Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 38
»Ums Himmels willen,« sagte er, »was grämen wir uns, wozu nach dem lausigen Kamieniez gehen und uns dort einschließen? Ist es nicht besser, bei dem Hetman zu bleiben und auf freiem Felde den Feind zu bekämpfen? Und dann kann doch Bärbchen nicht mit zur Fahne; sie muß fort und zwar nicht nach Kamieniez, sondern weit von hier, sei es auch zu den Skrzetuskis. Michael, Gott schaut in mein Herz und sieht, wie es von Begierde gegen die Heiden glüht -- aber für dich und für Bärbchen tue ich es, ich geleite sie fort von hier.«
»Ich danke Euch,« antwortete der kleine Ritter, »gewiß, wenn ich nicht in Kamieniez sein soll, wird auch Bärbchen nicht drängen. Aber was tun, wenn der Befehl vom Hetman kommt?«
»Was tun, wenn der Befehl kommt? Ei, so hole der Henker alle Befehle! Was tun? ... Warte, ich will einmal scharf nachdenken. -- Weißt du, man muß dem Befehl zuvorkommen.«
»Und wie das?«
»Schreibe sofort an Herrn Sobieski, tue, als ob du ihm neues mitzuteilen habest, und zum Schluß sage, daß du angesichts des herannahenden Krieges aus Liebe zu ihm in seiner Nähe bleiben und im offenen Felde kämpfen wollest. Bei Gott, ein trefflicher Gedanke! Denn erstens ist es ja unmöglich, daß er einen solchen Streifzügler, wie du bist, hinter Mauern halte, anstatt ihn im Felde zu gebrauchen, und zweitens wird dich der Hetman für einen solchen Brief noch mehr lieb gewinnen und an seiner Seite haben wollen. Er wird auch ergebene Soldaten nötig haben ... Höre, wenn Kamieniez nicht standhält, so fällt der Ruhm dem General von Podolien zu, und was du im Felde tust, das geschieht zum Ruhme des Hetmans. Fürchte dich nicht, der Hetman wird dich nicht an den General abtreten, eher tritt er ihm einen anderen ab, aber dich und mich nicht ... Schreibe den Brief, bringe dich ihm in Erinnerung; -- ha, mein Witz ist doch etwas mehr wert, als daß ihn die Hühner auf dem Kehrichthaufen aufpicken. Michael, laß uns bei der Gelegenheit eins trinken, nicht? Schreibe den Brief!«
Michael war in der Tat sehr erfreut; er umarmte Sagloba, dachte eine Weile nach und sagte:
»Und dabei hintergehe ich weder Gott noch das Vaterland, noch den Hetman, denn gewiß, im offenen Felde werde ich viel leisten können. Ich danke Euch von ganzem Herzen; auch ich glaube, der Hetman wird mich zur Seite haben wollen, besonders nach diesem Brief. Aber wißt Ihr, was ich tun will, um auch Kamieniez nicht im Stich zu lassen? Ich statte auf meine Kosten ein Häuflein Fußvolk aus und schicke es hin; auch das will ich dem Hetman gleich schreiben.«
»Noch besser. Aber Michael, wo willst du die Leute hernehmen?«
»Ich habe in dem Keller an vierzig Räuber, die will ich nehmen. Stets wenn ich einen hängen lassen wollte, hat mich Bärbchen gequält, ihm das Leben zu schenken. Bärbchen hat mir manchmal geraten, aus den Banditen Soldaten zu machen; ich aber wollte es nicht, denn man mußte ein Exempel geben, aber nun sitzt uns der Krieg im Nacken, nun ist alles erlaubt. Es sind tüchtige Kerle, die schon Pulver gerochen haben. Ich will auch verkünden lassen, daß allen, die sich freiwillig aus den Schluchten und Klüften zum Regiment stellen, ihre Räubereien geschenkt sein sollen. Es werden sich wohl an die hundert Mann finden, und Bärbchen wird auch zufrieden sein. Ihr habt mir eine schwere Last vom Herzen genommen.«
Noch an diesem Tage schickte der kleine Ritter einen neuen Boten zum Hetman und verkündete den Banditen Gnade, wenn sie sich zum Fußvolk stellten. Sie gingen freudig darauf ein und versprachen, noch andere heranzuziehen. Bärbchen war über die Maßen erfreut. Es kamen Schneider aus Uschyz heran, aus Kamieniez und anderen Orten, um die Mannschaft einzukleiden. Die früheren Räuber wurden auf dem Maidan von Chreptiow in Reih und Glied gestellt. Michael lachte das Herz im Leibe bei dem Gedanken, daß er im offenen Felde kämpfen, daß er die Gattin nicht den Gefahren der Belagerung aussetzen und doch Kamieniez und dem Vaterland einen großen Dienst erweisen werde.
