Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 24

Chapter 243,860 wordsPublic domain

Der anwesende Kommandant sprang wieder hinzu und umarmte den kleinen Ritter; Frau und Fräulein Boska falteten nur die Hände und dankten Gott, daß er ihnen gewährt habe, zu so herzensguten Menschen zu gelangen. Sie wurden auch beide viel heiterer.

»Wenn der alte Khan lebte,« sagte Herr Nienaschyniez, »dann ginge alles noch leichter, denn er war uns sehr geneigt, und von dem jungen sagt man das Gegenteil. Auch diese armenischen Kaufleute, die von Herrn Zacharias Piotrowitsch heimgeholt werden sollen, sind schon zur Regierungszeit des jungen Khan in Baktschissaraj selber gefangen worden, und das soll, wie man sagt, auf des Khans Befehl geschehen sein.«

»Der Junge wird sich ändern, wie sich der Alte geändert hat, der, ehe er sich von unserer Redlichkeit überzeugte, der erbittertste Feind des polnischen Namens war,« sagte Sagloba. »Ich weiß das am besten, denn ich habe sieben Jahre bei ihm in der Gefangenschaft geschmachtet. Mein Anblick wird euch Mut geben; -- sieben Jahre ... kein Spaß. Und doch bin ich zurückgekommen, und habe so viele von diesen Hunden zusammengehauen, daß ich für jeden Tag meiner Gefangenschaft mindestens zweie in die Hölle geschickt habe, und für die Sonn- und Feiertage, weiß Gott, ob nicht drei oder vier herauskommen, ha!«

»Sieben Jahre!« wiederholte Frau Boska mit einem Seufzer.

»Sterben soll ich, wenn ich einen Tag zuviel gesagt habe! Sieben Jahre im Palast des Khans selber,« bekräftigte Sagloba, geheimnisvoll mit den Augen zwinkernd. »Und Sie müssen wissen, daß der junge Khan mein ...« hier flüsterte er Frau Boska etwas ins Ohr. Plötzlich brach er in ein lautes »Ha-ha-ha!« aus, schlug mit den Händen auf die Kniee, und endlich klopfte er im Eifer auch Frau Boska aufs Knie und sagte: »Fürwahr, schöne Zeiten, was? In der Jugend hieß, was auf dem Felde war, Feind, und jeden Tag gab's einen neuen Streich, ha!«

Die würdige Matrone war ganz verwirrt und entfernte sich ein wenig von dem lustigen Ritter; die jungen Frauen senkten die Augen, denn sie vermuteten, daß die Streiche, von welchen Sagloba sprach, ihrer angeborenen Bescheidenheit unangemessen seien, um so mehr, als die Soldaten in ein schallendes Gelächter ausbrachen.

»Man wird bald zu Herrn Ruschtschyz schicken müssen,« sagte Bärbchen, »damit Herr Piotrowitsch die Briefe in Raschkow schon vorfinde.«

Darauf versetzte Bogusch: »Eilt, meine Herrschaften, mit der ganzen Angelegenheit, solang es noch Winter ist; denn erstens streifen um diese Zeit keine Banden umher, und die Wege sind sicher; und dann, Gott weiß, was im Frühling kommen kann!«

»Hat der Herr Hetman Nachrichten aus Stambul gehabt?« fragte Wolodyjowski.

»Ja, und wir müssen über dieselben noch besonders sprechen. Das ist gewiß, daß man auch mit jenen Hauptleuten schnell ein Ende machen muß. Wann kommt Mellechowitsch zurück? -- denn von ihm hängt viel ab.«

»Er soll nur den Rest der Horden niederhauen und dann die Leichen begraben. Er muß noch heute zurückkommen oder morgen früh. Ich habe ihm befohlen, nur die Unsrigen zu begraben: die Leute Asbas kann er allenfalls liegen lassen, denn der Winter steht bevor, und die Pest haben wir nicht zu fürchten. Übrigens werden die Wölfe sie fortschaffen.«

»Der Herr Hetman bittet,« sagte Bogusch, »dem Mellechowitsch hier in seiner Arbeit kein Hindernis zu bereiten. So oft er nach Raschkow reisen will, soll man ihn reisen lassen. Der Herr Hetman bittet auch, ihm in allem zu vertrauen, weil er seiner Liebe zu uns sicher ist. Er ist ein großer Krieger und kann viel Gutes wirken!«

»Mag er nach Raschkow reisen, und wohin er will,« antwortete der kleine Ritter. »Seit dem Augenblick, da wir Asba vernichtet haben, ist er mir gar nicht so sehr nötig. Größere Haufen werden sich jetzt nicht mehr blicken lassen, ehe das erste Gras wächst.«

»So ganz vernichtet ist Asba?« fragte Nowowiejski.

