Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 30
Als der junge Tatar diesen Brief gelesen hatte, verfiel er in eine entsetzliche Wut; erst zerrieb er das Schriftstück zu Staub in der Hand, dann bohrte er sein Dolchmesser ein über das anderemal in den Tisch, endlich ging er auf sein eigenes Leben los und auf den treuen Halim, der ihn auf Knieen flehentlich bat, nichts zu unternehmen, ehe sich seine Wut und seine Verzweiflung gelegt habe. Gewiß war dieser Brief für ihn ein tödlicher Stoß; der Bau, den sein Stolz, sein Ehrgeiz aufgeführt hatte, war wie von Pulver in die Luft gesprengt, alle seine Pläne vernichtet; er konnte der dritte Hetman in der Republik werden und gewissermaßen ihr Schicksal in seinen Händen halten, und nun sah er ein, daß er ein unbekannter Offizier bleiben müsse, für dessen Ehrgeiz das Bürgerrecht das höchste Ziel darstellte. Schon hatte er in seiner glühenden Einbildungskraft täglich die Massen gesehen, die ihm huldigend zu Füßen sanken, und nun würde er ihnen huldigen müssen. Wertlos war es für ihn, daß er Tuhaj-Beys Sohn war, daß das Blut fürstlicher Krieger in seinen Adern rollte, daß er ungeheure Gedanken in seiner Seele geboren hatte, -- wertlos, alles wertlos; verkannt würde er nun leben, und vergessen sterben in irgend einem fernen Grenzblockhaus. Ein einziges Wort hatte seine Flügel gelähmt, ein einziges Nein hatte es zu Wege gebracht, daß er von nun an sich nicht mehr frei in die Lüfte erheben durfte, wie der Adler am Himmelszelt, sondern dahinkroch wie der Wurm am Boden.
Aber alles das bedeutete noch nichts im Vergleich zu dem Glück, das er mit den Augen, mit dem Herzen, mit der Seele, mit seinem Leben liebte. Sie wird niemals die Seine werden. Dieser Brief hatte ihm nicht nur den Hetmansstab, sondern auch sie entrissen, denn konnte Chmielnizki die Frau Tschaplinskis entführen, so konnte auch der mächtige Asya, der Hetman, das fremde Weib in seinen Besitz bringen und schützen, wenn nötig gegen die ganze Republik. Wie aber sollte Asya, der lipkische Hauptmann, der unter dem Kommando ihres Gatten diente, wie sollte dieser Asya sie seiner Gewalt entreißen?
Wenn er daran dachte, ward die Welt um ihn her schwarz und wüst, und Tuhaj-Beys Sohn wußte nicht, ob es nicht besser für ihn sei zu sterben, als zu leben ohne ein Recht zum Leben, ohne Glück, ohne Hoffnung, ohne das geliebte Weib. Das drückte ihn um so furchtbarer nieder, als er eine solche Wunde nicht erwartet hatte, vielmehr bei der Betrachtung des Zustandes der Republik mit jedem Tage mehr die Überzeugung in sich befestigte, daß der Hetman auf seine Pläne eingehen müsse. Und nun waren alle seine Hoffnungen auseinandergestoben, wie der Nebel vor dem Sturmwind. Was blieb ihm nun zu tun? -- Dem Ruhm, dem Glück, der Größe zu entsagen. Aber daran dachte er nicht; im ersten Augenblick hatte ihn eine Raserei des Zorns und der Verzweiflung erfaßt; ein Feuer ging durch seinen Körper und brannte ihn schmerzhaft, er heulte und knirschte mit den Zähnen, rachsüchtige Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Rache wollte er nehmen an der Republik, an dem Hetman, an Michael, an Bärbchen sogar. Seine Lipker wollte er aufrufen, die ganze Besatzung niedermetzeln, alle Offiziere, ganz Chreptiow, Michael töten, Bärbchen mit Gewalt fortführen, mit ihr an das Moldauische Ufer fliehen und dann weit, weit in die Dobrudscha hinein und noch weiter, sei es auch nach Stambul selber, sei es auch in die asiatischen Wüsten.
