Part 4
»Und außerdem, _sie_ wollen vielleicht garnicht!«
»Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,« antwortete Rutiloff. »Ich gebe dir mein Wort darauf.«
»Sie sind stolz,« sagte Peredonoff.
»Was geht dich das an; noch besser.«
»Sie machen sich über alles lustig.«
»Aber doch nicht über dich,« beteuerte Rutiloff.
»Woher soll ich das wissen.«
»So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.«
»Ja, dir soll man glauben,« sagte Peredonoff mißtrauisch. »Nein, erst will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.«
»Merkwürdiger Mensch,« sagte Rutiloff verwundert, »wie sollten sie sich überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?«
Peredonoff dachte nach und sagte:
»Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.«
»Meinetwegen, das geht,« sagte Rutiloff.
»Alle drei auf einmal,« fuhr Peredonoff fort.
»Meinetwegen.«
»Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu erregen.«
»Wozu denn das?« fragte Rutiloff erstaunt.
»Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich am Ende an der Nase herumführen,« erklärte Peredonoff.
»Niemand will dich an der Nase herumführen.«
»Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,« erklärte Peredonoff, »laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu lachen, dann werde ich sie auslachen.«
Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder in die Stirn und sagte endlich:
»Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du komm inzwischen in den Hof, sonst -- der Teufel mag wissen -- kommt noch jemand gegangen und wird alles sehen.«
»Es ist doch einerlei,« sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff durch die Pforte.
Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete unterdessen auf dem Hof.
Im Salon -- einem Eckzimmer -- mit den Fenstern zur Pforte, saßen die vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja, sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig.
Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein Sterbenswörtchen zu sagen wußten, -- schon allein dieser Umstand bewies zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.
»Ich hab ihn hergelockt!« erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den Salon, »er steht an der Pforte.«
Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu schwatzen und zu lachen an.
»Da ist nur ein Haken dabei,« sagte Rutiloff und lächelte vielsagend.
»Was denn, was denn?« fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen, schwarzen Augenbrauen zusammen.
»Jetzt weiß ich nicht, ob ich's sagen soll?« fragte Rutiloff.
»Nur schneller, schneller,« drängte Darja.
Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff. Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.
Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:
»_So_ wartet er an der Pforte.«
Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief:
»Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?«
Als Antwort hörte man ihn brummen:
»Nein.«
Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden.
Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde einfach durch einen Scherz gelöst.
Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen, aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle, stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft werden.
Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor. Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, -- warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn allen Reiz.
Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte. Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu werden.
Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.
Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die schönen Schwestern in seinem Hirn, -- tierische Ausgeburten einer spärlichen Phantasie.
Die Schwestern warteten auf dem Flur.
Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören.
»Die Luft ist rein,« flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als Sprachrohr benutzend.
Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm hinausgegangen.
»Sie werden es gleich sagen,« sagte Rutiloff.
Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.
Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte.
»Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?« fragte sie.
Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:
»Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.«
Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:
»Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist außerordentlich lustig.«
Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein feines Stimmchen rief:
»Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen es erraten.«
Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses Stehen und Warten dauerte zu lange.
»Hast du sie dir angesehen?« fragte Rutiloff, »welche willst du haben?«
Peredonoff dachte nach. Natürlich, -- entschloß er sich endlich, -- nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen.
»Führ Valerie her,« sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.
Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen da. Rutiloff trat ein und verkündete:
»Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.«
Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß.
»Das ist gut, das ist gut,« wiederholte sie, »ich will ihn schon gerne nehmen, ich brauche so einen Mann.«
Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, -- alle drei Schwestern bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt. Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte.
»Hast du schon eine Droschke besorgt?« fragte Darja.
Rutiloff antwortete aufgebracht:
»Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.«
»Und wie sollen wir fortkommen?«
»Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem Bräutigam, -- aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.«
Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:
»Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint, dann will ich überhaupt nicht.«
Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen.
»Was weinst du denn, Dummerchen,« sprach Darja, »wir scherzen doch nur.«
Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton:
»Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst geheiratet hat.«
Allmählich wurde Valerie ruhiger.
Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ...
Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus seiner Tasche zog und daran lutschte.
Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja Toilette machen wollen -- überlegte er -- und überhaupt Aufwand treiben. Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau wird Launen zeigen, und -- womöglich -- nicht einen Fuß in die Küche setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, -- es ist unheimlich, sich mit ihr einzulassen.
Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.
»Was willst du?« fragte er beunruhigt.
»Ich habe mich bedacht,« brummte Peredonoff.
Rutiloff trat vom Fenster zurück.
»Satan rundgeborner!« murmelte er und ging zu seinen Schwestern.
Valerie freute sich sehr.
»Es ist dein Glück, Ludmilla,« sagte sie fröhlich.
Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte, lachte, bis ihr der Atem ausging.
»Was soll ich ihm sagen?« fragte Rutiloff, »willst du ihn überhaupt?«
Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen.
»Natürlich will sie,« sagte Darja für sie, »sag's ihm nur schnell, sonst sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.«
Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster:
»Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.«
»Aber etwas flinker,« sagte Peredonoff ärgerlich, »was trödeln sie so lange.«
Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig.
Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.
»Er klopft wieder,« sagte Larissa, »am Ende gilt es jetzt dir, Darja!«
»So ein Teufel,« schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.
