Der kleine Dämon

Part 13

Chapter 133,710 wordsPublic domain

»Die ist ins Heulen reingekommen!« sagte Ludmilla spöttisch.

Nicht etwa, daß es ihr mißfiel, vielmehr wollte sie ihre Erlebnisse erzählen, und die Schwestern sollten zuhören. Darja unterbrach ihren Gesang und schrie sie an:

»Was geht es dich an, ich stör' dich nicht.«

Und dann sang sie weiter gerade von derselben Stelle an, wo sie stehen geblieben war. Larissa sagte freundlich:

»Laß sie doch singen.«

»Meine wilden Leidenschaften Finden nirgends ihre Ruh' --«

sang Darja in den höchsten Lagen, wobei sie die Töne dehnte und hinauszog, wie etwa die gewöhnlichen Bänkelsänger es zu tun pflegen, um recht viel Rührung ins Lied zu legen. Es kam ungefähr so heraus:

Mei--ei--n--e--e wi----i--ild--e--en Lei--ei--ei--d--e--e--en--sch--a--a--ft--e--en.

Bei dieser Art zu singen wurden jene Silben ganz besonders betont, auf denen von Rechts wegen kein Ton lag. Die Wirkung war jedenfalls eine hervorragende: eine tödliche Schwermut hätte jeden uneingeweihten Zuhörer befallen.

O Schwermut, die du über Feld und Wald und über die gewaltige heimatliche Ebene einherziehst! O Schwermut, die du tausendfach im wilden Echo der Berge widerhallst, die du in matter, glühender Flamme das lebendige Lied in ein sinnbetörendes Seufzen wandelst! O tödliche Schwermut! O ihr geliebten, alten, russischen Gesänge! werdet auch ihr dahinsterben? ...

Plötzlich sprang Darja auf, stemmte die Hände in die Seiten und schmetterte ein fröhliches Tanzliedchen aus voller Kehle. Dazu tanzte sie und klatschte in die Hände:

»Geh, du Ritter, in den Wind, -- Ich bin eines Räubers Kind. Bist so fein und säuberlich, Geb dir einen Messerstich. Brauche keinen stolzen Herrn -- Hab ein armes Blut so gern.«

Darja sang und tanzte, und ihre Augen starrten unbeweglich und schienen, wie der tote Mond, rings um sie Kreise zu ziehen. Ludmilla lachte aus vollem Hals, aber es war ihr unendlich schwer ums Herz, und sie zitterte vor Aufregung. War es verhaltene Freude oder die Wirkung des starken und süßen Likörs? Valerie lachte leise, -- ihr Lachen klang gläsern --, und blickte neidisch auf die Schwestern: auch sie wäre gern lustig gewesen, und es war ihr doch gar nicht lustig zumute, -- sie dachte, das sei so, weil sie die Jüngste, ein Nesthäkchen, ein Nachzügler sei, und darum wäre sie schwächlich und unglücklich. Und sie lachte so als müßte sie gleich weinen.

Larissa sah sie an und zwinkerte ihr zu, und da wurde Valerie plötzlich fröhlich und guter Dinge. Larissa stand auf, drehte die Schultern und im Nu drehten sich die vier Schwestern in tollem Wirbel bewußtloser Freude, plötzlich von toller, ausgelassener Lust ergriffen, und Darja sang dazu ein Tanzlied nach dem andern, eins dreister und frecher als das andere. Die Schwestern waren jung und schön -- und ihre Stimmen klangen wild und hell; -- die Hexen eines verzauberten Berges hätten ihre Freude an diesem Reigen gehabt.

* * * * *

Die ganze Nacht über hatte Ludmilla heiße, sinnliche Träume.

Bald träumte sie, sie läge in einem stark überheizten Zimmer, ihre Bettdecke gleitet auf den Fußboden und ihr fieberheißer Körper liegt nackt da, -- und eine gleißende, ungeheure Schlange kriecht in das Gemach, kommt näher, näher, gleitet längs dem Holz in ihr Bett und umwindet ihre nackten, wunderschönen Beine ...

