Der kleine Dämon

Part 27

Chapter 272,083 wordsPublic domain

»Das von der Fürstin lügen Sie,« sagte er, »ich wollte die Fürstin verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.«

Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.

Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen.

Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht, -- ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, -- bis zu seinem frühen Mittagessen, -- saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig.

Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:

»Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.«

Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten.

»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.

Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen.

* * * * *

Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den Fenstern war alles ganz schwarz.

Wolodin war bei Peredonoffs, -- Peredonoff hatte ihn noch am Morgen gebeten, zum Tee zu kommen.

»Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?« schrie Peredonoff.

[Fußnote 14: Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot mit Malz.]

Warwara schmunzelte. Er brummte:

»Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir ins Schlafzimmer gedrängt, -- wollte sich als Köchin verdingen. Aber wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.«

Wolodin lachte, meckerte und sagte:

»Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch heranlassen.«

Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.

Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend, plötzlich, -- wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, -- Wolodin war sein Feind. Sie wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen Listen offenbar werden.

Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten.

Peredonoff war erregt.

»Jemand kommt da,« murmelte er. »Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.«

Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu, gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:

»Ist der General Peredonoff zu Hause?«

»Dem General Peredonoff -- der Stern mit Brillanten.«

Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.

»Nicht hereinlassen!« schrie er. »Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.«

Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden. Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto sicherer umzubringen.

»Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,« sagte Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.

Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte:

»Bist du mein Freund oder mein Feind?«

»Dein Freund, dein Freund, Ardascha!« antwortete Wolodin.

»Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,« sagte Warwara.

»Nicht Schabe, sondern Schaf,« verbesserte Peredonoff. »Wollen wir trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, -- trink; wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.«

Wolodin kicherte.

»Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu zweit, sondern zu dritt,« erklärte er.

»Zu zweit,« wiederholte Peredonoff mürrisch.

»Mann und Frau: eine Sau,« sagte Warwara und lachte laut.

Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch, brachte Warwara zum Lachen.

Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, -- sie sollten fortgehen. Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:

»Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen wirst.«

Warwara und Wolodin lachten.

»Kreischen kann ich immer, Ardascha,« sagte Wolodin, »kräh, kräh! Es ist sogar sehr einfach!«

Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff umzugehen.

»Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,« sagte er wegwerfend-mitleidig.

»_Ich_ hau dich übers Ohr!« brüllte Peredonoff auf.

Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen.

Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.

Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.

Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner Brust, als käme er an Atem zu kurz, -- dann wurde er still. Vor Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, -- nach ihm, -- Warwara.

Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte, zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen verglasten.

Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen.

»Herr des Himmels! Mord! Mord!« kreischte sie.

Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer hinaus.

Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner, ins Eßzimmer zu gehen.

Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.

Endlich faßte man Mut, man trat ein, -- Peredonoff saß mürrisch da und murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte.

Ende.

Im gleichen Verlage erschien:

M. Artzibaschew

Ssanin

Roman

Einzig autorisierte deutsche Übersetzung von André Villard und S. Bugow

-- 8. Auflage --

Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50

Dieser Roman, der in Rußland eine sexuelle Revolution auslöste und bei Erscheinen der 2. Auflage wegen seiner beispiellosen Wirkungen konfisziert wurde, erregte auch in Deutschland gewaltiges Aufsehen. Fast einstimmig erkannte die deutsche Presse, und darunter namhafte Kritiker, den literarischen Wert und die außerordentlich hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des Werkes an.

_Kurt Aram_ schrieb in der »Frankfurter Ztg.«:

»Es wirkt fast wie tragische Ironie, daß dem Prediger der Kreutzersonate gerade in diesen Tagen dieser Gegner erwuchs, dessen »Ssanin« die schärfste Reaktion gegen Tolstois Weltanschauung bedeutet. Gleich sind beide nur in ihrer leidenschaftlichen Einseitigkeit. Verdammt Tolstoi den Geschlechtsgenuß und rückt er um seinetwillen sogar der Ehe zu Leibe, so bedeutet für den jungen Ssanin der Geschlechtsgenuß das einzige, um dessentwillen zu leben sich lohnt. Darüber wird in unserem Roman sehr viel disputiert, und zwar durchaus nicht in frivoler Weise, sondern mit fast fanatischem, echt russischem Ernst. ... ein Buch von guter literarischer Qualität, dessen größter Wert jedoch sicherlich darin besteht, _ein wichtiges Dokument zum Verständnis für den völligen Umschwung im Leben, Fühlen und Handeln der russischen Intelligenz abzugeben_.«

_Willy Rath_ urteilt im »Kunstwart«:

»Es zeigt sich, daß »Ssanin« bestimmt keine Pornographie enthält, daß das Sexuelle darin nicht einmal gedanklich die Alleinherrschaft übt, sondern eine weitere, ganz geistige Anschauung den Ursprung bildet. Freilich bringt diese es mit sich, daß auch die Frage der Geschlechtsliebe höchst rücksichtslos erörtert und verwegen beantwortet wird; das Buch ist nur reifen Menschen in die Hand zu geben.«

