Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 29
Bei dieser Beschäftigung traf ihn Sagloba, der gerade mit dem Rosenkranz eintrat, und da er bald merkte, um was es sich handelte, kam er auf den Fußspitzen heran und bearbeitete den Rücken des Ritters mit den Perlen aus Sandelholz. Dieser lief davon und wandte sich lachend um, aber er war sehr verwirrt; der Alte folgte ihm, schlug ihn immer von neuem und rief ein über das anderemal:
»Ei seht doch, bist du ein Türke oder ein Tatar? _Exerciso te!_ Sind das _mores?_ Die Weiber willst du ansehen? Ei, daß dich!«
»Freund,« rief Nowowiejski, »es ziemt sich nicht, den heiligen Rosenkranz zum Kantschu zu machen; laßt mich, ich hatte keine sündigen Absichten ...«
»Es ziemt sich nicht, sagst du, mit dem heiligen Rosenkranz zu schlagen? Das ist nicht wahr; die Palme ist am Ostersonntag auch heilig, und doch schlägt man damit. Ha, das war einst ein heidnischer Rosenkranz und gehörte dem Subhagasi; bei Sbarasch habe ich ihm diesen abgenommen, und dann hat ihn der apostolische Nuntius geweiht. Sieh her, echtes Sandelholz.«
»Ich hatte keine sündige Absicht,« wiederholte der Jüngling, »so wahr ich lebe!«
»Nur aus Frömmigkeit hast du das Loch gebohrt, wie?«
»Nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Liebe, aus so außerordentlicher Liebe, daß ich glaube, ich müßte auseinandergehen. Warum soll ich Umschweife machen, wenn es so ist? Die Bremsen quälen im Sommer die Pferde nicht so, wie mich die Liebe quält!«
»Ei, schau', daß das nur keine sündige Begehrlichkeit sei, denn als ich hier eintrat, konntest du dich kaum auf den Füßen halten und schlugst mit den Fersen aneinander, als ob du auf Kohlen ständest.«
»Ich habe nichts gesehen, so wahr ich lebe, denn ich hatte erst einen kleinen Spalt gebohrt.«
»Ha, die Jugend, das junge Blut! Ja, ich muß mich auch bisweilen im Zaume halten, denn noch wohnt in mir ein _leo qui querit, quem devoret_. Wenn du reine Absichten hast, so denkst du ans Heiraten?«
»Ob ich ans Heiraten denke! Großer Gott, woran sollte ich denn denken? So wisset Ihr nicht, daß ich mich schon gestern der Frau Boska erklärt habe, und daß mir mein Vater seine Zustimmung gegeben hat?«
»Ein feuriger Bursche, hol' dich der Henker, das ist etwas anderes! Aber erzähle, wie war das?«
»Frau Boska ging gestern in ihre Kammer, um für Sophie ein Tuch zu holen. Ich folgte ihr. Sie drehte sich um -- Wer da? -- Plauz, liege ich ihr zu Füßen! -- Schlagt mich, Mutter, aber gebt mir Sophiechen, meine Glückseligkeit, meine einzige Liebe! -- Frau Boska erholt sich von ihrer Überraschung und sagt so: Es loben Euch alle und halten Euch für einen würdigen Jüngling. Mein Mann ist in Gefangenschaft, und Sophie ist ohne Schutz auf dieser Welt. Indessen kann ich Euch heute noch keine Antwort geben, auch morgen nicht, -- später einmal, und Ihr braucht ja auch die Einwilligung Eures Vaters. -- Mit diesen Worten ging sie, weil sie glaubte, daß ich das im Rausch getan habe. Ich war ja auch ein wenig ...«
»I nicht doch, es waren alle ein wenig angeheitert, -- hast du nicht bemerkt, wie dem Nawiragh und den Anardraten die spitzen Mützen schief auf dem Kopfe saßen?«
»Ich habe es nicht bemerkt, denn ich machte im Innern schon Pläne, wie ich am leichtesten die Zustimmung vom Vater erlange.«
»Und wurde es dir schwer?«
