Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 23
Aber kaum war der Schimmel mit der Schnelligkeit einer Schwalbe einige tausend Schritt gelaufen, als sich plötzlich vor ihm eine Riesenschlucht auftat. Bärbchen gab ohne einen Augenblick der Überlegung die Sporen, und das edle Tier scheute nicht vor dem Sprunge zurück. Aber nur seine Vorderhufe hatten den gegenüberliegenden Felsrand erfaßt und er suchte eine Weile mit Gewalt die Hinterfüße auf der abschüssigen Wand zu stützen; da verlor er den Boden, der noch nicht fest genug gefroren war, unter seinen Füßen, und er stürzte mit Bärbchen in den Abgrund.
Zum Glück hatte das Pferd sie nicht erdrückt, denn erstens war es ihr noch gelungen, die Füße aus den Steigbügeln zu ziehen und sich mit ganzer Kraft nach der Seite zu neigen, und dann war sie auf eine dicke Schicht von Moos gefallen, das den Boden der Schlucht wie ein Pelz auspolsterte. Aber die Erschütterung war doch eine so große gewesen, daß sie ohnmächtig dalag. Wolodyjowski hatte den Unfall nicht bemerkt, da ihm die Lipker den Gesichtskreis verdeckten. Mellechowitsch aber schrie mit furchtbarer Stimme den Leuten zu, nicht Halt zu machen und die Horde weiter zu verfolgen; er selbst eilte auf den Abhang zu und stürzte sich kopfüber in die Tiefe.
In einem Augenblick sprang er aus dem Sattel und faßte Bärbchen in seine Arme. Seine Falkenaugen hatten sie in einer Minute erspäht und umhergeblickt, ob sie nicht irgendwo Blut bemerkten; dann fielen seine Blicke mit Blitzesschnelle auf den Moosteppich. Er begriff, daß dieses Moos sie und das Tier vor dem Tode bewahrt hatte.
Ein gedämpfter Schrei der Freude entrang sich der Brust des jungen Tataren.
Aber Bärbchen lastete auf seinen Armen; er drückte sie mit ganzer Kraft an seine Brust, dann begann er mit den blassen Lippen erst gierig ihre Augen zu küssen, dann wirbelte alles um ihn in wirrem Tanze umher, und die Leidenschaft, die auf dem Grunde seines Herzens verborgen war wie der Drache in der Höhle, erfaßte ihn wie ein Sturmwind.
In diesem Augenblick erdröhnte das Getrappel zahlreicher Pferde von der hohen Steppe her und kam immer näher und näher. Zahlreiche Stimmen riefen: »Hier in der Kluft -- hier!« Mellechowitsch legte Bärbchen auf das Moos nieder und rief den Heranreitenden entgegen:
»Hierher, hierher!«
Eine Minute später sprang Wolodyjowski auf den Boden der Schlucht, ihm folgten Sagloba, Muschalski, Nienaschyniez und einige andere Offiziere.
»Ihr ist nichts!« rief der Tatar. »Die Moosdecke hat sie gerettet.«
Wolodyjowski nahm sein ohnmächtiges Weib in die Arme, andere eilten nach Wasser, da es in der Nähe keines gab. Sagloba faßte die Schläfen der Ohnmächtigen und begann zu rufen: »Bärbchen, liebstes Bärbchen, Bärbchen!«
»Ihr ist nichts,« wiederholte Mellechowitsch, der leichenblaß danebenstand.
Inzwischen ging Sagloba auf die Seite, erfaßte seine Feldflasche, goß Branntwein auf seine Hand und begann Bärbchens Schläfen damit zu reiben; dann hielt er die Feldflasche an ihren Mund, und das wirkte sofort, denn ehe die anderen mit dem Wasser herankamen, hatte sie die Augen geöffnet und begann mit dem Munde nach Luft zu schnappen. Sie hüstelte dabei ein wenig, denn der Branntwein hatte ihre Kehle angegriffen. In wenigen Minuten war sie völlig zu sich gekommen.
Wolodyjowski drückte sie, ohne auf die Offiziere und Soldaten zu achten, an seine Brust und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
»Du mein Teuerstes!« sagte er, »ist dir nichts? Tut dir nichts weh?«
»Nichts!« antwortete Bärbchen; »aha, ich sehe jetzt, eine Ohnmacht hatte mich erfaßt, weil mein Pferd mit mir gestrauchelt ist ... Ist die Schlacht schon vorüber?«
»Ja, vorüber! Asba-Bey ist erschlagen. -- Kehren wir jetzt schnell zurück, denn ich fürchte, daß du mir krank wirst von der Anstrengung.«
»Ich fühle gar keine Ermüdung,« sagte Bärbchen.
Dann sah sie die Anwesenden scharf an und bewegte lebhaft ihre Nasenflügel.
»Denkt nur nicht, meine Herren, daß ich aus Furcht geflohen, oho, das ist mir im Traume nicht eingefallen! So wahr ich Michael liebe, ich bin nur so zum Vergnügen vor ihnen hergerannt; dann habe ich auf sie geschossen.«
»Von diesen Schüssen ist ein Pferd getroffen, und den Kerl haben wir lebendig eingefangen,« warf Sagloba ein.
»Seht ihr!« antwortete Bärbchen, »ein solcher Fall kann jedem bei einem Sprunge begegnen, nicht wahr? Keine Erfahrung schützt davor, daß das Pferd strauchelt. Ha, gut, daß ihr mich gesehen habt, denn ich hätte hier lange liegen können.«
»Herr Mellechowitsch war der erste, der dich erblickt, und der erste, der dir Hilfe gebracht hat; wir kamen hinter ihm her,« antwortete Wolodyjowski.
Da Bärbchen das hörte, wandte sie sich zu dem jungen Lipker und streckte ihm die Hand entgegen.
»Ich danke Euch für die Freundlichkeit!«
Er antwortete nichts, er drückte nur ihre Hand an seinen Mund; dann neigte er sich und umfaßte in Demut ihre Füße wie ein Bauer.
Inzwischen waren immer mehr Fahnen an dem Rande der Kluft zusammengekommen. Die Schlacht war beendet, darum gab Herr Michael nur noch Mellechowitsch Befehle, die Verfolgung der wenigen Tataren anzuordnen, welchen es gelungen war, sich vor den Verfolgern zu verbergen, und sie zogen gleich alle nach Chreptiow ab. Auf dem Wege sah Bärbchen noch einmal von der Anhöhe über das Schlachtfeld.
Leichen von Menschen und Pferden lagen da, an manchen Stellen in Haufen, an anderen einzeln; am blauen Himmel zogen immer zahlreichere Scharen von Raben mit lautem Gekrächz zu, setzten sich in der Nähe nieder und warteten darauf, daß die Soldaten, die sich noch in der Ebene tummelten, fortritten.
»Seht, das sind die Totengräber des Krieges,« sagte Sagloba und zeigte mit der Krümmung des Säbels auf die Vogelschar. »Und wenn wir fort sind, kommen die Wölfe hierher und machen den Verstorbenen mit den Zähnen ihre Musik. Es ist ein bedeutender Sieg, wenn auch über einen niederträchtigen Feind davongetragen, denn jener Asba hat seit Jahren bald hier, bald dort Schrecken verbreitet. Die Kommandanten haben ihm wie einem Wolfe aufgelauert, aber stets vergeblich, bis er endlich auf Michael traf und seine schwarze Stunde schlug.«
»Asba-Bey ist erschlagen?«
»Mellechowitsch war der erste, der auf ihn losging, und ich sage dir, er hieb ihm über die Ohren, daß ihm der Säbel bis in die Zähne fuhr.«
»Mellechowitsch ist ein tüchtiger Krieger,« sagte Bärbchen.
Hier wandte sie sich an Herrn Sagloba: »Und Ihr, was habt Ihr vollbracht?«
»Ich habe nicht gezirpt wie eine Grille, ich bin nicht gesprungen wie ein Floh oder ein Zicklein, denn solche Scherze überlasse ich den Insekten. Dafür hat man mich aber auch nicht im Moose gesucht wie einen Pilz, hat man mich nicht an der Nase herumgezogen, hat mir auch niemand in den Mund geblasen ...«
»Ich mag Euch nicht leiden!« gab Bärbchen zurück, indem sie den Mund spitzte und unwillkürlich an ihr rosiges Näschen fuhr.
Und er sah sie an, lächelte und brummte und hörte nicht auf, sie zu necken.
»Du hast dich tapfer geschlagen,« sagte er, »du hast dich brav aus dem Staube gemacht, du hast einen Purzelbaum geschossen, und jetzt wirst du dir vor Schmerzen ebenfalls tapfer auf alle Glieder Grütze auflegen; wir aber müssen dich hüten, damit dich samt deiner Tapferkeit die Sperlinge nicht anpicken, denn sie sind auf Grütze sehr happig.«
»Ihr zielt schon darauf ab, daß mich Michael zu einem zweiten Kriegszug nicht mitnimmt, das weiß ich sehr wohl!«
»Ganz im Gegenteil, ich werde ihn immer bitten, daß er dich zum Nüssesammeln mitnehme, denn du bist zierlich, und der Zweig wird unter dir nicht zusammenbrechen. Du lieber Gott, das nenn' ich Dankbarkeit! Wer hat Michael zugeredet, daß du mit uns reiten sollest? -- Ich. Ich mache mir jetzt furchtbare Vorwürfe, besonders da du mir meine Güte so heimzahlst. Warte, jetzt sollst du mit einem hölzernen Säbel Taubennesseln auf dem Markte in Chreptiow köpfen. Das ist eine Beschäftigung für dich! Jeder andere würde den Alten umarmen, und diese bissige Teufelin hat mir erst Angst eingejagt, und jetzt setzt sie mir noch zu.«
Bärbchen besann sich nicht lange und umarmte Herrn Sagloba, der sehr erfreut darüber war, und sagte:
»Nun, nun, ich muß gestehen, daß du ein wenig beigetragen hast zu dem heutigen Siege, denn die Soldaten haben sich, da jeder vor dir glänzen wollte, mit furchtbarem Mute geschlagen.«
»So wahr ich lebe,« rief Muschalski, »der Mensch stirbt auch gern, wenn solche Augen auf ihn sehen.«
»Vivat unsere Herrin!« rief Nienaschyniez.
»Vivat!« wiederholten hundert Stimmen.
»Erhalte sie Gott bei Gesundheit!«
Und Sagloba neigte sich zu ihr und murmelte: »Wenn die Schwäche vorüber sein wird.«
Und sie ritten fröhlich und unter lauten Rufen weiter, denn sie lebten der sicheren Erwartung eines Festes am Abend. Das Wetter war wundervoll, die Trompeter bei den Fahnen bliesen, die Trommler schlugen die Kesselpauken, und sie ritten mit großem Lärm in Chreptiow ein.
12. Kapitel.
In Chreptiow trafen Herr Michael und seine Frau über alles Erwarten Gäste. Herr Bogusch war angekommen; er hatte beschlossen, auf einige Monate hier seine Residenz aufzuschlagen, um durch Mellechowitsch mit den tatarischen Rottenführern, die in den Dienst des Sultans übergetreten waren, Verhandlungen zu führen. Herrn Bogusch hatte sich der alte Herr Nowowiejski und seine Tochter Eva, endlich auch Frau Boska angeschlossen, eine würdige Dame, ebenfalls mit einem noch sehr jungen und sehr hübschen Töchterlein Sophie. Der Anblick der Frauen in dem öden und wilden Chreptiow erfreute und verwunderte zugleich die Soldaten; auch jene waren verwundert bei dem Anblick des Herrn Kommandanten und der Frau Kommandantin. Den ersteren hatten sie sich, aus seinem weitverbreiteten und gefürchteten Ruhme schließend, als einen Riesen vorgestellt, die zweite als eine Riesin mit immer gerunzelter Stirn und männlicher Stimme. Statt dessen sahen sie vor sich einen kleinen Soldaten mit einem freundlichen, liebenswürdigen Gesicht, und ein ebenfalls kleines, wie ein Püppchen rosiges Weibchen, die in ihren breiten Pumphöschen und mit ihrem Säbelchen einem über die Maßen schönen Knaben ähnlicher sah als einem Erwachsenen. Aber die Wirtsleute empfingen ihre Gäste mit offenen Armen. Bärbchen küßte noch vor der Vorstellung alle drei Frauen herzlich, und dann, als sie ihr mitgeteilt hatten, wer sie seien und woher sie kamen, sagte sie:
»Ich möchte gern den Himmel für euch herabholen, ich freue mich sehr über euer Kommen; ein Glück, daß mir kein Unfall auf dem Wege begegnet ist, denn hier in unserer Wüste kommt das sehr leicht vor, aber gerade heute haben wir die Horde bis auf den letzten Mann niedergemetzelt.«
Da sie aber bemerkte, daß Frau Boska sie mit immer wachsendem Erstaunen ansah, schlug sie auf das Säbelchen und fügte hinzu:
»Auch ich bin in der Schlacht gewesen, gewiß, so ist's bei uns. Um Gottes willen, gestattet mir, mich zu entfernen und Kleider anzulegen, die meinem Geschlecht mehr geziemen, und die Hände ein wenig vom Blute zu reinigen, denn wir kehren aus einer furchtbaren Schlacht zurück! Ja, ja, wäre Asba nicht vernichtet, Ihr würdet vielleicht nicht heil nach Chreptiow gelangt sein. Im Augenblick bin ich wieder hier, Michael wird euch inzwischen zu Diensten sein!«
Bei diesen Worten verschwand sie durch die Tür, und der kleine Ritter, welcher Herrn Bogusch und Herrn Nowowiejski schon begrüßt hatte, näherte sich jetzt Frau Boska.
»Gott hat mir ein Weib gegeben,« sagte er, »das nicht nur im Hause eine anmutige Genossin, sondern auch im Felde ein tapferer Gefährte zu sein versteht, und jetzt biete ich der gnädigen Frau auf ihren Befehl meine Dienste an.«
Und Frau Boska erwiderte:
»Möge sie Gott in allem segnen, wie er sie mit Schönheit gesegnet hat. Ich bin die Frau des Anton Boski; nicht darum bin ich hergekommen, um Eure Dienste zu verlangen, sondern um Euch auf den Knieen um Hilfe und Rettung in meinem Unglück zu bitten. Sophiechen, kniee auch du vor diesem Ritter nieder, denn wenn er nicht hilft, hilft niemand.«
Frau Boska stürzte sich auch wirklich in die Kniee, und Sophie folgte ihrem Beispiel. Beide riefen tränenüberströmt:
»Rettet uns, Ritter, habt Mitleid mit Verwaisten!«
Eine Schar von Offizieren näherte sich neugierig, da sie die Weiber knieen sahen, besonders aber, da sie der Anblick des hübschen Mädchens anlockte. Der kleine Ritter aber war sehr verwirrt, hob Frau Boska in die Höhe und ließ sie auf eine Bank nieder.
»O Gott,« sagte er, »was tut Ihr? Eher müßte ich vor Euch, der würdigen Frau, knieen. So sprecht doch, wenn ich Euch Hilfe erweisen kann -- so wahr ein Gott im Himmel ist, es soll geschehen!«
»Er wird es tun, auch ich will dazu beitragen, -- Sagloba sum. Das wird der gnädigen Frau genügen!« rief der von den Tränen der Frauen gerührte alte Krieger.
Da winkte Frau Boska Sophiechen, und diese brachte schnell aus ihrem Mieder einen Brief hervor, den sie dem kleinen Ritter reichte.
Dieser blickte auf die Schrift hin und sagte:
»Vom Herrn Hetman!«
Da erbrach er das Siegel und begann zu lesen:
»Mein sehr lieber und teurer Wolodyjowski! Durch Herrn Bogusch habe ich Dir von unterwegs meinen aufrichtigen Gruß und Instruktionen geschickt, welche Dir Herr Bogusch persönlich ankündigen wird. Jetzt, wo ich kaum nach den Mühsalen in Jaworowo Halt gemacht habe, bietet sich gleich wieder eine zweite Sache dar; sie liegt mir gar sehr am Herzen, und zwar um des Wohlwollens willen, das ich für die Soldaten habe, denn vergäße ich ihrer, so würde Gott meiner vergessen. Herrn Boski, einen Ritter von großem Ansehen und einen lieben Genossen, hat die Horde bei Kamieniez vor einigen Jahren gefangen. Seiner Frau und seiner Tochter habe ich in Jaworowo Zuflucht geboten, aber ihr Herz weint, der einen dem Gatten, der anderen dem Vater nach. Ich habe auch Herrn Piotrowitsch und Herrn Slotnizki, unseren Residenten in der Krim, geschrieben, man solle dort Boski überall suchen lassen; es heißt auch, man habe ihn gefunden, aber er werde verborgen gehalten, er könne darum mit den anderen Gefangenen nicht herausgegeben werden und frone gewiß bis zum heutigen Tage auf den Galeeren. Die Frauen sind in Verzweiflung, und da sie die Hoffnung ganz verloren haben, haben sie auch schon aufgehört, mich mit der Sache zu betrauen, aber ich, der ich eben zurückgekehrt bin und die unüberwindliche Trauer sehe, ich kann es nicht über mich gewinnen, den Mann ohne Hilfe zu lassen. Du bist dort ganz nahe, und mit vielen Mirzen hast Du, wie ich weiß, Bruderschaft geschlossen; ich schicke Dir also die Frauen, versag' ihnen die Hilfe nicht. Piotrowitsch wird in kurzem reisen; gib' ihm Briefe an Deine Bruderschafter. Ich kann weder an den Vezier noch an den Khan schreiben, denn sie sind nicht meine Freunde, und dann fürchte ich, sie könnten in Anbetracht meiner Briefe Boski für eine außerordentlich hervorragende Persönlichkeit halten und ein gar zu hohes Lösegeld fordern. Lege dem Piotrowitsch diese Angelegenheit ans Herz, befiehl ihm, ohne Boski nicht zurückzukehren, und setze alle Deine Bruderschafter in Bewegung. Wenn sie auch Heiden sind, den geschworenen Eid halten sie, und vor Dir haben sie großen Respekt. Handle im übrigen nach Gutdünken, fahre nach Raschkow, versprich drei hervorragende Männer als Gegengabe, wenn nur Boski heimkehrt. Niemand kennt all' die Mittel und Wege besser als Du, denn, wie ich höre, hast Du schon Deine eigenen Verwandten ausgelöst. Gott wird Dich segnen, und ich werde Dich noch mehr lieben, denn mein Herz wird aufhören zu bluten. Von Deinem Chreptiow habe ich gehört, daß dort bereits Ruhe herrsche, -- das habe ich erwartet. Auf Asba habe wohl acht. _De publicis_ wird Dir Herr Bogusch alles mitteilen. Späht um Gottes willen sorgfältig nach der Walachei aus, denn der große Einfall wird wohl nicht ausbleiben. Indem ich Deinem Herzen und Deiner Sorgfalt Frau Boska empfehle, zeichne ich mich usw.«
Frau Boska weinte beständig, während der Brief gelesen wurde, und Sophie vergoß ebenfalls Tränen und erhob ihre blauen Augen zum Himmel.
Inzwischen war, ehe noch Herr Michael zu Ende gelesen hatte, Bärbchen hereingestürzt. Sie hatte schon Frauenkleider angelegt, und da sie Tränen in den Augen der Frauen sah, fragte sie sorgenvoll, was denn geschehen. Michael las ihr noch einmal den Brief des Hetmans vor; sie hörte aufmerksam zu und unterstützte sofort eifrig die Bitten des Hetmans und der Frau Boska.
»Ein goldenes Herz hat der Herr Hetman!« rief sie, indem sie ihren Mann umarmte, »aber auch wir werden kein schlechtes haben. Michael, Frau Boska bleibt bei uns bis zur Rückkehr ihres Mannes, und du bringst ihn in drei Monaten aus der Krim zurück, in drei oder zwei, nicht wahr?«
»Oder morgen, oder in einer Stunde,« sagte Michael, ihr nachahmend.
Hier wandte er sich an Frau Boska.
»Meine Gemahlin ist, wie Ihr seht, schnell entschlossen.«
»Daß sie Gott dafür segne!« sagte Frau Boska. »Sophie, küsse der Frau Kommandantin die Hand.«
Aber die Frau Kommandantin dachte gar nicht daran, sich die Hände küssen zu lassen, vielmehr umarmte sie Sophie noch einmal, denn sie hatten sich schnell liebgewonnen.
»Zur Beratung, meine Herren,« rief sie, »zur Beratung, zur Beratung, schnell!«
»Schnell, denn der Kopf glüht ihr!« sagte Sagloba.
Und Bärbchen schüttelte ihr blondes Haar.
»Nicht mein Kopf glüht, sondern diesen Frauen glüht das Herz vor Leid.«
»Niemand wird deinem edlen Wunsche entgegen sein,« sagte Wolodyjowski, »wir müssen nur vorher genau die Mitteilungen der Frau Boska hören.«
»Sophie, erzähle du alles, wie es war, denn ich kann vor Tränen nicht,« sagte die Matrone. Sophie senkte die Augen zu Boden, indem sie sie ganz mit den Lidern verdeckte; dann errötete sie wie eine Kirsche und wußte nicht, wie sie beginnen sollte. Sie war sehr verschämt, da sie in einer so zahlreichen Versammlung das Wort nehmen sollte.
Aber Frau Wolodyjowski kam ihr zu Hilfe.
»Sophiechen, wann wurde Herr Boski in die Gefangenschaft geführt?«
»Fünf Jahre sind es her: im Jahre 1667,« antwortete Sophie mit ihrem zarten Stimmchen, ohne ihre langen Wimpern zu erheben.
Und dann fuhr sie schon in einem Atem fort:
»Man hörte damals noch nichts von Einfällen, und Papas Fahne stand bei Paniowze. Papa und Herr Bulajowski hatten die Aufsicht über die Knechte, die auf den Wiesen die Herden hüteten. Da aber kamen die Tataren auf dem walachischen Wege und umringten mein Väterchen und Herrn Bulajowski. Herr Bulajowski aber ist schon vor zwei Jahren zurückgekehrt, und Papa ist noch nicht wiedergekommen.«
Hier flossen zwei kleine Tränen über Sophiens Wangen, Herr Sagloba war von dem Anblick sehr gerührt.
»Die arme, liebe Unschuld!« sagte er. »... Fürchte dich nicht, Kind, Väterchen wird wiederkommen und wird noch auf deiner Hochzeit tanzen.«
»Und der Hetman hat an den Herrn Slotnizki durch Piotrowitsch geschrieben?« fragte Herr Michael.
»Der Herr Hetman hat an den Herrn Schwertträger von Posen durch Herrn Piotrowitsch Väterchens wegen geschrieben,« fuhr Sophie fort, »und der Herr Schwertträger und Herr Piotrowitsch haben Väterchen bei dem Aga, dem Murza-Bey, gefunden.«
»Beim Himmel, diesen Murza-Bey kenne ich! Mit seinem Bruder lebe ich in Bruderschaft,« rief Wolodyjowski, »hat er Herrn Boski nicht herausgeben wollen?«
»Es war ein Befehl vom Khan gekommen, Väterchen herauszugeben, aber der grausame, entsetzliche Murza-Bey hat Väterchen versteckt, und Herrn Piotrowitsch gesagt, daß er ihn schon vor langer Zeit nach Asien verkauft habe. Aber die anderen Gefangenen sagten Herrn Piotrowitsch, daß dies nicht wahr sei, und daß der Mirza[G] nur absichtlich so spreche, um Väterchen noch länger zu quälen, denn er ist von allen Tataren am grausamsten gegen die Gefangenen. Vielleicht war Väterchen damals nicht in der Krim, denn Murza hat seine Galeere und braucht die Leute zum Rudern. Aber verkauft war Väterchen nicht, das sagten alle: Murza tötet lieber einen Gefangenen, als daß er ihn verkaufe.«
»Ja, das ist bekannt,« sagte Muschalski, »diesen Murza Aga-Bey kennt man in der ganzen Krim; ... er ist sehr reich, dieser Tatarenhund, und furchtbar gehässig gegen unser Volk, weil vier seiner Brüder im Kampfe gegen uns gefallen sind.«
»Und ist niemand unter uns, der mit ihm Bruderschaft hält?« fragte Wolodyjowski.
»Das ist sehr zweifelhaft,« antwortete man von allen Seiten.
»Erklärt mir doch, was das bedeutet, diese Bruderschaft!« fragte Bärbchen.
»Siehst du,« sagte Sagloba, »wenn nach dem Kriege die Verhandlungen eröffnet werden, dann besuchen sich die Herren gegenseitig und treten miteinander in Verkehr. Dann kommt es vor, daß einer von den Genossen Gefallen findet an einem Mirza, und der Mirza an ihm, und da schwören sie sich Freundschaft bis in den Tod, und das nennt man Bruderschaft. Je berühmter aber jemand ist, wie zum Beispiel Michael, ich oder Herr Ruschtschyz, der jetzt in Raschkow das Kommando hat, desto begehrter ist die Bruderschaft mit ihm; natürlich wird so einer nicht Bruderschaft schließen mit jedem Hergelaufenen, sondern er wählt auch unter den berühmtesten Mirzen. Die Sitte heischt dann, daß man Wasser über die Säbel gießt und sich einander Freundschaft schwört; verstehst du?«
»Und wenn es dann zum Kriege kommt?«
»In einem allgemeinen Kampfe dürfen sie sich schlagen; wenn sie aber als Tirailleure aufeinanderstoßen, Mann gegen Mann, so begrüßen sie sich und gehen in Frieden auseinander. Wenn einer in Gefangenschaft gerät, muß sie ihm der andere erleichtern und im schlimmsten Falle das Lösegeld für ihn bezahlen; ja, es ist schon vorgekommen, daß zweie ihr Vermögen miteinander teilten. Wenn es sich um Freunde oder Bekannte handelt, jemand aufzusuchen oder zu helfen, so gehen auch die Bruderschafter zueinander, und die Gerechtigkeit gebietet anzuerkennen, daß kein Volk solche Schwüre strenger einhält als die Tataren. Das Ehrenwort ist bei ihnen heilig, und auf einen solchen Freund kann man mit Sicherheit zählen.«
»Und hat Michael viele solcher?«
»Ich habe drei einflußreiche Mirzen,« antwortete Herr Michael; »einen noch aus den Zeiten vor Lubnie; ich habe ihn einmal bei dem Fürsten Jeremias losgebeten, Aga-Bey heißt er, und er würde, wenn es sich darum handelte, sein Haupt für mich auf den Block legen. Die anderen beiden sind auch zuverlässig.«
»Ei,« sagte Bärbchen, »ich möchte wohl mit dem Khan selber Bruderschaft schließen und alle Gefangenen befreien!«
»Er würde wohl auch nicht abgeneigt sein,« sagte Sagloba. »Es fragt sich nur, welche Belohnung er von dir verlangen würde.«
»Verzeiht, meine Herren,« sagte Wolodyjowski, »beraten wir, was uns zu tun geziemt. Hört also: Ich habe Nachrichten aus Kamieniez, daß spätestens in zwei Wochen Piotrowitsch mit zahlreichem Gefolge hierherkommt; er zieht nach der Krim, um einige armenische Kaufleute aus Kamieniez einzulösen, die bei der Einsetzung des neuen Khans beraubt und in die Gefangenschaft geschleppt wurden; das ist auch dem Seferowitsch, dem Bruder des Prätors, begegnet, alles sehr hervorragende Männer; sie kargen nicht mit Geld, und Piotrowitsch geht reichlich ausgestattet hin. Gefahren drohen ihm nicht; erstens ist der Winter nahe, das ist keine günstige Zeit für die Banden, und dann zieht Nawiragh, der Delegat des Patriarchen von Usmiadsin und zwei Anardraten aus Jaffa, die Geleitsbriefe vom jungen Khan haben, heran. Ich will also Piotrowitsch Briefe sowohl an die Residenten der Republik wie an meine Bruderschafter geben; außerdem ist den Herren bekannt, daß Ruschtschyz, der Kommandant von Raschkow, leibliche Verwandte in der Horde hat, die als Kinder gefangen wurden und ganz und gar zu Würden gelangt sind. Alle diese werden Himmel und Erde in Bewegung setzen, vielleicht auch gar dem Murza ganz im stillen den Hals umdrehen. Ich habe also Hoffnung, daß, wenn, was Gott geben möge, Herr Boski lebt, ich ihn unzweifelhaft in einigen Monaten herausbekomme, wie mir dies der Herr Hetman, und mein hier anwesender näherer Kommandant --, hier verbeugte er sich vor seiner Gattin -- befehlen ...«