arbeit hingegangen, da Asya sie trotz ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit, trotzdem er sie in seinem Zelte hielt, nicht liebte; ja, da er sie haßte, lediglich darum, weil sie nicht Bärbchen war, und sie wie eine gewöhnliche Sklavin betrachtete, mußte sie auch arbeiten wie eine Sklavin. Sie tränkte seine Pferde und Kamele am Flusse, sie brachte das Wasser herbei zu den Waschungen, sie holte Holz zur Feuerung, sie breitete die Felle für die Nacht aus, sie kochte das Essen. In anderen Abteilungen des türkischen Heeres traten die Frauen nicht aus den Zelten heraus aus Angst vor den Janitscharen oder aus Gewohnheit, aber das Lager der Lipker lag abseits, und die Sitte, die Frauen zu verbergen war unter ihnen nicht verbreitet; sie hatten, da sie einst in der Republik gewohnt, andere Sitten, und die Sklavinnen der gemeinen Soldaten, soweit diese Gefangene besaßen, bedeckten nicht einmal ihr Gesicht mit Jaschmaks.[O] Den Frauen war es zwar nicht erlaubt, sich aus den Grenzen des Lipkischen Maidans zu entfernen, denn jenseit dieser Grenzen hätte man sie sicherlich geraubt; aber im Maidan selbst konnten sie überallhin gefahrlos gehen und den wirtschaftlichen Arbeiten des Lagers obliegen.
Trotz der schweren Arbeit war es Sophie sogar ein gewisser Trost, Holz zu holen oder an den Fluß zu gehen, um die Pferde und Kamele zu tränken, denn im Zelt fürchtete sie sich zuweilen, und auf dem Wege konnte sie ihren Tränen ungestraft freien Lauf lassen. Einst, da sie mit der Holztrage hinausging, begegnete sie der Mutter, die Asya dem Halim geschenkt hatte. Sie fielen sich in die Arme, und man mußte sie mit Gewalt auseinanderreißen. Obgleich Asya Sophie nachher geißelte, obgleich er sich nicht scheute, mit dem Ziemer ihren Kopf zu schlagen, war ihr diese Begegnung doch ein Labsal. Ein andermal, da sie Asyas Tücher und Fußlappen an der Furt wusch, bemerkte Sophie in der Ferne Evchen, die mit Wassereimern herkam. Evchen stöhnte unter der Last der Eimer. Ihre Gestalt war schon sehr verändert, schwerfällig geworden, aber ihre Züge erinnerten Sophie, obwohl sie mit dem Jaschmak verhüllt waren, an Adam -- und ihr Herz erfaßte ein solcher Schmerz, daß sie auf einen Augenblick die Besinnung verlor. Sie sprachen vor Angst kein Wort miteinander.
Diese Angst ertötete allmählich alle Empfindungen Sophiens, bis sie endlich als die einzige zurückblieb an Stelle der früheren Wünsche, Hoffnungen und Erinnerungen. Nicht geschlagen zu werden -- das war's allein, wonach sie strebte. Bärbchen hätte an ihrer Stelle Asya mit seinem eigenen Dolche am ersten besten Tage getötet, ohne Rücksicht auf das, was nachher hätte geschehen können. Aber die furchtsame Sophie, die noch ein halbes Kind war, hatte nicht Bärbchens Blut, und so kam es endlich dahin, daß sie es für eine Gnade ansah, wenn der entsetzliche Asya, von augenblicklicher Begierde hingerissen, sein häßliches Gesicht an ihre Lippen legte. Wenn sie im Zelte saß, wandte sie kein Auge von ihrem Herrn und suchte zu erkennen, ob er zornig oder nicht zornig war, folgte jeder seiner Bewegungen, um seine Wünsche zu erraten.
