Der kleine Dämon

Part 21

Chapter 213,640 wordsPublic domain

Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs überhaupt nicht kämen!

Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte Stimmung.

Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und manchmal schien es -- es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.

Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man könnte zufällig in ein Messer rennen.

»Wozu hat man Messer?« sagte er zu Warwara. »Die Chinesen essen doch mit Stäbchen.«

Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man begnügte sich mit Kohl und Grütze.

Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte? Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.

Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild, noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben den Klatsch, -- man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine Stelle verschaffen.

Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben, auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald vergaß er diesen Einfall.

Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur den Gästen und sagte:

»Für den Direktor.«

Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen den Madeira.

»Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,« sagte Rutiloff kichernd. -- »Gib uns lieber davon zu trinken.«

»Was nicht gar!« antwortete Peredonoff böse. »Was soll ich dann dem Direktor anbieten?«

»Der Direktor wird Schnaps trinken,« sagte Rutiloff.

»Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich, Madeira zu trinken,« sagte Peredonoff nachdrücklich.

»Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,« beharrte Rutiloff.

»Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,« sagte Peredonoff sicher.

»Immerhin, gib nur her,« drängte Rutiloff.

Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte verdrießlich:

»Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und den Fürsten geködert.«

Rutiloff lachte laut und sagte:

»Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?«

»Einerlei. Sie hat ihn angelockt,« sagte Peredonoff.

»Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,« widersprach Rutiloff. »Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.«

Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie auch noch so weit von hier fort ist.

Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um und flüsterte:

»In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht stracks zum Gendarmerieoffizier.«

»Warum denn in Uniform?« erkundigte sich Wolodin sachlich.

»Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,« erklärte Peredonoff.

Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:

»Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man nichts verbergen, er hört und hört alles.«

* * * * *

Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schön gekleidet, liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne, angefahren, -- für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet. Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst aufgewacht ist.

»Warwara kommt gleich,« murmelte er, »sie kleidet sich um. Sie kochte gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine dumme Gans.«

Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, -- wir wußten nicht, daß Sie an einem Wochentage kommen würden.«

»An Feiertagen fahre ich nur selten aus,« sagte Madame Chripatsch, »da sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen Tag für sich haben.«

Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich, -- wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur gesprächsweise.

Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.

Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.

Sie blieben nicht lange.

Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:

»Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.«

Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:

»Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b sagen.«

* * * * *

Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:

»Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr entspricht ihrer sozialen Stellung.«

Chripatsch antwortete:

»Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit Ungeduld, daß er versetzt wird.«

Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, -- verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der schlauen Sophie genügte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von den Augen.

Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den stillen Vorwurf.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den gefälschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt.

Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:

»Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.«

»Ich bin nicht einfältig,« antwortete er, »ich bin Kandidat der Universität[11].«

»Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers Ohr.«

»Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,« verteidigte sich Peredonoff.

Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er, alle Menschen sind mir feind.

Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.

Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.

Aber die Angst quälte ihn.

Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig. Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber Peredonoff verstand noch immer nicht.

[Fußnote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.]

Einmal schrieb sie ihm:

»Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat, nicht hier am Orte lebt.«

Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich Warwara abspenstig machen.

Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:

»Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.«

Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen, feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt und auf kein Vertrauen rechnen kann:

»Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.«

»Du lügst! Du weißt es!« sagte Peredonoff ganz entsetzt.

Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem verräterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ängstigte ihn, wie alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:

»Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.«

»Aber vielleicht ist sie wirklich hier?« fragte Peredonoff eingeschüchtert.

»Vielleicht ist sie wirklich hier,« ahmte ihn Warwara nach. »Sie hat sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.«

Peredonoff rief:

»Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?«

Warwara lachte laut und boshaft.

Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte sie durch die Tür oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.

* * * * *

Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen, wenn _er_ es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht, was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:

»Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles, was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre! sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.«

Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.

Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten. Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen, und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.

»Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen! Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu zahlen. Aber sie hat mich betrogen.«

»Hättest du das angenommen?« fragte Rutiloff und kicherte.

Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:

»Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.«

»Wenn sie noch schön wäre!« sagte Peredonoff betrübt. »Sie ist aber sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies Luder anzuspucken. Sie _muß_ meine Bitte erfüllen.«

»Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff.

»Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum verschafft sie mir nicht die Stelle.«

Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der Fürstin gehabt.

»Sie ist älter als der Köter eines Popen,« sagte Peredonoff zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; »erzählt es nur keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert Jahre alt.«

Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte alles.

Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse die Krjiloffsche Fabel »Der Lügner« lesen lassen. Und einige Tage hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, -- mietete ein Boot und ließ sich hinüberfahren, -- die Brücke hätte ja unter ihm einstürzen können. Er erklärte Wolodin:

»Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es nicht glauben und wird darüber einstürzen.«

XXV

Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt. Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd. Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt.

Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt, Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war, daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so glänzend »hereingelegt« worden war. Außerdem hatte sich in den letzten Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen.

Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte sich aber auch nicht.

Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara sagte schmunzelnd:

»Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.«

»Woher weiß man es denn?« fragte die Gruschina heftig. »Ich bin doch nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.«

»Auch ich habe es nirgends erzählt,« beteuerte Warwara unverschämt.

»Geben Sie mir den Brief zurück,« verlangte die Gruschina. »Fängt er erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß es eine Fälschung ist.«

»Mag er's doch wissen!« sagte Warwara ärgerlich. »Was soll ich mich mit dem Esel abgeben.«

Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:

»Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich muß den Brief zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.«

»Ach, lassen Sie doch!« antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme in die Hüften, »meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.«

»O, wenn Sie _das_ glauben!« schrie die Gruschina, »so ein Gesetz gibt es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.«

Warwara erschrak und sagte:

»Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen. Da gibt es nichts zu fürchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.«

»Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!« sagte die Gruschina grob, »beim Hunde und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange man lebt, solange ist man.«

Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel. Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten.

* * * * *

Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die neuen Bälle waren »begossen« worden. Von seiner Brieftasche trennte er sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte er sie unter das Kopfkissen.

Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem. Warwara war in tausend Aengsten.

Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht.

Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, -- er brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.

Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern. Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, böse Teufel trieben ihr Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein wirklich gewordener, schwerer Alp.

Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob diese wieder an ihren alten Platz.

* * * * *

Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht finden, erschrak und schrie:

»Wo ist der Brief, Warja?«

Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:

»Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren. Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit denen du die Nächte durch trinkst.«

Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden, und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.

* * * * *

Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.

Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz, in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen, wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er ging, so log er, -- außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.

Er erklärte Rubowskji:

»Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.«

Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger Gestörtheit bemerkbar machten.

Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche, höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara:

»Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- überall treiben sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.«

Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte ängstlich und gereizt:

»Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.«

Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube, der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und durchdringend.