»Gegen Morgen ging ich mit ihm ins Quartier, und da man das Eisen schmieden muß, solange es heiß ist, sagte ich mir, du mußt gleich mal die Fühlhörner ausstrecken, wie der Vater es aufnehmen wird. Ich sage also: Hör', Vater, ich muß die Sophie haben, und ich brauche deine Zustimmung, und wenn du sie mir nicht gibst, so gehe ich zu den Venetianern und lasse mich dort anwerben, und dann werdet Ihr mich so viel sehen -- Wie der nicht über mich herfällt in blinder Wut: Solch' ein Sohn! sagt er; du kannst ohne Erlaubnis fertig werden, geh' zu den Venetianern oder nimm dir das Mädchen, wie du willst, aber das eine sag' ich dir: keinen Heller bekommst du, weder von meinem noch von der Mutter Teil, denn alles ist mein eigen.«
Sagloba schob die Unterlippe vor: »Ei, schlimm!«
»Hört nur weiter: Wie er so spricht, sage ich gleich: Hab' ich denn darum gebeten, oder brauch ich es denn? Deinen Segen brauche ich, nichts weiter. Denn die heidnische Beute, die meinem Schwerte zufiel, reichte zu einer guten Pacht, ja zu einem mäßigen Gütchen. Was an Mutterteil da ist, mag für Evchen zur Mitgift bleiben, ich lege auch noch eine und die andere Handvoll Türkisen hinzu und Atlas und Gold- und Silbergeweb', und wenn ein schlimmes Jahr kommt, so helfe ich auch noch dem Vater mit barem aus. Da ward der Vater furchtbar neugierig.«
»So reich bist du?« fragte er, »ums Himmels willen, woher? Von der Beute? Denn fortgegangen bist du arm wie eine Kirchenmaus.«
»Ich bitte Euch, Vater,« antwortete ich ihm, »ich bin doch elf Jahre draußen und arbeite mit diesen Fäusten, und wie die Leute sagen, nicht übel, und sollte gar nichts gesammelt haben? Ich war beim Sturm der rebellischen Burgen, in denen das Gesindel und die Tataren Beute von beträchtlichem Werte aufgehäuft hatten, ich habe die Mirzen und die Räuberscharen geschlagen, und die Beute wuchs und wuchs. Ich nahm nur das, was mir zuerkannt wurde -- und schädigte keinen; so wuchs es an, und wenn der Mensch nicht liederlich wäre, so besäße er zweimal soviel, wie Ihr in Eurer Hauswirtschaft braucht.«
»Und was sagte der Alte da?« fragte Sagloba belustigt.
»Der Vater war erstaunt, denn er hatte das nicht erwartet, und begann bald über meine Verschwendung zu klagen: Es sei, sagt er, vorhanden, aber solch ein Windbeutel, solch ein Tagedieb, der sich nur gern aufbläht und den Magnaten spielt, der bringe alles durch und halte nichts fest; dann übermannte ihn die Neugier, und er fragte mich eingehend aus, was ich habe; und da ich sah, daß ich nur gut zu schmieren brauchte, um gut zu fahren, so verbarg ich ihm nicht nur nichts, sondern ich log noch ein bißchen hinzu, obwohl ich nicht gern schönfärbe, denn ich meine, die Wahrheit ist Hafer, und die Lüge ist Häcksel. Der Vater griff sich mit beiden Händen an den Kopf und dachte nach: Dies und das könnte man zukaufen, sagte er, diesen und jenen Prozeß fördern; wir würden Rain an Rain wohnen, und in deiner Abwesenheit würde ich alles beaufsichtigen. Und da brach das weiche Vaterherz in Tränen aus. -- Adam, sagte er, das Mädchen hat mir für dich sehr gefallen, besonders, da sie unter dem Schutze des Hetmans steht, und daraus könnte dir auch ein Nutzen erwachsen. Adam, sagt er, daß du mir aber auch meine zweite Tochter behütest und sie mir nicht zugrunde richtest, sonst würde ich es dir in meiner Todesstunde nicht verzeihen. -- Und ich, wie ich nur das Wort höre von Sophiechens Kränkung, brülle los, wir fallen uns einander in die Arme und weinten akkurat, bis die Hähne krähten.«
»Alter Schelm!« brummte Sagloba. Dann fügte er laut hinzu:
»Ha, da können wir bald in Chreptiow eine Hochzeit und neue Festlichkeiten haben, besonders da der Karneval kommt.«
»Wenn es von mir abhinge, könnte es schon morgen sein!« rief Nowowiejski feurig. »Aber das geht nicht so; mein Urlaub ist in kurzem beendet, und Dienst ist Dienst, ich muß nach Raschkow zurück. Je nun, Herr Ruschtschyz gibt mir auch einen zweiten Urlaub, das weiß ich, aber ich bin nicht sicher, ob es nicht von seiten der Frauen eine Verzögerung gibt. Mache ich mich an die Mutter, so sagt sie: Mein Mann ist in der Gefangenschaft --, mache ich mich an die Tochter, was sagt sie? -- Väterchen ist in der Gefangenschaft! Was soll das heißen? Halte ich diesen Vater in Ketten, oder was? Ich fürchte, es gibt Hindernisse. Wenn das nicht wäre, faßte ich den Priester Kaminski am Gewand und ließ ihn nicht los, ehe er mich mit Sophiechen verbunden hat. Aber wenn sich die Weiber was in den Kopf setzen, so kriegt man es auch mit Zangen nicht heraus. Meinen letzten Groschen gäbe ich hin und ginge selbst hin, den Vater holen, -- aber wie soll ich's anfangen? Weiß doch niemand, wo er ist; vielleicht ist er gar gestorben ... da kann man lange suchen! Wenn sie mich warten lassen wollen auf diesen Vater, so kann ich bis zum jüngsten Gericht warten.«
»Die Piotrowitschs machen sich morgen mit Nawiragh und den Anardraten auf den Weg, wir werden bald Nachricht haben.«
»Himmel, hilf, ich soll erst auf diese Nachrichten warten? Vor dem Frühling könnte nichts kommen, und inzwischen gehe ich ein, so wahr ich Gott liebe! Verehrter Freund, alle Welt glaubt an Euren Verstand und Eure Erfahrung, schlagt Ihr doch den Weibern dieses Zaudern aus dem Kopf! Freund, im Frühling gibt es Krieg, Gott weiß, was geschieht. Ich will ja Sophiechen heiraten, nicht den Vater; wie sollte ich dem Liebeserklärungen machen?«
»Rede den Weibern zu, nach Raschkow mitzufahren und sich dort niederzulassen. Dort bekommen sie leichter eine Nachricht, und wenn Piotrowitsch Boski findet, wird er es nahe zu euch haben, und dann: ich will tun, was ich vermag, du aber bitte Frau Bärbchen, daß sie für Euch eintrete.«
»O das will ich, das will ich, denn mich holt der Teu...«
Da knarrte die Tür, und Frau Boska trat ein. Ehe Sagloba sich noch umsehen konnte, war der junge Nowowiejski seiner ganzen Länge nach zu ihren Füßen hingestürzt, er bedeckte mit seinem Riesenkörper einen ungeheuren Raum der Diele und rief:
»Ich habe die Einwilligung des Vaters, gebt mir Sophiechen, Mutter, gebt mir Sophiechen!«
»Gebt ihm Sophiechen, Mutter,« wiederholte Sagloba im tiefen Baß.
Der Lärm lockte die Leute aus den Nachbarkammern herein, Bärbchen kam, Michael trat aus seiner Kanzlei, und gleich hinter ihnen erschien Sophie. Das Mädchen durfte doch nicht erraten, um was es sich handle, aber ihr Gesicht übergoß ein dunkles Rot, sie drückte die Hände zusammen, machte ein Mäulchen und stand mit gesenkten Augen im Winkel. Herr Michael lief, um den alten Herrn Nowowiejski herauszuholen. Er kam und wütete, daß sein Sohn nicht ihm das Amt übertragen, daß er nicht seiner Beredsamkeit die ganze Sache überlassen habe, stimmte aber doch seiner Bitte bei.
Frau Boska, welcher wirklich jeder nähere Schutz in der Welt fehlte, brach endlich in Tränen aus und gab ihre Zustimmung sowohl zu der Bitte Adams wie zu dem Rate, mit den Piotrowitsch nach Raschkow zu reisen und dort auf ihren Mann zu warten. Unter Tränenströmen wandte sie sich an ihre Tochter:
»Sophiechen,« sagte sie, »wie denkst du über die Absichten des Herrn Nowowiejski?«
Aller Augen richteten sich auf Sophie; sie stand im Winkel, hielt die Augen nach der Sitte auf den Fußboden geheftet und sprach nach einer Weile des Schweigens, ganz von Rot übergossen, mit kaum hörbarem Stimmchen:
»Ich will mit nach Raschkow.«
»Mein süßes ...« platzte Adam heraus, sprang zu ihr und nahm das Mädchen in seine Arme. Dann schrie er, daß die Mauer bebte:
»Mein ist Sophie, mein -- mein!«
15. Kapitel.
Der junge Nowowiejski reiste sofort, nachdem sie sich verlobt hatten, nach Raschkow, um ein Quartier für Frau und Fräulein Boska zu finden und herzurichten; zwei Wochen nach seiner Reise zog eine Karawane der Gäste von Chreptiow. Sie wurde gebildet von Nawiragh, den beiden Anardraten, Kieremowitsch, Neresowitsch, Seferowitsch, von Frau und Fräulein Boska, den beiden Herren Piotrowitsch und dem alten Nowowiejski, die Armenier aus Kamieniez nicht mitgerechnet, und die zahlreiche Dienerschaft und bewaffneten Knechte, welche die Wagen, die Zug- und die Saumtiere hüten sollten. Die Piotrowitschs und die geistlichen Delegaten des Patriarchen von Usmiadsin sollten in Raschkow nur Rast halten, dort Erkundigungen über den Weg einziehen und weiterreisen nach der Krim. Der Rest der Gesellschaft beschloß, sich auf eine Zeit in Raschkow niederzulassen, und wenigstens bis zum ersten Tauwetter auf die Rückkehr der Gefangenen zu warten: auf Boski, den jüngeren Seferowitsch und die beiden Kaufleute, die von ihren besorgten Gattinnen schon lange mit Sehnsucht erwartet wurden.
Es war ein mühsamer Weg, denn er führte durch Wüsteneien und Schluchten. Zum Glück hatten die reichlichen und trockenen Schneefälle eine ausgezeichnete Schlittenbahn geschaffen; die Anwesenheit des Heerkommandos in Mohylow, Jampol und Raschkow gaben Sicherheit. Asba-Bey war vernichtet, die Räuber gehenkt oder zerstreut, und die Tataren pflegten zur Winterszeit wegen des Mangels an Gras ihre Streifzüge nicht aufzunehmen.
Schließlich hatte Nowowiejski versprochen, wenn er nur die Erlaubnis von Ruschtschyz erhalte, mit etlichen zehn Pferden der Karawane entgegenzukommen. Und so reiste man denn sorglos und guter Dinge. Sophie wäre mit Herrn Adam bis ans Ende der Welt gegangen. Frau Boska und die beiden armenischen Frauen hofften in kurzer Zeit ihre Männer wiederzugewinnen. Raschkow lag zwar in entsetzlicher Einöde an der äußersten Grenze der christlichen Welt, aber man reiste ja doch nicht fürs ganze Leben hin, nicht einmal zu einem langen Aufenthalt. Zum Frühling sollte es Krieg geben; man sprach an den Grenzen allgemein davon, und darum mußte man, wenn die Geliebten wiedergewonnen, mit dem ersten warmen Winde heimkehren, um das Haupt vor tödlicher Gefahr zu schützen.