Die Arbeiten hatten schon einige Wochen gedauert, als eines Abends der Bote mit einem Brief vom Hetman Sobieski zurückkam. Er schrieb wie folgt:
»Mein geliebter und sehr werter Wolodyjowski!
Daß Du mir so fleißig alles Neue mitteilst, dafür danke ich Dir, dafür muß Dir das Vaterland dankbar sein. Der Krieg ist gewiß. Ich habe auch von anderen die Nachricht, daß auf den Feldern von Kantschukar eine große Macht steht, mit der Horde etwa dreimalhunderttausend Mann. Die Horden können jeden Augenblick losrücken. Auf nichts hat es der Sultan so abgesehen wie auf Kamieniez. Die Verräter, die Lipker, werden den Türken alle Wege zeigen und sie über Kamieniez unterrichten. Ich habe die Hoffnung, daß Gott die Natter, den Tuhaj-Bey-Sohn, in Deine oder in Nowowiejskis Hände liefern wird, dessen Schmerz ich tief empfinde. _Quod attinet_ Deinen Wunsch, an meiner Seite zu sein, so weiß Gott, wie lieb es mir sein würde; aber es kann nicht sein. Der Herr General von Podolien hat mir zwar nach der Wahl zwiespältige Freundlichkeit erwiesen, aber ich will ihm den besten Soldaten schicken. Denn mir ist der Fels von Kamieniez teuer wie mein Augapfel. Es wird dort viele geben, die ein- oder zweimal im Leben den Krieg erfahren haben, aber nur so wie jemand, der einmal ein treffliches Gericht genossen hat, das er dann sein Leben lang in Erinnerung behält; aber ein Mann, der es genossen hat wie sein täglich Brot, und der mit erfahrenem Rate dienen könnte, fehlt dort; und wenn welche dort sind, so mangelt ihnen die nötige Würde. Darum schicke ich Dich dorthin, denn Ketling ist ein guter Soldat, aber weniger gekannt. Auf Dich aber wird die Bürgerschaft der Stadt ihr Auge gerichtet halten, und ich denke, wenn auch das Kommando in eines anderen Händen ist, so werden sie doch, was Du sagst, gern befolgen. Gefährlich ist dieser Dienst in Kamieniez, aber wir sind es gewohnt, im Regen naß zu werden, vor dem andere Schutz suchen. Uns ist genügender Lohn der Ruhm und die dankbare Erinnerung. Die Hauptsache ist das Vaterland, zu dessen Rettung ich Dich nicht anzuregen brauche.«
Dieser Brief, der vor den versammelten Offizieren verlesen wurde, machte einen tiefen Eindruck, denn sie alle hätten lieber im Felde gedient als in der Festung. Michael ließ den Kopf sinken.
»Was denkst du, Michael?« fragte Sagloba.
Wolodyjowski erhob sein Antlitz, das wieder völlig den alten Ausdruck gewonnen hatte, und sagte mit so ruhiger Stimme, als ob er keinerlei Enttäuschung erfahren habe: »Wir werden nach Kamieniez gehen ... was soll ich denken?«
Und man konnte glauben, es sei nie ein anderer Gedanke in seinem Kopfe entstanden. Nach einer Weile warf er den Kopf zurück und sagte:
»He, Genossen, wir ziehen nach Kamieniez und wollen es halten, bis wir selbst fallen.«
»Bis wir fallen,« wiederholten die Offiziere; »einmal muß der Mensch sterben.«
Sagloba schwieg eine Weile; er ließ seine Blicke über die Anwesenden schweifen, und da er sah, daß alle auf das warteten, was er wohl sagen werde, sprach er:
»Ich gehe mit euch, hol' mich der Teufel!«
19. Kapitel.
Als der Boden trocken war, und die Gräser emporschossen, rückte der Khan in eigener Person mit fünfzigtausend Mann von der krimschen und der astrachanischen Horde dem Dorosch und den aufständischen Kosaken zu Hilfe. Der Khan selbst, die ihm verwandten Sultane und alle hervorragenden Mirzen und Beys trugen Kaftane, die ihnen der Padischah zum Geschenk gemacht hatte. Sie zogen nicht wie vorzeiten um Beute und Gefangene gegen die Republik aus, sondern in einen heiligen Krieg zur »Vernichtung«, zur Ausrottung des ganzen Lechistan[N], der ganzen Christenheit.
Ein zweites, größeres Gewitter zog sich bei Adrianopel zusammen, und gegen die ganze Flut bot nur der eine Fels von Kamieniez Schutz; sonst lag die Republik wie eine offene Steppe da, ja wie ein kranker Mann, unfähig, nicht nur sich zu verteidigen, sondern auch fest auf den Füßen zu stehen. Sie war erschöpft durch die vorhergegangenen, wenn auch am Ende siegreichen Kriege mit Schweden, Preußen, den Moskowitern, den Kosaken und Ungarn, durch die Konföderationen und die Empörung Lubomirskis, und jetzt hatten sie zum Überfluß die inneren Zwistigkeiten entkräftet, die Unfähigheit des Königs, die Zwietracht der Mächtigen, die Verblendung des unvernünftigen Adels und der Schrecken des Bürgerkrieges. Vergeblich warnte der große Sobieski vor der drohenden Gefahr. Niemand wollte ernstlich an die Möglichkeit des Krieges glauben. Man vernachlässigte die Mittel zur Verteidigung, und so hatte der Schatz kein Geld, der Hetman kein Heer. Der Heeresmacht, welcher die Verbündung aller christlichen Nationen kaum hätte Trotz bieten können, vermochte der Hetman nur einige tausend Mann entgegenzustellen.
Im Osten dagegen, wo alles dem Willen des Padischahs untertan war, und die Völker wie ein Mann mit dem Schwert in der Faust bereit standen, geschah gerade das Gegenteil. In dem Augenblicke, da man das Banner des Propheten entfaltete, die Roßschweife an dem Tore des Serails und auf dem Turme des Seraskierats aufpflanzte, da die Ulemas anfingen, den heiligen Krieg zu predigen, erhob sich halb Asien und der ganze Norden Afrikas. Der Padischah selbst war zu Beginn des Frühlings auf den Ebenen von Kantschukar zur Stelle und musterte eine Macht, wie sie seit Jahrhunderten die Welt nicht gesehen hatte. Zehntausend Spahis und Janitscharen, die Blüte des türkischen Heeres, umgaben zunächst seine geheiligte Person; dann zog man Heere aus den entferntesten Ländern und Besitzungen herbei. Die europäischen waren zuerst erschienen, dann kamen die berittenen Heeresmassen der bosnischen Beys; ihre Farbe glich dem Morgenrot, ihre Kriegslust dem Blitz. Dann zogen die wilden albanesischen Krieger heran, die zu Fuß mit den Handscharen kämpften, ein Volk, das an den Ufern der Donau und hinter ihr, von jenseits des Balkan bis hinunter zu den griechischen Bergen, wohnte. Jeder Pascha führte ein ganzes Heer, das allein imstande war, die wehrlose Republik zu überfluten. Walachen und Moldauer, die Tataren der Dobrudscha und Bialogrods in mächtiger Zahl, etliche tausend Lipker und Tscheremissen waren zur Stelle, letztere geführt von dem furchtbaren Asya, dem Sohn des Tuhaj-Bey, dem besten Führer in den unglückseligen Landstrichen, die sie so gut kannten.
Dann kam das ganze Aufgebot aus Asien herbeigeströmt; die Paschas von Siwas, Brussa, Aleppo, Damaskus, Bagdad brachten außer dem regelmäßigen Heere bewaffnete Massen der wilden Bevölkerung mit, welche die zederbewachsenen Berge Kleinasiens bewohnte, mit Einschluß der dunkelfarbigen Völker der Euphrat- und Tigrisländer. Auf den Ruf des Kalifen waren auch die Araber herbeigeeilt, deren Burnusse die kantschukarischen Gefilde wie mit Schnee bedeckt erscheinen ließen. Unter ihnen befanden sich Nomaden der sandigen Wüste und Städtebewohner von Medina bis Mekka. Auch die Lehnsmacht Ägyptens war nicht daheim geblieben; die in dem volkreichen Kairo wohnten, die allabendlich die rot übergossenen Pyramiden anschauten und in den Ruinen von Theben umherirrten, die in den nebeligen Ländern hausten, wo der heilige Nil seine Quellen hat, und denen die Sonne das Antlitz schwarz wie Ruß gebrannt -- sie alle pflügten jetzt mit der Waffe die Scholle von Adrianopel und beteten allabendlich um den Sieg des Islam, um die Vernichtung des Landes, das seit Jahrhunderten allein den Rest der Welt vor den Bekennern des Propheten schützte.
Tausende Bewaffneter folgten, Hunderttausende von Pferden wieherten auf der Flur; Hunderttausende von Büffeln, Schafen, Kamelen weideten neben den Herden der Rosse. Man hätte glauben können, ein Engel habe auf Befehl des Herrn die Völker aus Asien vertrieben, wie einst Adam aus dem Paradiese, und habe sie veranlaßt, dorthin zu ziehen, wo die Sonne blasser herniederscheint, und die Steppe sich im Winter mit Schnee bedeckt. So zogen sie dahin mit ihren Herden, eine unabsehbare Schar weißer, brauner, schwarzer Krieger. Wieviel Zungen schwirrten da durcheinander, wieviel Trachten erglänzten in der Frühlingssonne! Die Völker staunten sich gegenseitig an; fremd waren sie untereinander an Sitten, verschieden ihre Waffen, ihre Kriegsführung, nur der Glaube verband diese wandernden Geschlechter. Wenn die Mu'ezzins sie zum Gebet aufriefen, wandten sich diese hundertzüngigen Heerscharen mit dem Antlitz gen Osten und riefen wie aus einem Munde Allah an.
Die Dienerschaft am Hofe des Sultans allein war zahlreicher als die bewaffnete Macht der Republik. Dem Heere der ausgerüsteten Freiwilligen folgten Scharen von Krämern, die jegliche Ware feilboten; ihre Wagen nahmen mit denen des Heeres den Weg zu Wasser.
Zwei Paschas an der Spitze hatten nichts anderes zu tun, als die Heeresmasse mit Speise zu versorgen, und es war an allem Überfluß. Der Sandschak von Sangritanien führte die Aufsicht über die Pulvervorräte; zweihundert Kanonen geleiteten das Heer, zehn davon waren Sturmgeschosse, so groß, wie sie kein König in der Christenheit besaß. Die Begler-Beys von Asien standen am rechten, die von Europa am linken Flügel. Die Zelte nahmen einen so großen Raum ein, daß Adrianopel dagegen als eine kleine Stadt erschien; die des Sultans, die von Purpur und Seidenschnüren, von Atlas und Goldstickereien glänzten, bildeten gleichsam eine besondere Stadt. Zwischen ihnen wogten die bewaffneten Wachen, die schwarzen Eunuchen aus Abessinien in ihren gelben und blauen Kaftanen, die riesengroßen Hamals vom Kurdischen Stamme, die als Lastträger mitgingen, die jungen Burschen aus dem Geschlecht der Usbeks mit ihren über die Maßen schönen Gesichtern, die sie mit Seidenfransen schützten, und eine Menge anderer Dienerschaft, in bunte Farben gekleidet, wie die Blumen der Steppe, für den Marstall, für den Dienst der Tafel, zum Tragen der Lampen und zu wichtigeren Dienstleistungen für die Umgebung des Sultans.