»So vernichtet, daß ich nicht weiß, ob fünfundzwanzig Mann davongekommen sind, und auch die werden wir einzeln einfangen, wenn sie Mellechowitsch nicht schon gefangen hat.«

»Ich freue mich ungeheuer darüber,« antwortete Herr Nowowiejski, »denn jetzt wird man gewiß ohne Gefahr nach Raschkow reisen können.«

Hier wandte er sich an Bärbchen:

»Wir können die Briefe an Herrn Ruschtschyz mitnehmen, von denen die gnädige Frau gesprochen hat.«

»Wir danken,« versetzte Bärbchen, »hier gibt es immer Gelegenheit, denn es werden Eilboten hingeschickt.«

»Alle Kommandos müssen beständig die Verbindung untereinander aufrecht erhalten,« fügte Herr Michael erklärend hinzu. »Sie reisen also, bitte, mit diesem schönen Fräulein nach Raschkow?«

»Sie ist ein gewöhnlicher Pudel, keine Schönheit, verehrter Herr,« antwortete Nowowiejski, »und nach Raschkow gehen wir, weil dort mein Tunichtgut von Sohn bei Herrn Ruschtschyz' Fahne dient. Zehn Jahre sind's beinahe, daß er von Hause entflohen, und nur mit Briefen meine väterliche Güte in Anspruch nahm.«

Wolodyjowski klatschte in die Hände.

»Ich habe es mir gleich gedacht, daß Ihr Nowowiejskis Vater seid, und ich hätte gefragt, wenn mich nicht die Trauer der Frauen abgelenkt hätte. Ich habe es gleich gedacht, denn auch Eure Züge ähneln sich. Ei, seht doch, so ist er Euer Sohn!«

»So versicherte mir seine Mutter selig, und da sie ein tugendhaftes Weib war, habe ich keine Veranlassung, daran zu zweifeln.«

»So freue ich mich doppelt über einen solchen Gast, bei Gott! Nur nennt mir Euren Sohn nicht einen Tunichtgut, denn er ist ein trefflicher Krieger und ein würdiger Ritter, der Euch alle Ehre macht, und nach Herrn Ruschtschyz der beste Streifzügler in der ganzen Fahne; oder solltet Ihr nicht wissen, daß er des Herrn Hetmans Augenstern ist? Ganze Kommandos hat man ihm schon anvertraut, und aus jeder Funktion ist er mit großem Ruhme hervorgegangen.«

Herr Nowowiejski errötete vor Freude.

»Mein Herr Hauptmann,« sagte er, »oft tadelt ein Vater sein Kind, nur damit ein anderer seinen Worten widerspreche, und ich meine, man kann das väterliche Herz nicht besser ergötzen, als wenn man dem Tadel widerspricht. Ich habe schon von den löblichen Taten Adams gehört, aber jetzt erst sind sie mir wahrhaft erfreulich, wo die Bestätigung seines Rufes aus so berühmtem Munde kommt. Man sagt, er soll nicht bloß ein tapferer Soldat sein, sondern auch ein ernster, was mich gar wunder nimmt, denn er war immer ein Sausewind. Lust zum Kriege hatte der Junge von Kindheit an; der beste Beweis ist, daß er als Knabe aus dem Hause entlief. Ich muß gestehen, wenn ich ihn damals gefaßt hätte, würde ich ihm ein schönes _pro memoria_ gegeben haben. Aber das werde ich jetzt nicht dürfen, sonst geht er mir wieder auf zehn Jahre davon, und dem alten Vater würde bange sein.«

»Daß er aber so viele Jahre hindurch nicht einmal einen Blick in das Vaterhaus geworfen hat?«

»Ich hab's ihm verwehrt. Nun aber ist's genug, und ich gehe zuerst zu ihm, weil er im Dienste doch nicht abkommen kann. Ich wollte die verehrten Herrschaften, meine Gönner, um Gastfreundschaft für das Mädchen bitten und allein nach Raschkow gehen; da Ihr aber sagt, daß die Wege überall sicher sind, so nehme ich auch sie mit. Die Elster möchte gern die Welt sehen, -- mag sie sich satt sehen.«

»Und die Menschen mögen sich an ihr satt sehen!« warf Sagloba ein.

