Der kleine Dämon

Part 6

Chapter 63,681 wordsPublic domain

Der Oberstleutnant Nikolai Wladimirowitsch Rubowskji war nicht besonders groß, untersetzt, er hatte dichte Brauen, fröhliche graue Augen und hinkte ein wenig. Daher klirrten seine Sporen unregelmäßig. Er war sehr liebenswürdig und in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. Er kannte alle Leute in der Stadt und ihre geschäftlichen Beziehungen; er liebte es, kleine Klatschgeschichten zu hören, war aber selbst bescheiden und verschwiegen wie ein Grab und bereitete niemandem unnützerweise Unannehmlichkeiten. Man blieb stehen, begrüßte sich, plauderte. Peredonoff machte ein verdrießliches Gesicht, hielt vorsichtig Umschau und sagte dann:

»Ich höre, unsere Natascha ist bei Ihnen im Dienst; ich bitte, glauben Sie ihr nicht, wenn sie etwas über uns erzählen sollte; das lügt sie.«

»Dienstbotenklatsch ist mir zuwider,« sagte Rubowskji voll Würde.

»Sie ist eine gemeine Person,« fuhr Peredonoff fort, ohne die Entgegnung Rubowskjis zu beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen. Vielleicht ist sie nur darum zu Ihnen gegangen, um irgendwelche geheime Akten zu stehlen.«

»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« versetzte trocken der Oberstleutnant, »Festungspläne habe ich nicht in Verwahrung.«

Diese Erwähnung von Festungen überraschte Peredonoff. Es schien ihm, als spiele Rubowskji darauf an, daß er es bewirken könne, ihn hinter Schloß und Riegel zu bringen.

»Ach was, Festungen,« murmelte er, »so war es nicht gemeint. Ich wollte nur im allgemeinen bemerken, daß über mich allerlei dumme Gerüchte umlaufen. Das hat seinen Grund im Neid. Glauben Sie, bitte, nichts Derartiges. Man denunziert mich, um den Verdacht von sich selber abzulenken. Uebrigens bin auch ich in der Lage, zu denunzieren.«

Rubowskji verstand nicht recht.

»Ich gebe Ihnen die Versicherung,« sagte er, mit den Achseln zuckend und sporenklirrend, »mir sind gar keine Anzeigen gemacht worden. Irgend jemand hat Ihnen wohl im Scherze damit gedroht, aber man redet oft mehr, als man verantworten kann.«

Peredonoff traute ihm nicht. Er glaubte, daß der Gendarmerieoberst etwas vor ihm verheimliche, und ihm wurde sehr bange.

Jedesmal, wenn Peredonoff an dem Garten der Werschina vorbeiging, redete sie ihn an und lockte ihn mit beinah magischen Bewegungen in den Garten. Und er trat ein, ohne es zu wollen, ihrem stillen Einfluß gehorchend. Vielleicht würde es ihr gelingen, schneller als die Rutiloffs ans Ziel zu kommen, dachte sie, denn Peredonoff stand allen Menschen gleich fremd gegenüber und warum hätte er nicht Martha heiraten sollen?

Doch der Sumpf, in dem Peredonoff steckte, war schlammig und zäh, und kein Mittel verfing, ihn da heraus in einen anderen zu zerren.

Auch heute gelang es der Werschina, als Peredonoff nach der Unterredung mit Rubowskji vorüberging, ihn hereinzulocken. Sie war wie immer ganz in Schwarz.

»Martha und Wladja fahren auf einen Tag nach Hause,« sagte sie und sah zärtlich aus ihren braunen Augen durch den Rauch ihrer Zigarette auf Peredonoff, »Sie sollten zusammen mit den beiden einen Tag im Dorfe zubringen. Ein Knecht ist mit einem Wägelchen gekommen, sie abzuholen.«

»Es wird eng sein,« sagte Peredonoff verdrießlich.

»Ach was, zu eng,« entgegnete die Werschina. »Sie werden ausgezeichnet Platz haben. Und wenn es auch etwas eng sein sollte, das ist kein Unglück; es ist ja nicht weit, eine halbe Stunde Fahrt.«

In diesem Augenblick kam Martha aus dem Hause gelaufen, um sich bei der Werschina nach etwas zu erkundigen. Die Freude an der bevorstehenden Fahrt hatte ihre Trägheit verdrängt und ihr Gesicht war lebhafter und fröhlicher als wie gewöhnlich. Nun fingen sie beide an, Peredonoff zur Fahrt ins Dorf zu überreden.

»Sie werden ganz bequem sitzen können,« beteuerte die Werschina, »Sie neben Martha auf dem Rücksitz und Wladislaus neben Ignaz auf dem Bock. Sehen Sie doch selber, da steht das Wägelchen im Hof.«

Peredonoff ging mit der Werschina und Martha in den Hof; da stand der Wagen. Wladja machte sich daran zu schaffen und verpackte etwas. Der Wagen war ziemlich geräumig. Aber Peredonoff erklärte, nachdem er ihn besichtigt hatte:

»Nein, ich fahre nicht. Es ist zu eng für vier Menschen, außerdem noch allerhand Sachen.«

»Na, wenn Sie meinen, daß es zu eng ist,« sagte die Werschina, »so kann ja der Junge zu Fuß gehen.«

»Natürlich,« sagte Wladja und lächelte freundlich, »zu Fuß bin ich in anderthalb Stunden da. Ich werde mich gleich aufmachen, da komme ich noch vor Ihnen an.«

Hierauf erklärte Peredonoff, der Wagen würde rütteln und das könne er nicht vertragen. Man ging in die Laube. Alles war schon fix und fertig zur Abfahrt, nur der Knecht Ignaz aß noch in der Küche und dieses Geschäft besorgte er nachdrücklich und ohne sich zu übereilen.

»Wie lernt mein Bruder?« fragte Martha. Ein anderes Gesprächsthema fiel ihr nicht ein, und die Werschina hatte ihr schon wiederholt Vorwürfe darüber gemacht, daß sie es nicht verstände, Peredonoff zu unterhalten.

»Schlecht,« sagte Peredonoff, »er ist faul und gehorcht nicht.«

Die Werschina liebte es, zu schelten. Sie machte Wladja Vorwürfe. Wladja wurde rot und lächelte, zog die Schultern zusammen, als habe er es kalt und hob, wie es seine Gewohnheit war, eine Schulter höher als die andere.

»Das Semester hat eben erst begonnen,« sagte er, »es wird schon gehen.«

»Man muß gleich von Anfang an lernen,« sagte Martha im Tone der älteren Schwester und wurde rot.

»Außerdem macht er Unsinn,« klagte Peredonoff, »gestern betrugen sie sich gerade wie Straßenjungen. Und außerdem ist er frech; noch Donnerstag sagte er mir irgend eine Ungezogenheit.«

Wladja wurde heftig, ganz eifrig erzählte er, immer ein Lächeln auf den Lippen:

»Garnicht frech, ich redete nur die Wahrheit, daß Sie in den anderen Heften an fünf Fehler übersehen haben, bei mir aber alle Fehler angestrichen und mir eine schlechte Note gegeben haben. Ich hatte aber schöner geschrieben als jene mit den guten Noten.«

»Noch eine andere Frechheit haben Sie mir gesagt,« beharrte Peredonoff.

»Gar keine Frechheit, ich habe nur gesagt, ich würde es dem Inspektor sagen,« sagte Wladja trotzig, »warum soll ich immer schlechte Noten bekommen?«

»Wladja, vergiß nicht, mit wem du sprichst,« sagte die Werschina streng, »statt daß du dich entschuldigst, wiederholst du noch deine Ungezogenheiten.«

Plötzlich fiel Wladja ein, daß man Peredonoff nicht reizen dürfe, weil er doch vielleicht sich mit Martha verloben könnte. Er wurde ganz rot, spielte verlegen an seiner Gürtelschnalle und sagte bescheiden:

»Verzeihen Sie. Ich wollte nur bitten, ob sich das nicht ummachen ließe.«

»Schweig doch still, ich bitte dich,« unterbrach ihn die Werschina, »ich kann so was nicht leiden,« wiederholte sie und zitterte kaum merklich am ganzen Körper. »Wenn dir ein Verweis erteilt wird, so hast du still zu sein.«

Und die Werschina überschüttete den Jungen mit Vorwürfen, rauchte ihre Zigarette und lächelte schief, wie sie immer lächelte, gleichviel wovon die Rede war.

»Man muß es dem Vater sagen, er wird dich bestrafen,« schloß sie.

»Man muß ihn durchprügeln,« sagte Peredonoff und blickte böse auf den Jungen, der es gewagt hatte, ihn zu kränken.

»Natürlich,« bestätigte die Werschina, »man muß ihn durchprügeln.«

»Man muß ihn durchprügeln,« sagte auch Martha und errötete.

»Ich werde heute zu Ihrem Vater fahren,« sagte Peredonoff, »und werde ihm sagen, er soll Sie ordentlich in meiner Gegenwart durchprügeln.«

Wladja schwieg, blickte auf seine Peiniger, zog die Schultern zusammen und lächelte, während ihm die Tränen in den Augen standen. Sein Vater war sehr hart. Wladja versuchte sich zu beruhigen; er dachte, das seien nur Drohungen. Es war doch nicht möglich, daß man ihm so den Feiertag verderben wollte. Ein Feiertag ist etwas ganz Besonderes, ein fröhlicher, schöner Tag und dieses Festliche ist garnicht vereinbar mit dem Alltäglichen, mit dem Leben in der Schule.

Peredonoff fand aber Gefallen daran, wenn Kinder weinten, -- besonders wenn er selber den Anlaß zu Tränen und Zerknirschung gab. Wladjas Verlegenheit, seine verhaltenen Tränen und sein schuldbewußtes, schüchternes Lächeln, alles das freute Peredonoff. Er entschloß sich, zusammen mit Martha und Wladja hinauszufahren.

»Na meinethalben, ich werde mitkommen,« sagte er zu Martha.

Martha freute sich, war aber doch ein wenig erschreckt. Natürlich wünschte sie es, daß Peredonoff mitkäme, -- richtiger, die Werschina hatte es für sie gewünscht und ihr diesen Wunsch eingegeben durch einige schnelle Worte. Jetzt aber, wie Peredonoff erklärte, er wolle mitkommen, tat es ihr leid um Wladja.

Auch Wladja fühlte sich unbehaglich. War es möglich, daß Peredonoff nur um seinetwillen mitkam? Er wollte Peredonoff freundlicher stimmen und sagte:

»Wenn Sie meinen, Ardalljon Borisowitsch, daß es zu eng sein wird, so will ich gerne zu Fuß gehen.«

Peredonoff sah ihn argwöhnisch an und sagte:

»Das kennen wir. Wenn man Sie allein läßt, werden Sie das Weite suchen. Nein, nein, wir werden Sie schon hinbringen zu Ihrem Vater, er wird Sie schon strafen.«

Wladja wurde rot und seufzte tief auf. Die Gegenwart dieses brutalen, finstren Mannes war ihm unleidlich und widerwärtig. Um Peredonoff zu erweichen, beschloß er, dessen Sitz im Wagen so bequem wie möglich herzurichten.

»Ich werde es schon so machen,« sagte er, »daß Sie ganz vorzüglich sitzen sollen.«

Und eilig lief er an den Wagen. Die Werschina sah ihm nach, lächelte schief, paffte und sagte leise zu Peredonoff:

»Sie haben große Angst vor ihrem Vater. Er ist sehr streng.«

Martha wurde rot.

Wladja wollte eigentlich eine neue englische Angel mitnehmen, welche er für sein Taschengeld gekauft hatte, und noch allerhand andere Dinge, aber sie nahm zu viel Platz fort. Und der Junge trug alles wieder ins Haus zurück.

Es war nicht heiß. Die Sonne neigte sich zum Westen. Der Weg war noch feucht vom Regen, welcher am Morgen gefallen war und staubfrei. Der Wagen mit seinen vier Insassen rollte gleichmäßig über den Schotter; das gutgefütterte, graue Pferdchen trabte munter, als hätte es gar keine Last zu ziehen, und der faule schweigsame Knecht lenkte es mit nur den Erfahrenen bemerkbaren Bewegungen der Zügel.

Peredonoff saß neben Martha. Ihm war so viel Platz eingeräumt worden, daß Martha es sehr unbequem hatte. Das bemerkte er aber nicht. Und wenn er es auch bemerkt hätte, so hätte er gedacht, daß das ganz in der Ordnung sei: er war doch der Gast.