Wenn sie dieselben falsch erriet, wenn, wie dereinst dem alten Tuhaj-Bey, die Hauer unter seinem Schnurrbart aufblitzten, dann krümmte sie sich fast bewußtlos vor Schrecken zu seinen Füßen, drückte ihre blassen Lippen an seine Stiefel, umfaßte krampfhaft seine Knie und schrie wie ein gemartertes Kind: Schlage mich nicht, Asya, vergib, schlage mich nicht! -- Er vergab ihr fast nie; er peinigte sie nicht bloß, weil sie nicht Bärbchen war, -- war sie doch einst die Verlobte Nowowiejskis gewesen! Asya hatte ein unerschrockenes Herz; aber so furchtbar war die Abrechnung zwischen ihm und Nowowiejski, daß den jungen Lipker bei dem Gedanken an diesen Riesen mit der Rache im Herzen eine gewisse Unruhe erfaßte. Der Krieg stand bevor, sie konnten sich begegnen, ja, es war wahrscheinlich, daß sie aufeinanderstießen. Asya vermochte nicht, sich von diesen Gedanken zu befreien, und da dieselben ihm sehr oft kamen, wenn er Sophie sah, so nahm er an ihr Rache dafür, als wollte er die eigene Unruhe durch die Streiche vertreiben, mit welchen er sie peinigte.
Endlich war der Augenblick gekommen, da der Sultan den Befehl zum Aufbruch gab. Die Lipker und mit ihnen der ganze Troß der Tataren der Dobrudscha und Nowogrods sollten den Vortrab bilden; so war es zwischen dem Sultan, dem Vezier und dem Kaimakam abgemacht. Aber zu Anfang, besonders bis zum Balkan, gingen sie alle zusammen. Der Marsch war nicht lästig, denn wegen der beginnenden Hitze marschierten sie nur in der Nacht sechs Stunden lang und machten dann Halt. Pechtonnen erhellten ihren Weg, und die Massaldschiralen leuchteten dem Sultan mit ihren bunten Fackeln. Das Menschenmeer ergoß sich über die endlosen Ebenen, füllte, den Heuschrecken gleich, die tiefen Täler und bedeckte die Höhen der Berge. Dem bewaffneten Volk zogen die Wagenburgen mit dem Harem nach; ihnen folgten zahllose Herden. Aber in den Brüchen vor dem Balkan war der goldige und purpurne Wagen Kassekas so tief eingesunken, daß zwanzig Büffel ihn nicht aus dem Sumpfe ziehen konnten. »Ein böses Vorzeichen, Herr, für dich und dein ganzes Heer,« sagte der höchste Mufti zum Sultan. -- Ein böses Vorzeichen! wiederholten im Lager die halb wahnsinnigen Derwische. Und der Sultan erschrak und beschloß, alle Frauen, auch die wunderschöne Kasseka, aus dem Lager zu entfernen.
Der Befehl wurde dem Heere verkündet. Diejenigen der Soldaten, die nicht wußten, wo sie ihre Sklavinnen hinschicken sollten, und die aus Liebe sie nicht der Wollust preisgeben mochten, zogen es vor, sie zu töten; andere wurden zu Tausenden von den Bazaren der Karawanserai aufgekauft und später auf den Märkten Stambuls und in den Städten des nahen Asiens verhandelt. Drei Tage dauerte der große Jahrmarkt. Asya stellte ohne Zögern Sophie zum Verkauf. Sofort erstand sie für gutes Geld ein reicher, alter Südfruchthändler aus Stambul für seinen Sohn. Es war ein guter Mensch, denn als Sophie weinte und ihn darum beschwor, kaufte er auch von Halim, freilich für einen sehr geringen Preis, ihre Mutter. Am folgenden Tage wanderten sie beide den Weg nach Stambul mit einer großen Zahl anderer Frauen. In Stambul ward Sophies Los, ohne weniger schmachvoll zu sein, doch ein besseres. Der neue Besitzer hatte sie gern und erhob sie nach Verlauf einiger Monate zur Würde seiner Gemahlin. Ihre Mutter verließ sie nicht mehr.
Viele Menschen, unter ihnen auch viele Frauen, pflegten, oft sogar nach langer Sklaverei, in die Heimat zurückzukehren. Es soll auch jemand mit allen Mitteln, mit Hilfe von Armeniern, von griechischen Kaufleuten, von Boten der Republik, Sophie gesucht haben, aber ohne Erfolg. Später brachen die Nachforschungen nach ihr plötzlich ab, und Sophie sah ihre Heimat und ihre Angehörigen nie wieder.