»Das gäbe wenig zu sehen,« antwortete das Mädchen, dessen lebhafte schwarze Augen und wie zum Kuß gewölbte Lippen eine andere Sprache redeten.

»Ein gewöhnlicher Pudel, nichts anderes als ein Pudel,« sagte Nowowiejski; »wenn sie einen Offizier sieht, so ist sie vom Bändel. Darum wollte ich sie auch lieber mitnehmen, als zu Hause lassen, besonders da das Mädchen im Hause nicht sicher ist. Sollte ich aber ohne sie nach Raschkow reisen, so müssen die gnädige Frau sie an ein Schnürchen binden lassen, sonst rückt sie wohl gar aus.«

»Gab man ihr einen Spinnrocken zum Spinnen -- sagte Sagloba -- so tanzte sie mit ihm, wenn sie nichts Besseres hatte; aber Ihr seid ein lustiger Herr. Bärbchen, ich möchte mit Herrn Nowowiejski anstoßen, denn auch ich bin ein Freund von Kurzweil ...«

Noch ehe man das Abendbrot brachte, öffnete sich die Tür, und Mellechowitsch trat ein. Nowowiejski hatte ihn nicht sogleich bemerkt, denn er war mit Sagloba ins Gespräch gekommen; wohl aber war er Evchen ins Auge gefallen, und ihre Wangen überflog eine Flammenröte. Dann wurde sie plötzlich blaß.

»Herr Kommandant,« sagte Mellechowitsch zu Wolodyjowski, »zu Befehl, die Leute sind gefangen worden.«

»Gut, wo sind sie?«

»Ich habe sie hängen lassen, wie Ihr befohlen.«

»Gut. Und sind deine Leute zurückgekehrt?«

»Ein Teil ist dort geblieben, die Leichen einzuscharren, der Rest ist bei mir.«

In diesem Augenblick hob Nowowiejski den Kopf empor und ein ungewöhnliches Staunen malte sich in seinen Zügen.

»Bei Gott, was sehe ich!« sagte er.

Dann erhob er sich, trat direkt auf Mellechowitsch zu und schrie:

»Asya! Was machst du hier, Schurke!«

Und er erhob die Hand, um den Lipker im Nacken zu fassen. Dieser aber fuhr in demselben Augenblick zornig auf, wie wenn man eine Handvoll Pulver in eine Flamme wirft, wurde leichenblaß, ergriff mit eiserner Umklammerung Nowowiejskis Hand und sagte:

»Ich kenne Euch nicht, wer seid Ihr?«

Und er stieß ihn mit solcher Gewalt von sich, daß Nowowiejski mitten im Zimmer hinstürzte.

Eine Zeitlang konnte dieser vor Wut keinen Ton von sich geben; er rang nach Atem und schrie endlich:

»Herr Kommandant, das ist mein Leibeigener und ein Flüchtling -- in meinem Hause von Kindheit an -- Schurke! Er lügt, er ist mein eigen -- Eva, wer ist das, sprich!«

»Asya,« sagte Eva, am ganzen Körper zitternd.

Mellechowitsch würdigte sie keines Blickes. Er heftete seine Augen auf Herrn Nowowiejski, blähte seine Nasenflügel zornig, sah den alten Edelmann mit unbeschreiblichem Hasse an und faßte mit der Hand nach dem Griff seines Dolchmessers.

Von der lebhaften Bewegung seiner Nasenflügel wurde auch sein Schnurrbart hin und her bewegt, und unter ihm traten die weißen Eckzähne hervor, ganz wie bei einem wütenden Eber.

Die Offiziere standen im Kreis umher, Bärbchen war zwischen Mellechowitsch und Nowowiejski gesprungen.

»Was bedeutet das?« fragte sie und runzelte die Brauen.

Ihr Anblick beruhigte die Gegner ein wenig.

