Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman

Part 14

Chapter 143,771 wordsPublic domain

Von Mund zu Munde ging es, daß die Wahl eine stürmische sein werde, denn das ganze Land war in drei Hauptparteien getrennt: für Condé, den Fürsten von Neuburg, und den Lothringer. Es hieß, jede der Parteien würde selbst mit Gewalt ihren Kandidaten durchzubringen suchen.

Ein Sturm hatte die Gemüter ergriffen; die Seelen glühten von Parteiwut. Die einen sagten einen Bürgerkrieg voraus, und diese Gerüchte fanden Glauben durch die riesigen bewaffneten Gefolge, mit denen sich die Magnaten umgeben hatten. Auch sie kamen früh herangezogen, um noch Zeit zu allerlei Machenschaften zu haben. Wenn die Republik in Gefahr war, wenn der Feind ihr das Messer an die Kehle setzte, konnte der König, konnten die Hetmane nicht mehr als eine Handvoll Soldaten gegen sie führen. Jetzt kamen die Radziwills allein trotz Gesetz und Beschlüssen mit einer Armee von etlichen hundert Kriegern herangezogen; die Patz' brachten beinahe eine gleiche Zahl mit, die mächtigen Potozkis kaum eine geringere, und mit nicht viel weniger erschienen auch die anderen »Kleinkönige« aus Polen, Litauen und Preußen. Wohin steuerst du, schwankes Schifflein meines Vaterlandes? -- wiederholte der Priester Olschowski immer häufiger, und doch hatte er selbst seine eigenen Interessen im Herzen. An sich und an die Macht der eigenen Häuser nur dachten die bis ins innerste Mark verderbten Magnaten, die jeden Augenblick bereit waren, den Sturm des Bürgerkrieges anzufachen.

Die Scharen des Adels wuchsen mit jedem Tage, und man konnte jetzt schon erkennen, daß er, wenn nach dem Reichstag die Wahl selbst beginnen würde, auch die größte Macht der Magnaten übertreffen müsse. Aber auch diese Scharen waren nicht fähig, das schwanke Schiff der Republik glücklich in ruhige Strömungen zu lenken, denn ihre Geister waren in Dunkelheit und Nacht gehüllt, und ihre Herzen meist verderbt.

So drohte die Wahl unberechenbar zu werden, und niemand konnte ahnen, daß sie auch nur ein elendes Resultat geben würde, denn außer Sagloba hatten nur wenige, auch die nicht etwa für den Piast arbeiteten, die Hoffnung, einen Kandidaten wie den Fürsten Michael durchzusetzen, denn wer konnte wissen, wieviel die Urteilslosigkeit des Adels und die Machenschaften der Magnaten vermöchten. Sagloba aber schwamm in diesem Meer wie ein Fisch. In dem Augenblick, an dem der Reichstag begann, nahm er dauernd seine Wohnung in der Stadt und besuchte Ketlings Haus nur so oft, als ihm nach seinem kleinen Heiducken bange ward. Da aber auch Bärbchen infolge von Christinens Entschlusse von ihrer Heiterkeit viel verloren hatte, nahm Sagloba sie von Zeit zu Zeit mit sich in die Stadt, damit sie sich zerstreue, und ihr Auge an dem Anblick der Bazare weide.

Am Morgen pflegte sie in die Stadt zu fahren, und am späten Abend brachte dann Sagloba das Fräulein wieder heim. Unterwegs und in der Stadt erfreute sich das Herz des Mädchens an dem Anblick der unbekannten Menschen und Dinge, der vielfarbigen Scharen der stolzen Heere. Dann glänzten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen, ihr Köpfchen wandte sich lebhaft nach allen Seiten, sie konnte nicht genug sehen, nicht genug bewundern und überschüttete Sagloba mit tausend Fragen. Er antwortete mit Freuden, denn er konnte dadurch seine Erfahrung und seine Gelehrsamkeit beweisen. Oft auch umgab eine artige Schar von Soldaten das Wäglein, in dem sie fuhren; die Ritter bewunderten Bärbchens Schönheit, ihren schlagenden Witz und ihre Entschlossenheit, und Sagloba erzählte ihnen dazu immer noch die Geschichte vom Tataren, den sie mit Entenschrot erschossen, um die Leute vollends in Erstaunen und Entzücken zu versetzen. Eines Abends waren sie wieder sehr spät zurückgekehrt, denn sie hatten den ganzen Tag Felix Potozkis Scharen besichtigt. Die Nacht war hell und warm, über den Wiesen hingen weiße Nebel. Sagloba, obwohl er immer ermahnt hatte, bei einem so großen Zusammenfluß von Bediensteten und Soldaten fleißig acht zu haben, um nicht auf Gesindel zu stoßen, war tief eingeschlafen; auch der Kutscher schlummerte, und nur Bärbchen war wach, denn durch ihren Kopf zogen Tausende von Bildern und Gedanken.