Peredonoff fühlte sich sehr gemütlich. Er beschloß, liebenswürdig mit Martha zu reden, etwas zu scherzen, sie zu erheitern. Er begann so:

»Wird Ihre Revolution bald anfangen?«

»Wieso?« fragte Martha.

»Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; es wird nur vergebens sein.«

»Ich mache mir gar keine Gedanken darüber,« sagte Martha, »außerdem denkt niemand bei uns an Revolution.«

»Das sagt man wohl so. Ihr haßt doch die Russen.«

»Wir denken nicht daran,« sagte Wladja, indem er sich Peredonoff zuwandte. Er mußte sich umkehren, weil er auf dem Bock neben Ignaz saß.

»Das kennt man: wir denken nicht daran. Wir werden euch euer Polen niemals zurückgeben. Wir haben es erobert. Wir haben euch so viel Wohltaten erwiesen; aber da sieht man es wieder, wenn man den Wolf noch so sehr füttert, er will immer in den Wald zurück.«

Martha antwortete nichts. Peredonoff schwieg ein wenig, dann sagte er:

»Die Polen sind blödsinnig.«

Martha wurde rot.

»Das gibt es überall bei den Polen und bei den Russen,« sagte sie.

»Nein, nein, es ist schon so,« beharrte Peredonoff, »die Polen sind dumm. Protzig sind sie. Die Juden -- das sind kluge Leute.«

»Die Juden sind Schufte, garnicht klug,« sagte Wladja.

»Nein, die Juden sind ein sehr kluges Volk. Der Jude wird einen Russen immer nasführen, aber niemals ein Russe den Juden.«

»Es ist ja auch garnicht nötig, zu hintergehen,« sagte Wladja, »besteht denn die Klugheit nur darin, zu betrügen und zu übervorteilen?«

Peredonoff blickte den Jungen zornig an.

»Die Klugheit besteht im Lernen,« sagte er, »Sie zum Beispiel sind faul.«

Wladja seufzte auf und kehrte sich wieder um und sah dem gleichmäßigen Traben des Pferdes zu. Peredonoff aber fuhr fort:

»Die Juden sind klug, im Lernen und überhaupt in allen Dingen. Würde es den Juden erlaubt sein, Professoren zu werden, so würden sämtliche Professoren Juden sein. Die Polinnen sind alle schlampig.«

Er blickte auf Martha, und mit Behagen bemerkend, daß sie sehr rot wurde, sagte er liebenswürdig:

»Denken Sie nicht, ich hätte Sie damit gemeint. Ich weiß, daß Sie eine vorzügliche Hausfrau abgeben.«

»Alle Polinnen sind gute Hausfrauen,« entgegnete Martha.

»Na ja,« antwortete Peredonoff, »von außen sehen sie sauber aus, aber ihre Unterröcke sind dreckig. Dafür haben sie auch einen Mizkewizsch gehabt. Ich schätze ihn höher als Puschkin. Ich habe ein Porträt an der Wand hängen; erst hing der Puschkin da, jetzt habe ich ihn ins Klosett gehängt, -- er war ein simpler Hoflakai.«

»Sie sind doch ein Russe,« sagte Wladja, »wozu brauchen Sie unsern Mizkewizsch. Puschkin schreibt wunderschön und Mizkewizsch auch.«

»Mizkewizsch steht höher,« wiederholte Peredonoff. »Die Russen sind Dummköpfe. Nur die Teemaschine haben sie erfunden, weiter nichts.«

Peredonoff blickte auf Martha, kniff die Augen zusammen und sagte:

»Sie haben viele Sommersprossen. Das ist nicht hübsch.«

»Dafür kann ich nichts,« flüsterte Martha lächelnd.

»Ich habe auch Sommersprossen,« sagte Wladja und kehrte sich auf seinem engen Sitz um, wobei er den schweigsamen Ignaz anstieß.

»Sie sind ein Junge,« sagte Peredonoff, »da macht es nichts. Ein Mann braucht nicht hübsch zu sein. Ihnen hingegen,« er wandte sich zu Martha, »schadet es. Niemand wird Sie heiraten wollen. Sie müssen Ihr Gesicht mit Gurkensaft waschen.«

Martha dankte für den Rat.

