Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 34
Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und mit ihr die Kühle und Dämmerung, die Unsicherheit des Weges und erneute Unruhe. Die Gegenstände begannen zu verschwimmen, sich gleichsam geheimnisvoll zu beleben und gespensterhaft zu lauern. Die Unebenheiten an den Spitzen der hohen Felsen sahen wie Köpfe aus, die spitze oder runde Mützen trugen und die über Riesenmauern hinweg sich verneigten und schweigsam und unhold ausschauten, wer wohl dort unten vorüberreite. Die Zweige der Bäume, die der Wind hin und her schaukelte, nahmen menschliche Bewegungen an; die einen nickten Bärbchen lockend zu, als wollten sie ihr ein furchtbares Geheimnis anvertrauen, andere schienen zu sprechen und zu warnen: Komm nicht heran! Die Bäume auf den Abhängen sahen wie sprungbereite Ungeheuer aus. Bärbchen war mutig, sehr mutig, aber wie alle Menschen jener Zeit abergläubisch; darum stand ihr, als völlige Dunkelheit eingebrochen war, das Haar zu Berge, ein Schauer durchrieselte ihren Körper bei dem Gedanken an die unreinen Mächte, die diese Gegenden bewohnen konnten. Besonders fürchtete sie die Vampire. Der Glaube an diese war in den Dniestrländern wegen der Nähe der Moldau sehr verbreitet, und gerade diese Gegenden um Jampol und Raschkow herum hatten einen schlechten Ruf. So viele Menschen schieden hier durch unerwarteten Tod von der Welt, ohne Beichte, ohne Sündenvergebung. Bärbchen rief sich alle Erzählungen ins Gedächtnis, die an den Abenden in Chreptiow die Ritter zum besten gaben: von den Talschluchten, aus welchen bei Windeswehen plötzlich Stöhnen erklang: Jesus, Jesus!, von den neckenden Flammen, aus denen es schnarchte, -- von den lachenden Felsen, von den blassen Kindern mit grünen Augen und ungeheuerlichen Köpfen, welche baten, sie mit aufs Pferd zu nehmen, und die dann dem Reiter das Blut aussogen, endlich von den Köpfen ohne Rumpf, die auf Spinnenfüßen einhergingen, und von den schrecklichsten all' dieser Schrecknisse, den ausgewachsenen Vampiren, oder den im Welschen sogenannten Brukolaken, die ohne weiteres die Menschen anfielen.
Sie machte das Zeichen des Kreuzes so lange, bis ihre Hand müde war, und dann sprach sie die Litanei, denn durch keine andere Waffe konnte man die unreinen Mächte abwehren. Mut gaben ihr die Pferde, die keine Furcht verrieten und fröhlich wieherten. Von Zeit zu Zeit klopfte sie mit der Hand den Nacken ihres Apfelschimmels, als wollte sie sich auf diese Weise überzeugen, daß sie sich in der wirklichen Welt befinde.
Die Nacht, die anfangs sehr finster gewesen war, wurde allmählich heller, und endlich schimmerten die Sterne durch die dünnen Nebel. Für Bärbchen war dies ein ungewöhnlich günstiger Umstand, denn erstens nahm ihre Angst ab, und dann konnte sie, wenn sie den Großen Wagen im Auge behielt, auf den Norden zureiten, in der Richtung nach Chreptiow. Sie schaute sich in der Gegend um und berechnete, daß sie sich schon bedeutend vom Dniestr entfernt haben müsse, denn es gab hier weniger Felsen, das Land hatte eine größere Ausbreitung, es waren mehr mit Eichen bestandene Hügel und weit ausgedehnte Ebenen vorhanden.
Doch mußte sie immer wieder durch Schluchten, und jedesmal entstand neue Angst in ihrem Herzen, denn in der Tiefe war es dunkel, und eine strenge, durchdringende Kälte lagerte unten. Manche Täler waren so abschüssig, daß sie umgangen werden mußten, und das verursachte großen Verlust an Zeit und eine Erschwerung des Weges.
