Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 25
»Der hiesige Kommandant! Glaubst du, er würde dich in irgend jemands Hände ausliefern, auch wenn du nicht Tuhaj-Beys Sohn wärest? Und sie, die Herrin! Ich habe doch gehört, was sie beim Nachtmahl von dir sagte ... bah, und noch vorher, als Nowowiejski dich erkannte, trat sie alsbald für dich ein. Für sie tut Michael alles, und eine Schwester kann ihren Bruder nicht mehr lieben als sie dich. Während der ganzen Abendmahlzeit war dein Name beständig in ihrem Munde.«
Der junge Tatar senkte plötzlich den Kopf und blies in den Becher seines heißen Getränks. Dabei nahm sein Gesicht, da er die bläulichen Lippen aufblies, einen so tatarischen Ausdruck an, daß selbst Bogusch sagte:
»Bei Gott, wie bist du doch in diesem Augenblick dem alten Tuhaj-Bey ähnlich, das übersteigt alle Vorstellungen! Ich habe ihn doch sehr gut gekannt, ich habe ihn oft gesehen am Hofe des Khans und im Felde, an die zwanzigmal wohl war ich in seiner Residenz.«
»Segne Gott die Gerechten, und treffe die Pest die Verräter!« antwortete Asya, »es lebe der Hetman!«
Bogusch stürzte seinen Becher hinunter und sagte:
»Er lebe! Wir sind zwar nur ein kleines Häuflein, die wir auf seiner Seite stehen, aber echte Krieger. Mit Gottes Hilfe werden wir es mit den Tagedieben, die nur raten und schwatzen können und den Hetman des Verrats gegen den König beschuldigen, noch aufnehmen. Die Schurken! Tag und Nacht bieten wir dem Feinde die Stirn, und sie sitzen an den vollen Fleischtöpfen und machen mit ihren Löffeln Musik. Ja, das ist ihre ganze Arbeit. Der Hetman schickt Boten über Boten aus, bittet um Hilfe für Kamieniez, sagt wie Kassandra den Fall von Ilium und Priamos Stamme voraus, und jene kümmern sich nicht darum und suchen und forschen, wer irgend was gegen den König getan hat.«
»Wovon sprecht Ihr?«
»O, nichts, ich habe nur einen Vergleich unseres Kamieniez mit Troja gemacht; aber du hast gewiß nie von Troja gehört. Wenn es nur erst ruhiger wird, so wird der Herr Hetman dir das Bürgerrecht auswirken. Mein Leben dafür! Es kommen Zeiten, in denen es an Gelegenheit nicht fehlen wird. Wenn du nur willst, kannst du dich mit Ruhm bedecken.«
»Entweder bedecke ich mich mit Ruhm, oder die Erde bedeckt mich. Ihr sollt von mir hören, so wahr ein Gott im Himmel ist!«
»Und jene dort? Was tut Krytschynski -- kehrt er zurück, kehrt er nicht zurück? Was machen sie jetzt?«
»Sie stehen in den Lagern, die einen hier, die anderen dort; sie können sich schwer miteinander verständigen, denn die Entfernungen zwischen ihnen sind zu groß. Sie haben den Befehl, zum Frühling alle nach Adrianopel aufzubrechen und soviel Lebensmittel als möglich mitzunehmen.«
»Beim Himmel, das ist wichtig! Wenn in Adrianopel eine große Heeresversammlung stattfindet, so ist der Krieg mit uns gewiß. Man muß sogleich den Herrn Hetman davon benachrichtigen; auch er glaubt, daß der Krieg bevorsteht, -- aber das wäre ein unfehlbares Anzeichen.«
»Halim hat mir gesagt, es heiße dort, der Sultan selbst wolle nach Adrianopel kommen.«
»Nun Gott sei Dank, und hier bei uns ist kaum ein kleines Häuflein. Unsere ganze Hoffnung ruht in dem Felsen von Kamieniez. Stellt Krytschynski etwa neue Bedingungen?«
»Sie schreiben mehr Klagen aus, als sie Bedingungen stellen: allgemeine Amnestie, Gewährung der Rechte und Privilegien des Adels, wie sie sie in alten Zeiten hatten, Beibehaltung des Ranges für die Hauptleute -- das ist's, was sie wollen. Da ihnen der Sultan aber schon mehr zuerkannt hat, zögern sie.«
»Was sagst du, wie kann der Sultan ihnen mehr zuerkennen, als die Republik! In der Türkei ist _absolutum dominium_, und alle Rechte hängen einzig und allein von der Laune des Sultans ab. Hält auch der, der jetzt lebt und regiert, alle Versprechungen, so bricht sie sein Nachfolger, tritt sie mit Füßen, wenn er will. Bei uns aber ist ein Privileg geheiligt, und wer dem Adel angehört, dem kann der König selbst nichts nehmen.«
»Sie aber sagen, sie seien adlig gewesen, und doch habe man sie wie die Dragoner behandelt. Und die Starosten haben ihnen oft genug Dienstpflichten auferlegt, von denen nicht nur der Adel frei ist, sondern sogar die Freisassen.
