Part 25
»Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide für sich.«
Die Säle waren nicht sehr sauber, und ein großer Teil der Anwesenden war schon zu Anfang betrunken.
In den engen Räumen, mit ihren verräucherten Wänden und Decken, brannten schiefe Lüster; sie waren übermäßig groß, schwer und schienen einem die Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Türen sahen so aus, daß es widerlich war, sie zu streifen.
Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hörte Ausrufe und Gelächter, -- es galt jenen, die so kostümiert waren, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten.
Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grüne, sinnlose Tätowierungen auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewürfeltes Plaid und hohe, lederne Stiefel, mit grünen Troddeln. Er fuchtelte mit den Händen, sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark gebogenen Kniee weit vorwarf.
Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid, das aus grünen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten starrte sie von Aehren, die sie überallhin gesteckt hatte. Diese kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nähe kam. Man zupfte und kniff sie. Sie schimpfte wütend:
»Ich werde kratzen!« quiekte sie.
Ringsherum lachte man.
»Woher hat sie all die Aehren?« fragte jemand.
»Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt,« antwortete man ihm, »jeden Tag war sie im Felde und hat gemaust.«
Einige bartlose Beamte, -- die in die Gudajewskaja verliebt waren und denen darum schon früher mitgeteilt worden war, was sie anhaben würde, -- begleiteten sie. Sie sammelten für sie Billette, -- fast mit Gewalt, mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbständig waren, nahmen sie die Billette einfach aus der Hand.
Aber es gab auch andere kostümierte Damen, die durch ihre Herren Billette für sich sammeln ließen. Andere wieder blickten gierig auf die noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete ihnen mit Grobheiten.
Eine verzagte Dame, die als »Nacht« gekleidet war, -- sie trug ein blaues Kleid und hatte ein gläsernes Sternchen und einen papierenen Halbmond an der Stirn, -- sagte schüchtern zu Murin:
»Geben Sie mir Ihr Billettchen!«
Murin antwortete grob:
»Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul -- du!«
Die »Nacht« brummte böse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, -- die hat man _mir_ gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos.
Die Lehrerin Skobotschkina war als Bärin erschienen, d. h. sie hatte sich einfach ein Bärenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des Bären wie einen Helm auf ihren Kopf über die gewöhnliche Halbmaske gestülpt. Im allgemeinen war das natürlich läppisch; ihrer massiven Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Bärin schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal, daß die Flammen in den Kronleuchtern zitterten.
Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht, aus lauter Mitgefühl für ihre Fähigkeit das Gebaren eines Bären so gut nachzuahmen. Man schrie:
»Seht nur, die Bärin säuft Schnaps.«
Die Skobotschkina konnte sich nicht entschließen, den Schnaps dankend abzulehnen. Sie glaubte eine Bärin müsse Schnaps trinken, wenn er ihr angeboten würde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hälfte ihrer Billette und gaben sie Sascha.
Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel es, daß er so kräftig gebaut war und daß man seine Arme sehen konnte, gewaltige Arme mit einer vorzüglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten hauptsächlich Damen, und rings um ihn tönte lobendes, wohlwollendes Geflüster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man folgerte so:
»Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin haben. Erhält ihn einer aus unserer Gesellschaft, so quält er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.«
Auch das Kostüm der Gruschina fand Beifall, -- wie eben etwas Skandalöses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Männer; sie lachten und machten unflätige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab und waren empört. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und sagte, süß schmunzelnd:
»Gnädigste, Sie werden sich bedecken müssen.«
»Was gibt's denn da? Man sieht nichts Unanständiges an mir,« antwortete die Gruschina frech.
»Gnädigste, die Damen fühlen sich beleidigt,« sagte Mintschukoff.
»Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte die Gruschina.
»Nein, bitte, Gnädigste,« bat Mintschukoff, »haben Sie die Liebenswürdigkeit, wenigstens Ihre Brüstchen und Ihr Rückchen mit einem Taschentüchlein zu bedecken.«
»Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist?« antwortete die Gruschina gemein lachend.
Mintschukoff aber beharrte:
»Wie es Ihnen beliebt, Gnädigste. Nur, -- wenn Sie sich nicht bedecken, sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.«
Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und breitete, mit Hilfe eines Dienstmädchens, einige Falten ihres Kleides über Rücken und Brust. Als sie in den Saal zurückkehrte, wenn auch etwas bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Männern. Als deren Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins Buffetzimmer, um Süßigkeiten zu stehlen.
Bald kehrte sie wieder in den Saal zurück, zeigte Wolodin zwei Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte:
»Darauf bin ich selber gekommen.«
Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zähne.
