Der kleine Dämon

Part 26

Chapter 263,545 wordsPublic domain

Bengalskji war, die Geisha auf den Armen, durch das Eßzimmer und durch die Küche gelaufen. Sie lag ganz ruhig an seiner Brust und sagte kein Wort. Bengalskji schien es, als hörte er ihr Herz stark schlagen. Ihre nackten Arme waren fest verschlungen; an ihnen bemerkte er einige Kratzwunden und in der Nähe des Ellbogens einen blau-gelben Fleck, der von einem Schlage herrührte.

Mit erregter Stimme rief Bengalskji der sich drängenden Dienerschaft zu:

»Rascher, einen Mantel, einen Schlafrock, ein Laken, irgend etwas -- man muß die gnädige Frau retten.«

Irgend jemandes Mantel wurde Sascha über die Schultern geworfen, Bengalskji hüllte ihn notdürftig ein, und fort ging es über die enge Stiege, die spärlich von schwelenden Petroleumlampen erleuchtet war, hinaus auf den Hof, durch ein Pförtchen in eine Nebengasse.

»Demaskieren Sie sich; in der Maske wird man Sie eher erkennen; hier in der Dunkelheit ist es doch einerlei,« sagte er recht unzusammenhängend, »ich werde es keinem Menschen sagen.«

Er war neugierig. Er wußte genau, daß es nicht die Kaschtanowa war, -- aber wer war es denn?

Die Japanerin gehorchte. Bengalskji sah ein unbekanntes, brünettes Gesicht, in dem die Angst einem Ausdruck der Freude, der Gefahr entronnen zu sein, gewichen war. Mutwillige, schon vergnügte Augen blickten ihm entgegen.

»Wie soll ich Ihnen danken!« sagte die Geisha mit klangvoller Stimme. »Was wäre mit mir geschehen, wenn Sie mich nicht herausgehauen hätten!«

Ein keckes Frauenzimmer, ein interessantes Weibsbild! dachte der Schauspieler, -- aber wer ist sie? Offenbar eine Zugereiste, -- denn Bengalskji kannte alle Damen der Stadt. Er sagte leise:

»Ich muß Sie so schnell als möglich nach Hause bringen. Nennen Sie mir Ihre Adresse, ich werde eine Droschke rufen.«

Das Gesicht der Japanerin wurde ängstlich.

»Es ist unmöglich! Es ist ganz unmöglich!« flüsterte sie, »lassen Sie mich, ich finde den Weg allein.«

»Wie wollen Sie denn auf Ihren Bretterchen allein heimfinden, bei diesem schlüpfrigen Wetter; -- man muß eine Droschke nehmen,« entgegnete der Schauspieler fest.

»Nein, ich lauf schon allein; um Gotteswillen, lassen Sie mich,« flehte die Geisha.

»Ich schwöre bei meiner Ehre, kein Mensch soll es erfahren,« beteuerte Bengalskji. »Ich kann Sie nicht allein lassen; Sie werden sich erkälten. Ich habe die Verantwortung für Sie übernommen und kann einfach nicht. Sagen Sie schnell! -- man könnte auch hier über Sie herfallen. Sie haben doch gesehen, -- es sind ganz wilde Leute. Sie sind zu allem fähig.«

Die Geisha zitterte. Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen.

»Furchtbar, furchtbar böse Menschen!« sagte sie schluchzend. »Bringen Sie mich einstweilen zu Rutiloffs; ich werde bei ihnen übernachten.«

Bengalskji rief eine Droschke. Man setzte sich ein und fuhr davon. Der Schauspieler betrachtete genauer das bräunliche Gesicht der Geisha. Ein flüchtiger Gedanke blitzte in ihm auf.

Er erinnerte sich an den Stadtklatsch über die Rutiloffschen Damen, über Ludmilla und ihren Gymnasiasten.

»Oho, du bist ja ein Bengel!« sagte er flüsternd, damit der Kutscher es nicht hören sollte.