Auf dem geräumigen Maidan rings um den Hof des Sultans, der in seinem Prunk und Glanz die Gläubigen an das Paradies erinnerte, lagen, nicht gleich prachtstrotzend, aber doch königlichen gleichend, die Höfe des Veziers, der Ulemas und des Paschas von Anatolien, des jungen Kaimakams Kara-Mustapha, auf welchen die Augen des Sultans und aller im ganzen Lager schauten, wie auf die zukünftige »Sonne des Krieges«. Vor den Zelten des Padischah sah man die glänzenden Wachen des »polachischen« Fußvolks in so hohe Turbane gekleidet, daß ihre Träger wie Riesen erschienen. Sie waren mit Wurfspießen bewaffnet, die auf langen Kolben saßen, und mit kurzen, krummen Schwertern; ihre linnenen Schutzzelte stießen an die Zelte des Sultans. Dann kam das Lager der furchtbaren Janitscharen, die, mit Musketen und Speeren bewaffnet, der Kern der türkischen Macht waren. Weder der Kaiser von Deutschland noch der König von Frankreich konnte sich eines Fußvolkes rühmen, das an Zahl und Kriegstüchtigkeit diesem glich. Im Kriege konnte das im allgemeinen weichere Volk des Sultans sich nicht mit dem regulären Heere der Republik messen, oft erdrückte es nur durch seine ungeheure Übermacht, und gewann so den Sieg. Aber die Janitscharen wagten auch der geschulten Fahne der Reiterei die Stirn zu bieten. Sie erweckten Furcht in der ganzen christlichen Welt, ja in Stambul selber; oft zitterte selbst der Sultan vor diesen Prätorianern, und der oberste Aga dieser »Widder« war einer der einflußreichsten Würdenträger im Divan.
Den Janitscharen folgten die Spahis, die regulären Truppen der Paschas; dann kam die große Masse des Pöbels. Dieses ganze Lager stand schon seit Monden bei Konstantinopel und harrte nur, bis sich ihre Macht aus den fernsten Ländern der türkischen Herrschaft ergänzte, bis die Frühlingssonne die Feuchtigkeit aus dem Boden gesogen und den Weg nach Lechistan öffnete.
Und die Sonne, als ob auch sie dem Willen des Sultans untergeben sei, leuchtete in hellen Farben. Vom Beginn des April bis zum Mai feuchteten nur wenige Male warme Regen die Auen von Kantschukar, sonst spannte sich das blaue Himmelsgewölbe wolkenlos über dem Zelte des Sultans; der Glanz des Tagesgestirns spielte auf dem weißen Linnen, auf den hochgetürmten Kopfbunden, den vielfarbigen Kepi's, den glänzenden Helmen, den Fahnen und Speeren und übergoß alles -- das Lager, die Zelte, die Menschen und die Herden -- mit einem Meer von leuchtendem Glanz. Abends schimmerte am wolkenlosen Himmel die Sichel des Mondes und nahm die Tausende, die unter seinem Zeichen auszogen, immer neue Lande zu erobern, in ihren stillen Schutz; dann stieg er immer höher und erblaßte bei dem Widerschein der Lagerfeuer. Wenn diese über die ganze unermeßliche Fläche hin erglänzten, wenn die Araber aus Damaskus und Aleppo, die man gewöhnlich die Massala-Dschilaren nannte, die grünen, roten, gelben, blauen Lampen an den Zelten des Sultans und der Veziere anzündeten, dann war's, als sei ein Stück des Himmels auf die Erde herabgefallen, und als glänzten und schimmerten Sterne auf den Auen. Musterhafte Ordnung und Manneszucht herrschte unter diesen Scharen. Die Paschas beugten sich wie das Rohr vor dem Willen des Sultans, und vor ihnen beugte sich das Heer. Es fehlte nicht an Speise und Trank für