Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 33

Chapter 333,691 wordsPublic domain

Aber der Schwindel ging allmählich vorüber -- der Schmerz dagegen wuchs beständig und bohrte in der Stirn, in den Augen, im ganzen Kopfe, so daß sich Asyas Brust ein winselndes Geheul entrang. Das Echo der Felsen gab sein Stöhnen zurück, und so schritt er durch die Wüste, blutig, entsetzenerregend, eher einem Vampir ähnlich, denn einem Menschen.

Schon dämmerte es, als ihm Pferdegetrappel entgegentönte. Ein Führer der Tataren war es, der herangeritten kam, um Befehle zu empfangen. An diesem Abend fand Asya noch soviel Kraft, daß er die Verfolgung anbefahl. Gleich darauf aber legte er sich auf die Felle und konnte die drei folgenden Tage niemanden sehen als den Griechen, seinen Wundarzt, der seine Wunden verband, und Halim, der dem Wundarzt zur Seite stand; erst am vierten Tage gewann er die Sprache wieder, und mit ihr das Bewußtsein der jüngsten Ereignisse.

Alsbald eilten seine fieberhaften Gedanken Bärbchen nach. Er sah sie, wie sie durch die Felsen, durch die Wüste dahineilte; sie erschien ihm wie ein Vogel, der dahingeflogen war, um nicht wiederzukehren; er sah sie in den Umarmungen ihres Gatten, und bei diesem Anblick packte ihn der Schmerz, grausamer als die Wunde, und mit diesem ein Sehnen, und mit dem Sehnen die Schmach der erlittenen Niederlage.

»Entflohen, entflohen!« wiederholte er unaufhörlich; die Wut drohte ihn zu ersticken, und das Bewußtsein ihm zu schwinden. »Wehe!« antwortete er Halim, als dieser ihn beruhigen wollte und versicherte, daß Bärbchen der Verfolgung nicht entgehen könne; er stieß mit den Füßen gegen die Felle, mit welchen der alte Tatar ihn zudeckte, drohte ihm und dem Griechen mit dem Messer und heulte wie ein wildes Tier, sprang auf, um selbst ihr nachzueilen, sie zu ergreifen und sie dann im Zorn und in seiner wilden Liebe mit eigenen Händen zu erdrosseln.

Bald wieder phantasierte er im Fieber; er rief Halim zu, ihm sobald als möglich das Haupt des kleinen Ritters zu bringen und seine Gattin gebunden nebenan in der Kammer einzuschließen. Bald wieder sprach er mit ihr, bat, drohte, bald streckte er ihr im Fieberwahn die Hände entgegen, um sie an sich zu ziehen. Endlich fiel er in tiefen Schlaf und erwachte Tag und Nacht nicht. Dann, als der Schlaf von ihm gewichen war, hatte ihn auch das Fieber ganz verlassen, und er konnte Krytschynski und Adurowitsch sprechen.

Diese hatten es eilig, ihren Führer zu sehen, denn sie wußten nicht, was sie beginnen sollten. Die Truppen, welche unter der Führung des jungen Nowowiejski ausgezogen waren, sollten zwar vor zwei Wochen nicht zurückkehren; aber Asya leitete die ganze Bewegung; er allein konnte ihnen Fingerzeige geben, was sie in jedem Falle zu tun hatten; er allein konnte ihnen erklären, auf welcher Seite der größte Vorteil sei, ob sie gleich in das Land des Sultans zurückkehren, oder ob sie Verstellung üben sollten, und wie lange sie den Schein, als dienten sie der Republik, zu wahren hatten.

Sie wußten beide wohl, daß schließlich auch Asya die Republik verraten wolle, aber sie vermuteten, daß er ihnen befehlen werde, ihren Verrat erst mit Beginn des Krieges offenkundig werden zu lassen, damit er desto erfolgreicher sei. Seine Weisungen sollten überdies für sie Befehl sein, denn er hatte sich ihnen zum Führer aufgeworfen, als das Haupt der ganzen Sache, als der Hinterlistigste, der Einflußreichste, endlich als der Sohn des Tuhaj-Bey, des einst unter allen Horden weithin berühmten Kriegsfürsten.

