Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman
Part 13
Und wieder nahm der Priester das Wort:
»Gibt es auch nur einen, auf den sich alle Stimmen vereinigen würden? Wo ist jemand, der dem Adel so gefiele, daß niemand gegen seine Wahl murren sollte? Einen hat es gegeben, der Größte, der Verdienteste: Deinen Freund, braver Ritter, der wie die Sonne in Ruhm erstrahlte. Einen hat es gegeben!«
»Fürst Jeremias Wischniowiezki.«
»Ja, Fürst Jeremias! Aber er liegt im Grabe.«
»Sein Sohn lebt,« antwortete Sagloba.
Der Kanzler schloß die Augen und saß eine Zeitlang schweigend da. Dann hob er den Kopf, blickte Sagloba an und begann langsam:
»Ich danke Gott, daß er mir eingegeben hat, Eure Bekanntschaft zu suchen! Es ist wahr, der Sohn des großen Jeremias lebt, ein junger, hoffnungsvoller Fürst, gegen den die heutige Republik bis zum heutigen Tage eine unbezahlte Schuld abzutragen hat. Aber von dem ungeheuren Besitz ist ihm als einziges Erbe nur der Ruhm geblieben. Darum, in den heutigen verderbten Zeiten, wo jeder seine Augen nur dorthin lenkt, wo das Gold anlockt -- wer wird seinen Namen aussprechen, wer den Mut haben, seine Kandidatur aufzustellen, Herr Sagloba? -- Wohl, aber werden sich viele solcher finden? Kein Wunder, daß ein Mann, der sein ganzes Leben in heldenhaftem Ringen auf allen Schlachtfeldern dahingelebt hat, nicht zurückschreckt, und auch auf dem Felde der Wahl laut der Gerechtigkeit huldigt ... Aber werden die anderen ihm folgen?«
Hier versank der Prälat in Gedanken, dann erhob er die Augen und sprach weiter:
»Gott ist mächtig über alle, -- wer weiß, welches seine Entschlüsse sind, wer weiß! Wenn ich bedenke, wie der gesamte Adel Euch glaubt und vertraut, so beobachte ich wahrhaftig mit Erstaunen, daß mir Hoffnung ins Herz kommt. Sagt mir aufrichtig, hat es für Euch je etwas Unmögliches gegeben?«
»Nie!« antwortete Sagloba mit Überzeugung.
»Zu schroff darf man diese Kandidatur nicht gleich aufstellen. Mag erst der Name an die Ohren der Menschen schlagen, aber mag er den Gegnern nicht zu drohend erscheinen. Mögen sie lieber lachen und höhnen, um nicht zu kräftige Hindernisse in den Weg zu legen ... Vielleicht gibt auch der Himmel, daß er plötzlich in die Höhe kommt, wenn die anderen Parteien gegenseitig ihre Bemühungen vernichten; bahnt ihm langsam den Weg, werdet nicht müde in der Arbeit, denn er ist Euer Kandidat, würdig Eures Verstandes, Eurer Erfahrung ... Gott segne Euch in diesen Bestrebungen!«
»Soll ich voraussetzen,« fragte Sagloba, »daß Ew. Hochwürden auch an den Fürsten Michael gedacht haben?«
Der Priester zog aus dem Ärmel ein kleines Büchlein, auf welchem in schwarzen Buchstaben der Titel stand: _Censura candidatorum_.
»Lest; diese Schrift soll für mich antworten.«
Bei diesen Worten schickte sich der Priester an aufzubrechen; Sagloba aber hielt ihn zurück und sagte:
»Gestattet mir, Hochwürden, noch etwas zu sagen. Vor allem danke ich Gott, daß das kleine Siegel sich in Händen befindet, welche die Menschen wie Wachs zu kneten verstehen.«
»Wie?« fragte der Kanzler verwundert.