»Was willst du noch?« fragte er böse, »hast du dich wieder bedacht, he?«
»Bring Darja her,« antwortete Peredonoff.
»Das will ich dir eintränken,« flüsterte Rutiloff wütend.
Peredonoff stand und dachte an Darja -- und wieder kam an Stelle des sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu dreist, sie wird mich quälen. -- Und was steh' ich hier, worauf warte ich eigentlich -- dachte er. -- Ich werde mich erkälten. Dort im Graben am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.
Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas dagegen tun.
Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam, als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei:
»Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?«
Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.
»Ich will heute nicht heiraten,« erklärte Peredonoff.
»Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig« versuchte ihn Rutiloff zu überreden.
»Ich will nicht,« sagte Peredonoff energisch, »komm zu mir nach Hause Karten spielen.«
»Verdammter Teufel!« schimpfte Rutiloff. »Er will nicht heiraten,« erklärte er den Schwestern, »er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.«
Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.
»Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?« fragte Valerie aufgebracht.
»Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er von uns doch nicht loskommen,« redete Rutiloff und bemühte sich dabei, sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte.
Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans Fenster.
»Ardalljon Borisowitsch!« rief Darja, »warum sind Sie so unentschlossen! Das geht doch nicht!«
»Herr Sauerampfer!« rief Ludmilla und lachte laut.
Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, -- _er_ hatte sie doch sitzen lassen. »Sie verstellen sich nur,« dachte er und ging schweigend zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war.
V
Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete fast die ganze Zeit über allein, -- er sprach noch immer in Tönen der Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein Gerede. Er fragte ärgerlich:
»Hat der Stier Hörner?«
»Freilich, und was weiter?« fragte Rutiloff erstaunt.
»Na, ich will eben nicht Stier sein,« erklärte Peredonoff.
Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte:
»Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden, weil du ein komplettes Schwein bist!«
»Lüge!« grunzte Peredonoff.
»Nein, ich lüge nicht und ich kann's beweisen,« sagte schadenfroh Rutiloff.
»Beweis' doch,« verlangte Peredonoff.
»Wart nur, ich will es schon beweisen,« höhnte Rutiloff. Beide schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff.
»Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?«
»Ja, aber du kriegst ihn nicht,« antwortete Peredonoff böse.
Rutiloff lachte aus vollem Halse.
»Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,« rief er vergnügt.
Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.
»Du lügst,« brummte er, »ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz gewöhnliche Fratze.«
Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und sagte:
»Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal heiraten.«
»Wie du merkwürdig bist,« sagte Rutiloff, »wie kommt es denn, daß das Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?«
»Du kennst die Gegenmittel,« sagte Peredonoff, »vielleicht hast du mit dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen sicherte.«
Rutiloff lachte.
»Was hast du denn getan«, fragte er.
Aber Peredonoff schwieg bereits.
»Warum hast du dich an die Warwara gekettet?« sagte Rutiloff. »Glaubst du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.«
[Fußnote 4: Der Fünfer ist eine große russische Kupfermünze. Der abgeflachte Rüssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.]
Peredonoff verstand das nicht.
Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge -- dachte er, -- sie wird es doch besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet, nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als sonst mit irgend einer Person.
Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht einmal auf Bestellung bekommen.
Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab.
Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina -- Warwaras alltäglicher Gast --, Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze Haare. Warwara hatte sich schön gemacht -- sie trug ein weißes Kleid. Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.
Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und dummen, zotigen Scherzen empfangen.
»Wo ist der Schnaps?« herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf, lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer grobgeschliffenen Karaffe.
»Prost«, brummte Peredonoff.
»Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,« sagte Warwara, »he, Faultier, etwas flinker,« rief sie in die Küche.
Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:
»Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.«
Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten.
Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, -- man hatte den Tee noch nicht getrunken, -- also blieb der Schnaps.
Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken. Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff wurde unruhig.
»Ewig ist die Tür sperrangelweit auf«, schimpfte er.
Er fürchtete den Zugwind, -- man hätte sich erkälten können. Daher war es in der Wohnung stets dumpf.
Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.
»Prachtvolle Eier,« sagte sie, »wo kaufen Sie ein?«
Peredonoff antwortete:
»Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte tagaus tagein zwei große Eier.«
»Große Herrlichkeit,« antwortete die Prepolowenskaja, »als wäre das was Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne, die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.«
»Akkurat wie bei uns,« sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen. »Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne war sehr ergiebig.«
Warwara lachte.
»Dumme Witze«, sagte sie.
»Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,« sagte die Gruschina.
Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort:
»Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.«
Die Gruschina wurde verlegen.
»Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie sowas!« meinte sie schüchtern.
Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte die Stirn und erklärte:
»Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.«
Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an:
»Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.«
Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde:
»Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.«
»So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,« ermunterte ihn lachend Rutiloff.
»Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,« sagte die Prepolowenskaja und lächelte spöttisch.
Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, -- wie, wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief:
»Warwara, leg das Messer fort!«
Warwara zuckte zusammen.
»Was schreist du so,« sagte sie und legte das Messer beiseite. »Wissen Sie, er sieht immer Gespenster,« erklärte sie dem schweigsamen Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu sagen.
»Das kommt vor«, begann er mit traurig-weicher Stimme, »ich hatte einen Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...«
Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich wieder in tiefes Schweigen.