Plötzlich drang Pferdegetrappel an ihr Ohr.

Sie zog Sagloba am Ärmel und sagte.

»Wir sind von Räubern verfolgt!«

»Was -- wie -- wer?« fragte Sagloba schläfrig.

»Wir sind von Räubern verfolgt!«

Da erwachte Sagloba.

»O, gleich verfolgt! -- Ich höre Hufschlag; vielleicht reitet jemand denselben Weg.«

»Ich bin überzeugt, es sind Räuber.«

Bärbchen war darum davon überzeugt, weil sie sich in innerster Seele Abenteuer, Räuber und Gelegenheit, ihren Mut zu zeigen, wünschte, und als Sagloba schnarchend und brummend anfing, unter dem Sitz die Pistolen hervorzuziehen, die er »zufällig« immer mit sich führte, drängte sie ihn bald, ihr eine zu geben.

»Ich werde schon den ersten, der herkommt, treffen. Die Tante schießt ausgezeichnet mit dem Pistol, aber sie sieht in der Nacht nichts. Ich möchte schwören, es sind Räuber; -- o gebe Gott, daß sie uns angriffen! Gib mir schnell das Pistol!«

»Gut,« antwortete Sagloba, »aber versprich mir, daß du nicht vor mir schießest und nicht, ehe ich ›Feuer‹ sage. Wenn man dir eine Waffe in die Hand gibt -- du hättest nicht übel Lust, den ersten besten Edelmann niederzuschießen, ohne vorher ›wer da‹ zu rufen, und dann gibt's Händel.«

»So werde ich erst fragen: ›wer da?‹«

»Und wenn dann Trunkenbolde vorbeikommen und die Frauenstimme erkennen und etwas Unartiges zur Antwort geben?«

»Dann schieße ich los; -- schön!«

»Na, da nehme man sich solch einen Heißsporn in die Stadt mit! -- Ich sage dir, du sollst nicht ohne Kommando schießen!«

»Ich werde also fragen: »wer da?«, aber mit so tiefer Stimme, daß sie mich nicht erkennen werden.«

»Na, sei's denn so! Ha, ich höre sie schon in der Nähe, -- sei überzeugt, das sind gute Leute, denn Strolche wären plötzlich aus dem Graben aufgetaucht.«

Da aber wirklich viel Gesindel auf allen Wegen herumlungerte, und man viel von Unglücksfällen hörte, befahl Sagloba dem fahrenden Knecht, nicht unter den Bäumen zu halten, die am Kreuzweg standen, sondern an einem hell erleuchteten Orte.

Inzwischen waren die Reiter auf etliche zehn Schritt herangekommen, -- da fragte Bärbchen in einem Baß, der ihr selbst eines Dragoners würdig erschien, und in drohendem Tone:

»Wer da?«

»Was steht ihr mitten im Wege?« gab einer der Ritter zur Antwort, dem offenbar der Gedanke gekommen war, daß die Reisenden Unglück gehabt haben müßten mit dem Gespann oder mit dem Wagen.

Aber bei diesem Ton ließ Bärbchen sofort das Pistol sinken und sprach hastig zu Sagloba:

»Wahrhaftig, das ist Onkelchen ... Bei Gott!«

»Was für ein Onkelchen?«

»Makowiezki.«

»He da!« schrie jetzt Sagloba, »ist das nicht Herr Makowiezki mit unserem Wolodyjowski?«

»Herr Sagloba?« versetzte der kleine Ritter.