Wenn ihnen der Hetman verspricht ... Keiner von ihnen zweifelt an der Großmut des Hetmans, und alle lieben ihn heimlich in ihrem Herzen; aber sie denken so: den Hetman selber hat der Adel zum Verräter gemacht; am königlichen Hofe haßt man ihn, die Konföderation droht ihm mit dem Gericht, wie sollte er etwas erwirken können?«
Bogusch rieb sich den Kopf.
»Was also wird geschehen?«
»Sie wissen selbst nicht, was sie tun sollen ...«
»... Und bleiben beim Sultan.«
»Nein.«
»Hm, wer wird ihnen befehlen, zur Republik zurückzukehren?«
»Ich.«
» -- Wie?«
»Ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey.«
»Lieber Asya,« sagte Bogusch nach einer Weile, »ich will nicht leugnen, daß sie deine Herkunft und deinen Ruhm achten können, obwohl es unsere Tataren sind, und Tuhaj-Bey unser Feind war; solche Dinge begreife ich, denn auch unter uns gibt es Edelleute, die mit einem gewissen Stolze erzählen, daß Chmiel von Adel war, und nicht von den Kosaken, sondern von unserem Volk abstammte, von den Masuren ... Nun, er war doch gewiß ein Schurke, wie es in der Hölle keinen größeren gibt, aber da er ein berühmter Krieger war, so erkennen sie ihn gern an. So ist die menschliche Natur. Daß aber deine Herkunft von Tuhaj-Bey dir ein Recht geben sollte, allen Tataren zu befehlen, dafür sehe ich keinen vernünftigen Grund.«
Asya schwieg eine Weile, dann stemmte er die Ellbogen gegen die Schenkel und sagte:
»So will ich Euch sagen, Herr Truchseß, warum Krytschynski mir gehorcht, und warum die anderen mir gehorchen. Nicht allein, daß sie einfache, glückliche Tataren sind, und ich ein Fürst, es ist noch anders: in mir wohnt Klugheit und Macht ... das wißt Ihr nicht, das weiß auch der Herr Hetman nicht.«
»Welche Klugheit, welche Macht?«
»Das kann ich nicht sagen,« antwortete Asya in ruthenischer Mundart. »Warum bin ich zu Dingen bereit, zu welchen kein anderer sich erkühnen würde? Warum habe ich Pläne gefaßt, die kein anderer fassen würde?«
»Was sagst du, was für Pläne?«
»Wenn mir der Hetman den Willen ließe und das Recht dazu gäbe, ich würde nicht nur die Hauptleute zurückführen, ich würde die Hälfte der Horde in den Dienst des Hetmans stellen. Gibt es wenig wüsten Boden in der Ukraine und in den wilden Feldern? Mag der Hetman nur verkündigen, daß jeder Tatar, der in die Republik kommt, ein Edelmann wird, und daß er in seinem Glauben nicht bedrückt werden, daß er unter seiner eigenen Fahne dienen solle, daß sie alle ihren eigenen Hetman haben sollen, wie ihn die Kosaken haben -- meinen Kopf gäbe ich dafür, daß in kürzester Frist die ganze Ukraine von ihnen wimmeln wird. Die Lipker werden kommen und die Tscheremissen, aus der Dobrudscha, aus Bialogrod, ebenso aus der Krim werden sie kommen, ihre Herden werden sie hertreiben, ihre Frauen und Kinder werden sie herfahren. Schüttelt nicht mit dem Kopfe, sie werden kommen, wie sie in früheren Zeiten gekommen sind, und der Republik jahrhundertelang treu gedient haben. In der Krim und überall bedrücken sie der Khan und die Mirzen, und hier sollen sie Edelleute werden und Schwerter tragen und unter ihrem eigenen Hetman ins Feld rücken. Ich schwöre es Euch, daß sie kommen, denn dort sterben sie Hungers. Und wenn es unter den Stämmen bekannt wird, daß ich im Namen des Hetmans rufe, daß Tuhaj-Beys Sohn ruft, so werden Tausende hierherkommen.«
Bogusch griff sich mit der Hand nach dem Kopfe.