»Nun,« sagte er, »dann gehe auch ich, -- wenn es sich _so_ verhält.«
Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich außerordentlich laut, -- sie schrie, fuchtelte mit den Händen, spuckte.
»Eine muntere Dame -- die Diana,« sagte man von ihr.
Das war das Kostümfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen die drei Schwestern und Sascha schon recht spät angefahren, -- seinetwegen hatten sie sich verspätet.
Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es ging das Gerücht, die Schauspielerin Kaschtanowa, -- besonders der männliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe für sie, -- wäre als Geisha kostümiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette.
Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, -- am Vorabend war ihr kleiner Sohn schwer erkrankt.
Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha häuften, desto fröhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske.
Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fächer, klopfte damit diesem oder jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem Fächer, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, -- jedenfalls genügten sie, um alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten.
»Ich gebe mein Papier, -- der Allerschönsten -- dir!« sagte Tischkoff und überreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfuß der Geisha.
Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen Lächeln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer Puppe ähnlich. Und immer reimte er.
Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie hätte es zu gern gesehn, daß man sie erkannt hätte, daß ihr Kostüm und ihre schmale, schlanke Gestalt allen gefiele, und daß sie den Preis erhielte. Gleich fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, daß das ganz ausgeschlossen war: die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur für die Geisha aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen sollten, ebenfalls der Geisha zu geben.
Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte fröhlich-gehorsam:
»Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.«
Zwei Bürger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak tanzten, wünschten, nicht nachzugeben:
»Mit welchem Recht? Für _meinen_ Fünfziger!« riefen sie, wurden aber hinausgeführt.
Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zähne und hopste dazu.
* * * * *
Fräulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich über ihn lustig zu machen. Er saß allein, an einem Fenster und blickte mit irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstände schienen ihm sinnlos und aufgelöst, doch aber ihm feindlich zu sein.
[Fußnote 12: Russischer Nationaltanz; wird in sitzender Stellung getanzt, -- die Beine werden vorgeworfen.]
Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter, tiefer Stimme:
»Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.«
»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.
Das plötzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt.
»Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an deinem Gesicht, -- du wirst reich werden, du wirst ein hoher Vorgesetzter werden,« bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs Hand.
»Sieh zu, daß du mir nur Gutes sagst,« brummte Peredonoff.
»O, du mein diamantner Herr,« wahrsagte Ludmilla, »du hast viele Feinde, man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du sterben.«
»Ach du Luder!« schrie Peredonoff und riß seine Hand los.
Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie löste sie ab, -- sie setzte sich neben Peredonoff und flüsterte zärtlich:
»Ich bin eine span'sche Dirne, Liebe dich wie nie zuvor, -- Dumm ist deine Frau im Hirne, Mein geliebtester Signor.«
»Du lügst, dumme Gans,« knurrte Peredonoff.
Valerie flüsterte:
»Heiß wie Tage, süß wie Nächte Ist mein Sevillaner-Kuß -- Spucke deiner Frau -- der schlechten In die Augen Speichelfluß. Deine Frau -- sie heißt Barbare, Du bist schön, mein Ardalljon. Du und sie seid schlecht im Paare -- Du bist klug, wie Salomon.«
»Das ist richtig,« sagte Peredonoff, »wie soll ich ihr aber in die Augen spucken? Sie wird sich bei der Fürstin beklagen, und die wird mir keine Stelle verschaffen.«
»Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,« sagte Valerie.
»Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt,« sagte Peredonoff mutlos.
* * * * *
Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate verklebt war. Erfreut meckernd öffnete Wolodin das Kuvert und las den Brief; er wurde nachdenklich, -- dann warf er sich in die Brust und es schien, als hätte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar stand geschrieben:
»Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die Militärbadstube. Deine dir ganz fremde J.«
Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es fragte sich nur, -- lohnte es überhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J? Eine Jenny vielleicht? Oder fängt ihr Familienname mit dem Buchstaben J an?
Wolodin zeigte Rutiloff den Brief.
»Geh hin, natürlich geh hin!« überredete ihn Rutiloff. »Sieh zu, was dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben mit dir aussprechen.«
Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschloß, daß es nicht der Mühe wert wäre hinzugehen. Er sagte stolz:
»Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mädchen liebe ich nicht.«
Er fürchtete sich, dort verprügelt zu werden: die Militärbadstube war in einer ganz verrufenen Gegend, am äußersten Ende der Stadt.