So standen sie besorgt an seinem Bette in tiefster Untertänigkeit, und er begrüßte sie, zwar noch schwach, mit verbundenem Gesicht, und mit einem Auge, aber schon gänzlich gesund. Und gleich zu Anfang sagte er ihnen:

»Ich bin krank; das Weib, welches ich entführen und für mich behalten wollte, hat sich meiner Gewalt entrissen und mich mit dem Schaft meines Pistols verwundet. Es war die Frau des Kommandanten Wolodyjowski ... daß die Pest ihn treffe, ihn und sein ganzes Gezücht!«

»Es sei, wie du sagst,« gaben die beiden Hauptleute zur Antwort.

»Gebe Gott euch Getreuen Heil und Glück!«

»Auch dir, o Herr!«

Nun begannen sie über das zu verhandeln, was jetzt zu tun sei.

»Wir dürfen nicht zögern und dürfen den Dienst des Sultans nicht bis zum Kriege hinausschieben,« sagte Asya, »denn nach dem, was mit diesem Weib geschehen ist, werden sie uns nicht mehr trauen, sondern mit dem Schwerte gegen uns losgehen. Aber ehe sie das tun, greifen wir die Stadt an und lassen sie in Feuer aufgehen zu Gottes Ehre. Jenes Häuflein Soldaten, das hier geblieben, und die Einwohner, welche Untertanen der Republik sind, nehmen wir in Gefangenschaft, und in das Gut der Walachen, der Armenier und Griechen teilen wir uns und ziehen jenseits des Dniestr in die Lande des Sultans.«

In den Augen Krytschynskis und Adurowitsch, die schon seit längerer Zeit mit der wildesten Horde räubernd hin und her zogen und gänzlich verwildert waren, leuchtete es auf.

»Danke dir, o Herr,« sagte Krytschynski. »Man hat uns hier in Raschkow eingelassen, das Gott uns nun in die Hände liefert ...«

»Nowowiejski hat euch keinen Widerstand geleistet?« fragte Asya.

»Nowowiejski wußte, daß wir zur Republik übergehen, er wußte auch, daß du im Anzuge bist, um dich mit uns zu verbinden, darum betrachtete er uns als Freunde, wie er dich als Freund betrachtet.«

»Wir standen auf der Moldauischen Seite,« warf Adurowitsch ein, »aber wir ritten zu ihm als Gäste, und er empfing uns wie Männer von Adel, denn er sprach:

›-- Durch diese Tat habt ihr die alten Sünden getilgt, und da der Hetman euch auf Asyas Bürgschaft hin verzeiht, ziemt es auch mir nicht, euch zu zürnen. -- Er wollte sogar, daß wir in der Stadt Quartier nähmen, aber wir sagten: Das tun wir nicht, ehe Asya, Sohn des Tuhaj-Bey, uns des Hetmans Erlaubnis bringt ... Und als er fortging, gab er uns noch ein Mahl und bat, über der Stadt zu wachen ...‹«

»Bei jenem Fest,« fügte Krytschynski hinzu, »haben wir seinen Vater gesehen, auch die Alte, die die Heimkehr ihres Gatten aus der Gefangenschaft erwartet, und das Fräulein, welches Nowowiejski zu heiraten gedenkt.«

»Ah,« sagte Asya, »noch habe ich nicht daran gedacht, daß sie alle hier sind ... und Fräulein Nowowiejski habe ich mitgebracht.«

Er schlug in die Hände, und als Halim sofort erschien, sagte er ihm:

»Meine Tataren sollen, sobald sie die Flammen in der Stadt emporsteigen sehen, sofort die Soldaten, die in dem Blockhause sind, angreifen oder niedermetzeln, die Weiber und den alten Edelmann binden und gut beobachten, bis ich weitere Befehle gebe.«

Dann wandte er sich an Krytschynski und Adurowitsch:

»Ich selbst werde nicht mit helfen können, denn ich bin schwach; aber ich will zu Pferde sitzen und zuschauen. Jetzt aber, liebe Genossen, beginnt das Werk.«

Krytschynski und Adurowitsch stürzten sofort der Tür zu, er folgte ihnen, ließ sich ein Pferd geben und ritt zum Pfahlwerk hin, um von dem hohen Tore der Zitadelle hinunterzublicken auf das, was in der Stadt geschehen würde.

