Part 5
Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten Tag, Jeannot! -- Das auf offener Straße! -- erzählte sie.
»Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten«, sagte Peredonoff ärgerlich, »wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten zu verbreiten!«
Die Gruschina murmelte erschreckt:
»Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur weiter.«
Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor _in spe_. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:
»Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor bringen, ich wohl.«
Hierauf hatte Wolodin entgegnet, -- und er gab seinem Gesicht ein überzeugendes Aussehen:
»Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch -- Sie sind Spezialist auf _diesem_ Gebiet, ich auf _meinem_.«
»Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in Dienst gegangen,« berichtete Warwara.
Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich.
»Du lügst wieder!« sagte er halb fragend.
»Nanu, warum soll ich lügen,« antwortete Warwara, »geh zu ihm hin und frag ihn doch.«
Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen. Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium Bericht erstatten. Wie fatal!
Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von Pissareff und etwas dickere -- »Vaterländische Memoiren«. Peredonoff erbleichte und sagte:
»Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.«
Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine liberale Gesinnung zu zeigen, -- in der Tat war er vollständig gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem nachzugehen. Außerdem _standen_ diese Bücher nur bei ihm, er las sie garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen hatte -- zum Lesen hatte er keine Zeit, -- aber auch Zeitungen ließ er nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm jede Minute kostbar war.
Er ging zum Bücherbrett und flüsterte:
»Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf doch, Pawel Wassiljewitsch,« sagte er zu Wolodin.
Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.
»Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?« fragte er.
»Das wirst du sehen,« antwortete Peredonoff verdrießlich.
Die Prepolowenskaja fragte:
»Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?«
Im Fortgehen antwortete Peredonoff:
»Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.«
Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den Boden -- Wolodin tat dasselbe -- und schob ein Buch nach dem andern durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine rundgewölbte Stirn in Falten legte.
Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte:
»Du bist ein ganzer Narr!«
Aber die Gruschina verwies ihr das:
»Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr, die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.«
Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig, aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand hielten.
Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich, seine Karten zu halten.
»Pawluschka, sag an,« rief Peredonoff ungeduldig.
Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:
»Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?«
»Freundschaftlich, freundschaftlich,« entgegnete Peredonoff gedankenlos, »sag nur schneller an!«
»Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,« redete Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, »du bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,« sagte Wolodin und spielte Trumpf.
Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er wieder. Geärgert sagte er:
»Du gabst mir ein Aß, aber ich kann's nicht brauchen, du betrügst,« brummte er, »ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang ich mit Pik-Aß an?«
Rutiloff wurde witzig:
»Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.«
Wolodin meckerte und kicherte:
»Der Inspektor _in spe_ macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.«
Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern, versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz Peredonoffs Fürsprache, -- denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf. Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in Pension hatten.
»Sie bestechen den Direktor,« erklärte sie. »Solche Frauen gehören zum Gesindel,« sagte Wolodin mit Nachdruck, »beispielsweise meine Wirtin. Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles in Ordnung.«
»Hast du dich nicht besoffen?« fragte Rutiloff lachend.
»Warum sollte ich mich besaufen?« entgegnete Wolodin gekränkt. »Milch ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna Michailowna -- sagte sie -- läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber ihre Kuh -- sagt sie -- gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an! Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich, wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei Glas sind mir zu wenig.«
»Pawluschka ist ein Held,« sagte Peredonoff, »erzähl' doch deine Geschichte mit dem General.«
Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor.
Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die Frauen.
Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten. Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage. Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen -- wer die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die Prepolowenskjis anderthalb Rubel.
Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust zur Erde weisend:
»Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in Kronsinstitute gesteckt.«
»Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen lassen,« sagte die Prepolowenskaja.
Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:
»Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, -- es ist ein Hundeleben. Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?«
Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken.
»Aha,« dachte er bei sich, »er klagt seine Mutter an, warum sie ihn geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein. So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,« so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin.
Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen?
* * * * *
Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu Peredonoff:
»Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als sie alle.«
Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen, elastischen Körper.
Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen, schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu stillen.
So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden.
Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen sah.
Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern.
* * * * *
Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien ihr, als sei sie plötzlich voller geworden.
Alle ihre Bekannten fragte sie:
»Nicht wahr, ich nehme doch zu?«
Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er außerdem den gefälschten Brief erhalten.
Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre -- und in der Tat der Direktor des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer. Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern Instruktionen, ihn zu mißachten, -- das war natürlich Peredonoffs eigene grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das.
Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.
Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel nicht ungefährlich.
Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten.
Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor _in spe_. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.
Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen Menschen in acht zu nehmen.
Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch.
So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.
Eines schönen Tages fragte er Wolodin:
»Willst du -- ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen Gram zu stillen.«
»Warum soll ich um Martha trauern,« antwortete Wolodin, »ich habe ihr einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man doch an jeder Straßenecke.«
»Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,« neckte Peredonoff.
»Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,« sagte Wolodin beleidigt. »Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so --! .. Sie hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.«
Peredonoff gab ihm einen Rat:
»An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.«[5]
Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:
»Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.«
[Fußnote 5: Bedeutet, daß in dem betr. Hause ein Mädchen lebt, das noch zu haben ist. Im Bilde: die Männer sollen am Teer kleben bleiben.]
»Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,« sagte Peredonoff.
»Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,« sagte Wolodin begeistert, »denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, -- so hört doch alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.«
VI
Am nächsten Tage machte sich Peredonoff mit Wolodin auf den Weg zu Fräulein Adamenko. Wolodin hatte sich schön gemacht, er trug seinen neuen, ein wenig zu engen Bratenrock, ein reines Plätthemd, einen bunten Schlips; er hatte seine Haare mit Pomade eingerieben, sich parfümiert und war in gehobener Stimmung.
Nadeschda Wassiljewna Adamenko lebte mit ihrem Bruder in einem eigenen roten Ziegelhäuschen; nicht weit von der Stadt hatte sie ein Gut, welches verpachtet wurde. Vor zwei Jahren hatte sie die höhere Töchterschule absolviert und beschäftigte sich jetzt damit, auf der Ottomane zu liegen, allerhand Bücher zu lesen und ihren Bruder, einen elfjährigen Gymnasiasten, zu berufen. Dieser rettete sich vor der strengen Schwester mit der kurzen Bemerkung: »Mama war viel besser als du. Mama stellte einfach den Regenschirm in die Ecke, nicht mich.«
Bei Nadeschda Wassiljewna lebte noch ihre Tante, ein wesenloses, unselbständiges Geschöpf. Im Haushalt hatte sie nichts zu bedeuten. Nadeschda Wassiljewnas Bekanntenkreis war eng begrenzt. Peredonoff besuchte sie selten und nur der Umstand, daß er sie fast garnicht kannte, entschuldigte seinen Plan, dieses Fräulein mit Wolodin zu verheiraten.
Sie war sichtlich erstaunt über den unerwarteten Besuch, doch empfing sie ihre Gäste immerhin liebenswürdig. Gäste wollen unterhalten sein und Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß ein Lehrer der russischen Sprache am liebsten über Pädagogik, über die bevorstehende Schulreform, Kindererziehung, Literatur, Symbolismus, russisches Zeitungswesen reden würde. Sie berührte gesprächsweise alle diese Fragen, erhielt aber so merkwürdige Antworten, daß es ihr erstaunlich klar wurde, wie vollständig gleichgültig ihren Gästen all diese Dinge waren. Sie erkannte, daß nur ein Gesprächsthema möglich war, nämlich Klatschgeschichten. Trotzdem machte Nadeschda Wassiljewna noch einen Versuch:
»Haben Sie Tschechoffs »Menschen im Futteral« gelesen?« fragte sie. »Nicht wahr, ein vortreffliches Buch?«
Sie hatte diese Frage an Wolodin gerichtet. Der fletschte die Zähne und fragte:
»Was ist denn das, eine Novelle oder ein Roman?«
»Eine Erzählung,« erklärte Nadeschda Wassiljewna.
»Von Herrn Tschechoff, wenn ich fragen darf?« erkundigte sich Wolodin.
»Ja, von Tschechoff,« sagte Nadeschda Wassiljewna und lächelte.
»Wo ist es denn erschienen?« fragte Wolodin neugierig weiter.
»Im >Russischen Gedanken<« antwortete das Fräulein sehr liebenswürdig.
»In welcher Nummer?« erkundigte sich Wolodin.
»Ich weiß nicht recht, ich glaube, es war im Sommer,« antwortete Nadeschda Wassiljewna immer noch liebenswürdig, aber sehr erstaunt.
Der kleine Gymnasiast rief durch die Türspalte:
»Im Maiheft war die Erzählung gedruckt,« er hielt sich mit den Händen an der Tür und blickte mit seinen fröhlichen, blauen Augen von den Gästen zur Schwester.
»Es ist viel zu früh für Sie Romane zu lesen,« sagte Peredonoff streng. »Sie würden besser daran tun, zu lernen, statt Geschichten zweifelhaften Inhalts zu lesen.«
Nadeschda Wassiljewna sah ihren Bruder vorwurfsvoll an.
»Das ist ja reizend. Man steht hinter der Tür und horcht,« sagte sie, hob beide Hände auf und legte die kleinen Finger im rechten Winkel aneinander.
