Part 17
»Jeder wird mich zur Frau nehmen,« dachte sie, vor allem, weil ich Geld habe, da kann ich wählen, wen ich will. Diesen jungen Mann da z. B. könnte ich ganz gut heiraten, und ihr Blick streifte wohlwollend das bleiche und gemeine, doch aber nicht unschöne Gesicht Witkewitschs. Der saß da, redete nur wenig, aß viel, blickte die Werschina an und lächelte gemein.
Martha brachte den Preiselbeersaft mit Aepfeln in einem irdenen Gefäß. Dann erzählte sie von einem Traum, den sie in der vergangenen Nacht gehabt hätte: sie wäre auf der Hochzeit einer Freundin gewesen; hätte Ananas und Pfannkuchen mit Honig gegessen und in dem einen Pfannkuchen einen Hundertrubelschein gefunden. Man hätte ihr aber das Geld fortgenommen, und sie wäre darüber in Tränen ausgebrochen. Dann wäre sie aufgewacht.
»Sie hätten das Geld unauffällig beiseite schieben müssen,« sagte Peredonoff verdrießlich, »wenn Sie nicht einmal im Traum ihr Geld zu halten wissen, wie wollen Sie dann überhaupt wirtschaften?«
»Na an dem Gelde ist nicht viel verloren,« sagte die Werschina, »träumen kann man doch weiß Gott von allem Möglichen.«
»Aber es tut mir so furchtbar leid, daß ich das Geld nicht behalten durfte,« sagte Martha treuherzig, »denken Sie nur, ganze hundert Rubel!«
Ihr traten die Tränen in die Augen, und sie lachte gezwungen, um nicht weinen zu müssen. Murin suchte eifrig in seinen Taschen und rief:
»Es soll Ihnen nicht leid tun, teuerste Martha Stanislawowna, es soll Ihnen nicht leid tun. Wir wollen es gleich wieder gut machen.«
Er nahm einen Hundertrubelschein aus seiner Brieftasche, legte ihn vor Martha hin, schlug mit der Hand darauf und rief:
»Wenn ich bitten darf! Den soll Ihnen keiner fortnehmen.«
Martha freute sich, dann wurde sie plötzlich sehr rot und sagte verlegen:
»Aber Wladimir Iwanowitsch, ich bitte Sie; so war es doch gar nicht gemeint. Ich kann es nicht annehmen; wirklich nicht!«
»Tun Sie mir den Gefallen, und zürnen Sie mir nicht,« sagte Murin lächelnd und ließ das Geld liegen, »lassen Sie doch den Traum zur Wahrheit werden.«
»Nein, nein; es geht wirklich nicht; ich schäme mich so, ich kann es unter gar keinen Umständen annehmen,« weigerte sich Martha und blickte gierig auf die Banknote.
»Was zieren Sie sich, wenn man's Ihnen doch gibt,« sagte Witkewitsch, »es ist doch wirklich so, als wenn das Glück den Menschen in den Schoß fällt,« und neidisch blickte er auf das Geld.
Murin hatte sich vor Martha hingestellt und bat sehr herzlich:
»Liebste Martha Stanislawowna, glauben Sie doch nur, ich geb's von Herzen gerne; bitte, bitte nehmen Sie es doch. Und wollen Sie es nicht geschenkt haben, -- so sei es dafür, daß Sie auf meinen Jungen acht geben werden. Was ich mit Natalie Aphanassjewna besprochen habe, bleibt so wie es ist, und dieses hier ist dann für _Ihre_ Bemühungen um den Jungen.«
»Aber es ist doch viel zu viel,« sagte Martha unsicher.
»Fürs erste Halbjahr,« sagte Murin und machte eine sehr tiefe Verbeugung, »nehmen Sie es doch und bringen Sie meinem Jungen viel Liebe entgegen.«
»Nun, Martha, nehmen Sie es doch,« sagte die Werschina, »und bedanken Sie sich bei Wladimir Iwanowitsch.«
Martha wurde rot vor Freude und nahm das Geld.