»Bei den Wundern Gottes, Asya, wie kommen dir solche Gedanken? Was würde das geben!«
»Es gäbe in der Ukraine ein Volk der Tataren, wie es ein Volk der Kosaken gibt. Den Kosaken habt ihr Privilegien und einen Hetman zugestanden, warum solltet ihr das für uns nicht zugestehen? Ihr sagt, was das geben würde? Einen zweiten Chmielnizki würde es nicht geben, denn wir würden den Kosaken den Fuß auf den Nacken setzen; Bauernaufstände würde es nicht geben, Gemetzel und Verwüstungen auch nicht -- Doroschenko würde nicht hier sein, denn wenn er es wagte, sich zu erheben, wäre ich der erste, der ihn zu den Füßen des Hetmans hinführt, damit er ihn peitsche. Und wollte die ganze Macht der Türken gegen euch ziehen, wir würden den Sultan bekriegen, wollte der Khan seine Scharen gegen euch loslassen, wir schlügen den Khan. Haben die Lipker und Tscheremissen nicht in früheren Zeiten so getan, obwohl sie den Glauben Mohammeds bekannten? Warum sollten wir anders handeln, wir, die Tataren der Republik, wir Edelleute ... Und nun erwägt: Die Ukraine wird Frieden haben, die Kosaken werden niedergehalten, gegen die Türken habt ihr einen Schutz und etliche zehntausend Mann mehr -- das ist mein Plan, das ist's, worüber ich brüte, das ist's, weshalb Krytschynski, Adurowitsch, Morawski, Tworkowski mir folgen, das ist's, weshalb die halbe Krim auf meinen Ruf diese Steppen überfluten wird.«
Bogusch war so erstaunt und so überwältigt von Asyas Worten, daß es ihm war, als seien die Wände des Zimmers plötzlich auseinander gerückt, und als hätten sich seinen Augen plötzlich neue Länder gezeigt. Lange Zeit konnte er kein Wort sprechen; er starrte nur den jungen Tataren an, der mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. Endlich sagte dieser:
»Ohne mich könnte sich das nicht vollziehen, denn ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey. Vom Dniepr bis zur Donau gibt es keinen ruhmreicheren Namen unter den Tataren.«
Dann fügte er nach einer Weile hinzu:
»Was gilt mir Krytschynski, Tworkowski und die anderen! Nicht um jene ist es mir zu tun, nicht um einige tausend Lipker und Tscheremissen, sondern um die ganze Republik. Es heißt, wenn der Frühling kommt, steht ein großer Krieg mit der ganzen Macht des Sultans bevor; aber lasset mich nahen, und ich will unter den Tataren ein Feuer entzünden, daß der Sultan selbst sich die Hände verbrennen soll.«
»Bei Gott, wer bist du, Asya!« rief Bogusch aus.