Menschen und Vieh, alles war in reichstem Maße vorhanden, alles zur rechten Zeit. In musterhafter Ordnung kamen und gingen die Stunden der Kriegsübungen, die Stunden der Stärkung und des Gebets. In dem Augenblick, da die Mu'ezzins auf den in Eile erbauten hölzernen Türmchen zum Gebet aufriefen, wandte sich das ganze Heer mit dem Antlitz gen Osten; jeder breitete vor sich ein Fell oder einen Fußteppich aus, und das ganze Heer sank wie ein Mann in die Kniee. Bei dem Anblick solcher Ordnung und Zucht wuchs der Menge der Mut, die Herzen erfüllte Siegeszuversicht. Der Sultan kam gegen das Ende des April ins Lager, brach aber nicht sogleich auf; er wartete über einen Monat, bis die Wasser getrocknet waren. Indessen übte er das Heer, gewöhnte es an das Lagerleben, führte seine Regierungsgeschäfte, empfing Abgesandte und hielt Gericht unter dem purpurnen Baldachin. Kasseka, seine erste Gemahlin, schön wie ein Traum, begleitete ihn, und mit ihr zog ein Hof, der dem Paradies anzugehören schien.
Ein goldener Wagen trug die Herrin unter einem purpurnen Zelt; diesem folgten andere Wagen, weiße syrische Kamele, die auf Purpurdecken kostbare Schreine trugen. Huris und Bajaderen sangen ihre Lieder, wenn sie fuhr. Die süßen Töne leiser Instrumente erklangen, sobald sie, müde vom Wege, ihre seidenen Wimpern schloß, und wiegten sie in Schlaf. Während der Hitze des Tages wehten Fächer aus Straußen- und Pfauenfedern vor ihrem Antlitz, die kostbarsten Düfte des Orients dampften in indischen Schalen vor ihren Zelten. Alle Schätze, Wunder und Reichtümer waren in ihrem Geleit, die der Osten hervorbringen und die Macht des Sultans herbeischaffen konnte. Die Huris, die Bajaderen, die schwarzen Eunuchen, die bediensteten engelgleichen Knaben, die syrischen Kamele, die Pferde aus den arabischen Wüsten, kurz, die ganze Umgebung glänzte; kostbare Linnen, Gold und Silber funkelten in allen Regenbogenfarben von Diamanten, Rubinen, Smaragden und Saphiren. Die Völker sanken in die Kniee vor ihr und wagten nicht, ihr ins Gesicht zu schauen, wozu nur der Pascha das Recht hatte -- und ihre ganze Umgebung erschien wie ein überirdisches Gesicht oder wie eine Wirklichkeit, die Allah selbst aus der Welt der Träume auf die Erde gezaubert hatte.
Die Sonne schien immer heißer, und endlich kamen die schwülen Tage. Da, eines Abends, wurde die Fahne auf den hohen Mast vor dem Zelte des Sultans aufgezogen, und ein Kanonenschuß verkündete den Heeren und Völkern, daß der Aufbruch nach Lechistan beginne. Die große, heilige Trommel erklang, alle anderen wiederholten ihre Zeichen, die Pfeifen ließen ihre gellenden Töne erschallen. Die frommen, halbnackten Derwische brüllten, und der Zug setzte sich in Bewegung. Es war Nacht, man mußte die Hitze des Tages vermeiden. Das Heer selbst brach einige Stunden nach der ersten Verkündigung auf; erst kamen die Wagenburg, die beiden Paschas, welche die Ernährung des Heeres beaufsichtigten, ganze Legionen von Handwerkern, welche die Zelte aufzustellen und abzubrechen hatten, die Lasttiere und das zum Schlachten bestimmte Vieh. Der Zug sollte in dieser und in der folgenden Nacht sechs Stunden dauern und in der Weise vor sich gehen, daß das Heer, sobald es Halt machte, immer Stärkungsmittel und gesicherte Ruhe vorfand.
Als endlich die Zeit des Aufbruchs für das Heer gekommen war, ritt der Sultan eine Anhöhe hinan, um seine ganze Macht zu überschauen und sich an ihrem Anblick zu erfreuen. Mit ihm war der Vezier, die Ulemas und der junge Kaimakam Kara-Mustapha, »die aufgehende Sonne des Krieges« und die Leibwache vom polachischen Fußvolk. Die Nacht war schön und hell, der Mond schien glänzend -- und der Sultan hätte mit einem Blicke seine Heerscharen überschauen können, wenn überhaupt ein menschliches Auge vermocht hätte, sie alle auf einmal zu erfassen, die in einem langen Zuge, wenn auch dicht aufeinander folgend, einige Meilen einnahmen.
Sein Herz schwoll vor Freude, er schob die duftenden Sandelholzperlen der Gebetschnur und erhob die Augen dankbar zu Allah, der ihn zum Herrn so vieler Heere, so vieler Völker gemacht hatte. Plötzlich, als die Wagenburg schon ganz in der Ferne entschwunden war, unterbrach er sein Gebet und wandte sich an den jungen Kaimakam, den schwarzen Mustapha, und fragte:
»Wer ist es doch, der an der Spitze der Vorhut geht?«
»Glanz des Paradieses,« antwortete Kara-Mustapha, »in der Vorhut gehen Lipker und Tscheremissen, und der sie führt, ist dein Liebling Asya, der Sohn des Tuhaj-Bey.«
Asya, Tuhaj-Beys Sohn, war nach langem Stillstand auf dem Felde von Kantschukar wirklich mit den Lipkern, an der Spitze des Zuges aller türkischen Heere, gegen die Grenzen der Republik ausgerückt.
Nach dem schweren Schlag, den er und seine Pläne von Bärbchens kühner Hand erhalten hatten, schien ihm wieder ein günstiger Stern zu leuchten. Zunächst genas er. Seine Schönheit war zwar für immer vernichtet: das eine Auge war ihm gänzlich ausgeflossen, die Nase zerschlagen, und sein Haupt, einst dem Kopfe eines Falken ähnlich, war widerwärtig und entsetzlich geworden; aber gerade der Schrecken, den es den Menschen einflößte, verschaffte ihm noch größere Achtung unter den wilden Tataren der Dobrudscha. Seine Ankunft ward bald im ganzen Lager bekannt, und seine Taten wuchsen in dem Munde der Krieger riesenhaft an. Es hieß, er habe alle Lipker und Tscheremissen in den Dienst des Sultans gebracht, er habe die Lechen hintergangen, wie sie noch nie jemand hinterging, er habe alle Städte an der Dniestr-Heerstraße in Brand gesteckt, ihre Besatzungen niedergehauen und unerhörte Beute fortgeschleppt.
Diejenigen, die erst nach Lechistan gehen sollten, diejenigen, die aus dem fernsten Winkel des Orients gekommen und nie lechische Waffen erprobt hatten, die, deren Herzen unruhig pochten bei dem Gedanken, daß sie bald Aug' in Auge der furchtbaren Reiterei der Ungläubigen gegenüberstehen würden, sahen in dem jungen Asya einen Krieger, der den Lechen schon die Stirn geboten hatte, der sie nicht fürchtete, ja, der sie besiegt und so den glücklichen Beginn des Krieges bezeichnet hatte. Der Anblick des »Recken« erfüllte aller Herzen mit Mut, da aber Asya der Sohn des furchtbaren Tuhaj-Bey war, dessen Name im ganzen Osten bekannt, so richteten sich aller Augen um so mehr auf ihn.
Lechen haben ihn erzogen, hieß es, aber er ist der Sohn eines Löwen, er hat sie gebissen und ist in den Dienst des Padischahs zurückgekehrt.