Eine Schar Lipker kletterte auch den Wall hinauf über das Pfahlwerk, um sich an dem Anblick des Blutbades zu weiden.

Als die Soldaten Nowowiejskis, welche nicht in die Steppe hinausgezogen waren, sahen, wie die Tataren sich sammelten, glaubten sie, es gäbe in der Stadt etwas zu sehen, und mengten sich unter sie ohne einen Schatten von Furcht oder Verdacht. Übrigens waren von diesem Fußvolk kaum zwanzig vorhanden, der Rest war in der Stadt, in den Schenken.

Inzwischen hatten sich die Häscher Adurowitschs und Krytschynskis in einem Augenblick über das Städtchen zerstreut. Es befanden sich unter ihnen fast ausschließlich Lipker und Tscheremissen, also frühere Bewohner der Republik, teils von Adel; aber da sie schon lange das Gebiet der Krone verlassen hatten, waren sie in der Zeit ihres Wanderlebens den wilden Tataren ähnlich geworden. Ihre alten Oberröcke waren zerrissen, sie kleideten sich daher allgemein in Widderpelze, die Wolle nach außen, die sie auf den nackten, von den Stürmen der Steppe und von dem Rauch der Feldfeuer welken Körpern trugen; aber ihre Waffen waren besser als die der wilden Tataren. Alle hatten Säbel, alle im Feuer gehärtete Bogen, viele Feuergewehre. Aber ihre Gesichter trugen dieselbe Grausamkeit, denselben Blutdurst zur Schau, wie die Gesichter ihrer Brüder in der Dobrudscha oder der Krim. Diese hatten sich über das ganze Städtchen zerstreut und durchschweiften es in den verschiedensten Richtungen mit entsetzlichem Geschrei, als wollten sie sich gegenseitig durch die Rufe anfeuern zu Mord und Raub. Aber trotzdem viele von ihnen schon nach Tatarensitte das Messer zwischen die Zähne genommen hatten, betrachtete die Einwohnerschaft, die wie in Jampol aus Walachen, Armeniern, Griechen, und zum Teil aus tatarischen Kaufleuten bestand, sie noch immer ohne jedes Mißtrauen. Die Verkaufsbuden waren geöffnet, die Kaufleute saßen vor ihren Läden nach türkischer Art auf den Bänken und leierten den Rosenkranz ab. Das Geschrei der Tataren bewirkte nur, daß man ihnen neugieriger nachsah in der Vermutung, daß sie Kampfspiele veranstalteten.

Plötzlich erhoben sich an den Ecken des Marktes Rauchsäulen, und aus dem Munde der Tataren ertönte ein so entsetzliches Geheul, daß der bleiche Schrecken die Walachen, Armenier und Griechen, Weiber und Kinder erfaßte. Nun ergoß sich auch ein Hagel von Pfeilen auf die ruhige Bürgerschaft. Ihr Wehegeschrei, das Gepolter der schnell geschlossenen Türen und Fensterläden vermischte sich mit dem Getrappel der Pferde und dem Gebrüll der Räuber. Der Markt überzog sich mit Rauch, von allen Seiten tönte es »Feuer -- Feuer!« Läden, Häuser wurden aufgebrochen, erschreckte Weiber an den Haaren herausgezerrt; Geräte, Saffiane, Verkaufswaren, Betten flogen auf die Straße, und die Federn erhoben sich Wolken gleich empor; das Stöhnen hingeschlachteter Männer, Klagelaute und Heulen der Hunde, das Brüllen des Viehes, das vom Feuer in den hinteren Gebäuden ergriffen wurde, das Züngeln der Flammen, die selbst am Tage auf dem Hintergrund der dunklen Rauchsäulen sichtbar waren, und immer höher zum Himmel emporschossen; in dem Blockhause aber hatten sich Asyas Räuber gleich beim Beginn des Gemetzels auf die zum größten Teil waffenlosen Soldaten gestürzt.

