Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 6

Chapter 64,100 wordsPublic domain

Dschahan wollte einmal Matrose werden; darum ging er auf ein Schiff. Der Kapitän sprach zu ihm: »Dschahan, was kannst du leisten?« »Herr Kapitän, ich kann von unten nach oben steigen und von oben nach unten.« Da sagte der Kapitän: »Gut; klettere den Mastbaum hinauf.« »Nein, Herr Kapitän; der ist mir zu hoch. Ich kann nicht hinaufsteigen; aber ich werde dir zeigen, wie man etwas im Hinuntersteigen leistet. Laß mir einen Kessel Suppe holen.« Man brachte den Kessel, und Dschahan, der ein Vielfraß war, aß alles auf. Als der Boden des Kessels sichtbar wurde, rief er: »Seht ihrs nun? Auch das Hinuntersteigen — mit dem Löffel — ist eine Leistung.«

423.

Dschahan hatte schon öfters darüber nachgedacht, wo wohl die Schweine wüchsen, und auf welchen Bäumen. Und gar zu gern hätte er so einen mit kleinen Schweinchen behangenen Baum gesehn: vielleicht könnte er dann auch ein kleines Zweiglein erhaschen, das, in die Erde gesteckt, mit der Zeit zu einem großen Schweinchenbaum wachsen würde. Aber nie gelang es ihm, einen solchen Baum zu sehn, und darum ersann er ein andres Mittel. Er fragte einen alten Mann: »Großvater, was tut ihr mit dem geschlachteten Schweine?« »Junge, wir salzen es ein und tun das Fleisch in einen Kübel.« »Ach, dann macht ihr es also wie mit den Oleanderbäumen?« »Du Lamm, sei so gut und laß mich in Ruhe; ich muß arbeiten.« Dschahan entfernte sich und dachte: »Also, wie mit den Oleanderbäumen muß es gemacht werden, um die Schweine fortzupflanzen; ich werde mir einen solchen Schweinebaumsetzling verschaffen.«

Hierauf lief er heim, und da seine Mutter auf dem Felde arbeitete, so war er ganz ungestört: er ging in den Stall, nahm das alte fette Schwein heraus, schlachtete es, rieb es mit Salz ein, steckte es in einen alten Kübel, tat Erde darüber und stellte ihn in den Hof. Dschahans Mutter kam alsbald nach Hause; da sie das Tier vermißte, so fragte sie Dschahan nach seinem Verbleibe. Er erwiderte: »Mutter, hab keine Sorge; diesmal habe ich sicher nichts unrechtes getan. Für das eine Schwein wirst du eine Unmenge von kleinen Schweinchen erhalten. Die kannst du dann verkaufen; und einen Teil von ihnen ziehst du auf, und wir werden fürderhin keinen Mangel an Schweinefleisch haben.« Da gab sich die Mutter zufrieden und forschte nicht weiter nach.

Aber es vergingen Tage, Wochen, Monate, und das Schwein im Kübel wollte keine Schößlinge treiben. Es zeigten sich noch immer keine grünen Spitzen. Der arme Dschahan wurde immer betrübter, umsomehr als die Mutter täglich nach dem alten Schwein und den versprochenen Ferkelchen fragte. Als sie endlich die volle Wahrheit darüber wissen wollte, was mit dem alten Schweine geschehn sei, da rief Dschahan verzweifelt aus: »Das dumme Schwein will keine Schößlinge treiben.« »Was? Schößlinge treiben?« »Es will nicht keimen und keinen Schweinebaum sprossen lassen, von dem wir Ferkelchen pflücken könnten! Mein Gott, schon seit vier Monaten liegt das dumme Tier im Oleanderkübel; vielleicht war es nicht genug eingesalzen.« Da begriff die Mutter. Tobend und fluchend zerrte sie den armen Dschahan hin, wo der Kübel stand, und hieß ihn die Erde herausnehmen. Aber kaum entfernte Dschahan die oberen Erdschollen, als sich ein unausstehlicher Geruch bemerkbar machte: das Schwein war in Fäulnis übergegangen und stank wie Pestilenz. Daß der arme Dschahan diesmal mehr Prügel erhielt als gewöhnlich, brauchen wir nicht erst zu sagen.

424.

Die Mutter Dschahans hatte ein mageres Schweinchen; Dschahan aber hatte großen Appetit auf Schweinfleisch und fragte beständig: »Mutter, wann schlachten wir denn eigentlich das Tier, das Borsten hat und grunzt?« Da antwortete die Mutter immer: »Sobald ihm das Fett vom Hintern tropft.« Da aber Dschahan dies nie sah, ärgerte er sich über das faule Tier; er ging hin, kaufte Fett und bestrich das Schwein in einer Weise, daß das Fett hinten abtropfen mußte. Als er diese Arbeit verrichtet hatte, lief er hin zur Mutter und teilte ihr mit, daß das Fett anfange, hinten am Schweinchen abzutropfen. Die Mutter überzeugte sich davon und schlachtete das Tier. Dschahan fragte jetzt: »Mutter, wie wird das Fleisch nun zubereitet?« Die Mutter antwortete: »Im Acker stehen Kohlköpfe: auf jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch.« Als nun Dschahan einmal allein im Hause war, nahm er den Steintopf, in dem das Fleisch eingesalzen lag, und trug ihn hinaus auf den Krautacker. Dort steckte er in jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch und sah zu, wie die Hunde, Katzen und Feldmäuse davon fraßen. Den nächsten Tag wollte die Mutter von dem Schweinefleische kochen, konnte aber den Topf nicht finden. Als sie nun Dschahan befragte, antwortete dieser: »Ach, du hättest nur sehen sollen, wie sich die Hunde, die Katzen und die Mäuse satt gefressen haben! kein Schnittchen ist übrig geblieben; und jeder Krautkopf hat seine Fleischschnitte gehabt! Wie sie herumrasten, diese Fresser, wenn sie einander herumbissen!« Da rief die Mutter: »Also bist du wirklich ein Dschahan! Und darum müssen alle Leute sagen: ›Dumm ist Dschahan, ein Esel ist er, Verstand hat er keinen, ein Tropf ist er!‹«

425.

Dschahan fuhr einst mit seinem Gemüsekarren zur Stadt. Auf dem Wege sah er vor sich einen Herrn, der keine Anstalten machte, ihm auszuweichen. Dschahan rief etliche Male laut: »Geh aus dem Wege!«; aber der Herr rührte sich nicht, und Dschahan konnte nicht mit seinem Gefährte ausweichen, da der Weg abschüssig und schmal war. Drum warf Dschahans Karren den Herrn um, und so kam es, daß Dschahan eines Tages zum Gerichte vorgeladen wurde. Dort antwortete er nun auf keine Frage der Richter, und diese sagten zu dem Kläger: »Der Angeklagte ist ja stumm; gegen einen Stummen gehn wir nicht vor.« Doch der Ankläger entgegnete: »Das ist doch wohl eine Finte dieses boshaften Menschen, da ich ganz genau weiß, daß er sprechen kann. Er rief mir ja damals, bevor er mich überfuhr, zu: ›Geh aus dem Wege!‹ und nicht nur einmal, sondern mehrere Male.« Aber da stand der Richter auf und schrie den Kläger an: »Was suchst du uns dann auf? wir haben andere Sachen zu tun, als Leuten wie dir zu helfen! Warum bist du nicht ausgewichen, als er dich angerufen hat? Jetzt mußt du die Gerichtskosten bezahlen.« Dschahan aber ging straflos heim.

V.

Sizilianische Überlieferungen

426.

Es wird erzählt, daß einmal eine Mutter war, die einen Sohn hatte, Giufà mit Namen, und sie war sehr arm; dieser Giufà war ein Tölpel und ein fauler Lümmel und ein Schelm. Seine Mutter hatte etwas Leinwand und da sagte sie zu Giufà: »Wir nehmen etwas Leinwand, und du gehst sie in einem weit entfernten Dorfe verkaufen; sie darf aber nur an Leute verkauft werden, die wenig reden.« Giufà warf sich die Leinwand über die Schulter und ging sie verkaufen.

In einem Dorfe angelangt, begann er zu schreien: »Wer will die Leinwand?« Die Leute riefen ihn und fingen viel zu reden an; der eine meinte, sie sei zu grob, der andere, zu teuer. Giufà meinte, sie redeten zu viel, und wollte sie ihnen nicht geben. Wie er nun dahin und dorthin ging, kam er in einen Hof; dort war kein Mensch, aber eine gipserne Statue sah er, und zu der sagte er: »Wollt Ihr die Leinwand kaufen?« Die Statue sagte kein Wort, und so sah er, daß sie wenig redete. »Da muß ich die Leinwand also Euch verkaufen, weil Ihr wenig redet.« Er nahm die Leinwand und hängte ihr sie um: »Morgen komme ich dann um das Geld.« Und damit ging er.

Als es tagte, ging er um das Geld; die Leinwand war nicht mehr da, und er sagte: »Gib mir das Geld für die Leinwand.« Die Statue antwortete nichts. »Da du mir das Geld nicht geben willst, werde ich dir zeigen, wer ich bin.« Er holte sich ein Beil und schlug auf die Statue los, bis sie zusammenstürzte; und in ihrem Bauche fand er einen Krug voll Geld. Er steckte das Geld in den Sack und ging heim zu seiner Mutter; angekommen, sagte er zu ihr: »Ich habe die Leinwand einem verkauft, der nichts redete, und am Abende hat er mir kein Geld gegeben; da bin ich am Morgen mit einem Beile hingegangen und habe ihn erschlagen und zur Erde geworfen, und da hat er mir dieses Geld gegeben.« Die Mutter, die eine kluge Frau war, sagte zu ihm: »Sag niemand etwas; das Geld wollen wir langsam verzehren.«

427.

Ein andermal sagte die Mutter zu ihm: »Giufà, ich habe da ein Stück Leinwand, das muß ich färben lassen; geh damit zum Färber und laß es ihm dort, er soll es dunkelgrün färben.« Giufà warf die Leinwand über die Schulter und ging. Unterwegs sah er eine schöne, große Eidechse; da er sah, daß sie grün war, sagte er: »Meine Mutter schickt mich und sie will diese Leinwand gefärbt haben.« Und dabei legte er sie nieder. »Morgen komme ich sie holen.«

Als er heimkam und seine Mutter die Geschichte hörte, begann sie sich die Haare auszuraufen und zu jammern: »Du elender Kerl! was für einen Schaden machst du mir! Lauf, und schau, ob sie noch dort ist!« Giufà ging zurück, aber die Leinwand war verschwunden.

428.

Man erzählt, daß Giufà eines Morgens Kräuter sammeln gegangen ist, und dabei hat ihn die Nacht im Freien überrascht; wie er so dahinschritt, war da der Mond, und der war umwölkt und kam zum Vorschein und verschwand wieder. Giufà setzte sich auf einen Felsen und schaute zu, wie der Mond kam und ging; und wann er kam, sagte er: »Komm! komm!« und wann er ging: »Geh! geh!« Und er hörte nicht auf, zu sagen: »Komm! komm! Geh! geh!«

Nun waren unten am Wege zwei Diebe, die ein Kalb häuteten, das sie gestohlen hatten. Da die sagen hörten: »Komm! Geh!«, befiel sie die Angst, daß die Häscher kämen; sie nahmen Reißaus und ließen das Fleisch liegen. Als Giufà die zwei Diebe laufen sah, ging er nachsehn, was es gebe, und da fand er das gehäutete Kalb; er nahm das Messer, schnitt tüchtig Fleisch herunter, füllte damit seinen Sack und ging. Zu Hause angekommen, sagte er: »Mutter, macht auf!« Seine Mutter sagte zu ihm: »Warum kommst du so spät in der Nacht?« »Ich bin in der Nacht gekommen, weil ich Fleisch gebracht habe, und das müßt Ihr morgen alles verkaufen; das Geld wird mir trefflich zustatten kommen.« Seine Mutter sagte zu ihm: »Morgen gehst du wieder hinaus, und ich verkaufe das Fleisch.« Als es Tag geworden war, ging Giufà hinaus, und seine Mutter verkaufte das ganze Fleisch.

Am Abende kam Giufà und sagte zu ihr: »Mutter, habt Ihr das Fleisch verkauft?« »Ja, ich habe es den Fliegen auf Kredit verkauft.« »Und wann sollen sie Euch das Geld geben?« »Wann sie es haben.« Es vergingen acht Tage und die Fliegen brachten kein Geld; da machte sich Giufà auf und ging zum Richter und sagte zu ihm: »Herr Richter, ich will Gerechtigkeit haben; ich habe das Fleisch den Fliegen auf Kredit verkauft, und sie sind mich nicht bezahlen gekommen.« Der Richter sagte zu ihm: »Ich gebe dir den Spruch, daß du jede, die du nur siehst, töten darfst.« Just in diesem Augenblicke setzte sich eine Fliege auf des Richters Kopf; Giufà schlug mit der Faust auf sie los und zertrümmerte dem Richter den Schädel.

429.

Von der Arbeit wollte Giufà nichts wissen, aber essen, trinken und nichtstun gefiel ihm. Er aß, und dann ging er weg und trieb sich hier und dort herum. Seine Mutter war darüber ärgerlich, und immer sagte sie zu ihm: »Giufà, was für ein Lebenswandel ist das? Du machst ja keine Anstalt, ein Handwerk zu ergreifen: du ißt, du lebst, und was aus dir wird, das ist die Frage.... Jetzt dulde ich das aber nicht mehr: entweder du gehst dir dein Brot verdienen, oder ich werfe dich auf die Straße.«

Nun ging Giufà einmal in die Cassarustraße[9], um sich Kleider zu verschaffen. Bei dem einen Händler nahm er das eine, das andere bei dem andern, bis er ganz neu gekleidet war, sogar auch mit einer schönen roten Mütze — damals gingen alle mit Mützen; jetzt geht der schäbigste Handwerker mit einem Seidenhut oder wenigstens mit einem Filzhut. Aber Giufà bezahlte die Sachen nicht, weil er kein Geld hatte; er sagte: »Borg mir; dieser Tage komme ich zahlen.« Und so sagte er allen Händlern.

Als er sich ordentlich herausstaffiert hatte, sagte er: »Nun also, jetzt wären wir so weit; jetzt kann meine Mutter nicht mehr sagen, ich sei ein Taugenichts! Aber wie soll ich es mit der Bezahlung der Händler machen? .... Ich werde mich tot stellen, und wir werden sehn, wie es ausgeht ...« Er warf sich aufs Bett: »Ich sterbe! ich sterbe! .... Ich bin gestorben!« Und er kreuzte die Hände und streckte die Beine. »Sohn, Sohn! was für ein Unglück!« Seine Mutter raufte sich vor Schmerz die Haare aus. »Wie ist denn das Unglück geschehn? O mein Sohn!« Als die Leute diesen Lärm hörten, liefen sie herbei, und alle bemitleideten die arme Mutter. Die Kunde verbreitete sich, und die Kaufleute kamen nachsehn, und die sagten, als sie ihn tot sahen: »Armer Giufà! Er war mir — sagen wir — sechs Tari schuldig, weil ich ihm ein Paar Schuhe verkauft habe .... Aber ich schenke sie ihm!« Und alle gingen und schenkten ihm ihre Guthaben, so daß Giufà aller seiner Schulden ledig war. Der von der roten Mütze jedoch hatte, ich weiß nicht, was für einen Ärger; er sagte: »Ich aber lasse ihm die Mütze nicht.« Er ging hin und fand die Mütze nagelneu auf seinem Kopfe. Und was hat er getan? Am Abende, als die Leichenknechte Giufà nahmen und ihn in die Kirche trugen, um ihn dann zu begraben, ging er hinterdrein und ging, ohne von jemand bemerkt zu werden, in die Kirche. Nach einer Weile, es mochte so gegen Mitternacht gewesen sein, schlichen etliche Diebe in die Kirche; sie kamen, um einen Sack Geld zu teilen, den sie gestohlen hatten. Giufà rührte sich nicht von seiner Bahre, und der von der Mütze verbarg sich hinter einer Tür und wagte kaum zu atmen. Die Diebe leerten das Geld auf einen Tisch, so daß er ganz voll wurde von Gold und Silber — denn zu jener Zeit lief das Silber wie das Wasser — und machten so viel Häufchen, wie sie Leute waren. Ein Dutzend Tari blieb über, und nun wußten sie nicht, wer es sich nehmen sollte. »Um einen Streit zu vermeiden,« sagte einer, »wollen wir es so machen: da ist ein Toter, und auf den wollen wir schießen, und wer ihn auf den Mund trifft, soll die zwölf Tari haben.« Alle billigten diesen Vorschlag: »Sehr gut! sehr gut!«; und schon hatten sie sich vorbereitet, um auf Giufà zu schießen. Als das Giufà sah, erhob er sich auf der Bahre und stieß ein Gebrüll aus: »Auf, ihr Toten, allesamt!« Was brauchte es bei den Dieben mehr? Sie ließen alles im Stich, und hilf mir, heiliger Reißaus, sie laufen noch immer. Als sich Giufà allein sah, stand er auf und eilte, um sich der Häufchen zu bemächtigen. Da kam aber auch schon der von der Mütze hervor, der sich, ohne sich zu mucksen, verkrochen gehabt hatte, und lief zu dem Tische hin, um das Geld zu packen. Genug: auf jeden kam die Hälfte und sie teilten das Geld. Ein Fünfgranistück blieb übrig; Giufà rief: »Das nehme ich mir!« »Nein, der Fünfer gehört mir.« »Mir gehört er.« »Pack dich, das ist nichts für dich; die fünf Grani sind mein.« Giufà erwischte eine Stange und stellte sich, um sie dem von der Mütze um den Schädel zu schlagen; er sagte: »Her mit den fünf Grani! die fünf Grani will ich!« In diesem Augenblicke kamen die Räuber zurück, um zu sehn, was die Toten machten; denn es däuchte sie allzu schmerzlich, das ganze Geld einzubüßen. Sie stellten sich hinter die Kirchentür, und da hörten sie diesen Wortwechsel und mächtigen Lärm wegen der fünf Grani. Sie sagten: »Dummköpfe! fünf Grani kommen auf einen, und dazu reicht das Geld nicht aus. Wer weiß, wie viel Tote aus dem Grabe gekommen sind!« Damit nahmen sie die Beine in die Hand und entflohen.

Giufà nahm die fünf Grani, lud sich seinen Geldsack auf und ging nach Hause.

430.

Giufà hörte einmal am Morgen, als es dämmerte und er im Bette lag, die Pfeife blasen, und da fragte er seine Mutter: »Mutter, wer ist denn der, der vorbeigeht?« Seine Mutter sagte zu ihm: »Das ist der Morgensänger.« Dieser Morgensänger kam allmorgendlich vorbei. Eines Morgens stand nun Giufà auf und ging und tötete den Morgensänger, der ein Mann war, der die Pfeife blies; dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Mutter, den Morgensänger habe ich getötet.« Seine Mutter, die begriff, daß er den Mann getötet hatte, der die Pfeife geblasen hatte, nahm den Toten, trug ihn ins Haus und warf ihn in den Brunnen, der gerade ohne Wasser war.

Als Giufà den Mann tötete, war er von einem beobachtet worden, und der ging hin und erzählte es dessen Verwandten; alsbald machten sich die auf und führten bei Gericht Klage, daß Giufà den Morgensänger getötet habe.

Der Mutter Giufàs, die klug war, fiel es ein, daß sie einen Hammel hatte; den tötete sie und warf ihn in den Brunnen. Das Gericht kam zu Giufà, um den Totschlag zu bewähren, und die Verwandten des Toten kamen allesamt mit. Der Richter sagte zu Giufà: »Wohin hast du den Toten gebracht?« Giufà antwortete in seiner Dummheit: »In den Brunnen habe ich ihn geworfen.« Sie banden Giufà an einen Strick und ließen ihn in den Brunnen hinab; auf dem Boden angekommen, machte er sich ans Suchen. Er stieß und tappte auf Wolle, und da sagte er zu den Söhnen des Toten: »Hatte dein Vater Wolle?« »Mein Vater hatte keine Wolle.« »Der da hat Wolle; es ist dein Vater nicht.« Dann traf er auf den Schwanz: »Hatte dein Vater einen Schwanz?« »Mein Vater hatte keinen Schwanz.« »Dann ist das nicht dein Vater.« Dann fand er, daß der im Brunnen vier Füße hatte, und sagte: »Wie viel Füße hatte dein Vater?« »Mein Vater hatte zwei Füße.« Giufà antwortete: »Der da hat vier Füße; er ist dein Vater nicht.« Dann tastete er an den Kopf: »Hatte dein Vater Hörner?« Die Söhne antworteten: »Mein Vater hatte keine Hörner.« Giufà antwortete: »Der da hat Hörner; er ist dein Vater nicht.« Der Richter antwortete: »Giufà, ob mit den Hörnern, ob mit der Wolle, bring ihn herauf.« Sie zogen Giufà herauf und er hatte den Hammel auf der Schulter; das Gericht sah, daß es wirklich ein Hammel war, und sprach Giufà frei.

431.

Die Mutter Giufàs hatte ein kleines Mädchen, und das hütete sie wie ihren Augapfel. Als sie nun eines Tages zur Messe gehn mußte, sagte sie zu ihrem Sohne: »Giufà, schau, ich gehe zur Messe: die Kleine schläft; koch ihr den Griesbrei und gib ihn ihr zu essen.« Giufà kochte einen großen Topf Griesbrei, und als der gekocht war, nahm er einen großen Löffel voll und stopfte ihn der Kleinen in den Mund. Das Kind fing mächtig zu schreien an, weil es sich arg verbrannt hatte, und nach zwei Tagen starb es, da der Mund brandig wurde. Die Mutter wußte sich keinen Rat mehr mit diesem Sohne; sie nahm einen Stock und verprügelte ihn tüchtig.

432.

Da Giufà ein halber Tölpel war, tat ihm niemand etwas zuliebe, wie ihn einzuladen oder ihm einen Bissen zukommen zu lassen. Einmal kam er in ein Pächterhaus, wo er etwas zu erhalten hoffte. Aber als ihn die Pächtersleute so zerlumpt sahen, so fehlte wenig und sie hätten die Hunde auf ihn gehetzt; und sie behandelten ihn so, daß er mehr krumm als gerade von dannen ging. Seine Mutter begriff die Sache und besorgte ihm schöne Hosen, ein Paar Strümpfe und eine Samtweste. Nun ging Giufà als Bauer gekleidet in dasselbe Pächterhaus; da hättet ihr Ehrenbezeigungen sehn können! Sie luden ihn zu Tische und überhäuften ihn alle mit Aufmerksamkeiten. Obwohl aber Giufà sonst nicht bis fünf zählen konnte, war er doch schlau genug, sich mit einer Hand den Wanst zu füllen und mit der andern das, was übrig blieb, in die Taschen zu stecken; und sooft er etwas einsteckte, sagte er: »Eßt nur, meine lieben Kleider; ihr seid es ja, die eingeladen worden sind.«

433.

Es war einmal ein gewisser Giufà; zu dem sagte seine Mutter, als sie zur Messe ging: »Giufà, schau, ich gehe jetzt zur Messe: schau, da ist die Henne, die muß die Eier ausbrüten; nimm sie, füttere sie mit dem Mansch und setze sie dann wieder auf die Eier, damit sie nicht kalt werden.« Giufà bereitete also den Mansch aus Brot und Wein, nahm die Henne und fütterte sie, und fütterte sie auf die Weise, daß er ihr den Mansch mit dem Finger hineinstopfte; und dabei erstickte er sie und sie verendete. Als er sah, daß es mit ihr aus war, sagte er: »Wie soll ich es denn nun anstellen, daß die Eier nicht kalt werden? jetzt setze ich mich selber drauf.« Er zog sich Hosen und Hemd aus und setzte sich auf die Eier. Als dann seine Mutter heimkam, rief sie: »Giufà! Giufà!« Giufà antwortete: »Gluck, gluck, ich kann nicht kommen; ich bin jetzt die Henne und sitze auf den Eiern.« Seine Mutter schrie: »Du Nichtsnutz, du Nichtsnutz! du hast mir ja alle Eier zerdrückt.« Giufà stand auf, und die Eier waren ein Brei.

434.

Es war einmal ein großer Herr, und der hatte einen seltsamen Einfall. Er sagte zur Winterszeit zu einem armen Teufel: »Wenn du dich getraust, es eine Nacht lang, so wie du aus dem Leibe deiner Mutter gekommen bist, am Ufer des Meeres auszuhalten, so gebe ich dir, wenn du am Morgen noch lebst, hundert Unzen; bist du am Morgen tot, so hast du die Wette verloren.« Dieserhalb wurden Wachen aufgestellt: »Gebt acht auf den da!«

In der Nacht fuhr nun ein Schiff vorüber. Der arme Wicht, der am Strande war, streckte die Hände aus, als ob er sich hätte an dem Lichte des Schiffes wärmen wollen. Der Morgen brach an, und die Wächter meldeten dem Herrn: »Herr, er hat die ganze Nacht nackt verbracht; um Mitternacht aber kam in einer Entfernung von hundert Meilen im Meere ein Schiff mit dem Lichte vorbei, und daran hat er sich gewärmt.« Da sagte der Herr zu dem, mit dem er gewettet hatte: »Ihr habt verloren; Ihr habt Euch gewärmt, und damit habt Ihr die Wette verloren.«

Der, der die Wette verloren hatte, ging zu Giucà. Giucà sagte: »Warum weinst du denn?« Er antwortete: »Heute Nacht bin ich demunddem auf seinen seltsamen Einfall eingegangen; und weil ich, als ein Schiff vorübergefahren ist, mit den Händen so gemacht habe, sagte er, ich hätte mich gewärmt. Wie wäre das möglich? ... Und jetzt habe ich die Wette verloren.« Giucà antwortete: »Hab keine Angst; bin ja ich da! Aber sag mir, teilen wir das Geld, wenn ich dir den Sieg verschaffe?« »Ja.« Nun versah sich Giucà mit einem Sack Kohlen und einem Hammel und zündete die Kohlen an dem einen Ende von Trapani bei den Kapuzinern an; dann nahm er einen Rost und stellte ihn in der Richtung über das Kloster bei der Loggia auf. Er nahm den Hammel und legte ihn auf den Rost, und das Feuer hatte er bei den Kapuzinern; und also begann er den Hammel ohne Feuer zu braten. Alle Leute, die dieses törichte Treiben sahen, den Hammel bei der Loggia und das Feuer bei den Kapuzinern, fragten ihn, was er tue; und Giucà sagte zu ihnen: »Ich brate diesen Hammel.«

Da kam auf einmal auch der von der Wette vorbei, und der sagte: »Was tust du, Giucà?« »Ich brate diesen Hammel.« »Ja wo ist denn das Feuer?« »Bei den Kapuzinern.« »Was soll das heißen? wie dumm!« »Verrückt freilich und dumm,« sagte Giucà; »wie hat sich aber dann der da an dem Lichte des Schiffes wärmen können, das doch hundert Meilen entfernt war? Wie man den Hammel hier nicht braten kann, so hat sich auch der da dort nicht wärmen können.«

Und nun erzählte Giucà den Leuten die ganze Geschichte, und der Herr mußte die Wette bezahlen.

VI.

Kalabrische Überlieferungen

435.

Es war also einmal ein gewisser Hiohà. Der Vater und die Mutter wollten ihm gut: sie hielten ihn für etwas ganz besonders; aber Hiohà war ein Dummkopf. Was hat er nicht alles getan, dieser Hiohà!

Einmal schickten ihn der Vater und die Mutter, die sehr arm waren, Kutteln waschen. »Gib acht,« sagte die Mutter, als er wegging, »gib acht, daß du sie dort wäschst, wo viel Wasser ist.«

Nun begann Hiohà zu wandern. Er wanderte und wanderte, sah einen Bach und machte nicht halt. Er wanderte und wanderte, sah einen Fluß und machte noch immer nicht halt. Erratet ihr, wo er halt gemacht hat? Er ist bis ans Meer gegangen. Dort begann er die Kutteln zu waschen und abzureiben. Nachdem er sie eine Stunde abgerieben und gewaschen hatte, wußte er nicht, ob sie gut gewaschen seien.