Aber der treue Halim wachte über ihn, und er selbst sah, nachdem er sich von der ersten Wut und Verzweiflung erholt hatte, die ganze Unmöglichkeit dieser Pläne ein. Asya war auch hierin Chmielnizki ähnlich, daß in ihm ein Löwe neben der Schlange wohnte. Er würde mit den treuen Lipkern Chreptiow überfallen -- und was dann? Würde Michael, der wachsam war wie ein Wächterhund, sich so plötzlich umzingeln lassen, und, wenn das gelänge, würde sich dieser treffliche Krieger besiegen lassen, der überdies noch eine größere Zahl von Soldaten, und von besseren Soldaten unter seiner Führung hatte? Und endlich, wenn Asya ihn auch besiegte, was dann? Wenn er den Fluß entlang ginge nach Jahorlik, so mußte er unterwegs die Kommandos in Mohylow, Jampol und Raschkow aufreiben, und gelangte er an das Moldauische Ufer, so saßen dort die Perkulaben, Michaels Freunde, und Habareskul von Chozim, sein geschworener Feind. Zöge er Dorosch entgegen, so ständen bei Brazlaw die polnischen Kommandos, und die Steppe war auch im Winter voll von Streifzüglern. All dem gegenüber empfand Tuhaj-Beys Sohn seine Machtlosigkeit; seine rachsüchtige Seele, die erst Flammen gespieen hatte, verkroch sich in dumpfer Verzweiflung, wie ein verwundetes Wild sich in die dunkle Höhle verkriecht -- und blieb still.
Und wie maßloser Schmerz sich selbst tötet und in Erstarrung vergeht, so erstarrte auch er endlich ganz. Gerade in diesem Augenblick wurde ihm gemeldet, daß die Frau Kommandantin ihn zu sprechen wünsche.
Halim erkannte Asya kaum wieder, als er von dieser Unterredung zurückkehrte. Die Erstarrung war aus dem Gesicht des Tataren gewichen, seine Augen funkelten wie die einer Wildkatze, sein Gesicht glänzte, und die weißen Eckzähne traten unter seinem Schnurrbart hervor, -- in seiner wilden Schönheit glich er ganz dem furchtbaren Tuhaj-Bey.
»Herr,« fragte Halim, »womit hat Gott dein Herz erfreut?«
Und Asya antwortete: »Halim, nach dunkler Nacht schafft Gott den Tag und befiehlt der Sonne, aus dem Meer emporzusteigen. Halim,« -- hier faßte er den alten Tataren an den Schultern -- »in einem Monat wird sie mein sein auf ewig!«
Und sein dunkelbraunes Gesicht strahlte in solchem Glanze, daß er schön erschien, und Halim verbeugte sich viele Male vor ihm.
»Sohn des Tuhaj-Bey, du bist groß und mächtig, und die Schlechtigkeit der Ungläubigen vermag nichts über dich.«
»Höre!« sagte Asya.
»Ich höre, Sohn des Tuhaj-Bey!«
»Wir werden ans blaue Meer ziehen, wo der Schnee nur auf den Bergen liegt, und wenn wir einmal heimkehren in diese Lande, so geschieht es an der Spitze der Scharen, zahlreich wie der Sand am Meere, wie die Blätter in diesen Wüsten -- Feuer und Schwert vor uns hertragend. Du, Halim, Sohn des Kurdluk, machst dich noch heute auf den Weg; du gehst zu Krytschynski und sagst ihm, daß er gen Raschkow von jenseits mit seiner Schar kommen soll, und Adurowitsch, Morawski, Alexandrowitsch, Grocholski, Tworkowski und was von Lipkern und Tscheremissen lebt, solle mir auch entgegenziehen, und den Scharen, die mit Dorosch in den Winterlagern sind, sollen sie Meldung machen, damit sie von Human her plötzlich große Unruhen machen, damit die lechischen Kommandos aus Mohylow, Jampol und Raschkow hinausziehen in die weite Steppe. Auf dem Wege, den ich ziehe, soll kein Heer sein, dann wird, wenn ich hinausziehe nach Raschkow, nichts zurückbleiben als Asche und Trümmer.«
»Helfe dir Gott!« antwortete Halim.