»Dann aber sage ich Ew. Hochwürden von vornherein, daß die Kandidatur des Fürsten Michael mir sehr gefällt, denn ich habe seinen Vater gekannt und geliebt und habe mich unter seiner Führung samt meinen Freunden geschlagen, die auch aufjubeln werden bei dem Gedanken, daß sie dem Sohne die Liebe werden erzeigen können, die sie gegen den großen Vater hatten. Darum erfasse ich mit beiden Händen die Kandidatur; noch heute werde ich mit dem Herrn Unterkämmerer Krschyzki sprechen, mit dem ich nahe bekannt und befreundet bin, und der große Achtung beim Adel genießt, denn es ist wahrlich schwer, ihn nicht zu lieben. Wir werden dann beide tun, was in unseren Kräften steht, und gebe Gott, daß wir etwas erwirken!«
»Mögen Euch die Engel geleiten!« versetzte der Priester, »wenn dem so ist, so sind wir fertig.«
»Mit Erlaubnis, Hochwürden, noch sind wir nicht ganz fertig. Ich möchte nicht, daß Ew. Hochwürden denken: Ich habe ihm meine eigenen _desiderata_ eingeredet, ich habe ihm eingeredet, daß er aus eigenem Verstande des Fürsten Michael Kandidatur erfunden hat; mit einem Worte, ich habe den Narren in meiner Hand geknetet, als ob es Wachs wäre ... Hochwürden, ich werde den Fürsten Michael darum aufstellen, weil ich ihn liebe -- da liegt's. Daß er Euer Hochwürden, wie ich sehe, auch gefällt -- desto besser ... Ich werde ihn aufstellen, der Fürstenwitwe zuliebe, meinen Freunden zuliebe, dem Vertrauen zuliebe, das ich zu dem Verstande habe« -- hier verneigte sich Sagloba -- »aus welchem diese Minerva entsprungen ist, aber nicht etwa deshalb, weil ich mir wie ein kleines Kind hätte einreden lassen, es wäre meine Invention; nicht deshalb endlich, weil ich ein Narr bin, sondern deshalb, weil der alte Sagloba, wenn ihm ein kluger Mann etwas Kluges sagt, einschlägt und Topp! ruft.«
Hier verneigte sich der Edelmann noch einmal und verstummte. Der Priester war anfänglich stark verwirrt, aber da er die gute Laune des Edelmannes sah, und da die Sache den gewünschten Verlauf nahm, so lachte er aus vollem Halse, faßte sich an den Kopf und wiederholte:
»Ulysses, Ulysses, beim Himmel, ein wahrer Ulysses! Mein lieber Freund und Bruder, wer was Gutes schaffen will, muß die Menschen verschieden zu nehmen wissen; aber mit Euch, sehe ich, muß man geradezu ins Schwarze. Ihr habt mir vortrefflich gefallen!«
»Ganz wie Fürst Michael mir.«
»Schenke Euch Gott Gesundheit. Ja, ich bin geschlagen, aber ich freue mich darüber! Ihr habt wohl Grütze im Kopf ... Und dieser Siegelring, wenn er sich zum Andenken an unsere Begegnung eignet ...«
Sagloba fiel ihm ins Wort: »... Und dieser Siegelring bleibe an seinem Platze.«
»Tut es schon für mich!«
»Das kann nimmer sein; vielleicht ein andermal ... später einmal, nach der Wahl.«
Der Priester-Unterkanzler hatte begriffen und drängte nicht länger; aber er ging mit strahlendem Gesicht hinaus.
Sagloba begleitete ihn bis vor das Tor und brummte, als er zurückkam:
»Ha! Ich habe ihm eine Lehre gegeben, in mir hat er seinesgleichen gefunden ... Aber die Ehre! Hier werden die Würdenträger vor dem Tore Auffahrt halten, um einander zuvorzukommen ... bin doch neugierig, was die Frauen dort denken werden.«
Die Frauen waren in der Tat voll Bewunderung, und Sagloba wuchs bis zur Decke, besonders in den Augen der Frau Makowiezka. Sie rief ihm auch, kaum daß er sich zeigte, mit großem Feuer entgegen:
»Ihr habt den weisen Salomo übertroffen!«
Und er war sehr aufgeräumt.
»Wen habe ich übertroffen? Wartet nur, meine Gnädige, Ihr werdet hier die Hetmane und die Bischöfe und die Senatoren sehen, man wird sie kaum noch loswerden können, wir werden uns noch vor ihnen verstecken müssen.«
Das weitere Gespräch unterbrach das Eintreten Ketlings.
