Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 32

Chapter 323,833 wordsPublic domain

Sie aber bemerkte bald, daß sie in geringerer Anzahl seien, als da sie nach Jampol gekommen waren. Sie wandte sich an den jungen Tataren und sagte:

»Ich sehe, daß Ihr auch in Jampol einen Teil Eurer Leute gelassen habt.«

»Fünfzig Pferde, gerade so wie in Mohylow,« antwortete Asya.

»Und wozu das?«

Er lächelte seltsam, seine Lippen hoben sich wie bei einem bösartigen Hunde, der die Zähne zeigt -- und erst nach einer kurzen Pause antwortete er:

»Weil ich diese Kommandos in meiner Hand haben und den Rückweg Ew. Liebden decken will.«

»Wenn die Truppen aus den Steppen zurückkommen, so wird ohnehin dort eine große Macht sein?«

»Die Truppen kommen nicht sobald zurück.«

»Woher wißt Ihr das?«

»Weil sie sich erst vergewissern müssen, was bei Dorosch los ist, und das wird ihnen drei oder vier Wochen Zeit nehmen.«

»Wenn dem so ist, so habt Ihr recht gehandelt, daß Ihr die Leute zurückließet.«

Sie ritten eine Zeitlang schweigend nebeneinander. Asya blickte immer wieder in Bärbchens rosiges Gesichtchen, das durch den aufgeschlagenen Kragen des Waffenröckleins und den Kalpak halb verdeckt war, und bei jedem Blick kniff er die Augen zusammen, als wollte er sich ihr anmutiges Bild besser ins Gedächtnis prägen.

»Ihr solltet mit Evchen sprechen,« sagte sie, von neuem die Unterhaltung aufnehmend. »Ihr sprecht überhaupt zu wenig mit ihr, so daß sie sich schon wundert. Bald werdet Ihr vor Herrn Nowowiejskis Antlitz stehen ... mich selbst erfaßt Unruhe ... Ihr müßtet beraten, was Ihr zu tun habt.«

»Ich möchte erst mit Ew. Liebden sprechen,« antwortete Asya in seltsamem Tone.

»Warum beginnt Ihr nicht?«

»Ich warte auf den Boten aus Raschkow; ich habe geglaubt, ihn schon in Jampol zu finden, jeden Augenblick erwarte ich ihn.«

»Und was hat der Bote mit unserer Unterredung zu tun?«

»Ich glaube, dort kommt er gerade,« antwortete der junge Tatar ausweichend.

Er sprengte voraus, kam aber nach einer Weile wieder zurück. »Nein, das ist er nicht,« sagte er.

In seiner ganzen Gestalt, in seiner Rede, in seinem Blick, in seiner Stimme lag etwas Unruhiges und Fieberhaftes, und diese Unruhe teilte sich auch Bärbchen mit. Aber noch war nicht der geringste Verdacht in ihr aufgestiegen. Asyas Unruhe ließ sich sehr wohl durch die Nähe von Raschkow und dem gefürchteten Vater Evchens erklären, und doch ward Bärbchen so schwer zumute, als handle es sich um ihr eigenes Schicksal.

Sie näherte sich dem Schlitten und ritt einige Stunden in Evchens Nachbarschaft, plauderte mit ihr über Raschkow, über den alten und jungen Herrn Nowowiejski, über Sophie Boska und endlich über die Gegend, die immer wilder, immer furchtbarer, immer wüster wurde. Schon unmittelbar hinter Chreptiow hatte die Wüste begonnen. Aber es erhob sich wenigstens von Zeit zu Zeit am Horizont eine Rauchsäule, die eine Hütte ankündigte, einen menschlichen Wohnsitz. Hier gab es gar keine Spur von Menschen; und wenn Bärbchen nicht gewußt hätte, daß sie nach Raschkow reite, wo Menschen wohnen, und eine polnische Besatzung lag, sie hätte glauben können, man führe sie irgendwo in unbekannte Wüsteneien, in fremde Länder, ans Ende der Welt. Sie sah sich in der Gegend um, hielt unwillkürlich an und blieb bald hinter dem Schlitten und der ganzen Abteilung zurück. Asya kam nach einer kurzen Weile zu ihr, und da er die Gegend gut kannte, zeigte er ihr die verschiedenen Orte und nannte sie mit Namen. Aber das dauerte nicht lange, denn der Boden begann zu dampfen. Der Winter hatte offenbar in diesen südlichen Strichen nicht die Kraft, die er im waldigen Chreptiow hatte. Es lag zwar noch ein wenig Schnee in den Schluchten und Klüften, an den Felsgraten, und auch an den nach Norden gerichteten Abflachungen der Höhen, aber im allgemeinen war der Boden nicht von Schnee bedeckt; er war mit niedrigem Gestrüpp besetzt oder glänzte von feuchtem, welkem Gras. Von diesen Gräsern stieg ein leichter, weißlicher Dunst auf und zog sich den Boden entlang, so daß es das Aussehen großer Wasserflächen hatte, welche die Täler erfüllten und weithin über die Ebene ergossen waren; dann hob sich dieser Dunst und stieg immer höher, den Glanz der Sonne verdeckend und den lichten Tag in düsteren Nebel verwandelnd.

»Morgen wird es Regen geben,« sagte Asya.

»Wenn es nur heute nicht regnet. -- Wie weit ist es noch bis Raschkow?«

Asya blickte nach dem nächsten, durch den Nebel kaum erkennbaren Punkt, und antwortete:

»Von hier ist es schon näher nach Raschkow als zurück nach Jampol,« und er atmete tief auf, als sei eine große Last von seiner Schulter gefallen.

In diesem Augenblick erklang Pferdegetrappel von der Abteilung her, und ein Reiter tauchte im Nebel auf. »Halim? ich erkenne ihn!« rief Asya.

Halim hatte Asya und Bärbchen erreicht, sprang vom Pferde und verneigte sich vor dem jungen Tataren.

»Aus Raschkow?« fragte Asya.

»Aus Raschkow, mein Herr und Gebieter,« antwortete Halim.

»Was gibt es dort?«

Der Alte erhob sein häßliches, von unsäglichen Mühen abgemagertes Gesicht zu Bärbchen, als wollte er fragen, ob er in ihrer Gegenwart sprechen dürfe; aber Asya sagte sogleich:

»Sprich ohne Scheu, sind die Truppen abgezogen?«

»So ist es, Herr, nur ein Häuflein ist zurückgeblieben.«

»Wer hat sie geführt?«

»Herr Nowowiejski.«

»Die Piotrowitsch sind nach der Krim gezogen?«

»Schon lange; nur die zwei Frauen und der alte Herr Nowowiejski sind bei ihnen.«

»Wo ist Krytschynski?«

»Jenseits des Flusses; er wartet.«

»Wer ist mit ihm?«

»Adurowitsch mit seinem Häscher. Beide verneigen sich vor dir, Sohn Tuhaj-Beys, und empfehlen sich in deine Hand -- sie und alle jene, die noch nicht angelangt sind.«

»Gut,« sagte Asya und es blitzte auf in seinen Augen, »fliege zu Krytschynski und befiehl ihm, Raschkow zu nehmen.«

»Dein Wille geschehe, Herr!«

Halim sprang auf sein Pferd und verschwand wie ein Gespenst im Nebel. Ein entsetzlicher, unheilverkündender Glanz lag auf Asyas Gesicht; der entscheidende Augenblick, der Augenblick der Erwartung, der Augenblick seines höchsten Glückes -- er war gekommen. Das Herz schlug ihm so, daß ihm der Atem stockte ... Eine Zeitlang ritt er schweigend neben Bärbchen her, und erst, als er fühlte, daß die Stimme ihm nicht versagen werde, wandte er ihr seine tiefen, glänzenden Augen zu und sagte:

»Jetzt will ich offen mit Ew. Liebden sprechen ...«

»Ich höre,« gab Bärbchen zurück und sah ihn forschend an, als wollte sie in seinen veränderten Zügen lesen.