Evchen war in Chreptiow geblieben, Frau Barbara hatte sie zurückgehalten. Der Vater drängte auch nicht sehr, sie mit sich zu nehmen, da er sie im Hause so braver Leute wußte.
»Ich werde sie schon sicher hinschicken, oder ich bringe sie gar selbst,« sagte Bärbchen, »ja, eher bringe ich sie selbst, denn einmal im Leben möchte ich diese furchtbare Grenze sehen, von der ich soviel von Kindheit auf gehört habe. Im Frühling, wenn die Wege wieder von den Tatarenscharen wimmeln, wird es mein Mann nicht gestatten, aber jetzt, wenn Evchen hierbleibt, werde ich einen guten Vorwand haben. In etwa zwei Wochen werde ich anfangen, in ihn zu dringen, und in dreien habe ich sicher die Erlaubnis.«
»Euer Gatte, hoffe ich, wird Euch auch im Winter nicht ohne eine tüchtige Eskorte reisen lassen.«
»Wird er es möglich machen, so wird er selbst mit mir reisen, wo nicht, wird uns Asya mit zweihundert Pferden oder mehr begleiten, denn ich habe schon gehört, daß er nach Raschkow abkommandiert sein soll.«
Damit schloß die Unterredung, und Evchen blieb. Bärbchen hatte aber außer den wahren Gründen, die sie Herrn Nowowiejski auseinandersetzte, auch noch eine andere Absicht: sie wollte Asya die Annäherung an Evchen erleichtern, denn der junge Tatar begann sie zu beunruhigen. So oft er mit ihr zusammen war, antwortete er zwar auf ihre Fragen, daß er Evchen liebe, daß die alte Neigung noch nicht erloschen sei; so oft er sich aber mit Evchen allein befand -- schwieg er. Inzwischen hatte sich das Mädchen in der Einsamkeit von Chreptiow sinnlos verliebt; seine wilde, aber prächtige Erscheinung, seine Kindheit, die er unter der rauhen Hand Nowowiejskis verbracht, seine fürstliche Abstammung, das lange Geheimnis, das darüber gewaltet hatte, und endlich sein Kriegsruhm hatten sie vollends bezaubert. Sie harrte nur des Augenblicks, um ihm das Herz, das lichterloh brannte, zu öffnen, um ihm zu sagen: »Asya, ich habe dich seit meinen Kindertagen geliebt,« in seine Arme zu fallen, und ihm Liebe zu schwören bis in den Tod. Er aber biß die Zähne zusammen und schwieg.
Evchen glaubte anfangs, die Anwesenheit des Vaters und des Bruders halte Asya vor dem Geständnis zurück; später aber erfaßte sie Unruhe, denn wenn auch der Vater und der Bruder unzweifelhaft Hindernisse bereitet haben würden, solange Asya das Bürgerrecht nicht besaß, so konnte er doch vor ihr sein Herz öffnen, ja mußte er es um so schneller, um so aufrichtiger öffnen, je mehr Hindernisse auf ihrem Wege lagen. Und er schwieg.
Endlich stahlen sich Zweifel in die Seele des Mädchens, und sie klagte Bärbchen ihr Geschick. Diese beruhigte sie aber und sagte:
»Ich leugne nicht, daß er ein seltsamer, furchtbar verschlossener Mensch ist, aber ich bin gewiß, daß er dich liebt, denn erstens hat er es mir oftmals gesagt, und dann sieht er dich mit anderen Blicken an als die anderen.«
Evchen aber schüttelte den Kopf und sagte traurig:
»Anders wohl, aber ich weiß nicht, ob Liebe oder Haß in diesem Blicke ist.«
»Gutes Evchen, sprich doch nicht so! Weshalb sollte er dich hassen?«
»Weshalb mich lieben?«
Bärbchen streichelte ihr mit ihrer kleinen Hand die Wange.