Dann wieder träumte sie von einem See; -- und es war eine schwüle Sommernacht, schwarze Gewitterwolken krochen erdrückend langsam über den Himmel, -- und sie lag nackt am Ufer des Sees und hatte einen glatten, goldnen Stirnreif im Haar. Es roch nach warmem, stehendem Wasser, nach Tang und stark duftendem Heu; und auf dem dunklen, unheimlich ruhigen Wasserspiegel schwamm majestätisch ein weißer, gewaltiger, königlich schöner Schwan. Er schlug das Wasser mit den Flügeln, zischte laut, kam heran und umfaßte sie, -- es war so süß, so unsagbar wunderlich und tief ...

Und die Schlange und der Schwan, beide beugten ihre Gesichter über das ihre, und es war Saschas Gesicht, aber so bleich, so bleich mit seinen dunklen traurigen Augen, und die schwarzen Wimpern verdeckten eifersüchtig die Schönheit seines wunderbaren Blicks und sanken tief und schwer herab. Ihr schauderte ...

Dann träumte Ludmilla von einem prachtvollen Palast mit erdrückend niedrigen Gewölben, -- starke, schöne nackte Männer drängten sich in den Hallen, aber herrlicher als sie alle war Sascha. Sie saß hoch auf einem Thron, und die nackten Männer kamen der Reihe nach und schlugen einander mit scharfen Peitschen. Und als man Sascha vor den Thron legte mit dem Kopf zu ihr gekehrt und als man ihn hart schlug, da lachte er hell und weinte, -- und sie lachte auch, wie man manchmal im Traume lacht, wenn das Herz unruhig schlägt, -- dann lacht man lange, ohne Aufhören, und es ist das Lachen des Selbstvergessens und des Todes ...

Als Ludmilla am Morgen nach diesen Träumen erwachte, fühlte sie, daß sie leidenschaftlich in Sascha verliebt war. Ein unbezwingliches Verlangen ergriff sie, zu ihm zu gehen, aber der Gedanke ihn in Kleidern zu sehen, war ihr unerträglich. Wie dumm, daß die Knaben nicht nackt herumlaufen! Wenigstens barfuß, wie die Gassenbuben im Sommer! Ludmilla sah sie gerne und nur deswegen, weil sie barfuß waren und weil auch ihre Beine manchmal bis hoch hinauf entblößt waren.

»Als wäre es eine Schande, einen Körper zu haben --,« dachte sie, »daß sogar die Knaben ihn verdecken müssen.«

XV

Wolodin gab regelmäßig seinen Unterricht im Hause des Fräulein Adamenko. Seine Hoffnungen, das Fräulein würde ihn gelegentlich zum Kaffee einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner Ankunft in die Stube geleitet, die für den Unterricht im Tischlern hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schürze um und wartete in der Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles für die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der Sache. Um weniger arbeiten zu müssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte gewissenhaft sein. Er sagte:

»Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit genug zum Plaudern. Dann -- soviel Sie wollen, jetzt -- an die Arbeit: die Arbeit steht an erster Stelle.«

Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schützte Schulaufgaben vor.

Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen ob Mischa fleißig war. Mischa bemerkte, daß Wolodin dann eher geneigt war, Gespräche zu führen, und zog daraus die entsprechenden Schlüsse. Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, daß Mischa nichts tat, sagte sie sofort:

»Mischa, sei nicht faul!«

Dann ging sie gleich und sagte im Vorübergehen zu Wolodin:

»Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe. Er ist nicht abgeneigt, sich bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.«

Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berührte Wolodin zunächst peinlich. Dann aber tröstete er sich damit, daß es ihr unbequem sein mußte, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten hätten entstehen können. Ferner, überlegte er, brauchte sie überhaupt nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein Zeichen dafür, daß sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand erklärte Wolodin zu seinen Gunsten, daß Nadeschda Wassiljewna sofort damit einverstanden war, daß er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und außerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprüchen gleich einverstanden erklärt. Peredonoff und Warwara ihrerseits unterstützten ihn in diesen Vermutungen.