Und er verbeugte sich wieder, und Asya neigte sich über ihn und wiederholte noch viele Male: »Sende Boten umher, denn wir haben nur einen Monat Zeit.«
Dann schickte er Halim fort, und als er sich allein befand, begann er zu beten, denn seine Brust war übervoll von Glück und Dankbarkeit gegen Gott.
Während des Gebets blickte er unwillkürlich durch das Fenster hinaus auf seine Lipker, die gerade die Pferde hinausführten, um sie am Brunnen zu tränken. Der Schloßhof wimmelte von ihnen, sie sangen leise ihre eintönigen Lieder, zogen die knarrenden Kräne und schöpften das Wasser in die Tröge. Der Dampf stieg in Doppelsäulen aus den Nüstern der Pferde und hüllte das Bild ein. Plötzlich trat aus dem Hauptgebäude Michael Wolodyjowski, in einen Schafspelz und Kalbstiefel gekleidet. Er ging zu den Lipkern heran und sprach mit ihnen; sie standen kerzengerade vor ihm, nahmen gegen die Sitte des Ostens die Kapuze von ihren Köpfen und horchten seinen Worten. Bei seinem Anblick hörte Asya auf zu beten, und murmelte vor sich hin:
»Ein Falke bist du, aber ich werde auf meinen Flügeln weiter gelangen als du, und du wirst in Chreptiow bleiben in Leid und Harm.«
Michael kehrte in fein Zimmer zurück, und auf dem Schloßhof ertönten wieder die Lieder der Lipker, das Wiehern der Pferde, das klagende, durchdringende Knarren der Brunnenkräne.
* * * * *
Der kleine Ritter schrie anfangs, ganz wie Bärbchen vorhergesehen hatte, auf, als sie von ihren Absichten sprach, er werde es nie dulden, denn er selbst könne nicht reisen, und ohne ihn werde er sie nicht reisen lassen; aber da begannen von allen Seiten Bitten und Zureden, die endlich seinen Entschluß wankend machten.
Bärbchen drängte zwar weniger, als er erwartet hatte, denn sie wollte überaus gern mit ihrem Gatten reisen, und ohne ihn verlor der Zug einen Teil seines Reizes. Evchen aber kniete vor ihm, küßte ihm die Hände und beschwor ihn bei seiner Liebe zu Bärbchen, seine Zustimmung zu geben.
»Niemand sonst wird es wagen, vor meinem Vater zu treten,« sagte sie zu ihm, »und ihm dies mitzuteilen. Weder ich noch Asya, nicht einmal mein Bruder, nur Frau Bärbchen kann das tun, denn ihr wird er nichts versagen.«
Darauf antwortete Wolodyjowski.
»Das Werben ist Bärbchens Sache nicht, und außerdem müßt Ihr doch hier herum zurückkehren, sie kann das also bei der Rückreise tun.«
Evchen antwortete durch Weinen: »Gott wisse, was bis zur Rückreise geschehe, sie sei sogar sicher, daß sie vor Gram sterben werde; aber für eine Waise, mit welcher niemand Mitleid habe, sei das wohl das beste.«
Der kleine Ritter besaß ein überaus weiches Herz; er drehte den Schnurrbart und ging im Zimmer auf und nieder; er konnte sich bei Leibe nicht von seinem Bärbchen trennen, nicht auf einen Tag, geschweige auf einige Wochen.
