Part 23
Sascha schlüpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in Ordnung und blickte schüchtern, unsicher und verschämt auf Ludmilla. Er sah, daß sie sich mit den Händen die Augen rieb. Leise trat er zu ihr und blickte ihr ins Gesicht. Und die Tränen, die über ihre Wangen rollten, lösten in ihm plötzlich das Gefühl zärtlichen Mitleids und vergifteten ihn. Er schämte sich nicht mehr, und er ärgerte sich nicht.
»Warum weinen Sie, liebste Ludmilla?« fragte er leise.
Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde plötzlich rot.
»Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab' es nicht mit Absicht getan,« sagte er bescheiden.
»Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,« sagte Ludmilla anklagend. »Du fürchtest dich wohl vor der Leidenschaft! Schönheit und Unschuld werden welken.«
»Warum ist denn das nötig?« fragte Sascha mit verlegener Miene.
»Warum?« sagte sie leidenschaftlich. »Ich lieb die Schönheit. Ich bin eine Heidin, eine Sünderin. Im alten Athen hätte ich geboren werden müssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewänder, den nackten Körper. Man sagt, es gäbe eine Seele. Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich möchte sterben wie eine Nixe, möchte hinschwinden wie ein Wölkchen vor der Sonne. Ich liebe den Körper, -- den starken, geschmeidigen, nackten Körper, der den Genuß sucht.«
»Auch leiden kann er,« sagte Sascha leise.
»Auch leiden! Auch das ist gut!« flüsterte sie heiß. »Süß ist es, Schmerz zu haben -- der Körper muß es nur fühlen; sehen muß man das Nackte und die Schönheit des Leibes.«
»Aber man schämt sich doch ohne Kleider!« sagte Sascha schüchtern.
Ludmilla stürzte vor ihm auf die Knie.
»Lieber, mein Abgott, Knabe -- göttlicher!« flüsterte sie atemlos und bedeckte seine Hände mit Küssen, »für eine Minute, für eine Minute nur laß mich an deinen Schultern mich satt sehen!«
Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er die Bluse vom Körper.
Mit fiebernden Händen umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden Küssen seine vor Scham bebenden Schultern.
»Siehst du, -- wie gehorsam ich bin!« sagte er und lächelte gezwungen, wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen.
Ludmilla küßte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen, und Sascha -- erregt und ganz versunken in wollüstigen, quälenden Gedanken -- wehrte ihr nicht. Ihre Küsse waren wie eine heiße Anbetung, als küßten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen erblühenden Leib.
Hinter der Tür standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd, einander ungeduldig stoßend, durch das Schlüsselloch und erstarben in heißen, wollüstigen Schauern.
* * * * *
»Es ist Zeit, daß ich mich ankleide,« sagte Sascha endlich.
Ludmilla seufzte, -- und mit demselben andächtigen Ausdruck in den Augen zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfürchtig und vorsichtig.
»So bist du eine Heidin?« fragte Sascha zweifelnd.
Ludmilla lachte fröhlich.
»Und du?« fragte sie.
»Das fehlte noch!« antwortete Sascha fest, »ich kenne den ganzen Katechismus auswendig.«
Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lächelnd an und fragte:
»Warum gehst du denn in die Kirche?«
Ludmilla hörte auf zu lachen und wurde nachdenklich.
»Ja,« sagte sie, »man muß doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, -- Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Meßgewänder, Gesang, -- wenn die Sänger gut singen, -- die Heiligenbilder in den schönen, mit Bändern geschmückten Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch ... Ihn ... weißt du .. den Gekreuzigten ...«
Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flüsternd; sie wurde rot, als wäre sie schuldig und senkte die Augen.
»Weißt du, manchmal träume ich von ihm -- er hängt am Kreuze, auf seinem Körper schimmern kleine Blutstropfen.«
* * * * *
Seit jenem Tage kam es oft vor, daß Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer entkleidete. Erst schämte er sich bis zu Tränen, -- doch gewöhnte er sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblößte, ihn streichelte und auf den Rücken klopfte. Und dann endlich entkleidete er sich selber.
Für Ludmilla war es ein angenehmes Gefühl, ihn halbnackt auf ihren Knien zu haben, ihn zu umarmen und zu küssen.
* * * * *
Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heiße Blicke, wenn sie seinen Körper betrachtete.
Was will sie nur? dachte er.
Und plötzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und fröhlich. Er warf den Stuhl zur Seite, schlug einige Purzelbäume, warf sich auf den Boden, sprang auf die Möbel, -- und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer Ecke des Zimmers in die andere. Sein fröhliches, helles Gelächter schallte durchs ganze Haus.
In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hörte den ungewohnten Lärm und trat in Saschas Zimmer. Verständnislos blieb sie auf der Schwelle stehen und schüttelte nur den Kopf.