Murin dankte ihr zu wiederholten Malen.
»Machen Sie nur gleich Hochzeit,« sagte Peredonoff wütend, »das wird billiger sein. So das Geld zum Fenster hinauszuwerfen!«
Witkewitsch mußte lachen, die andern taten, als hätten sie nichts gehört. Dann fing die Werschina an, von Träumen zu erzählen, -- aber Peredonoff wollte nichts mehr hören und verabschiedete sich. Murin lud ihn zum Abendessen ein.
»Ich muß zum Abendgottesdienst in die Kirche,« sagte Peredonoff.
»Ardalljon Borisowitsch ist neuerdings so eifrig im Kirchenbesuch,« sagte die Werschina und lachte trocken.
»Das war immer der Fall,« antwortete er, »ich glaube an Gott, nicht so wie andere Leute. Es ist möglich, daß ich im Gymnasium der einzige bin. Darum verfolgt man mich auch. Der Direktor ist ein Atheist.«
»Aber kommen Sie doch, wenn Sie einen freien Abend haben,« sagte Murin.
Peredonoff knüllte seine Mütze und sagte böse:
»Ich habe überhaupt keine Zeit.«
Dann aber erinnerte er sich an die vorzüglichen Getränke und Speisen bei Murin und sagte:
»Am Montag kann ich kommen.«
Murin war entzückt und forderte auch die Werschina und Martha auf. Peredonoff sagte aber:
»Die Frauenzimmer sollen zu Hause bleiben. Sonst betrinkt man sich noch und läßt ein Wörtchen fallen, das die Zensur nicht passiert hat, und das ist unbequem in Gegenwart von Damen.«
Als Peredonoff gegangen war, sagte die Werschina schmunzelnd:
»Ein merkwürdiger Kauz, dieser Ardalljon Borisowitsch. Er möchte um alles Inspektor werden, doch scheint ihn Warwara an der Nase zu führen. Darum beträgt er sich so läppisch.«
Wladja kam heraus, -- solange Peredonoff da war hielt er sich versteckt, -- und sagte schadenfroh:
»Des Schlossers Söhne haben irgendwo erfahren, daß Peredonoff sie angegeben hat.«
»Sie werden ihm die Fensterscheiben einwerfen!« meinte Witkewitsch und lachte.
* * * * *
Alles auf der Straße erschien Peredonoff feindlich und drohend. Ein Hammel stand an einem Kreuzwege und glotzte ihn stumpfsinnig an. Dieser Hammel erinnerte so auffallend an Wolodin, daß Peredonoff erschrak. Er dachte, Wolodin hätte sich in den Hammel verwandelt, um ihn zu verfolgen.
»Warum sollte das nicht möglich sein,« dachte er, »woher können wir das wissen. Es könnte wohl möglich sein. Die Wissenschaft ist noch nicht so weit, aber dieser oder jener weiß es doch. Die Franzosen z. B. sind ein gebildetes Volk, und doch gibt es in Paris Zauberer und Magier.«
Ihm wurde bange.
Dieser Hammel da könnte ausschlagen, dachte er.
Das Tier blökte. Das klang gerade so wie Wolodins Lachen: häßlich, durchdringend, abgerissen.
Ein wenig weiter traf er den Gendarmerieoberst. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte flüsternd:
»Geben Sie acht auf die Adamenko. Sie korrespondiert mit Sozialisten; sie ist vielleicht selber eine.«
Rubowskji schwieg und sah ihn erstaunt an.
Peredonoff ging weiter und dachte traurig: »Was läuft er mir immer in den Weg? Er beobachtet mich wohl, -- und überall hat er Schutzleute aufgestellt.«
Die schmutzigen Straßen, die zerfallenen Häuser, der bewölkte Himmel, die bleichen, in Lumpen gehüllten Kinder -- das alles mußte traurig stimmen. Eine tiefe Schwermut lastete auf ihm.
»Ein miserables Nest,« dachte er, »und die Menschen hier sind böse und gemein; ich muß mich in eine andere Stadt versetzen lassen; da werden sich alle Lehrer demütig vor mir verbeugen, und die Schüler werden vor mir zittern und flüstern: der Inspektor kommt. Es ist eine ganz andere Sache, wenn man erst Vorgesetzter ist.«
»Der Herr Inspektor des zweiten Bezirkes im Gouvernement Ruban,« flüsterte er, »der Herr Staatsrat Peredonoff, hochwohlgeboren.« -- Und weiter, -- »man muß die Menschen nur zu nehmen wissen: Seine Exzellenz der Herr Direktor sämtlicher Volksschulen im Gouvernement Ruban, der wirkliche Staatsrat Peredonoff. Hut ab! Den Abschied einreichen! Fort! Wartet nur, ich will euch dressieren!«
Peredonoffs Gesicht wurde gemein und herrisch. In seiner spärlichen Einbildung hielt er sich für einen großen, mächtigen Herren.
* * * * *
Als er nach Hause kam und seinen Ueberzieher im Vorhause ablegte, hörte er im Speisezimmer das abgerissene, schneidende Gelächter Wolodins. Da wurde er mutlos.
»Er ist schon wieder da,« dachte er, »vielleicht beredet er mit Warwara, wie sie mich umbringen sollen. Darum lacht er auch, er freut sich, daß Warwara mit ihm einer Meinung ist.«
Gereizt und traurig ging er ins Eßzimmer. Der Tisch war schon gedeckt. Warwara kam ihm besorgt entgegen.
»Bei uns ist was passiert,« rief sie, »der Kater ist verschwunden.«
»Nanu!« entfuhr es Peredonoff und Entsetzen packte ihn. »Warum habt ihr ihn laufen lassen?«
»Ich kann ihn doch nicht mit dem Schwanz an meinen Rock binden!« sagte Warwara ärgerlich.
Wolodin kicherte. Peredonoff dachte, daß der Kater vielleicht zum Gendarmerieoberst gelaufen wäre und dort alles, was er über ihn wußte, herschnurren würde, alles, z. B. wohin und warum er des Nachts ausgegangen war, -- davon wird er schnurren und noch von anderen Dingen, die nie geschehen sind. Schrecklich! Peredonoff setzte sich an den Tisch, er hielt den Kopf gebeugt und zerknitterte das Tischtuch. Was er dachte war traurig und unheimlich.
»Es ist eine alte Geschichte, daß die Katzen aus der neuen Wohnung in die frühere zurücklaufen,« sagte Wolodin, »weil die Katzen sich an das Haus gewöhnen, aber nicht an ihre Herren. Man muß eine Katze schwindelig drehen, wenn man sie in die neue Wohnung bringt, und den Weg darf man ihr auch nicht zeigen, sonst läuft sie unbedingt fort.«
Das beruhigte Peredonoff.
»Du glaubst also, daß er in die alte Wohnung zurückgelaufen ist?« fragte er.
»Unbedingt, unbedingt,« antwortete Wolodin.
Peredonoff erhob sich und rief:
»Darauf trinken wir eins, Pawluschka!«
Wolodin kicherte.
»Trinken wir eins,« wiederholte er, »trinken kann man stets und gerne.«
»Aber der Kater muß wieder hergeschafft werden,« bestimmte Peredonoff.
»So ein Schatz!« antwortete Warwara lachend; »nach dem Essen will ich das Mädchen hinüberschicken.«
Das Essen wurde aufgetragen. Wolodin war ausgelassen, lachte und schwatzte. Sein Lachen klang Peredonoff genau so wie das Blöken jenes Hammels, den er auf der Straße getroffen hatte.
Warum führt er Böses gegen mich im Schilde? dachte Peredonoff. Was hat er nur davon?
Dann kam es ihm in den Sinn, Wolodin würde sich besänftigen lassen.
»Hör mal, Pawluschka,« sagte er, »wenn du versprichst, nichts gegen mich zu unternehmen, werde ich dir wöchentlich ein Pfund Bonbons schenken; von der feinsten Sorte! Lutsch daran auf mein Wohl!«
Wolodin lachte auf; dann wurde er gleich wieder ernst, machte ein gekränktes Gesicht und sagte:
»Ich habe keineswegs im Sinne, dir zu schaden, Ardalljon Borisowitsch; außerdem will ich keine Bonbons, weil ich sie gar nicht mag.«
Peredonoff ließ den Mut sinken. Warwara sagte lachend:
»Laß doch die Dummheiten, Ardalljon Borisowitsch! Wodurch sollte er dir denn schaden?«
»Jeder Idiot kann einem was anhaben!« sagte Peredonoff gedehnt.
Wolodin streckte seine Unterlippe vor, schüttelte den Kopf und sagte:
»Wenn Sie, Ardalljon Borisowitsch, so über mich zu denken belieben, so kann ich darauf nur erwidern: ich danke Ihnen bestens! Wenn Sie so über mich denken, was bleibt mir dann zu tun übrig? Wie habe ich das zu verstehen und in welchem Sinne?«
»Sauf Schnaps, Pawluschka, und gib mir auch einen,« sagte Peredonoff.
»Nehmen Sie es ihm nicht übel, Pawel Wassiljewitsch,« versuchte Warwara Wolodin zu beruhigen, »er redet nur so in den Tag herein. Er weiß ja selber nicht, was er spricht.«
Wolodin schwieg still, machte immer noch ein gekränktes Gesicht und goß Schnaps aus der Flasche in die Gläser. Warwara sagte:
»Wie kommt es nur, Ardalljon Borisowitsch, daß du den Schnaps trinkst, den er dir eingeschenkt hat? Er könnte ihn doch z. B. behext haben, -- siehst du nicht, er murmelt etwas, seine Lippen bewegen sich.«
Peredonoff erschrak. Er ergriff das Glas, in welches Wolodin eben erst eingeschenkt hatte, spritzte den Inhalt gegen die Wand und murmelte hastig eine Beschwörungsformel.
Dann wandte er sich zu Wolodin, drohte ihm mit der Faust und sagte wütend:
»Ich bin schlauer als du!«
Warwara lachte aus vollem Halse. Wolodin sagte mit gekränkter, zitternder Stimme, -- es klang tatsächlich wie ein Blöken:
»_Sie_ kennen allerhand Zaubersprüche, Ardalljon Borisowitsch, und benutzen sie auch; ich habe mich aber niemals mit der Magie abgegeben. Ich bin weder gewillt noch imstande, Ihren Schnaps und gleichviel was für Dinge zu behexen; hingegen scheint es mir nicht unmöglich, daß Sie selber mir alle Bräute forthexen.«
»Noch was,« sagte Peredonoff böse, »was mach ich mit deinen Bräuten, da kann ich mir schon was Besseres aussuchen.«
»Geben Sie acht,« fuhr Wolodin fort, »Sie sitzen im Glashause und werfen mit Steinen!«
Peredonoff faßte erschreckt nach seiner Brille:
»Was redest du da,« brummte er, »deine Zunge geht wie ein Mühlrad.«
Warwara blickte Wolodin vorwurfsvoll an und sagte ärgerlich:
»Reden Sie keinen Unsinn, Pawel Wassiljewitsch; essen Sie Ihre Suppe, sonst wird sie kalt. Ein Schwätzer sind Sie!«
Im stillen dachte sie, daß Ardalljon Borisowitsch vielleicht recht daran getan hätte, sich zu verschwören. Wolodin schwieg still und aß seine Suppe. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Wolodin mit gekränkter Stimme:
»Ich habe heute nicht umsonst geträumt, daß man mich mit Honig zuschmierte. Sie, Ardalljon Borisowitsch, haben mich beschmutzt.«
»Ihnen muß man noch ganz anders kommen,« sagte Warwara böse.
»Was habe ich denn getan? Ich möchte es doch gerne erfahren. Mir scheint, ich bin durchaus unschuldig,« sagte Wolodin.
»Sie haben ein niederträchtiges Maulwerk,« erklärte Warwara. »Man soll nicht alles aussprechen, was einem auf die Zunge kommt: -- alles zu seiner Zeit.«
XX
Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe über dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte sich wieder.
Man spielte lange und trank viel. Es war schon spät in der Nacht, als Gudajewskji plötzlich auf Peredonoff zustürzte, ihn ohne weitere Erklärung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso plötzlich und verließ das Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich betrunken, ließ sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rüttelte ihn auf und brachte ihn nach Hause.
Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affäre.
Am selben Abend hatte Warwara endlich eine günstige Gelegenheit gefunden, um von Peredonoff den ersten gefälschten Brief zu entwenden. Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden wären. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, -- heute aber hatte er ihn ganz zufällig vergessen: als er sich umkleidete, hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben.
Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina.
Als Peredonoff spät in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Gläser wären von selber geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die böse Zunge Wolodins wäre schuld daran. Auch Peredonoff glaubte an die böse Zunge Wolodins.
Uebrigens hörte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle Einzelheiten über die Prügelei im Klub.
Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung schrie er:
»Warwara, wo ist der Brief?«
Warwara verlor die Fassung.
»Was für ein Brief?« fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und böse an.
»Von der Fürstin!« schrie Peredonoff.
Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lächelte gemein und sagte:
»Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht steckt er irgendwo.«
Peredonoff ging in trübster Stimmung in das Gymnasium. Die Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschämte Bengel unterstehen, ihn einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der Schüler hat keinen Respekt vor ihm -- dem Lehrer. Vielleicht hatte der Junge etwas Schlimmes über ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte er ihn angeben.
Während des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und lächelte. Das erregte Peredonoff noch mehr.
Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts Gutes, aber er ging.
Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub erzählt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schüler Wolodja Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich über Peredonoff zu beschweren: auf Peredonoffs Angaben hin hätte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun fürchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit ähnlichen Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt.
Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff Mitteilung von den Gerüchten, die zu ihm gedrungen waren, »es sind zuverlässige Quellen,« fügte er hinzu, nämlich, daß Peredonoff die Schüler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern durchaus unzuverlässige Angaben mache über Betragen und Fortschritte der Kinder und außerdem verlange, man solle den Jungen züchtigen. Hieraus ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern, wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji.
Peredonoff hörte wütend und doch geängstigt zu. Jetzt schwieg Chripatsch.
»Nun, was ist denn dabei,« sagte Peredonoff böse, »er geht mit den Fäusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche, glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man muß ihn denunzieren, -- er ist Sozialist.«
Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich:
»Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung »an einen Affen glauben« zu meinen belieben. Ich glaube, man täte gut daran, die Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern. Bezüglich der Ihnen widerfahrenen Kränkung aber würde ich es für ratsam erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im übrigen täten Sie vielleicht gut daran, -- Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben. Das wäre der beste Ausweg, -- sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in dem des Gymnasiums.«
»Ich will Inspektor werden,« entgegnete Peredonoff böse.
»Bis zu jenem Zeitpunkte aber,« fuhr Chripatsch fort, »haben Sie Ihre merkwürdigen Spaziergänge einzustellen. Sie müssen doch zugeben, daß ein solches Betragen einem Pädagogen nicht geziemt, außerdem aber die Autorität der Lehrer bei den Schülern untergräbt. In die Schülerwohnungen gehn, um die Jungen zu prügeln, -- das ...«
Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern.
»Was ist denn dabei?« entgegnete Peredonoff wiederum, »ich tue es doch zu ihrem Besten.«
»Ich bitte, wir wollen nicht streiten,« unterbrach ihn Chripatsch schroff, »ich verlange von Ihnen ein für allemal, daß solche Sachen sich nicht wiederholen.«
Peredonoff blickte den Direktor böse an.
Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob nirgend Dinge wären, deretwegen man ihn hätte denunzieren können.
»Es scheint, alles ist in Ordnung,« dachte er: »verbotene Bücher sind nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die Kaiserbilder hängen am Ehrenplatze an der Wand.«
Plötzlich fiel es ihm ein, daß das Porträt Mizkewizschs an der Wand hing.
Da hätte ich schön hereinfallen können, dachte er erschreckt, nahm das Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das Porträt Puschkins, welches nun wieder in das Eßzimmer aufrückte.
Puschkin war immerhin hoffähig, dachte er, während er das Bild am Nagel befestigte.
Dann fiel es ihm ein, daß man am Abend Karten spielen würde, und er beschloß, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur einmal benutzt worden war und blätterte es durch, als suche er nach etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so merkwürdige Augen.
In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, daß die Karten so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine nichtswürdige Pik-sechs sah so unverschämt drein und watschelte unanständig daher.
Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann öffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese Arbeit verrichtete er ängstlich umherspähend, als fürchte er von jemand ertappt zu werden.
Zu seinem Glück hatte Warwara in der Küche zu tun und ließ sich im Wohnzimmer nicht blicken, -- wie hätte sie auch eine solche Menge von Speisen unbeaufsichtigt lassen können: Klawdja hätte es sofort ausgenutzt. Wenn sie etwas im Eßzimmer brauchte, so schickte sie Klawdja. Jedesmal wenn das Mädchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen, versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wäre er eifrig dabei, eine Patience zu legen.
Während nun Peredonoff auf diese Weise bemüht war, die Könige und Damen ihres Sehvermögens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein peinliches Ereignis.
Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen hatte, um ihn ein für allemal loszusein, -- hatte die Jerschowa gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, daß man den Hut mit Absicht dagelassen hatte: ihre früheren Mieter haßten sie, und da ist es doch sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, daß jene, um sich zu rächen, etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, daß sich keine Mieter für die leerstehende Wohnung mehr fänden. Aergerlich und geängstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der Zauberei stand.
Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle, düstere Worte, spuckte kräftig und sagte:
»Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein mächtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, -- und will seine Kraft zähmen, daß er sich krümmen soll.«
Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schönes Geldgeschenk von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten rothaarigen Jungen, den sie treffen würde, mit der Weisung zu übergeben, ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn davonzulaufen.
Es traf sich so, daß der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf, einer der beiden Schlossersöhne war, die etwas gegen Peredonoff im Schilde führten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge erhielt einen Fünfer und machte sich ein Vergnügen daraus, dem Auftrage nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse unterwegs den Hut gehörig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so geschwind davon, daß sie ihn nicht erkennen konnte.
Während nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:
»Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!«
Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Denselben Hut, den er glaubte für immer losgeworden zu sein, sah er in Warwaras Händen, -- bestaubt, verknüllt und in einem Zustande, der seine frühere Herrlichkeit nur ahnen ließ. Starr vor Entsetzen konnte er nur stammeln:
»Woher? woher?«
Warwara erzählte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem flinken Jungen erhalten hatte, der plötzlich vor ihr aufgetaucht war, um dann ebenso plötzlich zu verschwinden. Sie sagte:
»Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen lassen. Bestimmt!«
Peredonoff murmelte unverständliche Worte und seine Zähne schlugen hörbar aneinander. Die trübsten Befürchtungen und Vorahnungen quälten ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen lief flink hin und her, hin und her, und kicherte.
* * * * *