Und doch hatten ihn diese Bitten sehr gerührt, denn einige Tage nach diesem Ansturm sagte er abends:
»Wenn ich mitreisen könnte, wollte ich nichts sagen, aber es kann nicht sein, mich hält der Dienst hier fest.«
Bärbchen sprang zu ihm hin, legte ihre rosigen Lippen an seine Wange und wiederholte:
»Komm mit, Michael, komm mit, komm mit!«
»Das kann keineswegs sein,« antwortete Herr Michael entschieden.
Und wieder vergingen einige Tage. Während dieser Zeit beriet sich der kleine Ritter mit Sagloba, was er tun solle; dieser aber wollte ihm keinen Rat geben.
»Wenn es keine anderen Hindernisse gibt, als deine Gefühle,« sagte er, »was soll ich da reden? Beschließe selbst. Gewiß wird es hier öde sein, ohne den kleinen Heiducken; wäre ich nicht zu alt, und der Weg zu beschwerlich, so würde auch ich mitreisen, denn ohne sie mag ich nicht bleiben.«
»Nun, seht Ihr, Hindernisse gibt es in Wirklichkeit nicht; das Wetter ist ein wenig kalt, das ist alles, sonst ist es still, die Kommandos überall unterwegs; -- aber ohne sie mag auch ich nicht bleiben.«
»Darum sage ich dir auch, beschließe selbst.«
Nach dieser Unterredung zögerte Michael wieder und erwog die Sache nach allen Seiten. Um Evchen tat es ihm leid; er dachte auch darüber nach, ob man das Mädchen mit Asya auf eine so weite Reise allein schicken könne, und darüber noch mehr, ob es nicht geboten sei, guten Menschen zu helfen, wenn sich eine so günstige Gelegenheit dazu biete. Denn worum handelte es sich: um Bärbchens Reise auf zwei bis drei Wochen, und sei es auch nur, um ihr das Vergnügen zu bereiten, Mohylow, Jampol und Raschkow zu sehen. Warum sollte das nicht geschehen? Asya mußte so oder so mit seiner Fahne nach Raschkow gehen, an Schutz mangelte es also nicht, ja er war fast überflüssig, da die Räuber vernichtet waren, und die Horde Frieden hielt.
Immer schwankender wurde der kleine Ritter in seinem Entschluß, und da die Frauen das bemerkten, erneuerten sie ihr Drängen, die eine, indem sie die Reise als eine gute Tat und ihre Pflicht darstellte, die andere weinend und klagend. Endlich brachte auch Tuhaj-Beys Sohn dem Kommandanten seine Bitte vor. Er wisse, sagte er, er sei dieser Gunst nicht würdig, aber er habe doch soviel Treue und Anhänglichkeit an die Wolodyjowskis gezeigt, daß er um die Gnade zu bitten wage. Er fühle eine große Schuld der Dankbarkeit gegen sie beide, denn sie haben nicht zugegeben, daß man ihn mißachte zu einer Zeit, wo noch niemand wußte, daß er Tuhaj-Beys Sohn sei. Er werde nicht vergessen, daß die Frau Kommandantin seine Wunden gepflegt, daß sie ihm nicht nur eine gnädige Herrin, sondern gleichsam eine Mutter gewesen sei. Beweise seiner Dankbarkeit habe er schon in der Schlacht mit Asba-Bey abgelegt, und er werde auch in Zukunft, wenn es nötig sein sollte, was Gott verhüte, mit Freuden für seine Herrin sein Haupt hingeben und seinen letzten Tropfen Blutes vergießen.
Dann erzählte er von seiner alten, unglücklichen Liebe zu Evchen. Er könne nicht leben ohne dieses Mädchen, er habe sie geliebt die ganze Zeit der Trennung hindurch, wenn auch ohne jede Hoffnung, und er werde nicht aufhören sie zu lieben. Aber zwischen ihm und dem alten Nowowiejski bestehe eine alte Feindschaft, und das alte Verhältnis des Dieners und des Herrn trenne sie gleichsam wie eine breite Schlucht. Die »Herrin« allein könne etwas erwirken, und wenn sie auch nichts durchsetzen sollte, so werde sie wenigstens das geliebte Mädchen vor der Tyrannei des Vaters, vor Kerker und Kantschu schützen.