Wladja lächelte und blickte Peredonoff an.

»Warum lachen Sie?« sagte Peredonoff, »passen Sie auf, wenn wir erst an Ort und Stelle sind, werden Sie Prügel bekommen.«

Wladja hatte sich wieder umgekehrt und fixierte Peredonoff; er wollte erraten, ob es ihm ernst wäre, oder ob er nur scherze. Peredonoff konnte es nicht ertragen, fixiert zu werden.

»Was starren Sie mich so an?« fragte er grob. »Ich habe keine besonderen Verzierungen im Gesicht. Oder haben Sie am Ende den bösen Blick?«

Wladja erschrak und blickte zur Seite.

»Verzeihen Sie,« sagte er bescheiden, »ich dachte mir nichts dabei.«

»Glauben Sie an den bösen Blick?« fragte Martha.

»Nein, das ist ein dummer Aberglaube,« sagte Peredonoff zornig, »es ist nur sehr unhöflich, einen so anzustarren.«

Einige Minuten herrschte verlegenes Schweigen.

»Sie sind ganz arm?« unterbrach Peredonoff die Stille.

»Reich sind wir nicht,« entgegnete Martha, »immerhin ganz arm auch nicht. Wir werden alle eine Kleinigkeit erben.«

Peredonoff sah sie ungläubig an und sagte:

»Ich weiß schon, Sie sind ganz arm. Sie gehen an Wochentagen barfuß.«

»Nicht darum, weil wir arm sind,« versetzte Wladja lebhaft.

»Ach so, wohl darum, weil Sie reich sind?« fragte Peredonoff und lachte kurz auf.

»Jedenfalls nicht, weil wir arm sind,« sagte Wladja und wurde rot, »es ist sehr gesund barfuß zu gehen, man härtet sich ab und im Sommer ist es sehr angenehm.«

»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Wohlhabende Leute gehen niemals barfuß. Ihr Vater hat viele Kinder und zählt seine Einnahmen nach Groschen. Dafür lassen sich keine Stiefel kaufen.«

VII

Warwara hatte keine Ahnung, wohin Peredonoff gegangen sein könnte. Sie hatte eine entsetzlich unruhige Nacht.

Als Peredonoff am Morgen in die Stadt zurückkam, ging er nicht nach Hause, sondern befahl dem Kutscher zur Kirche zu fahren, denn um diese Zeit begann der Frühdienst. Es schien ihm gefährlich zu sein, nur selten in die Kirche zu gehen -- man hätte das gegen ihn ausnützen können.

Am Kirchentor traf er einen hübschen, rotbackigen, kleinen Gymnasiasten. Er sah sehr nett aus, hatte ein harmloses Gesicht und unschuldige blaue Augen. Peredonoff sagte:

»Guten Tag, Maschenka[6], kleines Mädchen.«

Mischa Kudrjawzeff wurde purpurrot. Peredonoff hatte ihn schon etliche Male so geneckt und ihn Maschenka genannt. Kudrjawzeff begriff gar nicht warum und konnte sich nicht entschließen, zu klagen. Einige dumme Jungen, welche da herumstanden, lachten über Peredonoffs Anrede. Auch sie liebten es sehr, den kleinen Mischa zu necken.

Die Eliaskirche war sehr alt; sie war noch zu Zeiten des Kaisers Michael erbaut worden und stand auf einem großen freien Platz gegenüber dem Gymnasium.

Zum Frühgottesdienst und zur Vesper waren die Gymnasiasten verpflichtet an Feiertagen in diese Kirche zu gehen. Sie mußten links stehen, in Reihen, am Altar der heiligen Märtyrerin Katharina; hinter ihnen pflegte sich ein Ordinarius aufzuhalten, um auf Ordnung zu sehen. Etwas mehr in der Mitte des Kirchenschiffes standen die Lehrer des Gymnasiums, der Inspektor und der Direktor mit ihren Familien. In der Regel pflegten sämtliche Schüler griechischer Konfession hier zusammenzukommen, mit Ausnahme einiger, welchen es gestattet war, zusammen mit ihren Eltern die vorstädtischen Kirchen zu besuchen.