»Herr Kommandant,« sagte Nowowiejski, »das heißt, daß dieser Mann, mit Namen Asya, mir gehört und ein Flüchtling ist. Da ich in jungen Jahren in der Ukraine diente, fand ich ihn halb tot in der Steppe und nahm ihn an mich. Er ist ein Tatar; zwanzig Jahre habe ich ihn in meinem Hause großgezogen, mit meinem Sohne habe ich ihn unterrichtet. Als mein Sohn entfloh, half er mir in der Wirtschaft, bis er mit Evchen Liebeleien begann. Als ich das merkte, ließ ich ihn peitschen; später lief er davon. Wie nennt er sich hier?«

»Mellechowitsch.«

»So hat er sich einen Namen angeeignet. Asya heißt er, nicht anders. Er sagt, er kenne mich nicht? Ich aber kenne ihn, und Eva kennt ihn auch.«

»Um des Himmels willen,« sagte Bärbchen. »Euer Sohn hat ihn doch so oft gesehen, wie kam's, daß er ihn nicht erkannte?«

»Als mein Sohn aus dem Hause entfloh, waren sie beide fünfzehn Jahre alt, und dieser hier hat noch sechs Jahre bei mir gesteckt. In dieser Zeit hat er sich sehr verändert, ist gewachsen und hat einen Bart bekommen. Aber Evchen hat ihn sofort erkannt. Ich bitt' Euch, werte Herren, so schenkt doch eher einem Landsmann Glauben, als diesem Abenteurer aus der Krim.«

»Herr Mellechowitsch ist des Hetmans Offizier,« sagte Bärbchen, »wir haben kein Anrecht an ihn.«

»Gestattet, daß ich ihn ausfrage, _audiatur et altera pars_,« bemerkte der kleine Ritter.

Herr Nowowiejski aber verfiel in rasende Wut.

»Herr Mellechowitsch! Ein schöner Herr -- mein Knecht, der sich einen fremden Namen angemaßt hat! Morgen mache ich diesen »Herrn« zu meinem Hundejungen, übermorgen lasse ich diesem Herrn die Peitsche geben, und daran wird der Herr Hetman selber mich nicht hindern, denn ich bin ein Edelmann und kenne meine Rechte.«

Wolodyjowski verzog den Mund und sagte in strengem Tone:

»Und ich bin nicht nur ein Edelmann, sondern auch Kommandant, und auch ich kenne meine Rechte. Euren Leibeigenen könnt Ihr auf dem Wege des Rechts zurückfordern, und Ihr könnt auf die Entscheidung des Hetmans einwirken, -- aber hier befehle ich und kein anderer.«

Nowowiejski mäßigte sich bald; er bedachte, daß er nicht nur zu dem Kommandanten, sondern auch zu dem Vorgesetzten seines eigenen Sohnes und zu dem berühmtesten Ritter der Republik sprach.

»Herr Kommandant,« sagte er in milderem Tone, »ich werde ihn gegen Euren Willen nicht nehmen; ich spreche nur mein Recht aus, und ich bitte, daß mir Glauben geschenkt werde.«

»Mellechowitsch, was hast du dazu zu sagen?« fragte Wolodyjowski.

Der Tatar schlug die Augen zu Boden und schwieg.

»Denn daß du Asya heißest, das wissen wir alle,« fügte Herr Michael hinzu.

»Wozu andere Beweise suchen?« sagte Nowowiejski; »wenn dies mein Knecht ist, so hat er Fische von blauer Farbe auf der Brust eingezeichnet!«

Als Nienaschyniez das hörte, riß er Mund und Nase auf, griff sich an den Kopf und rief:

»Asya, Tuhaj-Beys Sohn!«

Aller Augen richteten sich auf ihn; er zitterte am ganzen Leibe, als öffneten sich seine Wunden wieder, und er schrie noch einmal:

»Das ist mein Kriegsgefangener, das ist Tuhaj-Beys Sohn, bei Gott, er ist's!«

Und der junge Lipker warf stolz den Kopf zurück und ließ seinen Schlangenblick über die Versammlung schweifen; dann riß er plötzlich sein Wams auf der breiten Brust entzwei und sagte:

»Seht hier die Fische in blauer Farbe. -- Ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey!«