»Ketling, willst du eine Beförderung?« rief ihm Sagloba, noch ganz von seiner eigenen Bedeutung berauscht, entgegen.
»Nein,« erwiderte der Ritter traurig, »denn ich werde wieder auf lange Zeit fort müssen.«
Sagloba sah ihn aufmerksamer an.
»Warum bist du so niedergeschlagen?«
»Eben weil ich fort muß.«
»Wohin?«
»Ich habe Briefe aus Schottland empfangen von den alten Freunden meines Vaters und den meinigen. Meine Angelegenheiten erfordern durchaus, daß ich hinkomme, vielleicht auf lange ... Es tut mir leid, von Euch zu scheiden, aber -- ich muß!«
Sagloba trat in die Mitte des Zimmers, blickte bald Frau Makowiezka, bald die Mädchen an und fragte:
»Habt ihr's gehört? Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!«
Obwohl Sagloba die Nachricht von Ketlings Reise mit Erstaunen aufnahm, kamen ihm doch keine Vermutungen, denn man konnte leicht annehmen, daß Karl II. der Dienste gedachte, welche die Familie Ketling in den Tagen des Sturmes dem Throne erwiesen, und daß er dem letzten Abkömmling dieser Familie seine Dankbarkeit bezeigen wollte. Es konnte sogar auffällig erscheinen, wenn es anders gewesen wäre. Ketling hatte überdies Herrn Sagloba »überseeische Briefe« gezeigt und ihn schließlich ganz überzeugt. Andererseits aber drohte gerade die Reise alle Pläne des alten Edelmannes zu zerstören, und darum dachte er mit Sorge an das, was kommen würde. Wolodyjowski konnte, wie sein Brief merken ließ, jede Stunde eintreffen.
»Und die Winde haben ihm in der Steppe den letzten Rest der Trauer fortgeweht,« dachte Sagloba, »er wird froher wieder heimkehren, als er fortgereist ist; und da ihn zu Christine der Teufel weiß was hinzieht, so wird er ihr womöglich bald seine Erklärung machen ... und dann ... dann wird Christine ihr Einverständnis aussprechen, denn wie sollte sie einem solchen Manne, überdies dem Bruder der Frau Makowiezka, Nein sagen, und der arme, allerliebste kleine Heiducke bleibt auf dem Trockenen sitzen.«
Sagloba aber hatte sich mit dem Starrsinn, der alten Leuten eigen zu sein pflegt, durchaus in den Kopf gesetzt, Bärbchen mit dem kleinen Ritter zu vereinigen.
Da halfen weder die Überredungskünste Skrzetuskis noch die Einwände, die er sich selbst von Zeit zu Zeit machte; oft gab er sich das Wort, sich in nichts mehr zu mischen, dann aber kehrte er mit um so größerer Hartnäckigkeit zu dem Gedanken zurück, dieses Paar zu vereinigen. Ganze Tage überlegte er, wie man es anfangen könne, machte er Pläne, überdachte er kleine Kriegslisten, und er war so ganz davon erfüllt, daß er, wenn er glaubte, den richtigen Weg gefunden zu haben, laut aufschrie, wie nach einer glücklich vollbrachten Handlung:
»Gebe Euch Gott seinen Segen!«
Und in diesem Augenblick sah er den Zusammensturz aller seiner Wünsche vor sich. Es blieb nichts übrig, als alle Bemühungen aufzugeben und die Zukunft in Gottes Hand zu legen, denn jeder Schatten einer Hoffnung, daß Ketling vor seiner Abreise irgend einen entscheidenden Schritt Christine gegenüber tun würde, konnte in Saglobas Kopf nicht lange bestehen. In seinem Leid und aus Neugier beschloß er also, den jungen Ritter auszuforschen, sowohl über den Zeitpunkt wie über das, was er vor dem Verlassen der Republik zu tun gedenke.