* * * * *
Als die dichtgedrängte Menge sich in allen Räumen der Muße verteilt hatte, schreiend, übertrieben lustig, -- hörte man an der Eingangstür des Saales lauten Lärm, Gelächter, ermunternde Zurufe. Alles drängte dahin. Es ging von Mund zu Munde, -- eine furchtbar originelle Maske wäre erschienen.
Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton geschnitten, -- eine dumme Fratze mit einem spärlichen Backenbärtchen, auf dem Kopf trug er aber eine Mütze mit der Beamten-Kokarde des Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwährend:
»Man sagte mir, hier wäre ein Maskenfest, und kein Mensch wäscht sich.«
[Fußnote 13: Ein kleines, hölzernes Schöpfgefäß; wird in russischen Badstuben gebraucht, ebenso der Birkenquast.]
Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem Staunen nicht heraus und freute sich harmlos über den gelungenen Scherz.
»Der bekommt den Preis,« sagte Wolodin neidisch.
Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaßen gedankenlos, unmittelbar, -- er selber war gar nicht kostümiert; was also, sollte man meinen, hatte er für einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen war in einem seligen Entzücken: besonders die Kokarde freute ihn. Er lachte froh, klatschte in die Hände und sagte zu Bekannten und Unbekannten:
»Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie nun die Kritik; -- wirklich sehr geschickt!«
Als es heiß wurde, fächelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem Birkenquast Kühlung zu und rief:
»Die wahre Badstube!«
Alles lachte fröhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe.
Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wäre das graue, gespenstische Tierchen.
Es ist grün geworden -- das Vieh! dachte er entsetzt.
XXX
Endlich begann man, die für die Kostüme verteilten Zettelchen zu zählen. Die Mußenvorsteher bildeten das Komitee. An der Tür des Schiedsgerichtszimmers versammelte sich eine gespannt wartende Menge. In den Sälen wurde es für kurze Zeit still und langweilig. Die Musik hatte aufgehört zu spielen. Die Gäste waren verstummt. Peredonoff wurde es unheimlich.
Aber bald fing man wieder an zu sprechen, man murrte ungeduldig, man lärmte. Jemand versichert, beide Preise kämen in die Hände von Schauspielern.
»Sie werden es sehen!« hörte man jemandes entrüstete, zischende Stimme.
Viele glaubten es. Man war erregt. Jene, die nur wenig Zettel erhalten hatten, ärgerten sich schon darüber. Jene, die viele erhalten hatten, erregte die Möglichkeit einer vielleicht zu erwartenden Ungerechtigkeit.
Plötzlich bimmelte gell und durchdringend ein Glöckchen. Die Preisrichter kamen heraus: Weriga, Awinowitzkji, Kiriloff und die übrigen Vorstände. Wellenartig verbreitete sich eine verlegene Stille im ganzen Saal, -- plötzlich war alles verstummt.
Awinowitzkji verkündete mit lautschallender Stimme:
»Das Album, als Preis für das beste Herrenkostüm, erhält, der größten Zettelanzahl zufolge, der Herr im Kostüm eines alten Germanen.«
Awinowitzkji hob das Album hoch und blickte böse auf die sich stauende Menge. Der urwüchsige Germane bahnte sich einen Weg. Er begegnete nur feindlichen Blicken. Man wollte ihm den Weg nicht freigeben.
»Stoßen Sie mich nicht, ich muß doch bitten!« schrie weinerlich die zaghafte Dame in Blau mit dem gläsernen Sternchen und dem Papiermond an der Stirn, -- die Nacht.
»Er hat den Preis erhalten und bildet sich ein, daß die Damen vor ihm auseinandertreten müssen,« hörte man jemand böse zischen.
»Wenn Ihr mich doch selber nicht durchlaßt,« antwortete der Germane mit verhaltenem Zorn.
Endlich war er irgendwie bis zu den Preisrichtern vorgedrungen und empfing das Album aus Werigas Händen. Die Musik spielte einen Tusch. Aber die Töne gingen unter in einem wüsten Gelärm.
Man hörte Schimpfworte. Man umringte den Germanen, stieß ihn und schrie:
»Die Maske herunter!«
Der Germane schwieg. Es wäre ihm ein kleines gewesen, sich durch die Menge durchzuschlagen, -- aber augenscheinlich scheute er sich davor, seine Kräfte handgreiflich anzuwenden. Gudajewskji packte das Album, und im selben Augenblick riß jemand dem Germanen die Maske vom Gesicht. Die Menge brüllte auf:
»Es _ist_ ein Schauspieler!«
Die Vermutung hatte sich bewahrheitet: es war der Schauspieler Bengalskji. Er rief ärgerlich:
»Nun ein Schauspieler! ist denn was dabei? Ihr selber gabt mir doch eure Zettel.«
Als Antwort ertönte wütendes Geschrei:
»Betrug!«
»_Ihr_ drucktet die Billette!«
»Soviel Leute sind gar nicht da, als Zettel verteilt wurden.«
»Er hat ein halbes Hundert in der Tasche gehabt.«
Bengalskji wurde feuerrot und schrie:
»Es ist gemein, das zu behaupten. Jedermann kann die Zettel nachzählen, -- nach der Anzahl der Teilnehmer läßt es sich bestimmen.«
Unterdessen sprach Weriga zu den ihm zunächst Stehenden:
»Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist kein Betrug vorgekommen; ich hafte dafür: die Zahl der Billette wurde beim Eingang kontrolliert.«
Endlich gelang es den Vorständen, zusammen mit einigen vernünftigen Gästen, die Menge zu beruhigen. Alles war gespannt, wer den Fächer erhalten würde. Weriga verkündete:
»Meine Herrschaften, die meisten Zettel für das Damenkostüm hat die Dame im Kostüm einer Geisha erhalten; ihr wurde der Preis zuerkannt, -- nämlich ein Fächer. Geisha, ich ersuche Sie, vorzutreten, der Fächer gehört Ihnen. Meine Herrschaften, ich ersuche Sie um die Liebenswürdigkeit, der Geisha den Weg freizugeben.«
Die Musik spielte zum zweiten Mal einen Tusch. Die erschreckte Geisha wäre froh gewesen, wenn sie hätte davonlaufen können. Man stieß sie aber vor, ließ ihr den Weg und führte sie vor die Preisrichter.
Weriga überreichte ihr mit liebenswürdigem Lächeln den Fächer. Vor Saschas von Angst und Verlegenheit verschleierten Augen blinkte etwas Buntes und Reizendes. Man muß sich bedanken, -- ging es ihm durch den Kopf. Er murmelte die gewohnten Höflichkeitsformeln eines gesitteten Jungen.
Die Geisha hockte nieder, sagte ein paar unverständliche Worte, kicherte, hob ihre Fingerchen, -- und wieder ertönte ein wüstes Gejohl durch den Saal, es wurde gepfiffen, geschimpft. Alles drängte und stürmte zur Geisha.
»Hock nieder, gemeine Dirne!« schrie die Aehre wütend und sträubte ihre Stacheln, »hock nieder!«
Die Geisha wollte zur Tür hinaus; man vertrat ihr den Weg. In der Menge, die die Geisha umtoste, hörte man böses Geschrei:
»Sie muß ihre Maske abnehmen!«
»Die Maske herunter!«
»Haltet sie! Fangt sie!«
»Nieder -- die Maske!«
»Reißt ihr den Fächer fort!«
Die Aehre schrie:
»Wißt ihr auch, wer den Preis erhalten hat? Die Schauspielerin Kaschtanowa. Sie hat einen fremden Mann abspenstig gemacht, und erhält den Preis! Die rechtschaffenen Frauen bekommen nichts; eine feile Dirne erhält ihn!«
Sie warf sich auf die Geisha, quiekte durchdringend und ballte die mageren Fäustchen. Viele andere folgten ihrem Beispiel, -- hauptsächlich ihre Begleiter.
Die Geisha schlug verzweifelt um sich. Es war eine wilde Hetze. Der Fächer wurde ihr entrissen, zerbrochen, auf den Boden geworfen, zerstampft. Wie besessen rannte die Menge -- die Geisha mitten darin -- durch den Saal; Zuschauer wurden über den Haufen gerannt. Weder Rutiloffs noch die Vorstände konnten bis zur Geisha vordringen. Die Geisha, kräftig und gelenkig, kratzte, biß, kreischte durchdringend. Die Maske hielt sie fest vor dem Gesicht, bald mit der rechten, bald mit der linken Hand.
»Man muß sie alle niederschlagen,« winselte irgend ein besonders wütendes Dämchen.
Die betrunkene Gruschina versteckte sich hinter den andern, hetzte Wolodin und ihre übrigen Bekannten.