Der Gymnasiast wurde verlegen und verschwand. Er ging in sein Zimmer, stellte sich in den Winkel und blickte auf die Uhr. Die kleinen Finger im rechten Winkel aneinander gelegt bedeuteten zehn Minuten Winkelstehen. »Nein,« dachte er ärgerlich, »bei Mama war es besser; Mama stellte nur den Regenschirm in den Winkel.«
Unterdessen suchte Wolodin im Salon das Fräulein mit dem Versprechen zu beruhigen, er würde sich das Maiheft des »Russischen Gedankens« verschaffen und die Erzählung des Herrn Tschechoff lesen. Peredonoff hörte gelangweilt zu. Endlich sagte er:
»Ich habe das Ding auch nicht gelesen. Ich lese keine Dummheiten. Erzählungen und Romane sind immer dumm.«
Nadeschda Wassiljewna lächelte liebenswürdig und sagte:
»Sie urteilen sehr hart über die moderne Literatur. Es werden doch auch gute Bücher geschrieben.«
»Die guten Bücher habe ich schon längst gelesen,« erklärte Peredonoff. »Ich werde doch nicht Sachen lesen, welche eben erst verfaßt worden sind.«
Wolodin blickte voll Ehrfurcht auf Peredonoff. Nadeschda seufzte leicht auf und -- es war nichts zu machen -- begann zu schwatzen und Klatschgeschichten zu erzählen, so gut es gehen wollte. Obgleich sie diese Gespräche keineswegs liebte, so verstand sie doch als wohlerzogene, junge Dame, die Unterhaltung in Fluß zu halten. Sie langweilte sich entsetzlich, die beiden aber dachten, daß sie ganz besonders liebenswürdig wäre und schrieben das dem berückenden Aeußern Wolodins zu.
Als sie sich verabschiedet hatten und auf der Straße waren, beglückwünschte Peredonoff Wolodin zum Erfolge. Wolodin lachte und hüpfte vor lauter Freude. Schon hatte er all die erhaltenen Körbe vergessen.
»Schlag nicht aus,« sagte ihm Peredonoff. »Du springst so wie ein junger Bock. Warte nur, du wirst schon mit einer Nase abfahren.«
Das sagte er nur im Scherz, denn er war fest davon überzeugt, daß seine Werbung für Wolodin erfolgreich sein würde.
* * * * *
Die Gruschina war beinahe jeden Tag bei Warwara. Warwara kam noch öfter zu ihr, sodaß sie sich fast garnicht trennten. Warwara regte sich auf und die Gruschina zögerte, versicherte, daß es sehr schwer sei, die Buchstaben genau so nachzuschreiben, bis sie ganz ähnlich würden.
Peredonoff wollte immer nicht den Tag der Trauung bestimmen. Wieder verlangte er, man möge ihm zuerst den Inspektorposten verschaffen. Er hatte es nur zu gut behalten, wie viele heiratslustige Bräute ihn ersehnten und damit drohte er öfters Warwara, gerade so wie im vergangenen Winter.
»Ich gehe sofort, mich trauen lassen. Am Morgen kehre ich mit meiner Frau heim und jage dich zum Teufel. Es ist das letzte Mal, daß du hier über Nacht bleibst.«
Mit diesen Worten ging er ins Restaurant Billard spielen. Manchmal kehrte er abends heim; öfter jedoch zechte er die ganze Nacht durch mit Rutiloff und Wolodin in irgend einer verrufenen Kneipe. In solchen Nächten konnte Warwara nicht schlafen. Nachher hatte sie entsetzliche Migräne. Gut, wenn er um ein oder zwei Uhr in der Nacht nach Hause kam, dann atmete sie erleichtert auf. Wenn er aber erst in den Morgenstunden erschien, so war sie tagsüber ganz krank. Endlich hatte die Gruschina den Brief fertiggestellt und brachte ihn Warwara. Lange prüften sie ihn, verglichen ihn mit einem alten Briefe, welcher tatsächlich von der Fürstin stammte. Die Gruschina versicherte: er ist so täuschend ähnlich, daß nicht einmal die Fürstin ihn für eine Fälschung halten würde. In der Tat war die Aehnlichkeit nur gering, doch Warwara war leichtgläubig. Außerdem war es doch ganz sicher, daß Peredonoff sich ganz unmöglich an die ihm nur wenig bekannten Schriftzüge so deutlich erinnern konnte, um die Fälschung als solche zu erkennen.
»Gott sei Dank,« sagte sie erfreut, »endlich einmal! Ich hatte schon alle Geduld verloren, so lange habe ich warten müssen. Wie wird es nur mit dem Briefumschlag -- wenn er danach fragt, was soll ich ihm sagen?«
»Den Umschlag kann man nicht fälschen,« sagte die Gruschina lächelnd und schielte spöttisch auf Warwara, »Poststempel lassen sich nicht nachmachen.«
»Ja, was soll man denn tun?«
»Liebste Warwara Dmitriewna, sagen Sie doch einfach, Sie hätten das Kouvert verbrannt. Was fängt man sonst mit Kouverts an.«
Warwara begann wieder zu hoffen. Sie sagte der Gruschina:
»Wenn er nur heiraten wollte, ich würde keinen Finger mehr für ihn rühren. Nein, ich werde mich dann ausruhen, mag er für mich laufen.«
* * * * *
Am Sonnabend ging Peredonoff nach dem Mittagessen zum Billardspielen. Seine Gedanken waren sorgenvoll und trübe.
Er dachte:
Es ist eine Qual unter neidischen, feindlich gesinnten Menschen leben zu müssen. Man muß es ertragen, -- alle können nicht Inspektor werden. Das ist der Kampf ums Dasein!
An einer Straßenecke traf er den Gendarmerieoberst. Eine peinliche Begegnung.