Im ganzen Kreise blieb es stumm, einen so mächtigen Eindruck hatte der Name des furchtbaren Kriegers gemacht. War er es doch, der in Gemeinschaft mit dem fürchterlichen Chmielnizki die ganze Republik aufgerüttelt hatte, er, der ein Meer polnischen Blutes vergossen, der die Ukraine, Wolhynien, Podolien und die galizischen Lande mit den Hufen seiner Pferde zertreten, Schlösser und Burgen vernichtet, Dörfer in Brand gesteckt und Myriaden von Menschen in die Gefangenschaft fortgeschleppt hatte. Und der Sohn dieses Mannes stand hier vor der Versammlung in der Chreptiowschen Grenzwarte und sagte den Männern ins Gesicht: ich trage die blauen Fische auf meiner Brust, ich bin Asya, Fleisch vom Fleische Tuhaj-Beys! Aber so groß war bei den Leuten jener Zeit die Achtung vor ausgezeichneter Abstammung, daß trotz der Scheu, welche der Name des berühmten Murza in der Seele eines jeden Kriegers hervorrufen mußte, Mellechowitsch in ihren Augen wuchs, als sei er mit der ganzen Größe seines Vaters angetan.

Sie blickten ihn mit Erstaunen an, besonders die Frauen, für die alles Geheimnisvolle den größten Reiz besitzt. Jener aber stand, als sei er auch in seinen eigenen Augen durch das Bekenntnis gewachsen, stolz da, er senkte den Kopf nicht und sagte endlich:

»Der Edelmann dort -- er zeigte mit dem Finger auf Nowowiejski -- sagt, ich sei sein eigen, und ich erwidere ihm: mein Vater stieg zu Roß mit Hilfe der Rücken Besserer, als er ... Nun denn, er spricht die Wahrheit, wenn er sagt, daß ich bei ihm war, denn ich war bei ihm, und unter seiner Knute floß mir das Blut den Rücken herab, was ich ihm nicht vergessen will, so wahr ich lebe! Mellechowitsch habe ich mich genannt, um seiner Verfolgung zu entgehen, aber obgleich ich nach der Krim entfliehen konnte, diene ich jetzt diesem Vaterland mit meinem Blut und meinem Leben, und ich bin keines Herrn Diener als des Hetmans. Mein Vater war mit Khanen Bruder und Vetter, und in der Krim harrten meiner Reichtümer und Überfluß. Ich aber blieb hier in der Niedrigkeit, denn ich liebe dieses Vaterland, und ich liebe den Hetman, und ich liebe all die, die mir nicht Verachtung gezeigt haben.«

Bei diesen Worten verneigte er sich vor Wolodyjowski -- vor Bärbchen so tief, daß er mit seinem Kopfe beinahe ihre Kniee berührte; sonst blickte er niemand an, nahm seinen Degen unter den Arm und ging hinaus.

Noch eine Weile dauerte das Schweigen; Sagloba ergriff zuerst das Wort:

»Ha, wo ist Herr Snitko? Habe ich nicht gesagt, daß dieser Asya wie ein Wolf dreinschaut, und daß er ein Wolfssohn ist?«

»Ein Löwensohn,« antwortete Wolodyjowski, »und wer weiß, ob er nicht dem Vater nachgeartet ist!«

»Bei Gott, habt Ihr nicht bemerkt, wie ihm die Zähne leuchteten, ganz wie dem alten Tuhaj, wenn er im Zorne war,« sagte Herr Muschalski, »daran allein hätte ich ihn erkannt, denn ich habe auch den alten Tuhaj oft gesehen.«

»Nicht so oft wie ich,« antwortete Sagloba.

»Jetzt begreife ich,« warf Bogusch ein, »warum er unter den Lipkern und Tscheremissen solche Achtung genießt. Verehren sie doch Tuhajs Namen wie den eines Heiligen. Beim lebendigen Gott, wenn dieser Mensch wollte, er könnte sie alle bis auf den letzten Mann in den Dienst des Sultans hinüberführen und uns furchtbare Niederlagen bereiten.«

»Das tut er nimmer,« versetzte Michael, »denn was er gesagt hat, daß er dieses Vaterland und den Hetman liebe, ist Wahrheit, sonst würde er nicht unter uns dienen, während ihm freisteht, nach der Krim zu gehen und dort im Überfluß zu leben. Überfluß hat er wahrlich bei uns nicht gehabt.«

»Das tut er nimmer!« wiederholte Bogusch, »denn wollte er es, so hätte er's längst getan. Nichts hätte ihn hindern können.«