»Und weshalb hat Michael mich geliebt? Und weshalb hat dein Bruder Sophie liebgewonnen, da er sie kaum gesehen hatte?«
»Adam war immer schnell entschlossen.«
»Asya aber ist stolz und fürchtet eine Zurückweisung, besonders von deinem Vater, denn dein Bruder, der selbst liebt, würde eher die Qual der Liebe begreifen. Das ist es; sei nicht töricht, Evchen, fürchte dich nicht, ich will Asya tüchtig ausschelten, und du sollst sehen, er wird entschlossen sein.«
Noch an demselben Tage sprach Bärbchen mit Asya, und gleich nach dieser Unterredung lief sie eiligen Schrittes zu Evchen.
»Schon geschehen!« rief sie an der Schwelle.
»Was?« fragte Evchen, purpurrot.
»Ich habe so zu ihm gesagt: Was denkt Ihr Euch, wollt Ihr undankbar gegen mich sein, wie? Ich habe Evchen absichtlich hier behalten, damit Ihr die Gelegenheit benutzt; wenn Ihr sie aber nicht benutzt, so wißt, daß ich sie in zwei, höchstens drei Wochen nach Raschkow schicke und vielleicht selbst mit ihr reise, und Euch bleibt dann der Korb. -- Sein Gesicht veränderte sich, als er von dieser Reise nach Raschkow hörte, und er sank mir zu Füßen. Ich frage ihn also, was er zu tun gedenke. -- ›Unterwegs,‹ sagt er, ›will ich bekennen, was ich im Busen trage, unterwegs,‹ sagt er, ›wird die beste Gelegenheit sein, unterwegs wird geschehen, was geschehen soll, was Bestimmung ist. Alles,‹ sagt er, ›will ich bekennen, alles aufdecken; ich kann nicht länger leben in dieser Qual.‹ -- Und seine Lippen zitterten förmlich, denn er hatte vorher Kränkung gehabt, er hatte heute früh ungünstige Briefe aus Kamieniez empfangen. Er sagte mir, er müsse ohnehin nach Raschkow, es sei bei meinem Manne schon lange ein Befehl des Hetmans zu dieser Reise, nur sei in dem Befehl die Zeit nicht angegeben, weil diese von den Verhandlungen abhänge, die er dort mit den Hauptleuten der Lipker führe. -- ›Und jetzt gerade,‹ sagt er, ›kommt die Zeit heran, und ich muß ihnen entgegengehen bis über Raschkow hinaus, und so kann ich gleichzeitig Ew. Liebden und Fräulein Eva begleiten.‹ -- Ich sagte ihm darauf, es sei noch unbestimmt, ob ich auch reise, denn das hänge von Michaels Erlaubnis ab. Bei diesen Worten erschrak er sehr; -- ach, bist du töricht, Evchen! Du sagst, er liebe dich nicht, und er ist mir zu Füßen gefallen und hörte nicht auf zu bitten, daß ich mitreisen solle. Ich sage dir, er lallte förmlich, ich hätte aus Mitleid weinen mögen. Und weißt du, weshalb er das tat? Er hat es mir gleich gesagt: ›Ich will bekennen,‹ sagt er, ›was ich im Herzen trage, aber ohne Ew. Liebden Eintreten werde ich bei dem Herrn Nowowiejski nichts ausrichten; ich werde nur Zorn und Haß in ihnen und in mir wecken. In Ew. Liebden Händen liegt mein Schicksal, meine Qual, meine Erlösung, denn wenn Ew. Liebden nicht mitreisen, so wollte ich lieber, die Erde verschlänge mich, oder ein Blitz erschlüge mich!‹ -- So liebt er dich, es ist kaum auszudenken! Und wenn du ihn gesehen hättest, wie er da aussah, du wärest erschrocken.«
»Nein, ich fürchte ihn nicht,« antwortete Evchen. Und sie küßte Bärbchens Hände.