Michael hätte vielleicht lieber gesehen, daß Bärbchen sich nicht in diese Angelegenheit mische; aber da er selbst gern wohltat, wunderte er sich auch nicht über das Herz seiner Gattin. Er antwortete zwar Asya noch nicht zustimmend, widerstand sogar Evchens erneuten Tränen, aber er schloß sich in seine Kanzlei ein und überlegte.
Endlich kam er an einem Abend mit heiterem Gesicht heraus und fragte plötzlich nach der Abendmahlzeit Tuhaj-Beys Sohn:
»Asya, wann ist der Zeitpunkt deiner Reise?«
»In einer Woche, gnädiger Herr,« versetzte der Tatar beunruhigt, »Halim muß die Verhandlungen mit Krytschynski dort schon beendet haben.«
»Befiehl auch den großen Schlitten auszupolstern, denn du wirst die beiden Frauen nach Raschkow bringen.«
Als Bärbchen das hörte, klatschte sie in die Hände und stürmte hüpfend zu ihrem Manne. Ihr folgte Evchen, und hinter dieser warf sich auch Asya mit einem wahnsinnigen Ausbruch der Freude zu seinen Füßen, so daß der kleine Ritter sich ihrer kaum erwehren konnte.
»Laßt mich,« sagte er, »was soll das heißen? Wenn man Menschen helfen kann, so fällt es einem schwer, nicht zu helfen, man müßte geradezu ein Herz von Stein haben; ich aber bin kein Tyrann. Du, Bärbchen, komm mir nur schnell wieder zurück, mein Lieb, und du, Asya, sorge mir gut für sie, auf diese Weise dankt Ihr mir am besten. Nun, nun laßt mich!«
Dann fügte er heiterer, um sich Mut zu machen, hinzu:
»Das Schlimmste ist dieses Weibergeheul; wenn ich Tränen sehe, bin ich ein verlorener Mann. Und du, Asya, sollst nicht nur mir und meiner Frau danken, sondern auch dem Fräulein, die wie ein Schatten hinter mir hergegangen ist, und mir ihr Leid beständig vor Augen gehalten hat. Du mußt ihr solche Liebe vergelten!«
»Ich will ihr vergelten, ich will ihr vergelten!« antwortete Asya mit seltsamer Stimme, und er griff dabei Evchens Hände, und küßte sie mit solcher Leidenschaft, daß man meinen konnte, er wolle sie beißen.
»Michael,« rief plötzlich Sagloba, auf Bärbchen zeigend, »was werden wir hier beginnen ohne dies Kätzchen?«
»Nun, es wird schlimm sein,« versetzte der kleine Ritter, »wahrhaftig, sehr schlimm.«
Dann fügte er leiser hinzu:
»Aber vielleicht wird Gott der Herr die gute Tat später segnen ... versteht Ihr mich? ...«
Indessen hatte das »Kätzchen« das neugierige blonde Köpfchen zwischen sie geschoben.
»Was sagt ihr?«
»Ei nichts,« gab Sagloba zurück, »wir sagen nur, zum Frühling werden gewiß die Störche kommen.«
Bärbchen rieb ihr Gesicht an dem Gesicht ihres Mannes wie eine echte Katze.
»Michael, ich werde dort nicht lange bleiben,« sagte sie.