Einen Kampf gab es kaum; unzählige Messer stießen unerwartet in jede polnische Brust; dann schnitt man den Unglücklichen die Köpfe ab und legte sie zu Füßen von Asyas Pferde nieder.

Der Sohn des Tuhaj-Bey gestattete dem größten Teil der Lipker, hinabzugehen und sich der blutigen Arbeit der Brüder anzuschließen. Er selbst stand da und schaute zu.

Der Rauch verschleierte Krytschynskis und Adurowitschs Werk. Der Dunst der Brände drang bis zum Blockhaus, die Stadt loderte auf wie ein riesiger Scheiterhaufen, und der Rauch verdeckte ihren Anblick. Von Zeit zu Zeit nur drang durch den Rauch der Schuß eines Gewehrs, wie ein Blitz in der Wolke, von Zeit zu Zeit blitzte es auf: ein fliehender Mann oder eine Schar Lipker in der Verfolgung begriffen.

Asya stand unbeweglich da und schaute zu; sein Herz war von Freude erfüllt. Ein grausames Lächeln verzerrte seine Lippen, und die weißen Zähne starrten daraus hervor, ein Lächeln, das um so furchtbarer war, als es sich mit dem Schmerz der trockenen Wunde vermischte. Und neben der Freude wogte Stolz in dem Herzen Asyas. Hatte er doch jene Bürde der Verstellung von sich geworfen, hatte er doch zum ersten Male dem Haß, den er jahrelang verborgen trug, freien Lauf gelassen. Jetzt fühlte er sich wieder als der wahre Asya, als der Sohn Tuhaj-Beys. Aber gleichzeitig erhob sich in ihm ein wilder Schmerz, daß Bärbchen diesen Brand, diese Metzelei nicht sehe, daß sie ihn nicht sehen könne in seinem neuen Berufe. Er liebte sie, und doch tobte in seinem Herzen die wilde Begier der Rache an ihr.

Stände sie hier neben meinem Pferde -- dachte er bei sich -- ich würde sie bei den Haaren festhalten, und meine Füße müßten sie berühren, und dann wurde ich sie nehmen und würde sie küssen und sie wäre mein, meine -- Sklavin.

Vor der Verzweiflung schützte ihn nur die Hoffnung, daß die Abteilung, die zur Verfolgung ausgeschickt, oder die, die unterwegs zurückgeblieben waren, sie wiederbringen würden. Diese Hoffnung ergriff er wie ein Ertrinkender das Brett, und sie gab ihm Kraft. Er vermochte den Gedanken endgültiger Verzichtleistung nicht auszudenken, sondern gedachte lebhaft des Augenblicks, da er sie wiedergewinnen und sich zu eigen machen werde.

Er stand am Tor, bis die hingeschlachtete Stadt ruhig war; das war schnell geschehen, denn Adurowitschs und Krytschynskis Scharen zählten fast so viele Köpfe, wie das ganze Städtchen -- und nur das Feuer überdauerte das Stöhnen der Menschen und wütete noch bis zum Abend. Asya war vom Pferde herabgeglitten und ging langsamen Schrittes in das geräumige Zimmer. In der Mitte hatte man Widderfelle für ihn ausgebreitet; er ließ sich nieder und erwartete die Ankunft der beiden Heerführer.

Sie kamen bald, mit ihnen die Hauptleute. Aller Gesichter waren von Freude erfüllt, denn die Beute überstieg ihre Erwartungen. Das Städtchen hatte sich seit der Zeit des Bauerneinfalls sehr gehoben und war wohlhabend. Man hatte auch etwa hundert junge Weiber und eine Schar Kinder von zehn Jahren an erbeutet, die man günstig in den Bazaren des Orients verkaufen konnte. Die Männer, alte Weiber und Kinder, die nicht fähig waren, weite Wege zu machen, hatte man hingemordet. Die Hände der Lipker dampften von Menschenblut, und an ihren Widderfellen haftete der Brandgeruch. Alle setzten sich um Asya herum, und Krytschynski begann:

»Nur ein Häufchen Asche bleibt nach uns zurück. Ehe die Kommandos zurückkehren, könnten wir noch nach Jampol ausrücken, dort ist an Gütern ebensoviel vorhanden wie in Raschkow.«

»Nein,« antwortete der Sohn des Tuhaj-Bey, »in Jampol sind meine Leute, die die Stadt in Brand setzen werden. Wir müssen jetzt in die Lande des Khans und des Sultans.«

»Wie du befiehlst. Wir kehren mit Ruhm und Beute heim,« sagten die Hauptleute und Führer.

»Hier im Blockhaus sind noch Weiber und jener Edelmann, der mich gepflegt hat,« sagte Asya; »ihm geziemt eine Belohnung.«

Bei diesen Worten schlug er in die Hände und befahl, die Gefangenen vorzuführen.

Man brachte sie sofort, Frau Boska, von Tränen überströmt, Sophie, bleich wie Linnen, Evchen und den alten Herrn Nowowiejski. Ihm waren Hände und Füße mit Bast geknebelt. Alle waren entsetzt, mehr aber noch erstaunt über das, was geschehen, und was ihnen vollkommen unverständlich war. Evchen allein hatte die dumpfe Empfindung -- obwohl sie sich in Vermutungen verlor über das Schicksal Bärbchens, weshalb Asya sich bisher nicht hatte sehen lassen, warum man in der Stadt ein Gemetzel angerichtet und sie als Sklaven gebunden hatte -- daß es sich um ihre Entführung handle, daß Asya geradezu rase aus Liebe zu ihr und, da er in seinem Hochmut ihren Vater um ihre Hand nicht bitten wolle, beschlossen habe, sie mit Gewalt zu entführen. All' das war an sich entsetzlich, aber Evchen zitterte wenigstens nicht um das eigene Leben.

Die Gefangenen, die man hergeführt hatte, erkannten Asya nicht, denn sein Gesicht war ganz verbunden. Aber die Angst ergriff die Weiber um so stärker, da sie im ersten Augenblick meinten, daß wilde Tataren auf irgend eine unerklärliche Weise die Lipker aufgerieben und Raschkow genommen hätten. Erst der Anblick Krytschynskis und Adurowitschs überzeugte sie, daß sie sich in der Hand von Asyas Leuten befanden. Eine Zeitlang sahen sie einander schweigend an. Endlich sprach der alte Nowowiejski mit unsicherer, aber kräftiger Stimme:

»In wessen Händen sind wir?«

Asya löste die Binden von seinem Haupte, und sein Gesicht, das trotz seiner Wildheit einst schön gewesen, erschien, für immer entstellt, mit gebrochenem Nasenbein, und mit einem schwarzblauen Fleck auf der Stelle des einen Auges -- ein entsetzliches Gesicht, von kalter Rachgier und einem krampfhaften Zuckungen ähnlichen Lachen gezeichnet. Eine Weile noch schwieg er, dann heftete er sein glühendes Auge auf den alten Edelmann und antwortete:

»In meinen, in den Händen des Sohnes Tuhaj-Beys.«

Aber der alte Nowowiejski hatte ihn erkannt, ehe er sich genannt hatte; auch Evchen hatte ihn erkannt, obwohl ihr Herz sich zusammenzog in Entsetzen und Abscheu bei dem Anblick dieses gräßlichen Kopfes.

Das Mädchen verdeckte ihre Augen mit den Händen. Der Edelmann öffnete die Lippen, begann vor Verwunderung mit den Augen zu blinzeln und auszurufen: »Asya, Asya!«

»Den Ihr aufgezogen, dem Ihr Vater waret, und der unter Eurer väterlichen Hand in Strömen Blutes ...«

Dem Edelmann stieg das Blut zu Kopfe: »Verräter,« sagte er, »vor dem Gericht wirst du für deine Taten Rede stehen ... Natter!... ich habe noch einen Sohn --«

»Und eine Tochter,« antwortete Asya, »um deretwillen du mich mit dem Ochsenziemer tödlich geißeln ließest; und diese Tochter schenke ich jetzt dem letzten meiner Knechte, damit sie ihm Dienerin zur Wollust sei.«

»Feldherr, schenke sie mir!« rief plötzlich Adurowitsch.