[Fußnote 6: Ein russischer Mädchenname.]

Der Schülerchor sang vortrefflich, daher gingen die Kaufleute erster Gilde, die Beamten und die Gutsbesitzer mit ihren Familien in diese Kirche. Einfache Leute sah man nur selten. Um so mehr, als dem Wunsche des Direktors entsprechend der Gottesdienst später als in den anderen Kirchen abgehalten wurde.

Peredonoff stellte sich auf seinen gewohnten Platz. Von hier aus konnte er den ganzen Chor überblicken. Mit den Augen zwinkernd sah er auf die Reihen der Sänger und dachte, daß sie unordentlich stünden und daß er schon Ordnung schaffen wolle, wenn er Inspektor wäre. Zum Beispiel der brünette Kramarenko. Er war klein, schmächtig und beweglich und wandte sich bald hierher, bald dorthin, bald flüsterte er seinen Nachbarn etwas ins Ohr oder lachte und keiner berief ihn. Als wäre es vollständig gleichgültig.

»Das ist Unfug,« dachte Peredonoff; »diese Sänger sind immer Taugenichtse; jener schwarzhaarige Bengel hat einen schönen, reinen Diskant, -- da denkt er gleich, er kann in der Kirche nach Herzenslust schwatzen und lachen.«

Und Peredonoff ärgerte sich.

Neben ihm stand der ein wenig zu spät gekommene Inspektor der Volksschulen, Sergius Protapowitsch Bogdanoff, ein alter Mann mit braunem, dummerhaften Gesicht, welches stets so aussah, als wünschte er jemandem etwas zu erklären, was er selber absolut nicht begreifen konnte. Man konnte diesen Bogdanoff sehr leicht in Erstaunen setzen oder erschrecken: wenn ihm etwas Neues oder Aufregendes zu Ohren kam, so furchte sich seine Stirn in krankhafter Aufregung und seinem Munde entfuhren unverständliche, sinnlose Worte.

Peredonoff beugte sich zu ihm und flüsterte:

»Eine Ihrer Lehrerinnen trägt rote Blusen.«

Bogdanoff erschrak. Sein Kinn zitterte vor Angst.

»Was sagen Sie da?« flüsterte er heiser, »wer tut das?«

»Na jene mit dem dicken Hals, diese unförmliche Person da. Ich weiß ja nicht, wie sie heißt,« flüsterte Peredonoff.

»Mit dem dicken Hals, mit dem Hals,« wiederholte Bogdanoff fassungslos, »das ist die Skobotschkina.«

»Na also,« sagte Peredonoff.

»Ja, wie ist das nur möglich!« zischelte Bogdanoff erregt, »die Skobotschkina trägt rote Blusen! Haben Sie das gesehen?«

»Jawohl, außerdem soll sie auch in der Schule so herumlaufen. Manchmal noch schlimmer, dann trägt sie einen Sarafan,[7] ganz wie ein Bauernweib.«

»Nein, das ist ja unglaublich! Das muß festgestellt werden. Das geht nicht, das geht auf keinen Fall. Man muß sie entlassen, ja entlassen,« flüsterte Bogdanoff, »sie war schon immer so.«

Der Gottesdienst war zu Ende. Man ging aus der Kirche. Peredonoff sagte zu Kramarenko:

[Fußnote 7: Russisches Nationalkostüm.]

»Du kleiner, schwarzer Taugenichts, warum lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde es deinem Vater sagen.«

Peredonoff redete die nichtadeligen Schüler manchmal mit »Du« an; zu den Adeligen sagte er immer »Sie«. In der Schulkanzlei erkundigte er sich nach dem Stande des Einzelnen und sein Gedächtnis ließ ihn in solchen Dingen niemals im Stich.

Kramarenko sah Peredonoff erstaunt an und lief schweigend davon. Er gehörte zu jenen Schülern, welche Peredonoff für grob, dumm und ungerecht hielten und ihn deswegen verachteten und haßten. So dachte die Mehrzahl. Peredonoff glaubte, das wären jene, welche der Direktor gegen ihn aufgestachelt habe, wenn auch nicht in eigener Person, so doch durch seine Söhne.