Nach dieser Unterredung begannen von neuem Beratungen über die Reise, die tagelang währten. Michael sorgte selbst für alles; in seiner Gegenwart wurde der Schlitten hergerichtet und mit Fellen ausgepolstert, die man im Herbst den Füchsen abgenommen hatte; Sagloba brachte seine eigenen Decken zum Wärmen der Füße. Es sollten Wagen mit Betten und Lebensmitteln mitgehen, auch Bärbchens Apfelschimmel sollte mit, damit sie an gefährlichen, schluchtreichen Orten aus dem Schlitten auf das Pferd steigen konnte, denn Michael fürchtete besonders den Abstieg auf Mohylow zu, der wirklich lebensgefährlich war. Obgleich nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für einen Überfall vorhanden war, befahl der kleine Ritter Asya, jegliche Vorsicht zu gebrauchen, immer eine Anzahl von Menschen auf eine gewisse Entfernung vorauszuschicken, und Nachtruhe unterwegs nur dort zu halten, wo Kommandos ständen, um die Dämmerung aufzubrechen, vor Nacht Rast zu halten, und unterwegs nicht unnütz zu säumen. Der kleine Ritter ging so weit in seiner persönlichen Sorge um alles, daß er mit eigener Hand die Terzerole lud, die in Bärbchens Satteldecke im Holfter steckten.
Endlich kam der Augenblick der Abreise. Es war noch finster, als zweihundert Pferde der Lipker auf dem Schloßhof in Reisebereitschaft standen. In dem Hauptgemach des Kommandantenhauses herrschte schon Leben, in den Kaminen brannten in hellen Flammen die harzigen Scheite, alle Offiziere, der kleine Ritter, Sagloba, Muschalski, Nienaschyniez, Hromyka und Motowidlo, mit ihnen die Genossen von den oberen Fahnen waren zum Abschied versammelt. Bärbchen und Evchen, noch warm und rosig vom Schlaf, aßen vor der Abreise ihre Weinsuppe; Michael saß neben seiner Gattin und hielt sie umfaßt, Sagloba goß ihnen die Suppe ein und wiederholte jedesmal: »Noch einen Teller, denn es ist kalt!« Beide waren wie Männer gekleidet, denn so pflegten die Frauen in den Grenzländern zu reisen. Bärbchen trug einen kleinen Säbel, ein Pelzchen aus Wildkatzenfell mit Wieselbesatz, einen Hermelinkalpak, sehr breite Höschen, die wie ein Unterrock aussahen, und weiche, gefütterte Kniestiefelchen. Über die Kleidung sollten noch warme Regenmäntel und Pelze mit Kapuzen zum Schutze des Gesichts kommen. Für jetzt aber war es noch unverhüllt, und die Soldaten bewunderten, wie immer, seine Schönheit. Die einen betrachteten begierig Evchen, deren feuchte Lippen sich wie zum Kusse wölbten, andere wiederum wußten nicht, wen sie zuerst ansehen sollten, so reizvoll erschienen ihnen beide, und sie flüsterten einander ins Ohr:
»Ein schweres Leben hier in dieser Einöde ... glücklich ist der Kommandant, glücklich Asya ... ach!«
Das Feuer in den Kaminen knisterte lustig, und die Hähne begannen zu krähen. Allmählich wurde es Tag, ein ziemlich kalter, heller Tag; die Dächer der Schuppen und der Soldatenquartiere, die mit dichtem Schnee bedeckt waren, erglänzten hellrot. Vom Schloßhof her tönte das Wiehern der Pferde und der Tritt der Soldaten, die von den Schuppen und Schenken herangekommen waren, um von Bärbchen und den Lipkern Abschied zu nehmen.
Endlich sagte Wolodyjowski: »Es ist Zeit!«
Bärbchen sprang auf und fiel ihrem Gatten in die Arme; er drückte seine Lippen auf die ihrigen, zog sie mit aller Kraft an seine Brust, und küßte sie auf Augen, Stirn und Mund; es währte lange, denn sie liebten sich beide sehr.