Matschigin hielt sich die blutende Nase mit der Hand, sprang vor und jammerte:
»Direkt mit der Faust in die Nase!«
Ein besonders wütender junger Mensch packte einen Aermel der Geisha mit den Zähnen und riß ihn zur Hälfte entzwei. Die Geisha rief:
»Hilfe! Hilfe!«
Auch die andern zerfetzten ihr Kleid. Hier und da sah man ihren bloßen Körper. Darja und Ludmilla machten verzweifelte Versuche, sich bis zur Geisha durchzudrängen, aber vergeblich. Wolodin hielt mit solchem Feuereifer die Geisha umklammert, -- dabei kreischte er und verrenkte die Gliedmaßen, -- daß er den andern, die weniger betrunken und weniger erbittert waren, hinderlich wurde: eigentlich strengte er sich gar nicht aus Bosheit an, nur aus Uebermut; er dachte nämlich, das ganze wäre ein gelungener Scherz. Den Aermel vom Kostüm der Geisha hatte er glücklich ganz abgerissen; er wand ihn sich um den Kopf.
»Das kann man brauchen,« rief er kreischend, schnitt Fratzen und krümmte sich vor Lachen.
Mitten unter den vielen Leuten wurde ihm zu heiß; er sprang zur Seite, gebärdete sich wie ein Toller und mit wildem Geschrei tanzte er, von niemand behindert, auf den Ueberresten des Fächers.
Niemand war da, der ihn zur Vernunft hätte rufen können.
Peredonoff blickte voller Entsetzen auf ihn und dachte:
Er tanzt. Er freut sich über irgend etwas. So wird er auch auf meinem Grabe tanzen.
Endlich gelang es der Geisha, sich loszureißen, -- die Männer, die sie umringten, konnten ihren geschickten Fäusten und scharfen Zähnen nicht standhalten. Wie ein Wind fegte sie aus dem Saal.
Im Gang stürzte sich die Aehre wieder auf die Japanerin und zerrte sie am Kleid. Die Geisha riß sich los, aber schon war sie wieder umringt. Die Hetze wurde fortgesetzt.
»Man zaust sie an den Ohren! An den Ohren!« schrie jemand.
Irgend ein Dämchen hatte die Geisha am Ohr gepackt, zauste sie und ließ ein lautes, triumphierendes Geschrei ertönen. Die Geisha kreischte auf, hieb mit der Faust auf die Arme des bösen Dämchens und riß sich mit Mühe los. Endlich gelang es Bengalskji, der sich unterdessen in seine gewöhnlichen Kleider geworfen hatte, mit Gewalt bis zur Geisha vorzudringen. Er nahm die zitternde Japanerin auf den Arm, schützte sie mit seinem riesigen Körper und mit seinen Fäusten, so gut es gehen wollte, und -- die Menge gewandt mit Ellenbogen und Beinen auseinanderschiebend -- trug er sie hinaus. Man brüllte:
»Schurke, gemeiner Kerl!«
Man zupfte und schlug auf seinen Rücken ein. Er schrie:
»Ich erlaube es nicht, einer Frau die Maske abzureißen. Tut, was ihr wollt -- ich erlaube es nicht.«
So trug er die Geisha durch den ganzen Gang. Der Gang mündete durch eine schmale Tür ins Eßzimmer. Hier gelang es Weriga, für einige Zeit die Nachstürmenden aufzuhalten. Mit der Entschlossenheit eines alten Militärs faßte er vor der Tür Posten, sie mit seinem Rücken deckend und sagte:
»Keinen Schritt weiter, meine Herrschaften.«
Die Gudajewskaja, raschelnd von den Ueberresten ihrer zerzausten Aehren, hüpfte gegen Weriga an, drohte ihm mit ihren Fäustchen und keifte:
»Fort von da! Durchlassen!«
Aber das bitterkalte Gesicht des Generals und seine entschlossenen grauen Augen hielten sie von Tätlichkeiten ab. In blinder Wut schrie sie ihren Mann an:
»Hättest du ihr wenigstens eine Ohrfeige heruntergehauen, -- du hast geschlafen, Idiot.«
»Es war unbequem anzukommen,« verteidigte sich der Indianer und fuchtelte sinnlos mit den Händen, »Pawluschka drehte sich mir immer unter die Arme.«
»In die Zähne hättest du ihr hauen sollen, aufs Ohr; geniertest dich wohl!« schrie die Gudajewskaja.
Man drängte gegen Weriga. Gemeine Schimpfworte wurden laut. Weriga stand mutig vor der Tür und überredete die Zunächststehenden, ihr unwürdiges Betragen zu lassen.
Der Küchenjunge öffnete hinter Werigas Rücken die Tür und flüsterte:
»Sie sind fortgefahren, Ew. Exzellenz.«
Weriga trat zur Seite. Alles stürmte in das Eßzimmer, von dort in die Küche, -- man suchte die Geisha, konnte sie aber nicht finden.