Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 22

Chapter 223,794 wordsPublic domain

»Ich sehe den Rauch, aber ich sehe weder Menschen noch Pferde,« antwortete Bärbchen mit pochendem Herzen.

»Weil das Schilf sie verdeckt, obwohl ein geübtes Auge sie erreicht. Sieh' dorthin: zwei, drei, vier, eine ganze Anzahl von Pferden sieht man. Das eine ist scheckig, das andere ganz weiß, und von hier sieht es wie blau aus.«

»Werden wir bald zu ihnen hinunterreiten?«

»Man wird sie uns hierherjagen, aber wir haben Zeit, denn bis zu jener Stelle kann es eine Viertelmeile sein.«

»Wo sind die Unsrigen?«

»Siehst du dort unten in weiter Ferne den Waldstreifen? Des Herrn Kämmerers Fahne muß gerade jetzt seinen Rand erreichen. Mellechowitsch kann auf jener Seite jede Minute auftauchen. Die zweite Fahne der Genossen wird sie von diesem Felsen aus fassen. Wenn sie die Leute erblicken, werden sie von selbst auf uns losrücken, denn hier herum kann man bequem zum Fluß unterhalb des Abhanges; von der anderen Seite aber ist ein gähnender Abgrund, den niemand zu Pferde passieren kann.«

»So sind sie in der Falle?«

»Wie du siehst.«

»O Gott, ich halt' es kaum noch aus!« rief Bärbchen.

Und nach einer Weile sagte sie:

»Michael, wenn sie klug wären, was würden sie tun?«

»Sie würden sich dann wie ein Feuer auf die Fahne des Kämmerers stürzen und es aufreiben. Dann wären sie frei; aber das tun sie nicht, denn erstens kommen sie nicht gern der regulären Reiterei in die Quere, und zweitens werden sie fürchten, daß ein größeres Heer im Walde lauert, und darum werden sie hierher entwischen wollen.«

»Ja, aber wir werden sie nicht aufhalten können, wir haben nur zwanzig Mann.«

»Und Motowidlo?«

»Ach ja, wo ist er denn?«

Statt zu antworten schrie Wolodyjowski plötzlich, ganz wie der Habicht oder Falke schreit.

Alsbald antworteten ihm zahlreiche Rufe vom Fuße der Anhöhe her. Es waren Motowidlos Scharen, die sich in dem Gestrüpp so gut untergeduckt hatten, daß Bärbchen, die unmittelbar über ihnen stand, sie nicht bemerkt hatte.

Sie sah mit Erstaunen bald hinunter, bald auf den kleinen Ritter, ihre Wangen erglühten, und sie umfaßte den Hals ihres Gatten.

»Michael, du bist der größte Feldherr unter der Sonne!«

»Nicht doch, ich habe nur einige Übung,« antwortete er lächelnd. »Aber du plappere mir hier nicht vor lauter Freude und bedenke, daß ein folgsamer Soldat still sein muß.« Aber die Mahnung half nichts, Bärbchen war wie im Fieber. Sie hatte Lust, sofort das Pferd zu besteigen und den Hügel hinabzureiten, um sich mit Motowidlos Abteilung zu vereinigen. Aber Wolodyjowski hielt sie noch zurück, denn er wollte, daß sie den Beginn des Kampfes gut beobachte.

Inzwischen war die Morgensonne über der Steppe aufgestiegen und übergoß die ganze Ebene mit kühlem, blaßgoldenen Licht. Die nahen Flußinseln erstrahlten heiter, die ferneren zeigten deutlicher ihre Umrisse. Der Reif, der stellenweise in den Tälern lag, fing an schimmernd zu zerstieben, die Luft wurde sehr durchsichtig, und der Blick konnte fast grenzenlos in die Ferne schweifen.

»Des Kämmerers Fahne kommt aus dem Wäldchen hervor,« sagte Herr Michael, »ich sehe Menschen und Pferde.«

In der Tat kamen die Reiter allmählich aus der Waldbiegung hervor und hoben sich in langer Kette von der dicht mit Reif bedeckten Waldwiese ab. Der weiße Zwischenraum zwischen ihnen und dem Walde wurde immer größer, sie eilten offenbar nicht allzusehr, um den anderen Fahnen Zeit zu lassen; Herr Michael wandte sich jetzt nach links.

»Auch Mellechowitsch ist da,« sagte er. Und dann nach einer Weile: »Auch des Herrn Jägermeisters Leute kommen heran. Keiner von ihnen ist auch nur zwei Paternoster zu spät gekommen.« Und sein Schnauzbart bewegte sich lebhaft.

»Auch nicht einer darf entgehen! -- Aufs Pferd!«

Sie wandten sich schnell zu den Dragonern um, sprangen in die Sattel und ritten die Anhöhe entlang unter dem am Fuße wachsenden Gestrüpp, wo sie sich mitten unter der Mannschaft Motowidlos befanden.

So näherten sie sich schon vollzählig der Schilfkette und machten Halt, um vorwärts zu spähen.

Der Feind mußte wohl die herankommende Fahne des Kämmerers bemerkt haben, denn in diesem Augenblick strömten aus dem Dickicht, das inmitten der Ebene wuchs, große Haufen Berittener hervor, als ob jemand eine Herde Rehe aufgescheucht habe; mit jedem Augenblick kamen ihrer mehr hervor. Sie bildeten eine Kette und ritten anfangs im Schritt den Saum des Dickichts entlang; die Reiter legten sich auf den Rumpf der Pferde, so daß man aus der Ferne glauben konnte, eine hirtenlose Herde von Pferden ziehe in langer Linie den Fluß entlang. Offenbar hatten sie noch nicht die Gewißheit, ob jene Fahne auf sie losrücke und sie schon bemerkt habe, oder ob es eine Abteilung sei, die nur die Umgebung durchsuche. In diesem letzteren Falle konnten sie hoffen, daß das Schilf sie noch vor den Augen der Herankommenden verbergen werde. Von der Stelle aus, wo Michael an der Spitze von Motowidlos Leuten stand, konnte man vorzüglich die unsicheren, schwankenden Bewegungen jener Schar sehen, die vollkommen den Bewegungen wilder Tiere glichen, die eine Gefahr wittern. Nachdem die Reiter die zu durchmessende Entfernung etwa bis zur Hälfte zurückgelegt hatten, beschleunigten sie ihren Ritt zu einem leichten Galopp; plötzlich, als die erste Reihe die offene Steppe erreicht hatte, hielten sie die Pferde an, und die ganze Schar machte Halt.

Sie hatten Mellechowitsch Abteilung erblickt, die von dieser Seite kam.

Da beschrieben sie einen Halbkreis seitwärts vom Fluß, und ihren Augen zeigte sich die Fahne von Prschemysl, die im Sturmschritt herankam.

Nun wurde ihnen klar, daß alle Fahnen von ihrem Hiersein wußten und gegen sie losritten. Ein wildes Geschrei ertönte aus der Menge, und die Verwirrung begann. Die Fahnen riefen ebenfalls laut und gingen in Galopp über, so daß die Ebene von Pferdegetrappel erdröhnte.

Als sie das sahen, bildeten sie in einem Augenblick eine Querlinie und eilten, was die Pferde laufen konnten, auf die Anhöhe zu, an deren Fuß der kleine Ritter und Motowidlo mit seinen Leuten standen.

Der Zwischenraum, der die einen von den anderen trennte, nahm mit entsetzlicher Schnelligkeit ab.

Bärbchen wurde erst vor Erregung etwas blaß, und das Herz pochte immer stärker in ihrer Brust. Da sie aber sah, daß man sie beobachtete, und da sie auf keinem Gesicht die geringste Unruhe bemerkte, überwand sie sich schnell. Dann nahm die wie ein Sturmwind heranjagende Wolke ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie faßte die Zügel kürzer, drückte ihr Säbelchen fester, und das Blut aus ihrem Herzen strömte immer mächtiger nach dem Gesicht.

»Gut,« sagte der kleine Ritter.

Sie blickte ihn an, bewegte die Nasenflügel und flüsterte: »Gehen wir bald los?«

»Es ist noch Zeit,« antwortete Michael.

Und die unten jagten dahin wie Hasen, denen die Hunde auf den Fersen sind. Schon sind sie nur eine halbe Hufe von dem Gestrüpp entfernt, schon sieht man die langgestreckten Pferdeköpfe mit den herabhängenden Ohren, und über ihnen die Gesichter der Tataren wie an die Mähne festgewachsen. Immer näher, immer näher kommen sie. Man hört das Schnaufen der Tiere, deren klaffende Gebisse und hervorquellende Augen bezeugen, daß sie so schnellen Laufes herankommen, daß ihnen der Atem stockt ... Wolodyjowski gibt ein Zeichen, und ein Zaun von Gewehrläufen starrt den Heraneilenden entgegen.

»Feuer!«

Ein Geknatter, eine Rauchwolke -- wie ein Sturmwind in einen Haufen Spreu fährt, so fuhr es in die Horde. Augenblicklich sprengte die Bande kreischend und brüllend nach allen Seiten. Da kommt der kleine Ritter aus dem Dickicht hervor, und gleichzeitig treiben die Fahnen des Kämmerers und die Lipker, den Kreis abschließend, die Zerstreuten wiederum zu einem Haufen in der Mitte zusammen. Vergeblich suchen die Tataren ihre Zuflucht im Einzelkampf, vergeblich wenden sie sich hin und her, fliehen sie nach rechts, nach links, nach vorwärts, nach rückwärts -- der Kreis ist schon geschlossen. Darum drängen sich auch die Haufen immer enger aneinander; inzwischen kommen die Fahnen heran, und es beginnt ein entsetzliches Handgemenge.

Die Freibeuter hatten begriffen, daß nur der lebendig aus diesem Ringe herauskommen könne, der sich durchschlug. Und so begannen sie, wenn auch ohne Ordnung und ein jeder auf eigene Faust, sich verzweifelt und rasend zur Wehr zu setzen. Und sie bedeckten gleich zu Beginn in dichter Zahl das Feld, so groß war die Wucht des Angriffs gewesen. Die Soldaten rückten auf sie ein und drängten trotz der Enge ihre Pferde vorwärts, hieben und stachen mit jener unerbittlichen, gräßlichen Geschicklichkeit, die nur dem Soldaten eigen sein kann, dem der Krieg zum Handwerk geworden ist. Der Widerhall der Schläge ertönte über diesem Wirrwarr von Menschen wie das Echo der Dreschflegel, die schnell und haufenweise gegen die Tenne schlagen. Man schlug sie, man hieb sie über die Köpfe, über die Nacken, über die Schultern, über die Hände, mit welchen sie ihre Köpfe bedeckten, man bedrängte sie von allen Seiten ohne Unterbrechung, ohne Mitleid und Erbarmen. Auch sie begannen um sich zu schlagen, womit sie konnten, mit Handscharen, Säbeln, dieser mit Wurfkugeln, der andere mit einem Pferdekinnbacken.

Ihre Pferde waren in die Mitte zusammengedrängt und bäumten sich oder stürzten hintenüber; andere rannten beißend und quiekend im Getümmel umher und riefen eine unbeschreibliche Verwirrung hervor. Nach einem kurzen, schweigsamen Kampfe entrang sich wildes Geheul der Brust der Tataren. Sie waren zerschmettert von der größeren Zahl, der besseren Waffe, der höheren Geschicklichkeit. Sie begriffen, daß es für sie keine Hilfe gab, daß niemand entkommen werde, nicht bloß nicht mit Beute, sondern kaum mit dem Leben. Die Soldaten, die immer mehr in Hitze gerieten, schlugen immer kräftiger drein. Manche von den Räubern sprangen von den Satteldecken herab und versuchten unter den Füßen der Rosse zu entwischen. Diese kamen unter die Hufe; bisweilen auch wandte sich ein Krieger um und versetzte dem Flüchtling von oben einen Stich. Manche warfen sich auf den Boden, weil sie hofften, wenn die Fahnen mehr in die Mitte vorrücken würden, außerhalb des Kreises zu bleiben und sich dort durch die Flucht zu retten.

Der Haufe wurde immer kleiner, denn mit jeder Minute nahmen Menschen und Pferde ab. Asba-Bey drängte, so gut er konnte, die Leute in einen Keil zusammen und stürzte sich mit ganzer Wucht auf Motowidlos Mannschaften, den Ring um jeden Preis zu durchbrechen.

Aber sie warfen ihn auf der Stelle zurück, und nun begann ein fürchterliches Blutbad. Jetzt zerriß Mellechowitsch, wütend wie ein Feuerbrand, den Haufen, überließ die eine Hälfte den beiden Fahnen der Genossen und setzte sich selbst denen in den Nacken, die mit Motowidlo kämpften.

Ein Teil der Räuber war zwar bei dieser Bewegung ins freie Feld entwichen und zerstreute sich über die Ebene wie ein Haufen Blätter, aber die Soldaten der hinteren Reihen, die wegen des zu engen Raumes an der Schlacht nicht teilnehmen konnten, setzten ihnen sofort nach, zu zweien, zu dreien oder auch einzeln. Die aber, denen es nicht gelungen war, zu entkommen, fielen unter dem Schwert, trotz der wütenden Gegenwehr, und streckten sich auf den Boden wie ein Haufe Getreide, welchen die Mäher von zwei Seiten niederzumähen beginnen.

Bärbchen rückte mit Motowidlos Leuten zugleich vor und ließ ihr zartes Stimmchen in Ausrufen ertönen, um sich Mut zu machen, denn im ersten Augenblick war es ihr dunkel vor den Augen geworden, sowohl von dem schnellen Ritt wie von der großen Erregung. Selbst als sie den Feind schon erreicht hatten, sah sie anfangs nur eine dunkle, hin und her wogende Masse vor sich. Es ergriff sie eine unüberwindliche Lust, die Augen ganz zu schließen. Sie widerstand dieser Lust, schwenkte aber den Säbel aufs Geratewohl hin und her. Doch das währte nicht lange; ihr Mut gewann endlich die Oberhand über die Verwirrung, und sie sah alles deutlich. Erst erblickte sie die Pferdeköpfe, über ihnen die glühenden, wilden Gesichter; eines von ihnen leuchtete ganz in ihrer Nähe auf. Bärbchen hieb wuchtig zu, und das Gesicht verschwand plötzlich, als sei es ein Gespenst gewesen.

Da traf Bärbchens Ohr die ruhige Stimme ihres Gatten:

»Gut!«

Diese Stimme gab ihr ungewöhnlichen Mut; noch fröhlicher schrie sie auf und teilte Hiebe aus, jetzt mit vollem, klarem Bewußtsein. Da streckt ihr wieder ein entsetzlicher Kopf mit flacher Nase und hervorstehenden Backenknochen die Zähne entgegen: Bärbchen fährt über ihm hin -- weg ist er ... Dort erhebt wieder eine Hand die Wurfkugel -- weg ist sie. Sie sieht einen Rumpf und Nacken, im Nu sticht sie hin; sie schlägt nach rechts, nach links, geradezu, und wo sie hinhaut, fliegt ein Mensch zu Boden und reißt sein Pferd am Zaume mit sich. Bärbchen erstaunt darüber, daß das so leicht ist. Aber leicht war es nur, weil von einer Seite der kleine Ritter Steigbügel an Steigbügel mit ihr ritt, auf der anderen Herr Motowidlo. Der erste beobachtet sorgfältig seinen Schatz, und bald löscht er ein Menschenleben wie ein Licht aus, bald haut er mit flacher Klinge den Arm samt der Waffe ab, bald schiebt er sein Schwert zwischen Bärbchen und den Feind, und die feindliche Kugel fliegt plötzlich in die Höhe, als wäre sie ein beflügelter Vogel.

Motowidlo, der phlegmatische Krieger, hütete die andere Seite der tapferen Herrin, und wie ein fleißiger Gärtner unter den Bäumen dahinschreitet und da und dort einen trockenen Ast abschneidet oder umbricht, so warf er ein um das anderemal einen Menschen auf die blutgetränkte Erde und kämpfte mit einem solchen Phlegma und solcher Ruhe, als ob er an etwas anderes denke. Beide wußten wohl, wann sie Bärbchen selbst angreifen lassen konnten, und wann sie ihr zuvorkommen oder sie vertreten mußten. Auch ein dritter wachte über sie von ferne, der unvergleichliche Bogenschütze, der sich absichtlich in ihrer Nähe hielt, jede Minute den Pfeil auf die Sehne legte und den unfehlbaren Todbringer in das größte Getümmel hinübersandte.

Aber dieses Getümmel wurde so furchtbar, daß Herr Michael Bärbchen anbefahl, sich mit einigen Leuten aus dem Gewirr zurückzuziehen, besonders als die halbwilden Pferde der Tataren anfingen, um sich zu beißen und auszuschlagen. Bärbchen gehorchte ihm unverzüglich, denn obgleich sie der Eifer erfaßt hatte, und das mutige Herz sie zu weiterem Kampfe trieb, so gewann doch ihre Frauennatur die Oberhand über die Begeisterung, und sie entsetzte sich in diesem Gemetzel beim Anblick des Blutes mitten unter dem Geheul, dem Gestöhn und Geröchel der Sterbenden, in dieser Luft, die von dem Geruch von Blut und Schweiß geschwängert war.

Sie zog also langsam ihr Pferd zurück und befand sich bald außer dem Kreise der Kämpfenden. Wolodyjowski und Motowidlo aber, die jetzt von ihrer Pflicht des Schutzes befreit waren, konnten endlich ihrer Soldatenlaune ganz die Zügel schießen lassen. Inzwischen war Muschalski, der bisher in der Nähe gestanden hatte, zu Bärbchen herangekommen.

»Ihr habt Euch wahrhaft ritterlich gehalten, verehrte Herrin,« sagte er zu ihr, »man sollte meinen, der Erzengel Michael sei vom Himmel unter die Mannschaften herabgestiegen und vertilge die Heiden ... Welche Ehre, von diesem Händchen zu fallen, das mir bei dieser Gelegenheit zu küssen gestattet sei!«

Bei diesen Worten ergriff Muschalski Bärbchens Hand und drückte sie an seine Lippen.

»Habt Ihr es gesehen? Habe ich mich wirklich brav gehalten?« sagte Bärbchen und sog mit weitgeöffneten Nasenflügeln die Luft ein.

»Die Katze kann sich nicht besser gegen die Ratten halten! Das Herz schwoll mir, so wahr ich lebe; aber Ihr tatet recht, Euch aus der Schlacht zurückzuziehen, denn gegen das Ende konnte es leicht ein Unglück geben.«

»Mein Gatte hat es mir befohlen, und ich habe bei der Abreise versprochen, ihm sofort zu gehorchen.«

»Soll ich meinen Bogen hier lassen? Ja, er nutzt mir jetzt nichts, ich will mit dem Säbel losgehen. Ich sehe drei Männer herankommen, die gewiß der Herr Hauptmann hergeschickt hat zum Schutze Eurer werten Person. Sonst hätte ich sie geschickt. Ich küsse die Hand, denn dort wird's bald zu Ende gehen, und ich muß eilen.«

Wirklich kamen drei Dragoner zu Bärbchens Schutze heran. Als Muschalski das sah, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt davon. Bärbchen zögerte einen Augenblick, ob sie die abschüssige Wand umreiten und den Hügel hinanklimmen solle, von dem sie vor der Schlacht in die Ebene hinuntergeblickt hatten. Da sie aber eine große Ermüdung empfand, beschloß sie dazubleiben.

Ihre weibliche Natur sprach immer lauter. Etwa zweihundert Schritte von ihr metzelte man ohne Mitleid die Reste der Horde nieder, und der schwarze Haufe der Kämpfenden wogte immer furchtbarer auf dem blutigen Schlachtfeld. Verzweifelte Rufe erschütterten die Luft, und Bärbchen, die kurz vorher noch voll Begeisterung gewesen war, wurde jetzt kraftlos und schwach. Es erfaßte sie eine furchtbare Angst, daß sie ganz ohnmächtig werden könne, und nur die Scham vor den Dragonern hielt sie im Sattel aufrecht. Sie wandte aber sorgfältig ihr Gesicht von ihnen ab, damit sie ihre Blässe nicht sähen. Die frische Luft gab ihr allmählich die Kraft und den Mut wieder, aber doch nicht in dem Grade, daß sie Lust gehabt hätte, wieder unter die Kämpfenden zu dringen. Sie hätte es höchstens darum getan, um für die letzten Reste der Horde um Erbarmen zu flehen. Da sie aber doch wußte, da das umsonst sein würde, sah sie mit Sehnsucht dem Ende der Schlacht entgegen.

Und dort dauerte der Kampf fort und fort. Der Widerhall der Waffen und das Lärmen hörte nicht einen Augenblick auf. Es war vielleicht eine halbe Stunde verflossen; die Fahnen drängten sich immer dichter zusammen. Da durchbrach plötzlich ein Häuflein der Horde -- es mochten zwanzig Reiter sein -- den mörderischen Kreis und stürmte wie ein Orkan auf die Anhöhe zu. Wie sie so an den Klüften vorüberflogen, konnten sie wirklich leicht dorthin gelangen, wo der Hügel sanft mit der Ebene in eins verschwamm, und dort auf der hohen Steppe Rettung finden. Aber auf dem Wege stand Bärbchen mit den Dragonern. Der Anblick der Gefahr goß in demselben Augenblick Kraft in ihr Herz und gab ihr Geistesgegenwart. Sie begriff, daß Dableiben den Untergang bedeute, denn jener Haufe mußte sie durch seine Wucht allein zu Boden werfen und zermalmen; ja sie wären sicher mit den Schwertern niedergehauen worden. Der alte Wachtmeister der Dragoner war offenbar derselben Ansicht, denn er griff mit der Hand in den Zügel von Bärbchens Apfelschimmel, wandte ihn zur Flucht und schrie in nahezu verzweifeltem Tone:

»Vorwärts, gnädige Frau!«

Bärbchen floh wie der Wind, aber allein; die drei getreuen Soldaten standen wie eine Mauer auf ihrem Platze, um wenigstens einen Augenblick den Feind abzuhalten und der geliebten Herrin Zeit zu lassen, auf eine weite Entfernung vorauszueilen.

Inzwischen waren sofort jenem Haufen Soldaten gefolgt, aber der Ring, der bisher die Horde eng umschlossen hielt, war durchbrochen, und sie begannen zu zweien, zu dreien, dann immer zahlreicher zu entwischen. Eine große Zahl von ihnen lag bereits am Boden, aber etlichen derselben, darunter Asba-Bey, gelang es, zu entkommen. Alle diese Haufen jagten, so schnell die Pferde konnten, die Anhöhe hinan. Aber die drei Dragoner vermochten nicht alle Fliehenden aufzuhalten; sie fielen nach kurzem Kampfe aus dem Sattel. Die Schar der Fliehenden aber folgte Bärbchens Spuren, bog am Abhang des Hügels ein und gelangte auf die hohe Steppe. Die polnischen Fahnen, allen voran die lipkische, eilten in schnellstem Trabe etliche zehn Schritt hinter ihnen.

Auf der hohen Steppe, die vielfach von verräterischen Schluchten und Abhängen durchzogen war, bildete sich gleichsam eine Riesenschlange von Reitern. Ihr Haupt stellte Bärbchen dar, den Hals die Horde, und die Fortsetzung des Leibes Mellechowitsch mit den Lipkern, und die Dragoner, an deren Spitze Wolodyjowski ritt, die Sporen in die Seiten des Pferdes gedrückt, Entsetzen in der Brust.

In dem Augenblick, als jenem Häuflein Räuber sich der Kreis geöffnet hatte, war er auf der anderen Seite beschäftigt; darum war ihm Mellechowitsch in der Verfolgung vorausgeeilt. Jetzt standen dem kleinen Ritter die Haare zu Berge bei dem Gedanken, daß Bärbchen von den Entflohenen erreicht werden, daß sie die Geistesgegenwart verlieren und geradeaus nach der Seite des Dniestr entfliehen, daß einer von den Räubern sie mit dem Säbel, mit dem Handschar oder der Wurfkugel treffen könne, und das Herz erstarb ihm in der Brust vor Furcht um das Leben des geliebten Wesens. Er lag fest auf dem Halse seines Pferdes, bleich, mit zusammengepreßten Zähnen; ein Sturm entsetzlicher Gedanken trieb durch seinen Kopf, und er bohrte die bewaffnete Ferse in den Leib des Rosses, peitschte das Tier und schoß dahin wie eine Trappe, ehe sie sich zum Fliegen erhebt. Vor seinen Augen flimmerten die Widderkapuzen der Lipker.

»Gebe Gott, daß Mellechowitsch hinkomme! Er hat ein gutes Pferd; gebe es Gott!« wiederholte er mit Verzweiflung in der Brust.

Aber seine Befürchtungen waren grundlos, und die Gefahr nicht so bedeutend, wie es dem liebenden Ritter erschien. Den Tataren war es zu sehr um die eigene Haut zu tun, und allzu nahe saßen ihnen die Lipker im Nacken, als daß sie einen einzelnen Reiter hätten verfolgen sollen, wenn dieser Reiter auch die schönste Jungfrau aus dem Paradiese des Propheten gewesen und in einem Mantel geflohen wäre, der ganz mit Edelsteinen bedeckt war. Bärbchen brauchte nur im Kreise nach Chreptiow einzubiegen, um den Verfolgern zu entgehen, denn diese wären ihr sicherlich nicht bis in den Rachen des Löwen gefolgt, da der Fluß dicht vor ihnen lag, in dessen Schilfgebüschen sie sich verbergen konnten. Die Lipker, welche bessere Pferde hatten, waren ihnen ohnehin immer näher gekommen; Bärbchen aber saß auf ihrem Apfelschimmel, der unvergleichlich schnellfüßiger war als die gewöhnlichen zottigen Tiere der Horde, die zwar ausdauernder im Laufe, aber nicht so flink waren wie die Pferde edler Rasse. Endlich hatte sie nicht nur ihre Geistesgegenwart nicht verloren, sondern ihre abenteuerliche Natur war in ihr mit ganzer Kraft erwacht, und das ritterliche Blut rollte immer lebhafter in ihren Adern.

Der Apfelschimmel streckte sich wie ein Reh, der Wind pfiff ihr um die Ohren, und statt der Angst hatte sie ein Gefühl des Rausches ergriffen.

»Ein ganzes Jahr können sie mich verfolgen und holen mich doch nicht ein,« dachte sie, »ich will noch weiter reiten, dann wende ich um und lasse sie entweder voraus, oder, wenn sie nicht aufgehört haben, mich zu verfolgen, bringe ich sie unter das Schwert.«

Ihr war der Gedanke gekommen, daß, wenn die ihr folgende Horde sich allzu sehr in der Steppe zerstreute, sie vielleicht beim Umwenden auf einen von ihnen stoßen und einen Einzelkampf leisten würde.

»Bah,« sagte sie in ihrer tapferen Seele, »was will das sagen? Michael hat mich so gut unterrichtet, daß ich es kühn wagen darf, sonst werden sie noch denken, daß ich aus Furcht fliehe, und mich zu einem zweiten Kriegszuge nicht mitnehmen, und Herr Sagloba wird noch über mich spotten.«

Während sie so zu sich sprach, sah sie sich nach den Strolchen um, aber die waren in Haufen davongeflohen. Es war gar keine Aussicht zu einem Einzelkampf vorhanden; Bärbchen aber wollte durchaus vor den Augen des ganzen Heeres den Beweis liefern, daß sie nicht blindlings und nicht unbesonnen geflohen war. Zu diesem Zwecke begann sie, da sie sich erinnerte, daß sie im Holfter zwei vortreffliche Pistolets habe, die Michael selbst vor der Abreise sorgfältig geladen hatte, ihren Apfelschimmel zurückzuhalten, oder richtiger umzuwenden und langsam nach der Seite von Chreptiow den Weg fortzusetzen.

Aber o Wunder! Bei diesem Anblick veränderte die Horde die Richtung der Flucht und nahm den Weg mehr nach links gegen den Rand der Anhöhe zu. Bärbchen ließ sie auf hundert Schritt herankommen, feuerte zweimal auf die nächsten Pferde, dann warf sie sich in einem ganzen Kreise herum und ritt in vollem Lauf auf Chreptiow zu.