Nach dem kleinen Ritter kam die Reihe an Herrn Sagloba. Dann traten die anderen Offiziere heran, um Bärbchen die Hand zu küssen, und sie wiederholte immer mit ihrem klangvollen, kindlichen Silberstimmchen:
»Lebet wohl, meine Herren, lebet wohl!«
Dann gingen Bärbchen und Evchen, um die ärmellosen Regenmäntel überzuwerfen, und die Pelze mit den Kapuzen, so daß sie ganz in den Kleidern verschwanden. Man öffnete ihnen die Türe, durch welche ein kalter Wind hereinkam, und die ganze Versammlung trat hinaus auf den Schloßhof. Immer heller wurde es vom Schnee und der aufgehenden Sonne, ein dichter Reif lag auf den Fellen der lipkischen Rosse und auf den Pelzen der Soldaten, so daß es schien, als sei die ganze Fahne weiß gekleidet und säße auf weißen Pferden.
Bärbchen und Evchen stiegen in den ausgepolsterten Schlitten, die Dragoner und die Fahnen der Genossen riefen den Abreisenden eine glückliche Fahrt zu.
Bei diesem Ruf flatterten die zahlreichen Scharen der Krähen und Raben, die der grausame Winter in die Nähe der menschlichen Wohnsitze gezogen hatte, von den Dächern auf und kreisten in der rosig leuchtenden Luft mit lautem Krächzen. Der kleine Ritter neigte sich über den Schlitten und vergrub sein Gesicht in die Kapuze, die den Kopf seiner Gattin bedeckte.
Es währte lange; endlich riß er sich von Bärbchen los, machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes und rief:
»In Gottes Namen!«
Da erhob sich Asya im Steigbügel, sein wildes Gesicht strahlte vor Freude und vom Widerschein der Sonne. Er fuhr mit dem Streitkolben durch die Luft, so daß sein Übermantel sich wie die Flügel eines Raubvogels ausbreitete, und rief mit gellender Stimme:
»Ma-a-rsch!«
Die Hufe knarrten im Schnee, Dampf strömte aus den Nüstern der Pferde; die ersten Reihen der Lipker rückten langsam vor, die anderen folgten, dann kam der Schlitten, dann wieder Reihen der Lipker -- und der ganze Zug entfernte sich langsam den abschüssigen Schloßhof entlang dem Tore zu.
Der kleine Ritter verabschiedete sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. Endlich, als der Schlitten durch das Tor gekommen war, hob er die Hände zum Munde und rief:
»Lebe wohl, Bärbchen!«
Aber nur die Stimmen der Pfeifen und das laute Krächzen der schwarzen Vogelschar antwortete ihm.
16. Kapitel.
Die Abteilung Tscheremissen, etliche zehn Pferde stark, war eine Meile vorausgeritten, um die Wege zu besichtigen und die Kommandanten von der Durchreise der Frau Wolodyjowska zu benachrichtigen, damit überall die Quartiere bereit gehalten würden. Dieser Abteilung folgte die Hauptmacht der Lipker, dann kam der Schlitten mit Bärbchen und Evchen, ein zweiter mit dem weiblichen Gesinde, dann wieder eine kleinere Abteilung, die den ganzen Zug schloß. Der Weg war ziemlich beschwerlich, denn es hatten Schneewehungen stattgefunden. Die Fichtenwälder, die im Winter ihren stachligen Schmuck nicht verlieren, lassen den Schnee nicht so reichlich auf die Erde fallen; aber die Einöden, die sich längs des Dniestrufers hinziehen, die zumeist mit Eichen und anderen Laubhölzern besetzt sind, waren jetzt ihrer natürlichten Schutzwölbung beraubt, und die Baumstämme bis zur Hälfte von Schnee verschüttet. Auch die engeren Schluchten waren voller Schnee. Hier und da hob er sich wie Meereswogen, deren hochgegipfelte Rücken herabhingen, als wollten sie jeden Augenblick zusammenstürzen und sich vereinigen mit der großen, weißen Fläche. Wenn man durch die beschwerlichen Schluchten und über die Abhänge fuhr, hielten die Lipker den Schlitten mit Stricken zurück; nur auf den Hochebenen, auf welchen die Winde die Schneedecke geglättet hatten, fuhr man schnell und folgte den Spuren der Karawane, welche unter Führung von Nawiragh und den beiden Anardraten vorher nach Chreptiow ausgerückt waren.