»Um Gotteswillen,« flehte Sascha kreidebleich.

Und seine bräunlichen Arme streckten sich unter dem nachlässig umgeworfenen Mantel mit flehentlicher Gebärde Bengalskji entgegen.

Dieser lachte leise und sagte immer noch flüsternd:

»Hab' keine Angst, ich sag's keinem. _Meine_ Sache ist nur -- dich in Sicherheit zu bringen, und weiter weiß ich von nichts. Allein, du bist ein ganz verzweifelter Bengel. Wird man zu Hause nichts erfahren?«

»Wenn Sie es nicht verraten, wird es niemand erfahren,« sagte Sascha versöhnlich-zärtlich.

»Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin stumm, wie ein Grab,« antwortete der Schauspieler. »War selber ein Junge; habe auch dumme Streiche gemacht.«

* * * * *

In der Muße beruhigte man sich allmählich -- aber ein neues Unglück setzte allem die Krone auf.

Während im Gang die Hetzjagd auf die Geisha stattfand, sprang das flammende, gespenstische Tierchen über die Kronleuchter, lachte und flüsterte Peredonoff eindringlich zu, er müsse ein Streichholz entzünden, müsse es -- das flammende aber unfreie Tierchen -- über die düstren, schmutzigen Wände laufen lassen, und dann, wenn es sich an der Zerstörung gesättigt, das Haus, in dem so fürchterliche und unverständliche Dinge vorgingen, aufgefressen hätte, -- dann würde es ihn -- Peredonoff -- ganz in Ruhe lassen. Und Peredonoff konnte seiner zudringlichen Versuchung nicht widerstehen.

Er ging in den kleinen Salon, der neben dem Tanzsaal war. Kein Mensch war zu sehen. Peredonoff blickte sich um, zündete ein Streichholz an, hielt es tief an den untersten Rand eines Fenstervorhanges und wartete, bis der Vorhang in Flammen stand. Das flammende Tierchen kroch geschmeidig, wie eine Schlange, an dem Vorhang empor; es piepte leise und fröhlich. Peredonoff ging aus dem Salon und schloß die Tür hinter sich. Keiner hatte die Brandstiftung gesehen.

Erst von der Straße aus sah man das Feuer, als das ganze Zimmer schon in Flammen stand. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen konnten sich retten, -- aber das Haus brannte nieder.

Am nächsten Tage sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderm als vom Skandal mit der Geisha und vom Feuerschaden. Bengalskji hielt Wort und verriet nicht, daß die Geisha ein Knabe gewesen war.

Sascha lief noch in derselben Nacht, nachdem er sich bei Rutiloffs umgekleidet und sich wieder in einen einfachen, barfüßigen Jungen verwandelt hatte, nach Hause, kletterte durchs Fenster und schlief ruhig ein. In der Stadt, die nur vom Klatsch lebte, in der Stadt, in der man über jedermann alles in Erfahrung brachte, blieb Saschas nächtliches Abenteuer ein Geheimnis. Für lange Zeit; natürlich nicht für immer.

XXXI

Katharina Iwanowna Pjilnikowa, Saschas Tante und Erzieherin, erhielt gleichzeitig zwei Briefe über ihn, -- vom Direktor den einen, von der Kokowkina den andern. Diese Briefe regten sie fürchterlich auf. Sie ließ alles liegen und fuhr sofort, trotz der im Herbst grundlosen Wege, von ihrem Gute in die Stadt.

Sascha war sehr froh, als sie kam, -- er liebte sie. Die Tante hegte aber einen tiefen Groll gegen ihn. Er umarmte sie jedoch so selig, küßte ihr so froh die Hände, daß sie im ersten Augenblick nicht den nötigen strengen Ton finden konnte.

»Liebes Tantchen, wie ist es doch so gut, daß du gekommen bist!« sagte Sascha und blickte ihr vergnügt in das volle, frische Gesicht, mit den so gutmütigen Grübchen in den Wangen, mit den geschäftig-strengen, braunen Augen.

»Warte nur mit deiner Freude; ich muß die Saiten straffer ziehen,« sagte die Tante mit unbestimmbarer Stimme.

»Das macht nichts,« sagte Sascha sorglos, »zieh sie straffer; wenn ich nur wüßte wofür; aber ich freue mich doch fürchterlich.«

»Fürchterlich?« wiederholte die Tante unzufrieden, »über _dich_ habe ich fürchterliche Dinge hören müssen.«

Sascha hob die Augen und blickte die Tante aus unschuldigen, erstaunten Augen an. Er klagte:

»Hier hat sich ein Lehrer Peredonoff ausgedacht, ich wäre ein Mädchen; er verfolgt mich damit; -- außerdem hat mir der Direktor den Kopf gewaschen, weil ich mit Fräulein Rutiloffs verkehre. Als ginge ich hin, um zu stehlen. Was geht ihn das an?«

Genau so ein Kind wie früher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er schon so verdorben, daß er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann?

Sie schloß sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr später zum Direktor. Ganz verstimmt und traurig kehrte sie heim.

Sascha mußte die härtesten Vorwürfe über sich ergehen lassen. Er weinte, beteuerte aber mit Feuereifer, alles wären nur Klatschereien und er habe sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Fräulein Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie schalt und schalt, weinte, drohte, sie würde ihn prügeln, gründlich prügeln, heute noch, -- nur müsse sie zuvor diese jungen Damen gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wäre wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles hätte man unglaublich übertrieben und erfunden.

Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs.

* * * * *

Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf. Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwürfe machen; böse, gehässige Worte brannten ihr auf der Zunge, -- allein der gemütliche, hübsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf friedlichere Gedanken und beruhigte sie.

Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigürchen, gute Gravüren an den Wänden, sorgfältig gepflegte Blumen auf den Fensterbänken, nirgends ein Stäubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausständen niemals vorkommt, und von Hausfrauen außerordentlich geschätzt wird, -- war es denn wirklich möglich, daß in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener Junge von den jungen Mädchen verführt worden war? Alle die Verdächtigungen, die sie über Sascha hatte lesen und hören müssen, schienen Katharina Iwanowna plötzlich so unglaublich töricht zu sein, -- und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklärungen darüber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen, geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, -- man wollte im Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna hatte es nicht erlaubt.

Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehörigen Schrecken gekriegt. Sie wußten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostümfest bekannt geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand für die andre ein. Das ließ sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flüsternd. Valerie sagte:

»Man muß doch hingehen, -- sie wartet. Wie unhöflich.«

»Das tut nichts. Mag sie sich abkühlen,« antwortete Darja sorglos, »sonst fährt sie gleich wütend auf uns los.«

Alle drei hatten sich mit feucht-süßem Klematis parfumiert; -- hübsch angezogen, ruhig, fröhlich, reizend wie immer, kamen sie in das Gastzimmer und erfüllten es mit ihrem liebenswürdigen Geplauder, mit ihrer Anmut und Fröhlichkeit.

Katharina Iwanowna war gleich bezaubert von ihrem netten, anständigen Aussehen.

Die haben wieder was entdeckt! dachte sie ärgerlich von den Pädagogen am Gymnasium. Dann überlegte sie, daß die Dämchen sich vielleicht verstellten und nahm sich vor, ihren Reizen nicht zu erliegen.

»Entschuldigen Sie, meine Damen, ich muß mich ernstlich mit Ihnen auseinandersetzen,« sagte sie, bemüht, ihrer Stimme einen sachlich-trocknen Klang zu geben.

Die Schwestern baten sie Platz zu nehmen und schwatzten fröhlich durcheinander.

»Welche von Ihnen ist es denn? ...« begann Katharina Iwanowna unsicher.