»Michael!«

Da begann Sagloba in großer Eile seine Füße über die Lehne des Wagens zu strecken, aber ehe es ihm gelang, mit einem hinüberzukommen, war Wolodyjowski schon vom Pferde gesprungen und stand an dem Korbwagen; da er im Mondlicht Bärbchen erkannte, ergriff er ihre beiden Hände und rief:

»Ich heiße Sie von ganzem Herzen willkommen! Wo ist Fräulein Christine, die Schwester? Sind alle gesund?«

»Gott sei Dank, alle sind gesund! -- Daß Ihr endlich gekommen seid!« antwortete Bärbchen mit pochendem Herzen, »der Onkel auch? -- Onkelchen!«

Sie umarmte Herrn Makowiezki, der gerade an den Wagen herangekommen war, und Sagloba hatte inzwischen Wolodyjowski seine Arme geöffnet. Nach langen Begrüßungen erfolgte die gegenseitige Vorstellung des Herrn Truchseß und Saglobas; dann stiegen die beiden Ankömmlinge, nachdem sie den Knechten ihre Pferde übergeben hatten, in den Korbwagen; Makowiezki und Sagloba nahmen die Rücksitze ein, Bärbchen und Wolodyjowski fanden vorne Platz.

Nun folgten Fragen und kurze Antworten, wie das gewöhnlich zu sein pflegt, wenn sich Menschen nach langer Trennung wieder begegnen. Makowiezki fragte nach seiner Frau, Wolodyjowski erkundigte sich noch einmal nach Christinens Wohl; dann verwunderte er sich über Ketlings Abreise, aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er mußte bald Rede stehen über das, was er selbst an der Grenzstation gemacht habe, wie er die Scharen der Horden überlistet, wie bange ihm war und wie doch so erfrischend, das alte Leben wieder zu genießen.

»Seht,« sagte er, »mir war's, als wären die alten Tage wiedergekehrt, da ich noch mit Kuschel, mit Skrzetuski und Wierschul zusammen auszog. Erst wenn am Morgen der Eimer zum Waschen gebracht wurde, und ich die grauen Haare an meinen Schläfen in ihm sah, da erst trat es mir nahe, daß ich nicht mehr derselbe wie früher bin, obwohl ich wiederum dachte, solange der Jugendmut derselbe ist, ist auch der Mensch derselbe.«

»Und damit hast du ins Schwarze getroffen,« antwortete Sagloba. »Ich sehe, dort im frischen Grase hast du deinen Witz aufgefüttert, denn früher war er gar nicht so leicht beschwingt. Jugendmut, das ist die Hauptsache, -- es gibt kein besseres Mittel gegen die Melancholie!«

»Was wahr ist, ist wahr,« fügte Herr Makowiezki hinzu »dort in Michaels Standquartier gibt es eine Menge Brunnenkräne, denn Quellwasser gibt es in der Nähe nicht. Und da sage ich Ihnen, wenn bei Tagesanbruch die Soldaten mit diesen Kränen zu knarren anfangen, erwacht der Mensch mit solcher Jugendfrische, daß man dem lieben Herrgott schon dafür danken möchte, daß man lebt.«

»Ach, wenn ich doch nur einen Tag dort sein könnte!« rief Bärbchen.

»Ein Mittel gibt's dafür,« antwortete Sagloba, -- »heirate einen Hauptmann aus Michaels Fahne.«

»Herr Nowowiejski muß früher oder später Hauptmann werden,« warf der kleine Ritter ein.

»Schon gut!« rief Bärbchen zornig, »ich habe Euch nicht gebeten, mir statt eines Willkommens Herrn Nowowiejski mitzubringen.«

»Ich habe auch etwas anderes mitgebracht: prächtige Südfrüchte. Fräulein Bärbchen werden sie süß schmecken, und dem armen Jungen ist bitter.«

»So hätte man ihm etwas von den Süßigkeiten abgeben sollen, damit er sie verzehre, solange ihm der Bart noch nicht gewachsen ist.«

»Stellt Euch vor,« sagte Sagloba zu Makowiezki, »daß die beiden immer so miteinander sprechen; ein Glück, daß das Sprichwort sagt: Was sich liebt, das neckt sich.«

Bärbchen erwiderte nichts; Michael aber blickte ihr kleines, von einem hellen Lichtschimmer erleuchtetes Gesichtchen an, als erwarte er eine Antwort. Und sie erschien ihm so hübsch, daß er unwillkürlich bei sich dachte:

»Verteufelt hübsch! Man könnte sich leicht vergucken.«

Aber offenbar kam ihm sofort ein anderer Gedanke, denn er wandte sich an den Kutscher:

»Laß die Pferde ein wenig die Peitsche fühlen und fahre zu!«

Das Wägelchen fuhr nach diesen Worten in schnellem Laufe dahin, so schnell, daß die Insassen eine Zeitlang schweigsam dasaßen, und erst, als sie wieder auf den Sand kamen, begann Wolodyjowski von neuem:

»Diese Abreise Ketlings will mir nicht aus dem Kopfe! Mußte er gerade abreisen, wenn ich ankomme, und wenn die Wahl beginnt ...«

»Die Engländer kümmern sich ebensoviel um unsere Wahlen wie um deine Ankunft,« versetzte Sagloba. »Ketling selbst ist kopflos darüber, daß er abreisen muß und uns verlassen ...«

Bärbchen lag schon das Wort auf der Zunge: Besonders Christine! -- aber plötzlich kam es über sie, daß sie davon wie auch von dem jüngst gefaßten Entschlusse Christinens kein Wort erwähnen dürfe. Mit dem Instinkt des Weibes erriet sie, daß eins wie das andere gleich zu Anfang Michael unangenehm berühren und schmerzen könne; auch sie schmerzte etwas; darum schwieg sie trotz ihrer gewohnten Voreiligkeit.

»Von Christinens Absichten wird er auch ohnehin Kunde bekommen,« dachte sie, »und es ist gewiß besser, jetzt nicht davon zu sprechen, um so mehr, als auch Herr Sagloba kein Wörtchen davon gesagt hat.«

Inzwischen hatte sich Wolodyjowski wieder an den Kutscher gewandt: »So fahr' doch zu!« sagte er.

»Die Pferde und unsere Sachen haben wir in Praga gelassen,« sagte Makowiezki zu Sagloba, »und sind zu viert schleunigst aufgebrochen, obwohl es Nacht war, denn wir hatten es beide ungeheuer eilig.«

»Das glaube ich!« versetzte Sagloba. »Habt Ihr gesehen, welche Menschenmenge in der Residenz zusammengekommen ist? Hinter den Schlagbäumen stehen Lager und Bazare, daß man Mühe hat, hindurchzukommen. Wunderbare Dinge berichten die Menschen von der künftigen Wahl; ich will sie Euch daheim bei passender Gelegenheit erzählen.«

Nun begann ein Gespräch über Politik; Sagloba bemühte sich, von ungefähr die Meinung des Herrn Truchseß zu erkunden, zum Schluß aber wandte er sich an Wolodyjowski und fragte ohne Umschweife:

»Und du, Michael, wem gibst du deine Stimme?«

Aber Wolodyjowski erbebte statt zu antworten, als sei er aus dem Schlafe geweckt worden, und sagte:

»Ich bin doch neugierig, ob sie schon schlafen, und ob wir sie noch heute sehen werden.«

»Sie schlafen gewiß schon,« antwortete Bärbchen mit süßer, etwas verschlafener Stimme, »aber sie werden aufstehen und unzweifelhaft die Herren zu begrüßen kommen.«

»Glaubt Ihr das?« fragte der kleine Ritter erfreut.

Und wieder blickte er Bärbchen an, und wieder dachte er unwillkürlich bei sich: »Sie ist verteufelt anmutig in diesem Mondesglanz.«

Sie waren schon ganz in der Nähe von Ketlings Hause und fuhren nach einer kurzen Weile ein.

Die Frau Truchseß und Christine schliefen schon, nur die Dienerschaft wachte, denn man wartete auf Bärbchen und Herrn Sagloba mit dem Abendbrot. Bald entstand im Hause eine lebhafte Bewegung. Sagloba befahl, mehr Leute zu wecken, damit den Gästen warme Speisen gereicht würden.