»Asya, Asya, ich habe dich immer ...« schrie Evchen auf und stürzte zu seinen Füßen nieder.

Aber er stieß sie von sich, und Adurowitsch faßte sie in seine Arme und zog sie auf dem Fußboden zu sich hin. Herr Nowowiejski wechselte die Farbe, und sein rotes Gesicht lief bläulich an. Die Fesseln knarrten an seinen Händen, und seinen Lippen entrangen sich unverständliche Worte. Asya erhob sich von seinen Fellen und schritt auf ihn zu, erst langsam, dann immer schneller, wie ein wildes Tier, das sich auf seine Beute stürzen will; endlich, als er ganz nahe herangekommen war, faßte er ihn mit den zusammengekrallten Fingern seiner mageren Hand am Barte, mit der anderen Hand schlug er ihn erbarmungslos auf Gesicht und Kopf.

Ein heiseres Gekrächz drang aus seiner Kehle. Endlich, als der Edelmann zu Boden sank, kniete Asya auf seiner Brust nieder, und der helle Glanz seines Messers durchzuckte plötzlich das Dämmerlicht des Zimmers.

»Erbarmung! Rettung!« schrie Evchen.

Aber Adurowitsch schlug sie auf den Kopf und legte dann seine breite Hand auf ihren Mund; inzwischen hatte Asya Nowowiejski hingemordet.

Der Anblick war so entsetzlich, daß selbst den Tataren das Blut in den Adern erstarrte; denn Asya hatte mit berechneter Grausamkeit das Messer ganz langsam über die Kehle des unglücklichen Edelmannes geführt, und dieser gurgelte und röchelte entsetzlich. Aus den offenen Adern tröpfelte das Blut immer mächtiger auf die Hände des Mörders und floß in Strömen auf den Fußboden. Endlich wurde das Röcheln und das Gurgeln allmählich still, nur der Atem pfiff in der durchschnittenen Kehle, und die Füße des Sterbenden schlugen in krampfhaften Zuckungen gegen den Boden.

Asya stand auf. Sein Gesicht fiel jetzt auf das bleiche und süße Gesichtchen Sophies, die tot zu sein schien, denn sie hing ohnmächtig über den Armen des Tataren, -- und er sagte:

»Dieses Mädchen behalte ich für mich, bis ich es verschenke oder verkaufe.« Dann wandte er sich an die Tataren:

»Und jetzt, sobald die Verfolger zurückkehren, geht's in die Lande des Sultans.«

Die Verfolger kamen zwei Tage später zurück, aber mit leeren Händen, und so zog denn der Sohn Tuhaj-Beys in die Lande des Sultans, Verzweiflung und rasende Wut im Herzen, hinter sich einen grauen, bläulichen Aschenhaufen zurücklassend.

Zehn bis zwölf ukrainische Meilen trennten jene Städte, durch welche Bärbchen ihren Weg von Chreptiow nach Raschkow nahm, oder die ganze Reise betrug, wenn man dem Dniestr folgte, etwa dreißig Meilen. Zwar war man von dem Nachtlager noch vor Tag aufgebrochen und hatte nicht Halt gemacht, ehe die Nacht eingetreten war -- und doch hatte der ganze Marsch mit der Rastzeit, trotz der Schwierigkeiten, Übergänge und Überfähren drei Tage gedauert. Da Bärbchen dies überdachte, rechnete sie sich aus, daß der Rückweg, der Weg nach Chreptiow, ihr noch weniger Zeit rauben müsse, besonders da sie ihn zu Pferde zurücklegte, und da er doch eine Flucht bedeutete, in welcher die Rettung von der Schnelligkeit abhing.