»Es ist doch klar, daß sie in dich verliebt ist,« sagte Peredonoff.

»Und wo könnte sie einen besseren Bräutigam finden,« ergänzte Warwara.

Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich über seine Erfolge.

Eines schönen Tages meinte Peredonoff:

»Du gehst auf Freiersfüßen einher und hast eine schäbige Krawatte umgebunden.«

»Ich bin noch nicht verlobt,« antwortete Wolodin überlegen, innerlich aber zitterte er vor freudiger Erwartung; »ich kann mir eine neue Krawatte kaufen.«

»Eine im Jugendstil,« rief Peredonoff, »man muß sehen können, daß du es mit der Liebe hast.«

»Eine rote Krawatte,« sagte Warwara, »recht bauschig muß sie sein und eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit Steinen, -- fein wird das sein.«

Peredonoff dachte, daß Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben hätte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen Schlips kaufen. Das wäre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie anhalten geht, so wird sie sich gekränkt fühlen und ihm einen Korb geben.

Peredonoff sagte:

»Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig Kopeken?«

»Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit,« sagte Wolodin grinsend, »nur waren es zwei Rubel und nicht einer.«

Peredonoff wußte genau, daß es zwei Rubel waren, es wäre ihm aber angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte:

»Du lügst, woher zwei Rubel?«

»Warwara Dmitriewna kann es bezeugen,« beteuerte Wolodin.

Warwara sagte kichernd:

»Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, -- ich erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.«

Peredonoff dachte, daß Warwara jetzt für Wolodin eintrete, also -- meinte er -- steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrießlich, nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte:

»Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du bist ein armer Teufel, Pawluschka, da -- nimm!«

Wolodin nahm das Geld, zählte es nach, machte dann ein gekränktes Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und sagte mit blökender, zitternder Stimme:

»Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie auch zu zahlen; daß ich aber arm bin, gehört garnicht hierher. Ich habe bisher noch keinen um ein Stück Brot gebeten, und Sie wissen, daß nur der Teufel arm ist, denn er ißt kein Brot; weil ich aber Brot esse, sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.«

Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergnügen, daß er so gelungen geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend.

Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu stellen. Sie hatten sich so vornehm als möglich angezogen und sahen feierlicher und dümmer als gewöhnlich aus. Peredonoff trug eine weiße Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grünen Streifen. Peredonoff überlegte so:

»Ich halte für dich an, meine Stellung ist also die solidere, die Gelegenheit ist äußerst festlich, so muß ich denn eine weiße Binde tragen; du bist der Bräutigam, also mußt du flammende Gefühle zur Schau tragen.«

Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von Fräulein Adamenko Platz. Peredonoff saß auf dem Sofa, Wolodin in einem Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gäste. Die Gäste aber plauderten über das Wetter, über die neuesten Neuigkeiten und machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen. Endlich räusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte:

»Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.«

»Ein Anliegen,« sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und streckte die Lippen vor.

»Es handelt sich um ihn,« sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf Wolodin.

»Um mich,« bestätigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die eigene Brust.

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

»Wenn ich bitten darf,« sagte sie.

»Ich werde für ihn sprechen,« erklärte Peredonoff, »er ist bescheiden und kann keinen rechten Entschluß fassen. Aber er ist ein würdiger Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum schweigst du denn,« wandte er sich an Wolodin, »sag doch etwas.«

Wolodin neigte den Kopf und stieß mit zitternder Stimme hervor, geradeso wie ein Schaf blökt:

»Gewiß, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer noch langen. Gewiß, ich habe nicht studiert, bin aber so glücklich, daß ich jedem nur das gleiche Los wünschen kann, und etwas Schlechtes weiß ich mir nicht nachzusagen, -- übrigens, da mag jeder selbst urteilen. Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.«

Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als hätte er die Absicht zuzustoßen und schwieg still.

»Also, das ist es,« sagte Peredonoff, »er ist ein junger Mann und soll nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es immer besser.«

»Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,« bestätigte Wolodin.

»Und auch Sie sind unverheiratet,« fuhr Peredonoff fort. »Auch Sie müssen heiraten.«

Hinter der Tür hörte man ein leises Geräusch, kurze verhaltene Laute, -- als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tür und sagte kalt:

»Sie sind wirklich zu besorgt um mich,« mit einer verletzenden Betonung des Wortes »zu«.

»Sie brauchen keinen reichen Mann,« sagte Peredonoff, »Sie haben ja Geld genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu Gefallen ist. Außerdem kennen Sie ihn und müßten ihn verstehen. Sie sind ihm nicht gleichgültig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll heißen: Sie selber sind die Ware.«

Nadeschda Wassiljewna wurde rot und biß sich auf die Lippen, um nicht laut auflachen zu müssen. Hinter der Tür hörte man wieder dieselben Töne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, daß alles nach Wunsch ginge.

»Was für eine Ware?« fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, »verzeihen Sie, ich verstehe Sie nicht recht.«

»Wie, Sie verstehen nicht!« sagte Peredonoff ungläubig. »Nun, ich will es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz. Und auch ich bitte für ihn.«

Hinter der Tür fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und stöhnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen, blickte ihre Gäste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech zugleich.

»Ja,« sagte auch Wolodin, »Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand und Herz.«

Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfuß auf dem Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte die Hand aufs Herz und sagte, das Fräulein schmachtend anblickend:

»Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, daß ich eine Erklärung abgebe. Da ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, daß Sie diesen Gefühlen nicht entgegenkommen sollten.«

Er stürzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und küßte ihre Hand.

»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwöre!« rief er, hob eine Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, daß es laut knallte.

»Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf!« sagte Nadeschda Wassiljewna verlegen; »was soll das?«

Wolodin stand auf und kehrte mit gekränktem Gesicht auf seinen Platz zurück. Dort angelangt, preßte er beide Hände gegen die Brust und rief:

»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit ganzer Seele der Ihre!«

»Entschuldigen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »aber ich kann wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hören Sie nur, wie er da hinter der Tür weint.«

»Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein Hinderungsgrund zu sein,« erklärte Wolodin und streckte in gekränktem Stolz seine Unterlippe vor.

»Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden,« sagte Nadeschda Wassiljewna und stand eilig auf, »ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen Augenblick.«

Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tür stand, an der Schulter, lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tür stehen und sagte mit abgerissener Stimme:

»Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist es wirklich nötig, zu den allerstrengsten Maßregeln zu greifen!«

Mischa hatte ihre Taille umfaßt, preßte seinen Kopf in ihr Kleid und lachte und schüttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu unterdrücken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür und lachte.

»Hast du gehört, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel Wassiljewitsch,« fragte sie; »komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst nicht >Ja< sagen. Hast du verstanden?«

»Ha--ha--ha,« machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in den Mund, um nicht lachen zu müssen, aber es half nur wenig.

»Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mußt,« riet die Schwester und führte ihn an der Schulter ins Gastzimmer.

Dort drückte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekränktes Gesicht und saß da mit gesenkter Stirn, just wie ein Schaf.

»Sehen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder, »der arme Junge! Ich konnte kaum seine Tränen stillen. Ich vertrete bei ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich würde ihn verlassen.«

Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Körper bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los:

»Hu--hu--hu!«

Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und sagte:

»Wein doch nicht, Brüderchen, wein nicht so!«

Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Tränen in die Augen. Er ließ das Tuch fallen und blickte seine Schwester böse an.

»Wie, wenn der Junge wütend wird,« dachte Peredonoff, »und plötzlich beißt. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.«

Er rückte näher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm verstecken zu können. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder:

»Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.«

»Um Hand und Herz,« verbesserte Peredonoff.

»Und Herz --« wiederholte Wolodin leise, aber mit Würde.