Sie verblieb bis an ihr Lebensende im Harem.
20. Kapitel.
Noch ehe die Türken von Adrianopel ausgerückt waren, herrschte ein lebhaftes Treiben in allen Grenzwarten am Dniestr; besonders nach Chreptiow, das Kamieniez am nächsten lag, kamen häufig Berittene vom Hetman und brachten allerlei Befehle, die der kleine Ritter entweder selbst ausführte oder, wenn sie ihn nicht betrafen, durch zuverlässige Leute vermitteln ließ. Die Folge war, daß die Besatzung von Chreptiow sich stark verminderte; Motowidlo zog mit den Seinen bis nach Human, Hanenko zu Hilfe, der mit einer Handvoll Kosaken, die der Republik treu geblieben waren, Doroschenko und der mit ihm verbündeten krimschen Horde trotzte, so gut es ging. Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, Snitko, Nienaschyniez und Hromyka führten die genossenschaftliche Fahne und die Linkhausenschen Dragoner nach Batoh unseligen Angedenkens, wo Luschezki stand, der in Gemeinschaft mit Hanenko Doroschenkos Bewegungen beobachten sollte. Bogusch erhielt den Befehl, so lange in Mohylow auszuhalten, bis er mit bloßem Auge die herannahenden Tatarenscharen erblicke; auch den berühmten Ruschtschyz suchten die Befehle des Hetmans auf, ihn, der nur von Michael Wolodyjowski im Scharmützel übertroffen wurde. Aber Ruschtschyz war an der Spitze von hundert Mann in die Steppe gezogen und spurlos verschwunden. Erst später hörte man von ihm; es verbreiteten sich seltsame Gerüchte, daß um Doroschs Wagenburg und die Horde ein böser Geist kreise, der täglich einzelne Krieger und kleinere Banden wegraffe. Man vermutete, es sei Ruschtschyz, der den Feind überliste, denn kein anderer, mit Ausnahme des kleinen Ritters, hätte ihn so zu hintergehen vermocht. Wirklich war es auch so.
Herr Michael sollte, wie schon früher bestimmt war, nach Kamieniez gehen, denn dort brauchte ihn der Hetman, der wohl wußte, er gehöre zu denjenigen Kriegern, deren Anblick Mut in die Herzen goß und die Begeisterung der Einwohner wie der Besatzung mit sich riß. Der Hetman war überzeugt, daß Kamieniez sich nicht halten werde, aber es war ihm darum zu tun, es solange wie möglich zu verteidigen, so lange besonders, bis die Republik Kräfte zu seinem Entsatz gesammelt hatte. In dieser Überzeugung schickte er den berühmtesten Ritter der Republik und zugleich den beliebtesten Krieger in den sicheren Tod. In den Tod schickte er den bewährtesten Krieger, und es tat ihm nicht wehe. Der Hetman dachte immer so, wie er später in Wien sagte, daß die Kriegsgöttin wohl Männer gebären, der Krieg aber sie nur töten könne. Er selbst war bereit zu sterben und hielt die Todesbereitschaft für die einfachste Pflicht des Kriegers. Wenn er durch den Tod einen großen Dienst leisten kann, so ist dieser Tod eine Gunst und ein besonderer Lohn. Der Hetman wußte auch, daß der kleine Ritter ebenso denke wie er selber.
Zudem war es nicht an der Zeit, an die Schonung des einzelnen zu denken, da die Gefahr Kirchen, Städte, Länder, die ganze Republik bedrohte, und der Osten sich mit nie erlebter Machtentfaltung gegen Europa erhob, um die ganze Christenheit zu unterwerfen, die, gedeckt von der Brust der Republik, nicht daran dachte, ihr zu Hilfe zu eilen. Darum wollte der Hetman, daß erst Kamieniez die Republik schütze, und diese dann den Rest der Christenheit.