Und er warf den Kopf zurück und sprach:
»Der zukünftige Hetman der Tataren.«
Der Glanz des Feuerscheins fiel in diesem Augenblick auf Asya und beleuchtete sein furchtbares und zugleich schönes Gesicht. Und Bogusch war's, als stände ein anderer Mensch vor ihm, eine solche Größe, ein solcher Stolz umgab die Gestalt des jungen Tataren. Und Bogusch empfand auch, daß Asya die Wahrheit spreche. Wenn der Hetman einen solchen Aufruf erließ, unzweifelhaft würden alle Lipker und Tscheremissen zurückkehren, und viele der wilden Tataren würden sie mit sich ziehen. Der alte Edelmann kannte die Krim sehr gut, in der er zweimal als Sklave und dann, vom Hetman ausgelöst, als Gesandter gewesen war; er kannte den Hof von Baktschissaraj, er kannte die Horden, die vom Don bis zur Dobrudscha saßen, er wußte, daß im Winter zahlreiche Stämme Hungers starben, er wußte, daß den Mirzen der Despotismus und die Habgier der Basken unerträglich geworden, daß es in der Krim selber häufig zu Empörungen komme; darum begriff er sofort, daß der fruchtreiche Boden und die Privilegien unzweifelhaft alle diejenigen anziehen würden, welchen es in den alten Wohnsitzen schlecht erging, welchen sie zu eng oder unsicher geworden waren.
Er begriff auch, daß sie um so schneller dem Rufe folgen würden, wenn es Tuhaj-Beys Sohn war, der sie rief. Er allein konnte es vollbringen, kein anderer; er konnte mit dem Ruhme seines Vaters die Stämme zur Empörung bringen, die eine Hälfte der Krim gegen die andere unter die Waffen rufen, die wilden Horden von Bialogrod aufrütteln und die ganze Macht des Khans, ja selbst die des Sultans erschüttern.
Wenn der Hetman die Gelegenheit wahrnehmen wollte, so konnte er den Sohn des Tuhaj-Bey als einen Mann betrachten, den ihm die Vorsehung gesandt hatte.
Bogusch begann also Asya mit anderen Augen zu betrachten, und erstaunte immer mehr, wie solche Gedanken in seinem Kopfe entstehen mochten. Der Schweiß lief dem Ritter in Perlen über die Stirn, so ungeheuer erschienen ihm Asyas Pläne. Und doch blieben ihm immer noch Zweifel in der Seele. Darum sagte er nach einer Weile:
»Und weißt du auch, daß um solcher Dinge willen Krieg mit der Türkei kommen müßte?«
»Der Krieg kommt auch so; warum ist den Horden befohlen, nach Adrianopel zu ziehen? Nur dann gibt es keinen Krieg, wenn im Reiche des Sultans selber Zwistigkeiten entstehen. Wenn es aber dazu kommt, ins Feld zu rücken, so wird die Hälfte der Horde auf unserer Seite sein.«
Für alles hat der Schlaukopf ein Argument -- dachte Bogusch.
»Es wirbelt mir im Kopfe,« sagte er nach einer Weile; »siehst du, Asya, in jedem Falle ist das kein leichtes Ding. Was würde der König sagen, der Kanzler, die Stände, der ganze Adel, der zum größten Teil dem Hetman unfreundlich gesinnt ist?«
»Ich brauche nur die Erlaubnis des Hetmans schriftlich, und wenn wir erst hier sitzen, mögen sie uns dann herausdrängen, -- wer wird uns herausdrängen, und auf welche Weise? Gern möchtet ihr die Saporoger aus der Sitsch verjagen, aber ihr könnt es nicht.«
»Der Hetman wird die Verantwortlichkeit fürchten.«
»Hinter dem Hetman werden zehntausend tatarische Schwerter stehen, außer dem Heere, das er jetzt befehligt.«
»Und die Kosaken? Die Kosaken vergißt du, diese werden sofort Widerspruch erheben.«
»Dazu eben sind wir hier nötig, damit das Schwert über dem Haupte der Kosaken hänge. Was gibt Dorosch die Kraft? Die Tataren. Die Tataren in meiner Hand, und Dorosch muß vor dem Hetman die Kniee beugen.«
Bei diesen Worten streckte Asya die Hände von sich und breitete die Finger wie Adlerkrallen aus; dann erfaßte er den Griff seines Schwertes.
»So werden wir den Kosaken ihre Rechte anweisen; zu Bauern sollen sie werden, und wir werden die Ukraine beherrschen. Hört, Bogusch, Ihr glaubt, ich sei ein kleiner Mensch, und ich sage Euch, ich bin nicht so klein, wie Herr Nowowiejski, der hiesige Kommandant, die Offiziere und Ihr, Herr Bogusch, glaubt. Seht, ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht, daß ich hager wurde, daß mir die Wangen einfielen, daß sie sich dunkler färbten; aber was ich ersonnen habe, habe ich klug ersonnen, und darum habe ich Euch gesagt, daß Klugheit und Macht in mir wohnen. Ihr seht selbst, daß es sich um große Dinge handelt; fahrt zum Hetman, hurtig, stellt ihm vor, er soll es mir schriftlich geben, und ich will mich um die Stände nicht kümmern. Der Hetman hat eine große Seele, der Hetman wird wissen, daß dies Macht und Klugheit ist. Sagt dem Hetman, daß ich Tuhaj-Beys Sohn bin, daß ich allein es machen kann; stellt es ihm vor, fordert seine Zustimmung, aber um Gottes willen, solange es Zeit ist, solange der Schnee in der Steppe liegt, ehe der Frühling kommt, denn mit dem Frühling kommt der Krieg. Eilt sofort hin und kehrt sofort zurück, damit ich bald wisse, was mir zu tun bleibt.«
Bogusch bemerkte kaum, daß Asya in befehlendem Tone sprach, als sei er schon Hetman, und als gebe er seinem Offizier Weisungen.
»Morgen will ich ruhen,« sagte er, »und übermorgen gehe ich fort. Gebe Gott, daß ich den Hetman in Jaworowo finde. Er ist schnell im Entschluß, und du sollst bald Antwort haben.«
»Glaubt Ihr, daß der Hetman zustimmen wird?«
»Vielleicht befiehlt er dir, zu ihm zu kommen; verlasse deshalb Raschkow nicht, von hier kommst du schneller nach Jaworowo. Ob er zustimmt? Ich weiß es nicht, aber er wird die Sache reiflich erwägen, denn du führst gewichtige Gründe an. Bei dem lebendigen Gott, das hätte ich nicht von dir erwartet; aber jetzt sehe ich, daß du kein gewöhnlicher Mensch bist, und daß dich Gott zu großen Dingen bestimmt hat. Nun, nun -- Asya, Asya, Statthalter in der Lipkischen Fahne, nicht mehr, und solche Dinge im Kopfe, daß man hier erschrecken muß! Jetzt würde ich mich nicht mehr wundern, wenn ich die Reiherfeder auf deinem Kalpak und den Roßschweif über dir sehen würde; auch das glaube ich, was du sagst, daß dir diese Gedanken deine Nachtruhe aufgezehrt ... Gleich übermorgen gehe ich fort, ich will nur ein wenig ruhen, und jetzt will ich gehen, denn es ist spät und es geht mir wie ein Mühlrad im Kopfe herum. -- Lebe wohl, Asya ... In den Schläfen pocht's mir, als wäre ich berauscht ... Behüte dich Gott, Asya, Sohn des Tuhaj-Bey!«
Hier drückte Bogusch die hagere Hand des Tataren und wandte sich zur Tür. Aber noch an der Schwelle blieb er stehen und sagte:
»Wie war's ... neue Heere für die Republik ... ein Schwert über dem Haupte der Kosaken ... Dorosch gedemütigt ... Zwist in der Krim ... die Macht der Türken geschwächt ... keine Überflutung der reußischen Lande mehr -- -- bei Gott!«
Mit diesen Worten ging er hinaus, Asya blickte ihm noch eine Weile nach, dann sprach er leise:
»Und für mich der Roßschweif, das Szepter und ... willig oder mit Gewalt -- sie! -- -- sonst wehe euch!«
Dann trank er den Rest seines Branntweins und warf sich auf die mit Fellen bedeckte Pritsche, die im Winkel des Zimmers stand. Das Feuer im Kamin war erloschen, aber durch die Fenster fielen die hellen Strahlen des Mondes, der hoch am klaren Winterhimmel stand. Asya lag eine Zeitlang ruhig, aber er konnte nicht einschlafen. Endlich erhob er sich, trat ans Fenster und betrachtete den Mond, der wie ein einsamer Nachen durch die unermeßliche Einsamkeit des Himmels dahinglitt.
Der junge Tatar blickte lange hinaus; endlich drückte er die Fäuste über seine Brust zusammen, hob beide Daumen in die Höhe, und aus seinem Munde, der vor kaum einer Stunde sich zu Christo bekannt hatte, kam halb singend, halb sprechend ein melancholischer Ton: Allah il Allah, Allah il Allah -- Mohammed Rossulah! ...
13. Kapitel.
Bärbchen hielt am folgenden Morgen mit ihrem Gatten und Herrn Sagloba Rat, wie man die beiden Herzen, die sich liebten und litten, vereinigen könnte. Beide lachten über ihren Eifer und hörten nicht auf, sie zu necken. Endlich aber gaben sie ihr, wie sie gewohnt waren, wie einem verhätschelten Kinde nach, und versprachen ihr beizustehen.
»Das beste ist,« sagte Sagloba, »wir überreden Nowowiejski, das Mädchen nicht nach Raschkow mitzunehmen, weil die Kälte herankommt, und die Wege nicht ganz sicher sind; dann werden sich die jungen Leute hier sehen und sich vollends ineinander verlieben.«
»Das ist ein vortrefflicher Gedanke!« rief Bärbchen.
»Vortrefflich oder nicht,« versetzte Sagloba, »gelt, laß' sie dann nicht aus den Augen! Du bist ein Weib, und so denke ich, du wirst sie am Ende doch zusammenkoppeln, denn die Weiber setzen alles durch. Gib nur acht, daß der Teufel dabei nicht sein Spiel habe. Du würdest dich schämen, daß du ihm nachgeholfen hast.«
Bärbchen fauchte Herrn Sagloba an wie ein Kätzchen, dann sagte sie:
»Ihr rühmt Euch, daß Ihr in Euren Jugendjahren ein Türke waret und glaubt, ein jeder müsse so sein. Asya ist nicht so wie Ihr!«
»Nein, er ist kein Türke, er ist ein Tatar. Schönes Püppchen, sie will für tatarische Gefühle bürgen!«
»Ans Weinen denken sie beide in ihrem furchtbaren Schmerz ... und Evchen ist das bravste Mädchen.«
»Aber sie hat ein Gesicht, als stünde ihr auf der Stirn geschrieben: Gib's Mäulchen! Hu, das ist eine Dohle! Gestern hab' ich's wohl beobachtet: wenn sie bei Tische einem hübschen Burschen gegenübersitzt, dann überkommt sie's schwül, daß sie den Teller bald fort- und bald heranrückt. Eine Dohle, sag' ich dir!«
»Wollt Ihr, daß ich gehen soll?«
»Du wirst nicht gehen, wenn es sich ums Verheiraten handelt; wir kennen dich, du gehst nicht fort. Oder ist es dir noch zu früh, die Leute zu verheiraten, weil es das Handwerk würdiger Matronen ist? Frau Boska sagte mir gestern, als sie dich in den Höschen sah, wie du aus der Schlacht zurückkamst, sie habe geglaubt, ein Söhnchen der Frau Kommandantin zu sehen, wie er am Zaune Krieg spielt. Du liebst die Würde nicht, aber die Würde liebt auch dich nicht, und das sieht man bald aus deiner zierlichen Figur. Bei Gott, der reine Schulbube! Wie sich die Weiber heute verändert haben! In meiner Zeit, wenn so ein Weibsbild sich auf eine Bank setzte, dann quietschte die Bank, als wenn jemand einem Hunde auf den Schwanz getreten habe. Und du könntest auf einer Katze reiten, ohne daß es der Bestie Beschwerde machte ... Es heißt auch, daß Frauen, die anfangen, andere zu verheiraten, keine Nachkommenschaft haben.«
»Sagt man das wirklich?« fragte der kleine Ritter beunruhigt.
Sagloba aber lachte, und Bärbchen legte ihr rosiges Gesicht an das Gesicht ihres Gatten und sagte mit halber Stimme:
»Weißt du, Michael, zu gelegener Zeit gehen wir nach Tschenstochau zur heiligen Mutter Gottes.«
»Das ist wirklich das beste Mittel,« sagte Sagloba.
