Part 12
»Ha-ha-ha!« stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust nicht bezwingen. »Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!«
Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina. Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches Lachen hervor.
»Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon Borisowitsch,« sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die Schulter, »viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten könnten?«
»Nun verhalten Sie sich _so_ zu der Sache. Wenn aber was dahinter steckt, wer wird die Verantwortung tragen?« fragte Peredonoff.
»Ha-ha-ha!« lachte Chripatsch, »was für Folgen befürchten Sie denn?«
»Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,« sagte Peredonoff.
Chripatsch wurde ernst und sagte:
»Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.«
* * * * *
Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.
Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule, daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des Direktors gehört, -- er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit, seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.
Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer -- ein Priester -- und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht. Dann lachte Chripatsch und sagte:
»In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu unterrichten, und stellen Sie sich vor, -- ständig lachen seine Jungen. Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist, und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.«
Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung über Peredonoff etwas antwortete.
Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können, -- und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.
Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten ausnahm.
Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden Gang, daß er Kopfweh hatte.
Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:
»Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden sie nicht?«
Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele, denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und sagte:
»O ja, stramme Jungens!«
Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele es ihm just ein:
»Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er sich zusammen? Wird er leicht müde?« fragte er nachlässig und mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.
Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und sagte:
»Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.«
Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich aus dem Saal.
Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah. Chripatsch trat auf sie zu:
»Aber Pjilnikoff,« sagte er, »warum lehnen Sie so nachlässig an der Wand?«
Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.
»Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie überhaupt nicht turnen,« fragte Chripatsch streng.
»Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!« sagte Sascha erschreckt.
»Eins von beiden,« fuhr Chripatsch fort, »entweder Sie bleiben überhaupt von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß der Stunden in mein Arbeitszimmer.«
Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.
»Hereingefallen,« sagten ihm die Kameraden, »er wird dir bis zum Abend die Leviten lesen.«
Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins Arbeitszimmer.
Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend an und fragte:
»Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich? Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht gut, daß Sie turnen?«
»Nein, Herr Direktor,« antwortete Sascha -- und er wurde ganz rot und verlegen, »ich bin vollständig gesund.«
»Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,« entgegnete Chripatsch, »daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen. Sollte ich mich versehen haben?«
Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick des Direktors. Er stammelte verlegen:
»Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.«
Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.
»Sehen Sie,« sagte Chripatsch, »Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich doch!«
Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:
»Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie sind sehr müde.«
Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte schnell:
»Ich bin wirklich nicht müde.«
»Setzen Sie sich, setzen Sie sich,« wiederholte Chripatsch und schob ihm einen Stuhl hin.
»Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,« beteuerte Sascha.
Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte sich ihm gegenüber und sagte:
»Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen. Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.
Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.
Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes Zeugnis ausstellen können.
Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:
»Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.«
* * * * *
Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch, nur spärlich wurde das Billard besucht, -- und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren, ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten. Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt Prügel, -- und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, -- er hatte erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff, gehörig durch.
In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues Wesen.
XIV
Das Gerücht, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen, eilte auf Windesflügeln durch die Stadt. Die Rutiloffsche Familie erfuhr ganz zuerst davon. Ludmilla -- sie war sehr neugierig -- bemühte sich, jede Neuigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Eine brennende Neugierde plagte sie Pjilnikoff kennen zu lernen. Es war unbedingt notwendig, sie mußte diesen verkleideten Schelm sehen. Mit der Kokowkina war sie bekannt. Eines schönen Abends sagte sie zu den Schwestern:
»Ich gehe mir das Fräulein ansehen!«
»Alles mußt du begaffen!« rief Darja böse.
»Sie hat sich schön gemacht,« bemerkte Valerie und lachte verhalten.
Es ärgerte die beiden anderen, daß _sie_ nicht auf diesen Gedanken gekommen waren: zu dritt konnten sie unmöglich hin. Ludmilla hatte sich feiner angekleidet als sonst, -- warum eigentlich, wußte sie selber nicht. Uebrigens hatte sie es gern, hübsche Kleider zu tragen und war in dieser Beziehung freimütiger als die Schwestern: die Arme ließ sie bloß, hatte einen tieferen Halsausschnitt, ihr Rock war kürzer, ihr Schuhwerk eleganter, die fleischfarbenen Strümpfe dünner und durchsichtiger. Zu Hause ging sie mit Vorliebe im Unterrock herum, trug ihre Schuhe über den bloßen Füßen, -- und sowohl ihr Hemd als ihr Unterrock waren fast zu elegant.
Draußen war es kalt und windig, welke Blätter schwammen in allen Pfützen. Ludmilla ging schnell und spürte die Kälte kaum trotz ihres leichten Mantels.
Die Kokowkina und Sascha tranken Tee. Ludmilla musterte sie mit blitzenden Augen, -- aber da gab es wenig zu sehen, sie saßen hübsch bescheiden am Tisch, tranken ihren Tee, aßen Weißbrot dazu und plauderten. Ludmilla küßte die Kokowkina und sagte:
»Ich komme in einer besonderen Angelegenheit zu Ihnen, liebste Olga Wassiljewna. Aber davon später. Erst möchte ich etwas Tee trinken um mich zu erwärmen. O -- was sitzt denn da für ein Jüngling!«
Sascha errötete und machte eine ungeschickte Verbeugung; die Kokowkina stellte ihn vor. Ludmilla setzte sich an den Tisch und erzählte lebhaft einige Neuigkeiten. In der Stadt wurde sie gerade deswegen geschätzt, denn sie wußte alles und verstand nett und bescheiden zu erzählen. Die Kokowkina saß fast immer zu Hause, freute sich daher über diesen Besuch und machte die liebenswürdige Wirtin. Ludmilla plauderte lustig, lachte, sprang auf, um diesen oder jenen nachzumachen, und streifte dabei Sascha. Sie sagte:
»Sie müssen es doch einsam haben, liebste Freundin, immer nur zu Hause sitzen mit diesem kleinen Gymnasiasten. Besuchen Sie uns doch einmal.«
»O, das kann ich nicht,« antwortete die Kokowkina; »ich bin viel zu alt, um Besuche zu machen.«
»Es handelt sich doch nicht um einen feierlichen Besuch,« sagte Ludmilla zärtlich; »kommen Sie und bleiben Sie ein wenig, ganz wie zu Hause, das ist alles. Dieser Jüngling hier ist ja Gott sei Dank den Windeln entwachsen.«
Sascha machte ein gekränktes Gesicht und wurde rot.
»So ein Bengel!« neckte Ludmilla und stieß ihn ein wenig in die Seite; »warum unterhalten Sie mich garnicht?«
»Er ist noch jung,« sagte die Kokowkina, »und sehr schüchtern.«
Ludmilla sah sie an und lächelte:
»Ich bin auch verlegen,« sagte sie.
Sascha lachte und sagte einfach:
»Was nicht gar, sind Sie verlegen?« Ludmilla lachte aus vollem Halse. Ihr Lachen klang stets wie süße, leidenschaftliche Freude. Wenn sie lachte, wurde sie immer rot, ihre Augen blickten schelmisch und fast schuldbewußt und vermieden es, irgend einen aus der Gesellschaft anzusehen. Sascha verlor ein wenig die Fassung, dann rechtfertigte er sich:
»Nein doch, ich wollte damit nur sagen, daß Sie so fröhlich sind und nicht bescheiden, ich meine nicht, daß Sie unbescheiden sind.«
Aber er fühlte, daß sich das in Worten nicht so leicht wie etwa in einem Brief ausdrücken ließ, und das verwirrte ihn. Er wurde rot.
»Was er mir für Ungezogenheiten sagt!« rief Ludmilla -- und lachte, und wurde rot, »das ist doch wirklich allerliebst!«
»Sie haben meinen Sascha ganz verlegen gemacht,« sagte die Kokowkina und blickte sowohl Sascha als Ludmilla freundlich an.
Ludmilla machte eine katzenartig wiegende Bewegung und streichelte Saschas Haar. Er lachte trotzig und hell, stieß ihre Hand leicht zurück und lief in sein Zimmer.
»Liebste Freundin, wissen Sie nicht einen Mann für mich?« sagte Ludmilla ohne jeden Uebergang.
»Ich bin doch keine Kupplerin!« antwortete die Kokowkina; aber man konnte an ihrem Gesicht sehen, daß sie mit größtem Vergnügen eine Heirat vermittelt hätte.
»Ja, was tut denn das?« entgegnete Ludmilla, »bin ich etwa keine schöne Braut? Sie brauchen sich garnicht zu schämen, mich zu verheiraten.«
Ludmilla stemmte die Hände in die Seiten und tanzte vergnügt vor der Hausfrau.
»Gehen Sie zu!« sagte die Kokowkina, »ein rechter Windbeutel sind Sie!«
Ludmilla lachte und sagte:
»Und wenn es nur vor lauter Langeweile wäre, suchen Sie mir einen Mann!«
»Was für einen wollen Sie denn haben?« fragte die Kokowkina und lächelte.
»Er muß brünett sein, liebste Freundin, unbedingt muß er brünett sein,« sagte sie schnell, »tief brünett. So tief wie ein Teich. Da haben Sie gleich eine Vorlage: -- wie Ihr Pensionär, er muß ebenso schwarze Augenbrauen haben und ebensolche Augen, sein Haar muß bläulichschwarz sein und seine Wimpern ganz dicht, ganz dunkelschwarze Wimpern. Er ist ein hübscher, ein sehr, sehr hübscher Junge! Sehen Sie, -- verschaffen Sie mir so einen.«
Bald darauf verabschiedete sich Ludmilla. Es wurde schon dunkel. Sascha begleitete sie.
»Aber nur bis zur Droschke!« bat Ludmilla mit weicher Stimme und blickte Sascha zärtlich an. Er wurde rot und verlegen.
Auf der Straße wurde Ludmilla wieder lustig und begann den Jungen auszufragen:
»Sind Sie auch hübsch fleißig? Lesen Sie auch bisweilen?«
»Das tue ich wohl,« antwortete Sascha, »weil ich sehr gerne lese.«
»Andersens Märchen?«
»Ueberhaupt keine Märchen, sondern allerlei andere Bücher. Ich liebe die Weltgeschichte und Gedichte.«
»Also Gedichte! Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter?« fragte Ludmilla streng.
»Natürlich Nadson,« sagte Sascha aus tiefster Ueberzeugung, als wäre eine andere Antwort überhaupt nicht möglich gewesen.
»So, so!« sagte Ludmilla aufmunternd. »Ich liebe auch Nadson, aber nur am Morgen, am Abend lieb' ich es, mich schön zu machen. Und was ist Ihre liebste Beschäftigung?«
Sascha blickte sie freundlich an, plötzlich kamen Tränen in seine Augen, und er sagte ganz leise:
»Ich liebe so sehr zärtlich zu sein!«
»So ein zartes Pflänzchen,« sagte Ludmilla und umfaßte seine Schultern, »er will zärtlich sein! Lieben Sie auch zu baden?«
Sascha lachte auf. Ludmilla forschte weiter:
»In warmem Wasser?«
»Ganz einerlei -- in warmem und in kaltem,« sagte der Junge verschämt.
»Und was für eine Seife lieben Sie?«
»Glyzerinseife.«
»Essen Sie gerne Weintrauben?«
Sascha lachte:
»Wie komisch Sie sind. Das sind doch ganz verschiedene Sachen und Sie fragen so, als wäre eins so gut wie das andere. Ich laß mich nicht so leicht hinters Licht führen.«
»Was hätte ich auch davon!« sagte Ludmilla lächelnd.
»Ich weiß schon, daß Sie es lieben, einen zu necken.«
»Woher wissen Sie das?«
»Alle sagen es,« meinte Sascha.
»Sieh mal an, Sie lieben also zu klatschen!« sagte Ludmilla streng.
Sascha wurde rot.
»Da ist schon eine Droschke! -- Droschke!« rief sie laut.
»Droschke!« rief auch Sascha.
Die Droschke holperte über das Pflaster und fuhr vor. Ludmilla nannte ihre Adresse. Der Kutscher dachte nach und verlangte 40 Kopeken. Ludmilla sagte:
»Wo denken Sie hin! Es ist doch ganz nah. Sie scheinen den Weg nicht zu kennen.«
»Wieviel wollen Sie geben?« fragte der Kutscher.
»Just die Hälfte. Wählen Sie welche Sie wollen!«
Sascha lachte.
»Ein lustiges Fräulein!« sagte der Kutscher und grinste, »legen Sie noch einen Fünfer zu.«
»Danke für die Begleitung, lieber Junge,« sagte Ludmilla, drückte fest Saschas Hand und setzte sich in die Droschke.
Sascha lief nach Hause und dachte fröhlich an das fröhliche Mädchen.
Ludmilla kam sehr vergnügt nach Hause, sie lächelte und schien an etwas Lustiges zu denken. Die Schwestern erwarteten sie. Sie saßen im Speisezimmer an dem runden Tisch, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem weißen Tischtuch blinkte eine braune Flasche Sherry-Brandy aus Kopenhagen und hell glänzte ihr mit süßer Flüssigkeit behafteter Hals. Rings um die Flasche standen Teller mit Aepfeln, Nüssen und türkischer Marmelade.
Darja hatte einen kleinen Strich; ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar zerzaust und sie war nur halb angekleidet. Sie sang sehr laut. Ludmilla hörte schon von weitem den vorletzten Vers des bekannten Liedchens:
Wo blieb die Flöte, wo das Kleid? Die Lippen sind zum Kuß bereit. Scham weicht der Furcht, Furcht weicht der Scham -- Das Hirtenmädchen schluchzt vor Gram: Vergiß, was du gesehn!
Auch Larissa saß am Tisch, -- vornehm und ruhig-freundlich, sie aß einen Apfel, den sie zuvor mit einem Fruchtmesser in Scheiben geschnitten hatte. Sie lachte:
»Nun, hast du sie gesehen,« fragte sie.
Darja hörte auf zu singen und sah Ludmilla an. Valerie stützte ihren Kopf auf den Arm, steckte den kleinen Finger vor, neigte den Kopf und versuchte Larissas Lächeln nachzuahmen. Es gelang ihr schlecht, denn sie war schmächtig, subtil, und ihr Lächeln war unruhig. Ludmilla goß sich roten Kirschlikör in ein Gläschen und sagte:
»Dummheiten! Ein echter Bengel wie er sein muß, und er ist sehr sympathisch. Tief brünett, blitzende Augen, dabei unschuldig wie ein neugebornes Kind.«
Und plötzlich lachte sie hell auf. Die Schwestern sahen sie an, und dann lachten alle.
»Ach, es lohnt sich ja gar nicht zu sprechen, das ist so eine von Peredonoffs Verrücktheiten,« sagte Darja, winkte mit der Hand und dachte dann eine Weile nach. Sie hatte ihre Arme auf den Tisch gestützt und hielt den Kopf gesenkt. »Wollen wir singen,« sagte sie und begann mit durchdringender Stimme zu singen.
Aus ihrem Geschrei klang eine dumpfe, erzwungene Begeisterung. Hätte man einen Toten unter der Bedingung zum Leben erweckt, daß er immer nur singen dürfe, so hätte er ein ähnliches Geheul angestimmt. Die Schwestern waren schon längst an diese Art Musik gewöhnt; wenn Darja nicht mehr nüchtern war, sang sie immer so, und manchmal fielen die Schwestern ein und schrien mit Absicht recht laut und durchdringend.