Ludmilla sagte fröhlich, mit der Miene einer liebenswürdigen Hausfrau, die sich bemüht, einem Gaste über eine Verlegenheit hinwegzuhelfen:

»Ich habe mich hauptsächlich mit Ihrem Neffen abgegeben. Wir haben in vielen Dingen dieselben Ansichten und denselben Geschmack.«

»Ihr Neffe ist ein sehr lieber Junge,« sagte Darja, wie überzeugt, daß ihr Lob der Tante gefallen mußte.

»Wirklich, er ist sehr lieb, und so amüsant,« sagte Ludmilla.

Katharina Iwanowna fühlte sich mit jedem Augenblicke unsicherer. Sie begriff mit einem Mal, daß sie eigentlich nur die geringsten Handhaben hatte, um Vorwürfe zu machen. Darüber ärgerte sie sich, -- und Ludmillas letzte Worte gaben ihr Anlaß, ihrem Aerger Luft zu machen. Gereizt sagte sie:

»Sie amüsieren sich ... und er ...«

Aber Darja unterbrach sie:

»O, wir merken schon, -- Peredonoffs alberne Erfindungen sind Ihnen zu Ohren gekommen,« sagte sie mitleidig. »Aber wissen Sie denn nicht, daß er ganz verrückt ist. Der Direktor läßt ihn nicht ins Gymnasium. Man wartet auf einen Psychiater zur Untersuchung, dann wird er sofort vom Gymnasium entfernt.«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach sie ihrerseits Katharina Iwanowna, immer gereizter werdend, »mich interessiert nicht dieser Lehrer, sondern mein Neffe. Ich hörte, -- bitte um Verzeihung, -- daß sie ihn sittlich verderben.«

Und im selben Augenblick, nachdem sie den Schwestern im Jähzorn diesen entschiedenen Satz zugeschleudert hatte, dachte sie schon, -- sie wäre zu weit gegangen. Die Schwestern blickten einander an mit der Miene so gut gespielter Empörung, so vollständigen Nichtverstehenkönnens, daß nicht Katharina Iwanowna allein sich hätte täuschen lassen, -- sie wurden rot, und riefen alle gleichzeitig:

»Das ist nett!«

»Wie scheußlich!«

»Was für Neuigkeiten!«

»Gnädige Frau,« sagte Darja kalt, »Sie wählen Ihre Worte nicht. Bevor Sie sich grober Redewendungen bedienen, wäre es angezeigt, in Erfahrung zu bringen, wie weit diese Wendungen angebracht sind.«

»Oh, das ist _so_ verständlich!« sagte Ludmilla lebhaft, mit der Miene eines gesitteten Mädchens, das gekränkt wurde und die Kränkung verziehen hat, »er ist Ihnen doch kein Fremder. Wie sollten diese dummen Gerüchte Sie nicht aufregen. Uns, -- den Fernstehenden, -- tat er leid, darum luden wir ihn ein. Hier in unserer Stadt macht man aus allem gleich ein Verbrechen. Die Leute hier, wenn Sie es nur wüßten, sind schrecklich, ganz schrecklich!«

»Schreckliche Leute!« wiederholte Valerie leise mit ihrer klangvollen, zerbrechlichen Stimme und schüttelte sich, als hätte sie etwas Unsauberes berührt.

»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Darja, »sehen Sie ihn sich an: ist er nicht ein ganzes Kind! Vielleicht sind Sie an seine Einfalt zu sehr gewöhnt, aber wir -- die ihm Fernstehenden sehen es, -- er ist noch ein vollständig, vollständig unverdorbener Knabe.«

Die Schwestern logen so sicher und ruhig, daß es nicht möglich war, ihnen nicht zu glauben. Und wie hätte es anders sein können, -- ist doch die Lüge sehr oft der Wahrheit ähnlicher als die Wahrheit. Fast immer. Die Wahrheit kann doch unmöglich der Wahrheit ähnlich sehen.

»Natürlich, es ist wahr, er ist zu häufig bei uns gewesen,« sagte Darja. »Aber wenn Sie es wünschen, lassen wir ihn nicht mehr über die Schwelle.«

»Heute noch gehe ich zu Chripatsch,« sagte Ludmilla. »Was fällt ihm ein! Unmöglich glaubt er selber an diesen Blödsinn.«

»Nein, er scheint nicht daran zu glauben,« gestand Katharina Iwanowna, »er sagt nur, es wären verschiedene böse Gerüchte im Umlauf.«

»Sehen Sie! Sehen Sie!« rief Ludmilla erfreut, »natürlich kann er nicht daran glauben. Wozu denn die ganze Aufregung?«

Ludmillas fröhliche Stimme umstrickte Katharina Iwanowna. Sie dachte:

Es ist doch wirklich nichts passiert. Sogar der Direktor sagt, er glaube das alles nicht.

Lange noch zwitscherten die Schwestern um die Wette, um Katharina Iwanowna zu überzeugen, daß ihr Verkehr mit Sascha ganz harmlos wäre. Zur größeren Bekräftigung begannen sie ganz ausführlich zu erzählen, was sie zusammen mit Sascha getrieben hatten, -- bei dieser Aufzählung kamen sie bald in die Brüche, -- es handelte sich doch um so harmlose, einfache Dinge, daß es unmöglich war, sich an alles und jedes zu erinnern. Schließlich war Katharina Iwanowna ganz fest davon überzeugt, daß ihr Sascha und die liebenswürdigen jungen Mädchen unverschuldet einem dummen Klatsch zum Opfer gefallen waren.

Als Katharina Iwanowna sich verabschiedete, küßte sie alle drei Schwestern und sagte:

»Sie sind liebe, schlichte Mädchen. Anfangs dachte ich, -- verzeihen Sie das grobe Wort, -- Sie wären freche, zänkische Personen.«

Die Schwestern lachten fröhlich:

»Nein,« sagte Ludmilla, »wir sind nur lustig und haben spitze Zungen; darum lieben uns hier manche Gänse nicht.«

Die Tante sagte zu Sascha kein Wort, als sie von Rutiloffs zurückkehrte. Er kam ihr ängstlich und verstört entgegen und blickte sie vorsichtig und aufmerksam an. Die Tante ging zur Kokowkina. Lange redeten sie, endlich beschloß die Tante:

»Ich gehe noch einmal zum Direktor.«

* * * * *

Noch am selben Tage ging Ludmilla zu Chripatsch. Erst plauderte sie im Salon ein wenig mit Warwara Nikolajewna, dann erklärte, sie, sie hätte ein Anliegen an Nikolaij Wassiljewitsch.

In Chripatschs Schreibzimmer wurde ein lebhaftes Gespräch geführt, -- nicht darum eigentlich, weil die beiden einander viel zu sagen hatten, sondern weil beide zu sprechen liebten. Sie überschütteten einander mit schnell hingeworfenen Sätzen: Chripatsch mit seiner trocknen, knarrenden Schnellrednerei, Ludmilla mit ihrem zärtlich klingenden Geflüster. Fließend, mit der unwiderlegbaren Sicherheit einer Lüge, ergoß sich über Chripatsch ihre zur Hälfte erfundene Erzählung über ihr Verhältnis zu Sascha Pjilnikoff. Was sie hauptsächlich dazu getrieben hätte, wäre natürlich ihr Mitleid zu dem Knaben, den man mit so groben Verdächtigungen beleidigte, ihr Wunsch, Sascha die abwesende Familie zu ersetzen, -- und, schließlich, er wäre so ein prächtiger, lustiger, einfältiger Junge.

Ludmilla weinte sogar; schnell und wunderbar reizend kullerten die kleinen Tränchen über die frischen Wangen, auf die verlegen lächelnden Lippen.

»Wirklich, ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Bruder. Er ist so prächtig und gut; er weiß Güte so sehr zu schätzen; er hat mir die Hände geküßt.«

»Das ist natürlich sehr, sehr lieb von Ihnen,« sagte Chripatsch einigermaßen verlegen, »und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber der einfache Umstand, daß ich es für nötig hielt, die Verwandten des Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerüchte zu benachrichtigen, geht Ihnen überflüssigerweise so nahe.«

Ludmilla überhörte, was er sagte und flüsterte weiter, aber schon im Tone eines bescheidenen Vorwurfs:

»Was ist denn dabei Schlimmes, -- sagen Sie es mir bitte, -- daß wir für einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrückter Peredonoff gestürzt hat, -- wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt entfernen! Sehen Sie es denn nicht, daß dieser Ihr Pjilnikoff noch ein ganzes Kind ist, -- wirklich, ein ganzes Kind!«

Sie schlug ihre kleinen, hübschen Händchen zusammen, ihr goldnes Armbändchen klirrte, sie lachte zärtlich; -- als müßte sie weinen, -- nahm sie ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und ein süßer Duft strömte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwürdig zumut; er wollte ihr sagen, sie wäre »wie ein Engel vom Himmel, -- so schön«, und dieser ganze betrübliche Zwischenfall »ist unwert eines Augenblicks, des über alles teuren Grams«. Aber er hielt an sich.

Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflüster plätscherte und plätscherte, und zerstäubte das schimärische Lügengebäude Peredonoffs. Man mußte nur vergleichen, -- der irrsinnige, grobe, schmutzige Peredonoff, -- und die lustige, elegante, freundliche, duftende Ludmilla.

Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu dichtete, -- das war Chripatsch ganz gleichgültig, -- er fühlte aber, wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen würde, -- daß er dann in die Klemme geraten würde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wäre. Um so mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als Peredonoff natürlich allgemein für unzurechnungsfähig galt. Und liebenswürdig lächelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla:

»Es tut mir aufrichtig leid, daß das alles Sie so erregt hat. Ich habe mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schätze Ihre freundlichen und gütigen Gefühle, die Sie zu Ihren Schritten veranlaßt haben, sehr hoch, -- und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerüchte anders als wie eine dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste empört hat. Ich hielt mich um so mehr für verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu benachrichtigen, als es möglich war, daß ihr viel entstelltere Mitteilungen gemacht werden konnten, -- niemals beabsichtigte ich aber, -- Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, daß Madame Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben würde, um Ihnen Vorwürfe zu machen.«

»Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollständig ausgesprochen,« sagte Ludmilla fröhlich, »lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn unser Haus für Gymnasiasten so gefährlich ist, so werden wir ihn, wenn Sie es wünschen, nicht mehr einladen.«

»Sie sind sehr freundlich zu ihm,« sagte Chripatsch unbestimmt. »Wir können nichts dagegen einwenden, daß er mit Erlaubnis seiner Tante in der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern, die Schülerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor übrigens die Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es besser sein, wenn Pjilnikoff überhaupt zu Hause bleibt.«

* * * * *

Bald wurde die sicher vorgebrachte Lüge der Rutiloffs und Saschas durch ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekräftigt. Es überzeugte die Bürger endgültig davon, daß alle Gerüchte über Sascha und die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren.

XXXII

Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine niederdrückende Angst quälte ihn.

Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit seinen geschlossenen Fenstern.

»Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« murmelte die Werschina, blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich wieder zur Seite.

Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt; zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.

»Ich spucke auf Ihre Wahrheit,« antwortete Peredonoff, »in hohem Maße spucke ich darauf.«

Die Werschina lächelte schief und antwortete:

»Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, -- man hat Sie betrogen.«

Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den Lippen. Sie sprach:

»Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig. Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit _wem_ Sie es zu tun haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische Persönlichkeit.«

Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden. Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, -- so würde Peredonoff wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es nicht.

Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die Fürstin selber betröge ihn, -- führte ihn an der Nase herum.

Endlich sagte die Werschina gerade heraus:

»Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie wollen; alle wissen es, -- sie selber haben sich verplappert. Und dann hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit es keine Beweisstücke gibt.«

Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht wissen sollte, -- nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus dem Feuer hervorgegangen.