Er bat ihn zu einem Gespräch und sagte mit sorgenvoller Miene:
»Es ist schlimm, ein jeder weiß am besten selbst, was er tun soll, ich will Euch also nicht zureden, zu bleiben, aber ich möchte gern etwas über Eure Rückkehr wissen.«
»Kann ich es ahnen, was meiner dort harrt,« antwortete Ketling, »welche Angelegenheiten, welche Abenteuer? Ich werde einmal zurückkehren, wenn ich es können werde; ich werde ewig dort bleiben, wenn ich müssen werde.«
»Du wirst sehen, das Herz wird dich zu uns ziehen.«
»O, wäre mein Grab nirgends anders als in diesem Lande, das mir alles gab, was es mir geben konnte.«
»Siehst du, in anderen Landen bleibt der Fremde bis an seinen Tod ein Stiefkind; unsere Mutter aber streckt dir gleich die Arme entgegen und drückt dich an ihre Brust wie das eigene Kind.«
»Wahr, sehr wahr, ach! Wenn ich nur könnte!... Denn alles kann ich im alten Vaterland finden, nur das Glück finde ich nicht.«
»Ha, hab ich's dir nicht gesagt: Mache dich ansässig, nimm ein Weib! -- du wolltest nicht hören; und hättest du ein Weib, du müßtest wiederkehren, wenn du auch fortgingst, es sei denn, daß du auch dein Weib durch die empörten Wogen führen wolltest, und das nehme ich nicht an. Und ich habe dir den Vermittler gemacht; was, du wolltest nicht hören!«
Und Sagloba begann aufmerksam Ketlings Züge auszuforschen, um aus ihnen eine Erklärung zu lesen; aber Ketling schwieg, er senkte nur den Kopf und heftete die Augen auf die Erde.
»Nun, was sagst du darauf?«
»Es war keine Möglichkeit dazu vorhanden,« versetzte der junge Ritter langsam.
Sagloba begann im Zimmer auf und nieder zu gehen, dann machte er vor Ketling Halt, legte die Hände auf den Rücken und sagte:
»Und ich sage dir, sie war vorhanden. Wenn sie nicht war, will ich vom heutigen Tage an nie mehr diesen Leib mit diesem Gurt umbinden! Christine ist dir geneigt.«
»Gebe Gott, daß sie es bleibe, wenn uns auch Meere scheiden.«
»Nun also?«
»Nichts mehr, nichts mehr.«
»Hast du sie gefragt?«
»O laßt, es ist mir so schon schwer genug, reisen zu müssen.«
»Ketling, willst du, daß ich frage, solange es Zeit ist?«
Ketling dachte: wenn Christine so sehr gewünscht hat, daß ihre Empfindungen verborgen bleiben, so wird sie vielleicht froh darüber sein, eine Gelegenheit zu finden, sie offen abzuleugnen. Er sagte daher:
»Ich versichere Euch, daß es keinen Zweck hat, ich bin so fest davon überzeugt, daß ich alles getan habe, um mir diese Neigung aus dem Kopf zu schlagen; aber wenn Ihr ein Wunder erwartet, fragt.«
»Ha, wenn du sie dir aus dem Kopfe geschlagen hast,« sagte Sagloba mit einer gewissen Bitterkeit, »dann ist nichts zu tun. Aber gestatte, daß ich dir sage, daß ich dich für einen treueren Mann gehalten habe.«
Ketling erhob sich, streckte beide Hände in Fieberhast in die Höhe und erwiderte mit einer bei ihm ungewohnten Heftigkeit:
»Was würde es mir nutzen, einen jener Sterne zu begehren? Ich kann nicht zu ihnen emporfliegen, noch können sie zu mir heruntersteigen; wehe denen, die zum silbernen Mond emporseufzen!«
Aber auch Sagloba wurde zornig und begann zu fauchen. Einen Augenblick konnte er gar nicht reden, er mußte erst seine Wut überwinden; dann versetzte er in abgerissenen Worten:
»Mein Lieber, mach' mir nichts weiß; willst du mir aber Reden halten, so sprich wie zu einem Menschen, der vom Brot und Fleische lebt und nicht von Bilsenkraut ... Denn wenn ich jetzt verrückt würde und dir sagen wollte, daß diese meine Mütze _luna_ sei, den man nicht mit der Hand erreichen könne, so würde ich mit bloßer Glatze in der Stadt umherlaufen, und die Kälte würde mir in die Ohren beißen wie ein Hund. Mit solchen Reden kämpfe ich nicht ... Eins aber weiß ich: daß dieses Mädchen drei Zimmer von hier entfernt sitzt, daß sie ißt und trinkt, daß sie einen Fuß vor den anderen setzt, wenn sie gehen will, daß ihre Nase bei der Kälte rot wird, und daß ihr im Sommer heiß ist; daß es sie juckt, wenn sie eine Mücke sticht, und daß sie _luna_ höchstens darin ähnlich ist, daß sie keinen Bart hat. Aber auf die Art, wie du sprichst, kann man auch sagen, daß die Rübe ein Astrolog ist. Was aber Christine betrifft, so sage ich dir: wenn du es nicht versucht hast, und wenn du nicht gefragt hast, so ist das deine Sache, aber wenn du das Mädchen liebst und nun davongehst und dir dabei sagst: _luna_ -- so kannst du deine Treue wie deinen Verstand mit diesem Halm nähren, und damit basta!«
Ketling aber versetzte: »Mir ist nicht süß, mir ist bitter von der Nahrung, von der ich lebe. Ich gehe fort, weil ich muß; ich frage nicht, weil ich nichts zu fragen habe. Ihr aber beurteilt mich falsch ... Gott weiß, wie falsch.«
»Ketling, ich weiß ja, daß du ein braver Mann bist, aber diese deine Manier verstehe ich nicht. Zu meiner Zeit, da ging man zum Mädchen und sagte ihr ins Gesicht: Willst du, so bleiben wir beisammen, willst du nicht, so kaufe ich dich nicht, und jeder wußte, woran er sich zu halten habe ... Wenn einer aber ein Stock war und selbst nichts zu reden wußte, so schickte er einen Beredteren hin. Ich stand dir zu Diensten, und ich stehe es noch. Ich will hingehen, für dich reden, will dir Antwort bringen, und danach kannst du reisen oder hierbleiben.«
»Ich reise, es kann nicht anders sein, es wird nicht anders sein.«
»So kommst du zurück?«
»Nein. Tut mir den Gefallen und sprecht nicht mehr davon. Wollt Ihr um Eurer eigenen Neugier willen fragen, -- tut's, aber nicht in meinem Namen.«
»Um Gottes willen, Ihr habt wohl schon gefragt?«
»Sprechen wir nicht davon, tut mir den Gefallen.«
»Gut, sprechen wir vom Wetter ... Hol' dich doch das Donnerwetter mit deinen Manieren! Ja, du mußt abreisen, und ich muß fluchen.«
»Leb wohl.«
»Warte, mein Zorn wird bald vorüber sein! lieber Ketling, warte, ich habe mit dir zu reden. Wann reisest du?«
»Sobald ich meine Angelegenheiten erledigt habe; ich möchte aus Kurland ein Viertel meines Erbguts abwarten und dieses Häuschen, in dem wir gewohnt haben, gern verkaufen, wenn sich ein Kauflustiger fände.«
»Makowiezki wird es kaufen, oder Michael. Du lieber Gott, ohne Abschied von Michael wirst du doch nicht abreisen?«
»Ich hätte ihm gern von ganzem Herzen Lebewohl gesagt.«
»Er kann jeden Augenblick eintreffen, jeden Augenblick; vielleicht wird er dir zu Christine zureden.«
Hier unterbrach sich Sagloba, denn es erfaßte ihn plötzlich eine Unruhe.
»Ich bin Michael in bester Absicht gefällig gewesen,« dachte er, »aber weiß der Teufel, vielleicht gegen seinen Willen; sollte aber eine Zwietracht zwischen ihm und Ketling daraus entstehen, so mag Ketling lieber fortgehen.«
Dabei rieb Sagloba seine Glatze mit der Hand.