»Fahrt mit uns!« wiederholte sie begeistert. »Ihr allein könnt uns retten, Ihr allein werdet Euch nicht fürchten, es dem Vater zu sagen, Ihr allein werdet etwas durchsetzen können. Fahrt mit uns; ich will Herrn Wolodyjowski zu Fußen fallen, damit er Euch die Erlaubnis gebe. Ohne Euch werden der Vater und Asya mit Messern aufeinander losstürzen, -- fahrt mit uns, fahrt mit uns!«
Sie sprach's und sank zu Bärbchens Füßen und umfaßte sie schluchzend.
»So Gott will, fahre ich mit,« antwortete Bärbchen; »ich will Michael alles vorstellen, und will nicht aufhören, ihn zu quälen; auch allein kann man jetzt sicher reisen, um wie viel mehr unter so zahlreicher Bewachung. Vielleicht reist auch Herr Michael mit, er hat ein Herz und wird es erlauben. Erst wird er mich anschreien; aber wenn ich traurig sein werde, wird er bald um mich herumscharwenzeln, mir in die Augen sehen und -- ja sagen. Ich würde es lieber sehen, daß er selbst mitreiste, denn mir wird furchtbar bange nach ihm sein, -- aber was tun? Ich reise auch so, um Euch die Sache zu erleichtern ... handelt es sich doch nicht mehr um meinen Wunsch, sondern um euer beider Schicksal. Michael ist dir gut, und ist Asya gut -- er wird's erlauben!«
Asya aber war nach jener Unterredung mit Bärbchen voller Freude und Hoffnung auf sein Zimmer gestürzt, als sei er nach langer Krankheit plötzlich genesen und neu belebt. Kurz zuvor hatte wahnsinnige Verzweiflung sein Herz erfaßt. Gerade an diesem Morgen hatte er von Herrn Bogusch einen trockenen, kurzen Brief folgenden Inhalts erhalten:
»Mein lieber Asya! Ich habe in Kamieniez Halt gemacht und komme jetzt nicht nach Chreptiow. Erstens, weil Müdigkeit mich ergriffen hat, und zweitens, weil ich dort nichts zu tun habe. In Jaworowo bin ich gewesen. Der Herr Hetman will Dir nicht nur seine schriftliche Erlaubnis nicht geben, und Deine wahnsinnigen Pläne mit seiner Autorität nicht decken, sondern befiehlt Dir streng und bei Verlust seiner Gunst, daß Du sie auf der Stelle aufgebest. Ich habe auch die Überzeugung gewonnen, daß alles das, was Du mir gesagt hast, unnütz ist. Für ein christlich gebildetes Volk ist es sündhaft, sich mit den Heiden in solche Machenschaften einzulassen, und es wäre auch eine Schmach vor der ganzen Welt, Adelsprivilegien an Diebe, Räuber und Mörder, die unschuldiges Blut vergießen, zu verteilen. Erwäge es selbst und denke nicht mehr an die Hetmanswürde, sie ist nicht für Dich, wenn Du auch Tuhaj-Beys Sohn bist. Willst Du aber die Gunst des Hetmans ganz wiedererlangen, so gib Dich zufrieden mit Deinem Range, besonders aber beschleunige Dein Werk mit Krytschynski, Tworkowski, Adurowitsch und den anderen, denn dadurch wirst Du Dir das größte Verdienst erwerben. Eine Weisung des Hetmans über das, was Du tun sollst, sende ich mit diesem Briefe, und an Herrn Michael den Befehl von oben, daß er Dich gehen und kommen lasse mit Deinen Leuten, wann's Dir beliebt. Den Hauptleuten wirst Du sicher entgegeneilen müssen -- und beschleunige das -- und gib mir nach Kamieniez eilig Nachricht, was man drüben auf der anderen Seite hört. Indem ich Dich der göttlichen Gnade empfehle, bleibe ich mit unveränderlichem Wohlwollen Martin Bogusch aus Siembiz, Untertruchseß von Nowogrod.«