Der Herr Truchseß wollte sogleich seine Gattin begrüßen; aber sie hatte bereits das ungewöhnliche Geräusch gehört und erraten, wer angekommen sei. Eine Minute später kam sie schon die Treppe herab in einem eilig übergeworfenen Kleide, atemlos, mit Freudentränen in den Augen und einem herzlichen Lachen auf den Lippen; es begannen die Begrüßungen, Umarmungen und ein wirres, von Ausrufen der Freude unterbrochenes Geräusch.

Wolodyjowski blickte beständig nach der Tür, in welcher Bärbchen verschwunden war, und in welcher er jeden Augenblick die geliebte Christine zu sehen hoffte, wie sie strahlend vor stiller Freude, mit glänzenden Augen und aufgelöstem Haar eintrat; aber die Danziger Uhr, die im Speisezimmer stand, tickte und tickte, die Zeit verrann, das Abendbrot wurde gereicht, und das geliebte, teure Mädchen ließ sich nicht blicken.

Endlich trat Bärbchen ein, aber allein, ernst, ja düster, sie näherte sich dem Tisch, hielt die Hand vor das Antlitz und sprach, zu Herrn Makowiezki gewendet:

»Onkelchen, Christine ist ein wenig unwohl und wird nicht kommen, aber sie bittet, Onkelchen möchte wenigstens bis an die Tür kommen, damit sie ihn begrüßen könne.«

Makowiezki erhob sich sogleich und ging hinaus; Bärbchen folgte ihm.

Der kleine Ritter wurde sehr traurig und sagte:

»Das habe ich nicht vermutet, daß ich Fräulein Christine heut' nicht sehen sollte; ist sie wirklich krank?«

»Ei was, sie ist gesund,« versetzte Frau Truchseß, »aber sie paßt jetzt nicht unter Menschen.«

»Warum das?«

»Hat Herr Sagloba dir nichts von ihrer Absicht gesagt?«

»Von welcher Absicht, bei den Wunden Gottes?«

»Sie geht ins Kloster.«

Michael begann mit den Augen zu blinzeln wie ein Mensch, der nicht recht gehört hat, was man ihm gesagt, dann entfärbte sich sein Gesicht; er erhob sich, setzte sich wieder, perlender Schweiß stand auf seiner Stirn, und er griff mit der Hand nach ihr. Im Zimmer herrschte tiefes Schweigen.

»Michael!« rief Frau Truchseß.

Er aber sah mit irrem Blick bald sie, bald Herrn Sagloba an; endlich sagte er mit furchtbarer Stimme:

»Lastet denn ein Fluch auf mir?«

»Lästere nicht!« rief Sagloba.

Bei diesem Ausruf erriet Sagloba und die Frau Truchseß das Herzensgeheimnis des kleinen Ritters, und als er plötzlich aufstand und das Zimmer verließ, sahen sie einander in Erstaunen und Besorgnis an, bis endlich Michaels Schwester sagte:

»Um Gottes willen, folgt ihm, redet ihm zu Herzen, tröstet ihn; wo nicht, will ich gehen.«

»Tut das nicht!« versetzte Sagloba, »keiner von uns darf zu ihm. Ihm ist Christine nötig, und da das nicht sein kann, ist es besser, wir lassen ihn allein, denn Trost zur unrechten Zeit führt zu noch größerer Verzweiflung.«

»Ich sehe klar, er wollte zu Christine; seht, ich habe gewußt, daß er sie gern hat, daß er ihre Gesellschaft aufgesucht. Aber, daß er so ganz und gar in sie vernarrt sei, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.«

»Er ist wohl mit einem fertigen Entschluß hierhergekommen, in dem er seine ganze Seligkeit gesehen hat. Und darum traf es ihn wie ein Donnerschlag.«

»Warum hat er aber niemandem ein Wörtchen gesagt, weder mir, noch Euch, noch Christine selber? Vielleicht hätte das Mädchen das Gelübde nicht getan.«

»Seltsam, sehr seltsam!« antwortete Sagloba. »Mir vertraut er doch alles an, und meinem Kopf vertraut er mehr als seinem eigenen, und er hat mir nicht nur nichts von dieser Zuneigung gesagt, er hat sogar behauptet, es sei Freundschaft, nichts weiter.«

»Er war immer verschlossen.«

»Dann kennt Ihr ihn nicht, wenn Ihr auch seine Schwester seid. Sein Herz ist wie das Auge des Karauschen ganz nach oben gekehrt. Nie habe ich einen offeneren Menschen kennen gelernt; aber ich muß gestehen -- diesmal hat er anders gehandelt. -- Aber wißt Ihr gewiß, daß er auch Christine nicht gesprochen hat?«

»Du lieber Gott, Christine ist die Herrin ihrer Hand, denn mein Mann, ihr Vormund, hat ihr so oft gesagt: Wenn ein Mann kommt, der würdig ist und aus edlem Blute, so brauchst du nicht auf Vermögen zu achten. -- Wenn Michael vor seiner Abreise mit ihr gesprochen hätte, so hätte sie ihm ja oder nein geantwortet, und er hätte gewußt, was er zu erwarten habe.«

»Gewiß, es ist ihm unerwartet gekommen; Eure Erklärungen kommen aus dem Herzen einer Frau und sind durchaus zutreffend.«

»Was nützen die Erklärungen, -- hier heißt es Rat schaffen!«

» -- Mag er Bärbchen nehmen!«

»Wenn er die andere lieber mag ...! Ha, wenn mir das doch je eingefallen wäre!«

»Schade, daß es Euch nicht eingefallen ist!«

»Wie sollte es mir einfallen, wenn es einem solchen Salomon, wie Ihr seid, nicht einfiel.«

»Und woher wißt Ihr das?«

»Weil Ihr sie dem Ketling anhängen wolltet.«

»Ich? -- Gott ist mein Zeuge, daß ich sie niemandem anhängen wollte! Ich habe gesagt, daß er ihr geneigt sei, denn das war die Wahrheit; ich habe gesagt, Ketling sei ein würdiger, junger Mann -- das ist die Wahrheit; aber das Verheiraten überlasse ich den Frauen, Verehrteste. Ruht nicht auf meinem Haupte die Hälfte der Republik, habe ich denn Zeit, an etwas anderes zu denken als an die öffentlichen Dinge? Oft genug finde ich nicht Zeit, einen Löffel warmer Suppe in den Mund zu nehmen ...«

»So ratet doch jetzt, um des Himmels willen. Überall höre ich, daß es keinen gescheiteren Kopf gibt.«

»Daß die Leute doch immer von meinem Kopfe schwatzen! Sie sollen mich in Ruhe lassen! -- Was meinen Rat betrifft, so gibt es zwei Wege: entweder nimmt Michael Bärbchen, oder Christine ändert ihren Entschluß. Ein Entschluß ist kein Gelübde.«

Hier kam Makowiezki zurück, und seine Frau sagte ihm alles. Der Edelmann grämte sich sehr, denn er hatte Michael außerordentlich gern, er schätzte ihn hoch und konnte für den Augenblick keinen Ausweg finden.

»Wenn Christine es sich in den Kopf gesetzt hat,« sagte er und rieb sich die Stirn, »wie soll man ihr eine solche Sache ausreden?«

»Christine hat sich's in den Kopf gesetzt,« antwortete die Frau Truchseß, »sie war immer so.«

»Was lag wohl Michael im Sinne, daß er sich nicht vor der Reise Gewißheit verschafft hat? Es hätte ja doch noch schlimmer kommen können: es hätte ja doch auch ein anderer während dieser Zeit das Herz des Mädchens gewinnen können,« antwortete ihr Gatte.

»Dann würde sie nicht ins Kloster wollen,« antwortete die Frau Truchseß, »sie ist ja doch frei.«

»Wohl wahr,« antwortete der Truchseß.

Aber Sagloba begann es bereits im Kopfe zu dämmern. Wäre ihm Christinens und Michaels Geheimnis bekannt gewesen, so wäre ihm auch alles mit einem Schlage klar geworden; doch ohne diese Kenntnis war es in der Tat schwer, etwas zu begreifen. Aber Saglobas Scharfsinn begann den Nebel zu durchdringen und die wahren Ursachen und Absichten Christinens und Wolodyjowskis Verzweiflung zu begreifen. Bald war er fest davon überzeugt, daß Ketling in Verbindung stehe mit dem, was vorgegangen war; seinen Vermutungen fehlte nur die Sicherheit. Er beschloß also, Michael aufzusuchen und ihn genauer auszuforschen.

Auf dem Wege erfaßte ihn die Unruhe, denn er dachte bei sich:

»Das war ein wenig mein Werk; ich hätte gern Honig auf Bärbchens und Michaels Hochzeit genascht, aber ich glaube, ich habe statt des Honigs sauer Bier gebraut, denn was gilt's, Michael kommt jetzt zu seinem alten Entschluß zurück und wird, Christinens Beispiel folgend, das Mönchsgewand nehmen.«

Bei diesem Gedanken überlief es Sagloba eiskalt, er beschleunigte seine Schritte und war bald in Michaels Zimmer.

Der kleine Ritter ging in seinem Zimmer hin und her, wie ein wildes Tier in seinem Käfig; seine Stirn war drohend gerunzelt, seine Augen gläsern. Er litt unermeßlich. Als er Sagloba erblickte, blieb er plötzlich stehen und schrie, die Hände über die Brust gekreuzt:

»So sagt mir doch, was das alles bedeutet!«

»Michael,« antwortete Sagloba, »bedenke doch, wieviel Mädchen alljährlich ins Kloster gehen. Eine alltägliche Sache! Es gibt Mädchen, die gegen den Willen der Eltern ins Kloster gehen, in der Hoffnung, daß Christus mit ihnen sein wird, -- und wievielmehr solche, die frei sind! ...«

»Nein, länger trage ich das Geheimnis nicht!« rief Michael, »sie ist nicht frei, denn sie hat mir ihre Liebe und ihre Hand vor meiner Abreise zugesagt.«

»Ha,« sagte Sagloba, »das habe ich nicht gewußt!«

»Es ist so« wiederholte der kleine Ritter.

»Vielleicht wird sie sich also raten lassen?«

»O, sie kümmert sich nicht mehr um mich, sie hat mich nicht sehen wollen!« rief Wolodyjowski in tiefstem Schmerz. »Ich habe Tag und Nacht hierhergestrebt, und sie will mich nicht einmal sehen! Was habe ich denn getan? Welche Sünden lasten auf mir, daß mich der Zorn Gottes verfolgt, daß der Wind mich umhertreibt wie ein welkes Blatt? Die eine ist gestorben, die andere geht ins Kloster -- beide hat mir Gott genommen, weil ich verflucht bin. Für jeden gibt es Erbarmen, für jeden Gnade, nur für mich nicht!«

Sagloba zitterte in der Seele, daß der kleine Ritter von seinem Schmerz hingerissen, wieder lästern würde, wie dereinst nach dem Tode Ännchens, und um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, sprach er:

»Michael, zweifle nicht daran, daß auch über dir die Gnade waltet, denn das ist sündhaft, und du kannst nicht wissen, was morgen deiner harrt. Vielleicht wird Christine bei dem Gedanken an deine Vereinsamung ihren Entschluß noch ändern und dir ihr Wort geben. Und dann, höre mich, Michael, -- ist es nicht ein Trost, daß dir Gott selbst, unser allgütiger Vater, diese Taube nimmt, und nicht ein Mensch, der auf Erden wandelt? Sage selbst, wäre es so besser?«

In dem Gesicht des kleinen Ritters zuckte es fürchterlich auf, seine Zähne knirschten, und er stieß mit erstickter Stimme die abgerissenen Worte hervor:

»Wenn es ein lebendiger Mensch wäre? Ha, wenn es doch einer wäre! Ich wünschte es, -- so bliebe mir die Rache!«

» -- Und so bleibt das Gebet,« sagte Sagloba. »Höre Michael, alter Freund, denn einen besseren Rat gibt dir niemand, vielleicht wendet auch Gott noch alles zum Guten. Ich selbst, das weißt du, habe dir eine andere gewünscht, aber da ich deinen Schmerz sehe, leide ich mit dir und werde mit dir zu Gott flehen, daß er dich tröste und das Herz dieses lieblosen Mädchens dir wieder geneigt mache.«

Und Sagloba wischte sich die Tränen aus den Augen, Tränen aufrichtiger Freundschaft und -- des Mitleids. Wenn es in seiner Macht gestanden, hätte er am liebsten in diesem Augenblick alles rückgängig gemacht, was er zwischen Christine und Michael gelegt hatte, und wäre der erste gewesen, der sie ihm in die Arme führte.