Das hätte auch geschehen können, wenn sie Kraft gehabt, wenn nicht die Mißwirtschaft sie zerfressen hätte. Der Hetman besaß nicht einmal genügende Streitkräfte zur Vorpostenaussendung, geschweige denn zu einem Kriege. Hatte er eine Anzahl Soldaten an einen Ort geworfen, so entstand alsbald an einem anderen eine Bresche, durch welche der Strom der Übermacht sich ohne Behinderung ergießen konnte. Die Wachen, welche der Sultan zur Nachtzeit in seinem Lager aufstellte, waren zahlreicher als die Fahnen des Hetmans; die Flut kam von zwei Seiten; vom Dniestr und von der Donau, und da Dorosch mit der ganzen krimschen Horde näher war, die schon das Land sengend und mordend überflutete, so zogen die Hauptfahnen gegen ihn; für die andere Richtung fehlte es an Mannschaften selbst zur Auskundschaftung.
In dieser schweren Bedrängnis schrieb der Hetman an Herrn Wolodyjowski folgende wenige Zeilen:
»Ich habe es schon hin und her erwogen, ob ich Dich nicht von Raschkow aus dem Feind entgegenschicken soll; aber ich fürchte, wenn die Horde in sieben Armeen sich vom Moldauischen Ufer her ergießt und das Land überströmt, so wird es Dir nicht gelingen, Dich nach Kamieniez durchzuschlagen, und dort bist Du durchaus nötig. Erst gestern fiel mir Nowowiejski ein; er ist ein erfahrener Soldat und ein entschlossener Mann, und da der Mensch in seiner Verzweiflung alles wagt, so hoffe ich, er wird mir gute Dienste leisten. Was Du an leichter Reiterei entbehren kannst, schicke ihm hin, er aber rücke soweit wie möglich vor, zeige sich überall, verbreite das Gerücht von unserem großen Heere, und wenn der Feind in Sicht ist, soll er ihm hier und da vorüberhuschen, ohne sich fassen zu lassen. Es ist bekannt, welchen Weg sie nehmen, wenn er aber etwas Neues bemerkt, soll er Dir sofort Mitteilung machen, und Du schickst die Nachricht unverzüglich zu mir und nach Kamieniez. Nowowiejski soll bald ausrücken, und auch Du halte Dich bereit, nach Kamieniez aufzubrechen; warte aber noch, bis von Nowowiejski die Mitteilungen von der Moldau kommen.«
Da Nowowiejski augenblicklich in Mohylow weilte, und da es hieß, er werde ohnehin nach Chreptiow kommen, ließ ihm der kleine Ritter nur melden, er solle seine Reise beschleunigen, da seiner in Chreptiow ein Auftrag von seiten des Hetmans harre.
Nowowiejski kam zwei Tage darauf. Seine Freunde erkannten ihn kaum und dachten, Bialoglowski habe ihn nicht mit Unrecht ein Gerippe genannt. Das war nicht mehr der prächtige Junge, der übergroße und heitere, der einst dem Feinde mit einem Lachen entgegenstürzen konnte, das dem Wiehern des Pferdes glich, und der mit einem Schwunge um sich hieb, als ob sich Windmühlenflügel bewegten. Er war hager, gelblich, düster geworden, und in dieser Hagerkeit erschien er noch riesenhafter; er blinzelte die Menschen an, als ob er seine besten Bekannten nicht wiedererkenne; man mußte ihm auch zwei-, dreimal dasselbe wiederholen, denn er schien nicht zu begreifen. In seinen Adern schien Gram statt Blut zu rinnen; offenbar bemühte er sich, an gewisse Dinge nicht zu denken, und zog vor, zu vergessen, um nicht wahnsinnig zu werden.
Zwar gab es in diesen Gegenden kaum einen Menschen, kaum eine Familie, kaum einen Offizier im Heere, den nicht ein Unglück von heidnischer Hand betroffen hätte, der nicht irgend einen seiner Bekannten, seiner Freunde, den eigenen Teuren beweinte; aber über Nowowiejski war geradezu ein Wolkenbruch von Unglück niedergegangen. An einem Tage hatte er den Vater, die Schwester, die Braut verloren, die er mit allen Fasern eines reichen Herzens liebte. Wäre doch die Schwester und das süße, geliebte Mädchen lieber gestorben, wäre sie lieber vom Schwerte oder von der Flamme vernichtet! Aber ihr Schicksal war ein solches, daß der Gedanke an sie die furchtbarste Pein für Nowowiejski bedeutete. Er gab sich die erdenklichste Mühe ihn abzuwehren, denn er empfand, daß die Erinnerung an Wahnsinn grenze; -- aber er konnte nicht, wie er wollte.