Schon außerhalb der Umfriedung trat Wolodin fröhlich kichernd auf Peredonoff zu, er machte ein salbungsvolles Gesicht, als hätte er Geburtstag, sein steifer Hut saß ihm im Nacken, und er fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen.

»Weißt du was, Ardalljon Borisowitsch,« flüsterte er freudig erregt, »ich habe den Tscherepin herumgekriegt, er wird in diesen Tagen das Tor von Marthas Haus mit Teer einschmieren.«

Peredonoff schwieg ein wenig und bedachte sich. Dann lachte er schadenfroh. Wolodin hörte alsbald zu grinsen auf, machte ein bescheidenes Gesicht, rückte seinen Hut zurecht und mit dem Stöckchen schlenkernd, sagte er:

»Schönes Wetter heute, am Abend werden wir wohl Regen haben. Mag es nur regnen, wir werden mit dem Inspektor _in spe_ zu Hause sitzen.«

»Ich kann eigentlich nicht zu Hause bleiben,« sagte Peredonoff, »ich habe verschiedne Gänge vor und muß in die Stadt gehen.«

Wolodin machte ein verständnisvolles Gesicht, obgleich er natürlich garnicht wußte, was Peredonoff so plötzlich für Gänge vorhaben konnte. Peredonoff überlegte aber, daß es dringend notwendig wäre, einige Visiten zu machen. Sein zufälliges Zusammentreffen mit dem Gendarmerieoberst hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, dessen Ausführung ihm nützlich erschien: er wollte alle Honoratioren der Stadt besuchen, um sie von seiner Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sollte das gelingen, so hätte er für alle Fälle angesehne Leute in der Stadt, welche für seine korrekte Gesinnung bürgen würden.

»Wohin wollen Sie gehen, Ardalljon Borisowitsch?« fragte Wolodin, als er bemerkte, daß Peredonoff einen anderen als den gewohnten Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause?«

»Nein, ich gehe nach Haus,« antwortete Peredonoff, »ich fürchte mich bloß, den alten Weg zu gehen.«

»Warum denn?«

»Da wächst so viel Bilsenkraut, der Geruch ist so schwer; er wirkt auf mich betäubend. Meine Nerven sind schwach, wegen der vielen Unannehmlichkeiten.«

Wolodin machte wieder ein verständnisvolles, teilnehmendes Gesicht.

Unterwegs riß Peredonoff einige Kletten ab und steckte sie in die Tasche.

»Wozu sammeln Sie das?« fragte Wolodin grinsend.

»Für den Kater,« gab Peredonoff traurig zur Antwort.

»Werden Sie sein Fell mit Kletten bewerfen?« erkundigte sich Wolodin sachgemäß.

»Ja.«

Wolodin kicherte.

»Bitte, warten Sie bis ich komme; das wird sehr lustig werden,« sagte er.

Peredonoff lud ihn ein, doch gleich mitzukommen, aber Wolodin sagte, daß er was vorhabe: es war ihm auf einmal zum Bewußtsein gekommen, daß es unanständig wäre, niemals was vorzuhaben. Peredonoffs Worte hatten ihn darauf gebracht und er überlegte, daß es für ihn ganz angebracht wäre, auf eigene Faust Fräulein Adamenko zu besuchen und ihr zu erzählen, daß er neue sehr hübsche Entwürfe für Bilderrahmen gezeichnet hätte und ob sie die sich nicht ansehen wolle. Außerdem glaubte er, daß ihm Nadeschda Wassiljewna Kaffee anbieten würde.

Wie gedacht so getan. Dann hatte er sich noch etwas ausgedacht, etwas sehr Schlaues; er würde Nadeschda Wassiljewna den Vorschlag machen, ihrem Bruder Unterricht in der Tischlerei zu erteilen. Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß es Wolodin um einen Verdienst zu tun sei und erklärte sich sofort einverstanden. Es wurde beschlossen, daß er für 30 Rubel monatlich in der Woche je zwei Stunden zu geben habe. Wolodin war entzückt, -- sowohl über den Verdienst, als über die Möglichkeit, Nadeschda Wassiljewna oft zu sehen.

Peredonoff kam wie immer mürrisch nach Hause. Warwara war bleich von der durchwachten Nacht und brummte:

»Du hättest gestern sagen können, daß du nicht kommen würdest.«