»Im Gegenteil,« fügte Nienaschyniez hinzu, »jetzt glaube ich, daß er der Republik jene verräterischen Hauptleute wieder zurückgewinnt.«

»Herr Nowowiejski,« sagte plötzlich Sagloba, »wenn Ihr nur gewußt hättet, daß er Tuhaj-Beys Sohn ist -- Ihr hättet vielleicht ... hättet vielleicht sein ... was?«

»Ich hätte ihm statt dreihundert dreizehnhundert Knutenhiebe geben lassen. Ein Donnerschlag treffe mich, wenn ich anders gehandelt hätte! Meine Herren, es ist mir verwunderlich, daß er, Tuhaj-Beys Junge, nicht in die Krim entlaufen ist. Ich meine, er hat das erst vor kurzem erfahren, denn bei mir hat er nichts davon gewußt. Es ist mir verwunderlich, sage ich; aber beim Himmel, traut ihm nicht, kenne ich ihn doch länger als Ihr, und ich sage nur so viel: Der Teufel ist nicht so ränkevoll, ein toller Hund ist nicht so wütig, der Wolf nicht so bissig und grausam wie dieser Mensch. Er wird noch allen hier furchtbar mitspielen.«

»Was sprecht Ihr,« sagte Muschalski; »wir haben ihn in der Schlacht bei Kalnik, bei Human, bei Brazlaw und in hundert anderen Gefechten erprobt.«

»Er wird nichts schuldig bleiben, er wird sich rächen.«

»Und wie hat er heut' Asbas Horden im Nacken gesessen -- was sprecht Ihr!« --

Bärbchen glühte vor Erregung, so hatte sie der ganze Auftritt mit Asya beschäftigt. Aber sie wollte, daß auch das Ende des Anfangs würdig sei, sie schüttelte Eva und flüsterte ihr ins Ohr:

»Evchen, du hast ihn geliebt, gesteh' mir's, leugne nicht, du hast ihn geliebt? He, liebst ihn noch, wie? Ich bin dessen gewiß, sei aufrichtig gegen mich; wem wolltest du dich anvertrauen, wenn nicht mir, der Frau? Fast königliches Blut rollt in seinen Adern, der Herr Hetman wird ihm zehn Bürgerrechte für eins auswirken; Herr Nowowiejski wird nicht widersprechen. Unzweifelhaft liebt auch Asya dich noch; ich weiß schon, ich weiß, fürchte dich nicht, er hat Vertrauen zu mir, ich will ihn sofort ins Gebet nehmen; er sagte mir ohne Drängen, du habest ihn sehr geliebt, -- liebst du ihn noch?«

Evchen war wie betäubt. Als Asya ihr zum ersten Male seine Neigung gestanden hatte, war sie fast noch ein Kind gewesen; dann hatte sie ihn viele Jahre nicht gesehen und nicht mehr an ihn gedacht, es war ihr nur die Erinnerung an einen heißblütigen Knaben geblieben, der halb ein Spielgenosse ihres Bruders, halb ein Diener gewesen war. Jetzt aber, da sie ihn wiederfand, stand ein Heldenjüngling vor ihr, ein schöner, kühner Offizier, ein berühmter Streifzügler und zudem der Sohn eines fremden, aber doch fürstlichen Geschlechts. So hatte auch in ihrer Erinnerung der junge Asya ganz anders gelebt, und sein Anblick hatte sie betäubt, zugleich aber bezaubert und berauscht. Die Erinnerungen erwachten aus ihrem Schlummer; ihr Herz vermochte den Heldenjüngling nicht in einem Augenblick zu lieben, aber sie fühlte in einem Augenblick die süße Fähigkeit, zu lieben.

Da Bärbchen keine Antwort von ihr bekommen konnte, nahm sie Eva samt Sophiechen in den Alkoven und begann von neuem in sie zu dringen:

»Evchen, sprich schnell, furchtbar schnell, liebst du ihn?«

Eva schlug Flammenröte ins Gesicht. Das Mädchen mit dem schwarzen Haar und den schwarzen Augen hatte heißes Blut, und bei jeder Erwähnung der Liebe schlugen seine Wellen in ihre Wangen.

»Evchen,« wiederholte Bärbchen zum zehntenmal, »liebst du ihn?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Evchen nach einem Augenblick des Zögerns.