Sie umarmten sich, und Bärbchen sagte: »Und jetzt laß' uns von Asya und von Evchen sprechen, wie wir ihnen helfen; uns ist wohl, so soll auch ihnen wohl sein!«
»Wenn Nowowiejski fortgeht, wird ihnen besser werden,« sagte der kleine Ritter, »denn in seiner Gegenwart haben sie sich nicht sehen können, besonders da Asya den Alten haßt; aber wenn der Alte ihm Evchen gibt, vielleicht vergessen sie, was gewesen und gewinnen einander lieb, wie ein Schwiegervater seinen Schwiegersohn. Ich meine, die Hauptsache ist nicht, die Jungen aneinander zu bringen, denn die lieben sich ohnehin -- sondern den Alten zu versöhnen.«
»Er ist ein ungeschlachter Mensch,« sagte Bärbchen.
»Bärbchen,« entgegnete Sagloba, »stell' dir vor, du habest eine Tochter und du solltest sie einem Tataren geben.«
»Asya ist ein Fürst,« antwortete Bärbchen.
»Ich leugne nicht, daß Tuhaj-Bey von hoher Herkunft ist, aber auch Ketling war ein Edelmann, und doch hätte Christine ihn nicht genommen, wenn er nicht Bürgerrecht bei uns besessen hätte.«
»So erwirket dem Asya das Bürgerrecht.«
»Leicht gesagt. Wenn ihn jemand in sein Wappen aufnehmen wollte, so müßte der Reichstag das bestätigen, und dazu bedarf es der Zeit und der Protektion.«
»Das höre ich nicht gern, daß es der Zeit bedarf; die Protektion würde sich schon finden. Der Herr Hetman würde sie Asya sicherlich nicht verweigern, denn er liebt die Krieger. Michael, schreibe an den Herrn Hetman! Willst du Tinte, Feder, Papier? Schreibe bald, ich bring' dir alles, Licht und Petschaft, und du setzest dich hin und schreibst unverzüglich.«
Michael lachte.
»Allmächtiger Gott,« sagte er, »ich habe dich um ein ruhiges, verständiges Weib gebeten, und du hast mir einen Sausewind gegeben.«
»Sprich nur so, sprich nur so, dann sterbe ich!«
»Pfui, pfui!« rief der kleine Ritter und spie dabei aus, »verrufe es nicht!«
Jetzt wandte er sich um zu Sagloba.
»Wißt Ihr nicht einen Spruch?«
»Ob ich einen weiß! Ich habe ihn schon gesagt,« antwortete Sagloba.
»Schreibe,« rief Bärbchen, »ich fahre sonst aus der Haut.«
»Ich schreibe ja zwanzig Briefe, wenn du es wünschest, obgleich ich nicht weiß, wozu es nutzen soll. Hier kann der Hetman selbst nichts erwirken, und mit seiner Protektion kommt er erst hervor, wenn es Zeit dazu ist. Liebes Bärbchen, Fräulein Eva hat dir ihr Geheimnis anvertraut, gut, aber mit Asya hast du noch kein Wort gesprochen, und du weißt noch gar nicht, ob er für das Mädchen Gegenliebe hat.«
»Oho, keine Gegenliebe! Wie sollte er sie nicht lieben? Er hat sie doch in der Laube geküßt, oho!«
»Goldenes Herz!« sagte Sagloba lachend, »wie ein neugeborenes Kind, nur daß sie mit der Zunge schneller ist. Liebes Kind, wenn wir, Michael und ich, alle, die wir einmal geküßt haben, hätten heiraten sollen, da hätten wir gleich zu Mohammed schwören müssen, und ich hätte Padischah und er Khan der Krim werden müssen -- was, Michael, was?«
»Auf Michael hatte ich einmal Verdacht, noch ehe ich die seine war,« sagte Bärbchen. Und sie fuhr ihm mit dem kleinen Finger vor dem Auge hin und her und neckte ihn:
»Drehe nur den Schnurrbart, dreh' ihn nur: du kannst es nicht leugnen. O ich weiß, und du weißt's auch ... bei Ketling! ...«.
Der kleine Ritter drehte wirklich an seinem Schnurrbart, um seine Verlegenheit zu verbergen. Endlich sagte er, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben:
»Du weißt also nicht, ob Asya das Mädchen liebt?«