So war seine Ruhe nur eine scheinbare. In seinem Herzen fand Ergebenheit durchaus keinen Raum, und auf den ersten Blick konnte man leicht erraten, daß unter dieser Starrheit etwas Unheildrohendes, Entsetzliches sich verberge, und daß dieser Riese, wenn es zum Ausbruch kam, furchtbare Taten vollbringen werde, wie das entfesselte Element. Das stand so deutlich auf seiner Stirn geschrieben, daß selbst die Freunde sich ihm nur mit einer gewissen Scheu näherten, und in der Unterhaltung mit ihm jede Erwähnung dessen, was geschehen war, vermieden.
Der Anblick Bärbchens in Chreptiow weckte in ihm den leicht verharschten Schmerz; da er zum Willkommen ihre Hände küßte, begann er zu stöhnen, wie ein verwundeter Auerochs; seine Augen überzogen sich blutigrot, und die Adern an seinem Hals schwollen wie Stricke an. Und als Bärbchen in Tränen ausbrach und mit der Innigkeit einer Mutter mit ihren Händen seinen Kopf umfaßte, fiel er ihr zu Füßen, und man konnte ihn lange nicht von ihr reißen. Als er aber vernahm, welchen Auftrag der Hetman ihm gegeben, belebte er sich sichtlich, ein Strahl furchtbarer Freude blitzte in seinen Zügen auf, und er sagte:
»Das will ich tun, das will ich und noch mehr!«
»Und wenn du den tollen Hund dort triffst, so zieh' ihm das Fell über die Ohren,« warf Sagloba ein.
Nowowiejski sagte kein Wort, er blickte nur Sagloba an; plötzlich leuchtete der Wahnsinn in seinen Augen auf, er erhob sich und ging auf den alten Edelmann zu, als wolle er sich über ihn stürzen.
»Und glaubt Ihr's wohl, daß ich diesem Menschen in meinem Leben nichts Böses zugefügt habe, daß ich ihm immer freundlich begegnet bin?«
»Ich glaube, ich glaub's,« antwortete Sagloba hastig und zog sich klüglich hinter den kleinen Ritter zurück. »Ich selbst ginge mit dir, aber das Podagra kneift mich in den Füßen.«
»Nowowiejski,« sagte der kleine Ritter, »wann willst du ausrücken?«
»Heute nacht.«
»Ich gebe dir hundert Dragoner; ich selbst bleibe mit dem zweiten Hundert und dem Fußvolk hier. Komm' auf den Maidan.«
Und sie gingen hinaus, um die Befehle zu erteilen. An der Schwelle stand, schnurstracks aufgerichtet, Sydor Luschnia. Das Gerücht von der Expedition hatte sich schon verbreitet, darum bat der Wachtmeister in seinem und seiner Kompagnie Namen den kleinen Hauptmann, er möge ihm gestatten, mit Nowowiejski zu gehen.
»So, also du willst mich verlassen?« fragte Michael verwundert.
»Herr Kommandant, wir haben es diesem Schurken geschworen, vielleicht fällt er in unsere Hände.«
»Ja, Ihr habt recht, Sagloba hat mir davon erzählt,« antwortete der kleine Ritter. Luschnia wandte sich an Nowowiejski.
»Herr Kommandant!«
»Was willst du?«
»Wenn wir ihn bekommen, überlaßt ihn mir.«
In dem Gesicht des Masuren malte sich eine so furchtbare, tierische Wut, daß Nowowiejski sich sogleich vor Michael verbeugte und bittend sagte:
»Gebt mir diesen Mann.«
Michael erhob keinen Widerspruch, und an demselben Abend, gegen Anbruch der Nacht, rückten hundert Berittene unter Nowowiejskis Führung ab.