»Aber du sagst nicht nein, oho, so weiß ich's schon! Nun, sträube dich nicht, ich habe Michael zuerst gesagt, daß ich ihn liebe -- und 's tat mir gar nichts, es war gut! Ihr habt euch auch wohl früher sehr geliebt? Ha, jetzt begreife ich, so ist er aus Sehnsucht nach dir immer so düster wie ein Wolf, er ist ja beinahe eingegangen. Was war's zwischen euch? Erzähle!«

»In der Laube hat er gesagt, daß er mich liebe,« flüsterte Eva.

»In der Laube! Ei, und dann?«

»Dann umfaßte er mich und küßte mich!« fuhr das Mädchen leiser fort.

»O dieser Mellechowitsch! Und du?«

»Ich fürchtete mich zu schreien.«

»Fürchtetest dich zu schreien! Sophiechen, hörst du? Wann ist denn eure Liebe an den Tag gekommen?«

»Der Vater kam und versetzte ihm einen Schlag mit dem Beil; dann schlug er mich, und ihn ließ er peitschen, daß er zwei Wochen krank lag.«

Hier brach Evchen in Tränen aus, zum Teil aus Schmerz, zum Teil aus Verlegenheit. Bei ihrem Anblick feuchteten sich auch bald die Augen der gefühlvollen Sophie; Bärbchen aber tröstete Eva.

»Alles wird gut enden, laß' mich nur machen! Michael muß ans Werk, und Herrn Sagloba will ich schon zureden. Fürchte dich nicht, vor Herrn Saglobas Witz hält nichts stand, du kennst ihn noch nicht. Weine nicht, Evchen, es ist Zeit zum Nachtmahl.«

Mellechowitsch war zum Nachtmahl nicht erschienen; er saß in seinem Zimmer und wärmte sich am Feuer bei Branntwein mit Met, den er dann in einen kleineren Blechbecher goß und zu dem er Zwieback aß. Herr Bogusch kam zu ihm noch in später Nacht, um mit ihm über Neuigkeiten zu plaudern.

Der Tatar wies ihm sogleich einen Platz auf der schaffellbeschlagenen Bank an, setzte ihm einen vollen Becher heißen Getränkes vor und fragte:

»Will Herr Nowowiejski noch immer mich zu seinem Knechte machen?«

»Davon ist gar nicht mehr die Rede,« versetzte der Truchseß von Nowogrod; »eher noch hätte Nienaschyniez ein Anrecht an dich, aber auch er denkt nicht daran, denn seine Schwester ist wohl schon längst gestorben oder wünscht gar keine Veränderung ihres Schicksals. Herr Nowowiejski wußte nicht, wer du warst, als er dich für die Vertraulichkeiten mit seiner Tochter strafte, und geht jetzt wie betäubt umher, denn wenn auch dein Vater unserem Lande viel Böses getan hat, so war er doch ein berühmter Kriegsmann, und Geburt ist Geburt. Bei Gott, niemand wird dir ein Haar krümmen, solange du diesem Vaterlande treu dienst, um so mehr, als du überall Freunde hast.«

»Warum sollte ich ihm nicht treu dienen?« versetzte Asya, »mein Vater war euer Feind, er war ein Heide -- ich aber bekenne Christum.«

»Das eben ist's, das ist's. Du kannst nicht mehr nach der Krim zurück, du müßtest denn deinen Glauben aufgeben; da du damit auch dein Seelenheil aufgäbest, so könnte dich kein irdisches Glück, keine Würde dafür entschädigen. Eigentlich bist du sowohl Herrn Nienaschyniez wie Herrn Nowowiejski Dankbarkeit schuldig, denn der eine hat dich unter den Heiden aufgelesen, und der andere hat dich im wahren Glauben erzogen.«

Darauf versetzte Asya: »Ich weiß, daß ich ihnen Dankbarkeit schulde, und ich will mich bemühen, ihnen zu vergelten. Ihr habt recht, wenn Ihr sagt, daß ich viele Wohltäter hier gefunden habe.«

»Du sprichst das so, als ob du es bitterböse meintest, zähle doch selbst einmal diejenigen, die dir geneigt sind.«

»Der Hetman und Ihr in erster Reihe, das werde ich bis in den Tod wiederholen; wer sonst noch, das weiß ich nicht ...«