Mischa benützte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte er:

»Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?«

Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie Ihren kleinen Bruder um Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmündiges Kind. Und wäre er auch erwachsen, so könnten Sie auch in diesem Fall sich selbständig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur, sondern setzt mich auch in Erstaunen.«

»Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,« sagte Peredonoff verdrießlich.

»Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgültig; ihn muß ich aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten können? Sie könnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du fürchtest dich doch vor diesem harten Mann?«

»Nein,« sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch hervor, »ich fürchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich fürchte nur, daß Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwöhnen wird und dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.«

»Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna,« sagte Wolodin und legte die Hand ans Herz, »ich werde ihn nicht verwöhnen. Ich denke so: einen Jungen soll man überhaupt nicht verwöhnen! Ist er satt und sauber gekleidet, so genügt das. Von Verwöhnen keine Spur. Ich kann ihn doch auch in den Winkel stellen und würde nicht daran denken, ihn zu verwöhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaßen eine Jungfrau, d. h. ein Fräulein, da ist es Ihnen naturgemäß unbequem, ich kann aber auch mitunter das Stöcklein zu Hilfe nehmen.«

»Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen,« sagte Mischa weinerlich und benutzte wieder sein Taschentuch. »Seid Ihr so! und noch dazu mit dem Stöckchen! nein, das paßt mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn nicht heiraten.«

»Da hören Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht,« sagte Nadeschda Wassiljewna.

»Ihr Vorgehen kommt mir äußerst merkwürdig vor,« sagte Wolodin, »ich komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen »nein« zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann, Gott weiß, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.«

»Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »bisher hat noch keine derartige Gefahr für die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung heiraten, und wie Sie bereits gehört haben, ist er nicht einverstanden. Es ist auch einigermaßen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich mit den ersten Worten Prügel. Da könnten Sie mich am Ende auch schlagen!«

»Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna,« rief Wolodin verzweiflungsvoll, »unmöglich glauben Sie, daß ich mir solche Roheiten werde zuschulden kommen lassen.«

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

»Ich selbst habe keinerlei Bedürfnisse zu heiraten,« sagte sie.

»Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn?« fragte Wolodin mit gekränkter Stimme.

»Oder in Tolstois Sekte und Mist führen,« verbesserte Peredonoff.

»Warum sollte ich irgendwohin gehen?« sagte Nadeschda Wassiljewna streng und erhob sich, »ich hab es hier sehr gut.«

Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte:

»Da nun Mischa aus seinen Gefühlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da ferner Sie -- wie es zutage liegt -- ihn um Erlaubnis bitten, so kommt es folgerichtig heraus, daß ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben muß, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schüler so zu mir verhält!«

»Nein, warum denn?« entgegnete Nadeschda Wassiljewna, »das ist wieder eine Sache für sich.«

Peredonoff dachte, es wäre vielleicht doch noch möglich das Fräulein umzustimmen und sie würde schließlich ihr Jawort geben. Er sagte finster:

»Nadeschda Wassiljewna, überlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er ist ein guter Mensch, er ist mein Freund!«

»Nein,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »da gibt's nichts weiter zu bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch für den ehrenvollen Antrag, kann ihn aber nicht annehmen.«

Peredonoff blickte böse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: »Wolodin ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein Fräulein in sich verliebt zu machen.«

Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte vorwurfsvoll:

»So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es sich so verhält,« -- er machte eine Handbewegung -- »dann wünsche ich Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jüngling liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott weiß es! Nichts zu machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.«

»Einen tüchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer weiß, auf wen Sie hereinfallen werden,« sagte Peredonoff belehrend.

»O weh,« rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tür gehen. Dann besann er sich eines andern, beschloß großmütig zu sein und kehrte zurück, um dem Fräulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den Unglücksstifter Mischa bedachte er mit einem versöhnlichen Händedruck.

* * * * *

Auf der Straße brummte Peredonoff böse. Wolodin räsonierte ununterbrochen mit gekränkter, blökender Stimme.