Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 17

Chapter 173,780 wordsPublic domain

»Ich will's Euch aufrichtig sagen. Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, aber manchmal denke ich: vergebliches Seufzen! Auch so hat mir Gott Glückseligkeit herabgesandt, indem er mir hier dies Kätzchen gegeben hat, oder wie Ihr sie immer nanntet, diesen kleinen Heiducken; und da er mich noch an Ruhm und an Gut gesegnet hat, wage ich nicht, ihn um mehr zu bemühen. Denn seht, manchmal ging es mir durch den Kopf: wenn alle menschlichen Wünsche erfüllt werden sollten, gäbe es keinen Unterschied zwischen dieser irdischen Republik und der himmlischen, die allein die volle Glückseligkeit zu geben vermag. Und so denke ich mir, wenn ich hier nicht einen oder zwei Knaben habe, so werden sie dort um so sicherer sein, und werden unter dem himmlischen Hetman, dem heiligen Erzengel Michael, dienen und sich mit Ruhm bedecken in den Kämpfen gegen die höllischen Heerscharen,« sagte der kleine Ritter.

Der fromme Rittersmann war durch seine eigenen Worte und durch den Gedanken ganz gerührt, und er erhob wieder die Augen zum Himmel.

Sagloba aber hörte gleichgültig zu und fuhr fort, streng mit den Augen zu zwinkern. Endlich sagte er:

»Hüte dich zu lästern! Denn daß du dir schmeichelst, so gut die Absichten der Vorsehung zu erraten, das kann eine Sünde sein, für die du eine Zeitlang braten mußt wie die Erbsen auf einem heißen Rost. Der liebe Herrgott hat breitere Ärmel als der Herr Bischof von Krakau, aber er hat es nicht gern, daß man ihm hineingucke und sehe, was er dort für die Menschlein etwa vorbereitet; und er tut, was er will, und du kümmere dich um deine eigene Angelegenheit. Wenn ihr also Nachkommenschaft haben wollt, so dürft ihr euch nicht trennen, sondern müßt hübsch beisammen bleiben.«

Bei diesen Worten sprang Bärbchen vor Freude mitten in das Zimmer, hüpfte wie ein Schulknabe umher, schlug in die Hände und schrie ein über das andere Mal: »Nicht wahr, beisammen bleiben? Ich hab's gewußt, daß Ihr auf meiner Seite sein werdet, ich hab's gleich gewußt! Wir reisen nach Chreptiow, Michael; einmal wenigstens mußt du mich mitnehmen gegen die Tataren, ein einziges, kleines Mal, mein Süßer, mein Goldener!«

»Da seht Ihr, nun möchte sie gar schon Kriegszüge mitmachen!« rief der kleine Ritter.

»An deiner Seite würde ich die ganze Horde nicht fürchten!«

»_Silentium_,« sagte Sagloba und folgte mit verliebten Augen, oder richtiger, mit verliebtem Auge den schnellen Bewegungen Bärbchens, der er außerordentlich gut war. -- »Ich hoffe, daß Chreptiow, wohin es ja übrigens nicht so weit ist, nicht die letzte Grenzwarte in den wilden Feldern sein wird.«

»Nein, die Kommandos werden noch weiter hinausstehen in Mohylow, in Jampol; das letzte soll in Raschkow sein,« antwortete der kleine Ritter.

»In Raschkow! O, Raschkow kennen wir; von dort haben wir Halschka Skrzetuski geholt. Denkst du noch, Michael, erinnerst du dich noch, wie ich jenes Monstrum niedergesäbelt habe, den Tscheremi, den Teufel, der sie bewachte? Aber wenn das letzte Präsidium bis nach Raschkow hinausstehen soll, so würden sie auch sofort davon wissen, wenn die Krim sich regt oder die ganze Macht des Sultans, und würden es nach Chreptiow melden. Darum ist auch die Gefahr nicht so groß, denn Chreptiow kann nicht plötzlich überfallen werden. Bei Gott, ich weiß nicht, warum Bärbchen dort nicht mit dir sein sollte? Ich meine das ganz aufrichtig. Du weißt ja doch, ich gebe lieber mein altes Hirn her, als daß ich sie einer Gefahr aussetzte. Nimm sie mit, es wird euch beiden gut tun. Bärbchen muß nur versprechen, daß sie für den Fall eines großen Krieges ohne Widerrede gestattet, sie nach Warschau zu bringen, denn dann beginnen die großen Märsche, hitzigen Schlachten, Belagerungen von Wagenburgen, vielleicht auch Hungersnot wie bei Sbarasch, und in solchen Nöten kann der Mann schwer sich seiner Haut wehren, um wie viel weniger ein Weib.«

»Mit Freuden würde ich fallen an Michaels Seite,« versetzte Bärbchen, »aber ich habe ja meinen Verstand, und ich weiß, was nicht geht, geht nicht, und dann: Wie Michael will, nicht wie ich will. Ist er doch in diesem Jahre schon ausgezogen unter dem Hetman Sobieski, -- habe ich da gedrängt mitzugehen? Nein! Gut denn, wenn mir nur jetzt nicht verwehrt wird, mit Michael nach Chreptiow zu gehen -- im Falle eines großen Krieges schickt mich, wohin ihr wollt.«

»Herr Sagloba wird dich nach Podlachien zu den Skrzetuskis bringen,« sagte der kleine Ritter, »dort wird doch der Türke nicht hinkommen.«

»Herr Sagloba, Herr Sagloba!« sagte der Alte nachäffend, »bin ich ein Transportbeamter? Vertraut Eure Frauen nicht so dem Herrn Sagloba an und denkt, er sei alt, denn es könnte sich ganz anders zeigen. Und dann -- denkst du denn, daß ich bei einem Kriege mit den Türken mich schon hinter den Ofen in Podlachien setzen und nach dem Braten schauen werde, daß er nicht anbrennt? Noch bin ich kein Stock und kann noch zu was Besserem dienen. Ein Bänkchen brauche ich wohl, um zu Pferde zu steigen, aber sitze ich einmal darauf, so springe ich so gut den Feind an, wie irgend ein jüngerer. Zum Scharmützel mit den Tataren werde ich nicht mehr ausziehen, in den wilden Feldern umherspähen werde ich nicht mehr -- aber bei der Generalattacke halte dich nur in meiner Nähe, wenn du kannst, und du sollst schöne Dinge sehen!«

»Wolltet Ihr noch ins Feld rücken?«

»Denkst du, ich wollte nicht mit einem ruhmreicheren Tode ein ruhmreiches Leben beschließen nach soviel Dienstjahren? Was könnte mir Würdigeres geschehen? Hast du Herrn Dsiewiontkiewitsch gekannt? Er sah zwar nicht älter aus als hundertundvierzig Jahre, aber er war schon hundertundzweiundvierzig und diente noch.«

»So alt war er nicht.«

»Er war es! -- So soll ich mich hier nicht vom Platze rühren! Ich ziehe in den großen Krieg -- basta! Und jetzt gehe ich mit euch nach Chreptiow, denn ich bin in Bärbchen verliebt.«

Bärbchen sprang strahlend in die Höhe und drückte Herrn Sagloba an sich. Er aber hob seinen Kopf in die Höhe und wiederholte: »Stärker, stärker!«

Michael erwog indessen noch alles eine Zeitlang; endlich sagte er:

»Es ist unmöglich, daß wir sogleich alle reisen. Dort ist ja die reine Wüste, kein Stückchen Dach finden wir über unserem Haupte. Ich will vorausgehen, will einen Ort zur Unterkunft suchen, ein artiges Blockhaus erbauen, Häuser für die Soldaten, Schuppen für die Pferde der Genossen, damit sie dort in der veränderten Luft nicht zugrunde gehen; dann will ich Brunnen graben, Wege bauen, die Höhlen von den Räuberbanden, so gut es geht, säubern. Dann schicke ich euch ein anständiges Gefolge, und ihr kommt nach. Drei Wochen wenigstens müßt ihr warten.«

Bärbchen wollte widersprechen, aber Sagloba sah die Richtigkeit von Michaels Worten ein und sagte:

»Was wahr ist, ist wahr. Bärbchen, wir bleiben hier und führen zusammen die Wirtschaft, wir werden uns dabei ganz wohl fühlen. Wir müssen auch einen kleinen Vorrat bereit halten, denn auch das wißt Ihr gewiß nicht, daß Met und Wein sich nirgend so gut erhält wie in den Höhlen.«

* * * * *

Michael hielt sein Wort. In drei Wochen war er mit den Gebäuden fertig und schickte eine stattliche Eskorte: hundert Lipker von der Fahne des Freiherrn von Landskron und hundert Linkhausensche Dragoner, welche Herr Snitko, der im Wappen einen verschleierten Mond führte, kommandierte. Die Lipker waren unter dem Befehl des Hauptmanns Asya Mellechowitsch, der seinen Stammbaum von den litauischen Tataren herleitete, eines sehr jungen Mannes, denn er zählte kaum einige zwanzig Jahre. Dieser brachte einen Brief vom kleinen Ritter mit, der seiner Gattin folgendes schrieb:

»Mein herzgeliebtes Bärbchen! Komm doch bald, denn ohne Dich lebe ich wie ohne Brot, und wenn ich nicht bis dahin eintrockne, so küsse ich Dir Dein rosiges Mäulchen ganz und gar weg. Ich schicke Dir nicht wenig Leute und erfahrene Offiziere, aber den ersten Platz räumt in allem dem Snitko ein, und nehmt ihn in Eure Gesellschaft; denn er ist von gutem Herkommen und ein Adelsgenoß; Mellechowitsch ist ein guter Soldat, aber Gott weiß, wo er herkommt; er hätte auch bei keiner anderen Fahne als bei den Lipkern Offizier werden können, denn es hätte ihm leicht jeder Unebenbürtigkeit vorwerfen können. -- Ich umarme Dich herzlich, ich küsse Deine Händchen und Füßchen. -- Ein Blockhaus habe ich aus Rundsteinen aufgeführt, -- ganz vortrefflich -- ungeheure Schornsteine -- für uns einige Zimmer in einem besonderen Häuschen -- überall riecht es nach Harz, und eine Menge Heimchen sind da, die, wenn sie abends zu zirpen anfangen, sogar alle Hunde aus dem Schlafe erwecken. Hätten wir etwas Erbsenstroh, wir könnten sie schnell los sein; aber nächstens kannst Du uns solches auf Deinem Wagen mitbringen. Scheiben von keiner Seite; die Fenster verhängen wir mit Moos; aber unter den Dragonern ist ein Glaser. Glas kannst Du in Kamieniez bei den Armeniern bekommen, aber fahre um Gottes willen behutsam, damit es nicht in Stücke gehe. Dein Zimmerchen habe ich mit Teppichen ausschlagen lassen, und es präsentiert sich vortrefflich. Von den Räubern, die wir in den Leschytzer Höhlen gefangen haben, habe ich schon neunzehn hängen lassen, und bevor Du herkommst, werde ich wohl das halbe Schock voll machen. Herr Snitko wird Dir erzählen, wie wir hier leben. -- Gott und der heiligen Jungfrau empfehle ich Dich, mein Allerliebstes!«

Bärbchen las den Brief und gab ihn Herrn Sagloba, der sogleich Herrn Snitko mit großem Respekt entgegenkam, doch aber nicht mit so großem, daß jener nicht bald gemerkt hätte, er spreche mit einem berühmten Krieger und einer größeren Persönlichkeit, die nur aus Freundschaft ihn zu solcher Vertraulichkeit kommen lasse. Im übrigen war Herr Snitko ein guter Soldat, heiter, ein echter Kriegsmann, denn sein ganzes Leben war im Dienst hingegangen. Vor Michael hatte er hohe Achtung, und neben dem Ruhme Saglobas fühlte er sich klein und dachte gar nicht daran, sich zu brüsten.

Mellechowitsch war nicht zugegen, als der Brief gelesen wurde. Gleich nachdem er ihn abgegeben, war er davongegangen; er tat, als ob er nach den Leuten sehen wolle. Im Grunde aber fürchtete er, man werde ihn ins Gesindezimmer weisen.

Sagloba hatte indessen Zeit gehabt, ihn näher zu betrachten, und da ihm Michaels Worte noch frisch im Gedächtnis waren, sagte er zu Snitko:

»Wir heißen Euch willkommen, bitte, Herr Snitko ... Ich kannte einen ... vom Wappen mit verschleiertem Mond! Ich bitte, ein würdiges Wappen ... aber der Tatar ... wie nennt man ihn?«

»Mellechowitsch!«

»Aber dieser Mellechowitsch schaut wolfsmäßig drein. Michael schreibt, er sei ein Mensch von ungewisser Herkunft. Merkwürdig genug, denn alle unsere Tataren sind von Adel, wenn auch Heiden. In Litauen habe ich ganze Dörfer gesehen, die von ihnen bewohnt sind; dort nennt man sie Lipker, die hiesigen heißen Tscheremissen. Lange Zeit haben sie der Republik treu gedient und sich ihr dankbar erwiesen für das Brot, das sie ihnen gab. Aber schon zurzeit des Bauernaufstandes sind viele von ihnen zu Chmielnizki übergegangen, und jetzt höre ich, beginnen sie mit der Horde zu liebäugeln ... Dieser Mellechowitsch schaut wie ein Wolf drein ... kennt Michael ihn schon lange?«

»Aus der Zeit des letzten Krieges,« antwortete Herr Snitko und schob die Füße unter die Bank, »als wir mit Herrn Sobieski gegen Doroschenko und die Horde zogen und durch die Ukraine kamen.«

»Aus der Zeit des letzten Kriegszuges! Ich konnte an ihm nicht teilnehmen, denn Herr Sobieski hatte mir ein anderes Amt anvertraut, obwohl ihm später bange war in meiner Abwesenheit ... Und Euer Wappen, der verschleierte Mond ... Woher ist er, dieser Mellechowitsch?«

»Er nennt sich einen litauischen Tataren, aber seltsam, es hat ihn keiner der litauischen Tataren vorher gekannt, obwohl er gerade in ihrer Fahne dient. Daher die Gerüchte von seiner zweifelhaften Herkunft, welche seine hochfahrenden Manieren nicht zu zerstören vermochten. Er ist übrigens ein großer Krieger, wenn auch sehr schweigsam. Bei Brazlaw und bei Kalnik hat er große Dienste geleistet, wofür ihn der Herr Hetman zum Hauptmann gemacht hat, obwohl er in der ganzen Fahne der jüngste war. Die Lipker lieben ihn sehr, bei uns hat er keine Freunde -- und warum? Weil er ein düsterer Mann ist, und wie Ihr treffend bemerkt habt, wie ein Wolf dreinschaut.«

»Wenn er ein tüchtiger Soldat ist,« sagte Bärbchen, »so ziemt es, ihn aufzunehmen, was mir auch mein Herr Gemahl in seinem Briefe nicht verwehrt.«

Hier wandte sie sich an Herrn Snitko:

»Ihr gestattet?«

»Zu Diensten, Frau Obristen!« rief Snitko.

Bärbchen verschwand hinter der Tür; Sagloba atmete auf und fragte Herrn Snitko:

»Nun, und hat Euch die Frau Obristin gefallen?«

Der alte Soldat preßte statt jeder Antwort die Fäuste vor die Augen, neigte sich auf seinem Stuhle vor und sagte: »Ei, ei, ei!« Dann riß er die Augen weit auf, verstopfte mit der Handfläche seinen Mund und schwieg, als schäme er sich seines eigenen Entzückens.

»Der reine Marzipan, was?« sagte Sagloba.

Inzwischen war der »Marzipan« wieder in der Tür erschienen, Asya mit sich führend, der aufgeblasen wie ein Pfau dastand.

»Aus den Briefen meines Mannes und von Herrn Snitko haben wir so viel von Euren mutigen Taten gehört, daß wir Euch gern näher kennen lernen möchten. Wir bitten Euch, bei uns zu bleiben, man wird Euch gleich das Essen auftragen,« sagte Bärbchen.

»Wir bitten, kommt näher,« sagte Sagloba.

Das düstere, wenn auch schöne Gesicht des jungen Tataren erhellte sich nicht ganz, aber man sah, daß er dankbar sei für die freundliche Aufnahme und dafür, daß man ihn nicht in das Gesindezimmer gewiesen.

Bärbchen aber bemühte sich mit Absicht, freundlich gegen ihn zu sein, denn sie hatte mit dem Herzen des Weibes erraten, daß er mißtrauisch und stolz sei, und daß Demütigungen, wie er sie gewiß oft wegen seiner zweifelhaften Herkunft zu ertragen hatte, ihn tief schmerzten. Sie machte also zwischen ihm und Snitko keinen anderen Unterschied als den, welchen das reifere Alter Snitkos zu machen nötigte. Sie fragte den jungen Hauptmann nach den Diensten aus, um derentwillen er bei Kalnik einen höheren Rang erhalten hatte. Sagloba erriet Bärbchens Wünsche und wandte sich auch ziemlich oft an Asya, und er, obwohl anfangs ein wenig trotzig, gab vernünftige Antworten; seine Manieren verrieten nicht den Mann aus dem Volke, sondern sie riefen durch eine gewisse höfische Art sogar Verwunderung hervor.

Das kann kein Bauernblut sein, -- dachte Sagloba, sonst wäre er nicht so stolzen Sinnes.

Dann fragte er laut:

»Und wo lebt Euer Vater?«

»In Litauen,« versetzte Mellechowitsch errötend.

»Litauen ist ein großes Land; das ist gerade so, als wenn Ihr mir geantwortet hättet: in der Republik.«

»Jetzt nicht mehr in der Republik, denn jene Lande sind abgefallen. Mein Vater hat in der Nähe von Smolensk Besitztümer.«

»Auch ich hatte dort bedeutende Güter, die mir nach dem Tode eines kinderlosen Verwandten zugefallen sind, aber ich zog es vor, sie fahren zu lassen und bei der Republik zu bleiben.«

»So tue auch ich,« antwortete Mellechowitsch.

»Ihr handelt würdig,« fiel Bärbchen ein.

Snitko, der dem Gespräch zuhörte, zuckte ein wenig die Achsel, als wollte er sagen: Gott mag wissen, wer du bist, und wo du herkommst. -- Sagloba aber, der das bemerkt hatte, wandte sich wieder an Mellechowitsch:

»Und Ihr bekennet Christum oder -- ich will Euch nicht beleidigen -- lebt in der Sünde?«

»Ich habe den Christenglauben angenommen, und aus diesem Grunde mußte ich meinen Vater verlassen.«

»Wenn du ihn darum verlassen hast, so wird dich Gott dafür nicht verlassen, und der erste Beweis seiner Gnade ist der, daß du Wein trinken kannst, den du, im Irrtum verharrend, nicht genossen hättest.«

Snitko lachte auf, aber Asya waren diese Fragen, die seine Person und Abstammung betrafen, offenbar nicht angenehm, denn er hatte sich wieder wie vorhin aufgebläht. Sagloba aber achtete nicht darauf, um so weniger, als der junge Tatar ihm nicht gerade gefiel, denn in manchen Augenblicken erinnerte er, wenn auch nicht durch sein Gesicht, so doch durch seine Bewegungen und seinen Blick, an den berühmten Kosakenführer Bohan.

Inzwischen wurde das Mittagessen gebracht.

Den Rest des Tages nahmen die letzten Reisevorbereitungen in Anspruch; am anderen Morgen brach man auf, als es kaum dämmerte, oder richtiger, als es noch Nacht war, um in einem Tage nach Chreptiow zu gelangen.

Zahlreiche Wagen waren aufgefahren, denn Bärbchen hatte beschlossen, die Kammer in Chreptiow reichlich zu versehen; daher gingen auch hinter den Wagen reichbeladene Kamele und Pferde, die sich unter der Last der Graupen und des geräucherten Fleisches beugten. Den Schluß der Karawane machten etliche zehn Steppenrinder und eine kleine Herde Schafe. Eröffnet wurde der Zug von Asya mit seinen Lipkern. Die Dragoner ritten in nächster Nähe des gedeckten Wagens, in welchem Bärbchen und Sagloba saßen. Sie hätte am liebsten den Apfelschimmel bestiegen, der als Leitpferd mitging, aber der alte Edelmann bat sie, dies wenigstens zu Anfang und zu Ende der Reise nicht zu tun.

»Ja, wenn du ruhig säßest,« sagte er, »würde ich nichts dagegen haben, aber du fängst bald an, ausgelassen zu sein und mit dem Pferde Possen zu treiben, und das steht der Würde der Frau Kommandantin nicht an.«

Bärbchen war glücklich und heiter wie ein Vögelchen. Seit ihrer Verheiratung hatte sie zwei große Wünsche: Einmal wollte sie Michael einen Sohn schenken und dann mit dem kleinen Ritter wenigstens auf ein Jahr in einer der Grenzwarten in der Nähe der wilden Felder wohnen und dort an der Grenze der Wüste das Leben eines Soldaten leben, Krieg und Abenteuer mitmachen, an den Zügen teilnehmen, mit eigenen Augen die Steppe kennen lernen, die Gefahren erproben, von welchen sie soviel gehört hatte seit den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatte davon geträumt, als sie noch ein kleines Mädchen war, und diese Träume sollten sich jetzt verwirklichen, und noch dazu an der Seite des geliebten Mannes und des berühmtesten Kämpfers in der Republik, von dem man sagte, daß er den Feind aus der Erde zu graben verstehe.

Die junge Frau Kommandantin fühlte Flügel an ihren Armen, und eine so große Freude in der Brust, daß sie oft Lust hatte, aufzuschreien und zu hüpfen; aber der Gedanke an ihre Würde hielt sie zurück, denn sie hatte sich das Wort gegeben, ein gesetztes Benehmen zu zeigen und sich die höchste Liebe der Soldaten zu erringen. Sie vertraute Herrn Sagloba diesen Gedanken an, und er lächelte leutselig und sagte:

»Du wirst dort schon der Stern im Auge sein und eine große Merkwürdigkeit, das ist gewiß. Ein Weib in der Grenzwarte -- das ist ja eine Rarität.«

»Und in der Gefahr werde ich allen ein Beispiel geben!«

»Wovon?«

»Nun, des Mutes. Nur eins fürchte ich: daß noch über Chreptiow hinaus Kommandos stehen werden, in Mohylow, in Raschkow, bis weithin in Jahorlik, und daß wir die Tataren nicht einmal als Heilmittel gegen Langeweile sehen werden.«

»Und ich fürchte nur das eine, wenn auch nicht für mich, so doch für dich, daß wir sie gar zu häufig sehen werden. Was denkst du, haben die Tataren die Pflicht, durchaus auf Raschkow oder Mohylow loszumarschieren? Sie können geradeaus von Osten kommen oder aus den Steppen oder auch die Moldau herauf, den Dniestr entlang ziehen und in das Gebiet der Republik einfallen, wo sie wollen, sei es auch am Berge hinter Chreptiow -- es müßte denn sehr bekannt werden, daß ich in Chreptiow bin, dann werden sie es umgehen, denn mich kennen sie von alters her.«

»Und kennen sie Michael etwa nicht? Werden sie Michael etwa nicht aus dem Wege gehen?«

»Auch ihm werden sie aus dem Wege gehen, sie müßten denn in großer Macht herankommen, was wohl geschehen kann. Übrigens wird er sie selbst aufsuchen.«

»Ja, das ist wahr, des bin ich gewiß. Ist wirklich in Chreptiow schon völlige Wüste, denn das ist ja gar nicht weit?«

»So sehr Wüste, daß es wüster nicht sein kann. Einst, zurzeit meiner Jugend, war die Gegend bevölkert. Man zog von Vorwerk zu Vorwerk, von Dorf zu Dorf, von Städtchen zu Städtchen. Ich habe sie kennen gelernt, ich war dort. Ich denke noch, wie Uschyz eine befestigte Stadt war, die sich sehen lassen konnte. Herr Koniezpolski, der Vater, hat mich hier zum Starosten gemacht. Dann kam der Pöbelaufstand, und alles ging in Trümmer. Als wir hier Halschka holten, da war es schon wüst, und später sind die Tataren wohl an die zwanzigmal hier hindurchgezogen ... Jetzt hat Herr Sobieski den Kosaken und Tataren wieder das Land entrissen, wie man einem Hunde etwas aus dem Rachen reißt ... aber Menschen gibt es noch nicht, nur Räuberbanden stecken in den Schluchten.«

Hier schaute sich Sagloba in der Gegend um und schüttelte den Kopf wie in der Erinnerung an alte Zeiten.

»Du lieber Gott,« sagte er, »damals, als wir Halschka holten, da glaubte ich, das Alter sitze mir im Nacken, und jetzt denke ich, daß ich jung war, denn es sind doch bald vierundzwanzig Jahre her. Michael war noch ein Milchbart und hatte weniger Haare auf der Oberlippe, als ich hier auf der Faust. Und dabei steht mir die Gegend so lebhaft im Gedächtnis, als wäre es gestern; aber das Gestrüpp ist größer, und die Wälder dichter, seitdem die Ackerbauer fort sind.«

Sie kamen auch bald hinter Kitajgorod in große Wälder, denn damals war jene Gegend zum größten Teil dicht bewachsen. Hier und da indessen, besonders in der Gegend von Studsienniza, gab es auch offenes Feld, und von hier aus sahen sie das Ufer des Dniestr und das Land, das sich jenseits des Flusses unendlich hinzog bis an die Anhöhen, welche nach der Moldau hin den Gesichtskreis abschlossen.

Tiefe Schluchten, der Versteck wilder Tiere und wilder Menschen, durchschnitten den Weg. Diese Schluchten waren bisweilen schmal und uneben, bald wieder offen mit leicht abfallenden Seiten und wüst bewachsen. Die Lipker des Asya tauchten vorsichtig hinunter, und wenn das Ende des Zuges noch auf dem hohen Abhang war, schien sein Anfang in die Erde versunken zu sein. Oft mußten Bärbchen und Sagloba aus dem Wagen steigen; denn obwohl Michael den Weg, so gut es ging, geebnet hatte, gab es doch gefährliche Übergänge. Am Boden der Schluchten plätscherten Quellen, oder strömten, über die Steine rauschend, reißende Flüsse, welche im Frühling das Wasser des Steppenschnees mit sich nahmen. Obgleich die Sonne die Wälder und Steppen noch stark erwärmte, herrschte doch eine strenge Kälte in diesen steinernen Schlünden und packte die Reisenden hart an. Der Wald hatte die felsigen Seitenwände ausgepolstert und säumte noch die Ufer düster ein, als wollte er jene tief versunkenen Höhlungen vor den goldenen Strahlen der Sonne schützen. Stellenweise aber waren die Bäume gebrochen, umgestürzt, die Stämme in wilder Unordnung einer über den anderen geworfen, die Zweige verbogen und zu Haufen aneinandergedrängt, vertrocknet oder auch mit welkem Laub und Nadeln bedeckt.

»Was ist mit diesem Walde vorgegangen?« fragte Bärbchen Herrn Sagloba.

»Zum Teil können das alte Verhaue sein, welche die früheren Einwohner gegen die Horden gemacht haben, oder auch die Kosaken gegen unsere Heere; andernteils sind es die Stürme, die von der Moldau herkommen, und die im Walde so hausen, die Stürme, in welchen, wie alte Leute sagen, Vampire oder gar Teufel ihr Wesen treiben.«

»Und habt Ihr jemals die Teufel ihr Wesen treiben sehen?«

»Gesehen hab' ich es nicht, aber gehört habe ich, wie die Teufel einander belustigend zuriefen: »O-ha -- o-ha!« Fragt nur Michael, denn auch er hat es gehört.«

Bärbchen war zwar mutig, fürchtete sich aber doch ein wenig vor bösen Geistern. Sie bekreuzigte sich also schnell. »Ein entsetzliches Land!« sagte sie.