Aber schon am ersten Tage bemerkte sie, daß sie sich täusche, denn da sie nicht den Dniestr entlang fliehen konnte, sondern Umwege durch die Steppen machte, war sie genötigt, ungeheure Strecken zuzugeben, und überdies konnte sie sich noch verirren; es war sogar wahrscheinlich, daß sie sich verirrte.

Sie konnte auf versumpfte Flüsse stoßen, auf undurchdringliche Waldesdickichte, auf Brüche, die selbst im Winter nicht froren, auf Hindernisse von Mensch und Tier; und wenn sie auch die Absicht hatte, die Nächte hindurch weiter zu reiten, so befestigte sich doch unwillkürlich in ihr die Überzeugung, daß sie selbst bei einem glücklichen Ausgang Gott weiß wann in Chreptiow ankommen werde.

Es war ihr gelungen, sich den Armen Asyas zu entreißen, aber was nun? Gewiß war alles besser als diese schmachvollen Arme, und doch erstarrte das Blut in ihren Adern zu Eis, wenn sie an das dachte, was sie jetzt erwartete. Schonte sie das Pferd, so konnte sie eingeholt werden. Die Lipker kannten diese Steppe wie ihre Tasche, und sich vor ihren Augen, vor ihrer Verfolgung verbergen, war fast eine Unmöglichkeit. Verfolgten sie doch sogar im Frühling und im Sommer ganze Tage hindurch die Tataren, wenn die Pferdehufe nicht die geringsten Spuren im Schnee oder in der weichen Erde zurückließen; sie lasen in der Steppe wie in einem offenen Buche. Sie schweiften über diese Ebenen hin wie Adler, sie verstanden in ihnen zu wittern wie Jagdhunde, das ganze Leben ging ihnen hin unter Streifzügen. Vergeblich nahmen die Tataren häufig ihren Weg zu Wasser, um keine Spur zurückzulassen -- die Kosaken, die Lipker und Tscheremissen verstanden gerade so wie die polnischen Steppenkämpfer sie aufzufinden, ihrer List mit List zu begegnen, und so plötzlich hereinzubrechen, als seien sie aus dem Boden herausgewachsen. Wie sollte man vor einem solchen Volke fliehen? Man konnte sie nur so weit hinter sich lassen, daß die Entfernung selbst die Verfolgung unmöglich machte. Aber in diesem Falle mußten die Pferde zusammenbrechen.

Sicher mußten sie zusammenbrechen, wenn sie beständig wie bisher angestrengt werden würden, dachte Bärbchen mit Entsetzen, wenn sie ihre feuchten, dampfenden Seiten sah, und den Schaum, der in Bällen zu Boden fiel.

Sie hemmte also von Zeit zu Zeit ihren Lauf und horchte auf; da vernahm sie in jedem Wehen des Windes, in jedem Rauschen des Laubes, das auf den Felsengraten wuchs, in dem trockenen Geräusch, mit welchem die welken Stengel der Steppennesseln aneinanderschlugen, im Rauschen der Flügel der vorübereilenden Vögel, selbst in der Stille der Wüste, die in die Ohren klang, den Widerhall verfolgender Rosse. In ihrem Schrecken gab sie wieder den Pferden die Sporen und eilte in rasendem Laufe dahin, bis das Keuchen der Tiere ihr anzeigte, daß sie nicht weiter konnten.

Die Bürde der Einsamkeit und der Ohnmacht lastete immer schwerer auf ihr. Ach, wie fühlte sie sich verwaist, welch ein Leid, so groß wie ungerecht, wuchs in ihrem Herzen gegen alle Menschen, gegen die Nächsten und Teuersten, die sie so verlassen hatten!

Dann dachte sie wieder, daß Gott sie wohl strafe für ihre Begier nach Abenteuern, für ihre Sucht, an allen Jagden, allen Kriegszügen teilzunehmen gegen den Wunsch ihres Gatten, für ihre Ausgelassenheit und Leichtfertigkeit, und bei diesen Gedanken weinte sie bitterlich, hob das Auge zum Himmel, und wiederholte weinend:

»Strafe, aber verlaß' mich nicht, straf' Michael nicht, Michael ist unschuldig!«