»Man spricht so dies und das aus aufrichtiger Freundschaft zu dir. Ich habe dich so lieb gewonnen, daß ich dich auf jede mögliche Weise hierhalten wollte; darum habe ich dir Christine wie den Speck aufgestellt ... aber nur aus Freundschaft ... was kümmert mich Alten das ... gewiß nur aus Freundschaft -- sonst nichts. Ich beschäftige mich ja nicht mit Ehestiften; wollte ich Ehen stiften, so hätte ich doch mir eine gestiftet ... Gib das Mäulchen, Ketling ... und ärgere dich nicht.«
Ketling schloß Sagloba, der ganz gerührt war, in seine Arme und ließ bald eine Flasche bringen. »Nun will ich zur Feier der Abreise täglich eine solche trinken.«
Und sie tranken. Dann verabschiedete sich Ketling und ging. Der Wein hatte indessen Saglobas Phantasie angeregt; er dachte sehr lebhaft über Bärbchen, über Christine, über Wolodyjowski und über Ketling nach; er verband sie zu Paaren und segnete sie. Endlich wurde ihm nach den Mädchen bange, und er sagte zu sich:
»Nun muß ich hinein, die Weiber besuchen.«
Die Mädchen saßen im Zimmer auf der anderen Seite des Flures und stickten. Sagloba begrüßte sie, ging im Zimmer auf und nieder, indem er die Beine ein wenig nachzog, denn sie folgten ihm nicht mehr wie früher, besonders nach dem Wein. Er blickte immer wieder zu den Mädchen hinüber, die ganz nahe aneinander saßen, so nahe, daß das helle Köpfchen Bärbchens sich fast an das dunkle Christinens anlehnte. Bärbchen sah ihn aufmerksam an, Christine aber stickte so fleißig, daß man kaum ihrer Nadel mit den Augen folgen konnte.
»Hm,« machte Sagloba; »hm,« wiederholte Bärbchen.
»Verspotte mich nicht, ich bin ärgerlich.«
»Ihr werdet mir gewiß den Kopf abschneiden!« rief Bärbchen, indem sie sich erschreckt stellte.
»Mühlrad, Mühlrad, Mühlrad, die Zunge sollte man dir abschneiden.«
Bei diesen Worten trat Sagloba näher an die Mädchen heran, stemmte plötzlich die Arme in die Seiten und fragte ohne weitere Einleitung:
»Willst du Ketling zum Manne haben?«
»Fünf solche!« antwortete Bärbchen sofort.
»Still, dummes Ding, ich spreche nicht zu dir. Christine, dich meine ich, willst du Ketling zum Manne haben?«
Christine wurde ein wenig blaß, obgleich sie anfangs glaubte, Sagloba frage Bärbchen, nicht sie; dann hob sie zu dem alten Edelmann ihre schönen, dunkelblauen Augen empor und sagte gelassen: »Nein!«
»Nun, ich bitte, nein! -- wenigstens kurz, das lasse ich mir gefallen. Und warum wollen das Fräulein ihn nicht?«
»Weil ich niemand will.«
»Christine, sag' das anderen!« fiel Bärbchen ein.
»Was hat den Ehestand so in Verruf gebracht?« fragte Sagloba weiter.
»Das ist's nicht, das ist's nicht.«
»Mich zieht's ins Kloster,« antwortete Christine.
In ihrer Stimme lag ein solcher Ernst und eine solche Traurigkeit, daß sowohl Bärbchen wie Sagloba keinen Augenblick annahmen, daß es Scherz sein könne. Es erfaßte beide ein so großes Erstaunen, daß sie bald einander, bald Christine mit großen Augen ansahen.
»He?« machte Sagloba zuerst.
»Es zieht mich ins Kloster,« wiederholte Christine mild.
Bärbchen sah sie wieder und wieder an; plötzlich warf sie ihr die Arme um den Hals, legte ihre rosigen Lippen an ihre Wange und sprach hastig:
»Christine, ich plärre los! Sag's doch gleich, daß du nur so in den Wind hineinsprichst, sonst plärr' ich, so wahr Gott lebt, ich plärre los!«
8. Kapitel.
Nach dieser Unterredung mit Sagloba war Ketling noch bei Frau Makowiezka. Er kündigte ihr an, daß er wichtiger Angelegenheiten wegen in der Stadt bleiben, vielleicht gar auch vor der großen Reise auf einige Wochen nach Kurland gehen müsse, daß er daher die Frau Truchseß nicht mehr persönlich in seinem Landhäuschen würde bewirten können. Er bat sie indes inständig, sie möchte das Häuschen wie bisher als ihre Residenz ansehen und mit ihrem Gatten und Herrn Michael während der Zeit der nahe bevorstehenden Wahl wohnen bleiben.
