Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 9

Chapter 94,040 wordsPublic domain

Nach einer Weile sah sich der Hodscha um, und da sah er, daß er anstatt eines Esels einen Menschen angehalftert führte. »Wer bist du?« fragte er ihn. »Ich bin dein Esel,« sagte der Gassenjunge, »und bevor ich ein Esel geworden bin, war ich ein Mensch; weil ich aber eines Tages meinen Eltern Kummer bereitet habe, haben sie mich verflucht und ich bin ein Esel geworden. Zuerst hat man mich an einen Bäcker verkauft, dann an einen Gärtner, und zum Schlusse habt Ihr mich gekauft. Eben jetzt, als Ihr mich hinter Euch herzogt, haben mich meine Eltern auf der Straße gesehn; sie hatten Mitleid mit mir und baten Gott und, siehe da, auf einmal bin ich wieder ein Mensch geworden!«

Verdutzt griff der Hodscha in seinen Bart und sagte nach einer kurzen Überlegung: »Was du da sagst, ist ja nicht unglaublich, wenn es auch nicht gerade mich hätte treffen müssen. Geh also, mein Kind, und betrübe deine Eltern künftighin nicht mehr.« Und damit entließ er ihn.

Da er aber ohne Esel nicht sein konnte, ging er auf den Markt, um einen zu kaufen. Dort sah er nun den seinigen, wie er von dem Ausrufer zum Verkaufe herumgeführt wurde; er trat leise an ihn heran und sagte ihm ins Ohr: »Du bist wieder ein Esel geworden, hast also deine Eltern wieder erzürnt. Vorwärts also, komm wieder in meinen Stall; du bist nicht danach, daß du wieder ein Mensch würdest.« Und völlig überzeugt, daß der Esel der seinige sei, nahm er ihn wieder zurück.

488.

Der Hodscha wollte seinen Esel verkaufen; er führte ihn hinaus und übergab ihn dem Ausrufer. Der beschrieb, indem er ihn herumführte, seine Vorzüge, daß er brav, jung, kräftig, schnell usw. sei. Die Käufer, die das hörten, überboten einander; da nun aber auch der Hodscha glaubte, sein Esel habe diese Vorzüge tatsächlich, wollte er nicht, daß er in fremde Hände komme, und begann auch selber mitzubieten. Und so blieb ihm schließlich der Esel; er nahm ihn also und führte ihn wieder nach Hause und erzählte die ganze Geschichte seiner Frau.

Die hatte an eben diesem Tage Lust nach Schlagsahne gehabt und hatte, während ihr der Milchhändler die Sahne zuwog, verstohlen und ohne daß er es bemerkt hätte, ihre goldenen Armbänder von den Händen gezogen und sie in die Wagschale zu den Gewichten geworfen, um den Milchhändler zu betrügen und mehr Sahne zu erhalten. Das mußte sie dem Hodscha erzählen und der sagte nun zu ihr: »Sehr gut, Frau; so wollen wir denn fortan alle beide unser Hauswesen fördern: ich draußen und du daheim.«

489.

Der Hodscha ging einmal in ein Bad. Die Wärter gaben ihm ein altes Badetuch[11] und ein beschmutztes baumwollenes Reibzeug[12] und behandelten ihn nicht so, wie es sich gehört hätte. Der Hodscha sagte nichts, hinterließ aber, als er aus dem Bade wegging, auf dem Spiegel zehn Asper, einen Betrag, den damals nur sehr reiche Leute geben konnten, und darüber waren die Wärter sehr erstaunt.

Nach einer Woche ging er wieder in dasselbe Bad, und nun setzten die Wärter eine Ehre darein, ihm alle Aufmerksamkeit und Hochachtung zu erzeigen. Der Hodscha sagte wieder nichts, hinterließ aber beim Weggehn nur einen Asper auf dem Spiegel. Wieder wunderten sich die Wärter, und sie sagten zu ihm: »Was ist das?«

Er antwortete ihnen: »Dieser eine Asper ist die Bezahlung für das Bad in der vergangenen Woche; die zehn Asper, die ich euch in der vergangenen Woche gegeben habe, sind die Bezahlung für das heutige.«

490.

Der Hodscha kaufte einmal auf dem Markte Gemüse und warf es in seinen Sack; dann bestieg er seinen Esel, um heimzukehren, und nahm den Sack auf seine Schultern. Unterwegs begegnete ihm einer und der fragte ihn, warum er den Sack nicht dem Esel auflege, sondern ihn selber trage.

Er antwortete: »Damit das arme Tier nicht gar zu müde wird.«

491.

Einer gab dem Hodscha ein Hemd, damit er es auf dem Markte verkaufe. Das Hemd war aber gestohlen, und das wußte der Hodscha. Auf dem Markte wurde nun in der großen Menge dem Hodscha das Hemd gestohlen.

Als er zurückkam fragte ihn der, der ihm das Hemd gegeben hatte, um wie viel er es verkauft habe, und der Hodscha antwortete: »Der Markt war heute sehr flau, und darum habe ich es um deinen Preis verkauft, um so viel nämlich, wie du dafür gezahlt hast.«

492.

Der Hodscha brachte seinen Esel auf den Markt und übergab ihn dem Ausrufer. Es kam ein Käufer, und der wollte die Zähne des Esels betrachten, um sich über sein Alter zu unterrichten; aber der Esel biß ihn. Es kam ein anderer Käufer, und der hob ihm den Schwanz auf; aber der Esel schlug aus. Nun sagte der Ausrufer zum Hodscha: »Deinen Esel da kauft niemand; denn wer von vorn an ihn herantritt, den beißt er, und wer von hinten kommt, den schlägt er.«

»Das ist es ja,« antwortete der Hodscha; »ich habe ihn auch nicht hergebracht, um ihn zu verkaufen, sondern damit die Welt sieht, was ich die Zeit her von ihm zu leiden gehabt habe.«

493.

Einmal zankte sich der Hodscha in der Nacht mit seiner Frau, und die gab ihm in ihrer Wut einen Fußtritt, daß er die Treppe hinunterkollerte. Als es Tag geworden war, fragten die Nachbarn, die diesen Lärm gehört hatten, den Hodscha, was geschehn sei, und er antwortete, daß er mit seiner Frau einen Streit gehabt habe.

»Sehr gut,« antworteten sie, »aber was war das für ein Lärm?«

»Bei dem Streite«, sagte er, »ist meine Frau sehr zornig geworden, und da hat sie meinen Kaftan mit einem Fußtritte über die Treppe hinabgestoßen.«

Als sie ihm aber vorhielten, daß ein Kaftan, wenn er hinuntergestoßen werde, nicht imstande sei, einen solchen Lärm zu verursachen, sagte er: »Ach, warum nötigt ihr mich so? begreift ihr denn nicht, daß in dem Kaftan ich gesteckt habe?«

494.

Ein Freund ersuchte den Hodscha um ein wenig Geld und um etwas Frist. Der Hodscha antwortete: »Geld kann ich dir nicht geben, aber Frist gebe ich dir, weil du mein Freund bist, soviel du willst.«

495.

Eines Tages hatte der Hodscha seinen Esel verloren; als er ihn suchen lief, fragte er die Leute, ob sie ihn gesehn hätten, sagte aber dabei gleichzeitig: »Preis sei dem Herrn!«

Man fragte ihn, warum er Gott preise, und er antwortete: »Ich preise den Herrn, weil ich nicht oben gesessen habe; denn hätte ich oben gesessen, so wären wir unfehlbar alle beide in Verlust geraten.«

496.

Der Hodscha hatte wieder einmal seinen Esel verloren; da ließ er den Ausrufer verkündigen: »Wer denundden Esel findet, der mag ihn als Finderlohn behalten samt Halfter und Sattel.«

497.

Einer sagte zum Hodscha: »Dort tragen sie eine Gans.«

Der Hodscha antwortete: »Was geht das mich an?«

»Sie tragen sie zu dir ins Haus.«

»Was geht das dich an?«

498.

Eines Tages kaufte der Hodscha eine Leber; als er sie nach Hause trug, begegnete ihm ein Freund, und der fragte ihn, wie er sie zubereiten werde. Der Hodscha antwortete, er werde sie so zubereiten, wie man das allgemein gewöhnlich tue. »Ach nein,« sagte der Freund, »es gibt eine andere Zubereitungsart, die werde ich dich lehren, und wenn du die Leber auf diese Weise zubereitest, so wirst du sehn, was das für ein Wohlgeschmack werden wird.«

Darauf sagte der Hodscha: »Im Gedächtnis kann ich das nicht behalten; schreib mir deine Anweisung auf einen Zettel, und ich schaue dann auf das Geschriebene und koche danach.«

Wie nun der Hodscha mit neugieriger Lüsternheit heimging, riß ihm ein Falke die Leber aus der Hand und stieg damit in die Höhe. Ohne irgendwie ärgerlich zu werden, zeigte ihm der Hodscha das Rezept seines Freundes und rief ihm zu: »Du bemühst dich umsonst, die Speise bringst du ja doch nicht fertig; die Leber hast du mir wohl genommen, den Zettel aber nicht.«

499.

Der Hodscha Nasreddin hatte, wenn er einen Schüler wegschicken wollte, damit er den Krug beim Brunnen fülle, die Gewohnheit, den Schüler zuerst zu prügeln und ihm erst dann den Krug einzuhändigen. Da fragte ihn einmal einer seiner Freunde: »Warum prügelst du eigentlich den Schüler, wann du ihm den Krug gibst?«

Nasreddin antwortete ihm: »Damit er achtgibt, daß er ihn nicht zerbricht; denn wann er einmal zerbrochen ist, dann ist es unnütz, ihn zu prügeln.«

500.

In der Zeit, wo der Hodscha Nasreddin sein Feld bearbeitete, ging er jeden Morgen hin, zeigte es dem Himmel und sagte: »Herr, dies ist das Feld deines Dieners; ich bitte dich, begieße es ordentlich, damit es Frucht trage.« Damit fuhr er eine lange Zeit fort, bis eines Nachts ein Platzregen fiel; und da sagte er: »Auf meinem Felde werden jetzt Ähren wachsen, so groß wie ich.«

Nachdem er am Morgen in heller Freude aufgestanden war, ging er sein Feld besuchen; als er aber hinkam, erkannte er nicht einmal den Ort mehr. Sein Feld war nämlich an einem Gießbache gelegen, und den hatten die von oben kommenden Wassermassen so überschwemmt und so anschwellen lassen, daß Nasreddin nicht mehr wußte, wo sein Feld war. Als er sah, in was für einem Zustande es war, erhob er Augen und Hände zum Himmel und sagte: »Du bist nicht daran schuld, Herr; schuld daran bin ich Dummkopf, weil ich dir mein Feld gezeigt habe.«

501.

Eines Nachts beklettelte sich der Hodscha Nasreddin im Schlafe; als er dann am Morgen beim Erwachen sah, in was für einer Verfassung er war, sagte er zu seiner Frau, weil er sich vor ihr schämte: »Ach Weib, heute Nacht habe ich einen entsetzlichen Traum gehabt, so daß ich noch immer zittere. Da waren drei Minarete, eines auf dem andern, und in der Spitze des dritten steckte eine Nadel, und auf der Nadel war ein Tisch, und auf dem Tische saß ich, und ich habe wohl geschrien, weil sich der Tisch so bewegte, daß, wenn er gefallen wäre, auch ich mit ihm gefallen wäre, und ich hätte mich zum mindesten in tausend Stücke zerschlagen.«

Seine Frau sagte: »Wenn ich einen solchen Traum gehabt hätte, ich hätte mich sicher vor Angst beklettelt.«

Nun sagte Nasreddin: »Auch mir ist es so ergangen; aber behalte es bei dir und sag niemand etwas.«

502.

Ein Bauer, der seinen Esel verloren hatte, bat den Hodscha Nasreddin, in der Moschee zu verkündigen, daß ihn der Finder seinem Herrn zurückgeben solle. Als das allgemeine Gebet vorüber war, sagte Nasreddin: »Muselmanen, wer von euch sein ganzes Leben lang keinen Kaffee und keinen Schnaps getrunken hat, wer nie geraucht hat, wer nie Karten, Brett oder Dame gespielt hat, wer nie die Geselligkeit gesucht hat, der trete vor, damit ich ihn sehe.«

Alle, die in der Moschee anwesend waren, dachten, daß keiner dasei, wie ihn der Hodscha beschrieben habe, und daß sich niemand unterstehn werde, vorzutreten; aber es trat doch einer vor, und der sagte zum Hodscha: »Ich habe Zeit meines Lebens weder Wein, noch Kaffee getrunken, habe keinerlei Spiel gespielt und war nie in einer Gesellschaft.«

Da drehte sich der Hodscha um und rief: »Wo ist denn der, der den Esel verloren hat? Schau, da ist einer, den nimm; einen größern Esel als den wirst du nie finden.«

503.

Einmal kam ein Woiwode bei dem Dorfe des Hodschas Nasreddin vorbei; und die Einwohner schickten Nasreddin als ihren Gesandten zu ihm, damit er ihm die Huldigung aller Bauern darbringe. Als der Woiwode Wuchs und Gestalt Nasreddins sah, sagte er zu ihm: »Hat sich denn kein Mensch gefunden, den die Bauern hätten zu mir schicken können, daß sie mir dich geschickt haben?«

Unverzüglich antwortete Nasreddin: »Die Menschen, Herr, schicken sie zu den Menschen; mich haben sie zu dir geschickt.«

504.

Einer von seinen Freunden fragte den Hodscha Nasreddin: »Wie gehts dir mit deiner Armut?«

»Sehr gut,« antwortete der Hodscha.

Und der Freund fragte weiter: »Wie kann es denn einem Armen gut gehn?«

Nasreddin antwortete: »Ich habe mich daran gewöhnt, mein Freund; darum gehts mir gut.«

505.

Einmal baute der Hodscha einen Backofen. Als den seine Nachbarn besichtigten, sagte der eine, die Tür hätte nach Osten gehört, der andere nach Westen, wieder einer nach Süden, und kein einziger war mit dem Erzeugnis Nasreddins einverstanden.

Geärgert darüber riß Nasreddin den Ofen nieder und baute ihn nun auf einen Wagen. Die Nachbarn kamen wieder zur Besichtigung und begannen auch wieder zu tadeln, daß die Tür nicht die richtige Lage habe; aber als der erste sagte: »Die Tür sollte hier sein«, antwortete Nasreddin: »Wartet«, und drehte den Wagen, bis die Tür dort war, wo dieser Nachbar gesagt hatte. Und als ein anderer sagte: »Die Tür müßte dort sein«, drehte er sofort wieder den Wagen, und so tat er allen seinen Nachbarn Genüge.

Und er sagte: »Einen bessern Weg, so vielen Leuten und mir selber den Willen zu tun, habe ich nicht gefunden.«

506.

Der Hodscha kaute Mastix[13]. Als er dann zu Tische ging, nahm er das Stück Mastix aus dem Munde und klebte es auf die Nasenspitze. Einer von seinen Freunden fragte ihn: »Warum tust du das?«

Er antwortete: »Es ist ganz gut, wenn man das, was einem gehört, vor Augen hat.«

507.

Etliche Leute fragten den Hodscha Nasreddin: »Hast du deine Schuld bezahlt?«

Er antwortete: »Bezahlt nicht, aber leichter gemacht habe ich sie mir.«

»Und wie«, sagten sie, »hast du sie dir leichter gemacht, ohne sie zu bezahlen?«

Nasreddin antwortete: »Ich habe sie verjähren lassen.«

508.

Der Hodscha Nasreddin war einigen Freunden Geld schuldig, und denen sagte er immer, daß er sie am Sonntage bezahlen werde; auf diese Weise drückte er sich um die Bezahlung. Eines Tages kamen nun mehrere Gläubiger zu ihm und fragten seine Frau, wie er sie bezahlen wolle. Sie antwortete ihnen, der Hodscha habe am Tage vorher genügend viel Distelsamen gekauft, den werde er auf dem Felde aussäen, die Disteln, die davon wüchsen, die würden sie auf die Straße streuen, wo die Tiere mit den Baumwollelasten vorüberkämen, und aus dem Erlöse für die Baumwolle, die an den Disteln hängen bleiben werde, würden alle Gläubiger bezahlt werden.

Über diese Antwort der Frau lachten alle übermäßig, aber sie entgegnete darauf und sagte zu ihnen: »Jetzt lacht ihr freilich, weil ihr die Sicherheit habt, bezahlt zu werden.«

509.

Drei Männer, die ein Säckchen mit Nüssen gefunden hatten, kamen zu Nasreddin und baten ihn, die Nüsse nach Gottes Weise unter sie zu teilen. Nasreddin öffnete den Sack und gab dem einen ein paar Nüsse, dem andern etliche mehr und dem dritten alles, was der Sack noch enthielt.

Daraufhin sagten die drei zu ihm: »Du hast nicht ordentlich geteilt, Hodscha.«

Aber der Hodscha antwortete ihnen: »So teilt Gott, ihr Dummköpfe! dem einen gibt er viel, dem andern gar nichts; hättet ihr mir gesagt, ich solle sie unter euch nach Menschenweise verteilen, so hätte ich die drei Teile gleich groß gemacht.«

510.

In der Absicht, bei seinem Nachbar etliche Zwiebeln zu stehlen, stieg Nasreddin auf das Dach und versuchte, durch das Rauchloch in das Haus des Nachbars hinabzusteigen. Nun hielt er einen Schatten, den das Mondlicht machte, für einen Balken und setzte unvorsichtigerweise den Fuß darauf; so stürzte er vom Rauchloche hinunter und fiel in den Herdwinkel des Nachbars, wobei er sich den Fuß garstig brach. Auf diesen Lärm erwachte der Nachbar und er rief seinem Weibe zu, sie solle rasch Licht machen, damit er den Dieb greife.

Aber der Hodscha sagte zu ihm: »Beeile dich nicht, Nachbar; nach dem Sturze, den ich getan habe, wirst du mich nicht nur heute, sondern auch morgen hier haben.«

511.

Der Hodscha Nasreddin verkaufte die Gurken seines Gartens, und von dem dafür gelösten Gelde kaufte er einen Esel. Als er den nun einmal mit Holz beladen nach Hause trieb, glitt der Esel in einem Flusse, über den sie zu setzen hatten, aus, fiel nieder und ertrank. Ohne darüber auch nur im geringsten zornig zu werden, sagte der Hodscha: »Der aus dem Gurkengelde gekaufte Esel stirbt eben durchs Wasser.«

512.

Der Hodscha Nasreddin fragte seinen Sohn, ob er schon in seinem Leben eine süße Speise gegessen habe, und der Sohn antwortete mit Nein. Nun fragte ihn der Hodscha von neuem: »Was ist denn dann das, was du alle Tage ißt?« Der Junge antwortete: »Trockenes Brot.« Und Nasreddin sagte zu ihm: »Und glaubst du denn, daß es auf der Welt noch eine süßere Speise gibt als das trockene Brot?«

513.

Der Hodscha Nasreddin saß einmal in einem Garten, und da betrachtete er, wie schwach die Wurzeln der Kürbisse und Melonen seien im Gegensatze zu der Größe der Kürbisse und Melonen; und da er im Schatten eines Nußbaumes saß, fiel es ihm auf, daß umgekehrt der Nußbaum so groß und die Nüsse so klein seien. Und er sagte zu sich: »Eine merkwürdige Sache! Gott hat sich doch bei seiner Schöpfung wenig Mühe gemacht; sonst hätte er nicht die Kürbisse und Melonen, die nach ihrer Größe an großen Bäumen wachsen sollten, an kleinen Pflanzen geschaffen, die Nüsse aber, die ganz klein sind, umgekehrt an großen Bäumen.«

Während er noch diesen Gedanken und Zweifeln nachhing, fiel plötzlich durch einen starken Windstoß eine Nuß mit Heftigkeit vom Baume und traf ihn an der Stirn; das verursachte ihm einen außerordentlichen Schmerz, und nun sagte er: »Ach, Gott hat schon gewußt, was er tat, und ich habe es schlecht bedacht; denn wäre die Nuß, die heruntergefallen ist und mich getroffen hat, ein Kürbis oder eine Melone gewesen, dann weh mir! sie hätte mir wahrhaftig den Kopf zertrümmert.«

514.

Eines Nachts ging der Hodscha Nasreddin aus, um in einem Laden zu stehlen, und nahm eine Feile mit. Er feilte gerade an dem Schlosse der Ladentür, als zufällig einer seiner Freunde daherkam; und der fragte ihn: »Was machst du da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich spiele Geige.«

Nun fragte ihn sein Freund: »Aber man hört ja keinen Klang von deiner Geige?«

Nasreddin antwortete ihm: »Morgen wirst du schon den Klang hören.«

Am Morgen hörte er dann, daß der Laden von demunddem in dieser Nacht ausgeraubt worden war.

515.

In dem Viertel, wo der Hodscha Nasreddin wohnte, war ein Backofen, und den besuchte der Hodscha manchmal gegen Mittag und zog den Wohlgeruch der verschiedenen Braten ein.

Eines Morgens brachte nun der Mulazim[14] eine Gans und übergab sie dem Garkoch, damit sie zu Mittag fertig sei. Als sie gebraten war, nahm sie der Garkoch aus dem Ofen und legte sie zusammen mit den andern Speisen auf die

Bank; und er wartete auf den Mulazim, um sie ihm zu übergeben. Um diese Stunde kam dort Nasreddin vorbei, der damals der Kadi des Dorfes war, und er blieb vor dem Backofen stehn, um die Speisen zu bewundern; aber mehr als alles andere schien die Gans seine Lust zu reizen, und er fragte den Garkoch, wem sie gehöre.

»Dem Mulazim, Effendi,« antwortete der Garkoch.

»Schick sie sofort zu mir,« befahl der Hodscha.

»Aber was mach ich dann mit dem Mulazim? Was gebe ich ihm, wann er kommt?«

»Schick sie augenblicklich zu mir, sage ich dir,« sagte der Hodscha beharrlich und fuhr fort: »Es ist besser für dich, du hast den Kadi zum Freunde als den Mulazim. Schick sie und du wirst es nicht bereuen.«

»Aber was sage ich dem Mulazim, wann er kommt?«

»Dem sagst du,« antwortete der Hodscha, »daß sie inwendig aus dem Ofen weggeflogen ist, und kümmere dich weiter um nichts.«

Als der Garkoch die Beharrlichkeit des Kadis sah, schickte er ihm die Gans ins Haus, weil er ihn nicht verdrießlich machen wollte.

Nach fünf Minuten erschien der Mulazim und verlangte seine Gans.

Mit der unschuldigsten Miene nahm der Garkoch die Schaufel und fuhr damit in den Ofen, um scheinbar die Gans zu suchen; er drehte sie hieher, er drehte sie dorthin, aber umsonst.

»Merkwürdig,« sagte er, immer herumstöbernd, »sie muß weggeflogen sein.«

»Vorwärts, mach schnell,« entgegnete der Mulazim; »es ist meine Essenszeit und ich habe einen teuflischen Hunger.«

Aber die Gans kam nicht zum Vorschein.

Der Mulazim hatte unterdessen zu schreien angefangen, der Garkoch stocherte fortwährend weiter, wobei er immer wiederholte, die Gans scheine davongeflogen zu sein, und vor der Bank sammelte sich eine Menge Leute an. Schließlich verlor der Mulazim die Geduld und er stürzte sich auf den Garkoch; der riß die Schaufel aus dem Ofen, um sich damit zu verteidigen, aber dabei flog der Schaufelgriff einem Juden, der dabeistand, ins Gesicht und schlug ihm ein Auge aus.

Als der Garkoch sah, in welch schlimmer Lage er war, sprang er über die Bank und lief, um sich zu retten; aber ihm setzte nicht nur der Mulazim nach, sondern auch der Jude und die Freunde des Juden.

Auf dem Wege war eine Haustür offen und dort lief er hinein, um sich zu verbergen. In dem Hofe saß aber eine schwangere Frau, und als die sah, wie er plötzlich hereinstürzte und was für eine Menge ihn verfolgte, erschrak sie und tat eine Fehlgeburt.

Der Garkoch versteckte sich in einen Winkel, um nicht gefangen zu werden; aber zu denen, die ihn schon gejagt hatten, gesellten sich nun noch die Verwandten der Frau. Das Haus hatte zum Glücke auch eine Hintertür; durch die lief der Garkoch hinaus, die ganze Menge hinter ihm, und er rannte in eine Moschee, um sich zu retten, und stieg auf das Minaret. Da sie ihm aber auch dorthin nachkamen, warf er einen Blick hinunter; und weil er bedachte, daß sie, wenn er dort bliebe, heraufkommen und ihn niedermachen würden, stürzte er sich vom Minaret hinunter auf das Pflaster, just auf einen jüdischen Geldwechsler, der dort gebückt auf seiner Bank saß, und der war auf der Stelle tot.

Nun erreichten ihn seine Verfolger, und sie schleppten ihn vor den Kadi. Der hatte sich eben zu Tische gesetzt, um die Gans zu verzehren.

Sie fingen alle miteinander zu schreien an, was jeder von dem Garkoch erlitten hatte. »Still, der Reihe nach,« sagte streng der Hodscha, der augenblicklich den Tisch verließ und in sein Amtszimmer ging, wo das große heilige Buch war, nach dem er Recht sprach; und er sagte zu dem Mulazim: »Was willst du von dem Manne da?«

»Effendi, am Morgen habe ich ihm eine Gans gebracht, damit er sie brate, und jetzt sagte er mir, sie sei weggeflogen. Ich verlange, daß er mir meine Gans wiedergibt.«

Der Hodscha öffnete sofort das Buch, wandte einige Blätter um und las vor, daß alle hundert Jahre einmal ein solches Wunder geschehe, und es seien gerade hundert Jahre, seitdem das letzte geschehn sei; und glückselig sei der zu preisen, der dabei die Gans verloren habe, weil die ins Paradies geflogen sei und ihn dort erwarte.

Freudestrahlend entfernte sich der Mulazim. Als zweiter kam der Jude mit dem ausgeschlagenen Auge.

»Effendi, der Garkoch hat mir mit der Schaufel das Auge ausgeschlagen.«

Der Hodscha blätterte wieder in dem Buche und las, es sei natürlich recht und billig, daß sich nun der Garkoch hinstelle, damit ihm der Jude ein Auge ausschlage; weil aber nach dem Buche ein Auge eines Osmanen so viel wert sei, wie zwei eines Juden, müsse sich der Jude zuerst hinstellen, damit ihm der Garkoch auch noch das andere ausschlage, und dann dürfe er dem Garkoch eines ausschlagen. Der Hodscha hatte seinen Spruch noch nicht beendigt, so war der Jude schon unsichtbar geworden.

Als dritter kam der Gatte der Frau, die die Fehlgeburt getan hatte. Über diesen Fall schrieb das Buch, daß der Garkoch mit der Frau ein andres Kind machen solle. Es ist begreiflich, daß es auch der dritte Kläger vorzog, sich davonzumachen.

Zum Schlusse kam der Bruder des erschlagenen Geldwechslers.

Wieder wandte der Hodscha die Blätter um, und er fand, daß der Kläger den Garkoch auf dieselbe Weise töten solle: der Garkoch müsse sich nämlich unter das Minaret setzen, und er solle sich von oben auf ihn fallen lassen und ihn also töten.

Nachdem daher auch der letzte Reißaus genommen hatte, dankte der Garkoch dem Hodscha; und jetzt erinnerte er sich der Worte des Hodschas, daß es für ihn besser sei, den Kadi als den Mulazim zum Freunde zu haben.

Anmerkungen

literatur- und stoffgeschichtlichen Inhalts

II. Arabische Überlieferungen

1. Aus dem Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha

339. _Nawadir_, S. 2 (Basset _RTP_, XVI, S. 458); Buadem, Nr. 84; _Tréfái_, Nr. 124; Serbisch, S. 80 ff.; Kroatisch, S. 51.

Als älteste Version nennt Basset am angegebenen Orte eine Erzählung al Masudis[15] in den _Prairies d’or_, Paris, 1861 ff., V (Basset schreibt VII), S. 390 ff. von einem Araber der Wüste und von Haddschadsch, dem Feldherrn Abdulmeliks (685-705); vgl. aber auch Bar-Hebraeus, S. 151, Nr. 602.

340. _Nawadir_, S. 2 (_RTP_, XVI, S. 459).