Asya brachte sein Pferd so nahe an Bärbchens Apfelschimmel heran, daß er beinahe mit seinem Steigbügel den ihrigen berührte, und ritt so noch eine Weile schweigend neben ihr. Er wollte sich ganz beruhigen und wunderte sich, daß er die Ruhe so schwer finden konnte, da doch Bärbchen in seiner Gewalt war, und es keine menschliche Kraft gab, welche sie ihm zu entreißen vermocht hätte. Aber es war ihm selbst kaum bewußt, daß trotz aller Unwahrscheinlichkeit und trotzdem die Wirklichkeit das Gegenteil zu sagen schien, ein Fünkchen Hoffnung in ihm glühte, das begehrte Weib könne ihm Gegenliebe schenken. War diese Hoffnung auch schwach, so war doch der Wunsch, daß es so sei, so mächtig, daß es ihn wie ein Fieber schüttelte. Die Begehrte wird ihre Hand nicht öffnen, sie wird ihm nicht in die Arme stürzen, sie wird die Worte nicht sprechen, die er ganze Nächte hindurch träumte: »Asya, ich bin dein!«, sie wird nicht an seinem Munde mit ihren Lippen hängen -- das wußte er. Aber wie wird sie seine Worte aufnehmen? Was wird sie sagen? Wird sie alles Gefühl verlieren, wie die Taube in den Klauen des Raubvogels? Und wird sie sich so fassen lassen, wie das verlassene Täubchen dem Habicht sich hingibt? Wird sie in Tränen um Mitleid betteln, wird sie mit einem Schrei des Entsetzens die Wüste erfüllen? Wird von alledem mehr oder weniger geschehen? ... Solche Fragen tobten in der Seele des Tataren. Und doch war die Zeit gekommen, da die Verstellung, der Schein aufhören mußte, da er das wahre, entsetzliche Gesicht zeigen mußte ... Das war die Furcht, das die Unruhe ... noch einen Augenblick -- und alles war geschehen.

Endlich aber wandelte sich diese dumpfe Angst in der Seele des Tataren zu dem, wozu sich meist die Angst eines wilden Tieres wandelt, zu Wut ... Und er selbst schürte diese Wut. Was auch geschehen mag, dachte er, sie ist mein, ganz mein, mein wird sie heute noch sein, und mein ist sie morgen, und dann kehrt sie nicht mehr heim zu ihrem Gatten, sondern bleibt bei mir.

Bei diesem Gedanken erfaßte ihn eine wilde, rasende Freude, und er sprach plötzlich mit einer Stimme, die ihm selbst fremdartig klang:

»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt.«

»In diesem Nebel klingt Eure Stimme so verändert,« sagte Bärbchen etwas beklommen, »daß ich wirklich glaube, es spreche ein anderer.«

»In Mohylow liegen keine Truppen, in Jampol keine, in Raschkow keine -- ich allein bin hier Herr. Krytschynski, Adurowitsch und jene anderen sind meine Sklaven, denn ich bin ihres Herrschers Sohn -- ich ihr Vezier, ich der höchste Mirza, ich bin ihr Führer, wie Tuhaj-Bey ihr Führer war, ich bin ihr Khan, ich allein habe die Macht, und alles hier ist in meiner Macht.«

»Wozu sagt Ihr mir das?«

»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt. Raschkow ist nicht fern, ich wollte Tatarenhetman werden und der Republik dienen, aber Herr Sobieski wollte das nicht. Ich mag nicht länger ein Sohn der Wüste sein, unter eines anderen Kommando dienen, ich will selbst große Scharen führen gegen Dorosch oder gegen die Republik, wie Ew. Liebden wollen, wie Ew. Liebden befehlen.«

»Wie ich befehle? Asya, was geht mit Euch vor?«

»Das geht mit mir vor, daß alle hier meine Sklaven sind, und ich der Eure. Was gilt mir der Hetman, was seine Erlaubnis, sein Widerspruch! Sprecht ein Wort, und ich lege Ew. Liebden Akerman[K] zu Füßen, und die Debrudscha, und diese Horden, die hier wohnen, und die, die in den wilden Feldern umherschweifen, und die, die weit und breit hier ihre Winterlager haben, werden Eure Sklaven sein, wie ich Euer Sklave bin! Befehlt, und ich kündige dem Khan der Krim den Gehorsam, und ich kündige dem Sultan den Gehorsam, und ich will sie mit dem Schwerte bekämpfen und der Republik Hilfe bringen, und eine neue Horde in dieser Gegend begründen, über die ich Khan bin, und über mir dürft Ihr allein sein, Euch allein werde ich dienen, um Eure Gnade, Euer Erbarmen bitten.« Und er neigte sich auf seiner Satteldecke vor, faßte das erschreckte und von seinen Worten betäubte Weib um die Hüfte und sprach schnell mit heiserer Stimme weiter:

»Hast du es nicht gewußt, daß ich dich allein liebe, und wie ich gelitten habe ... Und ich nehme dich auch so, du bist schon die meine, und bleibst die meine; niemand wird dich hier meinen Armen entreißen ... du bist mein ... du bist mein ... du bist mein!«

»Jesus Maria!« schrie Bärbchen auf.

Aber er preßte sie in seinen Armen, als wollte er sie erwürgen. Kurzer Atem hob seine Brust, seine Augen wurden trübe; endlich zog er sie aus dem Steigbügel, aus der Satteldecke und setzte sie vor sich, drückte ihre Brust an die seine, und seine bläulichen Lippen öffneten sich begehrlich wie der Mund eines Fisches, und begannen die ihrigen zu suchen. Sie stieß keinen Schrei aus, aber sie leistete mit unerwarteter Kraft Widerstand. Es begann ein Kampf zwischen ihnen, in dem man nur ihren gedämpften Atem hörte. Seine gewaltsamen Bewegungen, und die Nähe seines Gesichts gaben ihr die Geistesgegenwart wieder. Ein Augenblick des Hellsehens kam über sie, wie es bei Ertrinkenden zu kommen pflegt; mit einem Schlage ward ihr alles in hellster Klarheit bewußt, daß sich die Erde unter ihren Füßen aufgetan und eine bodenlose Kluft sich geöffnet hatte, in die er sie gewaltsam hineinzog. Sie sah seine Liebe, seinen Verrat, ihr entsetzliches Schicksal, ihre Schwäche, ihre Ratlosigkeit. Sie empfand Angst, furchtbaren Schmerz und Leid -- und gleichzeitig loderte in ihr die Flamme einer maßlosen Entrüstung der Wut und der Rache empor. So groß war die Tapferkeit in der Seele dieses ritterlichen Kindes, dieser erwählten Gattin des mutigsten Ritters der Republik, daß sie selbst in diesem entsetzlichen Augenblick zuerst dachte: Räche dich! und dann erst: Rette dich. Alle Kräfte ihres Geistes spannte sie an, und sie sah alles mit wunderbarer Klarheit. Während des Ringkampfes begannen ihre Hände an seinem Körper eine Waffe zu suchen und trafen endlich auf den Hornknopf eines orientalischen Pistols. Aber gleichzeitig hatte sie die Geistesgegenwart, daran zu denken, daß selbst, wenn das Pistol geladen sei, wenn es ihr gelänge, den Stein anzuschlagen, er doch, ehe sie die Hand zurückziehen, ehe sie den Lauf auf sein Haupt richten konnte, unzweifelhaft ihre Hand erfassen würde und ihr so das letzte Mittel der Rettung nehmen könnte; und sie beschloß, anders vorzugehen.

Alles das währte nur einen Augenblick. Er hatte in der Tat einen Streich vorausgesehen und streckte ihr mit blitzartiger Schnelligkeit die Hand entgegen. Aber er vermochte nicht ihre Bewegung zu berechnen, und so glitten ihre Hände aneinander vorüber, und Bärbchen schlug ihn mit der ganzen verzweifelten Kraft ihrer jungen, kräftigen Faust mit dem Schaft seines Pistols zwischen die Augen.

Der Schlag traf so fürchterlich, daß Asya nicht einmal zu schreien vermochte, und rücklings hinfiel, sie selbst im Falle mit sich ziehend.

Bärbchen erhob sich im nächsten Augenblick, sprang auf ihren Apfelschimmel und jagte wie ein Sturmwind dahin nach der dem Dniestr entgegengesetzten Seite in die ferne Steppe.

Ein nebeliger Vorhang senkte sich hinter ihr nieder, der Apfelschimmel ließ die Ohren hängen und rannte blindlings dahin durch die Felsen und Schluchten, durch die Klüfte und Abhänge. Jeden Augenblick konnte er in eine Spalte versinken, jeden Augenblick konnte er und seine Reiterin an den Felsspalten zerschellen, aber Bärbchen achtete nichts, die furchtbarsten Gefahren waren für sie die Lipker und Asya ... Seltsam, jetzt, da sie sich befreit hatte aus der Hand des Raubtieres, und da jener wahrscheinlich tot lag inmitten der Felsen, herrschte über alle ihre Empfindungen die Angst. Jetzt, da sie mit dem Gesicht auf der Mähne des Tieres lag, und durch den Nebel dahinschoß wie ein von Wölfen verfolgtes Reh, begann sie Asya mehr zu fürchten, als in jenem Augenblick, da sie in seinen Armen lag, und sie empfand Angst, Kraftlosigkeit und das, was ein schwächliches Kind empfindet, das verirrt ist auf Gottes weiter Welt, einsam und verlassen. Weinende Stimmen erhoben sich in ihrem Herzen und begannen zu stöhnen, furchtsam klagend, hilferufend: »Michael, hilf -- Michael, hilf!«

Der Apfelschimmel flog dahin. Von einem wunderbaren Instinkt geleitet, sprang er über die Klüfte, vermied mit gelenkiger Bewegung die hervorragenden Felskanten, bis endlich der steinerne Boden unter seinen Hufen zu klingen aufhörte. Er war offenbar zu einer der offenen »Lugen« gelangt, die sich hier und da durch die Felsen hinzogen. Schweiß bedeckte ihn, die Nüstern blähten sich auf, aber trotzdem lief er weiter.

Wohin fliehen? -- dachte Bärbchen.

Und in diesem Augenblick sagte sie sich: »Nach Chreptiow!«

Aber von neuem schnürte die Angst ihr Herz ein bei dem Gedanken an diesen weiten, durch entsetzliche Wüsteneien führenden Weg. Bald erinnerte sie sich auch, daß Asya in Mohylow und Jampol Abteilungen der Lipker gelassen hatte. Unzweifelhaft waren sie alle verschworen, alle dienten sie Asya und würden sie sicherlich gefangen und nach Raschkow bringen. Darum mußte sie tief in die Steppe hinein, dann erst sich nach Norden wenden und die Flecken am Dniestr umgehen. Sie mußte um so mehr diesen Weg wählen, als die Verfolger unbedingt den Weg am Ufer entlang einschlagen würden, während sie in der weiten Steppe vielleicht auf ein polnisches Kommando stoßen konnte, das in das Blockhaus zurückkehrte.

Allmählich wurde der Lauf des Schimmels langsamer. Bärbchen, als erfahrene Reiterin, begriff sogleich, daß man ihm Zeit zur Rast gewähren müsse, daß er sonst zusammenbrechen würde; auch sie fühlte, daß sie verloren wäre, wenn sie in dieser Wüste ohne Pferd bliebe.

Sie hielt seinen Lauf an und ritt eine Zeitlang im Schritt. Der Nebel löste sich, aber das arme Tier stand ganz in heißem Dampf. Bärbchen begann zu beten.

Plötzlich ließ sich durch die Nebel auf einige hundert Schritt von ihr entfernt das Wiehern eines Pferdes vernehmen. Da starrte das Haar auf ihrem Haupte.

»Meines bricht zusammen, aber auch jene brechen zusammen,« sagte sie laut.

Und wieder trieb sie das Pferd zur Eile. Eine Zeitlang schoß der Schimmel dahin, wie eine Taube, die der Blaufuß verfolgt, und wieder lief er lange, fast bis zur Erschöpfung seiner Kräfte; aber das ferne Wiehern tönte immer noch hinter ihm. Es lag in diesem Wiehern, das durch den Nebel drang, etwas unendlich Sehnsüchtiges und Drohendes. Nach dem Augenblick der ersten Angst kam Bärbchen der Gedanke: wenn auf diesem verfolgenden Pferde irgend jemand säße, so würde das Pferd nicht wiehern, denn der Reiter wurde sein Wiehern dämpfen, um sich nicht zu verraten.

»Nicht anders,« dachte Bärbchen, »das ist Asyas Pferd.«

Sie nahm beide Terzerole aus den Holftern; aber es war eine überflüssige Vorsicht; bald sah sie es deutlich durch den dünnen Nebel schimmern: Asyas Pferd kam mit wallender Mähne und fliegenden Nüstern herbeigestürzt. Da es den Apfelschimmel erblickte, näherte es sich hüpfend, kurz und abgerissen wiehernd, und der Apfelschimmel antwortete sogleich.

»He, -- he!« rief Bärbchen.

Das Tier, gewohnt der Menschenhand zu folgen, näherte sich und ließ sich beim Zügel fassen. Bärbchen erhob ihre Augen gen Himmel und sagte: »Gottes Schutz!«

Wirklich war das Einfangen von Asyas Roß für sie ein außerordentlich günstiger Glücksfall. Sie hatte nun die beiden besten Pferde der ganzen Abteilung, sie konnte ferner die Pferde wechseln, und endlich gab ihr die Anwesenheit von Asyas Pferd die Gewißheit, daß die Verfolger nicht sobald aufbrechen würden. Wäre das Pferd der ganzen Abteilung gefolgt, so würden unzweifelhaft die Tataren, beunruhigt durch seinen Anblick, sofort zurückgekehrt sein, um ihren Führer zu suchen; jetzt konnte man voraussehen, daß es ihnen gar nicht in den Sinn kommen werde, daß Asya etwas zugestoßen sei, und daß sie erst auf Nachforschungen ausgehen würden, wenn seine allzulange Abwesenheit sie beunruhigte.

»Dann werde ich schon weit von hier sein,« setzte Bärbchen in Gedanken hinzu.

Hier erinnerte sie sich zum zweitenmal, daß Asyas Abteilungen in Jampol und Mohylow stehen.

»Ich muß die weite Steppe herum und fern vom Flusse bleiben, bis ich mich in der Gegend von Chreptiow befinden werde. Schlau hat dieser entsetzliche Mensch mich umstellt, aber Gott wird mich retten.« Sie faßte Mut und begann die Vorbereitungen zur Weiterreise. An Asyas Sattelholz fand sie eine Muskete, ein Pulverhorn, ein Beutelchen mit Kugeln und ein Beutelchen mit Hanfsamen, den der Tatar beständig zu kauen pflegte. Bärbchen schnallte die Steigbügel kürzer, für sie passend, und gedachte, sich den ganzen Weg über wie ein Vogel von diesem Samen, den sie sorgfältig aufbewahrte, zu ernähren. Sie beschloß, Menschen und Hütten zu umgehen, denn in diesen Wüsten kann man von jedem Menschen eher Böses als Gutes erwarten. Ihr Herz bedrückte die Sorge, womit sie die Pferde füttern werde; wollte sie auch selbst das Gras unter dem Schnee aufscharren, und die Moose in den Felsritzen hervorkratzen -- aber wenn sie nun von bösem Kraut und von dem lästigen Wege zusammenbrächen? Schonen konnte sie die Pferde doch nicht. Eine zweite Furcht war die, ob sie sich in der Wüste nicht verirren werde. Es war leicht, den Weg zu finden, wenn man am Ufer entlang ritt, aber diesen Weg durfte sie nicht wählen. Wenn sie in die dämmrige, ungeheure, wegelose Wüste hinausritt, wie wollte sie erkennen, ob sie nach Norden oder nach einer anderen Richtung reiten sollte, wenn die nebeligen, sonnenlosen Tage kamen, und die sternenlosen Nächte? Daß die Wüste von reißenden Tieren erfüllt war, machte ihr weniger Sorge, denn sie hatte Mut im kühnen Herzen und -- eine Waffe. Die Wölfe, die in Scharen zogen, konnten zwar gefährlich werden, aber im allgemeinen fürchtete sie die Menschen mehr als die Tiere, und am meisten das Verirren.

»Ha, Gott wird mir den Weg zeigen, und wird mir gewähren, zu Michael zurückzukehren,« sagte sie laut.

Sie bekreuzigte sich und wischte mit dem Ärmel die Feuchtigkeit von ihrem Gesicht, die ihre blassen Wangen frieren machte, schaute mit ihren scharfen Augen in der Gegend umher und gab dem Pferde die Sporen.

17. Kapitel.

Den Sprößling des Tuhaj-Bey zu suchen, fiel niemandem ein. Er aber setzte sich auf, schaute sich in der Gegend um und suchte zu begreifen, was mit ihm vorgehe. Er sah nur wie durch einen Nebel und erkannte, daß er nur mit einem Auge sehe, und auch mit diesem nur unklar; das andere war herausgeschlagen oder mit Blut angefüllt. Asya erhob die Hände zu seinem Gesicht, seine Finger trafen auf Blutstückchen, die geronnen in seinem Barte hingen. Auch der Mund war mit Blut angefüllt, das ihn zu ersticken drohte, so daß er aufhusten und ausspeien mußte. Ein entsetzlicher Schmerz durchzuckte sein Gesicht bei diesem Speien, er hob die Finger zum Gesicht empor, aber bald zog er sie mit schmerzlichem Stöhnen zurück. Bärbchens Schlag hatte ihm den oberen Teil der Nase zertrümmert und den Backenknochen verwundet.

Eine Weile saß er unbeweglich da; dann begann er mit dem Auge, in dem noch ein Lichtschimmer geblieben war, umherzuschauen, und da er in der Bergritze einen Streifen Schnee erblickte, so kroch er hin, ergriff eine Handvoll davon und legte ihn an sein zerfetztes Gesicht.

Das brachte ihm sofort große Linderung. Als sich der Schnee löste und in roten Tropfen in seinen Bart hinabfloß, nahm er wieder eine Faust voll und legte ihn von neuem auf sein glühendes Gesicht; auch zu essen begann er ihn, denn das brachte ihm Linderung. Nach einiger Zeit wurde die ungeheure Last, die er auf seinem Kopfe fühlte, bedeutend leichter, und es trat ihm alles in Erinnerung, was geschehen war. Aber im ersten Augenblick empfand er weder Wut, noch Zorn, noch Verzweiflung. Der körperliche Schmerz betäubte alle anderen Gefühle und ließ nur das Begehren nach schneller Rettung zurück.

Asya schlang noch einige Hände voll Schnee hinunter und begann sich nach seinem Pferde umzusehen, aber das Pferd war nicht da. Da begriff er, daß, wenn er nicht warten wollte, bis die Tataren ihn holten, er zu Fuß gehen müsse. Er stützte sich also mit den beiden Händen auf den Boden und versuchte aufzustehen; doch er heulte auf vor Schmerz und sank wieder zurück.

So saß er wohl eine Stunde, dann begann er von neuem seine Bemühungen. Dieses Mal gelang es ihm insoweit, als er sich zu erheben und, mit dem Rücken an den Fels gelehnt, auf den Beinen zu stehen vermochte. Aber wenn er daran dachte, daß er die Stütze aufgeben und einen Schritt vorwärts tun müsse, erst einen, dann den zweiten und dritten, in die große, weite Wüste hinaus, so ergriff ihn das Gefühl der Ohnmacht und des Entsetzens so mächtig, daß er beinahe wieder zurücksank. Doch er überwand sich, zog seinen Säbel, stützte sich auf ihn und schleppte sich langsam vorwärts; es ging. Nach einigen Schritten empfand er, daß seine Füße und sein ganzer Körper Kraft besäßen, daß er vollkommen ihrer Herr sei, und daß nur sein Kopf von einer Dumpfheit befangen, wie eine riesige Woge bald nach rechts, bald nach links, bald nach vorn, bald nach hinten hin und her schwanke. Er hatte auch das Gefühl, als trüge er diesen schweren, schwankenden Kopf mit ungewöhnlicher Vorsicht und mit ungewöhnlicher Angst, daß er ihm nicht zu Boden falle und am Stein zerschelle. Bisweilen schien der Kopf sich ganz mit ihm zu drehen, als habe er den Willen, ihn im Kreise herumzuführen, bald wieder umnachtete sich sein einziges Auge. Dann stützte er sich mit beiden Händen auf das Schwert.