Frau Makowiezka war damit einverstanden, da im entgegengesetzten Falle das Häuschen leer gestanden und niemand Nutzen gebracht hätte. Ketling ging und ließ sich weder im Gasthaus noch späterhin in der Umgegend von Mokotow mehr sehen, denn Frau Makowiezka und die jungen Mädchen waren aufs Land zurückgekehrt. Aber nur Christine empfand seine Abwesenheit. Denn Sagloba war ganz und gar von der bevorstehenden Wahl in Anspruch genommen. Bärbchen und die Frau Truchseß nahmen sich den plötzlichen Entschluß Christinens so zu Herzen, daß sie an nichts anderes denken konnten.
Frau Makowiezka versuchte nicht einmal, Christine von diesem Schritte abzureden, und zweifelte auch, ob ihr Mann abreden würde, denn in jener Zeit hielt man einen Widerspruch gegen ein solches Vornehmen für eine Beleidigung und Kränkung Gottes. Nur Sagloba hätte bei aller seiner Frömmigkeit den Mut gehabt, Einspruch zu erheben, wenn ihm ein wenig daran gelegen hätte. Da ihm aber gar nichts daran lag, verhielt er sich still; ja, er war's sogar in der Seele zufrieden, daß die Dinge sich so schickten, und daß Christine zwischen Wolodyjowski und dem kleinen Heiducken sozusagen Raum schaffte. Nun war Sagloba überzeugt von der glücklichen Erfüllung aller seiner geheimsten Wünsche und gab sich gänzlich den Wahlarbeiten hin; er bereiste den Adel, der in die Hauptstadt gekommen war, oder brachte seine Zeit in Unterredungen mit dem Priester Olschowski zu, den er schließlich sehr lieb gewonnen und dessen vertrauter Genosse er geworden war.
Nach einer jeden solchen Unterredung kehrte er als ein eifriger Parteigänger des »Piasten« und als ein immer heftigerer Feind der Ausländer zurück. Der Weisung des Unterkanzlers gemäß verhielt er sich noch ganz still; aber es verging kein Tag, ohne daß er einen für diese noch geheim gehaltene Kandidatur gewonnen hätte -- und es geschah, was gewöhnlich in solchen Fällen zu geschehen pflegt: er selbst begeisterte sich so sehr für die Sache, daß diese Kandidatur neben der Verbindung Bärbchens mit Wolodyjowski sein zweites Lebensziel wurde.
Unterdessen kam der Wahltag immer näher.
Schon löste der Frühling das Eis der Gewässer; schon begannen wärmere Winde zu wehen, unter deren Atem die Bäume sich mit Knöspchen bedeckten und Ketten von Schwalben nach dem Aberglauben des Volkes sich auseinanderlösten, um jeden Augenblick aus der kalten Flut an das helle Licht des Tages hinaufzusteigen. Und mit den Schwalben und den anderen Wandervögeln begannen auch die Gäste zur Wahl einzutreffen.
Erst die Kaufleute, für die es reichliche Ernte gab, wo über eine halbe Million Volks zusammenkommen sollte; Herren, ihr Gefolge, Adel, Diener, Soldaten. Es kamen Engländer, Holländer, Deutsche, Russen, es kamen Tataren, Griechen, Armenier, auch Perser und brachten Tuch, Leinewand, Damast und Brokate, Felle, Kleinodien, Südfrüchte und duftende Gewürze. An den Straßen und außerhalb der Stadt wurden Buden erbaut, in denen allerlei Waren aufgestapelt waren. Einzelne »Bazare« wurden sogar in den Dörfern bei der Stadt errichtet, denn man wußte, daß die Gasthäuser der Residenz nicht den zehnten Teil der Wähler aufzunehmen vermöchten, und daß eine große Anzahl von ihnen sich außerhalb der Mauern lagern würde, wie das übrigens stets zur Zeit der Wahl geschah.
Endlich begann auch der Adel in so großen Scharen herbeizuströmen, daß, wenn er ebenso zahlreich die bedrohten Grenzen der Republik besetzt hätte, der Fuß eines Feindes sie nie hätte überschreiten können.