»Was ist in dich gefahren, Saschenka!« sagte sie, »toll doch mit deinen Freunden herum, aber nicht allein. Schäm dich, mein Lieber, -- du bist kein Kind mehr.«
Sascha stand still, -- vor Verlegenheit schienen ihm die Hände zu ersterben, -- sie waren so schwer und ungelenk, -- aber sein ganzer Körper zitterte vor Erregung.
* * * * *
Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons fütterte.
»Sie verwöhnen ihn,« sagte sie freundlich. »Er liebt sehr zu naschen.«
»Ja, und er schilt mich, -- ich wäre ein freches Ding,« beklagte sich Ludmilla.
»Das darfst du doch nicht, Saschenka,« tadelte die Kokowkina zärtlich. »Warum schiltst du sie denn?«
»Ja -- sie läßt mir keine Ruhe,« sagte Sascha stockend.
Er blickte Ludmilla böse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut.
»Klatschbase,« flüsterte ihr Sascha zu.
»Du sollst nicht schimpfen, Saschenka,« verwies ihn die Kokowkina. »Man darf nicht grob werden.«
Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise:
»Ich tu's nicht wieder.«
* * * * *
Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschloß sich Ludmilla mit ihm in ihrem Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre süße Scham.
Zuweilen schnürte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine vollen Schultern sehr schön aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber -- was selten vorkommt: sie war gleichmäßig und zart in der Färbung. Ludmillas Röcke, Schuhe und Strümpfe, -- alles paßte ihm vorzüglich und stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fächer. So sah er tatsächlich einem Mädchen täuschend ähnlich, und er bemühte sich auch, sich dementsprechend zu geben.
Nur eins war lästig -- Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine Perücke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, -- das kam ihr widerlich vor.
Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natürliche Grazie, wenn sich auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewöhnen ließen. Errötend und lachend lernte er fleißig zu knixen und unsinnig zu kokettieren.
Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hände und küßte sie. Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt er ihr die Hände an die Lippen und sagte:
»Küß.«
Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla selber für ihn erfunden hatte: im Fischerkostüm mit nackten Beinen, oder barfuß im Chiton eines athenischen Jünglings.
Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so blaß und traurig.
Sascha saß auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein glückseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht.
»Wie dumm du bist!« sagte Sascha.
»In meiner Dummheit ist so viel Glück!« flüsterte Ludmilla erbleichend; sie weinte und küßte Saschas Hände.
»Warum weinst du denn?« fragte er sorglos lächelnd.
»Mein Herz ist erfüllt von Freude. Die sieben Schwerter der Glückseligkeit durchbohrten meine Brust; -- wie sollte ich nicht weinen?«
»Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen!« sagte Sascha lachend.
»Und du bist klug!« sagte Ludmilla plötzlich gereizt; sie trocknete ihre Tränen und seufzte schwer. »Begreif denn, dummer Junge,« sprach sie mit leiser, überzeugender Stimme, »nur in der Sinnlosigkeit ist Glück und Weisheit.«
»Nun ja!« sagte Sascha ungläubig.
»Man muß vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles verstehen,« flüsterte Ludmilla. »Glaubst du etwa, die weisen Leute brauchten zu denken?«
»Wie denn sonst?«
»Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles ist vor ihnen enthüllt.«
* * * * *
Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige der Bäume strich, hörte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen.
Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit rosa Seide angezogen; er war barfuß und lag auf einem niedrigen Ruhebett. Sie saß ihm zu Füßen, war selber barfuß und hatte nur ein Hemd an. Sie hatte Saschas Körper und sein Kleid parfumiert, es war ein schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser Geist, der in die Berge und ins fremdblühende Tal gebannt ist.
An ihrem Halse blitzten große, grelle Perlengeschmeide, goldene Filigran-Armbänder klirrten an ihren Händen. Ihr Körper duftete nach Iris, -- ein atemraubender, körperlicher, erregender Duft, der träge Träume gebar und gesättigt war von langsam fließenden, verdunstenden Wassern.
Sie zerquälte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nächtigen Augen. Sie legte ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten über die bräunliche Haut. Sie küßte seinen Körper und der Kopf schwindelte ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen Leibes mischte.
Sascha lag da und lächelte mit einem stillen, falschen Lächeln. Ein unklares Verlangen wurde in ihm groß und quälte ihn so süß. Und als Ludmilla seine Kniee und seine Füße küßte, erweckten diese zärtlichen Küsse in ihm quälende, träumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun, etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich schämt, -- aber er wußte nicht was. Sollte er ihre Füße küssen? Sollte er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz.
Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwünscht, aber es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt, und ihren durch nichts gebundenen Körpern verbindet sich ein Verlangen und eine schützende Scham, -- wo liegt nun das Geheimnis des Körpers? Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wünschen und der eigenen Scham zum süßen Opfer?
Aber Ludmilla quälte sich und wand sich zu seinen Füßen, erbleichend unter ihren unmöglichen Wünschen, daß es ihr heiß und kalt wurde. Sie flüsterte voller Leidenschaft:
»Bin ich nicht schön? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, reiß die Geschmeide von mir, zerbrich meine Reifen!«
Sascha fürchtete sich, und unmögliche Verlangen marterten und quälten ihn.
XXVII
Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff. Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst.
Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen. Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.
In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor, die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu. Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor sich hin.
In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden Auseinandersetzungen.
Man hatte die Verse Puschkins gelesen:
»Die Dämmerung ist kühl entglommen, Der Sense Rauschen ist verhallt; Der Wolf und seine Wölfin kommen, -- So gierig schleicht sie aus dem Wald.«
»Warten Sie,« sagte Peredonoff, »das muß man richtig verstehen. Hier haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, _sie_ ist hungrig. Die Frau muß immer _nach_ dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne unterordnen.«
Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem tückischen Lächeln.
Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und Schwester, und es ist nicht herauszubringen -- wer wo ist. Vielleicht kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht umsonst ist er immer so sauber, -- denn um sich zu verwandeln, mußte er sich in allerhand Wässerchen waschen, -- anders ging es doch nicht. Außerdem roch er immer nach Parfums.
»Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?« fragte Peredonoff, »etwa mit Patschuli?«
Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg.
Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, -- konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer sich gut kleidete, der hatte -- davon war er überzeugt -- nur den einen Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn -- so glaubte er -- das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber halten, sich waschen, -- das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen -- nur das!
* * * * *
Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf und antwortete heftig, -- sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich Peredonoff einfach ausgedacht; er -- Peredonoff -- hätte um Ludmilla angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, -- darum wäre er jetzt wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden glaubten ihm, -- man kannte doch Peredonoff! -- aber sie hörten nicht auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.
* * * * *
Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt Pjilnikoff wäre.
»Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,« sagte er. »Sie küssen sich so eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen schwanger geht.«
Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken -- und deren gab es viele in unserer Stadt, -- sagten Ludmilla:
»Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung für unsere erwachsenen jungen Leute.«
Ludmilla lachte und sagte:
»Dummheiten!«
Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach.
Die Witwe des Generals Polujanoff, -- sie war reich und stammte aus Kaufmannskreisen, -- erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten können, um zu seiner Erziehung beizutragen.
Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte. Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell und fröhlich.
* * * * *
Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben.
In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare Fortschritte mache.
* * * * *
Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen. Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften, so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen, um durchzusehen.
Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose Drohungen aus:
»Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!«
Und Warwara horchte und schmunzelte:
»Aergere dich nur!« dachte sie schadenfroh.
Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, -- denn ein Dummkopf hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, -- was ist dabei! -- Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen.
»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch einmal, »Sie sehen sehr krank aus.«
»Der Kopf tut mir weh,« sagte Peredonoff finster.
»Wissen Sie, Verehrtester,« fuhr der Direktor vorsichtig fort, »ich würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen sind, etwas Ruhe gönnen.«
Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben und abzuwarten, was werden würde.
»Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,« sagte er erfreut zu Chripatsch.
* * * * *
Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es Beamte.
Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu erwarten.
In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?
Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen schneidend und durch die Luft springend.
Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb hätte und ohne ihn nicht leben könnte.
»Warwara hat ihn betrogen,« sagte Wolodin, »er sieht aber, daß ich ihm ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.«
Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd.
»Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?« fragte ihn Peredonoff einmal.
»Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?« entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig. »Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das nicht an.«
»Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,« sagte Peredonoff verdrießlich.
Wolodin kicherte.
Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.
»Wieviel Schritte man machen muß,« sagte Peredonoff ärgerlich.
»Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,« versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, »arbeiten, spazieren gehn, essen, -- dann bleibt man gesund.«
»Nun ja,« entgegnete Peredonoff, »du glaubst wohl, daß die Leute nach zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?«
»Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld und das Geld muß man verdienen.«
»Ich will kein Brot.«
»Dann gibt's auch keine Semmeln, keine Pastetchen,« kicherte Wolodin, »und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts haben um dir ein Likörchen zu brauen.«
»Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,« sagte Peredonoff, »Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten, und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.«
Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.
»Ja,« sagte er grüblerisch, »das wird sehr schön sein. Nur werden wir das nicht mehr erleben.«
Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte:
»Du wirst es nicht erleben, -- ich wohl.«
»Das gebe Gott,« sagte Wolodin vergnügt, »daß Sie zweihundert Jahre alt werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.«
Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, -- mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben!
Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff begann von der Fürstin zu erzählen.
In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer und war sehr böse.
»Sie ist zweihundert Jahre alt,« sagte Peredonoff und blickte sonderbar traurig vor sich hin. »Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.«
»Sag doch einer, was _die_ nicht alles will!« sagte Wolodin kopfschüttelnd. »So ein altes Weib!«
* * * * *
Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die Brauen runzelnd:
»Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde ich aber unter dem Fußboden vernageln.«
Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte.
»Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?« fragte Peredonoff.
»Nein, ich rieche nichts,« sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich vor Lachen.
»Deine Nase ist verstopft,« sagte Peredonoff. »Nicht umsonst hast du eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.«
»Die Wanze!« rief Warwara und lachte auf.
Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder.