Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 8

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Als es nun völlig still geworden war, rief Nasreddin, sie sollten das Faß aufheben und ihn herauslassen; aber vergebens: es meldete sich niemand. Und seine ganze Stärke nutzte ihm nichts; er mußte warten, bis jemand nach Hause kommen werde. Erst in der Dämmerung kamen die Frau und die andern heim, und sie hatten eine schwere Mühe, daß sie die Steine vom Fasse herunterbekamen; und sie erstaunten, wie gründlich das Haus durchstöbert und ausgeplündert worden war. Nasreddin war, als er aus seinem Kerker befreit wurde, schier ohnmächtig, weil er nicht Luft genug gehabt und den ganzen Tag nichts gegessen hatte.

Im Gesichte war er, wie er gewesen war, und die schönsten Sachen waren gestohlen und weggetragen, und von den Zigeunerinnen war keine Spur und kein Laut. Jetzt sah er ein, daß er samt seiner Schlauheit der Gefoppte war.

VIII.

Serbische Überlieferungen

456.

Die Frau Nasreddins bekam einmal einen Anfall von Schüttelfrost, und da bat sie ihn, einen Arzt zu holen; er sprang sofort auf und ging. Als er aber schon im Flur war, rief ihm die Frau aus dem Fenster zu: »Es ist nicht mehr notwendig, den Arzt zu rufen; ich bin nicht mehr krank.«

Der Hodscha ging jedoch trotzdem zu dem Arzte und sagte zu ihm: »Meine Frau ist krank geworden und hat mich gebeten, einen Arzt zu holen. Als ich dann schon im Flur war, hat sie mir zugerufen, daß sie keines Arztes mehr bedarf. Ich bin aber trotzdem gekommen, um dir zu sagen, daß du nicht mehr zu kommen brauchst.«

457.

Als die Frau des Hodschas Nasreddin gestorben war, konnte man ihm keine Trauer anmerken. Nach einiger Zeit verendete ihm aber ein Pferd, und das machte ihn so traurig, daß er längere Zeit nicht aus dem Hause ging.

Da kamen die Leute zu ihm und fragten ihn, warum ihm um das Pferd mehr leid sei, als um die Frau, und er antwortete ihnen: »Als mir die Frau gestorben ist, sind die Nachbarn gekommen und haben mir Trost zugesprochen: ›Freund, mach dir nichts daraus, daß deine Frau tot ist; wir werden dir eine bessere und schönere finden‹, und was weiß ich noch. Seit mir aber mein Pferd fehlt, ist noch niemand gekommen, der mir gesagt hätte, er werde mir ein bessers Pferd verschaffen. Drum ist mir um mein Pferd mehr leid als um meine Frau.«

458.

Eines Tages wurde der Hodscha Nasreddin auf dem Wege von Räubern angefallen; sie nahmen ihm sein Pferd, seine Kleider und sein Geld und dann begannen sie ihn zu schlagen.

»Warum schlagt ihr mich?« fragte sie Nasreddin; »ich habe wohl zu wenig Geld bei mir, oder ihr habt etwa zu lange auf mich warten müssen?«

459.

Einmal fiel Nasreddin in eine Kotlache und bemühte sich vergebens herauszukommen. Schließlich sprach er bei sich: »Ich werde da nie herauskommen können, wenn ich mich nicht bei den Haaren packe und mich herausziehe.«

460.

Eines Nachts wurde Nasreddin von seiner Frau aus dem tiefsten Schlafe geweckt, und sie sagte zu ihm: »Das Kind weint schon seit einer Stunde. Wiege es ein wenig; eine Hälfte des Kindes gehört doch dir.«

»Meine Hälfte soll weiter weinen,« antwortete Nasreddin; »wiege du nur deine Hälfte.« Damit kehrte er sich zur Wand und schlief ein.

461.

Nasreddin begegnete einmal einem Freunde, den er schon lange nicht gesehn hatte, und der fragte ihn im Gespräche: »Wie gehts dir denn jetzt.«

Nasreddin antwortete: »Nun, ganz gut; mein ganzes Geld steckt in Getreide, was ich an Getreide habe, steckt in Mehl, was ich an Mehl habe, steckt in Brot, und was ich an Brot habe, ist alles in meinem Bauche.«

462.

Als der Hodscha Nasreddin eines Tages in der Moschee auf die Kanzel stieg, richtete einer, in der Meinung, der Hodscha werde antworten können, eine Frage an ihn; aber Nasreddin antwortete ihm, daß er es nicht wisse. Darauf sagte der Fragesteller: »Wenn du das nicht weißt, warum bist du dann so hoch hinaufgestiegen?«

Und Nasreddin gab ihm zur Antwort: »Ich bin so hoch hinaufgestiegen nach dem Maße dessen, was ich weiß; sollte ich aber nach dem hinaufsteigen, was ich nicht weiß, dann, Bruder, würde ich bis in den Himmel kommen.«

463.

Eines Nachts hatte der Hodscha einen wunderbaren Traum, und am Morgen ging er sofort zum Kadi. Auf dessen Frage, warum er gekommen sei, antwortete er: »Ich habe heute Nacht einen wunderbaren Traum gehabt.«

»Ists möglich? ists möglich?« staunte der Kadi; »was hast du denn geträumt?«

»Mir hat geträumt, daß du und ich unsere Häuser getauscht haben, und ich habe dir hundert Asper aufgezahlt. Da nun heute alles verkehrt zu verstehn ist, so bleibt mir mein Haus und dir das deine, und ich bitte dich, daß du mir die hundert Asper gibst.«

464.

Einmal pflanzte der Hodscha Zwiebeln, und da bespuckte er jede Knolle, bevor er sie in die Erde steckte. Als man ihn fragte, warum er das mache, antwortete er: »Nun, ich begieße sie, und das bekommen sie von mir mit; das übrige sollen sie vom Herrgott verlangen.«

465.

Der Hodscha ging einmal ins Dorf zu einem Freunde und saß bei ihm von Mittag bis Mitternacht; niemand kümmerte sich dort um ihn, und nicht das geringste wurde ihm angeboten. Da fing er zu gähnen an und setzte das so lange fort, bis ihn sein Freund fragte: »Hodscha, woher kommt das Gähnen?«

»Es sind da zwei Ursachen,« antwortete Nasreddin: »die eine ist der Hunger, die andere ist die Schläfrigkeit; aber schläfrig bin ich nicht.«

466.

Der Hodscha wurde gefragt: »Was wünschst du deiner Frau?«

»Wenn sie krank werden sollte, so gebe Gott, daß ich statt ihrer erkrankte; aber wenn die Zeit kommt, daß ich sterben soll, so gebe Gott, daß sie statt meiner sterbe.«

467.

Nasreddin hatte eine Tür inmitten des Feldes gebaut, so daß er sie von seinem Hause sehn konnte; den Schlüssel verwahrte er zu Hause. Seine Frau fragte ihn, was das für ein Schlüssel sei, und er sagte, was er gemacht hatte, und fuhr fort: »Ich habe diese Tür gebaut, um die ehrlichen Leute von den unehrlichen unterscheiden zu können; die guten werden von weitem herumgehn, die schlechten aber werden geradewegs auf die Tür zugehn.«

Einige Tage später sah Nasreddin, daß neun Leute feldein auf die Tür zuschritten. Er ging sofort zu ihnen und fragte sie: »Wohin, Leute?«

»Wir haben Geschäfte,« antworteten sie; »was gehts dich übrigens an, daß du es wissen mußt?«

»Ihr seid Diebe und geht stehlen,« antwortete ihnen Nasreddin. »Nehmt mich auf in euere Gesellschaft; sonst werde ich euch als Diebe angeben.«

Nun waren die Leute wirklich Diebe, und sie waren sehr erstaunt, daß der Hodscha die Wahrheit erraten hatte; sie sagten zu ihm: »Es ist so; wir sehn, du weißt, was die Leute denken und womit sie sich beschäftigen. Komm also mit uns, wir wollen unser zehn sein.«

Als sie ins nächste Dorf kamen, sahen sie eine Hirtin mit ihrer Schafherde; sie schlichen sich näher heran und Nasreddin sagte zu seinen Gesellen: »Geht ihr ein bißchen in den Wald und ich will zu diesem Mädchen gehn und ihr einige hübsche Geschichten erzählen; und wenn ich ihr mit dem Finger die Sonne zeige, so kommt rasch hervor und treibt die Schafe weg.«

Gesagt, getan. Als Nasreddin sah, daß die Diebe zehn Schafe weggetrieben hatten, sagte er zu der Hirtin: »Gott befohlen, Kind; ich muß zu meinen Gesellen eilen.«

Er holte sie erst in der Nähe seines Hauses ein, und seine erste Frage war: »Wie werden wir jetzt diese zehn Schafe verteilen?«

»Herr,« sagten die Diebe, »du bist der älteste von uns und der gescheiteste und der gerechteste; und wie du sie verteilst, werden wir zufrieden sein.«

»Wenn es so ist,« sagte Nasreddin, »so mag Gott helfen. Wir sind unser zehn, und Schafe sind auch zehn; ihr seid euer neun. Nehmt ihr ein Schaf, so werdet ihr euer zehn sein; ich werde die andern neun nehmen, und so werden wir auch zehn sein.«

Da sagte einer von den Dieben: »Du Kerl von einem Hodscha, das ist nicht gerecht.« »Wenn es euch nicht recht ist,« antwortete Nasreddin, »so verklagt mich beim Kadi; ich werde ihm den ganzen Hergang erzählen, und er soll nach dem kaiserlichen Gesetze und dem göttlichen Rechte erkennen.«

468.

Einmal machte der Hodscha Nasreddin im Monat Ramasan in einem Dorfe den Vorbeter; als der Ramasan zu Ende war, zahlten ihn die Bauern gut und er kehrte nach Hause zurück. Unterwegs begegnete er einem Räuber zu Pferde und der sagte zu ihm: »Eh, Hodscha, du hast viel Geld zusammengebracht. Teil es mit mir; für dich ist es zu viel.«

Nasreddin begann ihn zu bitten, er möge ihn ruhig ziehen lassen, aber es half ihm nichts. Während nun der Räuber vom Pferde stieg, bückte sich der Hodscha rasch, nahm einen Stein und wickelte ihn in sein Tuch; dann sagte er: »Wenn es denn nicht anders geht, da ist das Geld. Aber du mußt wissen, daß mir darum so leid ist, daß ich nicht imstande bin, dirs mit der eigenen Hand zu geben; ich werde es auf die Wiese dort werfen und werde weggehn, und du gehst hin und nimmst es.«

Der Räuber war einverstanden, und Nasreddin warf den eingewickelten Stein weit von sich. Voller Habgier lief der Räuber hin, ohne auf Nasreddin zu achten; der aber stieg auf das Pferd und ritt davon.

469.

Einmal wurde Nasreddin von einem, dem er zweihundert Groschen schuldig war, geklagt, weil er nichts zahlte. Als ihn der Kadi fragte, ob er ihm das Geld schuldig sei und warum er ihn nicht zahle, antwortete Nasreddin: »Es ist wahr, ich bin ihm zweihundert Groschen schuldig; aber es sind schon mehr als vier Jahre her, daß ich ihn um drei Monate Frist gebeten habe, um das Geld aufzubringen. Er hat mir die Frist nicht bewilligt; wenn er mir aber keine Frist geben will, wie soll ich das Geld zusammenbringen?«

470.

Nasreddin stand einmal um Mitternacht auf, ging vors Haus und begann zu krähen. Die Nachbarn, die das hörten, fragten ihn um den Grund, und er antwortete ihnen: »Ich habe heute viel Arbeit, und ich möchte gern, daß es früher Tag wird.«

471.

Der Hodscha wurde einmal gefragt, wie alt er sei, und er sagte: »Vierzig.« Als man ihn nach einigen Jahren wieder fragte, wie alt er sei, antwortete er wieder: »Vierzig.« Die Leute begannen zu lachen und sagten zu ihm: »Hast du uns nicht schon vor ein paar Jahren gesagt, du seist vierzig? und jetzt sagst du wieder vierzig.«

»Begreift ihr denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ein ehrlicher Mensch immer bei dem bleiben muß, was er gesagt hat? Wenn ich euch jetzt sage, daß ich einen Gott habe, wie kann ich denn dann ein paar Jahre später sagen, daß ich mehrere hätte?«

472.

Ein Bauer sagte eines Tages zu seinem Sohne, er solle heiraten. »Gut,« sagte der Sohn, »die Gelegenheit ist sowieso günstig; in unserm Dorfe ist ein Mädchen, ist eine Witwe und ist eine geschiedene Frau. Jetzt mußt du mir raten, welche ich nehmen soll.«

»Ich kann dir da nicht raten,« antwortete ihm der Vater; »aber in der Stadt habe ich einen Freund, der wird dir raten.«

Der Bursche ging in die Stadt; als er zu dem Freunde gekommen war, erzählte er ihm alles. Der jedoch antwortete ihm: »Ich kann dir auch nicht raten; aber hier in der Stadt lebt Nasreddin: such ihn auf, er wird dir raten.«

Der Bursche suchte Nasreddin überall, ohne daß ihm jemand hätte sagen können, wo er ihn finden werde, bis er auf einmal eine Schar Kinder traf, die Pferdchen spielten; er fragte eines von den Kindern, wo Nasreddin sei, und dieses antwortete: »Ich bin es.« Da der Bursche sah, daß ihm nichts andres übrig blieb, erzählte er dem Knaben alles. Und dieser sagte zu ihm: »Wenn du das Mädchen nimmst, so weißt es du; wenn du die Witwe nimmst, so weiß es sie.« Als aber der Bursche die geschiedene Frau erwähnte, da schlug ihn der Knabe mit der Peitsche über die Beine und ging wieder Pferdchen spielen.

Ärgerlich kehrte der Bursche zu dem Freunde seines Vaters zurück und sagte zu ihm: »Mein Vater hat mich nicht zu dir geschickt, damit du mich zu den Kindern schickst, sondern er hat mich zu dir geschickt, damit du mir rätst.« Und er erzählte ihm, was ihm Nasreddin gesagt hatte.

»Nun, er hat dir gut geraten,« sagte darauf der Freund; »wenn du das Mädchen nimmst, wirst du ihr befehlen, und wenn du die Witwe nimmst, so wird sie dir befehlen. Und daß er dich mit der Peitsche über die Beine geschlagen hat, damit hat er sagen wollen: Vor einer Geschiedenen lauf wie vor dem Teufel!«

473.

Der Hodscha wollte sich eines Tages rasieren lassen, kam aber an einen ungeschickten Barbier, der ihn bei jedem Striche mit dem Messer ein wenig verletzte. Nasreddin litt arge Qualen: die Tränen rannen ihm übers Gesicht und aus seinen Augen sprühten Funken. Unterdessen hörte man draußen einen Lärm, und Nasreddin fragte den Barbier, was das für ein Lärm sei.

Der Barbier schaute hinaus und sagte zu ihm: »In der Nähe ist ein Schmied und der beschlägt eben ein Pferd.«

»Ach,« antwortete Nasreddin, »ich dachte, es wird einer rasiert.«

474.

Nasreddin hatte auf dem Markte einige Sachen gekauft und nahm einen Träger, der sie ihm nach Hause tragen sollte. Unterwegs verlor er den Träger; er suchte ihn den ganzen Tag, konnte ihn aber nicht finden.

Als er nun nach zehn Tagen mit zwei Freunden über die Straße ging, kam ihnen der Träger entgegen. Kaum sah ihn Nasreddin, so lief er in eine Nebenstraße; seine Freunde liefen ihm nach und riefen ihm zu: »Warum läufst du? Hier kommt doch der Träger, dem du neulich deine Sachen übergeben hast; er muß ja vor dir laufen, und nicht du vor ihm.«

Nasreddin antwortete: »Ich laufe vor ihm weg, weil er von mir den Lohn verlangen kann, daß er meine Sachen zehn Tage lang herumgetragen hat, und das würde mehr ausmachen, als alles zusammen wert ist. Dann wäre ja die Suppe teuerer als die Schüssel.«

475.

Der Hodscha hatte einen bösen Nachbar, mit dem er Haus an Haus unter einunddemselben Dache wohnte. Da er mit ihm immer im Streite lebte, gedachte er ihms einmal heimzuzahlen; er zündete sein Haus an, damit so auch das des Nachbars verbrenne, und lief aus der Stadt, damit nicht der Verdacht auf ihn falle.

Als dann beide Häuser brannten, sammelte sich eine große Volksmenge an; aber anstatt das Feuer zu löschen, schleppten sie aus beiden Häusern fort, was jeder tragen konnte. Die Leute sagten es Nasreddin, daß sein Haus brenne, er jedoch antwortete kaltblütig: »Schade, daß ich nicht zu Hause war; ich hätte auch etwas packen können. Weil ich aber nun beim Stehlen nicht dabei sein konnte, will ich mich jetzt wenigstens etwas wärmen hingehn.«

476.

Einmal kam Nasreddin zu einem Freunde auf dem Dorfe, um bei ihm zu übernachten, und er war sehr hungrig. Der Freund war sehr arm, und an Speisen war nichts vorhanden als ein gesottener Kürbis, der gerade vom Feuer weggenommen worden war. Nasreddin sagte: »Gebt her, was da ist; ich falle vor Hunger um.«

Man legte den Kürbis auf einen Teller und setzte ihm ihn vor: Nasreddin langte zu und steckte eine Handvoll in den Mund; aber der Kürbis war so heiß, daß er ihm Zunge und Mund verbrannte, und Nasreddin mußte alles ausspucken. Nun fragte er: »Was ist das, um Gotteswillen?« und sie antworteten ihm: »Das ist Kürbis, Herr.«

Am nächsten Morgen zog Nasreddin weiter. Unterwegs sah er an einem Zaune etliche Kürbisse hängen, und fragte seinen Führer: »Was ist das?« »Kürbis, Herr,« antwortete der Führer.

Da hielt Nasreddin sein Pferd an, blies auf die Kürbisse, was er nur konnte, und sagte: »Pfui, Gott vernichte dich, du Unglückszeug!«

477.

Der Hodscha Nasreddin unterwies stets seine Schüler, wie sie sich gegen ältere Leute zu benehmen hätten, und lehrte sie unter anderm, daß sie, wenn einer niese, in die Hände klatschen und »Zum Wohlsein« sagen sollten. Die Schüler gehorchten ihm und taten immer so, wann er oder ein anderer älterer nieste.

Eines Tages fiel nun Nasreddin unglücklicherweise in einen Brunnen und begann um Hilfe zu schreien. Die Schüler kamen schnell hinzugelaufen und ließen ein Seil hinab; er packte das Seil und sie zogen ihn herauf. Schon hätten sie nur noch einen Ruck zu tun gehabt, daß der Hodscha seiner schlimmen Lage ledig gewesen wäre, da nieste er, naß und erkältet, wie er war. Sie ließen das Seil los, klatschten in die Hände und riefen, wie aus einem Munde: »Zum Wohlsein!«

Und der arme Hodscha plumpste wieder in den Brunnen hinunter.

478.

Der Hodscha wurde gefragt: »Wann wird das Gebären und Sterben aufhören?«

Er antwortete: »Wenn Paradies und Hölle voll sein werden.«

479.

Im Schreiben war der Hodscha nie recht geschickt gewesen. Er las und schrieb zwar ein wenig, aber was er wußte, hatte er nicht aus dem Buche, sondern das machte seine natürliche Begabung; und es war auch eine Zeit, wo er gar nichts geschriebenes lesen konnte, weil er es erst lernte. Gerade damals brachten ihm nun die Bauern einen Bescheid des Kadis, damit er ihnen vorlese, was drinnen stehe. Er nahm den Bescheid und betrachtete ihn lange; da er aber seine Unwissenheit vor den Bauern nicht eingestehn wollte, so sagte er: »Also seht einmal, Leute, was euch der Kadi schreibt. Diese langen Buchstaben sagen, daß ihr ihm Heu bringen sollt, und diese runden sprechen von Eiern. Da ihr demnach wißt, was der Kadi schreibt, so bringt ihm Heu und einige Hundert Eier.«

Die Bauern taten dies, und der Kadi nahm alles und schwieg.

Wieder brachten die Bauern dem Hodscha einen Bescheid des Kadis und baten ihn, ihn ihnen vorzulesen. Er nahm die Schrift und sagte zu ihnen, als er die langen und die runden Buchstaben gesehn hatte: »Bringt dem Kadi Holz und viel weiße Zwiebeln.«

Die Bauern brachten auch das, und der Kadi war zufrieden. Er nahm alles und fragte sie: »Wer hat euch denn den Bescheid vorgelesen?« Und sie sagten, daß es der Hodscha Nasreddin gewesen sei.

Der Kadi ließ den Hodscha rufen und fragte ihn: »Verstehst du denn etwas von der Schrift?«

»Nein, ehrenwerter Kadi,« antwortete der Hodscha.

»O ja,« sagte wieder der Kadi, »du verstehst dich besser darauf als ich selber, da du so schön lesen kannst.«

480.

Einmal hatte der Hodscha sein Haus ausgebessert, und es blieb ihm vor dem Hause ein Haufen Erde liegen. Als er nun von den Nachbarn gefragt wurde, wohin er diese Erde schaffen werde, antwortete er: »Nichts leichter als das; ich werde eine Grube machen und sie hineinwerfen.«

»Und was wirst du denn mit der Erde aus dieser Grube tun?«

»Ach, an eine so ferne Zukunft denke ich überhaupt nicht.«

481.

Einmal ging Nasreddin nach Skutari. In der Nähe der Stadt sah er etliche Kinder, die miteinander spielten. Er trat zu ihnen und sie sammelten sich um ihn und fragten ihn: »Wohin, Herr?«

»In die Stadt da,« antwortete Nasreddin. »Aber wißt ihr, Kinder, sagt mir, was ich auf dem Markte kaufen soll, daß ich satt werde und dabei mein Geld behalte?«

Die Kinder antworteten ihm: »Da mußt du, Herr, ins Schlachthaus gehn, und dort kaufst du Ochsengedärm: das, was drinnen ist, ißt du und dann wäschst du die Därme gut aus und verkaufst sie. So kannst du dich ordentlich satt essen und bekommst noch Geld heraus.«

Als der Hodscha hörte, was die Kinder sagten, dachte er: Wahrhaftig, mir blüht in Skutari kein Weizen; wenn schon die Kinder so sind, wie werden erst die Erwachsenen sein! Es ist besser, ich mache mich davon.

Und damit ging er.

482.

Einmal kam ein Türke zum Hodscha Nasreddin und bat ihn, ihm einen Brief zu schreiben; er wolle ihm gerne zahlen, was man gewöhnlich für einen Brief bezahle. Der Hodscha sagte: »Wem willst du den Brief schreiben lassen und wohin?«

»Meinem Sohne in Stambul,« antwortete der Türke.

Nasreddin fragte wieder: »Und welchen Preis soll ich dir für den Brief machen? ich habe nämlich drei Preise: billig, teuer und noch teuerer.«

»Du weißt, Hodscha, daß ich ein armer Mann bin; ich kann nicht viel zahlen: mach mir also den billigsten Preis, der überhaupt möglich ist.«

»Also, Freund,« antwortete Nasreddin, »der billigste ist, wenn ich dir den Brief schreibe und du ihn nach Stambul trägst und dann deinem Sohne sagst, was du ihm geschrieben hast. Den teuerern Brief, wenn ich den geschrieben habe und wenn er trocken ist, den kann ich selber nicht lesen. Am teuersten aber ist es, wenn ich den Brief schreibe und ihn selbst nach Stambul trage und ihn dort vorlese; denn meine Schrift kann außer mir niemand lesen, nicht einmal die Stambuler Gelehrten alle miteinander samt dem Scheich ul Islam.«

483.

Der Hodscha war mit dem Kadi befreundet und ging ihn öfter besuchen, um mit ihm zu plaudern. Eines Tages ritt er wieder ins Gerichtshaus; das Pferd band er vor dem Hause an und er ging zum Kadi hinein.

Während er beim Kadi saß und mit ihm sprach, wurde ein Mensch vorgeführt, und der wurde überwiesen, daß er ein falsches Zeugnis abgelegt hatte. Zu jener Zeit war für solche Verbrecher als Strafe festgesetzt, daß sie verkehrt auf einem Pferde sitzend durch die ganze Stadt geführt wurden. Da nun gerade das Pferd Nasreddins da war, wurde diese Strafe auf seinem Pferde vollzogen.

Ein paar Tage später wurde der Mensch wieder wegen eines falschen Zeugnisses ergriffen und mußte wieder zu Pferde durch die Stadt geführt werden. Und da sie bei Gericht kein Pferd zur Hand hatten, liefen sie zum Hodscha und verlangten sein Pferd.

Aber er antwortete ihnen: »Ich gebe mein Pferd nicht her; sagt lieber dem Kerl, er soll entweder dieses Handwerk aufgeben oder sich selber ein Pferd kaufen, damit er darauf reiten kann, wenn er etwas anstellt.«

484.

Der Hodscha trug einmal Getreide in die Mühle, und seine Frau hatte ihm den Sack mit dem Getreide zugebunden. Unterwegs ging der Sack auf, und er mußte ihn bis zur Mühle zehnmal neu zubinden.

Als er nach Hause zurückkam, machte er seine Frau tüchtig herunter und sagte zu ihr: »Wie hast du denn den Sack zugebunden? ich habe vielleicht zehnmal stehn bleiben müssen, um ihn zuzubinden.«

485.

Eines Tages pflanzte der Hodscha Weinreben; ein Spaßvogel, der vorüberging, grüßte ihn: »Guten Morgen, Hodscha! Bist du schon müde?«

»Gott segne dich!« antwortete der Hodscha; »ich bin noch nicht müde.«

»Was machst du denn da?«

»Weinreben pflanze ich; siehst du das nicht?«

»Aber wann wirst du von ihnen Trauben bekommen?«

»Wenn Gott das Glück gibt, in drei Jahren.«

»Ja, warum pflanzst du sie denn dann jetzt, warum nicht erst im dritten Jahre? Bist du denn verrückt?« Mit diesen Worten ging der andere weg und Nasreddin setzte sich nieder und begann zu überlegen: Es ist wahr: er ist ein gescheiter Mensch; er hat recht mit dem, was er sagt. Damit warf er den Karst über die Schulter und machte sich auf den Heimweg.

Als seine Frau sah, daß der Hodscha so rasch wieder nach Hause kam, fragte sie ihn: »Was gibts denn? warum kommst du so bald schon zurück?«

Und er erzählte ihr, wie es war, und fuhr fort: »Segen über ihn, über diesen klugen Mann! ich hätte mich meiner Seele nicht darauf besonnen, daß es eine richtige Dummheit ist, heuer Weinstöcke zu pflanzen und erst nach drei Jahren Trauben zu verkosten!«

486.

Der Hodscha war bei regnerischem Wetter über Land gewesen. Als er heimkam, zog ihm seine Frau die Schuhe aus und hängte sie zum Feuer, damit sie trocken würden; er aber stand auf und sagte: »Bist du dumm! Warum tust du die Schuhe zum Feuer, damit sie verbrennen? Trag sie lieber vors Haus in den Mondschein; es ist ja draußen wie bei Tage.«

Die Frau gehorchte ihm und hängte die Schuhe vors Haus. Als sie sie dann am Morgen hereinholte, und als er bemerkte, daß sie von der Winterkälte und dem Winde steif geworden waren, sagte er: »Siehst du jetzt, um wie viel der Mond besser trocknet als das Feuer? ich verwundere mich auch gar nicht, daß er sie getrocknet, ja sogar geradezu ausgedörrt hat!«

IX.

Griechische Überlieferungen

487.

Eines Tages nahm der Hodscha Nasreddin seinen Esel beim Zaume und zog ihn so hinter sich her. Einige Gassenjungen, die das sahen, beschlossen, den Esel zu stehlen, ohne daß der Hodscha etwas davon merkte, und einer von ihnen sagte zu seinen Kameraden: »Ich will die Sache durchführen; ihr müßt aber mit dem Esel sofort, wann ihr ihn habt, auf den Markt gehn und ihn verkaufen.« Und so liefen sie dem Hodscha nach.

Nach einem kleinen Stück Weges nahm der Knabe dem Esel den Zaum ab, legte sich ihn selber um und lief so, mit dem Zaume um den Kopf, hinter dem Hodscha her; unterdessen nahmen die andern den Esel und brachten ihn auf den Markt, um ihn zu verkaufen.