Schlimmer noch war es mit den Strömen und Flüßchen, die ein ganzes Netz bildeten vom Osten zum Dniestr hin. Alle waren vom Eise frei, und die Pferde wieherten furchtsam, wenn sie in der Dunkelheit durch ein Wasser wateten, dessen Tiefe sie nicht kannten. Bärbchen setzte nur an den Stellen über, wo ein ausgedehntes Ufer vermuten ließ, daß das breite Wasser flach sei; in den meisten Fällen war es auch so, zuweilen aber reichte das Wasser bis zur Hälfte der Pferdeleiber; dann kniete Bärbchen nach Soldatenart auf der Satteldecke, hielt sich mit den Händen an dem Vorderknauf und bemühte sich, die Füße nicht ins Wasser tauchen zu lassen. Aber dies gelang ihr nicht vollkommen, und bald erfaßte sie von Fuß bis Kopf eine empfindliche Kälte.
»Wenn mit Gottes Hilfe der Tag kommt, reite ich schneller vorwärts,« wiederholte sie immer wieder.
Endlich gelangte sie auf eine große Ebene, die von einem dünnen Walde bestanden war, und da sie sah, daß die Pferde kaum noch vorwärts konnten, machte sie Halt und rastete. Beide Renner streckten alsbald die Hälse gegen den Boden, setzten einen der Vorderfüße vor und begannen begierig das Moos und welke Gras aufzukratzen. Im Walde herrschte vollkommene Ruhe, die nur das hörbare Schnaufen der Pferde und das Knistern des Grases in ihren Mäulern unterbrach.
Nachdem sie den ersten Hunger gestillt oder richtiger getäuscht hatten, zeigten beide Pferde offenbar Lust, sich hinzustrecken; aber Bärbchen konnte dem nicht willfahren, sie wagte nicht einmal, die Zügel aus der Hand zu lassen und selbst abzusitzen, denn sie wollte jeden Augenblick zur weiteren Flucht bereit sein.
Sie bestieg aber Asyas Pferd, denn ihr Apfelschimmel trug sie schon seit der letzten Rast, und obwohl er tüchtiges, edles Blut in den Adern hatte, war er doch zarter als Asyas Tatarenpferd. Nachdem sie dies getan, empfand sie Hunger; ihren Durst hatte sie wiederholt bei den Übergängen über die Flüsse löschen können. Sie begann nun von dem Samen zu essen, von dem sie ein Beutelchen voll an Tuhaj-Beys Satteldecke gefunden hatte. Er schmeckte ihr sehr gut, wenn auch ein wenig bitter, sie aß also und dankte Gott für diese unerwartete Stärkung. Aber sie aß sparsam, damit er bis Chreptiow ausreiche. Dann schloß der Schlaf mit unüberwindlicher Macht ihre Lider; aber gleichzeitig ging, als die Bewegung des Pferdes sie nicht mehr erwärmte, eine empfindliche Kälte durch ihren ganzen Körper. Ihre Füße waren vollkommen erstarrt, sie fühlte eine unendliche Ermattung, besonders im Kreuz und in den Armen, welche durch das Ringen mit Asya überangestrengt waren. Eine große Schwäche erfaßte sie, und ihre Augen schlossen sich. Nach einer Weile öffnete sie dieselben mit großer Kraftanstrengung.
»Nein, am Tage, während des Reitens will ich schlafen,« dachte sie, »denn wenn ich jetzt einschlafe, so erfriere ich.«
Aber ihre Gedanken wurden immer unklarer, gingen immer mehr einer in den anderen über und führten ihr wirre Bilder vor die Seele, in welchen die Wüste, die Flucht und die Verfolgung, Asya, der kleine Ritter, Evchen und die letzten Ereignisse sich vermischten, -- es war ein Traum im halben Wachen. Alles das floh gleichsam vorwärts wie eine Woge, die der Wind peitscht, und sie, Bärbchen, eilte mit, ohne Angst, ohne Freude, als müsse sie mit. Asya schien sie zu verfolgen, und gleichzeitig sprach er mit ihr und machte sich Sorge um die Pferde; Sagloba zürnte, daß das Abendbrot kalt werde, Michael zeigte ihr den Weg, und Evchen fuhr hinter ihnen her im Schlitten und aß Datteln.
Dann vermischten sich die Bilder dieser Personen immer mehr, als umschleiere sie ein nebliger Vorhang oder die Dämmerung, und allmählich schwanden sie ganz. Es blieb nur eine seltsame Finsternis, die der Blick nicht durchdrang, und die ins Unendliche zu gehen schien; überall drang sie hinein, selbst bis in Bärbchens Köpfchen und verlöschte alle Gesichte, alle Gedanken, wie das Wehen des Windes die Fackeln löscht, die in der Nacht in freier Luft brennen.
Bärbchen schlief ein; aber zum Glück erweckte sie, noch ehe die Kälte das Blut in ihren Adern erstarren ließ, ein ungewöhnlicher Lärm. Die Pferde rissen sich plötzlich los, -- es war offenbar in der Wüste etwas Außerordentliches geschehen. Bärbchen gewann im Augenblick die Geistesgegenwart wieder, ergriff Asyas Muskete und horchte über das Pferd geneigt mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie war eine so geartete Natur, daß jede Gefahr im ersten Augenblick Wachsamkeit, Mut und Kampfbereitschaft in ihr weckte.
Diesmal beruhigte sie sich sogleich wieder; die Stimmen, die sie erweckt hatten, waren nichts anderes als das Grunzen von Wildschweinen. Mochten die Wölfe die Frischlinge überschleichen, oder die Schweine sich um die Bachen[L] streiten -- die ganze Wüste hallte plötzlich von dem Lärm wieder. Das Getöse war sicherlich in weiter Ferne, aber in der nächtlichen Stille und dem allgemeinen Frieden schien es so nah, daß Bärbchen nicht nur das Grunzen und Quieken hörte, sondern auch das laute Pfeifen der mächtig atmenden Rüssel. Plötzlich ertönte ein Knattern, ein Knistern durchbrochener Sträucher, und ein ganzes Rudel jagte, wenn auch für Bärbchen unsichtbar, in der Nähe vorüber und tauchte in das Dunkel der Wüste.
In dem unverbesserlichen Bärbchen schlug, trotz ihrer trostlosen Lage, auf einen Augenblick die Ader des Jägers, und es tat ihr leid, daß sie dies vorübereilende Rudel nicht gesehen hatte.
»Ich hätte doch ein wenig zuschauen können,« sagte sie zu sich, »von hier aber ist nichts zu sehen. Wenn ich in den Wald hineinreite, werde ich vielleicht noch etwas erspähen können.«
Erst nach dieser Erwägung fiel es ihr ein, daß es besser sei, nichts zu sehen und so schnell als möglich davonzukommen, und so setzte sie ihren Weg fort. Sie konnte auch nicht länger auf der Stelle stehen, schon darum nicht, weil die Kälte immer empfindlicher wurde, und die Bewegung der Pferde sie stark erwärmte, ohne sie verhältnismäßig zu ermüden. Die Pferde aber, die nur ein wenig Moos und erfrorenes Gras erwischt hatten, gingen unwillkürlich und mit gesenktem Kopf vorwärts. Der Reif hatte ihnen die Seiten bedeckt, als sie standen, und sie schienen kaum die Füße vorwärts zubringen; trotzdem ging es seit der Mittagsrast fast ohne Unterbrechung weiter.
Bärbchen ritt über die Heide hin, die Augen auf den Großen Wagen geheftet, immer tiefer in die Wüste hinein, die nicht allzu dicht war, aber hügelig und von engen Rissen durchschnitten. Es wurde auch immer finsterer, nicht nur infolge des Schattens, den die laubreichen Bäume warfen, sondern auch, weil Ausdünstungen dem Boden entstiegen und die Sterne verdeckten. Sie mußte auf gut Glück weiter reiten. Nur die Felsenrisse gaben Bärbchen einen Fingerzeig dafür, daß sie in der gewünschten Richtung vorwärts komme, denn das wußte sie, daß sie alle von Osten nach dem Dniestr zu verliefen, daß sie also, indem sie einen nach dem anderen überwand, in der Richtung nach Norden reite. Und doch dachte sie, daß trotz dieses Wegweisers ihr immer die zu große Entfernung oder eine allzu große Annäherung zu ihm drohe; eines wie das andere konnte gefährlich werden, denn im ersten Falle hätte sie ein ungeheures Stück Weges zuviel gemacht, im entgegengesetzten konnte sie nach Jampol gelangen und dort in die Hände des Feindes fallen. Ob sie sich aber noch vor Jampol befand, ob sie gerade auf seiner Anhöhe stand, ob es schon hinter ihr lag -- davon hatte sie nicht die geringste Vorstellung.
»Eher schon werde ich wissen, wenn ich Mohylow hinter mir habe,« sagte sie sich, »denn dies liegt in einer großen, breiten Schlucht, die ich vielleicht erkennen werde.«
Dann blickte sie zum Himmel empor und dachte:
»Hilft mir Gott nur erst über Mohylow hinaus, dort beginnt Michaels Herrschaft, dort schreckt mich nichts mehr.«
Die Nacht wurde immer dunkler; zum Glück lag hier auf dem Boden des Waldes schon Schnee, auf dessen weißem Grunde man die dunklen Stämme der Bäume, die niedrigen Äste erkennen konnte, um sie zu vermeiden; aber Bärbchen mußte langsamer reiten, und wieder fiel ihre Seele die Furcht vor den unreinen Mächten an, die zu Beginn der Nacht ihr Blut zu Eis hatten gerinnen lassen.
»Wenn ich unten Augen leuchten sehe,« sagte sie zu ihrem erschreckten Herzen, »so bedeutet das nichts, das ist ein Wolf; sehe ich sie aber in Menschenhöhe ...«
In diesem Augenblick schrie sie laut auf.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes!«
War es Täuschung oder war es eine wilde Katze, die auf einem Äste saß, genug, Bärbchen sah deutlich ein Paar glänzender Augen in der Höhe eines Menschen.
Vor Angst gingen ihr die Augen über. Als sie wieder klar sehen konnte, war nichts mehr da; nur ein Geräusch ließ sich zwischen den Zweigen hören, ihr Herz pochte so laut in der Brust, als wollte es seine Wände sprengen. Und so ritt sie weiter ohne Ende, ohne Ziel, und sehnte das Tageslicht herbei. Die Nacht zog sich unendlich in die Länge. Bald verlegte ihr wieder ein Fluß den Weg. Bärbchen war schon ziemlich weit hinter Jampol am Ufer der Rosawa; aber sie wußte nicht, wo sie sich befand und vermutete nur, daß sie sich beständig nach Norden fortbewege, da sie wieder auf einen neuen Fluß gestoßen war. Die Nacht mußte bald ihr Ende erreicht haben, denn die Kühle nahm beständig zu; es trat offenbar Frost ein, der Nebel senkte sich, und die Sterne zeigten sich wieder, nur blasser und in einem unsicheren Lichte flimmernd.
Endlich begann die Dunkelheit allmählich zu bleichen, die Stämme, die Äste und Zweige traten immer deutlicher aus dem Dunkel hervor, im Walde herrschte vollkommene Stille -- es war Tag.
Nach kurzer Zeit konnte Bärbchen schon die Farbe der Pferde unterscheiden. Endlich zeigte sich im Osten ein lichter Streifen, ein schöner, heller Tag war angebrochen.
Bärbchen empfand eine unendliche Müdigkeit; ihre Lippen öffneten sich zu unterbrochenem Gähnen, und ihre Augen fielen zu. Bald schlief sie fest ein, aber nur auf kurze Zeit, denn ein Zweig, an den sie ihren Kopf stieß, weckte sie wieder auf. Zum Glück gingen die Pferde sehr langsam, während des Schreitens nach Moos suchend, darum war der Schlag ein so leichter, daß er ihr keinen Schaden zufügte. Die Sonne war schon emporgestiegen, und ihre blassen, freundlichen Strahlen fielen durch die blattlosen Zweige. Bei ihrem Anblick erfüllte Bärbchens Herz neuer Mut; schon lag zwischen ihr und ihren Verfolgern eine große Strecke, so viele Berge, Schluchten, die ganze Nacht. »Wenn mich nur die Leute hinter Jampol oder Mohylow nicht fassen, jene dort holen mich gewiß nicht mehr ein,« sagte sie sich. Sie rechnete auch damit, daß sie im Anfang ihrer Flucht über felsigen Boden geritten war, auf dem die Hufe keine Spuren zurückließen. Aber bald erfaßte sie wieder Verzweiflung.
Die Lipker finden die Spur auch auf Felsen und Steinen, und es lag nahe, daß sie diese wütend verfolgen würden, wenn ihnen nicht etwa die Pferde fielen. Diese letztere Vermutung war sehr wahrscheinlich; Bärbchen brauchte ja nur ihre Pferde anzusehen, der Apfelschimmel wie das Tatarenpferd hatten eingefallene Seiten, gesenkte Häupter, einen erloschenen Blick. Während sie dahinschritten, hielten sie beständig die Köpfe zu Boden geneigt, um etwas Moos zu erhaschen, oder sie erfaßten im Vorübergehen das rötliche Laub, das hier und da auf niedrigen Eichensträuchern welkte. Sie wurden wohl auch vom Fieber gequält, denn bei allen Flußübergängen tranken sie begierig.
Trotzdem trieb Bärbchen, da sie wieder auf das freie Feld zwischen zwei Wäldchen gelangt war, die müden Rosse an und jagte so einem anderen Wäldchen entgegen.
Als sie auch dieses durchritten hatte, kam sie auf eine zweite Heide, die noch größer, noch hügeliger war. Hinter den Hügeln, in einer Entfernung von etwa einer Viertelmeile, sah sie Rauch, der wie eine Fichte schnurstracks gen Himmel stieg. Es war der erste bewohnte Ort, den Bärbchen antraf, denn im übrigen war dieses Land, mit Ausnahme des Uferstrichs, eine Wüste, oder vielmehr es war in eine Wüste verwandelt worden, nicht bloß infolge der Tatareneinfälle, sondern auch durch die ununterbrochenen polnisch-kosakischen Kriege. Nach dem letzten Kriegszug Tscharniezkis, dem Buscha zum Opfer gefallen war, waren die Städtchen zu elenden Flecken herabgesunken, die Dörfer mit jungem Wald bewachsen, und seit diesen Zeiten hatte es noch so viele Kriege, so viele Schlachten, so viele Metzeleien gegeben bis in die letzten Tage, in welchen der große Sobieski diese Lande dem Feinde entrissen hatte. Schon begann sich wieder Leben anzusiedeln, aber die Strecke, welche Bärbchen ritt, war besonders öde, nur Räuber hausten hier; aber auch diese hatten die Kommandos, die in Raschkow, Jampol, Mohylow und Chreptiow standen, schon beinahe ganz aufgerieben.
Bärbchens erster Gedanke beim Anblick dieser Rauchsäule war, auf sie zuzureiten, eine Ansiedelung, eine Hütte oder auch nur einen einfachen Herd zu finden, sich zu erwärmen und zu stärken. Aber bald schoß es ihr durch den Kopf, daß es in dieser Gegend besser sei, einer Herde Wölfe als Menschen zu begegnen; die Menschen waren hier wilder, furchtbarer als die Tiere, es war ratsamer, die Pferde anzutreiben und die Niederlassung zu umgehen, denn hier konnte sie nur der Tod erwarten.
Am äußersten Saume des gegenüberliegenden Waldes bemerkte Bärbchen einen kleinen Heuschober; sie machte Halt, um die Pferde zu füttern. Diese fraßen begierig, indem sie die Köpfe bis über die Ohren in den Schober hineintauchten und ganze Strähnen Heu herauszogen. Zwar störten sie die Zügel sehr, aber Bärbchen wollte sie nicht davon befreien, da sie ganz richtig erwog:
»Dort, wo der Rauch aufsteigt, muß eine Ansiedelung sein, und da hier ein Heuschober steht, müssen in der Ansiedelung Pferde gehalten werden, mit denen man mich verfolgen könnte; darum heißt es, bereit sein.«
Sie brachte bei dem Heuschober eine Stunde zu, so daß die Pferde sich tüchtig stärkten; sie selbst aß von ihren Samenkörnern. Dann ritt sie weiter. Sie war kaum eine Strecke Wegs vorwärts gelangt, als sie plötzlich zwei Menschen vor sich gewahrte, die auf ihren Schultern Bündel von Reisig trugen.
Der eine war ein Mann in mittleren Jahren, pockennarbig und schielend, ein häßlicher, entsetzlicher Mensch mit einem furchtbaren, tierischen Gesichtsausdruck. Der andere, ein junger Bursche, war gestörten Geistes. Man konnte das auf den ersten Blick an seinem blöden Lachen und seinem irrenden Blick erkennen.
Beide erschraken bei dem Anblick der Reiterin und der Waffen und warfen ihre Reisigbündel zu Boden; aber das Zusammentreffen war so plötzlich, und sie standen einander so nahe, daß sie nicht fliehen konnten.
»Gelobt sei Gott,« rief Bärbchen, »in alle Ewigkeit, Amen! -- Wie heißt die Ansiedelung dort?«
»Wie sollte sie heißen? Eine Hütte ist es.«
»Ist es weit nach Mohylow?«
»Wir wissen nicht.« Hier blickte der Alte aufmerksam Bärbchen ins Gesicht; da sie männliche Kleidung trug, hielt er sie für einen Knaben, und alsbald zeigte sein Gesicht an Stelle des ersten Schreckens Frechheit und Wildheit.
»Was seid Ihr so jung, Herr Ritter!« sagte er in kleinrussischer Mundart.
»Was geht das Euch an!«
»Und Ihr reitet so allein?« fragte der Bauer und näherte sich um einen Schritt.
»Das Heer folgt mir.«
Der Bauer blieb stehen, warf einen Blick über die weite Ebene und sagte:
»Das ist nicht wahr, man sieht niemand.«
Und er kam noch ein paar Schritte näher heran. Seine schielenden Augen blitzten auf, zugleich verzog er die Lippen und begann den Ruf der Wachtel nachzuahmen, offenbar, um auf diese Weise jemand heranzurufen.
All' dies schien Bärbchen gefahrdrohend; sie hielt ihm unverzüglich das Terzerol vor die Brust.
»Schweig, sonst stirbst du!«
Der Bauer verstummte, ja noch mehr, er warf sich sofort seiner ganzen Länge nach auf den Boden, dasselbe tat der blödsinnige Knabe und heulte dabei vor Schrecken wie ein Wolf. Vielleicht war vor Zeiten sein Geist durch einen Schrecken umnachtet worden, denn sein Heulen klang jetzt furchtbar und entsetzlich.
Bärbchen gab den Pferden die Sporen und schoß dahin wie ein Pfeil. Zum Glück war der Wald frei von Jungholz, und die Bäume standen nicht dicht; bald zeigte sich ihr auch eine neue schmale, aber sehr lange Ebene. Die Pferde hatten durch die Rast am Heuschober neue Kräfte gewonnen und jagten wie der Wind dahin.
»Sie werden auf das Haus zueilen, die Pferde besteigen und mich verfolgen,« dachte Bärbchen.
Nur das tröstete sie, daß die Pferde rüstig vorwärts gingen, und daß von der Stelle, an der sie die Menschen getroffen hatte, bis zur Ansiedelung eine ziemliche Entfernung war.
»Ehe sie zur Hütte gelangen und die Pferde heraus führen, habe ich, wenn ich so weiter reite, eine oder zwei Meilen Vorsprung.«
Wirklich war es so, und als einige Stunden verflossen waren, und Bärbchen sich überzeugt hatte, daß sie nicht verfolgt werde, ritt sie langsamer. Ein großer Schrecken, eine große Niedergeschlagenheit überkam ihr Herz, und in die Augen traten ihr gewaltsam Tränen.
Diese Begegnung hatte ihr gezeigt, wie die Menschen in diesen Gegenden waren, und was man von ihnen erwarten dürfe. Zwar war ihr das nicht überraschend, sie wußte aus eigener Erfahrung, und aus den Erzählungen in Chreptiow, daß die früheren ruhigen Ansiedler diese Wüsten verlassen oder daß sie der Krieg aufgerieben hatte, und daß die, welche zurückgeblieben waren, in beständiger Furcht vor dem Kriege inmitten der furchtbaren Stürme im Innern und der Tatareneinfälle in Verhältnissen lebten, in welchen der Mensch für den Nebenmenschen ein Wolf war, ohne Kirche, ohne Glauben, ohne andere Beispiele als Mord und Brand, kein anderes Gesetz kennend, als das Recht der Faust, der alle menschlichen Empfindungen abgestreift hatte, und wie das Getier des Waldes verwildert war. Bärbchen wußte das wohl, und doch sucht der einsame Mensch, der in der Wüste verirrt ist, unter dem Drucke von Hunger und Kälte unwillkürlich zunächst Hilfe bei den ihm verwandten Wesen. So war es auch ihr ergangen. Da sie Rauch erblickte, der ihr die Wohnstatt von Menschen ankündigte, wollte sie, der ersten Empfindung des Herzens folgend, unwillkürlich dorthin eilen, die Bewohner mit dem Namen Gottes begrüßen, und unter ihrem Dache das müde Haupt bergen. Indessen hatte die entsetzliche Wirklichkeit ihr gleich die Zähne gezeigt wie ein toller Hund, darum floß ihr das Herz von Bitterkeit über, und Tränen des Leids und der Enttäuschung drängten sich in ihre Augen.
»Von nirgends Hilfe als von Gott,« dachte sie, »wenn ich doch keine Menschen mehr träfe!«
Dann überlegte sie, warum der Bauer wohl der Wachtel habe nachahmen wollen. Sicher waren in der Nähe noch andere Menschen, und er wollte sie heranrufen. Es kam ihr in den Sinn, daß sie auf dem Schleichwege von Räubern sei, die sich offenbar, nachdem sie aus den Uferschluchten verjagt waren, in die Wüste geflüchtet, die tiefer im Lande lag, wo ihnen die Nachbarschaft der breiten Steppen größere Sicherheit und eine leichtere Flucht in der Not gewährte.
»Was nun,« fragte sich Bärbchen, »wenn ich auf Räuber in größerer Zahl stoße? Die Muskete -- das ist einer, die beiden Terzerole -- zwei, der Säbel vielleicht noch zwei; wenn ihrer aber noch mehr sind, so sterbe ich eines jämmerlichen Todes.«
Wie sie vorher in den Schrecknissen der Nacht gewünscht hatte, daß es so schnell als möglich Tag werde, schaute sie jetzt sehnsüchtig nach der Dämmerung aus, die sie leichter vor bösen Blicken verbergen konnte.
Noch zweimal kam sie während ihres langen Rittes in der Nähe von Menschen vorüber, einmal erblickte sie am Saume einer Hochebene eine Anzahl Hütten; vielleicht wohnten darin gar nicht Räuber von Handwerk, aber sie zog es vor, sie in Eile zu umgehen, denn sie wußte, daß auch die Landleute nicht um vieles besser waren als die Räuber. Das andere Mal schlug an ihr Ohr der Widerhall von Äxten, die Holz bearbeiteten.
Endlich bedeckte die ersehnte Nacht die Erde. Bärbchen war schon so ermattet, daß sie sich sagte, als sie auf die freie, waldlose Steppe hinausgelangte: »Hier werde ich mich nicht an Bäumen stoßen, ich will also einschlafen, wenn ich auch erfrieren sollte.«
Als sie die Augen geschlossen hatte, schien ihr, als sähe sie in weiter, weiter Ferne auf dem weißen Schnee schwarze Punkte, die sich nach verschiedenen Richtungen hin bewegten. Noch überwand sie eine Weile den Schlaf. »Das sind gewiß Wölfe,« sagte sie leise.
Als sie aber einige Schritte vorwärts gekommen war, verschwanden die Punkte, und sie schlief bald so fest ein, daß sie erst erwachte, als Asyas Tatarenpferd, auf dem sie saß, laut aufwieherte.