_Robert Saudek_ sagt in einem »Eine neue Kreutzersonate« überschriebenen Feuilleton:

»_Seit Tolstois Kreutzersonate hat kein belletristisches Werk in Rußland eine ähnliche Wirkung ausgeübt._ Bei der Lektüre dieses Buches, bei seiner Schilderung der Frauen hat man das Gefühl, als ob man am ersten Frühlingstag nach einem düstern Winter auf die Straße träte.«

Der Kritiker der »Berliner Morgenpost« schrieb:

»Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Dichtern, deren Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist. Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu _einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands_ geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. _Man wird die gegenwärtige Epoche_, also die, welche die revolutionäre ablöste, _psychologisch und sozialistisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin_ als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen ... Die Personen und Charaktere gehen weit über das Einzelinteresse hinaus: sie stellen Menschheitstypen dar, deren äußere Charakterformen sich in jeweiligen Epochen anders spiegeln mögen, deren innere Wahrhaftigkeit und Treue aber unvergänglich bleiben wird ... Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten Werke der Weltliteratur geworden.«

Ferner erschien im gleichen Verlage:

M. Artzibaschew

Millionen und andere Novellen

Einzig autorisierte deutsche Übertragung von André Villard und S. Bugow

-- 3. Auflage --

Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50

Schon vor Erscheinen des »Ssanin« trat Artzibaschew durch seine Novellen an die Spitze der jungrussischen Literatur. Er war der erste, der rein erotische Probleme zum Ausgangspunkt seines dichterischen Schaffens nahm. Mit tiefem psychologischen Verständnis zergliedert er die geistige Entwicklung der modernen Russen und baut dann auf der Grundlage seiner seelischen Analysen seine starke überschäumende Handlung auf. Prächtige Arbeiten dieser Art sind die beiden Novellen dieses Bandes: »Millionen« und »Der Tod des Iwan Lande«. Mit gleichem Beifall wie Ssanin wurde dieser Novellenband aufgenommen, ja es mag Artzibaschews Künstlertum in diesen Erzählungen einen noch gesteigerten Ausdruck gefunden haben.

_Ludwig Bauer_ schrieb u. a. in einer sehr anerkennenden Besprechung in den »Münchener Neuesten Nachrichten«: »Die erste Erzählung schildert uns die Leiden des Millionärs Mishujew, die zweite jene des Iwan Lande, eines wahren Christen, der an die Menschen glaubt. Diese beiden Seelen werden vor uns mit so behutsamer Hand ausgebreitet, wie nur Dichterhände es vermögen ... Die beiden Erzählungen könnten literarisch Anlaß zu noch manchem Tadel geben. Aber -- was ist Literatur? Hier ist Besseres: Seele.«

Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 53]: ... Oder ist dir die Warja nach immer nicht ... ... Oder ist dir die Warja noch immer nicht ...

[S. 67]: ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug da ... ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da ...

[S. 72]: ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamten zu reden. ... ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. ...

[S. 90]: ... beachten, »sie hat einen Geliebten einen Polen. ... ... beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen. ...

[S. 97]: ... »Ja, ihr Polen, seid doch immer bereit, loszuschlagen; ... ... »Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...

[S. 104]: ... lachst du in der Kirche. Warte nur, ich werde ... ... lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde ...

[S. 105]: ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause.« ... ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause?« ...

[S. 143]: ... »Haben Sie etwas in Aussicht,« fragte Weriga. ... ... »Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga. ...

[S. 166]: ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundene ... ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen ...

[S. 186]: ... Schurken, die Söhne des Schlossers Andrejeff. ... ... Schurken, die Söhne des Schlossers Ardejeff. ...

[S. 187]: ... schließlich sagten sie, Tscherepnikoff hätte sie bestochen. ... ... schließlich sagten sie, Tscherepin hätte sie bestochen. ...

[S. 201]: ... bei dessen Vater, einem Bierbauer, verklagt, ... ... bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, ...

[S. 234]: ... Augen machten ihn nach vergnügter. ... ... Augen machten ihn noch vergnügter. ...

[S. 286]: ... lassen.« ... ... lassen?« ...

[S. 317]: ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung wiederstand ... ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand ...

[S. 347]: ... Sapierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ... ... Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...

[S. 371]: ... bewachsen und hatten Hufen statt der Füße. Anstelle ... ... bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle ...

[S. 374]: ... Verwirrung, der morsche Chaos, während die ... ... Verwirrung, das morsche Chaos, während die ...

[S. 374]: ... Entsetzen wiederspiegelten, nur vergleichbar dem ... ... Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem ...

[S. 376]: ... wichtige Papiere gestohlen hätte. ... ... wichtigen Papiere gestohlen hätte. ...

[S. 407]: ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenen ... ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenem ...

[S. 425]: ... »Deu Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ... ... »Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ...

[S. 443]: ... Das Feuer machte rasche Fortschritt. Die Menschen ... ... Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen ...