Part 22
Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.
Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es da, -- ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; -- bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach, -- ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden, unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.
Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen. Warwara schimpfte böse ...
* * * * *
Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.
Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und so verbrachte er einen Abend nach dem andern.
Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie, -- die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten. Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß -- ist ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer Vorstellung.
Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue, gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch oder hinter die Tür zu blicken.
Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, -- das waren verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit dieser Achten.
Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen.
Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden es mit ihren Besen hinaustreiben.
Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.
Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden. Nicht für lange ...
Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bösen, haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.
Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten. Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig.
Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.
Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von früher her.
Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer Pfrieme oder mit einem Dolch?
Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, -- der Spion fühlte die Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.
Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand schwingend. Warwara kam herein.
»Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?« fragte sie, mit dem gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen.
»Ich schlug eine Wanze tot,« erklärte Peredonoff verdrießlich.
Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete. Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind erschlagen.
Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte, damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen fürchterlichster Qualen vor dem Tode.
Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und quälten ihn.
Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme. Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und fand Warwara.
»Mit wem flüsterst du?« fragte er sie bedrückt.
Warwara schmunzelte und sagte:
»Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!«
»Alles kann mir doch nicht nur scheinen,« murmelte er traurig, »es gibt doch eine Wahrheit in der Welt.«
Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte ihn. _Ihm_ war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster. Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und kam um.
* * * * *
Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.
Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd:
»Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon Borisowitsch?«
Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut:
»Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.«
Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:
Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.
* * * * *
Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus, auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen hatte.
Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest, und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte, glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das erschreckte ihn wieder.
Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, -- und stöberte bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte.
* * * * *
Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte, nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm widerlich und ekelhaft.
Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend.
Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm und riecht ein bißchen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern.
Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen. Soll ich ihr einen Brief schreiben?
Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an die Fürstin. Er schrieb:
»Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen. Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und entsprechen Sie meinen Wünschen.«
Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen? Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich warten, bis die Fürstin selber kommt.
Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig tat, -- wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen.
Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, -- das böse, zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe. Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute unverschämt und drohend.
Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah.
Vielleicht in diesem Kartenspiel.
Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und wer sie ist, -- man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie würde doch lügen.
Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen, so sind sie auch allein an allem schuld.
Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel, -- in den Ofen.
Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, -- und brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller Entsetzen auf diese flammenden Blumen.
Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, -- die Fürstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.
Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.
XXVI
Sascha war ganz entzückt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn daran, der Kokowkina von ihr zu erzählen. Als schämte er sich.
Manchmal fürchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und unwillkürlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut für Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen war. Die widersprechendsten Gefühle bewegten ihn, -- dunkle, unklare Gefühle, -- sie waren sündhaft, denn sie waren frühreif, -- und sie waren süß, weil sie sündhaft waren.
Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerquälte sich in Erwartung und hatte schon aufgehört zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte; er lief ihr stürmisch entgegen und küßte ihre Hände.
»Wo steckten Sie nur so lange?« warf er ihr brummig vor, »zwei ganze Tage habe ich Sie nicht gesehen.«
Sie lachte und freute sich. Der süße, matte, würzige Duft japanischer Nelken strömte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden Locken.
* * * * *
Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die Kokowkina aufgefordert mitzukommen, -- sie wollte nicht.
»Ich alte Frau soll spazieren gehen,« sagte sie, »mit euch kann ich nicht Schritt halten. Geht allein.«
»Wir werden dumme Streiche machen,« lachte Ludmilla.
Die Luft war warm, still, erdrückend-zärtlich und erinnerte an Unwiderbringliches. Die Sonne, als wäre sie krank, flammte trübe und purpurn auf dem bleichen, müden Himmel. Welke Blätter lagen starr auf der dunklen Erde, tot ..
Ludmilla und Sascha stiegen abwärts in eine Schlucht. Da war es frisch, kühl, fast feucht, -- zärtliche, herbstliche Müdigkeit breitete sich zwischen den schräg abfallenden Hängen.
Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschürzt. Man sah ihre kleinen Schuhe und die fleischfarbenen Strümpfe. Sascha blickte zu Boden, um nicht über die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strümpfe. Ihm schien es, als hätte sie nur Schuhe an, ohne Strümpfe. Ein heißes Gefühl und Scham wallten in ihm auf. Er wurde über und über rot. Der Kopf schwindelte ihm.
Wie im Versehen hinfallen zu ihren Füßen, dachte er, ihr den Schuh abziehen und das zarte Füßchen küssen.
Als fühlte sie Saschas heiße Blicke und seine ungeduldige Erwartung, kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm:
»Du siehst auf meine Strümpfe?« fragte sie.
»Nein, nur so,« murmelte er verlegen.
»Ach, ich habe so furchtbar komische Strümpfe,« sagte Ludmilla lachend, ohne auf ihn zu hören. »Man könnte denken, ich trage meine Schuhe auf dem nackten Fuß, -- ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die Strümpfe sind sehr komisch?«
Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider.
»Sind sie komisch?« fragte sie.
»Nein, sie sind schön,« sagte Sascha, rot vor Verlegenheit.
Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief:
»Sag doch einer! Wohin der die Schönheit verlegt!«
Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte allaugenblicklich und wußte nicht wohin vor Verlegenheit.
Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte:
»Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.«
Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha.
»Ein schönes Füßchen?« fragte sie.
Sascha wurde noch röter und wußte gar nicht, was er sagen sollte.
Ludmilla zog den Strumpf vom Fuß.
»Ein weißes Füßchen?« fragte sie wieder, eigentümlich und schelmisch lächelnd. »Auf die Kniee! Küssen!« sagte sie streng, und eine bezwingende Härte breitete sich über ihr Gesicht.
Sascha kniete schnell nieder und küßte ihren Fuß.
»Es ist angenehmer ohne Strümpfe,« sagte Ludmilla, schob die Strümpfe in ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloßen Füße.
Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und fröhlich, als hätte Sascha nicht vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Füße geküßt. Sascha fragte:
»Liebste, wirst du dich nicht erkälten?«
Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf.
»Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewöhnt; ich bin nicht so verzärtelt.«
* * * * *
Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha:
»Komm zu mir; du mußt mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.«
Sascha liebte es, Nägel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas säuerliche Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blaßgrünem Kleide wehte, beruhigte ihn.
* * * * *
Für die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Röckchen, ihre Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, -- die Schuhe trug sie an den bloßen Füßen, -- parfumiert mit dem süßen, matten, würzigen Dufte japanischer Nelken.
»Oh, wie du elegant bist!« sagte Sascha.
»Ach was, -- elegant!« sagte Ludmilla und zeigte lächelnd auf ihre Füße, »ich bin doch barfuß,« sie sprach diese Worte gedehnt, verführerisch, verschämt.
Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte:
»Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Nägel?« fragte er rührig.
»Warte doch ein wenig,« antwortete Ludmilla, »sitz doch nur ein Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kämest du nur in Geschäften, und als wäre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.«
Sascha wurde rot.
»Liebste,« sagte er weich, »wie lange Sie nur wollen sitze ich neben Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine Schulaufgaben vor.«
Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam:
»Du wirst immer schöner, Sascha.«
Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor.
»Was Sie sich ausdenken,« sagte er. »Ich bin doch kein Fräulein, daß ich schöner werde.«
»Dein Gesicht ist wunderschön. Aber der Körper. Zeig ihn mir, -- nur bis zum Gürtel,« bat Ludmilla zärtlich und umfaßte seine Schultern.
»Was Sie sich ausdenken!« sagte Sascha verschämt und empfindlich.
»Was ist denn dabei?« fragte Ludmilla leichthin, »was hast du denn für Geheimnisse?«
»Jemand könnte hereinkommen,« sagte Sascha.
»Wer denn?« sagte sie ebenso leicht und sorglos. »Wir verschließen die Tür. Da kann niemand herein.«
Ludmilla lief rasch an die Tür und schob den Riegel vor. Sascha erriet, daß es ihr Ernst war. Kleine Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er sagte ganz aufgeregt:
»Nein, nein, tun Sie es nicht.«
»Dummchen! warum denn nicht?« fragte sie dringend.
Sie zog Sascha an sich und knöpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich und griff nach ihren Händen. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des Schreckens, -- und ein, dem Schreck ähnliches Gefühl der Scham überkam ihn. Und davon wurde er plötzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Gürtel ab und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten über Tische und Stühle. Ein süßer, reizender Duft wehte von Ludmilla, machte Sascha trunken und schwach.
Mit einem geschickten Stoß in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen. Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein Knopf riß ab. Schnell entblößte sie seine Schulter und wollte den Aermel vom Arm ziehen.
Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins Gesicht. Er wollte sie natürlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, ließ aber nicht los.
»Böser, böser Junge! Du schlägst!« rief sie atemlos.
Sascha war bestürzt, er ließ die Arme sinken und blickte schuldbewußt auf die weißen Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd von beiden Schultern, daß es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam wieder zur Besinnung, riß sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer, -- Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Gürtel herunter. Sascha fühlte die Kälte, und wieder stieg in ihm das unerbittliche Schamgefühl auf, daß ihm der Kopf schwindelte. Er war nackt bis an die Hüften.
Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den dichten, schwarzen Wimpern merkwürdig flackernden Augen.
Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer lächerlich-kindischen Grimasse, -- und plötzlich weinte und schluchzte er.
»Lassen Sie mich!« rief er schluchzend. »Sie sind frech!«
»Das Baby klöhnt!« sagte sie ärgerlich und verlegen und stieß ihn fort.
Sascha kehrte ihr den Rücken und wischte sich mit den Händen die Tränen aus den Augen. Er schämte sich, daß er geweint hatte. Er bemühte sich, an sich zu halten.
Ludmilla blickte heiß auf seinen nackten Rücken.
All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schönheit verbergen die Menschen voreinander -- warum, warum?
Sascha krümmte verschämt den nackten Rücken, er bemühte sich, das Hemd anzuziehen, aber er verknüllte es nur; es krachte in den Nähten unter seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise möglich, mit den Armen durch die Aermel zu schlüpfen. Dann nahm er die Bluse, -- mochte das Hemd einstweilen so bleiben.
»O, Sie fürchten wohl für Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,« sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang böse vor verhaltenen Tränen.
Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine widerliche Zierpuppe!